Ein Haus mit Vergangenheit - Elisa Scheer - ebook

Ein Haus mit Vergangenheit ebook

Elisa Scheer

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Opis

Babsi und Simon entdecken als erstes Projekt für ihr junges Architekturbüro Lenz & Bauer eine schöne alte, aber recht sanierungsbedürftige Villa im Waldburgviertel. Babsi kauft sie kurzerhand für sich selbst und macht sich an die Arbeit, entdeckt dabei aber einige historische Dokumente, die in die Nazizeit zurückführen. Als sie daran geht, die Vergangenheit zu erforschen, trifft sie mit Max Wolf nicht nur einen Nachfahren der früheren Bewohner, sondern auch einige ehemalige Schulfreunde, die ihr als Historiker helfen, die Geschichte der Villa systematisch zu untersuchen. Je größer aber die Fortschritte, desto mehr werden Lenz & Bauer auch von merkwürdigen Anschlägen geplagt: Will da jemand die Aufdeckung alter Sünden verhindern oder ist einfach die Konkurrenz sauer? Außerdem kommen sich Babsi und Simon immer näher, obwohl Babsi das (aus guten Gründen, wie sie glaubt) eigentlich gar nicht will. Als die Gefahr am größten ist, müssen Max und Simon eingreifen - und dann ist alles klar...

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Alles frei erfunden!

Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, Orten oder Institutionen ist reiner Zufall.

Imprint Ein Haus mit Vergangenheit.

1

Als ich um die Ecke bog, blieb ich wie angewurzelt stehen. Das war´s. Das war´s eindeutig. Mein Traumhaus!

Gut, nicht jedem hätte es gefallen. Der Zustand war zum Weinen, der Putz war zum großen Teil abgeblättert, die Stuckverzierungen waren zerbröckelt, die Dachrinnen hingen schief, das Dach selbst war höchstwahrscheinlich seit Jahren undicht, und im Erdgeschoss waren zwei Fenster eingeschlagen. Trotzdem: Es war ein Juwel, ein Juwel des Neubarock, ein richtiges kleines Herrenhaus in einem völlig verwilderten Garten.

Ich stellte mir mit zusammengekniffenen Augen vor, wie es frisch – blassrosa? – gestrichen aussehen müsste, im Sonnenschein, statt grau gefleckt im Frühlingsnieselregen. Welch eine Reklame für Lenz und Bauer, wenn das unser Vorzeigeprojekt wäre!

Ich stieß das schmiedeeiserne Gartentor vorsichtig auf und besah mir die Rostspuren auf meiner Hand, bevor ich sie an meinen zementfleckigen Jeans abwischte. Dann umrundete ich langsam das Haus. Auf der Rückseite hatte es eine halbrunde Terrasse und in den beiden Stockwerken darüber säulenverzierte Balkone. Die Vorderfront war zwischen den Fenstern mit Pilastern verziert, über den Fenstern fanden sich Reste von floral gefüllten Giebeln. Ziemlich ekklektisch, ein bisschen Klassizismus, ein bisschen früher Jugendstil? Das Erdgeschoss wies um die Haustür herum noch Spuren einer Rusticaverzierung auf; das war mit Zement und Sperrholzleisten schnell wieder ergänzt, vermerkte ich im Stillen.

Aber war das Haus überhaupt zu verkaufen? Es stand keine Tafel dort, aber es gab auch keinerlei Hinweise, dass jemand schon mit einer Renovierung begonnen hatte. Und ein Abriss war wohl kaum möglich, da hätte das Städtische Amt für Denkmalschutz sicher noch ein Wort mitzureden... Ich wanderte weiter durch den verwilderten Garten und inspizierte die ins Holz geschossenen Sträucher und die nur noch schwach zu erkennenden Überreste der Blumenrabatten.

„Sie, was machen Sie da eigentlich?“

Ich erschrak, als ich die Stimme hörte und machte mich auf die Suche nach einer Stelle, von der aus ich das Nachbarhaus besser im Blick hatte, eine solide Villa aus den Dreißigern, ziemlich gut gepflegt. Aus einem Fenster im ersten Stock hing eine Frau in mittleren Jahren in einem wild gemusterten Putzkittel.  

„Ich interessiere mich für das Haus“, rief ich hinauf. „Wissen Sie, ob es zu verkaufen ist?“

„Was wollen Sie denn mit dieser Bruchbude?“, kam es zurück.

„Sanieren! Es hat wunderbare Proportionen!“

„Das ist das alte Wiedemann-Haus, aber die olle Elise Wiedemann ist vor eineinhalb Jahren gestorben. Fragen Sie mal den Neffen, Horst Wiedemann, der wohnt um die Ecke, in der Rembrandtstraße. Aber wenn Sie gescheit sind, lassen Sie die Finger von der Bruchbude.“

„Danke schön, aber das kann ich nicht. Außerdem ist das mein Job, Altbausanierung.“

„Ach ja? Auch eine Art, sein Geld zu verdienen... Wie heißt Ihre Firma?“

„Lenz und Bauer. Ich bin Barbara Lenz. Ich werfe Ihnen eine Karte in den Briefkasten, Frau -?“

„Schmiedinger. Machen Sie das. Aber ein paar hübsche Eigentumswohnungen wären bestimmt lohnender!“

Ich musste lachen. „Lohnender schon – aber auch viel lauter für Sie, nicht?“

Nun lachte sie auch, etwas widerwillig. „Kann sein. Na, viel Glück!“

Das Fenster schlug wieder zu.

Ich notierte mir die Informationen. Horst Wiedemann... Was Simon von der Hütte hielt? Eigentlich egal, ich wollte sie nicht für die Firma, sondern für mich kaufen. Damit war ich dann unser erster Kunde. Ziemlich albern, aber das Haus war unwiderstehlich. Nun, es war nicht anzunehmen, dass jemand mir das Haus sofort vor der Nase wegschnappen würde, also konnte ich auch ins Büro fahren und von dort aus telefonieren, wenn das Telefon schon ging.

Es funktionierte, aber sonst noch nichts. Glücklicherweise lagen noch alte Telefonbücher in der Ecke, denn Simon war es noch nicht gelungen, wenigstens einen der Rechner anzuschließen. Das sollte wohl auch besser der Netzwerktyp machen; die Telefonbuch-CD war im Moment jedenfalls so sinnvoll wie ein Pelzmantel in der Sahara.

Ich verzog mich in mein künftiges Büro und setzte mich mit Telefon und Telefonbuch auf den Boden. Horst Wiedemann, tatsächlich. Ich notierte die Nummer und tippte sie dann ein.

„Wiedemann!“ Eine recht barsche Stimme. Ich stellte mir einen dicklichen Mittfünfziger vor, infarktgefährdet und mit kräftigem Bluthochdruck. „Mein Name ist Barbara Lenz. Ich habe heute das Haus Galileistraße 9 gesehen und wollte fragen, ob es zu verkaufen ist?“

„V-v-verkaufen? Nun...“

Damit hatte er wohl nicht mehr gerechnet? So leicht war eine denkmalgeschützte Ruine auch nicht loszuwerden. Ich grinste still vor mich hin, während ich förmlich spürte, wie sich die kleinen Rädchen in seinem Kopf fieberhaft drehten. Ich wartete. „Nun“, fing er wieder an, „ich denke schon, ja. Aber ich bin nicht der einzige Erbe, ich muss das mit meinen Verwandten besprechen. Was hätten Sie sich denn so vorgestellt?“

Ich lachte vergnügt. „Das kann ich so noch nicht sagen. Zuerst müsste ich die Bausubstanz prüfen und den generellen Zustand. Das Haus ist doch denkmalgeschützt?“

„Ja“, gab er hörbar ungern zu, „aber nur außen.“

„Na, immerhin. Die Raumaufteilung ist ja heute wohl nicht mehr so leicht verwendbar, nicht?“

Das konnte er nicht bestreiten. Ich gab ihm unsere Büroadresse und sämtliche Telefonnummern. Er versprach, sich morgen Vormittag wieder zu melden. Als ich aufgelegt hatte, rappelte ich mich wieder auf und schleppte Telefon und Buch wieder nach draußen, bevor ich mich auf die Suche machte. Ich fand Simon schließlich in seinem Büro - auf der Leiter, die Decke streichend.

„Simon? Ich glaube, ich habe mein Traumhaus gefunden. Und wir werden es sanieren. Unser erster Auftrag!“

Simon ließ fast die Rolle fallen. „Das heißt, du bezahlst dich selbst? Babsi, als Geschäftsfrau bist du echt zum Heulen.“

„Gar nicht!“, verteidigte ich mich. „Wenn das Haus fertig ist, kann ich das Erdgeschoss an Lenz und Bauer vermieten. Das ist das totale Aushängeschild, du wirst schon sehen!“

Simon grinste spöttisch auf mich herunter und ich starrte ihn wütend an, bis er sich geschlagen gab.

„Na gut, wenn du dir jetzt mal Rolle und Farbeimer schnappst, schau ich mir nachher mit dir deinen Traum an. Oder hast du vergessen, dass morgen unsere Möbel kommen?“

„Das ist ein Angebot“, gab ich zu und faltete mir ein schickes Hütchen aus der Stadtteilzeitung, bevor ich Farbeimer und Rolle in mein künftiges Büro schleppte und dort begann, die Wände zu weißeln. Langweilig – interessante Schattierungen hätten mich schon gereizt, aber Putz frisch weiß überzumalen war nicht allzu spannend. Immerhin ging es recht schnell; als Simon mir die Leiter brachte, hatte ich schon drei Wände geschafft.

„Mal du nur schön! Ich hole mal die Firmenschilder ab, ja?“

Pfeifend verschwand er. Simon war als Kollege und jetzt als Geschäftspartner total in Ordnung, aber manchmal konnte er einen schon auf die Palme bringen. Entweder war er frech oder der klassische Bedenkenträger. Ich staunte immer noch, dass er sich meinem eher spontanen Entschluss, Berlin zu verlassen und hier in die Altbausanierung einzusteigen, so schnell angeschlossen hatte. Zörg hatte ja getobt – gleich zwei Partner auszahlen zu müssen! Über mich hatte er sich wohl weniger gewundert, ich war für impulsive Kehrtwendungen berüchtigt und hatte mir mein wachsendes Unbehagen an den Glaspalästen, mit denen wir Berlin manisch zupflasterten, deutlich anmerken lassen. Aber dass Simon, den doch immerhin eine Ehefrau in Berlin hielt, und der eher für seine Bedächtigkeit bekannt war, sich mir so schnell angeschlossen hatte?

Während ich die turbulenten Szenen vor unserem Ausstieg aus Zörg & Friends (von Freunden war nicht mehr unbedingt die Rede, aber immerhin kaufte Zörg uns unsere Anteile zu einem ziemlich fairen Preis ab) im Geiste Revue passieren ließ, strich ich die Decke, bis mein rechter Arm ganz lahm war. Mit der linken Hand schaffte ich zwar noch den Rest, saute mich dabei aber gründlich ein. Gut, um das Sweatshirt und die Jeans war es wirklich nicht mehr schade, das war Baustellenkluft. Ich kletterte von der Leiter, schüttelte meine lahmen Arme aus und strich die letzte Wand an, dann schleifte ich die Farbe in den Flur und wischte das hässliche graue Linoleum gründlich auf, um die Farbspritzer zu entfernen.  Damit sah mein Zimmer ziemlich vorzeigbar aus, solange man nicht die schlecht gestrichenen Fenster anschaute. Aber ewig wollten wir hier nicht bleiben, wir hatten dieses Fünfziger-Jahre-Büro nur für ein Jahr gemietet. Immerhin war es billig, ziemlich billig wenigstens, lag günstig und hatte im Hof zwei Parkplätze, die wir mitgemietet hatten; auf einem stand der Kleintransporter, den wir noch beschriften lassen mussten. Meine Rostlaube parkte auf der Straße, zufällig war ein Platz frei gewesen.

Wo blieb eigentlich Simon? Konnte es so schwer sein, ein Fassadenschild und ein paar Türschilder abzuholen, wenn der Schilderladen nur zwei Ecken weiter war? Wahrscheinlich trödelte er herum. Ich beschloss, feurige Kohlen auf sein Haupt zu sammeln, und wischte sein Büro auch feucht auf. Dann tat ich noch ein Übriges und strich ganz tugendhaft auch noch die Toilette und die einzige freie Wand in der kleinen, hässlichen Teeküche. Immerhin, eine Kaffeemaschine hatte Simon heute Morgen mitgebracht. Nur an Kaffee und Becher hatte er leider nicht gedacht. Männer... Aber man musste den guten Willen schon mal loben. Ich hätte ja schnell einkaufen gehen können, aber Simon hatte keinen Schlüssel mitgenommen, also räumte ich noch ein bisschen herum und wartete, bis er wiederkam.

Na endlich!

„Mussten die erst noch gemalt werden?“

„So ungefähr. Das große für die Fassade war noch nicht fertig. Guck, wie findest du sie?“

Ich nickte zufrieden. „Ordentlich. Am besten geben wir das große gleich dem Hausmeister und bringen die anderen schnell selbst an. Wenn du das machst, kaufe ich schnell ein paar Sachen ein. Geht der Kühlschrank eigentlich?“

Simon zuckte die Schultern.

Kopfschüttelnd schaute ich in den Kühlschrank. Wenn man ihn einschaltete, brannte immerhin das Licht – aber versifft war er, und das nicht zu knapp. Ich setzte im Geiste einen Brutalreiniger und Topfkratzer auf die Liste und eilte davon.

Als ich vom Billigmarkt zurückkam, war der Hausmeister schon an der speckbraunen Hauswand zugange.

Lenz & Bauer Architekten Altbausanierung Ensemblegestaltung  - sah wirklich gut aus, wenn auch nicht gerade an dieser grauenvollen Fassade. Ich putzte die Küche durch, ließ Kaffee durchlaufen, warf den Kühlschrank an, nachdem ich ihn gründlich ausgewischt hatte, räumte meine Einkäufe hinein und stellte eine Schale Äpfel auf die Arbeitsplatte. Nun fehlte nur noch das künftige Sekretariat. Übermorgen sollte die Dame anfangen, die Simon im Alleingang engagiert hatte; ich hatte währenddessen meine Verbindungen zu einschlägigen Handwerksbetrieben aufgefrischt, denn schließlich hatte ich in dieser Stadt studiert, gejobbt und Praktika gemacht. Gestrichen waren die Wände schon, Simon hatte sogar schon die Tür beschriftet, also musste ich nur noch den Boden putzen. Zufrieden sahen wir uns am späten Nachmittag um, sobald wir unseren Renovierkram in die Abstellkammer geschleift hatten.

„Prima. Wann kommt das Zeug morgen?“

Simon zuckte die Achseln. „Der Kopierer und die Möbel, denke ich, am Vormittag. Der Netzwerkheini hat gesagt, um zwei. Die Lieferung vom Büroartikelmarkt am Nachmittag. Genaueres weiß ich auch nicht. Jetzt bin ich aber ziemlich geschafft. Was machst du heute noch?“

„Dir das Haus zeigen, duschen, was essen. Und du?“

Er zuckte die Schultern. „Haus anschauen, duschen, was essen. Also, fahren wir!“

Wir nahmen meinen Wagen, denn Simon hatte seinen gerade so schön auf dem Hof geparkt. Er wohnte ohnehin irgendwo ganz in der Nähe des Büros, in einer Pension, bis er etwas Besseres fand.

In der Galileistraße stellten wir den Wagen direkt vor dem Haus ab und schlichen uns in den dämmerigen Garten.

„Hm. Das Haus ist faszinierend, da muss ich dir Recht geben.“ Er betrachtete die Fassadenaufteilung und die Proportionen. „Aber der Zustand ist wirklich scheiße. Wie kann man ein solches Juwel nur so verkommen lassen?“

„Das dürfte andererseits den Preis drücken“, gab ich zu bedenken.

Simon tastete die Wand ab, die nach Westen zeigte. Sehr schlau, dass hier die Terrasse und die Balkone waren. „Fühl mal!“

Ich legte die Hand auf das Mauerwerk und wartete einen Moment.

„Feucht. Was erwartest du bei einer Westwand? Kann man alles trocken legen, ich hab schon bei einem Ferienjob gelernt, wie man mit einem Bautrockner umgeht. Wie schätzt du die Bausubstanz insgesamt ein?“

„Von außen?“

„Ja, gut, du hast ja Recht. Aber so auf den ersten Blick?“

„Geht offenbar noch. Wie lange steht das Haus leer?“

„Eineinhalb Jahre. Aber ob die alte Dame vorher anständig geheizt hat?“

„Was willst du dafür zahlen?“

Ich verzog das Gesicht. „Wenn innen keine allzu bösen Überraschungen warten – eine halbe Million? Das Grundstück ist das Dreifache wert, aber das Haus kann eben nicht weg.“

Simon pfiff durch die Zähne. „Und wenn sie es mit einem warmen Abriss probieren? Ich wäre ja schon stark in Versuchung, wenn ich das Ding geerbt hätte.“

„Ich auch“, musste ich gestehen.

„Deine Schätzung ist realistisch“, meinte er dann, „aber Dach, Heizung, Leitungen, Böden, feuchte Wände, Fenster, Fassadenschmuck – alles ist hin, mindestens zweihundert kostet dich die Sanierung, ohne größere Umbauten.“

„Damit rechne ich. Da bleibt doch für die Firma auch was hängen. Stell dir vor, wenn sich das Erdgeschoss eignet, wäre das doch ein tolles Büro für uns. Ich mache uns auch eine günstige Miete. Und oben könnte ich selbst wohnen.“

„Man könnte wahrscheinlich sogar zwei Wohnungen daraus machen“, überlegte Simon, „das müssen doch gut zweihundert Quadratmeter pro Etage sein?“

„So etwa. Ich bin mal gespannt, was dieser Wiedemann morgen sagt. Hältst du das Ganze nun für eine gute Idee, so im Prinzip?“

Simon antwortete nicht. Ich fragte aber nicht weiter, so gut kannte ich ihn mittlerweile schon: Er dachte eben gründlich nach. Schließlich kam er zu einem Ergebnis. „Ja. Im Prinzip schon. Aber wir müssen mehr Projekte durchziehen, du kannst dich dann nicht nur mit deinem Haus befassen, ist das klar?“

„Wofür hältst du mich!“ Ich war ehrlich entrüstet.

„So, und jetzt will ich heim und duschen“, stellte er fest. Ich schnupperte vorsichtig. Ja, er hatte es nötig. Ich auch, wenn ich ehrlich war. Farbe, Zement, Schweiß und die Zwiebeln auf dem Vormittagshamburger. Gut, dass wir nicht öffentliche Verkehrsmittel benutzen mussten, man hätte uns pikierte Blicke zugeworfen. Ich fuhr ihn zurück zum Büro.

„Also, dann sehen wir uns morgen im Büro – um acht“, legte Simon fest und schlug mir auf die Schulter.

„Okay, bis morgen dann!“

Er stieg aus und ich wendete und fuhr nach Henting, wo ich wie eine kleine Versagerin bei meiner Mutter im Keller untergekrochen war. Mama sah das locker – ich eigentlich auch, aber meine Schwester Conny rümpfte darüber die Nase. Sollte sie doch! Das große Zimmer, in dem einst Papas Eisenbahn untergebracht war, erfüllte alle meine Bedürfnisse, daneben war ein behelfsmäßiges Duschbad, mein spärlicher Besitz hatte seinen Platz gefunden und Mama hatte sich nach einigen Tagen damit abgefunden, dass ich dort zwar wohnte, aber kam und ging, wie ich wollte, und auch fast nie bei ihr aß. Tatsächlich hatte außer Conny – und natürlich meinem Berliner Chef und Partner – bis jetzt niemand herumgezickt. Ich erinnerte mich noch an den Besuch bei ihr am Karfreitag.

Sie bewohnte mit ihrer Familie ein eher seltsames Haus in Zolling, etwa zehn Minuten von Mama entfernt. Das Haus war eine unglückselige Mischung aus alpenländischem Baustil – geschnitzte Balkone, Holzverkleidungen – und Futurismus, der sich in den übergroßen Fensterfronten und den eigenartigen Vorsprüngen und Erkern ausdrückte. Riesig groß, man sollte es teilen und ein Zweifamilienhaus daraus machen, überlegte ich mir. Wenn sie eine Hälfte verkauften, wären sie auch ihre Schulden los.

Wir brachten einen Kuchen mit, und Conny schien sich zunächst über unseren Besuch zu freuen. Sie bat uns herein und nötigte uns, auf den froschgrünen Samtsofas Platz zu nehmen. Seit meinem letzten Besuch hatten sie einen Teil des Wohnzimmers mit terracottafarbenen Kacheln ausgelegt, was ich kalt und ungemütlich fand.

Meine Nichten drückten sich im Hintergrund herum, offenbar hin und her gerissen zwischen der Abneigung gegen öde Familientreffen und der Neugierde auf die missratene Tante, die sie so selten zu sehen kriegten.

„Kommt doch mal näher!“, rief ich ihnen zu, und sie näherten sich zögernd.

Celine sah heiß aus, das Haar blauschwarz gefärbt, der nackte Nabel gepierct, das Gesicht totenbleich, die Jeans eng auf der Hüfte sitzend und ab dem Knie weit ausgestellt, was ihr ein sehr x-beiniges Aussehen gab. Na gut, wenn ihr das gefiel? Claire hatte noch ihre normale braune Haarfarbe, war etwas pummelig und trug ein T-Shirt mit einem Foto von *NSYNC darauf. Warum nicht?

Ich begrüßte beide freundlich und enttäuschte sie offenbar, weil ich nicht an ihrem Outfit herummeckerte. Das übernahm Conny, die schnell zu ihrer alten Form zurückzufinden schien. „Müsst ihr so entsetzlich herumlaufen? Könnt ihr euch nicht wenigstens, wenn wir Besuch haben, anständig anziehen? Schlimm genug, dass Tante Babsi so wenig Wert auf ihr Äußeres legt!“

„Conny, lass das“, entgegnete ich ärgerlich. „Deine Töchter haben doch offensichtlich ihre coolsten Sachen an und ich bin fast frei von Zementspuren. Mehr ist von mir eben nicht zu erwarten, du weißt doch, dass ich auf Baustellen zu leben pflege. Und ihr zwei – wehe, ihr sagt Tante zu mir! Ich heiße Babsi, und basta!“

Ein zaghaftes Lächeln belohnte mich dafür, und Claire setzte sich sogar zu uns. Allerdings schien ihr der Kuchen wichtiger zu sein als Oma und Tante. Celine lehnte mit misstrauischem Blick an der eichenen Anrichte, in der Conny, wie ich sie einschätzte, wahrscheinlich Stapel von perfekt gemangelten Tischdecken und Damastservietten aufbewahrte. Während Conny Mamas Ratschläge zur Haushaltsführung leicht gereizt abwehrte, vertraute Claire mir alles über ihre favorisierten Popgruppen, ihre Liebe zu Leonardo di Caprio und ihren Ärger in der Schule an. Das verführte schließlich auch Celine dazu, sich am Gespräch zu beteiligen, und wenn sie nur ihrer Schwester widersprach, wenn es darum ging, welche Lehrer echt doof oder eigentlich richtig cool waren.

„In welcher Klasse bist du denn jetzt?“

„Achte. Ich will ja nächstes Jahr Italienisch nehmen, aber Mama sagt, ich muss Französisch lernen.“

„Ach ja? Warum, Conny?“

„Französisch ist eine Weltsprache, das muss ein gebildeter Mensch können.“

„Weltsprache...“, überlegte ich, „naja! Wo spricht man denn schon noch Französisch, außer in Frankreich und in Westafrika? Die Sprache der EU ist in erster Linie Englisch. In Berlin hätte ich Russisch nützlicher gefunden als Französisch, obwohl es natürlich eine schöne Sprache ist. Italienisch finde ich aber genauso gut. Spanisch wäre echt eine Weltsprache, denk nur an ganz Südamerika!“

„Wann kommt sie denn da schon hin!“, blaffte Conny, aber sie schien nur halbherzig zu zanken. „Und wann kommt sie in den Senegal?“, schoss ich zurück, und sie musste tatsächlich lachen. „Und im Urlaub ist Italienisch doch viel sinnvoller, Frankreich ist ja so teuer“, warf Mama ein. „Ach? Aber du fährst doch morgen nach Paris?“, wandte Conny ein. „Doch nur drei Tage! Und Paris muss einfach sein!“, verteidigte Mama sich.

„In Italien könnte man nach Rom fahren, nach Florenz, nach Venedig, nach Mailand, nach Neapel – eine Stadt schöner als die andere...“ Celines Augen funkelten.

„Und in Italienisch krieg ich die Korff, die ist echt gut drauf. Französisch macht sicher wieder der Brandes, und der mag mich nicht.“

„Ich finde ihn nett. Er lacht so lustig, wenn man einen Schmarrn sagt“, verteidigte Claire ihn, „außerdem hängen die doch eh zusammen, die haben doch was miteinander!“

„Claire!“, tadelte Conny.

„Stimmt aber, das ist denen gar nicht peinlich“, warf Celine ein.

„Zustände sind das!“ Conny schüttelte den Kopf.

„Warum?“, fragte ich harmlos. „Die meisten Leute lernen sich doch am Arbeitsplatz kennen. Hast du Horst nicht auch - ?“

„Das ist doch was ganz anderes!“, wehrte Conny gereizt ab. „Mama, noch Kaffee?“

„Danke, meine Liebe!“ Mama hielt ihre Tasse hoch.

„Und, Babsi, was willst du hier nun machen? Hast du schon einen Job in Aussicht? Du willst ja Mama wohl nicht länger als notwendig auf der Tasche liegen, nicht?“

„Wie kommst du darauf? Ich liege ihr doch nicht auf der Tasche, ich hause nur momentan im Eisenbahnzimmer.“

„Wie dem auch sei – soll ich Horst mal fragen, ob es in seiner Firma für dich irgendwas zu tun gibt?“

„Und was sollte das sein? Ich bin Architektin, nicht Sekretärin!“ Conny konnte einen rasend machen.

„Nun, zu Beginn wirst du wohl nehmen müssen, was du kriegen kannst. Ich glaube nicht, dass man in deiner Situation so wählerisch sein kann.“

„In meiner Situation?“ Ich stellte meine Tasse klirrend hin. „Wärst du so nett, mir zu erklären, wie meine Situation aussieht?“

Sie lächelte mich nachsichtig an. „Nun, offensichtlich hast du deinen Job in Berlin verloren, und sicher ist dort sonst noch einiges schief gelaufen, sonst wärst du doch wohl kaum mit eingezogenem Schwanz - “ Celine lachte dreckig, und ich musste auch kurz grinsen – „nach Hause zurückgekrochen. In deinem Alter noch bei Mama zu hausen – ist das nicht ein Eingeständnis von Schwäche? Und privat hast du ja wohl auch wenig zu bieten, oder?“

„Conny, du bist so doof wie eh und je!“

„Also, du musst mich nicht vor meinen Kindern und in meinem eigenen Haus beleidigen!“

„Ich beleidige dich nicht, ich stelle nur eine Tatsache fest. Erstens: Ich habe meinen Job nicht verloren, ich habe die Partnerschaft aufgelöst, weil ich etwas anderes machen möchte. Zweitens: Ich bin nicht arm, im Gegenteil, aber ich stecke das Geld in mein neues, eigenes Büro und nicht in albernen Privatkram. Drittens: Was sollte ich privat bieten? Wollt ihr eine Show sehen? Habt ihr keinen Fernseher?“

„Was soll das denn für ein Büro sein?“ Conny schnaubte verächtlich. „Altbausanierung. Am Dienstag kommt mein neuer Partner, und dann geht es richtig zur Sache. Wart´s nur ab!“

„Na, ob das was wird?“

„Ich find das geil“, mischte Celine sich ein.

„Danke schön! Hier gibt es wunderbare Häuser, und hier sind sie nicht so arge Spekulationsobjekte wie in Berlin. Ich glaube, ich werde viel Spaß haben.“

„Spaß?“

„Sicher. Der Beruf soll doch auch Spaß machen. Gut, nicht täglich, aber wenn man keine Freude an seiner Arbeit hat, kann man es doch gleich lassen. Was machst du eigentlich gerade? Deine Kinder sind ja eindeutig aus dem Gröbsten raus.“ Damit hatte ich den Krieg ins feindliche Lager getragen und konnte mich genüsslich zurücklehnen. „Ich? Ich kümmere mich um den Haushalt!“

„Macht dir das Spaß?“

„Spaß? Das ist eben meine Aufgabe! Ich kenne meine Pflichten.“

„Du bist immer noch die gleiche alte Puritanerin wie früher. Sei doch einmal ehrlich zu dir!“

Mama mischte sich hastig ein, bevor wir handgreiflich werden konnten, und lenkte das Gespräch auf harmlosere Themen. Conny verlor ihre latent defensive Haltung aber den ganzen Nachmittag über nicht.

„Wo ist Horst eigentlich?“

„Arbeitet“, entgegnete Conny knapp.

„Am Karfreitag?“ Gut, dass Mama diese ungläubige Bemerkung gemacht hatte, und nicht ich!

„Ja, auch am Karfreitag!“ Conny war ja richtig patzig. Ich glaubte ihr kein Wort, Horst schien auf Abwegen zu sein. Warum verblüffte mich das nicht? Die Sache musste man im Auge behalten. Überhaupt, Conny wirkte genauso wenig glücklich wie vor einem Jahr bei meinem letzten Besuch, eher noch ein bisschen unglücklicher.

Die beiden Mädchen prusteten abfällig und verschwanden in ihren Zimmern, und auch Mama und ich verabschiedeten uns taktvoll. Bei Gelegenheit musste ich mal herauskriegen, was bei Conny wirklich los war, so konnte das schließlich nicht bleiben, dachte ich mir auf der Heimfahrt. Gut, aber seitdem waren mehr als zwei Wochen ins Land gegangen und wir hatten es ganz schön weit gebracht. Und warum sollte ich nicht in Mamas Keller hausen, wenn es nichts kostete, Mama nicht störte und mir auch genügte? Mein Geld brauchte ich wirklich für die Firma.

Am nächsten Morgen war ich schon um sieben im Büro, um ja keine Lieferung zu verpassen. Natürlich rührte sich bis acht Uhr gar nichts, und ich aß aus lauter Langeweile gleich drei von den Croissants, die ich für uns beide mitgebracht hatte, nachdem ich die Fotos, die ich in den letzten beiden Wochen von renovierbedürftigen und bereits perfekt sanierten Altbauten gemacht hatte, eingeklebt hatte. Das sollte uns inspirieren. Meine Sammlung von einschlägigen Bildbänden, die ich schon während des Studiums begonnen hatte, würde ebenfalls im Büro ihren Platz finden, sobald wir nur Regale hatten.

Gegen acht kam Simon, der sich nun mit mir zusammen langweilen konnte. Wir putzten ziemlich sinnlos noch ein bisschen herum, polierten unsere Namensschilder und kochten noch einmal Kaffee.

Endlich klingelte es. Kurz vor neun – die Büromöbel wurden hereinbugsiert. Wir hätten vielleicht doch nicht ganz so preiswert einkaufen sollen – die Möbel waren zwar schön und solide, aber der Aufbau war nicht inklusive. Wir konnten gerade mal schnell kontrollieren, ob die Lieferung stimmte und komplett war, dann hauten die beiden kräftigen Kerle auch schon wieder ab, und wir sahen uns resigniert an.

„Hilft ja nun nichts“, ermannte sich Simon schließlich und schleifte seinen Teil in sein Büro. Ich tat es ihm gleich und ging an die Arbeit. Das Mieseste war der Schreibtisch, deshalb machte ich um ihn erst einmal einen großen Bogen und baute stattdessen die beiden Regale auf. Mühsam war es auch, den Schubladenschrank in Übergröße (für Entwürfe und Pläne) in die Ecke zu schleifen.

Schwitzend und lustlos ging ich zwischendurch gucken, wie weit Simon war. Ha, genauso! Um den Schreibtisch hatte er sich bis jetzt auch gedrückt. Grinsend verzog ich mich wieder und baute erst einmal das Gerüst auf, das ging ja noch. Den Kabelschacht montierte ich zuerst falsch, die Tischplatten ebenfalls, bis ich merkte, dass die abgerundeten Kanten nach vorne gehörten. Leise fluchend löste ich die Schrauben wieder und drehte alles um. So, sehr schön. Jetzt wackelte aber der Kabelschacht (tolles Wort für das windige Plastikrohr) wieder. Ich zog die Schrauben noch einmal nach und schob den Tisch dann an die richtige Stelle – Licht von links, Stecker neben den Kabelschacht. Nun noch die Ablage und die Schubladen. Die Schubladen musste man zusammenstecken und dabei so viel Kraft anwenden, dass sich meine Fingerspitzen hinterher ganz taub anfühlten. Ich war heilfroh, als ich endlich alle fertig und die Griffe festgeschraubt hatte. Rein in die Führung! Immerhin, der Schreibtisch sah ziemlich echt aus, wie er so da stand. Erleichtert riss ich die Verpackung von meinem Bürostuhl und stellte seine Höhe auf mich ein. Ja, so konnte man zur Not arbeiten. Licht fehlte noch, die Deckenstrahler waren zu diffus. Aber zunächst konnte man so leben. Was war denn in dem letzten Paket?

Oh, eine Hängeregistratur, die unter den Computertisch gehörte! Na, das ging einigermaßen schnell. Ich rückte das Telefon zurecht und schob meine Bildbände und Fotoalben in eines der Regalfächer. Der Verpackungshaufen störte noch, also trug ich ihn schnell in den Hof. Mist, der Papiercontainer war schon fast voll. Immerhin war ich schneller als Simon gewesen – der konnte schauen, wo er seine Verpackungen hinschaffte.

Simon begegnete mir im Treppenhaus, den Arm voller Pappe, Plastikfolie und Styroporformen, und grinste matt. Ich feixte selbstzufrieden, aber mein Hochgefühl verging mir schnell wieder, als ich die Pakete im Sekretariat sah. Das Gleiche noch einmal! Als ich gerade die Regale zusammenschraubte, klingelte es – der Kopierer wurde geliefert. Bis die beiden „Fachleute“ den vorgesehenen Platz gebilligt, den Kopierer eingesteckt, mit Toner befüllt und getestet hatten (wenigstens war ein Paket Papier inbegriffen), war fast eine Stunde vergangen. Wir hatten fasziniert zugesehen, anstatt zu arbeiten, nur Simon verschwand zwischendurch kurz und bestellte eine Palette Kopierpapier, das hatten wir nämlich völlig vergessen.

Als die beiden Herren verschwunden waren, sah Simon mich kläglich an. „Ich hab total Hunger. Aber nachher kommt der Netzwerkfritz, und da sollten wir schon zugucken. Und das blöde Sekretariat ist auch noch nicht fertig. Langsam macht das keinen Spaß mehr, finde ich.“

„Wem sagst du das! Komm, du bestellst uns zwei Pizza, für mich Marinara und einen Liter Diet Coke, und ich mache den Schreibtisch fertig, ja? Es ist erst Viertel nach eins, vielleicht schaffen wir das alles ja auch noch vorher!“ Simon ging brav telefonieren. Der zweite Schreibtisch ging schon viel schneller, ich hatte offenbar aus meinen Fehlern gelernt. Dafür machte ich jetzt neue – die Schubladengriffe zuerst anzuschrauben, war keine so gute Idee, weil man genau auf diese Stelle drücken musste, damit die Seitenteile richtig einrasteten.

Wenigstens war der große Stahlschrank schon zusammengebaut! Zu zweit zerrten wir ihn ächzend und stöhnend in eine Ecke, wo er auf Schreibwaren und Kopierpapier warten konnte.

Als die Frau vom Computerservice kam – kein Fritz also, eine Fritzin -, hatten wir das Sekretariat halbwegs fertig. Sie baute alle Rechner und Drucker auf, vernetzte sie miteinander, richtete einen Rechner als Server ein und sorgte für den Internetanschluss und die E-Mail-Adressen für jeden Mitarbeiter. Wir passten auf wie die Schießhunde, verstanden aber nur die Hälfte. Selber würden wir nur zurechtkommen, solange es keine Probleme gab.

„Und wenn Sie eine eigene website einrichten wollen, melden Sie sich. Ich kenne da eine sehr fähige junge Agentur...“, bot sie uns noch an, als sie unter dem letzten Schreibtisch hervorgekrabbelt kam und ihren Schraubenzieher wieder verstaut hatte. Na, das dauerte noch ein bisschen. Womit sollten wir im Moment auch werben?

Wir spielten unsere Programme, Bürosoftware, Etikettendruckerei, Zeichenprogramme und Spezialsoftware für Entwürfe und Simulationen auf, dazu ein paar harmlose Spiele, solange wir noch nicht in der Arbeit erstickten.

Kaum waren wir wieder alleine, klingelte mein Telefon.

„Ach, Herr Wiedemann!“

„Ja. Verzeihung, dass ich erst jetzt anrufe, aber ich musste meine Miterben erst noch erreichen. Würden Sie das Haus gerne einmal ausführlich besichtigen? Auch von innen?“

„Sicherlich. Ich muss doch den Zustand überprüfen!“

„Wäre es Ihnen heute Abend Recht?“

„Nein“, wehrte ich ab – Strategie! -, „lieber morgen Nachmittag. Ich möchte ja etwas sehen, nicht?“

„Gut, dann morgen um vier?“

„Ausgezeichnet. Ich bringe einen Sachverständigen mit.“ Ich zwinkerte Simon zu, der eine Augenbraue hob.

„Äh – ja, natürlich. Bis morgen also.“ Er legte auf; ich tat es ihm gleich und rieb mir die Hände.

„Warum nicht heute?“

„So scharf darauf will ich auch nicht wirken. Wenn ich bis morgen warte, spare ich vielleicht ein bisschen Geld. Lieber stecke ich es in die Sanierung und damit in die Firma.“

Simon nickte billigend. „Weißt du, was ich morgen früh mache?“

„Die neue Sekretärin einweisen?“, schlug ich vor.

„Nein, das kannst du machen. Ich stelle mich beim Denkmalschutz vor, bitte um eine Kopie ihrer Richtlinien und schleime mich ganz allgemein dort ein. Kann doch nie schaden, vielleicht verschaffen sie uns sogar mal einen Kunden?“

Die Idee war gar nicht schlecht, fand ich. Als die Lieferung von der Büroartikelfirma kam, räumten wir alles ein, zum größten Teil in den Blechschrank, einige Ordner aber in unsere Regale, damit sie nicht ganz so leer aussahen. Dann musterten wir alles zufrieden, schalteten den Anrufbeantworter ein und gingen nach Hause. Ich wenigstens. Was Simon machte, wusste ich nicht. Wahrscheinlich mit seiner Frau telefonieren, wie es sich schließlich gehörte.

Eine lange Liste kam zusammen, als ich mir überlegte, worauf ich bei der Hausbesichtigung achten sollte und was alles negativ war und den Preis drücken konnte. Am liebsten wäre ich unter fünfhundert geblieben, aber angesichts des Grundstückswertes war das wohl illusorisch. Im schlimmsten Fall könnte man das Haus, wenn es perfekt saniert wäre, auch als Firmensitz verkaufen. Nur – ich wollte es behalten, als unseren Firmensitz. Wie viel konnte ich maximal investieren?

Nach dem Kapital für unsere Firma hatte ich noch achthundert übrig – mein Anteil an Zörg & Friends war dank des Baubooms in Berlin ganz hübsch etwas wert gewesen -, aber ich brauchte auch eine private Reserve und musste tatsächlich mit mindestens zweihundert für die Sanierung rechnen. Ein Kredit wäre vielleicht hilfreich, im Notfall. Aber keinesfalls mehr als hunderttausend, nahm ich mir streng vor.

Doris Knaur, die Sekretärin, die Simon eingestellt hatte und der ich nun alles zeigen durfte, während er im Städtischen Amt für Denkmalschutz eine Schleimspur legte, machte einen ganz ordentlichen Eindruck. Sie war etwas jünger als wir, hatte einige Jahre Berufserfahrung, behauptete, mit allen verwendeten Programmen umgehen zu können – mit Ausnahme der Design-Software, was auch niemand von ihr erwartet hätte. Sie sah sich suchend im Sekretariat um: „Wo ist denn Ihr Chef?“

„Herr Bauer? Das ist nicht mein Chef, sondern mein Partner.“

„Oh.“

Das klang ja regelrecht enttäuscht, ich musste sie schnell beruhigen.

„Geschäftlich, meine ich. Sie haben ja das Schild gesehen, Lenz & Bauer, nicht?“

Klasse hatte ich das gemacht, wirklich. Der Takt eines Nilpferdes. Im Klartext hatte ich gesagt:

a) Du bist zu doof, dich an den Namen der Firma zu erinnern, für die du arbeitest.

b) Du hast dich in einen deiner Chefs verguckt und lässt dir das auch noch raushängen.

Kein Wunder, dass sie rot wurde!

„Ja, natürlich“, murmelte sie und zog geschäftig die Schubladen ihres Schreibtischs auf, in denen außer jungfräulichem Bürobedarf nichts zu finden war.

„Also, machen Sie sich erst einmal mit allem vertraut. Hier sind die Rechnungen, die bis jetzt aufgelaufen sind. Am besten buchen Sie sie, veranlassen die Zahlungen – an das Skonto denken Sie natürlich? – und geben dann uns drei in die Personaldatei ein. Ach, die müssen Sie noch einrichten, die üblichen Daten, auch wegen der Gehälter, nicht?“

„Kein Problem.“

Offenbar war sie froh, etwas zu tun zu haben. Im Moment war es ohnehin noch wenig genug.

Als Simon zurückkam, strahlte sie aber doch auf.

Also, so schön fand ich ihn ja nun nicht.

Er bekam rapide eine Glatze, stellte ich fest, als ich geistesabwesend auf seinen Kopf starrte, der über den praktisch leeren Aktenschrank gebeugt war, aber immerhin war er nicht so doof, lange Strähnen darüber zu kämmen. Nein, er hatte seine ziemlich hellen Haare einfach so kurz wie möglich geschoren, so dass die dünnen Stellen kaum auffielen. Wie ich auch trug er Jeans, Hemden oder Sweatshirts und einen uralten, verbeulten Blazer, alles mit Zementflecken verziert, dazu meistens staubige, lehmverschmierte Schuhe. Wenn er der Knaur gefiel... Oder sollte ich sie darauf hinweisen, dass er verheiratet war? Wozu, dachte ich mir dann, sie musste ja schon wegen der Einkommensteuer seinen Familienstand erfassen. Und wenn ihr das egal war, konnte sie von mir aus gerne seine Adresse auswendig lernen und jeden Abend vor seinem Zimmerchen schmachten. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht darauf einging, sonst brauchten wir bald eine neue Sekretärin! Er gab ihr seine persönlichen Daten, die sie mit viel mehr Eifer aufnahm als zuvor meine. Mittendrin verließ ich das Zimmer, um meine frisch gebastelte Mängelliste zu holen. Simon kam mir bald hinterher. „Willst du nicht wissen, wie es auf dem Amt war?“

„Doch, klar, erzähl schon.“

„Also, zwei sind für uns zuständig, eine Silvia Plattner und ein Jochen Robl. Die teilen wir uns am besten auf. Dieser Jochen scheint auf mich nicht so zu stehen, aber sie sind beide recht nett. Und von einigen dieser Objekte, die du auf deinen Streifzügen gefunden hast, haben sie uns den Eigentümer rausgesucht. Weißt du noch, die Jugendstilfassade mit dem MacDonald´s unten drin? Und der Haltestellenpavillon, den die Stadtwerke dummerweise verscheuert haben?“

„Ist ja toll. Gib mir die Adressen, ich trag sie gleich bei den passenden Fotos ein!“ Ich griff schon nach dem Fotoordner und übertrug alle Daten von Simons zerknittertem Zettel.

Die Jugendstilfassade... Sie war herzbewegend schön, das war mir schon beim ersten Blick aufgefallen, als ich unmittelbar nach meiner Ankunft, die Kamera in der Hand und Gier im Herzen, durch die Straßen der City und des Univiertels getrabt war. Das Haus hinter der Fassade war ganz offensichtlich nicht mehr original, man hatte, wie mir die Inspektion der Rückseite und des seitlichen Eingangs verriet, das Haus offenbar in den späten Siebzigern entkernt und dann recht ungeschickt modernisiert. Wenigstens den Hauseingang sollte man wieder in Jugendstil verwandeln!

Außerdem war die Fassade einheitlich creme gestrichen, ohne die vielen floralen Ornamente durch Zierfarben hervorzuheben. Dabei wusste man doch, dass eine solche Fassade im Original immer bunt gewesen war, vielleicht sogar mit vergoldeten Details. Creme war im Prinzip nicht schlecht, man sollte die Verzierungen in satten, dunklen Farben halten, moosgrün, dunkelblau, weinrot, etwas gold... Ob man den Eigentümer mit einem Hinweis auf den Fassadenpreis der Stadt ködern konnte? Und mit den Zuschüssen, die er bekäme? Und eine wirklich perfekte Fassade fände vielleicht Eingang in kunsthistorisch angelegte Reiseführer – damit würde auch mehr Fast Food umgesetzt. Andererseits gehörte das Haus nicht MacDonalds, sondern einer Versicherung. Imageverbesserung!

Ich notierte mir einige schmeichelnde Argumente und überlegte sogar, welche Versicherungen wir ohnehin abschließen mussten, Firmenhaftpflicht, Diebstahl, für die Villa alle Gebäudeversicherungen, Risikoleben für uns beide... das war mit Simon noch zu besprechen. Gut, dass ich ein großes Zeitplanbuch auf dem Tisch liegen hatte!

Nach der Mittagspause zog sich Simon in sein Büro zurück und begann, die Eigentümer des Haltestellenpavillons zu bezirzen – eine Kette von Blumenläden. Dieser betreffende Laden würde in einem renovierten Schmuckstück zum absoluten Blickfang werden... Etwa so hatte er mir seine Taktik beim Essen dargelegt. Ob er wohl damit Erfolg hatte?

Als er später aus seinem Büro schaute, grinste er triumphierend. „Sie wollen einen Kostenvoranschlag. Natürlich kostenlos.“

„Natürlich. Dafür können wir ja auch schlecht etwas verlangen. Wann schaust du den Pavillon an?“

„Morgen um drei. Du kommst bitte mit. Bis wir mehr Sicherheit haben, sollten wir das gemeinsam machen. Und Fotos brauchen wir auch.“

„Klar.“ Ich hatte die Kamera und einen ganzen Sack Filme in einer Schreibtischschublade gebunkert und lud den Apparat gerade ohnehin, weil ich ja auch die Villa inspizieren musste. Unser Glück, dass drei Häuser weiter ein Schnellservice war, der bis jetzt wenigstens wirklich in annähernd der versprochenen Zeit die Abzüge bereithielt. Bei Gelegenheit sollte ich mal über eine dieser Digitalkameras nachdenken.

Horst Wiedemann sah absolut nicht so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte; er war groß, dünn, schmallippig, grauhaarig und hatte das undefinierbare Air eines ehemaligen Offiziers. Die bellende Stimme vom Telefon passte gar nicht zu ihm, sie gehörte zu jemandem, der bedeutend stiernackiger war. Er begrüßte uns höflich, wenn sein Blick auf Simon auch etwas misstrauisch wirkte. Offenbar wäre ihm eine Besichtigung ohne Sachverständigen lieber gewesen – und dass ich genauso viel wie Simon vom Zustand eines Hauses verstand, konnte er ja nicht wissen. Ich wurde jedenfalls deutlich zuvorkommender behandelt. „Nun, gnädige Frau -“

„Mein Name ist Lenz“, warf ich ein.

„Wollen wir zuerst das Innere ansehen?“

„Gerne. Fangen wir im Keller an, ja?“

Er sah mich verblüfft an. „Warum im Keller?“

„Wegen der Heizung und der Installationen. Geht es dort hinunter?“

Er folgte uns etwas missmutig.

Die Treppe wirkte noch recht solide, aber das Geländer wackelte. Der Sicherungskasten zeigte noch die alten Porzellansicherungen zum Schrauben. Offenbar wäre es angebracht, die elektrischen Leitungen zu erneuern. Von der Gesamtstromstärke hatte Wiedemann keine Ahnung, und meine Frage gefiel ihm auch nicht besonders. War sie unweiblich oder wies sie auf einen weiteren Minuspunkt hin?

Ich notierte, dass die Leitungen ersetzt werden mussten, was ja offenbar seit den frühen Fünfzigern nicht mehr passiert war, und suchte dann nach dem Heizungskeller. Der Kessel war relativ neu.

„Sie haben Belege, wann die Heizung zuletzt modernisiert wurde?“

„Sicher, irgendwo.“

„Die bräuchte ich dann schon. Entspricht die Heizung noch den Emissionsvorschriften?“

Undeutliches Gemurmel: also eher nicht.

„Aus welchem Material bestehen die Wasserrohre?“ Simon kratzte ein bisschen an den vielfach übermalten Rohren über Putz herum.

„Kupfer, glaube ich.“ Das glaubte ich nun weniger, ich vermutete Blei.

„Die müsste man wahrscheinlich auch austauschen“, murmelte ich mit Grabesstimme. Wiedemann ließ etwas den Kopf hängen. Wir monierten noch feuchte Wände und verzogene Türrahmen, dann kletterten wir wieder ins Erdgeschoss. Die Eingangshalle war gut geschnitten, die Treppe in den ersten Stock war reich geschnitzt und offenbar noch solide. Das wäre zu überprüfen... Ich öffnete neugierig die Tür in das erste Zimmer. Aha, eine Art Salon.

„Hier stehen ja noch Möbel!“

„Nun ja, wissen Sie, niemand wollte die letzten alten Möbel von Tante Elise haben, und so haben wir sie erst einmal stehen gelassen. Interessieren Sie sich dafür?“

Brennend!

„Nicht besonders“, antwortete ich so gleichgültig wie möglich, „das meiste müssten wir ja wohl entsorgen. Aber wenn Sie wollen, können wir das übernehmen, wenn es nicht zuviel Zeug ist.“

Eine Anrichte und zwei dicke Sessel aus den späten zwanziger Jahren, nicht übel, aber wahrscheinlich von Mäusen bewohnt. Ich schlug die Fensterläden zurück und musterte dabei vorwurfsvoll den abgeblätterten Lack. Das Terrassenpflaster hatte sich geworfen, das Unkraut drang überall durch. „Arg vernachlässigt“, stellte Simon leidenschaftslos fest. „Oh – und die Westwand ist feucht. Wenn nur das Trockenlegen nicht immer so aufwendig wäre...“

„Von uns wollte keiner hier wohnen“, verteidigte sich Wiedemann, „wissen Sie, wir haben natürlich alle modernere, komfortablere Häuser, und hier wäre doch viel zu machen -“

Er brach ab, als er merkte, dass seine Erklärung kontraproduktiv war.

„Wem sagen Sie das!“, konnte ich mir die süffisante Antwort nicht verkneifen.

Wir wanderten, bis es dunkel wurde, in dem Haus herum, tadelten das Fehlen einer Menge Dachziegel, die Wasserflecken an den Wänden im zweiten Stock, die maroden Bäder, die halb verfaulten Fußböden... Simon schüttelte pausenlos pessimistisch den Kopf und gab missbilligende Geräusche von sich, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Die Substanz war freilich einigermaßen solide, bis auf die Westwand war das Mauerwerk auch trocken.

Am Ende lasen wir uns gegenseitig unsere Notizen vor, um alle Mängel zu rekapitulieren, bis Wiedemann schon fest überzeugt schien, wir hätten das Interesse verloren. „Tja, Herr Wiedemann -“

„Schon klar. Der Zustand ist zu schlecht, nicht? Ein Abriss wäre viel einfacher...“

„Aber da ist der Denkmalschutz“, erinnerte Simon ihn mit sanfter Stimme. „Ärgerlich, nicht?“

„Ja, wirklich. Schade, dass das Haus nicht Ihren Vorstellungen entspricht.“

„Das haben wir so nicht gesagt“, wandte ich ein. „Es ist natürlich eine gewaltige Herausforderung. Wie sehen denn Ihre Preisvorstellungen aus?“

Er tat, als überlege er. Seine Miterben hatten ihm sicher eine Summe mit auf den Weg gegeben.

„Achthundert!“

Ich lachte fröhlich. „Dann bliebe ja kein Pfennig für die Sanierung übrig! Nein, mit diesem Preis kommen wir nicht zusammen. Dann versuchen Sie es lieber bei anderen Interessenten.“

Der Schatten, der über sein Gesicht flog, sagte uns deutlich: „Welche anderen Interessenten?“

„Wie viel würden Sie denn zahlen wollen?“

Ich zuckte die Achseln. „Vierhundert wären angemessen, denke ich. Die gleiche Summe für den Totalumbau. Altbauten sind ja auch teuer im Unterhalt, nicht?“

„Vierhundert?“ Er war empört, fasste sich aber schnell wieder. Nur die Hälfte, das war schon bitter – aber den einzigen Kunden vor die Tür setzen? Man sah förmlich, wie er fieberhaft nachdachte. „Ich spreche mit meinen Verwandten. Aber ob ich ihnen diesen Preis schmackhaft machen kann – versprechen will ich nichts.“

„Einverstanden. Ich höre dann von Ihnen?“

„Morgen oder übermorgen, ja.“

„Vormittags, bitte“, bat ich freundlich, „nachmittags besichtigen wir noch andere interessante Objekte.“

„Sicherlich. Sie hören von mir. Auf Wiedersehen!“

Er stapfte durch das hohe Gras, das auch auf der Einfahrt wuchs, zu seinem Wagen und fuhr davon. Als das Motorengeräusch verklungen war, drehte sich Simon zu mir um. „Du bist gar nicht so doof, Babsi!“

„Oh, vielen Dank. Welch überschäumendes Lob!“

„Nein, im Ernst. Ich finde, du hast ziemlich geschickt verhandelt.“

„Weißt du was? Das finde ich auch. Ich bin mal gespannt, ob er seine Verwandten überzeugen kann. Wahrscheinlich handeln sie mich auf fünfhundert herauf.“

Simon nickte. „Und wie viel würdest du maximal zahlen?“

„Sechshundert, aber nur blutenden Herzens. Ich hoffe, ich komme mit fünfhundert davon. Mehr ist das Ganze in dem Zustand wirklich nicht wert.“

„Dann sehen wir uns morgen mal den Pavillon an, ja? Und vielleicht sollten wir eine Anzeige entwerfen. Schade, dass wir noch nicht im Internet vertreten sind.“

„Ohne Beispiele für unsere wunderbare Arbeit? Sobald wir etwas fertig haben, lassen wir uns eine Website einrichten.“

„Gut. Na, dann bis morgen!“

Am nächsten Morgen saß ich gerade am Schreibtisch und kämpfte mich durch eins unserer neuen Designprogramme, als Doris Knaur entrat, um mir die bisher angefallenen Zahlungsanweisungen zur Unterschrift vorzulegen. Schon ein hübsches Sümmchen, aber unser Geschäftskonto sah so leer nicht aus. Gut, damit gehörten die Möbel und die Bleistifte uns. Wir bastelten noch einen Dauerauftrag für die Leasingraten des Kopierers, dann hatte sie eigentlich auch schon wieder nichts zu tun.

„Ich weiß, dass es hier noch ein bisschen langweilig ist, aber das ändert sich hoffentlich bald. Passen Sie heute bitte vor allem aufs Telefon auf. Wenn Sie nebenbei lesen, habe ich nichts dagegen. Sollte uns jemand sprechen wollen und wir sind gerade nicht da, sind wir übrigens immer bei einem Kunden oder auf einer Baustelle, klar? Wir wollen doch beschäftigt wirken! Hat übrigens schon jemand angerufen?“

„Heute noch nicht. Aber auf dem Band war eine Nachricht von gestern Abend.“

„Frau Knaur! Raus damit! Etwas Interessantes?“

Sie studierte den Zettel, den sie in der Hand hielt. „Etwas rätselhaft, finde ich. Sie möchten einen Herrn Brandstetter anrufen, ohne Begründung. Hier ist die Nummer.“

Ich tippte die Nummer ein. Herr Brandstetter, stellte sich heraus, hatte sich schlicht verwählt, obwohl unsere Bandansage doch ganz klar war. So viel zu meiner Hoffnung auf einen neuen Kunden! Wir entwarfen die Beschriftung für die ersten paar Ordner, damit die Regale nicht mehr so peinlich aussahen, und beschlossen, bei Gelegenheit wenigstens für eines der Büros eine kleine Sitzecke anzuschaffen, um Kunden angemessen empfangen zu können.

Dann war uns erst einmal wieder langweilig. Gut, ich klebte weiter Fotos ein und legte eine Mappe für den Pavillon, die McDonald’s-Fassade und die Villa an, aber das war schlichte Hybris – wir hatten noch keinen einzigen Auftrag.

Was war, wenn wir auch nie einen Auftrag bekamen? Ich steigerte mich so in Existenzängste hinein, dass Simon mich mittags zum Essen entführte – in eben diesen McDonald´s. Das lenkte mich tatsächlich ab, denn es gab mir Gelegenheit, die unfachmännische Sanierung genauer zu begutachten. Und die Fassade war wirklich zum Weinen!

Simon war entschlossen, wenigstens die Firmenhaftpflicht bei dieser Versicherung abzuschließen und plante, morgen Vormittag dort einen Besuch abzustatten. Vielleicht ergab sich etwas?

Der Pavillon war reizend – gewesen. Er bestand aus einem erhöhten Mittelteil und ursprünglich wohl zwei kleinen Seitenflügeln, von denen man einen aber abgerissen hatte. Das Ganze sah aus wie ein Spielzeugherrenhaus und war durchgehend im klassizistischen Stil gehalten, mit Rustica an den Kanten, einem winzigen Mittelrisalit und strengen Verzierungen über den Fenstern. Der Mittelteil war offen gehalten, weil er ursprünglich als Warteraum für den Busbahnhof Fuggerplatz gedient hatte. Aus dieser Zeit war er innen immer noch über und über mit Graffiti beschmiert, die uns mitteilten, wer wen ficken wollte, wer ein Muttersöhnchen, ein Nazi oder überhaupt ein Arschloch war. Und mehrfach hatte jemand seinem Ärger über die Busverspätungen Luft gemacht. In dem noch vorhandenen Seitenflügel war die Blumenhandlung untergebracht, während gegenüber ein neuer Glaskasten die Fahrgäste vor dem Regen schützen sollte.

Die Eigentümer stellten sich vor, den zweiten Flügel wieder anzubauen und ihn an einen anderen Laden zu vermieten, vielleicht Bücher und Zeitschriften; der Hintergrund des Mittelteils könnte dann für die übliche Bäckereikette interessant sein. Und der offene Durchgang sollte außerhalb der Geschäftszeiten verschlossen werden, um die Schmierereien in Grenzen zu halten.

Das schien alles machbar zu sein. Wir notierten die Wünsche, bewerteten den baulichen Zustand – ein neues Dach schien notwendig, und einiges an der Fassade musste vorsichtig ergänzt werden – und schätzten dann den Finanzbedarf grob ab. Damit konnten wir noch für diese Woche einen Kostenvoranschlag in Aussicht stellen, sobald wir mit dem Maurer, dem Maler und dem Dachdecker gesprochen hatten. Glücklicherweise hatte ich ja so viele Kontakte zu den hiesigen Baufirmen, und ebenfalls glücklicherweise hatte ich diese Kontakte via Weihnachtskarten nie ganz einschlafen lassen und mich sofort nach meiner Rückkehr überall telefonisch in Erinnerung gebracht. Das sollte für die Ausschreibungen ganz nützlich sein. 

Vergnügt eilten wir uns Büro zurück und begannen mit dem Genehmigungsplan, dem Leistungsverzeichnis und den geschätzten Stundenzahlen und Summen. Morgen früh konnten wir bei den Handwerkern nachfragen und dann das Ganze schön abtippen. Und ob außer dem Bauamt auch der Denkmalsschutz einverstanden war? Simon sollte bei seiner Verehrerin nachfragen.

Frau Knaur brachte einen Zettel herein. „Mit der Bitte um Rückruf – sonst war nichts los!“

Eine Nachricht von Wiedemann! Ich rief natürlich sofort zurück.

„Können wir uns heute Abend noch treffen?“

Ich sah fragend zu Simon, der eifrig nickte.

„Ja, gut – um acht? Auf dem Grundstück?“

„Nein... Kennen Sie den Wittelsbacher Hof?“

„Sicher. Um acht dann.“

Ich legte auf und drehte mich zu Simon um: „Das sieht mir nicht nach einer Absage aus. Vielleicht wollen sie uns abfüllen, um uns die Hütte für achthundert anzudrehen. Aber ich habe in Berlin hart trainiert, ich vertrage bestimmt mehr als dieser Wiedemann und seine Miterben.“

„Spielst du wieder tough girl?“

„Klar“, grinste ich, „das bin ich doch auch, oder?“

„Wenn du meinst...“

Was sollte das denn heißen? Was weiblich war, legte wohl seine Frau fest? Konnte mir ja egal sein! Seine nächsten Worte schienen das zu bestätigen. „Ich müsste am Wochenende mal nach Berlin, geht das?“

„Natürlich!“ Ich sah ihn erstaunt an. „Du warst fast einen Monat nicht mehr dort, langsam wird es ja wirklich Zeit.“

Er musterte mich mit gerunzelter Stirn, sagte aber erst einmal nichts, sondern beugte sich nur über seinen Schreibtisch und murmelte schließlich: „Gut, dann fliege ich am Freitagabend. Du kommst alleine zurecht?“

„Sicher. Was soll am Wochenende schon groß los sein?“

Sobald wir mit dem Entwurf des Kostenvoranschlags fertig waren, war es auch schon Zeit, sich rasch umzuziehen und in den Wittelsbacher Hof zu fahren. Glücklicherweise hatte ich eines meiner Kostüme, einige T-Shirts und die passenden Schuhe und Strümpfe im Büro. Simon fuhr schnell nach Hause, um Sweatshirt und Tweedsakko durch ein Hemd und einen Blazer zu ersetzen und saubere Schuhe anzuziehen. Um Punkt acht trafen wir uns vor dem Wittelsbacher Hof, ziemlich seriös aussehend, fand ich.

Wiedemann hatte eine recht dickliche Dame in mittleren Jahren und einen Herrn mitgebracht, der ihm ziemlich ähnlich sah, aber etwas jünger und nicht ganz so offiziersmäßig wirkte. Er stellte die beiden als seine Geschwister vor, nachdem wir uns gesetzt hatten.

„Nun, wir haben uns Ihr Angebot durch den Kopf gehen lassen“, begann Wiedemann dann und legte eine Kunstpause ein. Ich zog die Augenbrauen hoch und legte, wie ich hoffte, eine freundliche Miene an den Tag. Simons Gesicht war undurchschaubar. „Aber zuvor – was möchten Sie trinken?“

Wir baten um Bier. Unter den Tisch saufen konnte er uns schließlich nicht, und wenn die drei später selbst einen sitzen hatten, gingen sie mit dem Preis vielleicht noch runter? Wir warteten, dass er fortfuhr. „Ihr Angebot ist natürlich etwas enttäuschend, in Anbetracht der Tatsache, dass das Grundstück riesig ist und in einer der besten Gegenden der Stadt liegt“, warf der jüngere Wiedemann ein.

„Mag sein“, gab ich zu, „aber die Existenz einer denkmalgeschützten Ruine verhindert eben jede wirklich lukrative Nutzung des Grundstücks, nicht? Und eine krumme Tour werden Sie doch bestimmt nicht reiten wollen?“

Er versteifte sich. „Wie meinen Sie das, bitte?“

„Nun, in Berlin, wo wir bis vor kurzem gearbeitet haben, konnte man sich vorstellen, dass ein Eigentümer in Ihrer Lage sich notfalls mit einem Kanister Benzin und einem Streichholz zu helfen gewusst hätte. Aber hier... Und Sie machen ja auch alle einen so seriösen Eindruck, Sie wissen natürlich, wann man sich mit den Gegebenheiten mit Anstand abfinden muss.“

Er musterte mich immer noch stirnrunzelnd. „Gewiss haben wir nichts Illegales vor. Aber nur der halbe Preis -“

„Was schwebt Ihnen denn mittlerweile vor?“, mischte Simon sich ein, sobald er sein Bier aus der Hand der Bedienung entgegengenommen hatte.

„Sechshundert?“ Ich schüttelte langsam den Kopf. „Sehen Sie, die Sanierung wird ein Vermögen verschlingen, obwohl wir vom Fach sind. Und ohne Sanierung kann man mit dem ganzen Objekt nichts anfangen. Sechshundert übersteigt meine Verhältnisse.“

„Wollen Sie das Haus für sich privat oder geschäftlich kaufen?“, fragte der Jüngere wieder.

„Privat. Vielleicht wird sich die Nutzung nach der Renovierung ändern, aber zunächst geht es mir um meine privaten Interessen.“

„Was tun Sie geschäftlich?“ Endlich sagte die dicke Schwester auch mal was! Ich musterte sie kurz, den schweren Schmuck um den kurzen Hals, das hässliche, aber bestimmt teure Kostüm, die steife und sicher gefärbte blonde Dauerwelle, die kleinen blauen Augen. „Wir sind Architekten.“

„Wie praktisch. Dann können Sie die Sanierung ja sicher billiger organisieren.“

„Kaum. Handwerker und Material sind für uns genauso teuer. Und die Hauptkosten verursachen ja die Schäden, die durch die lange Vernachlässigung entstanden sind.“

Bitte, da hatten sie ihren Schwarzen Peter wieder zurück! Der Ältere verzog grämlich die Mundwinkel. Das soldatische Äußere entsprach offenbar nicht einem entsprechend unbeugsamen Charakter. Die Schwester schätzte ich als unbedarfte Hausfrau in guten Verhältnissen ein, der jüngere Bruder achtete mehr auf seine Wirkung, hatte aber auch keine Ahnung von Immobilienpreisen. Wir warteten und beobachteten das frustrierte Mienenspiel der drei.

„Fünfhundertfünfzig.“

Ich lächelte fein. „Vierhundertvierzig.“

Die Schwester verzog säuerlich den Mund. Kunststück, das waren für sie nur knapp hundertfünfzig. Sie sah zwar wirklich nicht aus, als müsste sie Hunger leiden (im Gegenteil), aber ich konnte ihren Ärger verstehen. Nur – ohne den Verkauf hatten sie gar nichts, nur Kosten.

„Fünfhundert.“ Wir kamen der Sache schon näher...

„Vierhundertsiebzig.“

„Vierhundertachtzig, verdammt.“

„Einverstanden. Damit kann ich gerade noch leben“, stimmte ich zu.

„Gut, dann sorgen wir für einen Notartermin, möglichst rasch. Das dürfte auch in Ihrem Interesse liegen?“

Ich war damit natürlich einverstanden. Glücklicherweise hatten wir schon wegen unseres Gesellschaftervertrags eine Anwältin gebraucht, die sich als sehr fähig erwiesen hatte und nun auch den Kaufvertrag unter die Lupe nehmen konnte. „Was die Reste der Einrichtung betrifft“, begann ich dann. Hoffentlich gelang mir der leicht belästigte Gesichtsausdruck überzeugend!

„Ach ja... es stehen noch einige alte Stücke darin, nicht?“, murmelte der Jüngere. „Wenn Sie darauf bestehen, schaffen wir das Zeug weg.“

„Das ist eigentlich nicht nötig“, wehrte ich ab, „beim Umbau haben wir ja ohnehin einen Container dastehen. Nur – sind Sie sicher, dass es im Haus nichts mehr gibt, was Sie noch brauchen könnten?“

„Was sollte das wohl sein?“, fragte die Schwester höhnisch. „Löchrige Geschirrtücher?“

„Ich dachte eher an Familienpapiere, Fotos, erinnerungsträchtige Möbel...“

„Großer Gott, nein, das Zeug brauchen wir nicht. Werfen Sie es ruhig weg!“

„Nun gut, aber das nehmen wir bitte in den Kaufvertrag auf, ja?“

„Warum das denn?“, wollte der ältere Wiedemann wissen.

„Nun, stellen Sie sich vor, ich entdecke im Keller oder im Dachgeschoss oder wo auch immer ein altes Foto des Hauses und benutze es als Werbung. Oder ich finde ein hübsches Möbelstück – freilich wüsste ich nicht, wo – arbeite es auf und verwende es für meine Einrichtung – und dann klagen Sie plötzlich auf Herausgabe? Für diesen zugegebenermaßen unwahrscheinlichen Fall hätte ich gerne vorgesorgt.“

Die drei sahen sich an. „Einverstanden. Es kann im Haus nichts mehr geben, was wir haben wollen. Der Haushalt wurde schon vor eineinhalb Jahren aufgelöst, und Tante Elise war ohnehin nicht ganz – naja.“

„Gut, also verkaufen Sie das baufällige Haus mit allen Auflagen und allem, was sich noch darin befinden sollte. Sorgen Sie bitte dafür, dass es so in den Kaufvertrag kommt.“

Ich stand auf. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend!“

Auf geselliges Beisammensein mit den dreien legte ich keinen übertriebenen Wert, und ich war sicher, dass die drei ihren Kummer über den mickrigen Preis lieber unter sich bereden und in Bier ertränken wollten. Draußen umarmte ich Simon, der mich verblüfft ansah. „Toll, was? Noch mal zwanzigtausend gespart. Damit schaffe ich das alles ohne Kredit!“

Simon sah mich nachdenklich an. „Ich weiß gar nicht, ob das so schlau ist. Du könntest sicher Kreditzinsen steuerlich geltend machen. Und dann müsste man noch schauen, was wir selbst beim Denkmalschutz herausholen können – vielmehr du, ich vergesse immer, dass das Haus nicht der Firma gehören wird.“

„Du hast Recht. Ich frage mal Conny, ob sie einen guten Steuerberater kennt, und dann kann ich immer noch einen bescheidenen Kredit aufnehmen, um ein bisschen Steuern zu sparen. Trotzdem, ich bin einfach froh, dass es so gut geklappt hat! Wollen wir das feiern?“ Simon lächelte mich etwas schräg an.

„Wenn du willst – Hunger hätte ich ja.“

„Komm, ich lade dich ein, du hast es dir verdient!“ Ich zog ihn ins Florian, wo man bestimmt besser aß als im Wittelsbacher Hof.

„Wieso hab ich mir das verdient? Du hast ganz alleine knallhart verhandelt. Ich hab richtig gestaunt über dich!“

Ich lachte. „Das kommt vom Feilschen, früher, im Urlaub. Und in meinen Jobs hab ich das auch gelernt. Deine Stichworte kamen aber immer genau richtig. Und dein mieses Gesicht, als wir das Haus besichtigt haben! Darauf trinken wir was!“

2

Zwei Wochen später war der Kaufvertrag aufgesetzt, von meiner Anwältin kritisch geprüft und vor einem Notar, der wie üblich furchtbar nuschelte, unterzeichnet. Ich hatte vierhundertfünfzig auf das angegebene Konto überwiesen, dreißig hielt ich zurück, bis das Haus endgültig geprüft war, was ich hoffentlich binnen einer Woche erledigt haben würde. Tatsächlich hatte es sich steuerlich als günstiger erwiesen, einen bescheidenen Kredit aufzunehmen, solange ich ihn schnell zurückzahlte. Meine Bank war mir sehr geneigt, weil mein Konto und mein Depot ja noch einen sehr guten Eindruck machten und unser Firmenkonto auch dort lief, also war der Kredit eine reine Formsache. Nur dass ich keinen Bausparvertrag abschließen wollte, rief eine leichte Verstimmung hervor.

Die Zeiten, als wir uns einträchtig im Büro langweilten, waren damit vorbei. Nicht nur übertrug ich Lenz und Bauer die Sanierung meiner Villa, nein, wir hatten auch den Auftrag bekommen, den Pavillon zu renovieren. Kurz überlegten wir, ob wir den Kostenvoranschlag zu niedrig angesetzt hatten, aber eigentlich hatten wir auf alle unsere Schätzungen und die Auskünfte unserer Handwerker noch zwanzig Prozent aufgeschlagen, um später das Limit nicht zu überschreiten. Und uns selbst hatten wir natürlich auch ein großzügiges Honorar bewilligt. Unsere Berechnungen, Skizzen und Modelle hatten aber offenbar einen ausgezeichneten Eindruck erweckt, und Jochen Robl, den ich mit den Pavillonplänen aufzusuchen hatte, war hellauf begeistert, als er sah, dass wir den ursprünglich vorhandenen zweiten Flügel wieder rekonstruieren würden. Er genehmigte alles mit Freuden und stellte den Eigentümern auch einen großzügigen Zuschuss in Aussicht.

Mittlerweile war an der Stelle, wo der neue alte Seitenflügel hinkommen sollte, eine Baugrube ausgehoben worden und die Fundamente wurden gerade gegossen. Das hieß, dass nur einmal täglich einer von uns vorbeischauen musste, um sicher zu gehen, dass alles genau den Plänen entsprach.

Dieser eine von uns war im Moment Simon, denn ich stöberte den halben Tag in der Villa herum. Weitere Mängel waren nicht zu erkennen, tatsächlich waren drei Seiten trocken und die Dachbalken noch in gutem Zustand. Nach einigen Tagen intensiver Schnüffelei überwies ich den Rest des Kaufpreises und ließ den Grundbucheintrag ändern. Damit gehörte die Bruchbude endgültig mir. Ich fotografierte sie von allen Seiten, damit wir später eine Vorher-Nachher-Dokumentation zusammenstellen konnten, und arbeitete im Büro einen exakten Zeitplan aus.

Die Installationen mussten zuallererst erneuert werden – Strom und Wasser, außerdem einen Teil der Leitungen zur Zentralheizung. Nur der Kessel war in Ordnung. Immerhin hatten wir die Originalpläne des Hauses erhalten. Hambacher, der Installateur, bei dem ich in den Semesterferien mal gejobbt hatte, sah sich die Bescherung an und ging mit drei Leuten an die Arbeit. Als ich mich gerade zufrieden zurücklehnen wollte, weil alles so gut lief, kam Simon in mein Büro. „Rate, was!“

„Keine Ahnung – haben wir einen neuen Auftrag?“

„Du sagst es. Naja, vielleicht. Ich habe doch die Unternehmenshaftpflicht abgeschlossen, nicht? Und einen schmalzigen Brief an die Immobilienabteilung dieser Versicherung geschrieben, auf alle Zuschüsse hingewiesen und so.“

„Sag bloß, sie haben reagiert!“

„Sie wollen einen Kostenvoranschlag für die Fassadengestaltung und den Jugendstil-Hauseingang. Hier, schau es dir mal an, das sind die Pläne des Eingangsbereichs. Und sie schicken uns alte Fotos, wie das Ganze vor der misslungenen Renovierung aussah. Lass dir was einfallen!“

Ich grunzte. Immerhin, unser dritter Auftrag, wenn man nicht zu genau nachrechnete. Ich zeichnete eine Zeitlang an dem Hauseingang herum, dann zog ich die Fotos, die ich von der Fassade schon im Album hatte, durch den Kopierer, bis sie in DIN A 2 auf dem Tisch lagen, und begann damit, die Kopien in verschiedenen Zusammenstellungen zu kolorieren. Pastelltöne auf weiß sähen auch hübsch aus, mit silbernen Details abgesetzt. Aber zu der grässlichen McDonald´s-Leuchtreklame passte das gar nicht. Richtig bunt wäre da schon besser, authentischer auch... Später mal die Software ausprobieren… Ich malte vergnügt vor mich hin und entwarf schließlich noch eine Jugendstil-Schwingtür für den Hausflur. So etwas müsste man dann wohl einzeln anfertigen lassen... „Simon? Ich gehe in der Peutingergasse Fotos machen, auch wie der Hausflur jetzt aussieht. Und dann muss ich in die Galileistraße... Kommst du hier alleine zurecht?“

„Klar doch!“

Na, hoffentlich nicht zu gut mit Frau Knaur, die ihm immer noch zarte Blicke zuwarf und irgendwie täglich attraktiver wurde. Die braunen Haare bekamen von Tag zu Tag einen stärkeren goldenen Schimmer, sie selbst war schon hübsch braun gebrannt und vergaß mittlerweile, ihre Bluse bis obenhin zuzuknöpfen. Simon schien das überhaupt nicht zu bemerken, aber vielleicht tat er nur so, wenn ich in Sichtweite war. Eigentlich konnte es mir auch egal sein. Um die Knaur wäre es nur schade, sie hatte sich gut eingearbeitet. Aber solange sie nicht unter Liebeskummer litt und bei der Arbeit patzte…