Expedition Mikro – Originalausgabe - Alexander Kröger - ebook

Expedition Mikro – Originalausgabe ebook

Alexander Kröger

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Opis

Wie ein gewaltiger Trichter öffnet sich vor ihnen der Schnabel des Riesenvogels, und ihr Hubschrauber verschwindet in dem unermesslichen Schlund. Entsetzt blickt Gela Nylf auf die Gefährten, die sich im bleichen Licht der Kabinenbeleuchtung zu orientieren versuchen. Wird auch diese Expedition misslingen, nachdem schon ihre Vorgänger in jener seltsamen Welt verschollen sind, die sie so schwer begreifen können? Gela denkt an Harold, der die vorige Expedition leitete und nie zurückkehrte. Hat er die sagenhaften Wesen getroffen, die mitunter wie wolkige Schemen am Horizont aufgetaucht sind? Ist der Kontakt mit ihnen tödlich, oder wird er die ersehnte Hilfe bringen? Die Hubschrauberbesatzung tut alles, um aus dem fliegenden Gefängnis freizukommen. Die Expedition darf nicht scheitern, denn zu viel hängt von ihrem Erfolg ab: die Existenz auf der kleinen Insel inmitten des Ozeans, die Heilung der Krankheit, die dort grassiert, die Rettung vor den bedrohlichen Naturgewalten ... Und so stellen sich Gela Nylf, Chris Noloc und die anderen immer neuen Gefahren und Abenteuern. Originalfassung der 1. Auflage von 1976.

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Impressum

Alexander Kröger

Expedition Mikro – Originalausgabe

Wissenschaftlich-phantastischer Roman

ISBN 978-3-95655-772-9 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 1976 im Verlag Neues Leben, Berlin (Band 128 der Reihe „Spannend erzählt“). Dem E-Book liegt die Originalausgabe von 1976 zugrunde. Es wurde lediglich auf neue Rechtschreibung umgestellt.

© 2017 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Erstes Kapitel

„Und ich sage dir, dass wir die Gefahr für uns alle nur vergrößern, wenn wir wieder nach Hause aufbrechen!“, sagte Gela Nylf ärgerlich. Sie strich mit vier Fingern der linken Hand über die Tischkante, den Daumen als Führung benutzend. Ihr Gesicht war gerötet, die Augen kniff sie zusammen, die hohe Stirn zog Falten. Sie blickte an ihrem Widersacher, dem Biologen Charles Ennil, ein wenig vorbei. Er wiederum bemühte sich, sie nicht voll anzusehen. Gela Nylf schielte ein wenig, fast unmerklich. Ihr Blick hatte dadurch nicht jene musternde Schärfe, und ihre Partner konnten leicht den Eindruck gewinnen, sie sei nicht ganz bei der Sache. So empfand im Augenblick auch Ennil.

„Es gab auf der Fahrt hierher im Grunde genommen keine echte Gefahr“, entgegnete er verächtlich. „Was soll unserem Schiff passieren! Dreimal haben uns diese Salmons und die anderen Fische geschluckt, und was war? Außer dass die Scheiben ein wenig blind geworden sind und wir im Übrigen gründlich die Orientierung verloren haben, geschah doch nichts! Aber wenn wir hierbleiben ...“ Er vollendete den Satz nicht. Es war jedem der Anwesenden klar, was er damit sagen wollte.

Gela senkte den Blick. Sie spürte wieder den Schauer über ihren Körper laufen wie damals, als dieses Meerungeheuer das Schiff schluckte. Dann tagelang die Finsternis um sie herum, das Schiff eingeschlossen von zersetzten Tierleibern und von Pflanzenresten. Würden diese Biester nicht alles, was sie greifen, hinunterschlucken, sondern kauen, wir wären jetzt ... Und wer sagt, dass es nicht welche gibt, die kauen? Der Ozean wimmelt von solchen und noch größeren Ungeheuern geradezu. Und da sagt dieser Charles: Da war doch nichts! Natürlich hat er insofern recht: Außerhalb des Schiffes werden die Gefahren größer sein.

„Nun, machen wir Schluss mit der Diskussion!“ Robert Tocs, der Leiter der Expedition, hatte es energisch gesagt. Er sah unter seiner auf die Stirn geschobenen Brille hervor Charles Ennil zwingend an. „Außer dir, Charles, sind alle dafür, dass wir auch unter diesen Umständen die Aufgabe erfüllen. Es ist mir klar, dass es schwierig und vielleicht auch opferreich sein wird. Aber schließlich war uns das von Anfang an klar.“

„Aber ...“, warf Ennil ein.

Robert Tocs erhob nur ein wenig die Stimme und fuhr ungeachtet des begonnenen Einspruchs fort: „Charles, ich bin mir sicher, dass es nicht etwa Angst um dein Leben ist, was dich so sprechen lässt. Dafür kenne ich dich zu gut. Du denkst vor allem an uns neunundzwanzig übrige. Das ehrt dich natürlich. Aber von Gela, unserem Küken, hast du eben gehört, was sie von deiner Fürsorge hält. Es entspricht unser aller Meinung.

Also: Morgen startet eine Exkursion ins Landesinnere zur Erkundung eines Stützpunktes.“

Tocs Blick ging über die Köpfe. Jens Relpek, der Physiker, blickte aus wasserklaren Augen zurück. - Nein, er ist zu weich, zu gründlich auch. Er würde lange wägen vor jeder Entscheidung - auch dann, wenn es auf die Sekunde ankommt.

Gela - zu unerfahren, sie also noch nicht. Sie brennt sicher darauf, aber es wäre falsch. Ennil ist für die Leitung der Exkursion vorgesehen. Aber jetzt, nach seiner Äußerung? Bei ihm besteht auch die Gefahr, dass er zu tief ins Fachliche gleitet, im Registrieren und Eingruppieren das Leiten vergisst.

Chris Noloc, sieh nicht so herausfordernd her. Ich weiß, dass du dazu einmal fähig sein wirst, noch bist du mir aber zu draufgängerisch, bringst womöglich deine Begleiter unnötig in Gefahr. Mieh, den Arzt, kann ich nicht von hier fortlassen. Er muss für die Mehrheit da sein. Seine Frau wird die Exkursion begleiten. Leiten kann sie sie nicht. Wer also? - Ich! Das wäre gegen die Vernunft und gegen die Instruktion ...

Wieder machte Tocs Blick die Runde. Dann strich er sich über die Augen und sagte: „Charles Ennil wird die Exkursion leiten. Sie fliegt mit dem kleinen Helikopter. Die Mannschaft stellst du dir selbst zusammen, Charles.

Ich danke, gute Nacht. - Du bleib noch einen Augenblick, Chris!“

Tocs war mit den anderen aufgestanden. Als sie gegangen waren, trat er an die große Rundsichtscheibe der Brücke und starrte nach draußen. Sie hatten die Scheinwerfer gelöscht. Das Stück Himmel über ihnen lag in einem fahlen Schein. Nur die großen Sterne durchdrangen ihn. Unmittelbar vor dem Schiff türmte sich die trostlose Geröllwüste.

Kommandant Tocs lächelte. Er dachte an das schwierige Landemanöver. Erst gebärdeten sich alle ungeduldig, als endlich Land in Sicht war, nur ich zögerte. Auch du, Chris, hast das zunächst nicht verstanden.

Tocs hatte sich umgedreht und sah Chris, der gleich ihm am Fenster stand und in die Dunkelheit starrte, von der Seite her an. - Es war eben doch gut, erst eine besonders hohe Welle abzuwarten und dann mit voller Kraft aufzulaufen. So war es möglich, mein lieber Chris, gleich ein schönes Stück ins Land hineinzukommen, ohne dass uns die nächste Welle wieder zurückzog.

Chris Noloc fühlte sich stolz: Endlich eine Aufgabe, dachte er. Diese Nerven tötende Seefahrerei, trotz dieser Ungeheuer. Im Grunde genommen war sie äußerst langweilig gewesen.

Warum wohl Robert gezögert hat, als es um die Leitung der Exkursion ging? Schließlich stand Ennil von vornherein fest - oder Gela. Nun ja, seine Unkerei macht ihn ein wenig unglaubwürdig. Chris bemühte sich, im Schein der schwachen Brückenbeleutung draußen etwas zu erkennen. Geröll und aufgetürmte Haufen aus abgeschliffenen Steinen, dazwischen breite Kriechspuren von Tieren. Ein normaler Küstenstreifen, dachte Chris, fast gleich dem, der sich um unsere Insel zieht.

„Chris, ich habe Ennil empfohlen, dich mitzunehmen“, sagte Tocs plötzlich und blickte nach wie vor in die Finsternis hinaus.

„Ja“, antwortete Chris Noloc ruhig. Er sah auf die dunkle Silhouette des Kommandanten. „Ennil hat mit mir gesprochen. Carol soll als Ärztin dabei sein und Karl Nilpach als Pilot und Techniker.“

„Was sagst du zu Charles als Leiter?“, fragte Tocs.

Chris überraschte die Frage. Eine Kritik oder auch nur Stellungnahme zu einer Entscheidung des Kommandanten stand ihm laut Reglement nicht zu. Er zuckte die Schultern, dann sagte er zögernd: „dass er auf Gefahren aufmerksam macht, halte ich nicht für falsch. Vielleicht hätte er sich dazu eine bessere Gelegenheit suchen sollen. Es ist nicht beispielgebend, wenn ausgerechnet der Leiter nochmals allgemein bekannte Schwierigkeiten aufzählt. Ansonsten: Er hat einen Blick für Neues, und er ist fachlich sehr beschlagen.“

„Er scheint mir in der letzten Zeit ein wenig zerstreut ...“, entgegnete Tocs nachdenklich, doch dann schob er seine Bedenken beiseite.

„Gut“, sagte er, und die Angelegenheit war für ihn wohl endgültig erledigt. „Ich bin dafür“, setzte er hinzu, „dass ihr Gela mitnehmt. Sie soll Erfahrungen sammeln.“

Chris fühlte, dass ihm das Blut zu Kopf stieg. Nach einer Weile sagte er: „Bitte sag du ihr das. Du weißt, es gibt ohnehin schon Geflüster.“

„Ich finde nichts dabei, wenn man jemanden na - sympathisch findet, so wie du Gela“, sagte Tocs, und Chris erriet, dass er lächelte.

„Bloß wenn es nicht auf Gegenseitigkeit beruht, wirkt’s leicht komisch“, entgegnete Chris mit brüchiger Forsche in der Stimme, und er starrte erneut aus dem Fenster.

„Willst sie also nicht mithaben!“, stellte Tocs fest, und er sah schmunzelnd zu Chris hinüber.

„Doch, doch“, beeilte sich Chris zu antworten. Dann setzte er noch eifrig erläuternd hinzu: „Es geht wohl in erster Linie um die Sache. Und Gela muss anfangen!“

Jetzt lachte Robert Tocs. „Sprichst, als hättest du bereits fünfundzwanzig anstatt zwei ähnlicher Einsätze hinter dir. Und die zwei waren im Küstenstreifen unserer Insel und werden mit dem hier nicht vergleichbar sein. Übrigens, in dem Zusammenhang ...“, Tocs sah Chris jetzt voll an, „... bist vorsichtig, ja?“

„Aber ja! Mir ist bislang noch nichts zugestoßen“, sagte Chris, und es klang ein wenig unwillig.

„Trotzdem“, entgegnete Tocs. Dann fuhr er in verändertem Tonfall fort: „Ihr fliegt eine große Schleife. Kurs Südost, dann Südwest und zurück nach spätestens drei Tagen. Findet ihr einen geeigneten Platz für einen Stützpunkt, kehrt ihr sofort um! Der Stützpunkt sollte, wenn ihr Glück habt, möglichst in ihrer Nähe sein.“

Es entstand eine Pause.

Dann fragte Chris: „Du glaubst also daran? Ich meine, bist selbst davon überzeugt?“

Robert Tocs antwortete lange nicht, so, als müsse er sich die Antwort reiflich überlegen. Dann sagte er: „Nein!“, und als Chris eine heftige Bewegung ausführte, die Überraschung ausdrückte, fügte er lächelnd hinzu: „Ich glaube nicht nur, dass es sie gibt, ich weiß es.“

„Ach“, stieß Chris hervor. „Sagst du es nur so, um die Sache interessant zu machen, um uns sozusagen bei der Stange zu halten, oder hast du Beweise?“

Tocs überlegte abermals. Dann sagte er: „Tu so, als ob es sie gäbe, dann bist du gut beraten. Mehr darüber zu sagen ist verfrüht und - unangebracht,“

Seine Worte wurden abweisend.

„Ist wohl mal wieder nichts für die Jungen?“, fragte Chris herausfordernd.

„Du sagst es - aber es betrifft nicht nur die Jungen“, bestätigte Tocs ruhig. „Außerdem sind meine Kenntnisse auch sehr mangelhaft. Du selbst hast die Funkbilder von der ,Ozean I‘ gesehen, mehr kann ich dir nicht sagen.“

„Gut, ich werde natürlich mit aufpassen, das verspreche ich. Es wird mich aber nicht hindern, ein Phantom, wie es eure Himmelssöhne sind, weiter für ein solches zu halten, trotz der, wie du zugeben wirst, nicht sehr eindeutigen Bilder.“

„Halte es so. Außerdem, von ihnen ...“, Tocs lächelte, „droht wahrscheinlich kaum Gefahr. Gefährlicher ist die Natur - vor allem die Fauna mit all den Riesenexemplaren. Rechnet mit völlig unbekannten Arten!“

Plötzlich ging im Raum die Deckenbeleuchtung an. An der Tür stand Karl Nilpach, klein, untersetzt, weißhaarig, mit einem Gesichtszug, der Pfiffigkeit verriet und der auch bei völlig ernster Miene nicht verschwand. „Entschuldigt“, sagte er. „Aber ich konnte nicht ahnen, dass ihr eine Schummerstunde macht.“ Über sein Gesicht huschte ein schalkhaftes Lächeln. „Ich hätte mir dazu auch einen anderen Partner gesucht, Chris.“

„Ein bisschen mehr Respekt vor der Leitung könnte dir nicht schaden“, entgegnete Chris, auf Nilpachs Ton eingehend.

Robert Tocs schmunzelte. Dann sagte er: „Gehst morgen mit Charles auf Exkursion, Karl.“

„Na, endlich was Erfreuliches!“, antwortete Nilpach. Er schüttelte demonstrativ seine Beine aus wie nach einer Gymnastikübung. „Man wird ja ganz krämpfig in dem Kasten.“

„Soll ich daraus entnehmen, dass du deine Kontrollen vernachlässigst?“, fragte Tocs, eine Spur ernster.

„Am Tag zweimal längs durch das Schiff, das sind vierzehnhundert Fuß. Ich bitte dich - für einen Kerl wie mich doch kein Ausgleich!“ Er warf sich in die Brust und lachte.

„Noch was“, Robert Tocs wandte sich unvermittelt an seine Gefährten, „Funken nur in Notfällen! Was ein Notfall ist, überlasse ich eurer Entscheidung.“ Er ging zur Tür. „Ich werd jetzt schlafen, gute Nacht!“

„Was hat er denn?“, fragte Karl Nilpach, als sich die Tür hinter dem Kommandanten geschlossen hatte. „Er scheint ernste Bedenken zu haben.“

„Bisher verläuft alles so wie bei der ,Ozean I‘. Und du weißt, außer einigen Funksprüchen ist von denen nichts mehr gekommen.“

„Nun fang du auch noch an wie Ennil! Außerdem ist die ,Ozean I‘ wahrscheinlich doch ganz woanders gelandet.“

„Spielt das eine Rolle?“, fragte Chris zurück, und er spürte einen Augenblick lang, dass Tocs es durchaus bitterernst meinte mit seinem Mahnen.

Aber auf dem Weg durch die langen Korridore zu seiner Kajüte beschäftigte Chris ein anderer Gedanke: Warum hat er mich als einzigen der Mannschaft ins Gebet genommen? Ein Zeichen der Sympathie - oder des Misstrauens?

Vielleicht auch nur eine Sentimentalität? Schließlich kennt er meinen Vater, der als Invalide im Institut Hausmeister wurde. Womöglich hat ihm der Alte aufgetragen, dass er sich ein wenig um mich kümmern soll.

Nur einen Augenblick schob sich das Bild des Vaters in Chris’ Gedanken. Mehr im Unterbewusstsein wurde ihm abermals gewiss, dass Vater nie mehr gesund werden würde, auch wenn das Gerücht, das sich hartnäckig hielt, die Himmelssöhne bedeuteten Hilfe, sich bestätigen sollte. Noch niemand ist von diesem schrecklichen Gedächtnisschwund, dieser Memlose, geheilt worden, dieser verfluchten Volksgeißel.

Chris betrat seine Kajüte. Er schob das Grübeln beiseite, wählte in Hochstimmung, was er an persönlichen Dingen für den Ausflug, wie er die bevorstehende Unternehmung bei sich nannte, mitnehmen würde; dann ging er zu Bett.

Die Sonne tauchte rot hinter den Geröllbergen hervor. Es regte sich kein Lüftchen, der Himmel war schon in dieser frühen Morgenstunde bis hinten hin blau.

Chris Noloc stand auf dem Freideck. Er atmete die feuchtigkeitsgesättigte frische Meeresluft, und er fühlte sich glücklich. Selbst das leichte Spannungskribbeln vor diesem bedeutsamen Start beeinträchtigte dieses Gefühl nicht. Er hätte nicht sagen können, was ihn so froh machte: Endlich eine vernünftige Aufgabe oder - weil Gela dabei war? Wahrscheinlich beides. Gela! Wenn sie nur nicht so verbohrt wäre! Sie kann doch nicht ein Leben lang dem verschollenen Freund nachtrauern. - Nein, das tut sie gar nicht. Sie eifert ihm nach, will das schaffen, was er nicht vollenden konnte, meint, in ihrem Leben sei nur noch dafür Platz. Fühlt sich offenbar als Neutrum. Ja, so wird es sein. Chris lächelt über seinen Einfall. Und dabei ist sie alles andere! Na, wir sind auf engerem Raum zusammen, Gelegenheit, sich näherzukommen. Chris war an diesem Morgen auch darin zuversichtlich.

Neben Chris leuchtete an einer Signalsäule ein rotes Feld auf, gleichzeitig ertönte ein Summton. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Deckluke, und eine Hebebühne drückte den Helikopter nach oben. Aus der Kanzel winkte Karl Nilpach.

Kurz danach stellte sich die gesamte Mannschaft der „Ozean II“ am Hubschrauber ein.

Chris Noloc hatte wieder das eigenartige Gefühl wie am vorangegangenen Abend. Warum machen sie nur so viel Aufhebens! Eine ganz und gar normale, alltägliche Sache, so ein Erkundungsflug. Zugegeben, es ging in Unerforschtes, vielleicht gerieten sie auch in Gefahren, aber das stand ja von vornherein fest.

Nilpach war vom Hubschrauber gesprungen und zu Chris getreten. „Hast du schon gesehen?“, fragte er und deutete mit einer unauffälligen Kopfbewegung nach oben. „Hoffentlich sind sie satt oder auf Größeres aus“, scherzte er makaber.

Chris sah in den Himmel. Zwei Riesenvögel kreisten hoch oben über der Küste.

„Nicht so schön, was?“, sagte plötzlich dicht neben ihm Robert Tocs.

Chris zuckte mit den Schultern, und dann musste er sich den zahlreichen Händen widmen, die sich der Besatzung des Hubschraubers entgegenstreckten, die vor dem Abflug noch einmal gedrückt sein wollten.

Chris hatte es plötzlich eilig. Ihm wurde die Szene beinahe lästig, wenngleich er sich andererseits über die Anteilnahme der Gefährten freute. Beim Einsteigen half er den Frauen. Er suchte Gelas Blick. Sie sah jedoch geradeaus, ihr Gesicht war blass. Sie verabschiedete sich so, als sei sie in Gedanken bereits Tage voraus.

Tocs beeilte sich ebenfalls mit der Verabschiedung. Er sagte ein paar offizielle Worte, die die Exkursionsteilnehmer bereits in der offenen Luke stehend entgegennahmen. Sein Wunsch für guten Flug ging im voreiligen Donnern der Rotoren unter. Viele winkten, als sich die Maschine erhob und leicht geneigt gegen Süden abflog.

Die Menschenansammlung auf Deck begann sich zu zerstreuen. Plötzlich schrie jemand gellend auf.

Tocs, der gerade in der Luke verschwand, fuhr herum, machte zwei, drei große Sätze und rannte dann dorthin, wo alle hinliefen. Doch kam er zu spät, um noch etwas zu sehen.

„Was war?“, fragte er bleich und außer Atem.

Die Bordmechanikerin neben ihm, sie hatte noch eine Trosse des Hubschraubers über der Schulter, sah ihn nicht an. In ihrem Gesicht stand der Schreck. Dann, als ob sie erwachte, murmelte sie dumpf: „Verschluckt einfach - und aus! So eine Swallow kam angeflitzt ...“ Und dann fügte sie hinzu: „Das waren die ersten!“ Es klang wie ein Vorwurf.

Tocs trieb es das Blut zu Kopf. Er stieg auf den Sockel der Signalsäule und rief: „Achtung Freunde, herhören!“ Er musste noch zweimal rufen, bevor sich das aufgeregte Durcheinander legte. Dann rief er in hastigen Sätzen: „Es gibt doch keinen Grund zur Panik - oder Resignation! Denkt daran, auf unserer Reise passierte es uns dreimal, und keinem wurde auch nur ein Haar gekrümmt! Der Helikopter schließt hermetisch, das hält er ohne Weiteres aus! Freilich, außer Kurs geraten müssen sie zwangsläufig, aber das ist kein Malheur ...“

„Das ist nicht vergleichbar mit den Salmons!“, rief die Mechanikerin heftig. „Hier ist kein Wasser. Wenn das Vieh den beschädigten Hubschrauber fallen lässt, kann er beim Aufprall platzen!“

Wieder setzte Gemurmel ein.

„Wartet doch ab, Freunde!“, rief Tocs ärgerlich. „Ennil weiß das auch. Schließlich fliegt so ein Tier nicht ewig. Ennil kann den Zeitpunkt des Ausscheidens mit beeinflussen. Er hat den Greifanker! Ich werde ...“

„Kommandant, Kommandant, hier Funkzentrale, bitte sofort kommen. Verbindung zum Hubschrauber!“ Die Lautsprecheranlage übertönte alles andere.

Tocs sah plötzlich in freudige Gesichter, hörte frohe Laute. Er murmelte: „Na also“, sprang eilig vom Sockel der Säule und lief in langen Sätzen zum Einstieg.

Karl Nilpach hatte das Steuer übernommen. Gleich nachdem der Helikopter vom Deck der „Ozean II“ abgehoben hatte, steuerte er ihn in die Horizontale. „Ich bleibe in Bodennähe“, rief er und deutete mit dem Daumen nach oben. Ennil nickte. Er hatte verstanden. In Bodennähe waren sie einigermaßen sicher vor den Seagulls.

Das Schiff war noch in Sicht, als Carol plötzlich entsetzt aufschrie. Stumm zeigte sie nach vorn. Etwas Schwarzes wuchs blitzschnell auf sie zu, ein weitaufgerissener riesiger roter Rachen, und dann umgab sie Finsternis. Sie purzelten durcheinander. Ein letztes Fauchen des Motors und dann Stille - aber keineswegs Bewegungslosigkeit. Es traten schnell wechselnde Beschleunigungsmomente ein, die die Menschen zwangen, sich irgendwo anzuklammern.

„Hallo“, rief Karl Nilpach ächzend. „War eine verdammt kurze Reise. Schätze aber, wir sind alle ganz?“

Chris Noloc, der neben Karl Nilpach den zweiten Pilotensitz eingenommen hatte, tastete nach dem Notlichtschalter. Als die Leuchten aufflammten, bot sich ein Bild, das unter weniger gefahrvollen Umständen gewiss Gelächter hervorgerufen hätte: Nilpach und Noloc hingen in ihren Sesseln. Die anderen vier lagen eigenartig verrenkt auf dem Boden der Kabine und hielten sich gegenseitig fest oder umklammerten die Verstrebungen der Sitze.

Das Schwanken ließ nach. Gleichzeitig kam ein unheimliches Geräusch auf, ein Krächzen, das sich in Abständen wiederholte und dem jedes Mal ein Ruck folgte,

„Nimmt denn die Fresserei kein Ende! Das vierte Mal, dass wir so etwas erleben!“. rief Karl Nilpach. Dann kam wieder das Geräusch und der Ruck, sodass er beinahe aus dem Sessel fiel, da er, um seine Worte zu unterstreichen, mit den Händen herumfuchtelte. Als er das Gleichgewicht wieder hatte, fuhr er energisch fort: „Los, Mädchen und Jungs, kein Grund zur Panik, aufstehn!“

„Prüfe lieber umgehend, ob die Maschine noch dicht ist!“, rief Charles Ennil. Er hatte seinen Schreck überwunden, einen Schreck, der mehr auf die Plötzlichkeit des Ereignisses als auf die Gefahr zurückzuführen war. Er dachte im Grunde wie Nilpach, nur war der Hubschrauber nicht die stabile „Ozean II“. „Mir wollte ja keiner glauben“, fügte Ennil hinzu, und es wurde nicht deutlich, ob es vielleicht scherzhaft gemeint war.

Da war wieder das Geräusch. Es fand nicht mehr viel Beachtung. Der Ruck war kaum noch zu spüren.

„Kabine dicht“, meldete Karl Nilpach, „keinerlei Druckverluste.“

„Na also“, sagte Chris Noloc.

„Und du, Exkursionsleiter, inке nicht!“ Gela Nylf drohte Ennil launig mit dem Finger. „Wir sollten lieber unseren Wirt bestimmen - darauf verstehst du dich doch ausgezeichnet -, damit wir auf sein weiteres Verhalten schließen können.“

„Ist, ist jemand verletzt?“, fragte die Ärztin Carol Mieh. Sie räusperte sich. Immer noch ein wenig verstört, saß sie auf der Bank und blickte von einem zum anderen.

Chris Noloc drückte mehrere Knöpfe. Dann nahm er das Mikrofon auf und rief: „Zentrale, hallo Zentrale, hier Eagle. Hört ihr?“

Im Oszillografen sprang ein Zacken auf.

Karl Nilpach lachte breit. „Na bitte!“, rief er strahlend.

„Wir sind wohlauf – Tocs soll kommen“, forderte Chris. Er schaltete den Bordlautsprecher zu. Nach wenigen Augenblicken klang es leise durch die Kabine: „Hier Kommandant Tocs. Ich freue mich, euch zu hören!“ Tocs sprach völlig außer Atem.

Karl Nilpach drehte auf höchste Lautstärke. „Das Biest schirmt ganz beträchtlich ab“, schimpfte er leise.

Charles Ennil hangelte sich über den schrägen Boden der Kabine, Chris Noloc reichte ihm das Mikrofon. „Robert, ich will es kurz machen“, sagte Ennil. „Energie sparen! - Bitte gib mir völlige Entscheidungsvollmacht. Ich nehme an, die Schraube hat sich im Schlund verklemmt. Wir werden Gewalt anwenden müssen, um freizukommen. Habt ihr gesehen, was für ein Tier es ist?“

„Eine Swallow“, antwortete Tocs.

„Ach“, sagte Ennil, „seht ihr sie noch?“

Tocs schwieg einen Augenblick. Er antwortete, wie es schien, ein wenig zerstreut: „Nein“, fügte dann jedoch konzentriert hinzu: „Handle, wie du es für richtig hältst.“

„Danke“, antwortete Ennil. „Wir melden uns wieder, wenn sich an unserer Situation etwas Grundsätzliches ändert. Ende.“

Chris Noloc schaltete die Anlage aus, Ennil wandte sich an Karl Nilpach: „Karl, Bugscheinwerfer ein!“

Sie drängten an die Scheibe. Knapp vor ihnen wurde das Licht von einer feuchtrosa Wand reflektiert. Der gewaltige Schlauch, in dem sie offenbar festsaßen, bestand anscheinend aus elastischen Fasern; die Schlauchwand zeigte eine Ringstruktur.

Chris stieg auf den Sitz, verschaffte sich Ausguck nach oben. Karl Nilpach schaltete weitere Scheinwerfer ein.

Durch die Ringwand lief ein Zucken. In das wieder einsetzende Geräusch hinein rief Chris: „Also, es ist leider wie vermutet. Wir sitzen ganz schön fest. Steuerschraube abgeschert, das Rumpfende hat sich in die Schlauchwand eingespießt. Die Flugmaschine spreizt den Schlauch, der ohne Zweifel die Speiseröhre ist, auseinander.“ Chris ließ sich wieder in den Sitz gleiten und fügte sarkastisch hinzu: „Muss für unseren Wirt nicht gerade angenehm sein!“

Einer nach dem anderen kletterten sie auf die Rücklehne des Sitzes und sahen sich das Malheur an.

„Wird wohl mit einem Durchrutscher nichts werden“, bemerkte Karl Nilpach.

„Wär auch zu gefährlich“, gab Ennil zu bedenken. „Wir sind hier nicht im Wasser. Wenn uns das Tier aus der Luft fallen ließe, ich weiß nicht ...“

„Sie kann doch nicht ewig fliegen!“, warf Carol Mieh ein.

„Ewig nicht, aber lange“, stellte Ennil klar. „Sie ernähren sich fast ausschließlich von Tieren, die sie während des Fluges in der Luft fangen ...“

„Wie wahr, wie wahr ...“, warf Karl Nilpach ein.

„Es sind gewandte und schnelle Flieger“, fuhr Ennil unbeirrt fort. „Ihre Horste mauern sie an Felsen, meist hoch oben unter Vorsprüngen, also auch dort vermindert sich die Gefahr kaum. - Gut“, unterbrach er sich. Dann fragte er: „Was schlagt ihr vor? Was denkst du, Gela?“

Gela zögerte einen Augenblick, errötete ein wenig, dann antwortete sie „Aussteigen, freihacken, abwarten - vielleicht ordentliche Haltevorrichtungen hier in der Kabine anbringen, damit wir einen Absturz aus großer Höhe überstehen.“

„Du, Chris?“

„Ich – Augenblick ...“, sagte Chris Noloc zerstreut. Er hatte gerade Carol Mieh eine Frage gestellt.

„Carol?“

„Im Grunde denke ich wie Gela. Ich bin aber der Meinung, dass wir einen Sturz aus großer Höhe ganz gut überstehen könnten, wenn wir uns so einrichten, wie Gela es vorgeschlagen hat, und wenn wir zweitens davon ausgehen, dass wir mit einiger Sicherheit in anderen Ausscheidungen eingebettet sein werden.“ Die Ärztin fuhr trotz der angeekelt verzogenen Mundwinkel ihrer Gefährten ungeniert fort: „Das dämpft!“ Und jetzt lächelte sie, das erste Mal seit Eintritt der Katastrophe.

„Karl, wie viel Lebensmittel haben wir an Bord?“, fragte Chris.

„Nun ja, der Flug ist für sieben Tage geplant. Zehn Tage würde es schon reichen“, antwortete Karl Nilpach. „Mit dem Sauerstoff verhält es sich ähnlich.“

„Und welche Meinung hast du?“, fragte ihn Ennil, und wie es schien, leicht ärgerlich, da er von Chris Noloc unterbrochen worden war.

„Tja“, sagte Karl Nilpach gedehnt und kratzte sich in seinem dichten grauen Haar. Dann sah er Chris Noloc an und nickte bedächtig. „Verstehe“, sagte er. „Wenn wir uns weiter unten ...“, er deutete mit dem Daumen hinter sich, „... noch mal verklemmen - der Weg ist noch lang, kann ich mir denken -, dann ist’s mit dem Freihacken nichts mehr, und dann ...“ Er verdrehte die Augen. „Ich wäre mehr für Aktivitäten.“

„Die Sache ist ernst genug“, kritisierte Ennil.

„Eben“, sagte Chris Noloc, aber es war keine Bekräftigung von Ennils Tadel, sondern eine Zustimmung zu dem, was Karl Nilpach gesagt hatte. „Deshalb schlage ich vor: Carol mixt eine gehörige Dosis von diesem Giftzeug zusammen, das sie uns diesmal mitgegeben haben. - Du weißt schon!“, sagte er, zu ihr gewandt, „aber hoch konzentriert. Karl und ich gehen raus und impfen - wie sagt man: intramuskulär.“

Ennil und Gela protestierten. Einen Augenblick empfand Chris Gelas Widerspruch wohltuend, dann sprach er jedoch unbeirrt weiter: „Im Falle, dass uns etwas zustößt, kann immer noch die Wartevariante zur Anwendung kommen.“

„Ich bin gegen deinen Vorschlag“, bekräftigte Gela nachdrücklich. „Ich halte das Risiko für unverantwortlich hoch!“

„Heute ist es dieses Risiko, morgen jenes. Ein Abwarten werden wir uns nicht immer leisten können. Also“, Chris sprach bestimmt, „für solche Aufgaben kommen nach Lage der Dinge nur Karl und ich infrage. Oder sollen Charles und Carol oder du?“

Gela schwieg, sie kniff die Lippen zusammen, dann sah sie Chris voll an, ihr Blick ging jedoch um ein weniges an ihm vorbei, und sagte trotzig: „Gut, ich gehe!“

„Du bleibst“, rief Chris heftiger, als er beabsichtigt hatte. „Charles, befiehl ihr das!“ Er sah sie an, bittend, ganz im Gegensatz zu seinem Befehlston.

Gela senkte den Blick und wandte sich dann ab. Soweit käme das noch, dass ich dich vor meinen Augen verunglücken lasse! dachte Chris.

„An dem Vorschlag ist etwas“, sagte Ennil zögernd. „Das mit Gela kommt natürlich nicht infrage, aber anweisen, Chris, kann ich euch so etwas nicht ...“

„Bitte lass das, Charles“, sagte Chris schroff. „Hilf lieber!“

Sie zogen Schutzanzüge über und schulterten die Atemgeräte. Karl Nilpach hing sich, im stillen Einvernehmen mit Chris, ein beträchtliches Paket Sprengstoff an den Gürtel. „Die Injektionsspritze“, hatte er dazu scherzhaft bemerkt.

Chris Nolocs Helmscheibe war noch geöffnet. Carol Mieh hantierte mit mehreren Behältern, sie drehte den anderen den Rücken zu. Chris trat zu ihr. „Fertig?“, fragte er.

Sie reichte Ihm schweigend einen Kanister, sah ihn aber dabei nicht an.

„Was ist?“, fragte Chris leise. Er fasste ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. In ihren Augen schwammen Tränen.

„Angst?“, fragte Chris.

Carol nickte, sie rang um Beherrschung, zwang sich zu einem eigenartigen Lächeln, bei dem die Lippen bebten.

Chris zog sie kurz an sich und strich ihr mit der Hand übers Haar. „Schon gut“, sagte er, „wir sind gleich wieder da.“

Nur Gela hatte die Szene beobachtet. Karl Nilpach lag bereits in der Einmannschleuse, die Ennil bediente. Bevor Chris die Helmscheibe schloss, trat er dicht an Gela heran und raunte ihr zu: „Bitte hilf ihr. Sie ist doch das erste Mal dabei.“

Gela nickte. Chris hielt ihr die Hand hin. Sie erwiderte seinen Händedruck, sah ihn an, und jetzt, aus unmittelbarer Nähe fanden sich die Blicke.

War schön von ihm, das mit Carol, dachte Gela. Plötzlich wurde ihr weh. Wie würde sich Harold verhalten haben in einer Situation wie dieser? Ebenso, bestimmt! Und von einem solchen Gang ist er nicht zurückgekommen ... Sie sah Chris bekümmert nach, wie er sich anschickte, in die Schleuse zu klettern.

Einen Augenblick glitten ihre Gedanken ab. Nicht jeder hatte den nächsten Menschen auf der „Ozean I“, aber dennoch war sie sich sicher, dass nicht nur sie in diesen Tagen und Stunden so häufig an die verschollenen Gefährten dachte. Zu viele gemeinsame Erlebnisse banden sie aneinander, vom gemeinsamen Schulbesuch, von der Expeditionsvorbereitung. Einige der jetzigen Besatzung hatten damals schon dabei sein sollen, wurden aus irgendwelchen Gründen zurückgestellt ... Und es ist noch keine drei Jahre her.

Gela machte einen Schritt auf die Schleuse zu, kniete neben Chris nieder, kontrollierte den Verschluss des Helmfensters und sagte: „Pass auf, Chris ...“

„Pass auf!“, rief in einem gänzlich anderen Ton Karl Nilpach, als sich Chris aus der Schleuse hievte, freilich ohne jeden Erfolg. Chris zog es gleichsam die Beine weg, und er schlug lang hin. Der gefurchte Untergrund zeigte sich ungeheuer schlüpfrig und uneben.

Nilpachs Lachen drang aus dem Lautsprecher. „Entschuldige“, sagte er dann. „Aber ein wenig komisch sah das schon aus.“

Er versuchte, Chris aufzuhelfen. Aber offenbar machte die Swallow in diesem Augenblick eine jähe Wende. Sie stürzten nun beide zu Boden.

„Biest, verfluchtes!“, schimpfte Karl Nilpach. „Warte nur!“

Er langte in die noch offene Schleuse und holte zwei Bergstöcke hervor.

Chris Noloc deutete nach vorn, wo die Erweiterung der Röhre weit in die Dunkelheit hineinführte.

Karl Nilpach nickte und richtete den Strahl der Lampe dorthin. Die Röhre verengte sich allmählich.

Sie kamen nur langsam voran.

Dann bedeutete Karl Nilpach Chris, er solle nicht am Grund der Röhre gehen, sondern mehr an der Seite, es sei dort weniger schlüpfrig. Kaum hatte Chris die Schräge erreicht, als etwas Unerwartetes geschah: Durch die Röhre huschte ein fahler Schein. Der rutschige Boden bebte, die Fasern und Ringstrukturen verschoben sich elastisch gegeneinander.

„Festhalten“, schrie Chris. Er schlug seinen Stock in die nachgiebigen Fasern und drückte sich in die angedeutete Mulde zwischen den Ringen. Er spürte, wie ihn etwas für einen Augenblick an die Wand drückte, dann an ihm vorbeiglitt. Sobald als möglich stand er auf, leuchtete mit seiner Lampe dem, was da vorbeigedrückt worden war, hinterher und wischte mit dem Ärmel über das Helmfenster. Ihn durchfuhr ein gewaltiger Schreck. Was er im Schein der Lampe ausmachte, war der riesige, zusammengedrückte, mit zerknickten Gliedmaßen umwickelte Leib eines geflügelten Tieres, der schnell auf den Hubschrauber zuglitt.

„Karl, Karl!“, schrie Chris.

„Ja“, hörte er es keuchen, und er atmete erleichtert auf. „Ich komme schon - musste ein Stück mitfahren ... Bist du wohlauf, Chris?“ Karl Nilpach arbeitete sich heran. „Das Biest frisst weiter, ungeachtet der Tatsache, dass wir in seinem Hals stecken.“

Sie richteten ihre Lampen auf den Hubschrauber. Chris hielt Nilpachs Oberarm gepackt, er wagte kaum zu atmen. Der Kadaver war an der Maschine hängen geblieben. Die Bewegungen in der Röhre nahmen zu, wurden so heftig, dass sie sich erneut anklammern mussten.

„Hoffentlich hält der Anker“, Chris knirschte mit den Zähnen.

„Stell dir vor, wir hätten ihn nicht ausgelegt“, Karl Nilpach machte eine Armbewegung, die Gleiten andeuten sollte.

Plötzlich, nach einem heftigen Ruck, kam der Tierkörper auf sie zu, verhielt und bekam dann von der Röhrenwand einen Impuls, der ihn an dem Hubschrauber vorbeitrieb und in der Dunkelheit der Röhre verschwinden ließ.

„Uff“, stöhnte Karl Nilpach.

„Komm, wir wollen uns beeilen“, mahnte Chris. „Noch hundert Schritt, dann reicht die Entfernung zum Hubschrauber.“

Die Röhre wurde immer enger.

„So, hier“, sagte dann Chris. Es war eine Stelle, an der sie gerade noch aufrecht stehen konnten. Ein Faserbündel wölbte sich besonders kräftig aus dem Röhrenboden. Dort brachten sie die Sprengladung an. Dann rannten sie zurück. Karl Nilpach stürzte, schlitterte über mehrere der angedeuteten Ringe und blieb dann in einer Mulde in Deckung liegen.

Kurz nach der Explosion trat erneut höchste Beschleunigung ein. Die Swallow hatte offenbar abermals die Flugrichtung gewechselt, die Röhre stand einen Augenblick beinahe senkrecht.

„So“, sagte Karl Nilpach, „Nun bereite dich auf den großen Flug vor!“ Sie nahmen den Giftbehälter auf und arbeiteten sich abermals nach vorn, auf den Krater zu, der sich deutlich als dunkle Stelle abzeichnete. Ein kleines Blutrinnsal kam ihnen entgegen. Das Faserpaket war in einer Breite von zehn Fuß aufgerissen, aus den gezackten Rändern sickerte Blut.

„Ob sie überhaupt etwas gemerkt hat?“, fragte Chris.

„Vielleicht einen Augenblick einen leichten Hustenreiz?“, mutmaßte Karl Nilpach.

„Also los“, sagte Chris entschlossen. Er öffnete den Kanister und goss den Inhalt dorthin, wo in einem aufgerissenen Faserbündel mehrere Blutgefäße heftig pulsierten. „So, nun zurück. Wir sollten in der Maschine sein, bevor es losgeht.“

„Vorausgesetzt, es geht los“, bemerkte Karl Nilpach.

„Wieso?“

„Na, ausprobiert ist das Zeug in der Praxis nicht.“ Karl Nilpach wies auf ihre Umgebung. „Bald zwanzig Fuß, der Röhrendurchmesser. Kannst du dir da die Größe des gesamten Biests vorstellen?“

Im Hubschrauber hatte Aufregung geherrscht, die sich erst legte, als die beiden Männer die Schleuse passiert und ihre beschmierten Anzüge abgelegt hatten.

„Es sah nicht gut für euch aus, als die Äsung angeschlittert kam“, bemerkte Charles Ennil wenig taktvoll. Und er fuhr, an Chris Noloc gewandt, fort: „Was wird nach deiner Meinung nun eintreten?“

„Erst einmal abwarten, wie Carols Cocktail wirkt“, antwortete Chris gelassen.

„Der wirkt!“ Carol forderte mit einer Armbewegung Aufmerksamkeit. Sie schien gefasst, hatte ihre Schwäche offenbar überwunden. „Merkt ihr, ich glaube, es geht los!“

In der Tat schienen die Beschleunigungskräfte nachgelassen zu haben. Plötzlich war ein dumpfer Aufschlag zu spüren, dann lief ein Zucken durch die Umgebung, danach gab es einen Ruck; ein Dehnen entlang der vor dem Fenster sichtbaren Muskelfasern veränderte beängstigend die Lage der Flugmaschine. Sie klammerten sich fest. Die Kabine begann sich zu neigen, drehte sich im Halbkreis und blieb, das Unterste zuoberst, stehen.

Dann herrschte Ruhe. Sie lösten sich aus der verkrampften Haltung und ließen sich auf die Kabinendecke herab, die jetzt den Fußboden bildete! Zögernd begannen sie, die herumliegenden Gegenstände zu ordnen.

Es schien, als berühre der Tod des Tieres die gesamte Mannschaft. Immerhin hatten sie fremdes Leben vernichtet, und irgendwie empfand jeder unausgesprochen das gleiche Unbehagen.

Daher klang es leicht gekünstelt, wurde aber erleichternd aufgefasst, als Karl Nilpach nach einer Weile sagte: „Gemütlich, nicht?“

„So, was nun?“, fragte Carol forsch, „wie kommen wir hier nun raus?“

„Zu Fuß, wie sonst?“, erwiderte Gela.

„Und der Huschrauber? Wie willst du die Entfernung zum Schiff zurücklegen?“ Carol gab nicht auf. „Nach der hergebrachten Methode hätten wir die Maschine vielleicht gerettet. Wer weiß, wo uns die Swallow hingeschleppt hat, ob wir zur ,Ozean‘ überhaupt noch Verbindung herstellen können.“

Chris Noloc saß dem Cockpit am nächsten. Er richtete sich auf, erfasste die Lehne des über ihm hängenden Pilotensitzes, zog sich hoch, verspreizte die Beine zwischen Lehne und Armaturenbrett und schaltete das Funkgerät ein.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis sich die Zentrale meldete. Alle atmeten auf.

Chris schilderte die Situation, dann bat er um eine Entfernungspeilung und teilte wenig später mit: „Wir sind nur zweiunddreißig Meilen vom Schiff entfernt.“ Er ließ sich herabgleiten. „Vorläufig kann niemand zu Hilfe kommen, ein Unwetter zieht auf. Da der große Bergungshelikopter nicht montiert ist, wird Hilfe vor morgen früh nicht möglich sein. Tocs ordnet deshalb an, bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu unternehmen, sondern auszuharren. Er hält unsere Lage für sicher. Ich bin aber der Meinung“, setzte Chris hinzu, „dass wir versuchen sollten, die Maschine wieder aufzurichten.“

„Tocs hat leicht reden - aus zweiunddreißig Meilen Entfernung“, sagte Ennil. „Wissen wir, was mit dem Kadaver der Swallow unterdessen alles geschehen kann?“

Sie übergingen Ennils Bemerkung. „Wir sollten den Hubschrauber auf die Beine stellen“, sagte Gela.

Das Unterfangen erwies sich als gar nicht so schwierig, wie es zunächst den Anschein hatte. Als sie mit großen Äxten die Muskelfasern, die die Achse der Steuerschraube festhielten, in mühevoller Arbeit durchtrennt hatten, rutschte die Maschine in die Mitte der Röhre, glitt darüber hinaus und ließ sich mit einem Flaschenzug und Gegenhalt an den Radstützen verhältnismäßig leicht aufrichten. Hier kam ihnen der schlüpfrige Untergrund zupasse.

Sie nahmen die verbogenen Rotorblätter ab, eine Arbeit, die sehr kompliziert war, da die elastische Röhrenwand kaum Bewegungsfreiheit ließ, und starteten den Motor. Er sprang zur allgemeinen Freude sofort an.

„Wenn wir die Maschine hier rausbekommen, fliegt sie in zwei Stunden wieder - ohne Hilfe von der ,Ozean‘“, sagte Karl Nilpach. Nach dem Abendessen ordnete Ennil Nachtruhe an.

Gela Nylf hätte zunächst nicht zu sagen vermocht, wodurch sie geweckt worden war. Sie lauschte. Doch sie hörte nur, wie die Gefährten atmeten - Ennil schnarchte leicht. Halt, war da nicht ein Schaben, so als glitte Plast über Metall? Gelas Herz klopfte bis zum Halse. Aber plötzlich war alles wieder still. Der Schlaf kam lange nicht wieder. Im Dahindämmern sah sie riesige Ungeheuer auf sich zukriechen, da sprang Chris mit einem Schwert hinzu, er hieb auf die Wesen ein, auf einmal hatte Chris das Gesicht Harolds, dann war es wieder Chris, danach waren es Chris und Harold in gleicher Rüstung. Sie kämpften wie besessen, aber die Bestien wurden immer wilder, und es kamen immer mehr. Da wurde Chris, nein Harold, gepackt. Zangen ergriffen ihn, legten sich knirschend um die Rüstung.

Gela fuhr hoch. Kein Zweifel, da war ein Tappen, ein Schaben, und, kein Traum also, jenes durchdringende Knirschen.

„Chris, Karl, hört ihr?“, rief sie verhalten. Sie konnte nicht verhindern, dass sie am ganzen Körper bebte.

„Ja, Gela?“, kam es aus Chris’ Richtung.

Plötzlich spürte sie eine Bewegung neben sich. „Ich bin’s“, flüsterte Chris.

Sie griff nach seinem Arm, seiner Hand. Er spürte ihre Erregung.

„Keine Angst“, raunte er. „Die Kabine hält was aus. Ich höre es schon eine ganze Weile.“

„Was kann es sein? Wir sind doch im Inneren der Swallow“, fragte Gela, ebenfalls flüsternd.

Chris gab keine Antwort. Dann flammte der Strahl einer Handlampe auf, irrte über die Lehnen der Pilotensitze und stach mitten in das Gesicht einer riesigen Bestie.

Gela unterdrückte einen Aufschrei. Sie umklammerte Chris’ Arm, dass es schmerzte.

„Es kommt nicht rein“, raunte er. „Behalt die Nerven!“

Langsam lockerte sich Gelas Griff; dann ließ sie los, rückte sogar ein Stück von Chris ab.

Trotz der verharrenden wahrhaft schrecklichen Bestie am Kabinenfenster, trotz der möglichen Gefahr dachte Chris: Ob sie sich jetzt geniert, Angst gezeigt zu haben, die mutige Gela? Er lächelte. Dann sagte er so ruhig wie möglich, gezwungen gleichgültig: „Möchte wissen, wo die herkommt!“

Er leuchtete mit Bedacht den Kopf des Tieres ab. Es schien, als nähme das Ungeheuer das Licht der Lampe nicht wahr. Zwei beborstete Fühler spielten außen auf dem Glas der Scheibe hin und her, aber das Bervorstechendste war eine zackenbewehrte Zange, bei deren Anblick Zweifel ob der Haltbarkeit der Kabine kommen konnten. In der geöffneten Zange bebten unaufhörlich schaufelartige Platten, die wohl die Aufgabe hatten, die Beute in den Rachen zu fördern.

„Es ist eine Ant“, sagte Chris obenhin, als sei das, was sie sahen, lediglich Anschauungsmaterial im Biologieunterricht. „Früher gab es sie zu Hause auch. Es sind mehrere Arten bekannt“, jetzt dozierte er mit leichter Ironie, natürlich wusste das Gela auch, „unterschieden nach Farbe und Größe, manchmal auch nach der Art der Nahrungszubereitung. Wenn ich den Kopf so sehe, das Biest hat sicher zwanzig Fuß Länge.“ Chris wurde wieder ernster. „Sie schafft das Panzerglas trotzdem nicht. - Aber entscheidend bleibt: Wo kommt sie her?“

„Müssten wir die anderen nicht wecken?“, fragte Gela.

„Auf keinen Fall!“, erwiderte Chris. „Wir legen uns auch wieder hin. Eine Gefahr droht jetzt nicht, aber wer weiß, was uns morgen erwartet. Nur, ich möchte gern noch feststellen, ob sie allein ist.“ Chris kletterte behutsam auf den Pilotensitz und bemühte sich, aus der Wölbung der Scheibe heraus so viel wie möglich von der Umgebung des Hubschraubers aufzunehmen. Als er den Kopf nach oben drehte, hätte er beinahe einen Ruf der Verwunderung ausgestoßen: Zwischen zwei schwarzen, nicht definierbaren blockartigen Gebilden schimmerte ein mattes Lichtpünktchen. Wäre er sich nicht sicher gewesen, sich im Inneren einer Swallow zu befinden, er hätte geschworen, dort oben sei ein Stern.

Dann schaltete er die Bugscheinwerfer ein. Als das grelle Licht sie traf, verharrten die Ants einen Augenblick. Mehrere von ihnen befanden sich im Blickfeld, gespenstig vor dem dunklen Hintergrund. Einige trugen Stücke der Muskelfasern, andere gruben ihre Zangen in die weichen Teile der Röhrenwandung. Der Hubschrauber schien sie nicht im Geringsten zu stören und - was Chris als wesentlicher empfand - nicht zu interessieren.

Chris kroch zurück. Er ertastete Gelas Hand, drückte sie kurz und flüsterte: „Schlaf, die wird sich verlaufen haben, ist sicher durch den Schlund gekommen. Es war nichts weiter zu sehen.“

Er legte sich neben sie zum Schlaf. Gela war ihm dafür dankbar. Behutsam entzog sie ihm ihre Hand.

Es wird wohl doch ein Stern gewesen sein, dachte Chris, und er fühlte sich wohl bei diesem Gedanken. Schon im Einschlafen verspürte er ein leichtes Beben des Bodens. Recht so, packt nur zu, dachte er, dann schlief er endgültig ein.

Zweites Kapitel

Res Strogel streckte ihre langen Beine von sich und lehnte sich auf der Bank weit zurück. Den Kopf beugte sie in den Nacken, dass sie die Lehne der Bank an den Stoppeln der extrem kurz geschnittenen Haare spürte.

Die vielen Vorübergehenden konnten sie so für eine sonnenhungrige Müßiggängerin halten, die die durch das Kuppeldach dringenden UV-Strahlen der tief stehenden Wintersonne auf sich wirken ließ.

In der Tat spürte Res einen Augenblick die wohlige Wärme, spürte den Duft eines Jasminstrauches, der irgendwo in der Umgebung blühen mochte, und sie lauschte auf das Geplärr der Spatzen. Sie ließ nicht ohne Anstrengung aus ihrer Haltung heraus den Blick in die Runde gehen, betrachtete die Fußgänger, einige Mütter, die gemeinsam mit ihren Kindern die Heimtage verbrachten, sie sah die Blumen und blühenden Sträucher, die Bäume und die Reflexe der Kuppel hoch über sich, die diese kleine Welt gegen Frost und Winterstürme schützte.

Aber hinten, in ihrer Blickrichtung, zwischen den Blütenkerzen einer Kastanie, schimmerte das Rostigrot des aus der Ratioepoche stammenden Kubus, in dem das Institut untergebracht war. Res empfand einen winzigen Augenblick doppelt den Kontrast zwischen den Annehmlichkeiten dieser Bank und dem, was sie gerade hinter sich gebracht hatte, dann fühlte sie sich nur noch leer, unsagbar leer und hatte das Empfinden, ewig hier in der Sonne sitzen zu können, nichts mehr denken zu müssen, nur die Natur ringsum spüren.

Res hob den Kopf. Ein Spatz segelte an ihr vorbei, landete unmittelbar vor ihr. Er sah sie schief an, hüpfte noch näher und hackte - nachdem er sich vergewissert hatte, dass der lang hingestreckte, bewegungslos^ Mensch ihm nicht übelwollte - nach einer gebogenen, am Rande des Weichplastweges in den Rasen gespießten weißen Feder, die er offenbar für die Ausstattung seines Nestes um alles in der Welt bergen wollte. Allein, er bekam sie nicht los. Auch als er die Flügel zu Hilfe nahm, hatte er keinen Erfolg.

Res fühlte sich belustigt. Außer diesem um seine Bequemlichkeit besorgten Spatz existierte für sie nichts weit und breit.

Das Federknäuel wurde offenbar wütend, es ruckelte am Kiel der Feder, schleuderte Grasteilchen auf den Weg, aber das Ziel seines Mühens saß fest.

Res blickte ärgerlich auf, als ein Spaziergänger störend nahte. Aber der Vogel hüpfte nur ein paar Schritte davon und machte sich dann erneut an seine Arbeit.

Dann rannte ein Kind vorbei. Der Spatz schwirrte in einen nahen Baum, war verschwunden.

Enttäuscht lehnte sich Res zurück. Und sofort war es wieder da, das Grübeln. Die Erinnerung an die Unterhaltung mit Mexer oder besser an die Belehrung durch Mexer, kaum eine Viertelstunde her, ließ sie immer noch Argumente suchen. Aber gleichzeitig war ihr schmerzlich bewusst, dass die besten Argumente wohl kaum mehr in der Lage sein würden, Mexers vorgefassten Entschluss, die Arbeit nicht anzunehmen, zu revidieren.

Bei aller inneren Bereitschaft Res’, sich selbst nichts vorzumachen, blieb Tatsache, dass sie nichts unterlassen hatte, um die Arbeit erfolgreich abzuschließen. Und was war seine, Mexers, Quintessenz? Spekulativ, wissenschaftlich zuwenig untermauert. Dass die Arbeit eine akzeptable praktische Lösung bot, schien ihm unwichtig.

Mit hohem Einsatz gespielt und - verloren. Res zog bitter lächelnd die Mundwinkel nach unten. Blöde Redewendung, dachte sie sarkastisch.

Sein Drängen nach Sicherheit! Ha. Ich wäre neugierig, wie das aussehen soll, was sein Institut angeblich bald entwickelt haben will, um den Bakterienstrom zu vernichten. Vernichten! Als sei das eine Lösung.

Einen Augenblick dachte Res daran, wie sie anfangs selbst versucht hatte, diesen vitalen Mikroben mit Gewalt beizukommen. Sie fühlte Freude, dass es damals misslungen war. Und trotzdem ...

Es schwirrte, und da war er wieder, der Spatz. Die Feder hatte es ihm angetan.

Res verscheuchte ihre Gedanken und sah ihm zu. Er zerrte und hackte, und Res hätte beinahe aufgelacht, als er schließlich das Gleichgewicht verlor, nachdem sich die Feder mit einem Ruck aus ihrer Verstrickung gelöst hatte. Nun hatte er es eilig, schnappte die Beute und flog, nun als weißer Tupfer, in seinen Baum. Res schien, als flöge er trotz seiner Last leichter.

Recht so, Spatz, nicht aufgeben! dachte sie, und sie stand unvermittelt auf. Sie blickte hinüber zum Institut, und sie murmelte: „Wir werden sehen!“ Dann straffte sie sich, kehrte mit der Schuhsohle die Graskrümel vom Wegbelag und ging zielstrebig auf die Terrasse des Kuppelrestaurants zu.

Zu dieser frühen Mittagszeit herrschte noch wenig Betrieb. Sie suchte sich einen Platz, von dem aus sie den Gastraum überschauen konnte, fuhr zerstreut mit dem Finger über die Tastenleiste des Wähltableaus, und einem plötzlichen Entschluss folgend, gab sie dem Disputer ein ziemlich reichhaltiges Menü ein.

Erst jetzt sah Res sich um. Der Gastraum, ursprünglich zweckschön eingerichtet, machte einen leicht verwahrlosten Eindruck: Die Blumen auf den Tischen vorgestrig, die Servicebänder hie und da fleckig, in dem zwischen den Tischreihen liegenden Faserteppich hingen Fusseln.

Res hatte die Musterung noch nicht beendet, als neben ihr der Summer anschlug und das Serviceband mit dem Gewünschten stehen blieb.

Res blickte auf die Speisen und - stutzte: Da war ein leerer Teller. Über die Forelle auf der danebenstehenden Platte ringelten sich Gemüseschnitzel aus der ukrainischen Soljanka, in der Kompottschale befand sich eine Flüssigkeit, die wie zerlassene Butter aussah, und in einer Saftlache lagen Ananaswürfel auf dem Band.

Res’ erste Regung war Ärger. Dann fand sie, dass das ganze durchaus einen humorigen Aspekt hatte. Sie orientierte sich auf der Tastatur und rief dann durch Knopfdruck den Ordnungsdiensthabenden.

Es kam, verblüffend rasch, ein blasser junger Mann.

„Bitte“, sagte Res freundlich, „sieh dir das an!“ Sie wies mit der Hand auf das Band.

Der junge Mann sah, runzelte die Stirn und meinte dann heiter: „So ein Luder! Bockt schon wieder. Diesmal lässt es also das Band vornweg laufen. Da muss ...“, er legte den rechten Zeigefinger überlegend an die Wange, „... wahrscheinlich der Impulsgeber eine Macke ...“ „Ja, ja“, unterbrach Res ungeduldig, aber belustigt. „Aber mein Impulsgeber ist durchaus in Ordnung. Und stell dir vor, der signalisiert Hunger. Also sieh zu, dass dein Luder das nächste Mal die Forelle nicht in das Kompott stippt.“

„Schon klar, schon klar“, beteuerte der Ordnungshüter. Er ließ das Band anlaufen und verschwand.

Res hatte der kleine Zwischenfall endgültig aufgeheitert. So oder so, dachte sie. Meine Aufgabe draußen muss ich ohnehin zu Ende führen. Es wird sich herausstellen, wer recht behält. Nur dumm, dass noch beträchtlicher Schaden entstehen kann. Dann verspürte Res plötzlich das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, nicht unbedingt über die Arbeit und den Reinfall, nur eben so.

Wenn ich von den Kindern komme, mache ich einen Plausch mit Ev, nahm sie sich vor.

Neben ihr tat das Band einen Ruck, dann noch einen und einen dritten. Res lächelte. Sie war sich sicher, dass der Blasse nunmehr das Band mit Handeingabe gesteuert hatte. Tatsächlich entsprach das, was wenige Augenblicke später angefahren kam, der Bestellung, und es schmeckte vorzüglich. Offenbar konnte das Luder doch ganz gut Speisen zubereiten.

Du verdirbst mir den Appetit nicht, dachte sie boshaft und meinte Mexer, von dem sie wusste, dass er an der selten gewordenen chronischen Gastritis litt, und die gönnte sie ihm im Augenblick von Herzen.

Noch einmal fiel ihr die Aussprache ein. Wenn er mit seinem Vernichtungsplan durchkommt, kann ich alles fortwerfen, auch die Hypothese ... Ich würde vor allem kein Material mehr haben, an dem ich meine Vermutungen beweisen könnte. Schöner Mist! Ach was ...

Es dauerte eine Stunde, bis die Verbindung zustandekam. Res hatte extra das Minivideophon des Hotelzimmers gegen eines austauschen lassen, das in Lebensgröße projizierte.

Da der Telecomp die Zusammenkunft angekündigt hatte, zeigte sich Ev nicht überrascht. Sie sagte zur Begrüßung: „Hallo, Res, Mädchen, ich freue mich, dass du dich einmal sehen lässt. Wann war es das letzte Mal? Voriges Jahr, Silvester, nicht? Was machen deine Betonfresser? Gut schaust du aus. Der Stoppelkopf steht dir ausgezeichnet. Kann ich mir mit meinem abgeflachten Schädel nicht leisten. Sag, wie geht’s, was machen die Kinder?“

„Uff“, stöhnte Res. „Hat dein Gwen - du bist doch noch mit ihm zusammen?“ Als Ev heftig nickte, fügte Res hinzu: „Na ja, man kann ja nie wissen! Gwen soll ja so was wie ein Gefährtinnenprobierer wider Willen gewesen sein. Also hat dein Gwen noch nicht beruhigend auf dich gewirkt!“

Ev lachte.

„Das wird wohl meine Tätigkeit machen, dass er das nicht schafft“, erklärte sie.

Res nickte. „Müsst euch eben anstrengen mit euren Dienstleistungen, damit sich nicht so viele beschweren. Dann brauchst du sie auch nicht mehr beschwichtigend zu beschwatzen. Ich hatte eben so ein Erlebnis. Kommen die neuen Kochservierautomaten nicht aus eurer Bude? - Gwen ist wohl nicht zu Hause?“

„I wo“, antwortete Ev, „mit seinem UNO-Ausschuss irgendwo in Algier - also gar nicht so weit von dir. Es geht um Feinsandverfestigung oder so etwas. Er stirbt für die Aufgabe. Also - wie geht’s den Kindern, und was macht deine Arbeit?“

„Von meinen beiden komme ich gerade. Denen geht es prächtig. Ich hatte sie jetzt vierzehn Tage nicht gesehen. Hier - schau!“ Res hielt eine Stereoaufnahme von den beiden Kindern, einem Jungen von acht und einem Mädchen von zehn Jahren, vor das Objektiv. „Diese neuen Kinderstätten sind ausgezeichnet. Außerdem nutze ich, so gut es geht, die tägliche Videostunde. Die macht uns allen großen Spaß. Ihr habt eure Maud noch zu Hause?“

Ev nickte erneut.

„Tja, und die Arbeit“, fuhr Res fort. „Vorhin bin ich bei Mexer damit rausgeflogen. Damit ist Schluss - zunächst mal.“

„Was?“ Ev war ehrlich entrüstet. „Bist du verrückt? Was hast du da für Grips investiert und Mühsal auf dich genommen, und, gib es zu, dass Tom euch davongelaufen ist, hängt doch auch ein wenig mit deiner Arbeitsbesessenheit zusammen. Und nun? Der Mexer ist doch jener Ehrgeizling, der ohne Praxis, nicht? Hat er nicht selber eine Arbeit geschrieben, die Präberufung, mit der niemand etwas anfangen kann?“

„Halt die Luft an“, rief Res belustigt. „Ja, Mexer. Aber er muss schon seine Qualitäten haben, sonst hätten sie ihn nicht berufen. Superfleißige Leute werden an einer Akademie auch gebraucht. Außerdem kenne ich ihn besser. Ich habe schließlich fünf Jahre lang mit ihm zusammen studiert.“

„Na ja, weiß ich. Und da fällt dir nichts auf? Meinst du nicht, dass er in dir einen sieht, der seine Stelle einnehmen könnte, weil er besser ist? So einer hat dafür ein Gespür! Du würdest doch mit dem erfolgreichen Abschluss deiner Arbeit ebenfalls die Berufungsqualifikation erwerben. Da wird mir manches klar!“ Ev klopfte sich erregt mit der flachen Hand an die Stirn, als hätte sie soeben entdeckt, wie die Lichtgeschwindigkeit zu überbieten wäre.

„Das ist absurd“, sagte Res mit schwachem Protest, „schließlich leben wir im zweiundzwanzigsten Jahrhundert!“

„O ja.“ Ev wurde bissig. „Wir morden und stehlen nicht, das Betrügen haben wir aufgegeben. Die Sexualkranken und die Kleptomanen sind durch eure famose Genbeeinflussung geheilt, ich weiß. Aber die Pille gegen übersteigerten Ehrgeiz, gegen Missgunst, die fehlt noch. Und stell dir vor, es soll sogar noch Eifersucht und Gekränktsein und ähnliches existieren!“

Das letzte hatte Ev mit unverhohlenem humorigem Spott gesagt. Ihre etwas vollen Wangen hatten sich gerötet, und ihre Haare erschienen noch struppiger als am Anfang des Gespräches. „Das bringt sogar Gwen in Rage, wenn ich ihm das erzähle. Und du sitzt so ruhig da und nimmst das hin.“

„Ein wenig gewurmt hat es mich schon“, gab Res zu.

„Bist du auf Mexer angewiesen?“

„Im Augenblick schon. Nur, ich war mit meinem Thema bei den Gengrundlagen ohnehin nicht richtig aufgehoben. Die Genpraktiker sind allerdings noch ungenügend etabliert, außerdem ist mir doch der Mut ein wenig genommen. Ein anderes Institut, ich weiß nicht ...“ „Mach das, lass den links liegen, sage ich dir.“ Ev hob beteuernd die Hände.

„Ich würde ja eventuell auch aufgeben“, bemerkte Res ein wenig kleinlaut, „nur, ich bin überzeugt, dass ich erstens recht habe und zweitens das Thema, ohne dass ich mich loben will, eine überregionale Bedeutung hat.“ Res sprach dann lauter. Sie gab sich gleichsam einen Ruck: „Stell dir vor, wir haben den Strom dieser Betonfresser, wie du sie nennst, eindämmen können. Wir halten ihn etwa fünfzig Meter breit. Nur von der Straße bekommen wir ihn nicht herunter, zumindest nicht ohne gewaltigen Aufwand. Wir haben sie vor ihm weggeräumt, versteh bitte, den kleinsten Krümel weggeräumt, er verlässt die Trasse nicht. Es ist, als spürte er den Staub noch auf, als witterte er, dass vor ihm die Stadt ist, in der er sich abermals satt fressen kann.“

„Und vernichten?“ Evs Gesicht zeigte jetzt nicht mehr die Unbekümmertheit, die ihr sonst eigen war. „Letztens sprachst du davon, dass ihr mit Feuer und diesem - wie heißt das Zeug, das ihr aus den Unterlagen der alten Militärarchive gekramt habt ...?“

„Napalm, ein übles Zeug, mit dem seinerzeit viel Leid über die Menschen gebracht worden ist“, bestätigte Res. Über ihr Gesicht ging ein Schatten.

„Ja, das meine ich“, sagte Ev.

„Ohne Erfolg - im Gegenteil.“ Res winkte ab. „Sie kapselten sich ein, belebten sich später und vermehrten sich dann rasend, als sei etwas aufzuholen. Und da das zu verschiedenen Zeitpunkten geschah, gerieten sie uns beinahe außer Kontrolle. Es ist vorgekommen, dass weit hinten auf der Trasse, dort, wo wir dachten, es sei alles abgegrast, es gäbe für sie keine Lebensbedingungen mehr, sich ein Herd aktivierte und seitlich ausbrach. Was blieb uns anderes übrig, als ihn mit List, indem wir entsprechende Nahrung streuten, wieder an die Hauptfront heranzuführen. Du machst dir keine Vorstellungen, welcher Aufwand dort getrieben wurde. Fahr- und Flugzeuge waren und sind ständig im Einsatz, der Effekt ist so gering ... Aber ich bin überzeugt, sie vernichten zu wollen wäre Irrsinn. Unter Kontrolle bringen und untersuchen, auch wenn es noch mehr Lehrgeld kostet. Und dann den Erkenntnissen Nützliches für uns entnehmen. Es steckt gewiss eine Menge drin ...“

„Also lässt sich nichts machen - nur eindämmen und kontrollieren. Und der Ursprung? Das war doch deine Strecke.“

„Ist sie noch“, sagte Res lächelnd. „Ich habe eine ganze Menge untersucht. Die Struktur der Zelle, ihr Fortpflanzungsmechanismus, die Fähigkeit der Anpassung und Resistenz, all das ist uns weitgehend bekannt. Und das habe ich in der Arbeit auch beschrieben. Aber wir haben das Befehlszentrum nicht und nicht den Ursprung. Das ist hypothetisch und genau das, was Mexer als spekulativ abtut. Alles andere zählt nicht. Aber ich bin überzeugt, dass die Hypothese stimmt, nur müssen wir anders herangehen, wenn wir sie beweisen wollen. Aber ohne Mexers Unterstützung wird es nichts werden - na, lassen wir das jetzt. Dabei kann er ganz sicher nicht ermessen, was es heißt, die aggressiven Zellen überhaupt unters Mikroskop zu bekommen und zu untersuchen, bevor sie sich durch den Objektträger gefressen haben. Was denkst du, was es für Mühe gemacht hat, ein Gefäß zu finden, um sie aufzubewahren, also einen Stoff, den sie nicht mit Appetit verspeisen.“

„Und da war sicher alle Mühe, dieses Boutilimit zu erhalten, von vornherein sinnlos?“, fragte Ev.

Res schüttelte energisch den Kopf, stand dann auf, entnahm einem Fach neben dem Videor eine Kassette und erläuterte: „Und ob wir uns Mühe gaben. Hier, wenn du mal einen Blick dorthin werfen willst?“

Ev nickte aufgeregt.

Res schob die Kassette in den Apparat und drückte die Starttaste. Im nächsten Augenblick befand sich der Betrachter offenbar in einem niedrig fliegenden Gleiter, mitten im Zentrum Boutilimits. Erbaut wurde diese City um die Jahrtausendwende, ein Wechsel zwischen hoch aufstrebenden Betonsäulen und flachen Quadern, unterbrochen die Fassaden von zahllosen Fenster- und Balkonfronten, aufgelockert durch Profanornamentik und stilisierte Plastiken. Zwischen den Bauten Betonplatten und Plastewege, Grünflächen, Springbrunnen, Asphalttrassen.

Aber es war dies keine Großstadt mit normal pulsierendem Leben. Nicht, dass keine Menschen zu sehen gewesen wären. Im Gegenteil. Sie standen in Gruppen, diskutierten. Die Gesichter, sobald die Kamera einige herausgriff, zeigten Erregung, Empörung. Da und dort drohten sogar Fäuste zum Objektiv. Nur wenige Fahrzeuge fuhren. Die Schaufenster der Magazine waren leer, über einige zogen sich breite Klebstreifen.

Das Bild wechselte. Wieder Straßen. Vor den Häusern Menschengewimmel. Auf Lastgleiter wurden Gegenstände geworfen. Möbel, Bündel. Weinende Kinder waren zu sehen, erregte Mütter, hastende Männer. Dazwischen Uniformierte in Gruppen. Überall Unruhe und Chaos.

Dann tauchten lange Fahrzeugkolonnen auf. Sie fuhren in Staubwolken zum Großraumflugplatz, Gleiter stiegen auf, überladen. Erregte und weinende Menschengesichter huschten am Objektiv vorbei.

Eine Szene: Uniformierte der Sicherheitspolizei schoben eine alte Frau, die heftig gestikulierte, in einen Gleiter ... Wieder ein Schnitt in den Aufzeichnungen. Ein gänzlich verändertes Bild - nein, es war die Stadt, Ansichten der City, aber menschenleer. Die stehenden Bilder, in gleißender Sonne gefilmt, vermittelten eine unheildrohende Stille. Der Kameragleiter stand, stand lange. Die Einstellung zeigte den Fuß eines Hochhauses von etwa dreißig Stockwerken. Vor dem Haus ein Grasstreifen, davor ein Plattenweg.

Die Kamera schwenkte auf den Plattenweg. Aber das waren keine Platten mehr, da lag eine brodelnde, graue, blasige Masse.

Dann ein Ausschnitt der gestrichenen Wandfläche: Die Farbe veränderte sich, Staub rieselte, die ehemals glatte Fläche wurde porig, schrumpfte zusammen. Langsam kroch es hoch, als söge ein Löschblatt graues Wasser. Das Staubrieseln wurde stärker, der Fuß der Wand versank in einer Wolke ...

Dann verkleinerte sich das Bild. Der Gleiter entfernte sich. Wenig später sackte das riesige Hochhaus in sich zusammen - ohne Detonation, nur begleitet von dumpfem Poltern, dem Singen reißender Stahlarmierungen und dem Bersten von Glas ...

Eine Totale: Gespenstig sanken da und dort weitere Häuser in sich zusammen, andere kippten. Dann quoll Staub auf, hüllte mehr und mehr das Sterben der Stadt in eine barmherzige Wolke.

Plötzlich eine ganz andere Kameraeinstellung: Menschen in Schutzanzügen auf Tankwagen und Maschinen schoben Dämme, sprühten Schaum, schemenhaft in Aerosol und Staub. Sie arbeiteten hastig, aber nicht hektisch, ohne Panik.

Das Bild schwenkte auf einen Gleiter, der in etwa sechs Meter Höhe seitlich über dem Geschehen hing. In ihm stand ein ebenfalls vermummter Mensch vor einem Sprechgerät. Aber dann riss plötzlich das Bild ab ...

„Das war ich“, sagte Res und räusperte sich.

„Entsetzlich“, sagte Ev. Ihr Gesicht war gerötet, Grauen stand noch im Blick.

„Ja“, bestätigte Res wortkarg, „grauenvoll und - gewaltig!“

Nach einer Pause fragte Ev: „Und die zweite Stadt, die auf dem Weg liegt, Noua...?“

„Nouakchott“, half Res. Sie zuckte leicht mit den Schultern.

„Muss wahrscheinlich vorsichtshalber auch evakuiert werden, aber planvoller, als die erste. Wir versuchen, bakteriologische und chemische Dämme zu errichten, um große Teile zu retten. Leider haben diese alten Städte zu viel Beton, und wir brauchen einen massiven Schutzgürtel von mehreren Metern.“

„Aber was soll werden, später?“

„Den Sekundärursprung suchen, nach meiner These.“

„Wieso sekundär?“, fragte Ev.

„Nun, es müsste einen Urheber geben, ich glaube an keine natürliche, zufällige Entstehung, verstehst du? Und das schmeckt Mexer natürlich nicht.“ Res blickte jetzt spöttisch schlau. „Deshalb hört ihr auch jetzt von diesen Ereignissen nichts mehr, wegen möglicher Beunruhigung. Man kann darüber geteilter Meinung sein.

Also Sekundärursprung: Damit meine ich das Programm, das die Bakterien haben. Es muss entschlüsselt werden, damit wir die Befehle geben. Was bis dahin passiert, wer weiß. Wir arbeiten im Augenblick nach der Methode, ,Prozessionsspinner' mit hohem Aufwand im Kreis laufen lassen. Das gefällt Mexer. Vor ihnen muss immer als Futter eine Betonpiste geschüttet werden, der sie dann nachlaufen. Stammt übrigens auch von meinem Kollektiv.“

„Und sie so von der Stadt ablenken?“, fragte Ev zaghaft.

„Das ist im jetzigen Stadium auf die Dauer ökonomischer Blödsinn. Wir haben zum Schutz der Stadt schon zuviel unternommen, auch vieles weggerissen. Die Innenstadt stand ohnehin vor einer Sanierung. Es wird insgesamt billiger, Teile der Stadt jetzt preiszugeben und modern wieder aufzubauen. Wie sagten die Alten? Aus der Not eine Tugend machen. Und dafür ist uns der Strom letztlich eine Hilfe, wenn wir ihn entsprechend lenken. Das ist durchgerechnet.“

Ev nickte zustimmend. Dann fasste sie zusammen: „Also, ihr habt diesen gefräßigen Organismenstrom im Griff, meint zu wissen - oder du meinst das -, dass er programmiert ist, habt aber keine Ahnung, wo er herkommt, was sein Programm bedeutet und - vor allem - wer ihn programmiert hat. Nicht eben viel. Solange er sich bis zu einem gewissen Grad lenken lässt, seht ihr also keine Gefahr ...

Und wenn er plötzlich Beton satthat, sich sozusagen als Nachspeise über Stahl hermacht, dann baut ihr ihm eine Eisenbahn, immer hübsch im Kreise ...“

Res lachte. „Hör schon auf!“, sagte sie. „Aber im Grunde hast du recht. Und insofern ist das Resümee meiner Arbeit natürlich risikovoll. Es müsste - wie gesagt - ein großes Kollektiv ran, das unmittelbar mit den Organismen arbeitet, sie umprogrammiert. Das kann lange dauern, und das Ergebnis ist fraglich. Ein solches Risiko geht eben nicht jeder ein, niemand ist dazu zu zwingen. Außerdem konnte ich bei Mexer mit meinem Vorschlag, uns solche Organismen nützlich zu machen, überhaupt nicht landen. Man könnte Fels vernichten, fräsen und bohren ... Er will sie vernichten. Es ist freilich das kleinere Risiko.“

„Du - ist das nichts für Gwen und seinen Ausschuss?“, rief Ev, einer plötzlichen Eingebung folgend. Sie sprang vor Begeisterung auf, ungeachtet der Tatsache, dass ihr Gesicht aus dem Bereich der Kamera verschwand.