Fear Street 6 - Ausgelöscht - R.L. Stine - ebook

Fear Street 6 - Ausgelöscht ebook

R.L. Stine

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Opis

Wie ausgelöscht ist Marthas Erinnerung an den kalten Novembertag vor einem Jahr. Etwas Schreckliches muss damals passiert sein. Denn seit diesem Tag hat sich alles geändert. Ihre Freunde haben sich von ihr zurückgezogen. Und Martha zeichnet wieder und wieder das Gesicht eines Jungen – eines toten Jungen ...Der Horror-Klassiker endlich auch als eBook! Mit dem Grauen in der Fear Street sorgt Bestsellerautor R. L. Stine für ordentlich Gänsehaut und bietet reichlich Grusel-Spaß für Leser ab 12 Jahren.  Ab 2021 zeigt Neflix den Klassiker Fear Street als Horrorfilm-Reihe!

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Prolog

In meinem Traum habe ich eine silberne Linie gezeichnet.

Mein Skizzenblock war gegen eine weiße Wand gelehnt. Und als ich auf das Papier starrte, begann meine Hand, sich langsam und gleichmäßig zu bewegen. Die Linie, die ich zog, verlief quer über die ganze Seite.

Glänzendes, kaltes Silber.

Ich zeichnete eine weitere – und anschließend einen Kreis.

Dann riss ich das Blatt vom Skizzenblock, fuhr mit der Hand glättend über die Seite darunter und begann, die nächste silberne Linie zu ziehen.

Im Traum überlief mich ein Frösteln, als ich sah, wie sie sich über das Blatt spannte.

Mir wurde auf einmal schrecklich kalt.

Silber ist eine kalte Farbe.

Kalt wie Metall und grau wie der Winter.

Ich erinnere mich, dass ich dachte: „Was für ein verrückter Traum!“

Mir war bewusst, dass ich träumte, denn in Wirklichkeit hätte ich niemals mit einem so schimmernden Silber malen können.

Ich zeichnete einen weiteren Strich, dünn und gerade. Er schien das Blatt zu durchschneiden – und plötzlich drang Farbe daraus hervor.

Rote Farbe.

Ein dunkles Rot tropfte aus der Linie und verteilte sich feucht glänzend über das Blatt.

Das Papier schien zu bluten!

Ein Gefühl der Panik stieg in mir auf und wurde immer stärker. Und dann wachte ich schreiend auf.

Schweißbedeckt und mit hämmerndem Herzschlag fuhr ich hoch.

Warum hatte ich geschrien?

Es war doch nur ein Traum gewesen.

Ein harmloser Traum von einer silbernen Linie und roter Farbe.

Doch dahinter schien eine tödliche Bedrohung zu lauern.

Ein schreckliches Geheimnis.

1

Bei dem Unfall erlitt ich einen schweren Schock und verlor einen Teil meines Gedächtnisses.

Ein Stück meiner Vergangenheit war plötzlich verschwunden, und die Erinnerung hatte sich bis jetzt nicht wieder eingestellt.

An die Woche, in der es passierte, kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, und auch die Zeit unmittelbar danach scheint in dunklen Nebel gehüllt zu sein. Es ist, als würde man ein schwaches Spiegelbild im trüben Wasser eines tiefen Teichs betrachten.

Jedes Mal, wenn ich versuche, genauer hinzuschauen, scheint sich das Wasser zu kräuseln, sodass ich die Gesichter der dunklen, verschwommenen Figuren nicht genau erkennen kann.

Was ist in dieser Woche geschehen? An diesem Tag?

Warum kann ich mich nicht an den Unfall erinnern?

Dr Sayles versucht, mich zu beruhigen. Er sagt, dass die Erinnerung irgendwann zurückkommen werde. Eines Tages würden die Ereignisse dieser Woche wieder klar und deutlich vor meinem geistigen Auge stehen.

Ständig rät er mir, nichts zu überstürzen. Manchmal habe ich fast das Gefühl, er möchte gar nicht, dass ich mein Gedächtnis wiederfinde.

Vielleicht ist die Erinnerung zu schrecklich, und vielleicht würde ich es gar nicht ertragen, wenn ich die Wahrheit wüsste.

Mag sein, dass ich so besser dran bin. Vielleicht sollte ich sogar dankbar sein für diese Gedächtnislücke.

Dr Sayles meint, ich solle einfach wieder ein ganz normales Leben führen. Und das versuche ich auch.

Aber meine Freunde haben sich verändert.

Manchmal ertappe ich Justine dabei, wie sie mich anstarrt – die hellblauen Augen nachdenklich zusammengekniffen. Als würde sie mich einer Prüfung unterziehen und versuchen, einen Blick in mein Gehirn zu werfen.

Adriana redet mir ständig gut zu, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen.

„Bleib ganz locker, Martha. Das wird schon wieder!“ Als ob ich krank wäre oder irgendwie behindert.

Justine und Adriana scheinen schrecklich besorgt um mich zu sein und tauschen hinter meinem Rücken Blicke, die ich nicht bemerken soll. Ich werde das Gefühl nicht los, dass mich die beiden beobachten. Dass sie auf irgendetwas warten.

Aber worauf?

Dass ich plötzlich ausraste und mich aufführe wie eine Verrückte? Mir die Seele aus dem Leib schreie oder mich auf jemanden stürze?

Seit dem Unfall im letzten Herbst gehen mir oft merkwürdige Gedanken im Kopf herum.

Ich kann überhaupt nichts dagegen tun.

Zum Glück meint Dr Sayles, das sei völlig normal.

Übrigens – darf ich mich vorstellen? Martha Powell. Völlig normal. Wenigstens sehe ich so aus. Ich bin weder besonders groß noch besonders klein und habe eine durchschnittliche Figur. Genau wie die meisten anderen Mädchen im ersten Jahr auf der Highschool.

Wahrscheinlich wirke ich ein bisschen wie das nette Mädchen von nebenan. Auf jeden Fall eher wie Gwyneth Paltrow als wie irgendein gestylter Rockstar.

Ich habe sehr glatte, halblange blonde Haare, und meine Wangen sind übersät mit hellbraunen Sommersprossen, durch die ich jünger wirke, als ich bin. Aber das Schönste an meinem Gesicht sind die großen, grünen Augen.

Man hat mir früher öfter gesagt, ich hätte ein nettes Lächeln. In letzter Zeit hat sich das allerdings kaum noch gezeigt.

Trotz meiner verrückten Gedanken und meiner Gedächtnislücken wirke ich wahrscheinlich ganz normal.

Ich bin vielleicht nicht so schön wie Adriana, die ein dunkler, exotischer Typ ist. Und ich hätte für mein Leben gern Justines rote Mähne, ihre vollen Lippen und ihre großen, hellblauen Augen.

Aber ich sehe auch ganz gut aus.

Wenigstens findet Aaron das.

Der gute, alte Aaron. Er war in den letzten Monaten so um mich besorgt und hat sich rührend um mich gekümmert.

Ich wüsste wirklich nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte. Ich bin immer wieder froh, dass wir schon so lange zusammen sind.

Justine erinnert mich beinahe täglich daran, was ich für ein Glück habe. Obwohl sie eine meiner besten Freundinnen ist, gibt sie sich keine besondere Mühe, ihre Eifersucht zu verbergen.

„Aaron ist einfach umwerfend!“, hat sie erst vor ein paar Tagen in den höchsten Tönen geschwärmt. „Sieh dir doch bloß mal diesen Körper an!“

„Justine, jetzt reicht’s aber!“, stöhnte ich genervt.

Wir saßen auf der Tribüne in der Sporthalle der Shadyside Highschool und sahen uns einen Ringkampf gegen Waynesbridge an. Aaron ist kein richtiger Profiringer. Er ist zwar groß und athletisch gebaut, aber er trainiert nicht so viel, wie er eigentlich sollte.

Sein Gegner war klein, schwer und ziemlich behaart. Irgendwie hatte er eine Menge Ähnlichkeit mit einem Bären. Gerade hatte er Aaron auf die Matte gelegt und hielt ihn mit festem Griff am Boden.

Aarons Gesicht lief hochrot an – er wirkte in dieser Lage nicht besonders glücklich.

Aufgeregt raufte sich Justine mit beiden Händen ihre dichten, roten Haare. Ihr Gesicht wirkte so angespannt, als würde sie dort unten gemeinsam mit Aaron kämpfen.

Dem war es jetzt doch noch gelungen, sich aus dem Schwitzkasten seines Gegners zu befreien. Mit einer schnellen Bewegung riss er den behaarten Kerl zu Boden. Beide hatten rote Gesichter und gaben vor Anstrengung grunzende Laute von sich. Aaron schaffte es, sein Gegenüber mit beiden Schultern auf die Matte zu drücken. Dann sprang er triumphierend auf die Füße.

„Wow!“, schrie Justine und klatschte wie wild. „Wow! Gut gemacht, Aaron!“

Aaron stand keuchend da. Sogar von der Tribüne aus konnte man sehen, dass ihm der Schweiß in Strömen über die Stirn lief und sein braunes Haar verklebte.

Nach ein paar Sekunden reichte er seinem Gegner die Hand und zog ihn von der Matte hoch. Dann hob er den Kopf und warf mir ein Lächeln zu.

Jedenfalls dachte ich, er hätte mich angelächelt.

Aber Justine winkte ihm so strahlend zu, als hätte er sie damit gemeint.

Na ja, wenigstens geht sie mit ihrer Schwäche für Aaron offen um und versucht gar nicht erst zu verbergen, wie sehr er ihr gefällt.

Obwohl er mein Freund ist, flirtet sie bei jeder Gelegenheit mit ihm. Aaron lässt sich manchmal auf das Spielchen ein. Ihr wisst schon – er albert mit ihr herum und so.

Aber ich glaube nicht, dass er ihre Schwärmerei besonders ernst nimmt.

Wie ich schon sagte, er hat tatsächlich die ganze Zeit, in der es mir so schlecht ging, zu mir gehalten und sich einfach wunderbar benommen. Genau wie meine anderen guten Freunde auch.

Wenn sie bloß nicht ständig auf Zehenspitzen um mich herumschleichen und jedes Wort auf die Goldwaage legen würden!

Ich weiß genau, welcher Gedanke ihnen ständig im Kopf herumgeht, wenn sie mit mir zusammen sind.

Sie fragen sich ununterbrochen, ob ich mein Gedächtnis schon wiedergefunden habe.

Aber sie trauen sich nicht, es offen auszusprechen.

Keiner von ihnen will über diese Woche im letzten November reden. Oder über den Unfall. Zumindest meiden sie das Thema, wenn ich dabei bin.

Wer weiß, vielleicht möchten sie ja auch lieber alles vergessen.

Vielleicht glauben meine Freunde, ich wäre besser dran als sie, weil sie selbst gerne ihre Erinnerungen los wären.

Ich finde allerdings nicht, dass ich es leichter habe. All die Fragen, auf die ich keine Antwort finde, machen mich noch ganz verrückt.

Was ist damals Schreckliches geschehen?

Und warum habe ausgerechnet ich einen Schock bekommen?

2

Als ich mich an Aarons Schulter schmiegte, stieg mir der Duft seines Aftershaves in die Nase – kühl und herb. Ich mochte diesen Geruch sehr.

Dabei hatte ich ihn ausgelacht, als er das Zeug das erste Mal benutzt hatte. Er rasierte sich nämlich nur zweimal die Woche, klatschte sich aber jeden Tag Aftershave ins Gesicht.

Doch nach einer Weile begann es mir zu gefallen.

Ich hob meinen Kopf und küsste ihn.

Aaron und ich saßen auf der grünen Ledercouch im Wohnzimmer seiner Eltern und nutzten die günstige Gelegenheit. Sein kleiner Bruder Jake war nämlich gerade mit einem neuen Computerspiel beschäftigt. Wenn er uns beim Knutschen erwischte, würde er wahrscheinlich wieder das ganze Haus zusammenschreien. Er ist ein echter Satansbraten.

Im Fernsehen lief einer dieser Lethal Weapon-Filme. Ich stehe total auf Mel Gibson und finde, dass Aaron ihm ein bisschen ähnlich sieht. Jedenfalls hat er das gleiche wellige, braune Haar und genauso strahlende, blaue Augen.

Aber wir achteten nicht besonders auf den Film, weil Aaron die Arme um mich gelegt hatte und wir uns leidenschaftlich küssten, bevor Jake das nächste Mal hereinplatzen konnte.

Als ich nach einer Weile wieder zum Bildschirm blickte, fiel mir eine dunkelhaarige Schauspielerin auf, die große Ähnlichkeit mit Adriana hatte.

„Irgendwas stimmt nicht mit Adriana“, vertraute ich Aaron an.

Aber der knurrte nur unwillig und zog mich wieder an sich.

Im nächsten Moment hörte ich Schritte hinter uns.

„Jake – bist du das?“, rief Aaron und blickte über die Schulter zur Wohnzimmertür.

Aus dem Flur ertönte lautes Gekicher. Jake ist ein echter Witzbold.

„Hau ab!“, befahl ihm Aaron.

„Fang mich doch!“, antwortete Jake provozierend.

„Okay. Na warte!“ Aaron sprang von der Couch auf und stürmte zur Tür. Wieder ertönte das nervtötende Kichern. Und dann hörte ich Jakes schnelle Schritte, als er davonrannte.

„Aaron hat Martha geküsst! Aaron hat Martha geküsst!“, rief er dabei in einem monotonen Singsang.

Kopfschüttelnd ließ Aaron sich wieder neben mir auf die Couch fallen. Im Fernsehen sprengte gerade eine gewaltige Explosion ein Gebäude in die Luft.

Aaron griff sich eine Handvoll Chips aus der Schüssel, die auf dem Tischchen neben dem Sofa stand. Dann reichte er sie mir, aber ich winkte ab.

„Adriana ist so dünn geworden“, nahm ich den Faden wieder auf. „Ich mache mir wirklich Sorgen um sie.“

„Ja. Ist mir auch schon aufgefallen“, antwortete Aaron mit vollem Mund.

Ich seufzte. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Unfall ihr mehr zu schaffen macht als euch anderen.“

Aaron kaute vor sich hin und hielt den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet. Er mochte es überhaupt nicht, wenn ich den Unfall zur Sprache brachte.

„Sie hat furchtbar viel Gewicht verloren“, begann ich wieder. „Und sind dir schon mal die dunklen Ringe unter ihren Augen aufgefallen?“

„Die hatte sie schon immer“, versetzte Aaron kurz angebunden und griff wieder nach den Chips.

„Stimmt doch gar nicht“, widersprach ich. „Immerhin ist sie zum Arzt gegangen, weil sie nachts nicht mehr schlafen kann.“

„Wahrscheinlich hat sie sich zu viel auf Partys rumgetrieben“, witzelte Aaron.

Ich versetzte ihm einen Stoß gegen die Schulter. „Blödmann!“

Er zuckte nur mit den Achseln und starrte weiter Mel Gibson an.

Das war typisch Aaron. So reagierte er immer, wenn ich etwas Ernstes mit ihm besprechen wollte. Sobald es um den Unfall ging, machte er einen Witz oder redete von etwas anderem.

Er weigerte sich einfach, darüber zu diskutieren. Bei diesem Thema fühlte er sich so unbehaglich, dass sich sein ganzer Körper verspannte.

Sein Verhalten nervte mich wahnsinnig. Ich wollte unbedingt darüber reden. Es war wichtig für mich!

Und außerdem machte ich mir wirklich Sorgen um Adriana.

„Ihre Noten haben in letzter Zeit auch ziemlich gelitten“, fuhr ich fort. „In diesem Schuljahr hat sie noch keine einzige Auszeichnung für besondere Leistungen bekommen.“

Statt einer Antwort grunzte Aaron nur undeutlich.

„Du weißt doch, wie perfekt Adriana sonst in allem ist“, erinnerte ich ihn. „Und wie ehrgeizig. Sie hat sich immer Mühe gegeben, in jedem Fach hervorragend abzuschneiden. Es muss irgendwas passiert sein, was sie total aus der Bahn geworfen hat. Sie hat ein C in Spanisch bekommen. Eine völlig mittelmäßige Note! Kannst du dir das vorstellen? Das war doch immer ihr leichtester Kurs!“

Aaron schüttelte etwas abwesend den Kopf. „Wahrscheinlich ist sie nur ein bisschen durcheinander oder so“, murmelte er und legte seinen Arm ganz fest um meine Schulter.

Ich kuschelte mich an ihn und dachte an Adriana. Als ich Aaron küsste, schmeckten seine Lippen nach Chips.

Schließlich war der Film zu Ende, und der Abspann lief über den Bildschirm.

„Hast du mal mit ihr gesprochen?“, fragte Aaron plötzlich.

„Mit wem?“ Im ersten Moment wusste ich nicht, was er meinte.

„Mit Adriana. Weil sie abgenommen hat und so.“

Ich seufzte. „Du kennst sie doch“, sagte ich und drückte Aarons Hand. „Ich hab’s natürlich versucht. Aber sie weigert sich, darüber zu reden. Sie will ihre Probleme offenbar nicht mit mir diskutieren.“

Aaron runzelte die Stirn. „Ich dachte, ihr beiden wärt die dicksten Freundinnen.“

„Sind wir ja auch, aber Adriana spricht nun mal nicht gerne über sich. Stattdessen macht sie sich Sorgen um mich. Ständig versucht sie, mich aufzuheitern oder mir zu helfen. Wenn ich mit ihr über etwas Ernstes reden will, lenkt sie ab und sagt, dass alles schon wieder in Ordnung kommt.“

Aaron nickte. Er griff nach den Chips, überlegte es sich dann aber doch anders. Plötzlich nahm sein gut aussehendes Gesicht einen ernsthaften Ausdruck an. Er fixierte mich mit seinen blauen Augen. „Sie hat recht. Es wird in Ordnung kommen“, versicherte er mir mit sanfter Stimme.

Ich nickte.

Das erzählten mir meine Freunde auch dauernd.

Als wir uns wieder küssten, stellte ich fest, dass Aarons Lippen immer noch salzig schmeckten. Trotzdem war es wunderbar – von mir aus hätte es ewig dauern können.

Aber da hörten wir hinter uns ein hämisches Kichern. „Das erzähl ich Mom und Dad!“, rief Jake schadenfroh.

Aaron sprang auf, um ihn erneut davonzujagen.

Ich hörte ihr Lachen und Rufen, als sie durch den Flur stürmten.

Seufzend lehnte ich mich gegen die Sofakissen, schloss die Augen und dachte über Adriana nach.

Justine und Aaron waren nach dem Unfall schnell wieder zum Alltag zurückgekehrt. Weshalb hatte Adriana damit so viel größere Schwierigkeiten?

Warum hatte dieser Abend im November mehr Einfluss auf sie gehabt als auf die anderen?

Natürlich konnte ich diese Frage nicht beantworten. Denn mir fehlte immer noch die Erinnerung an das, was passiert war.

Aber ich war entschlossen, alles herauszufinden.

In diesem Moment konnte ich nicht ahnen, dass noch einige böse Überraschungen auf mich warteten.

Nur einen Tag später versuchte Adrianas Bruder, mich umzubringen.

3

Ivan Petrakis, Adrianas älterer Bruder, sieht seiner Schwester so ähnlich, dass es schon beinahe unheimlich ist.

Beide besitzen eine Fülle schwarzer, lockiger Haare. Beide sind groß, schlank und anmutig. Und beide haben sanfte, braune Augen unter dichten, schwarzen Augenbrauen. Ihre Gesichter wirken geheimnisvoll und dramatisch und fallen auf allen Klassenfotos sofort auf.

Ivan hat sich in diesem Jahr einen neuen Look zugelegt. Er trägt mehrere silberne Ringe im linken Ohr und hat sich nicht nur Koteletten, sondern auch ein schmales, schwarzes Bärtchen unter dem Kinn wachsen lassen, was seine Eltern ganz schön auf die Palme bringt.

Meistens trägt er schwarze Jeans und schwarze T-Shirts, in denen er cool und ein bisschen gefährlich wirkt. Jedenfalls sieht er seinen Altersgenossen aus North Hills, einer der wohlhabendsten Gegenden in Shadyside, nicht besonders ähnlich.

In letzter Zeit war Ivan häufiger in Schwierigkeiten geraten. Zumindest hatte ich dieses Gerücht von ein paar Typen gehört, mit denen er früher oft zusammen war. Sie sagten, er sei ziemlich komisch drauf. Würde auf Partys eine Menge trinken und neuerdings mit einigen Leuten aus Waynesbridge rumhängen, die keinen besonders guten Ruf hätten.

Ich hatte Ivan schon immer gemocht. Ehrlich gesagt, war ich früher sogar heimlich in ihn verliebt gewesen, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich meine Schwäche für ihn jemals ganz überwunden habe.

Als ich ihm nach der Schule im Einkaufszentrum in der Division Street über den Weg lief, freute ich mich jedenfalls, ihn zu sehen. „Hey – Ivan!“, rief ich in voller Lautstärke und stürmte quer über den Parkplatz auf ihn zu. „Wie geht’s denn so?“

Ivan tat so, als wäre er über mein Auftauchen völlig überrascht. Er warf mit einer übertriebenen Geste die Hände in die Luft und fiel fast um vor Erstaunen. „Martha. Hey! Hast du zufällig was zu futtern gekauft? Vielleicht ein Snickers? Ein Milky Way würde es auch tun. Ich bin nämlich noch nicht dazu gekommen, zu Mittag zu essen.“

Ich zeigte mit den Einkaufstaschen, die ich in der Hand hielt, auf den Laden hinter mir. „Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Ich hab nur ein paar Sachen besorgt, die ich zum Malen brauche.“

Er stöhnte. „Du kritzelst also immer noch vor dich hin?“

„Hey!“ Ich stieß einen empörten Schrei aus. „Ich nehme das Zeichnen verdammt ernst, Ivan! Das ist kein Gekritzel!“

Er schien meine Reaktion unheimlich komisch zu finden, denn er brach in wieherndes Gelächter aus. Es war ein merkwürdiges, abgehacktes Meckern, das seine schmalen Schultern in heftiges Zucken versetzte.

„Na, was macht die hohe Kunst denn so, Martha?“, zog er mich weiter auf.

„Halt die Klappe!“, antwortete ich kurz angebunden.

Er lachte noch einmal johlend und kratzte sich dann das Büschel schwarzer Barthaare unter seinem Kinn. „Soll ich dich nach Hause fahren?“, fragte er plötzlich. Offenbar hatte er sich entschlossen, mir ein Friedensangebot zu machen.

„Ja, gerne.“ Ich war froh, nicht mit dem Bus fahren zu müssen, und folgte Ivan zu seinem roten Honda. Dabei fiel mir sein merkwürdiger, gestelzter Gang auf, mit dem er wirkte wie ein großer, eingebildeter Vogel.

Ein Scheinwerfer seines Wagens war eingedrückt, und die Stoßstange war völlig verbeult. „Was ist passiert, Ivan? Hattest du einen Unfall?“, fragte ich erschrocken.

Aber er zuckte nur mit den Achseln und murmelte etwas völlig Unverständliches. Dann riss er hastig die Fahrertür auf und quetschte seinen langen sportlichen Körper in das kleine Auto.

Ich warf meine Tüten auf die Rückbank und ließ mich auf den Beifahrersitz fallen. Im Wagen roch es durchdringend nach kaltem Zigarettenrauch, und überall auf dem Boden lag Bonbonpapier.

„Das ist eine gute Gelegenheit, um mit ihm über Adriana zu sprechen“, dachte ich, als Ivan rückwärts aus der Parklücke setzte. „Vielleicht hat er ja eine Idee, wie man ihr helfen kann.“

Ivan lenkte den Wagen zur Ausfahrt und bog dann in die Division Street ein. „Hast du manchmal auch Lust, einfach abzuhauen?“, fragte er plötzlich.

„Was?“ Ich fuhr herum und starrte ihn an.

„Ob du manchmal auch Lust hast, einfach draufloszufahren“, wiederholte er und warf mir einen eindringlichen Blick aus seinen braunen Augen zu. „Nie mehr zurückkommen. Einfach immer geradeaus fahren, bis es nicht mehr weitergeht.“

Ich stieß ein kurzes, unsicheres Lachen aus. „Das meinst du doch nicht ernst, nicht wahr?“

Aber sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.

„Du willst doch nicht wirklich abhauen, oder?“, bedrängte ich ihn und spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.