Ein Typ zum Anbeißen: Roman - A. F. Morland - ebook

Ein Typ zum Anbeißen: Roman ebook

A. F. Morland

0,0

Opis

Liebesroman von A. F. Morland Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten. "Mister Right" gesucht! Anja lernt durch Zufall den sympathischen Markus kennen. Aber andererseits ist da auch noch Richy. Die beiden Männer sind grundverschieden. Als Richy wegen seiner Geschäfte eine Weile fort ist, glaubt Anja bei Markus das zu finden, was ihr bei Richy fehlt...

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 134

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



A. F. Morland

Ein Typ zum Anbeißen: Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Ein Typ zum Anbeißen

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

„Mister Right“ gesucht! Anja lernt durch Zufall den sympathischen Markus kennen. Aber andererseits ist da auch noch Richy. Die beiden Männer sind grundverschieden. Als Richy wegen seiner Geschäfte eine Weile fort ist, glaubt Anja bei Markus das zu finden, was ihr bei Richy fehlt...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Erstveröffentlichung: 1993

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

1. Kapitel

Anja Burger ließ die Kupplung schleifen und ihren betagten weißen VW Polo langsam in die enge Parklücke rollen. Sie machte das sehr gewissenhaft, genau so, wie sie es in der Fahrschule gelernt hatte. Deshalb konnte sie auch nicht verstehen, dass es plötzlich schepperte. Es musste hinten doch noch fast ein halber Meter Platz sein. Oder etwa nicht? Sollte sie sich so sehr verschätzt haben?

»Oje!«, stöhnte sie gequält auf und stieg aus, um sich den Schaden zu besehen.

Passanten blieben stehen. Anja spürte, wie sie rot wurde. Jetzt hast du bestimmt einen Kopf wie eine reife Tomate, dachte sie schwitzend.

»Frau am Steuer«, hörte sie eine männliche Stimme geringschätzig sagen. »Na ja, man kennt das ja. Deshalb müssen die Versicherungen auch ständig die Prämien erhöhen.«

Anja war nahe daran, diesem Neunmalklugen zu empfehlen, sich dort hinzuscheren, wo der Pfeffer wächst. Sie hätte sich hinterher bestimmt besser gefühlt, wagte es aber nicht.

Der Mercedes, mit dem sie so unsanft Tuchfühlung aufgenommen hatte, schien vor hundert Jahren schon nicht mehr ganz neu gewesen zu sein. Jedenfalls machte er auf sie diesen Eindruck. Der Rost knabberte so intensiv an der Karosserie, dass nach Anjas Ansicht die Frage, wie dieses Vehikel durch den TÜV gekommen war, durchaus ihre Berechtigung hatte. Aber das gab natürlich noch niemandem das Recht, den alten Wagen herumzuschubsen.

»Gehört dieser Wagen einem von Ihnen?«, erkundigte sich Anja mit dünner Stimme.

Niemand meldete sich.

»Weiß jemand, wem der Wagen gehört?«, fragte Anja. Wieder erhielt sie keine Antwort.

»Was is’n hier los?«, wollte jemand wissen, der nicht mitbekommen hatte, was passiert war. Selbstverständlich wurde er sogleich ausführlichst – und falsch – informiert.

Ein junger Mann durchbrach mit gekonnter Ellenbogentechnik die Reihe der Glotzer.

»He! He! He! Nicht so stürmisch, ja?«, maulte einer, den der Rippenstoß besonders hart getroffen hatte.

Der junge Mann kümmerte sich nicht darum. »Kann ich dir helfen?«, fragte er Anja.

Endlich einer, der weiß, was sich gehört, dachte sie erleichtert. Sie fasste sofort Vertrauen zu ihm. Nicht nur deshalb, weil er umwerfend aussah. Er trug Jeans und eine Lederjacke, deren Ärmel er hochgeschoben hatte. Seine Unterarme waren imponierend braun. Er musste so um die einsfünfundachtzig groß sein, war ausgesprochen schlank und hatte das sympathischste Lächeln, das Anja je gesehen hatte. Sie schätzte, dass er zweiundzwanzig Jahre alt war. Höchstens dreiundzwanzig.

»Ich ... ich bin mit meinem Polo gegen diesen Mercedes gestoßen«, gestand sie verlegen.

»Das ist meiner.«

»Es tut mir aufrichtig leid«, beteuerte sie mit ernster Miene. »Die Parklücke war doch enger, als ich angenommen hatte. Ich habe mich einfach verschätzt.«

»Kann jedem mal passieren«, meinte der Besitzer des Mercedes beruhigend.

»Wollen Sie diese Dilettantin etwa ungeschoren davonkommen lassen?«, fragte einer der Umstehenden sichtlich enttäuscht.

»Das ist doch wohl meine Sache – oder sehen Sie das anders?«, fuhr der junge Mann den Zuschauer an.

Nichts Freundliches murmelnd, zog dieser ab. Andere schlossen sich ihm an.

»Ich gehöre bestimmt nicht zu den Autofahrerinnen, die täglich fremde Fahrzeuge beschädigen«, beteuerte Anja.

Der junge Mann lächelte. »Das glaube ich dir«, sagte er sanft, und streckte Anja die Hand entgegen. »Ich bin Markus. Markus Ratke.«

»Anja Burger«, murmelte sie leise und wagte es nicht, ihn anzusehen.

»He, alles halb so wild. Komm, sehen wir uns den Wagen gemeinsam an«, schlug Markus vor.

»Ich ... ich komme selbstverständlich für den Schaden auf.«

Markus warf einen kurzen Blick auf die beiden Fahrzeuge. »Nicht notwendig, alles in Ordnung«, stellte er nüchtern fest.

»Du hast ja kaum hingesehen.«

»Ist nicht nötig. Ich kenne meinen Wagen.«

»Das glaube ich nicht. Ich gebe dir am besten meine Anschrift und melde den Schadensfall noch heute meiner Versicherung«, schlug Anja vor.

»Wozu?«

»Das liegt doch auf der Hand: Damit du den Mercedes in die Werkstatt bringen kannst.«

»Und was soll er da?«, fragte Markus verwundert. »Hör mal, die Stoßstangen unserer Autos haben sich leicht berührt, das ist alles. Es gibt nicht mal einen Kratzer. Ich bin nicht der Typ, der aus so etwas Kapital schlägt und womöglich eine Rundum-Neulackierung herauszuschinden versucht.«

»Wir sollten trotzdem unsere Adressen austauschen.«

»Dagegen habe ich nichts. Aber nicht hier.«

»Wo sonst?«, fragte Anja.

Er sah sich kurz um. »Sagt dir das Bistro dort drüben zu?«

Sie nickte.

»Also, gehen wir.«

Anja holte ihre Handtasche aus dem Polo und schloss ihn ab. Dann überquerte sie neben Markus die Straße und betrat hinter ihm das kleine Lokal. Ein alter Song von Cher empfing sie. Markus deutete fragend auf einen Tisch neben der Tür.

Wenig später saßen sie vor den bestellten Milchkaffees, und Anja notierte auf einen Zettel ihre Anschrift, das Kennzeichen ihres Wagens, den Namen ihrer Versicherung und die Nummer der Versicherungspolice.

»Bist du telefonisch erreichbar?«, erkundigte sich Markus, nachdem er einen Blick auf den Zettel geworfen hatte.

»Ja. Soll ich dir die Nummer auch aufschreiben?«

»Das wäre nett.«

Zügig notierte Anja die Nummer.

»Wohnst du allein?«

»Nein«, gestand Anja lächelnd. »Ich wohne bei meinen Eltern.« Insgeheim wunderte sie sich über Markus’ Frage. Aber Markus war nett. Und sie vergab sich ja nichts. Weshalb also sollte sie seine Fragen nicht beantworten?

»Wie alt bist du?«

»Zwanzig.«

»Was machst du beruflich?«

»Ich besuche die Kunstakademie.«

»Möchtest du ein weiblicher Michelangelo werden?« Markus’ Fragen kamen wie aus der Pistole geschossen.

Anja hatte Mühe, nicht laut loszuprusten. »Sag mal, findest du nicht, dass du ein bisschen zu neugierig bist?«

»Wieso? Schließlich sollte man schon wissen, mit wem man es zu tun hat.«

»Deine Fragen hören sich eher nach Partner-Test an als nach einem Gespräch zwischen zwei –wie heißt das noch – Unfallgegnern.«

Jetzt war es an Markus, rot zu werden. »Na ja, ich finde dich sehr nett, wenn ich ehrlich bin. Und nette Leute interessieren mich eben.«

»Wenn das so ist …« Anja lächelte. »Also ein weiblicher Michelangelo werde ich bestimmt nicht. Ich studiere Grafik-Design. Nach Abschluss meines Studiums werde ich in einer Werbeagentur arbeiten.«

»Das hört sich an, als hättest du deinen späteren Job schon in der Tasche.«

»In der Tasche nicht gerade, aber eine Freundin von mir hat versprochen, mich bei Dellmann & Meisel unterzubringen. Das ist eine der größten Agenturen hier im Umkreis – mit einem riesigen Etat und Superkunden.«

Markus nippte an seinem Milchkaffee. »Klingt interessant. Sag mal, wenn man so eine Kunstakademie besucht … lernt man da auch Porträtzeichnen?«

»Wenn man will, sicher. Ich hab’ das schon mal in den Ferien gemacht, um meine Urlaubskasse aufzubessern.«

»Und?«

Anja lachte. »Man hat mir meine Werke nicht gerade aus den Händen gerissen. Aber angeblich waren sie nicht schlecht.«

Markus sah sie nachdenklich an. »Würdest du mich porträtieren?«

Anja musterte ihn aufmerksam. »Dreh mal den Kopf zur Seite. Mhm, du hast ein sehr interessantes Profil«, verkündete sie dann.

»Wann hast du Zeit?«

»Was … wie?« Anjas Verblüffung war nicht gespielt. »Zeit? Wofür?«

»Um mich zu porträtieren.«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich das tun möchte.«

»Ich bezahle, was du verlangst«, versicherte Markus ihr eilig.

»Ich brauche kein Geld.«

»Ich verspreche auch, nicht zu meckern, egal wie das Porträt ausfällt.«

Anja schüttelte den Kopf. »Vergiss es. So etwas mache ich nicht.« Sie schob ihm den Zettel mit ihren Angaben zu und wies auf die freie untere Hälfte. »Würdest du mir jetzt deine Daten geben?«

»Mit dem größten Vergnügen.« Markus lächelte breit. »Also, ich heiße Markus Ratke, bin dreiundzwanzig Jahre alt, einssechsundachtzig groß, achtzig Kilo schwer, Single, solo, wohne allein, habe Schuhgröße vierundvierzig, meine Lieblingszahl ist die Dreizehn, meine Lieblingsfarbe Rot … Ich liebe gute Musik, egal ob Klassik oder Pop, esse am liebsten Pizza, rauche nicht und habe eigentlich nur einen großen Fehler.«

Anja sah ihn amüsiert an. »So? Welchen?«

»Ich liebe Leopold.«

Für eine Sekunde raubte es Anja den Atem.

Sie senkte rasch den Blick. »Ach so.«

»Er macht mich sehr glücklich.«

Anja schluckte und rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her. »Die Policenummer. Du hast deine Policenummer noch nicht aufgeschrieben«, sagte sie schließlich mit belegter Stimme, zu glücklich, das Thema wechseln zu können.

»Tut mir leid, ich hab’ sie nicht bei mir.«

»Aber das solltest du …«

»Ich weiß. Ich rufe dich an und geb’ sie dir durch, okay?«

»Okay.«

»Du kannst mich auch anrufen, wenn du möchtest«, schlug Markus vor. Er schrieb zwei Nummern auf. »Das ist mein Privatanschluss. Und das ist die Nummer der Redaktion.«

»Arbeitest du bei einer Zeitung?«

»Ja«, antwortete Markus. »Ich bin Sportjournalist.« Er trank den Rest seines Kaffees aus. »Möchtest du Leopold näher kennenlernen?«

Anja wollte erwidern, dass sie keinen Wert darauf legte, doch Markus wartete ihre Antwort nicht ab.

»Ich hege und pflege ihn. Jede freie Minute widme ich ihm. Ihm ist es bestimmt noch bei niemandem so gutgegangen wie bei mir. Mit Sicherheit hat ihn auch noch nie jemand so sehr geliebt wie ich. Ich bin richtig vernarrt in ihn. Wir könnten zusammen eine kleine Spazierfahrt machen …«

»Tut mir leid«, fiel ihm Anja ins Wort, »aber ich habe keine Zeit.«

Markus sah sie bedauernd an. »Hast du eine Verabredung?«

»Ja.«

»Lass sie sausen.«

»Das kann ich nicht.«

»Wie sieht’s morgen aus?«, fragte Markus.

»Genauso schlecht wie heute.«

Er zog die Augenbrauen zusammen. »Du möchtest dich nicht mit mir verabreden, hm?«

Anja nickte. »So ist es, Markus. Ich möchte mich nicht mit dir verabreden.« Die Enttäuschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Anja verstand es nicht. Er hatte doch Leopold, sein ein und alles! Sie faltete den Zettel, strich mit den Fingernägeln über den Falz, riss das Papier in der Mitte auseinander und schob Markus seinen Teil zu. »Darf ich dich was fragen, Markus?«

»Klar.«

»Wie alt ist dein Mercedes eigentlich?«

»Leopold?« Markus lächelte stolz. »Der alte Knabe ist fünfundzwanzig Jahre alt, und ich liebe jede einzelne rostige Schraube an ihm.«

»Das ist Leopold? Du meinst, dein Mercedes heißt Leopold?«

»Ja.«

»Wieso Leopold?«

»Wieso nicht? Ich finde, dieser Name passt zu ihm.«

»Du solltest nicht in aller Öffentlichkeit herausposaunen: Ich liebe Leopold!«

»Und warum nicht?«

»Weil man das leicht missverstehen kann.«

»Ach so.« Markus lachte. »Wolltest du dich deshalb nicht mit mir verabreden?«

Anja schüttelte den Kopf. »Das hat einen anderen Grund.«

»Ich sah Leopold – und musste ihn unbedingt haben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich werde ihn nach und nach restaurieren. Ich sehe schon heute, wie Leopold aussehen wird, wenn ich mit ihm fertig bin: neue Lackierung, neue Sitze, neue Reifen … das Lenkrad aus echtem Holz … blitzendes Chrom … Leopold wird das Herz jedes Oldie-Liebhabers höher schlagen lassen.«

»Ist das nicht ein ziemlich kostspieliges Hobby?«, fragte Anja.

»Nicht, wenn man selbst Hand anlegt. Ich bastle in einer Do-it-yourself-Autowerkstatt an Leopold herum. Man kann da gegen eine geringe Gebühr alle Werkzeuge und Einrichtungen benutzen und – wenn man will – unter fachlicher Anleitung lernen, alle Arbeiten am Auto selbst vorzunehmen. Was man sich nicht selbst zutraut, kann man natürlich auch machen lassen. Das haut wunderbar hin. Ich habe mir schon vieles zeigen lassen. Ich bin zwar noch lange nicht sattelfest, komme aber mit meiner Arbeit immer besser klar. Komm doch mal vorbei, wenn du in der Nähe bist.« Er nannte ihr die Adresse.

»Das mache ich vielleicht«, sagte Anja, ohne es wirklich ernsthaft vorzuhaben. Was sollte sie in einer Autowerkstatt?

»Ja, und wie verbleiben wir nun?«, fragte Markus schließlich. »Ich möchte auf keinen Fall, dass du eine Schadensmeldung an deine Versicherung schickst. Es gibt nämlich keinen Schaden.«

Anja gab nach. »Na schön. Falls du in dieser Do-it-yourself-Werkstatt aber doch noch eine Delle entdecken solltest, meldest du dich, okay?«

»Einverstanden.«

Sie sah kurz auf die Uhr, dann legte sie Geld für ihren Milchkaffee auf den Tisch.

»Das wollte ich übernehmen«, protestierte Markus leise.

»Das möchte ich nicht.«

Anja stand auf. »Ich muss los. Entschuldige nochmals, dass ich deinen Mercedes angerempelt habe.«

Markus lächelte sie an. »Das haben Leopold und ich dir schon längst verziehen. Wir sind nicht nachtragend. Schon gar nicht, wenn ein Mädchen so nett ist wie du.«

Anja vermied es, ihm in die Augen zu sehen, sonst wäre sie garantiert wieder rot geworden.

»Ja, also dann – mach’s gut.« Sie gab ihm die Hand.

»Augenblick noch!«, bat Markus hastig.

»Ja?«

»Was ist denn nun mit meinem Porträt?«

»Nichts.«

»Kann ich dich nicht dazu überreden?«

»Ich glaube nicht«, sagte Anja und verließ das Lokal.

2. Kapitel

Anjas Freundin Claudia Pesch wohnte in einer urgemütlichen, hellen Mansardenwohnung. Sie war beruflich sehr engagiert, war ungemein kreativ und hatte immer wieder verblüffend originelle Ideen. Ihr Privatleben jedoch glich einer Müllkippe. Mit schlafwandlerischer Sicherheit erwischte sie nämlich immer die falschen Boys.

Fetzige Musik dröhnte durch die weiße Tür mit den Messingbeschlägen, als Anja läutete. Als sich nichts tat, presste sie den Daumen auf den Klingelknopf und ließ ihn nicht mehr los.

Claudia hatte wieder mal ein seelisches Tief, deshalb hatte sie Anja angerufen und gebeten, zu ihr zu kommen. Sie brauchte jemanden, bei dem sie sich ausweinen konnte, und niemand konnte besser zuhören als Anja.

Erst als der Song zu Ende war, hörte Claudia die Türglocke. Sie hielt ein halbvolles Glas in der Hand, als sie öffnete, und sah ein wenig derangiert aus. Ihr langes blondes Haar war zerzaust, das knallgelbe T-Shirt steckte vorne in der Hose, hinten hing es heraus. Claudias Augen waren gerötet. Sie musste geweint haben.

»Anja – endlich!«, seufzte sie und umarmte die Freundin.

»Hallo, Claudia!«

»Wieso kommst du erst jetzt?«, wollte Claudia wissen.

»Ich wurde aufgehalten.«

»Von wem?«

»Ich bin mit dem Polo beim Einparken gegen einen Mercedes gestoßen«, berichtete Anja bereitwillig.

»Ach, du meine Güte! Ist der Schaden groß?«

»Glücklicherweise nicht. Es gibt überhaupt keinen Schaden, um genau zu sein.«

»Komm erst mal rein«, sagte Claudia und zog Anja in ihr Mini-Wohnzimmer. »Setz dich.« Sie drehte den CD-Player leiser. »Auch einen Drink?«

»Nein, danke«, lehnte Anja ab. Ihr war nicht nach Alkohol.

»Vielleicht einen Schluck Orangensaft?«

»Das wäre fein.« Anja steuerte auf Claudias Couch zu, zog die Schuhe aus und kuschelte sich mit untergeschlagenen Beinen in das Sitzmöbel.

Claudia brachte den Saft und ließ sich aufseufzend neben Anja auf die Couch fallen. »Und nun leg los!«

Anja erzählte von Markus und seinem alten Mercedes, den er in dieser Do-it-yourself-Werkstatt ganz toll herrichten wollte.

»Ist er Automechaniker?«

Anja schüttelte den Kopf. »Sportjournalist.« Sie kicherte. »Weißt du, wie er seinen Wagen nennt?«

»Nein. Wie?«

»Leopold.«

»Leopold?«, echote Claudia.

»Wir tauschten unsere Adressen in einem Lokal aus. Das war mir vielleicht unangenehm, sag’ ich dir.«

»Was? Das Austauschen eurer Anschriften?«

»Nein, das natürlich nicht. Aber sein Liebesgeständnis. Aus heiterem Himmel fing er an, dass er Leopold liebe, dass dieser ihn sehr glücklich mache und all so ’n Zeug.«

»Er meinte den Mercedes.«

Anja lachte. »Natürlich meinte er den Mercedes – aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.«

»Ach so.« Jetzt lachte auch Claudia.

»Ein Wagen, der Leopold heißt – darauf muss man erst mal kommen«, verteidigte sich Anja.

»Wie sieht dieser Markus denn aus?«

»Unheimlich dufte.« Anja beschrieb ihn ausführlich. »Stell dir vor: Er wollte sich mit mir verabreden …«

Claudia wusste sofort, wie es weiterging. »Aber du hast ihm einen Korb gegeben.«

»Selbstverständlich. Schließlich bin ich nicht frei.«

»Hast du ihm von Richy erzählt?« Claudia sah in ihr Glas.

»Nein. Natürlich nicht.«

»Warum nicht?«

»Was geht ihn Richy an?« Anja zuckte die Schultern. »Es hat sich auch irgendwie nicht ergeben.«

Claudia seufzte. »Tja, die eine lernt laufend die nettesten Typen kennen – und die andere … Du bist wirklich zu beneiden, Anja. Richy sieht nicht nur phantastisch aus, er ist auch ungemein sympathisch, hat ständig großartige Pläne und macht immer wieder etwas Neues. Sein Unternehmungsgeist imponiert mir. Sein sicheres Auftreten auch. Und treu scheint er obendrein zu sein, sonst wärst du wohl nicht schon seit gut eineinhalb Jahren fest mit ihm zusammen.«

Richy … Anja wusste nicht, ob sie sich seiner wirklich absolut sicher sein konnte. Er kam bei Frauen gut an, denn er sah tatsächlich wahnsinnig gut aus. Was seinen imponierenden Unternehmungsgeist anging, so sah Anja das anders als Claudia. O ja, Richy schmiedete tagaus, tagein großartige Pläne und fing ständig etwas Neues an. Jedesmal war es die große, heiße, einmalige Sache. Der Hammer. Dass er, seit sie ihn kannte, schon ein halbes dutzendmal böse auf die Nase gefallen war, gab ihm leider nicht zu denken.

»Es ist nichts dran an diesen bescheuerten Sprüchen«, sagte Claudia unvermittelt und leerte ihr Glas.

»An welchen Sprüchen?« Manchmal war Claudia so sprunghaft, dass Anja ihr nicht folgen konnte.

»Pech in der Liebe, Glück im Spiel zum Beispiel. Wenn das nämlich wahr wäre, wäre ich bereits mehrfache Lottomillionärin.«

Anja sah die Freundin nachdenklich an. »Ist es aus mit Sven?«

»So aus, wie’s nur sein kann. Ach Anja, und dabei hatte ich diesmal so ein gutes Gefühl.«

Anja legte den Arm um Claudias Schultern. »Was ist denn passiert?«

»Wieso setze ich immer aufs falsche Pferd?«

»Was hat Sven denn so Schreckliches getan?«

»Betrogen hat er mich!« Claudias Augen füllten sich mit Tränen. »Ich heule schon den ganzen Nachmittag.«