Einfach Leben - Grun Anselm - ebook

Einfach Leben ebook

Grun Anselm

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Opis

Einfach Leben heißt: im Einklang mit sich selber leben. Nicht an Äußerlichkeiten hängen, sondern frei und authentisch sein. Offen bleiben für das, was gerade ist. Anselm Grün, der mit seinem periodischen »Einfach Leben«-Brief eine begeisterte Leserschaft erreicht, versammelt hier seine schönsten Texte zur Lebenskunst.

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Anselm Grün

Einfach leben

Das große Buch der Spiritualität und Lebenskunst

Herausgegeben von Rudolf Walter

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2011

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-33660-7

ISBN (Buch) 978-3-451-32385-0

Inhalt

Vorwort Einfach leben

Teil 1 Im Rhythmus des Jahres

Alles hat seine Zeit

Januar Zeit des Aufbruchs

Februar Zeit für Feiern und Verzichten

März Zeit des aufbrechenden Lebens

April Zeit für das Geheimnis des Lebens

Mai Zeit der Liebe und der Schönheit

Juni Zeit der Achtsamkeit und der Wärme

Juli Zeit von Freiheit und Erholung

August Zeit der Freude und der Muße

September Zeit des Reifens

Oktober Zeit der Ernte und des Dankens

November Zeit von Dunkelheit und Licht

Dezember Zeit des Wartens und der Ankunft

Teil 2 Im Zyklus des Lebens

Die Stufen des Lebens

Schwangerschaft Potential des Lebens

Geburt Hoffnung und Neubeginn

Kindheit Die Kraft der Vitalität

Kindheit Imagination und Spiel

Adoleszenz Leidenschaftlich leben

Erwachsenenalter Verantwortung für andere

Mitte des Lebens Chancen der Lebenskrise

Frühes Alter Die Gabe des Wohlwollens

Alter Die Gabe der Weisheit

Teil 3 Im Festkreis des Heils

Ein Prozess der Selbstwerdung

Advent Wenn der Himmel sich über uns öffnet

Weihnachten Besinnung auf unsere Wurzeln

Weihnachten Licht in der Dunkelheit

Silvester und Neujahr Altes abschließen, Neues beginnen

Weihnachtszeit Feste der Verwandlung

Dreikönigsfest Ein Weg der Weisheit

Epiphanie Segen für unser Haus

Taufe Jesu Geheimnis unseres Lebens

Mariä Lichtmess Licht in unseren Dunkelheiten

Blasiussegen Ritus der Heilung

Aschermittwoch und Fastenzeit Leib und Seele reinigen

Passionszeit Der Weg in die Herrlichkeit

Ostern Übergang als Geheimnis unseres Lebens

Auferstehung Gewissheit des Lebens

Osterzeit Der Auferstehungsweg

Mariä Verkündigung Umkehrung der Maßstäbe

Josephsfest Vom Sinn der Arbeit

Christi Himmelfahrt Verwandlung und Erfüllung

Pfingsten Ein neues Miteinander

Pfingsten Die Kraft der Begeisterung

Johannesfest Wendezeiten unseres Lebens

Fronleichnam Eine neue Sicht der Welt

Mariä Heimsuchung Segen der Begegnung

Jakobusfest Unterwegs auf dem Sehnsuchtsweg

Mariä Himmelfahrt Die Quelle des Segens

Marienfeste Bilder unseres Lebens

Engelfeste Gottes Boten sind bei uns

Schutzengelfest Bewahrt durch Gottes Hilfe

Erntedank Feier von Reife und Fülle

Allerheiligen Himmel und Erde verbindend

Allerseelen Die Chance des Gerichts

Allerseelen Gedenken an die Toten

Christkönigsfest Aufrecht leben

Schluss Unsere Zeit in Gottes Hand

Vorwort Einfach leben

„Einfach leben“ – wie ist das zu verstehen? Und vor allem: Wie geht es? Für mich heißt es zuallererst: im Einklang mit mir selber leben, frei und authentisch – eben so, wie es meinem eigenen Wesen entspricht. Das setzt voraus, dass ich nicht an Äußerlichkeiten hänge und mich nicht von äußeren Ansprüchen anderer fremdbestimmen lasse, dass ich nicht gelebt werde, sondern lebe.

Einfach leben meint aber auch: im Hier und Jetzt sein, dankbar den Augenblick erfahren und genießen. Gegenüber einer Kultur, in der Haben, Besitz und Konsum im Vordergrund stehen, zielt das auf eine grundlegend andere Erfahrung: Ich bin einfach da. Ich bin im Augenblick. Ich stehe nicht unter Druck. Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich darf einfach sein.

Das klingt simpel und scheint ganz leicht. Aber gerade diese Einfachheit fällt uns oft schwer. Dabei wissen wir: Die besten und schönsten Dinge im Leben sind nicht zu kaufen. Es gibt sie umsonst. Sie sind auch nicht schwer zu finden. Die Freuden, die uns das Leben schenkt, fallen uns auch ohne Anstrengung zu: die frische und gesunde Luft, der wärmende Sonnenstrahl, eine harmonische Landschaft, die Blume, die vor unseren Augen aufblüht. Es braucht eine innere Haltung der Offenheit, um die schönen Dinge wahrzunehmen und sich bewusst zu machen: Ich habe alles, was ich zum Glücklichsein brauche.

„Wenn du erkennst, dass es dir an nichts fehlt, gehört dir die ganze Welt“, sagt Lao Tse. Dieser Satz des chinesischen Weisen atmet eine heitere Leichtigkeit: die Leichtigkeit des Seins. Und in diesem Wort steckt eine bleibende Weisheit, auch für uns heute. Darum geht es nämlich im Leben: diese Leichtigkeit des Seins wirklich mit allen Sinnen zu spüren und die heiteren Glücksaspekte des Augenblicks tatsächlich wahrzunehmen. Ob die Dinge leicht oder schwer für mich sind, hängt an meiner Sichtweise. Wer auf das Wesentliche schaut, von dem fällt vieles ab, was ihn beschwert. Weil er sich von der Heiterkeit des Seins anstecken lässt, entdeckt er auch die vielen Dinge um sich herum, die das Glück im Leben ausmachen.

Leben ist etwas ganz Selbstverständliches – und doch auch eine Kunst. Kindern fällt das leicht, Erwachsene tun sich schon schwerer. Einfach leben ist einfach, und doch müssen wir in die Lebensschule gehen, um es zu erlernen. Die Kunst des Lebens zu lehren, war die Hauptaufgabe der Philosophie seit Platon, dem wichtigsten Vertreter griechischer Philosophie (427-347 vor Christus). Zur Zeit Jesu und dann später in der Zeit der frühen Kirchenväter war es vor allem die stoische Philosophie, die die Kunst des Lebens gelehrt hat. Für die stoische Philosophie war „Einfachheit“ ein zentraler Wert. Vor allem Kaiser Mark Aurel, der Philosoph auf dem Kaiserstuhl, liebt diesen Begriff. Er gebraucht das griechische Wort „haplotes“, das auch die Bibel häufig verwendet. Ausdrücklich sagt er, im wahrhaft guten Menschen müsse „alles schlicht und voll Wohlwollen“ sein. Einmal ruft er sogar sich selbst zu: „Lass keine Unruhe in dir aufkommen, werde einfach!“

„Einfach sein“, das heißt für Mark Aurel, ohne Nebenabsichten seine Aufgabe zu erfüllen, sich von den Leidenschaften nicht bestimmen zu lassen und frei von Illusionen zu sein, die man sich häufig über das Leben macht. Wer einfach ist, ist frei von Misstrauen gegenüber anderen. Auch der echte Philosoph sollte sich das zum Ziel nehmen. Das fängt schon damit an, dass er keine komplizierten Sätze formuliert. „Einfachheit und Bescheidenheit ist die Aufgabe der Philosophie.“ Einfachheit ist aber nach der Einsicht dieses Denkers noch mehr. Sie beschreibt das Ziel der Menschwerdung, gilt also für jeden Menschen. Der wahre Mensch ist nämlich einfach und klar, arglos und lauter, ohne Arglist und ohne Nebenabsichten. So ruft Mark Aurel aus: „Wann endlich, liebe Seele, willst du gut, einfältig (haplous), einig mit dir selbst und ohne Hülle durchsichtiger erscheinen als der dich umgebende Leib?“

Für diesen großen Philosophen der Antike ist die Einfachheit also eines der höchsten Güter, und es ist ein Ziel, um das zu ringen sich lohnt: Leben in Übereinstimmung mit der Natur, mit dem eigenen inneren Wesen und mit Gott, sowie Freiheit von zerstörerischen Leidenschaften – darum geht es ihm. Darum geht es immer noch, wenn wir nach dem richtigen Leben fragen.

Wir haben, neben der Philosophie, noch einen anderen Lehrmeister in der Kunst des Lebens: die Natur. Und dies seit Urzeiten. Am Rhythmus der Natur haben Menschen immer schon das Geheimnis ihres eigenen Lebens abgelesen und Geborgenheit gerade in der Einfachheit erfahren. Der Dichter Jean Paul hat die Erfahrung, dass er das Glück dann erlebt, wenn er sich der Natur überlässt, so ausgedrückt: „Man kann die seligsten Tage haben, ohne etwas anderes dazu zu gebrauchen als blauen Himmel und grüne Frühlingserde.“ „Einfach leben“ heißt daher für mich auch: so zu so leben, wie es uns die Natur lehrt. Es heißt, uns voll Vertrauen dem Leben zu überlassen, das uns in der Natur in vielfacher Weise begegnet. Wer im Einklang mit der Natur lebt, der erfährt gerade darin immer wieder Glück. Denn Glück ist wesentlich die Erfahrung, im Einklang zu sein mit mir selbst und mit allem, was ist, vor allem aber mit der Natur, in die ich hineingestellt bin.

Was mein Wesen ist, das erkenne ich, indem ich die Natur betrachte, indem ich meinen eigenen Lebensweg anschaue und die Feste des Kirchenjahres feiere, an denen mir wichtige Bilder meiner Seele vor Augen geführt werden. Auf diese drei Zugänge möchte ich die Aufmerksamkeit im Folgenden lenken. In meinem monatlichen Brief „einfach leben“ versuche ich das, was uns in jeder Jahreszeit bewegt, zu beschreiben, im Blick auf den Festkreis des Jahres zu deuten und für den spirituellen Weg fruchtbar werden zu lassen. In diesem Buch nun fasse ich viele Gedanken, die mir beim Schreiben des Briefes in den Sinn kamen, zusammen und erweitere sie, so dass es den tiefen Zusammenhang von Spiritualität und Lebenskunst gerade über den Gedanken der Einfachheit noch deutlicher macht.

So möchte ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, einladen, sich zur Kunst des gesunden Lebens inspirieren zu lassen. Leben Sie einfach so, wie es Ihrer Natur, wie es Ihrem Wesen entspricht. Jeden Monat zeigt sich das in neuer Weise. Trauen Sie dem, was Sie in der Natur sehen. Es ist auch in Ihnen. Zur Weisheit der Natur gehört ja, dass sie nicht bewertet. Wir sind Teil von ihr, und das ist auch der Grund, wieso wir in ihr auch Geborgenheit und Ruhe finden.

Wenn Sie einfach das leben, was in Ihnen ist, was Ihrem Wesen entspricht, wenn Sie dafür offen sind und nicht fixiert auf Äußerlichkeiten, dann beherrschen Sie die Kunst des gesunden Lebens. Und nichts anderes bedeutet es auch, ein spiritueller Mensch zu sein. Denn Spiritualität heißt ja, aus der Quelle des Heiligen Geistes zu leben. Die Quelle des Heiligen Geistes ist in jedem von uns. Aber wir sind oft genug davon abgeschnitten. Das Kirchenjahr bringt uns durch die vielfältigen Bilder, die in den Festen vor Augen geführt werden, in Berührung mit dieser inneren Quelle. Wenn wir aus dieser Quelle in uns schöpfen, dann strömt das Leben einfach, dann stimmt unser Leben. Es ist stimmig. Es stimmt überein mit unserem wahren Wesen. Es fließt und es blüht auf. Es steht unter dem Segen Gottes, der uns in der Natur und in den Festen des Kirchenjahres zugesagt und zuteil wird. Und das Leben, das in uns fließt und in uns aufblüht, wird zum Segen für uns selbst und für die Menschen, mit denen wir leben. So wünsche ich Ihnen, dass Sie die Kunst des Lebens so lernen, dass Sie einfach, einfältig, klar, eindeutig werden und somit nicht nur selber frei sind, sondern auch ein Segen sind für viele Menschen.

Teil 1

Alles hat seine Zeit

„Alles hat seine Zeit“, sagt der Weisheitslehrer Kohelet um das Jahr 180 vor Christus. Der Mensch kann nicht über die Zeit verfügen. Die Zeit ist ihm vorgegeben. Gott hat jedem Augenblick eine eigene Qualität geschenkt. Unsere Aufgabe ist es, den jeweiligen Augenblick in seiner Besonderheit anzunehmen. Wenn ich so lebe, wie es Gott über die Zeit verfügt hat, dann lebe ich richtig. Dann tut es mir gut. Nach Kohelet führt das Leben, das die Qualität jedes Augenblicks berücksichtigt, zur Gelassenheit und zur Freude am Leben.

Kohelet deutet den Wechsel der Zeiten als etwas Vollkommenes und Schönes: „Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt.“ (Koh 3,11) Gott hat alles gut gemacht. Das gilt gerade auch von der Zeit. Ich muss meine Maßstäbe, die ich an die Zeit anlege, loslassen. Jede Zeit ist eine gute Zeit. Aber meine Aufgabe ist es, mich auf die jeweilige Zeit einzulassen: als auf die von Gott verfügte Zeit.

Kohelet hat jüdische und griechische Weisheit miteinander zu verbinden versucht. Der griechische Philosoph Platon wollte mit seiner Philosophie die Kunst des gesunden Lebens lehren. Kunst ist für Platon Nachahmung der Natur. Und ein wichtiger Bereich der Natur ist ihr Rhythmus. Die Zeit der Natur ist immer rhythmisierte Zeit. Wer die Kunst des gesunden Lebens lernen will, der schwingt sich auf den Rhythmus der Natur ein, wie sie uns in den verschiedenen Jahreszeiten vorgegeben ist. Wer im Rhythmus der Natur lebt, der lebt gesund. Die christliche Kunst des gesunden Lebens, die die Kirchenväter auf dem Hintergrund der griechischen Lebenskunst entfaltet haben, hat den Rhythmus der Natur aufgenommen und ihn christlich gedeutet, ihn sozusagen „getauft“. Sie hat an den wichtigsten Zeiten des Jahres christliche Feste gesetzt, die das Geheimnis der Natur aufgreifen und spirituell vertiefen.

Der Rhythmus des Jahres wird von den christlichen Festen spirituell und existentiell gedeutet. Wenn C. G. Jung das Kirchenjahr „ein therapeutisches System“ nennt, dann meint er damit: Es führt uns an den Festen des Kirchenjahres die wichtigsten Themen der menschlichen Seele vor Augen. Und indem wir uns diesen Themen stellen, wächst in uns die Bewusstwerdung. Wir gelangen immer mehr zu unserem wahren Selbst. Doch die Feste des Kirchenjahres haben eine tiefere Grundlage. Das ist der Rhythmus der Natur. Er war ursprünglich für die Menschen eine Quelle ihrer eigenen Selbsterkenntnis. Im Werden und Vergehen der Natur, in der Qualität der verschiedenen Jahreszeiten haben die Menschen seit jeher ein Bild für ihr eigenes Werden und Vergehen gesehen, ein Bild für ihre Menschwerdung und Selbstwerdung.

So möchte ich den Rhythmus des Jahres und des Kirchenjahres zusammensehen mit dem Rhythmus des menschlichen Lebens. Und ich möchte den Leser und die Leserin einladen, im Rhythmus des Jahreskreises und der Feste des Kirchenjahres den Rhythmus und die Ordnung der eigenen Seele zu erkennen und sich so darauf einzulassen, dass ihr Leben heil wird und ganz.

Januar – Zeit des Aufbruchs

Der Schnee, der im Januar oft die Landschaft bedeckt, ist ein Symbol dafür, dass wir das Alte begraben möchten. In jedem Jahr erhoffen wir uns, dass Gott unser Leben innerlich erneuert, dass neue Erfahrungen uns neu machen. Zwar erfahren wir immer wieder, dass wir die Alten bleiben. Und trotzdem hoffen wir: Unter der Schneedecke soll das Alte ausruhen, damit das junge und unverbrauchte Leben aufstehen kann. Wir hoffen, dass nach dem Schmelzen des Schnees Neues in uns aufblüht.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Das Neue hat seine eigene Faszination. Das neue Auto glänzt. Ein neues Kleid zu tragen heißt auch, sich neu zu fühlen, sich schöner zu fühlen als in den alten Kleidern. Darin steckt immer auch die Hoffnung, ein neuer Mensch zu sein, sich neu verhalten zu können, von den andern nicht mehr mit der alten Rolle identifiziert zu werden. Anfangen heißt: etwas in die Hand zu nehmen, sein Leben selbst zu gestalten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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