Fear Street 11 - Die Todesklippe - R.L. Stine - ebook

Fear Street 11 - Die Todesklippe ebook

R L Stine

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Opis

Peitschender Wind tobt über dem Meer, mächtige Wellen klatschen gegen die Felsen. Hoch über den Klippen steht das Haus, in dem Claudia und ihre Freundinnen ihre Ferien verbringen ganz ohne Eltern. Was zunächst vielversprechend beginnt, wird schnell zum größten Albtraum. Claudia fühlt sich von einem fremden Jungen verfolgt, und als die Mädchen schwimmen gehen, droht eine von ihnen nicht wieder aufzutauchen ... Der Horror-Klassiker endlich auch als eBook! Mit dem Grauen in der Fear Street sorgt Bestsellerautor R. L. Stine für ordentlich Gänsehaut und bietet reichlich Grusel-Spaß für Leser ab 12 Jahren. Ab 2021 zeigt Neflix den Klassiker Fear Street als Horrorfilm-Reihe!

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1

Langsam tauchte Claudia Walker aus einem tiefen Schlaf auf. Sie spürte, dass etwas Kühles, Feuchtes ihren Oberkörper und ihre Beine niederdrückte. Die salzige Luft des Meeres drang ihr in die Nase.

In der Ferne hörte sie Wellen rauschen. Sie wollte sich wieder in den Schlaf sinken lassen, aber es gelang ihr nicht. Ihr Gesicht brannte.

Sie versuchte, die Augen zu öffnen, aber sie waren wie zugeschwollen. Mühsam versuchte sie, sich aufzusetzen. Aber irgendetwas – etwas Festes, Schweres – drückte sie nieder.

Ihre Augen öffneten sich einen Spalt. Dicht neben ihrem Kopf umschwirrten Sandfliegen einen mit trockenem Seegras bewachsenen Erdwall. Eine einzelne Fliege jagte im Zickzack über den Sand. Sie schwirrte auf sie zu, ihre grünen Augen zuckten. Ein dünnes, haariges Bein berührte ihr Kinn.

In aller Ruhe kroch die Fliege über ihre Lippen. Als Claudia sie verscheuchen wollte, merkte sie, dass sie ihre Arme nicht heben konnte.

Sie versuchte angestrengt, sich zu bewegen, während die Fliege über ihre Wange auf das geschwollene Auge zukrabbelte.

Unbarmherzig brannte die Nachmittagssonne hernieder. Claudia leckte sich über die Lippen. Sie waren blasig und aufgesprungen. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet, und das Schlucken tat ihr weh.

„Warum kann ich mich nicht bewegen?

Was für ein Gewicht liegt da auf mir?“

Schließlich zwang sich Claudia, die Augen ganz zu öffnen. Ein großer Sandhaufen bedeckte ihren Körper.

„Man hat mich begraben – lebendig begraben!“, schoss es ihr durch den Kopf. Panik erfasste sie.

Mit größter Anstrengung gelang es ihr, den Kopf so weit hochzuheben, dass sie erkennen konnte, wie die Wellen immer dichter an sie heranrollten. Die Flut kam!

„Ich muss aufstehen! Ich muss hier raus!

Sonst werde ich ertrinken!“

Claudia ließ den Kopf auf den heißen Sand zurücksinken und rief mühsam um Hilfe. Ihre Stimme überschlug sich. Ihre ausgetrocknete Kehle schmerzte.

„Ist da niemand?“, schrie Claudia. „Kann mir denn niemand helfen?“

Es kam keine Antwort.

Eine Möwe glitt hoch über ihr vorüber und schien sich mit ihrem Gekreische über sie lustig zu machen.

Die Sonne glühte erbarmungslos auf sie herab. Claudia versuchte mit aller Kraft, wenigstens einen Arm freizubekommen. Aber die Hitze hatte sie völlig entkräftet.

„Wie lange habe ich hier gelegen und geschlafen?

Wie lange bin ich schon begraben?

Wo sind meine Freundinnen?“

Ihre Schläfen fingen an zu pochen. Als sie in den hellen, wolkenlosen Himmel hinaufblickte, wurde ihr ganz schwindelig.

Verzweifelt versuchte sie, ihre Arme und Beine unter dem Gewicht des Sandes zu bewegen. Aber es hatte keinen Zweck.

Ihr Herz pochte laut. Schweiß rann ihr über die Stirn. Sie rief noch einmal.

Keine Antwort. Nur das gleichmäßige Geräusch der heranbrandenden Wellen und die schrillen Schreie der Seemöwen über ihr.

„Hört mich denn keiner?“

Angenommen, ihre Freundinnen waren zum Haus zurückgekehrt, dann konnten sie sie unmöglich hören, so viel war ihr klar. Sie reckte den Hals und konnte die steilen Holzstufen erkennen, die den sechzig Fuß hohen Felsen zum Haus hinaufführten.

Das Haus hatte dicke Steinwände wie ein Schloss. Niemand würde sie da oben hören können. Niemand würde kommen.

Trotzdem schrie sie laut um Hilfe.

2

Liebe Claudia,

wie geht’s dir denn so?

Um es kurz zu machen: Ich lade dich hiermit zum ersten Jahrestreffen von Zimmer 12 aus dem Ferienlager „Vollmond“ ein.

Wir vier waren letzten Sommer nur so kurz zusammen, dass ich mir überlegt habe, es wäre doch toll, wenn wir uns wieder mal treffen würden. (Mit dem Briefeschreiben haben wir’s wohl alle nicht so, ich schon gar nicht.)

Meine Eltern sind in der ersten Augustwoche weg. Sie meinten, ich könnte doch ein paar Freundinnen in unser Sommerhaus am Strand einladen, damit ich nicht so allein bin.

Also, wie sieht’s aus, Claudi? Kommst du? Wir vier aus Zimmer 12 – du, ich, Sophie und Joy –, das wär doch was. Ich hoffe, dass es dir in Shadyside so richtig schön langweilig wird in den Ferien, dann sagst du bestimmt Ja. Ich verspreche dir, hier wird’s garantiert nicht langweilig!

Bitte komm doch!

Marla

Dieser Brief war schuld daran, dass Claudia hier an diesem einsamen Strand gelandet war. Obwohl Marlas Einladung überraschend kam, hatte Claudia sofort zugesagt.

Der Sommer war bis dahin höchst unerfreulich verlaufen. Am vierten Juli hatte sie sich von Steven, mit dem sie zwei Jahre lang befreundet gewesen war, nach einem blödsinnigen Streit getrennt. Und eine Woche später verlor sie ihren Sommerjob als Kellnerin, weil das Restaurant zumachte.

„Das wird toll, die Mädchen wiederzusehen“, dachte Claudia, als sie auf ihrer Veranda in der Fear Street stand und Marlas Einladung gleich mehrmals las.

Drei Wochen hatten sie letzten Sommer miteinander verbracht und waren dabei richtig gute Freundinnen geworden. Es war wirklich eine schöne Zeit gewesen, sie hatten so viel Spaß gehabt – bis zu dem Unfall …

Mit der Einladung in der Hand lief Claudia ins Haus, zeigte sie ihrer Mutter und stürzte in ihr Zimmer, um Marla anzurufen. „Ich kann es gar nicht erwarten, dich wiederzusehen!“, rief sie. „Und euer Sommerhaus! So, wie du es uns beschrieben hast, muss es ja eine richtige Villa sein!“

„Es ist schon ’ne ganz nette Hütte“, lachte Marla. „Ich glaube, es wird dir gefallen.“

Zwei Wochen später saß Claudia im Zug nach Summerhaven. Sie hatte sich für die lange Fahrt ein Buch mitgenommen, aber statt zu lesen, starrte sie aus dem Fenster und dachte an Marla und die anderen Mädchen und an ihre kurzen gemeinsamen Ferien im Sommerlager.

Viereinhalb Stunden später betrat Claudia den Bahnsteig von Summerhaven, blinzelte ins grelle Sonnenlicht und erkannte Joy und Sophie, die neben einem Kofferhaufen standen.

Joy hatte nur ein einziges Gepäckstück bei sich, eine glänzende Designertasche. Sophie dagegen gehörten die vier verschiedenen vollgestopften Taschen und Koffer. Claudia musste lachen. Das war genau wie im Ferienlager, wo Sophie mit zwei Koffern voller Kleider und einem ganzen Sack Kosmetika aufgekreuzt war. Sie hatte ihnen seufzend erklärt, dass sie sich nie entscheiden könne, was sie zu Hause lassen sollte.

Als Claudia ihnen winkte und auf sie zuging, fuhr ein silberfarbener Mercedes am Bahnhof vor. Marla sprang auf der Fahrerseite heraus, ließ die Tür offen stehen und rannte auf Joy und Sophie zu, um sie zu umarmen.

Claudia staunte von Weitem über Marlas neues Aussehen. Sie wirkte größer und noch schlanker als vor einem Jahr. Ihr rotblondes Haar hatte sie lang wachsen lassen, und in ihrem türkisfarbenen Designer-Top und den weißen Tennisshorts sah sie richtig toll aus.

Joy wirkte genauso exotisch wie damals. Sie hatte leicht schräg stehende grüne Augen, einen olivfarbenen Teint, dunkle, volle Lippen und glattes schwarzes Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte.

Auch Sophie hatte sich nicht verändert, fand Claudia. Sie war immer noch die Kleinste von den vieren. Über ihrem runden Gesicht thronte ein krauser hellbrauner Haarschopf. Sie trug eine Brille mit Drahtgestell, um älter und klüger auszusehen, aber man hätte sie immer noch für zwölf halten können.

Joy entdeckte Claudia als Erste. „Claudi!“, schrie sie so laut, dass alle Leute sich nach ihr umdrehten.

Ehe Claudia antworten konnte, kam Joy schon auf sie zugerannt und fiel ihr so heftig um den Hals, als wäre sie eine Schwester, die sie jahrelang aus den Augen verloren hatte.

Sophie kam näher und umarmte Claudia flüchtig. Ihre Begrüßung war höflich und kühl und doch irgendwie ehrlicher.

Marla drückte Claudia kurz an sich und sagte: „Lasst uns gehen. Ich darf hier nicht parken.“

Kurz darauf rollte ihr Wagen langsam durch den kleinen Badeort Summerhaven. Sie lehnten sich in den weichen Ledersitzen zurück und genossen die Kühle des klimatisierten Mercedes, während sie hinausschauten.

Marla fuhr an der Strandpromenade und den kleinen Läden vorbei, die Surf- und Angelbedarf verkauften, dann an einer Anlage von Ferienhäusern. Die Bungalows wurden von einer Reihe größerer Häuser abgelöst, und dahinter war der Ort auf einmal zu Ende.

„Marla“, sagte Sophie erstaunt, „ich dachte, ihr wohnt in Summerhaven.“

„Nein“, antwortete Marla, den Blick auf die schmale Straße gerichtet. „Unser Haus liegt draußen auf der Landzunge, ungefähr fünfzehn Meilen außerhalb der Stadt. Wir gehen nur in Summerhaven einkaufen und zur Post.“

Die Straße schlängelte sich jetzt durch hohe, grasbewachsene Sanddünen. Jenseits der Dünen konnte Claudia das gleichmäßige, sanfte Rauschen des Meeres hören.

„Dieser Teil des Strandes ist gesperrt“, erklärte Marla. „Es ist ein Vogelschutzgebiet.“

Sie fuhren mehrere Meilen durch das Schutzgebiet. Als sie es hinter sich gelassen hatten, wurde die Straße noch schmaler und mündete schließlich in einen Kiesweg, der gerade breit genug für einen Wagen war.

Claudia stieß einen Schrei der Überraschung aus, als die Drexell-Villa sich plötzlich vor ihnen erhob. Marla hatte ihr im Ferienlager Fotos davon gezeigt, aber in Wirklichkeit war das Haus noch viel größer und schöner.

Marla öffnete ein Metalltor und zwängte den Wagen durch die schmale Lücke in der großen, perfekt zurechtgestutzten Hecke, die das Grundstück eingrenzte. Man hatte sie gepflanzt, um damit den Metallzaun zu verdecken. Das graue Steinhaus, das wie ein Märchenschloss am Ende eines weiten, gepflegten Rasens lag, war nun in voller Größe zu sehen.

Ein breiter Weg führte in sanftem Bogen hinauf zur linken Seitenfront des Hauses. Dort erblickte Claudia einen Wintergarten mit einer bemalten Kuppel. Hinter dem Haus erstreckte sich eine große Terrasse bis hin zu einem Tennisplatz, einem bunten Aussichtstürmchen, den wunderschönen Gärten, einem riesigen Swimmingpool und mehreren kleineren Gebäuden.

Marla erklärte ganz beiläufig: „Ach, übrigens, das ist das Bootshaus und das da der Geräteschuppen, dann noch eine Kabine, falls jemand sich nicht im Haus umziehen will, das Gärtnerhäuschen, der Holzschuppen … Das größere Gebäude dort hinten ist das Gästehaus.“

„He, Marla, hast du vielleicht ’ne Landkarte davon?“, fragte Joy scherzhaft. „Hier kann man sich ja richtig verlaufen!“

„Keine Sorge“, meinte Marla, während sie den Wagen in die große Garage fuhr, die Platz für vier Autos bot. „Wir bleiben zusammen. Ich freue mich so, dass ihr alle gekommen seid. Ich werde euch schon nicht aus den Augen lassen.“

„Wir bleiben zusammen …“

Jetzt, während sie unter dem Sand begraben lag und die Wellen immer näher schwappten, fielen Claudia Marlas Worte wieder ein.

„Wir bleiben zusammen …“

Aber wo war Marla jetzt? Wo war Joy? Wo war Sophie? Wie konnten sie sie einfach hilflos in der sengenden Sonne liegen lassen?

Claudia schloss die Augen. Ihre Kehle schmerzte. Ihr Gesicht brannte. Es juckte sie im Nacken, aber sie konnte sich nicht kratzen.

Wasser ergoss sich über den Sand, der plötzlich noch schwerer auf ihrer Brust lag.

Die Wellen kommen näher.

„Ich werde ertrinken“, dachte Claudia.

Sie öffnete die Augen und spürte auf einmal einen Schatten.

Der Schatten des Todes.

Es wird dunkler. Immer dunkler.

Der Tod kommt und schließt die Tür hinter sich.

Während Claudia einen letzten verzweifelten Versuch unternahm, sich zu befreien, wälzte sich der Schatten leise über sie.

3

Claudia brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, dass der Schatten zu einem Jungen gehörte, der neben ihr stand. Seine nassen Beine und sandverkrusteten Füße waren das Erste, was sie von ihm sah.

Als sie in sein Gesicht hinaufblickte, stieß sie einen leisen Schrei aus.

Seine dunklen Augen starrten freundlich auf sie herab. Das kurze schwarze Haar war nass und klebte ihm an der Stirn. Seine muskulösen Arme hielt er vor der Brust verschränkt. Er trug eine lange, weit geschnittene, orangene Badehose.

„Was ist denn mit dir passiert? Brauchst du Hilfe?“, fragte er sanft.

„Ja“, sagte Claudia schnell und versuchte zu nicken. „Ich stecke fest.“

Eine Welle klatschte ans Ufer. Die weiße Gischt wurde fast bis an Claudias Gesicht herangespült.

Der Junge begann, mit beiden Händen den schweren, nassen Sand wegzuschaufeln. „Kannst du dich bewegen? Bist du verletzt?“, fragte er. „Ich kam gerade vom Schwimmen zurück. Da hörte ich dich schreien. Bist du ganz allein?“ Er schaute in beide Richtungen den Strand entlang.

Claudia bemühte sich zu antworten, aber ihre ausgetrocknete Kehle streikte. Sie nickte.

Schnell schaufelte er den größten Teil des Sandes beiseite, und sein dunkles, hübsches Gesicht wirkte dabei völlig konzentriert. Er nahm ihre Hand und zog daran. „Kannst du aufstehen?“

„Ich … ich glaube schon“, stammelte Claudia. „Mir ist nur ein bisschen schwindelig.“

„Du hast einen schlimmen Sonnenbrand“, meinte der Junge stirnrunzelnd.

„Ich glaube, ich bin eingeschlafen“, sagte Claudia schwach und ließ sich auf die Beine helfen. „Meine Freundinnen haben mich alleingelassen. Ich weiß nicht, wo sie hingegangen sind. Ich …“

Sie stand schwankend da und blinzelte in die Sonne, während sie sich an seinen Händen festhielt. Der Sand blitzte weiß im hellen Licht, fast so weiß wie der frisch gestrichene Anlegeplatz der Drexells weiter unten am Strand.

„Wenn du nicht vorbeigekommen wärst …“ Ihre Stimme versagte. Sie schüttelte den Kopf, um ihr glattes kastanienbraunes Haar von dem nassen Sand zu befreien. „Sogar meine Haare tun mir weh!“, rief sie aus.

Der feuchte Sand klebte an ihrer Haut. Ihr ganzer Körper war davon bedeckt. Es juckte sie überall. Sie versuchte, sich den Sand von den Beinen zu wischen.

„Ich muss mich abduschen“, sagte sie resigniert.

„Wohnst du dort oben? Bei den Drexells?“ Er zeigte den Felsen hinauf.

„Ja“, sagte Claudia.

„Ich helfe dir“, sagte er leise. „Leg deinen Arm um meine Schultern!“

Gehorsam folgte sie seinen Anweisungen. Seine Haut fühlte sich erstaunlich kalt an. „Bestimmt noch vom Schwimmen“, dachte sie. Sie stützte sich auf ihn. Seine Kühle war eine Wohltat für ihre brennend heiße Haut.

„Er sieht wirklich sehr gut aus“, dachte Claudia unwillkürlich. „Und wie stark er ist.“ Seine dunklen Augen gefielen ihr. „Ich heiße Claudia“, sagte sie zu ihm. „Claudia Walker. Ich bin zu Besuch bei Marla Drexell.“

Den Arm um seine Schultern gelegt, ließ sie sich von ihm zu den steilen Stufen bringen, die die Felswand zum Grundstück der Drexells hinaufführten. Sie hoffte, dass auch er ihr seinen Namen sagen würde.

„Du solltest sofort etwas gegen den Sonnenbrand tun“, meinte er nur. Er umfasste ihre Taille, um ihr die engen Holzstufen hinaufzuhelfen.

„Und wie heißt du?“, fragte sie.

Er zögerte. „Daniel“, antwortete er schließlich.

„Wohnst du hier in der Nähe?“, fragte Claudia.

„Eigentlich nicht“, sagte er mit einem seltsamen Lächeln.

„Macht er sich etwa lustig über mich?“, fragte sie sich enttäuscht. Sie wollte doch, dass er sie mochte.

„Aber er findet mich wahrscheinlich nur lächerlich, so wie ich da bis zum Hals im Sand steckte mit meinem krebsroten Gesicht.“

Am Ende der Treppe angekommen, standen sie vor einem verschlossenen Metalltor. Claudia rüttelte daran. Es rasselte, ließ sich aber nicht öffnen.

„Es ist immer abgeschlossen“, erklärte Daniel. „Die Drexells sichern ihr Eigentum gut ab. Sie haben auch einen Wachhund.“ Er bückte sich und suchte in den niedrigen Sträuchern herum, bis er eine schwarze Blechdose fand. Er öffnete den Deckel und holte ein elektronisches Tastenfeld hervor. Claudia beobachtete, wie er eine Zahlenkombination eingab. Das Tor klickte und sprang dann auf.

„Woher weißt du denn die Codenummer?“, fragte sie erstaunt und betrat unsicher den Rasen.

Ein merkwürdiges Grinsen huschte über sein Gesicht. „Ich weiß eine Menge Dinge.“

Als Claudia sich etwas sicherer auf den Beinen fühlte, ging sie am Tennisplatz und am Swimmingpool vorbei auf die Rückseite des Hauses zu. Sie hatte die Terrasse schon fast erreicht, als sie Marla erblickte, die sie durch die Glasschiebetür erschrocken anstarrte.

Die Tür glitt auf, und Marla kam in Tenniskleidung herausgelaufen, hinter ihr Joy und Sophie. „Claudia – was machst du denn hier draußen?“, rief Marla. „Wir dachten, du wärst oben in deinem Zimmer!“

„Was?“, stieß Claudia fassungslos hervor. „Ihr … ihr habt mich doch da unten in der Sonne schmoren lassen!“

„Aber nein!“, rief Joy beschwichtigend. „Nachdem wir dich im Sand eingegraben hatten, haben wir einen Spaziergang gemacht. Als wir zurückkamen, sagte Marla, du wärst schon zum Haus zurückgegangen. Da sind wir auch reingegangen!“

„Ich kann es einfach nicht fassen, dass ihr mich schlafend unter dem Sand habt liegen lassen!“, rief Claudia wütend.

„Wir haben dich wirklich nicht gesehen!“, verteidigte sich Sophie.

„Oje! Seht euch bloß ihr Gesicht an“, sagte Joy kopfschüttelnd.

„Wir wussten wirklich nicht, dass du noch dort bist. Wie bist du denn bloß alleine hierher zurückgekommen?“, fragte Marla.

„Daniel hat mir geholfen“, erklärte Claudia.

„Wer?“

„Wenn Daniel nicht gewesen wäre …“ Claudia drehte sich um, um ihn vorzustellen.

Aber es war niemand hinter ihr.

Der Junge hatte sich in Luft aufgelöst.

Claudias „Begräbnis“ war der erste „Unfall“ in dieser Woche. Der nächste ereignete sich am folgenden Morgen.

Allerdings brauchten die Mädchen noch etwas länger, um zu begreifen, dass in der Drexell-Villa etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Im Augenblick hatte Claudia nichts anderes im Sinn, als sich um ihren Sonnenbrand zu kümmern. Sie nahm eine Dusche und zog sich dann ein lose sitzendes blau-gelbes Sommerkleid an. Marla brachte Claudia eine Flasche Aloe-Lotion und einen Topf Heilsalbe herauf. Und eine Flasche Wasser, die Claudia ganz austrinken sollte.

„Es tut mir so leid. Ehrlich“, versicherte Marla immer wieder. „Das werde ich mir nie verzeihen. Auf dem Rückweg von unserem Spaziergang haben wir den anderen Aufgang von den Dünen aus genommen. Ich bin einfach davon ausgegangen …“

„Ich kann mich noch nicht mal mehr daran erinnern, wie ich eingeschlafen bin“, sagte Claudia und betrachtete besorgt ihr puterrotes Gesicht im Spiegel der Frisierkommode. „Bestimmt ist dieses neue Medikament schuld, das mir der Arzt gegen meine Allergie verschrieben hat“, seufzte sie. „Das wird garantiert Blasen geben. Und die Haut wird sich schälen wie verrückt. Wie ein Monster werde ich aussehen!“

„Ich finde, du siehst großartig aus“, sagte Marla wenig überzeugend. „Dein Haar gefällt mir. Lässt du es wachsen?“

„Ja.“ Claudia warf ihr kastanienbraunes Haar zurück. Dann schmierte sie sich noch mehr Creme ins Gesicht. „Nie wieder gehe ich in die Sonne!“, schimpfte sie.

Das Abendessen wurde in dem großen, vornehmen Speisesaal serviert; die vier Mädchen hockten an einem Ende des langen Marmortisches. Ein riesiger Kronleuchter hing tief über einem Strauß weißer und gelber Blumen in der Tischmitte herab.

„Das ist ein bisschen ungewohnt für mich“, gab Sophie zu und schaute sich unsicher um. „Du wirst mir sagen müssen, welche Gabel ich nehmen muss.“

„Nicht nötig“, sagte Marla. „Heute gibt’s Cheeseburger und Pommes frites.“

Alle mussten lachen. Inmitten dieses Prunks Cheeseburger und Pommes frites zu essen, kam ihnen ziemlich komisch vor.