Drei Musketiere - Eine verlorene Jugend im Krieg, Sammelband 1 - Frank Hille - ebook

Drei Musketiere - Eine verlorene Jugend im Krieg, Sammelband 1 ebook

Frank Hille

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Opis

Die Abiturienten Günther Weber, Fred Beyer und Martin Haberkorn wachsen als junge Männer in den dreißiger Jahren auf. Unübersehbar stehen die Zeichen der Zeit auf Sturm und im Sommer 1939 werden die drei Freunde einberufen. Weber hatte sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet, Beyer wird als Panzerfahrer ausgebildet und Haberkorn wird zu seiner Freude zur Marine kommandiert. Sie durchlaufen eine intensive Ausbildung und allen ist klar, dass es zum Krieg kommen wird. Auch durch ihre frühere Mitgliedschaft in der Hitlerjugend fühlen sie sich darauf gut vorbereitet. Als sie die ersten Gefechte absolvieren wird ihnen schnell klar, dass es sich nicht mehr nur um ein Geländespiel handelt. Weber und Beyer sind in Polen im Einsatz, sehen Kameraden sterben und lernen die Schrecken des Krieges kennen. Haberkorn ist an Bord eines U-Boots und erlebt erste Versenkungserfolge aber auch zermürbende Verfolgungen und Wasserbombenangriffe. Alle drei ahnen, dass der Krieg gegen Polen nur der Auftakt zu einem weitaus größeren Drama sein wird.

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MOBI

Liczba stron: 644




Impressum

Drei Musketiere

Eine verlorene Jugend im Krieg

Band 1

1938 – 1940

Copyright: © 2017 Frank Hille

Published by: epubli GmbH, Berlin

www. epubli.de

Morgengrauen, Halbe-Teupitz, 26. April 1945, östlicher Teil des Kessels

Panther, Halbe, 25. April 1945, westlicher Teil des Kessels

Halbe, 25. April 1945, östlicher Teil des Kessels

Günther Weber, Frühsommer 1939

Fred Beyer, Der Schüler

Familie Weber

Fred Beyer, Der Champion

Martin Haberkorn, Frühsommer 1939

Familie Beyer

Elbreise

Fred Beyer, Panzerlehrschule 1939, Sommer

Günther Weber, SS-Kompanie, Sommer 1939

Elbreise, 1939

Fred Beyer, Panzerlehrschule, 1939, Sommer

Marineschule, 1939, Sommer

Ausgang, 1939, Sommer

Günther Weber, SS-Kompanie, 1939, Sommer

Versetzung, 1939, Sommer

Polen, September 1939

Günther Weber, SS-Kompanie, Polen, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Rita Wohlfahrt

JU 87, Polen, September 1939

Günther Weber, SS-Kompanie, Polen, September 1939

Eckernförde, September 1939

Lazarett, Polen, September 1939

Günther Weber, SS-Kompanie, Polen, September 1939

Ostsee, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Günther Weber, SS-Kompanie, Polen, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Günther Weber, SS-Kompanie, Polen, September 1939

Ostsee, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Ostsee, September 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Ostsee, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Ostsee, September 1939

Fred Beyer, Polen, September 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Ostsee, September 1939

Fred Beyer, September 1939, Heimmarsch

Ostsee, September 1939

Fred Beyer, Kaserne, Oktober1939

Ärmelkanal, September 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Fred Beyer, Kaserne, Februar 1940

Ärmelkanal, September 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Fred Beyer, Kaserne, Oktober 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Atlantik, September 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Atlantik, September 1939

Günther Weber, Polen, September 1939

Atlantik, September 1939, 2. Angriff

Günther Weber, Oktober 1939, Urlaub

Atlantik, September 1939, Ranstaffeln

Fred Beyer, Kaserne, Oktober 1939

Atlantik, September 1939, Angriff

Günther Weber, Kaserne, Oktober 1939

Atlantik, September 1939, Gegenschlag

Fred Beyer, Kaserne, Oktober 1939

Atlantik, September 1939, Einlaufen

Morgengrauen, Halbe-Teupitz, 26. April 1945, östlicher Teil des Kessels

Günther Weber lag nur in eine Zeltbahn eingewickelt auf der nasskalten Erde, trotzdem war ihm nicht kalt. Der Schnaps, den sie alle in ihrem Sturmgepäck hatten, kreiste noch in seinen Adern und hielt ihn warm, das Pervitin wach. Die russische Maschinenpistole mit dem großen Trommelmagazin hatte er achtlos neben sich gelegt, sie war bei weitem nicht so empfindlich wie das Sturmgewehr 44, das einige der anderen Männer besaßen. Mit ihm campierten gut dreißig Soldaten in dem kleinen Waldstück, der Rest seiner Einheit. Hätte er seine Tarnjacke abgelegt wären die Schulterstücke eines Sturmbannführers der SS auf einer bereits deutlich verblichenen Feldbluse sichtbar geworden. Diese war einmal von einem Maßschneider gefertigt worden, denn in der Anfangszeit des Krieges hatte er sehr viel Wert auf die Anzugsordnung gelegt, jetzt spielte das keine Rolle mehr, alle sahen abgerissen aus. Was ihn momentan beschäftigte war der Munitionsvorrat seiner Leute. In den Abwehrkämpfen der letzten Tage hatten sie enorm viel Munition verbraucht, die Russen griffen in einer Welle nach der anderen an, manchmal hielt er es für ein Wunder, dass sie nicht einfach überrannt wurden. Er zündete sich eine Zigarette an, davon hatten sie aus dem gesprengten Versorgungsdepot hinter der Oder Massen mitgenommen, ebenso Schnaps und Lebensmittel die sie auf dem letzten ihnen verbliebenen LKW mitführten. Vor dem Morgen würden die Russen nicht angreifen, auch ihre Männer waren von den letzten Kämpfen erschöpft und die Nachschubketten überdehnt. Weber hatte wenige Illusionen über den Ausgang des Krieges, seit Jahren trieben die Russen sie nun schon vor sich her und ihre Stärke hatte von Jahr zu Jahr zugenommen. Sie waren jetzt nicht nur besser als die Deutschen ausgerüstet, denn nach den bitteren Lektionen zum Kriegsanfang waren Taktiker herangereift, die den deutschen ebenbürtig und vielfach überlegen waren. Die deutsche Führung agierte nur noch hilflos, ein Loch neben dem anderen musste in der Front gestopft werden, die Abwehrketten wurden täglich dünner. Verzweifelte Panzerbesatzungen sprengten ihre Fahrzeuge, Treibstoff war kaum noch zu bekommen, die Männer schlossen sich den Infanteristen an, auch Marinesoldaten und Soldaten der Luftwaffe sah er.

Gestern hatten die Russen den Kessel geschlossen. Wieder einmal hatte die deutsche Führung einem Rückzugsbefehl wider alle Vernunft nicht zugestimmt, 11 Infanteriedivisionen, 2 motorisierte Divisionen und eine Panzerdivision steckten fest, knapp 50.000 Mann. Berlin lag greifbar nahe, die Russen wollten sich aber nicht zusätzlich mit dem Kessel abgeben der nur Kräfte binden würde, das Kapitulationsangebot lehnte General Busse ab. Weber war das einerlei, für ihn gab es nur zwei Alternativen: entweder er fiel im Kampf oder die deutschen Truppen würden sich zu den Amerikanern durchschlagen und dort ergeben können. Gefangenschaft durch die Russen war für ihn keine Option, sie würden ihn ohne viel Federlesens an die Wand stellen. Seit 1939 war er Mitglied der Waffen SS, mit den Taten dieser Truppe wurden viele Kriegsverbrechen verbunden. Er wusste genau, dass es diese gegeben hatte, in den Jahren hatte er genug gesehen. Dass die Männer im Krieg verrohten war folgeläufig, der tägliche Schrecken und der Wille zu überleben führten oft zu Handlungen, die sich die noch jungen Männer vorher niemals hätten vorstellen können. Er war jetzt 25 Jahre alt, von denen stand er 6 Jahre im Krieg. In dieser Zeit hatte er mit seiner Einheit immer an Brennpunkten kämpfen müssen und war wie durch ein Wunder nur zweimal leicht verwundet worden.

Sollte er weitere Lebensjahre geschenkt bekommen wäre er dankbar dafür, auf der anderen Seite wagte er nicht daran zu denken wie das Land aussah und wie das Leben dann weitergehen sollte. Was die Sieger mit den Besiegten anstellen würden war ihm klar, und ob er überhaupt noch in der Lage wäre, wieder ein normales bürgerliches Leben zu führen bezweifelte er, zu sehr war er dessen Sitten schon entfremdet. Wie viele Menschen er getötet hatte konnte er nur schätzen, es mussten weit über 100 gewesen sein.

Er wusste, dass er keine eigentliche Wahlmöglichkeit hatte, die nächsten Tage würden entscheiden was mit ihm geschah. Sturmbannführer Günther Weber sah dem allem gelassen und ruhig entgegen, niemand wartete auf ihn, das Schicksal sollte entscheiden, er würde es so hinnehmen wie es kam.

Panther, Halbe, 25. April 1945, westlicher Teil des Kessels

Der Motor lief im Leerlauf und Oberleutnant Fred Beyer blickte missmutig in die Gegend. Sein Oberkörper ragte aus der Turm Luke des mehr als drei Meter hohen Panzers, durch das Fernglas beobachtete er angestrengt das Gelände. Die vier anderen Männer der Besatzung dösten im Inneren vor sich hin, momentan hatten sie keine Aufgaben. Es war seine dritte Besatzung, zweimal war er gerade noch aus den brennenden Kisten herausgekommen, die anderen schafften es nicht mehr. Obwohl er sich hundertmal gesagt hatte, dass Krieg war und der nicht ohne Opfer abgeht, lag das Geschehene wie Blei auf seiner Seele, manchmal sah er nachts die Gesichter der Toten vor sich. Immerhin hatte er bereits das sechste Kriegsjahr überlebt und wenn er zurückblickte hing das mit Glück und seinem Können als Panzermann zusammen. Der Krieg hatte für ihn in einem Panzer II begonnen, heute kommandierte er einen Panzer V, einen Panther. Welten lagen zwischen seinem ersten Fahrzeug und dem, in dem er nun saß. Dass es jetzt davon zu wenige gab schob er auf die Arroganz der Führung vor Ausbruch des Krieges. Mit einer nicht zu übertreffenden Siegesgewissheit war die Wehrmacht in Polen eingefallen und hatte den Feldzug dank überlegener Technik und Truppenführung schnell für sich entschieden, die Verluste hielten sich in Grenzen. Erstmalig spielten die Panzer und Flugzeuge eine dominierende Rolle und er war mit dabei. Heute war die Panzertruppe ausgeblutet, zusammen mit vier anderen Panthern und einer Handvoll klappriger Panzer III sollte er einen Abschnitt von 8 Kilometern Breite halten. Dass die dünnen Infanterielinien die Russen nicht lange aufhalten könnten war ihm bewusst. Er schwankte zwischen Pflichtgefühl und Hoffnungslosigkeit, allein die Vorstellung, was die Russen anrichten könnten ließ ihn weiter kämpfen, er gab sich keinen Illusionen hin was geschehen würde wenn Deutschland den Krieg verlieren sollte, und daran gab es nunmehr für ihn keinen Zweifel mehr.

Kramer, sein Funker, rief ihm zu:

„Funkspruch, erste Spitzenpanzer der Russen 20 Kilometer östlich gesichtet.“

Beyer quittierte nur mit einem „Verstanden“, bei dem Tempo das die Russen vorlegten konnten sie in zwei Stunden da sein, viel stand ihnen nicht mehr im Weg, aber es war nicht ihr Verteidigungsabschnitt.

Nur das ferne Donnern der Artillerie und gelegentliches Klackern von Infanteriewaffen störte die scheinbare Ruhe, er löste das Kabel seiner Sprechkombination vom Bordnetz, zog sich auf den Turm und stieg vom Panzer herab. Hinter dem Heck des Panzers schlug er Wasser ab, gleichzeitig stieg ihm der Geruch seiner Panzerkombi in die Nase: Öldunst, Feuchte und Dreck vereinten sich zu einer undefinierbaren Mischung. Seit Tagen hatten sie sich nicht mehr gewaschen, sich von einer Stellung in die nächste zurückziehend gab es keine Gelegenheit dazu, die Russen trieben sie vor sich her. Er stellte sich wieder auf den Panzerturm, setzte das Fernglas an die Augen und suchte den Horizont ab. Fern ging eine Werfersalve herunter, die Flugbahn der Raketen war gut zu erkennen. Er stieg ein, schloss sich an das Bordnetz an und gab den Fahrer einen kurzen Befehl.

„Gunder, fahr ein Stück nach vorn und stelle den Panzer mal besser bei der Buschgruppe ab, dort stehen wir günstiger und Müller hat besseres Blickfeld.“

Der Panzer ruckte an und bewegte sich rasselnd gut zehn Meter vorwärts, Beyer ragte aus dem Turmluk, noch gab es keinen Grund sich hinter die schützende Stahlhülle zu verziehen. In der neuen Stellung war der Blick aus dem Winkelspiegeln der Kommandantenkuppel auch besser, davon überzeugte er sich bei einem schnellen Hinabtauchen in den Panzer.

„Motor aus“ rief er Gunder zu und „alle aussteigen“ war der nächste Befehl. Die Männer schälten sich aus den Luken und traten im Halbkreis um Beyer herum, in ihren schwarzen Panzerkombis waren sie nicht zu unterscheiden und nur dass sie Beyer ansahen zeigte an, dass er der Vorgesetzte war.

„Also Männer, ihr wisst, dass der Russe den Sack dicht gemacht hat. Busse hat die Kapitulation abgelehnt, wahrscheinlich steckt wieder das OKW dahinter. Egal, neben uns stehen noch Peters, Weihnert, Kattwitz und Schulze mit ihren Panthern, ein paar Panzer III der SS-Panzeraufklärungsabteilung 10 und sonst nicht viel. Ich vermute mal, dass der Russe auf den östlichen Teil des Kessels drücken wird, dort stehen die meisten unserer Kräfte, Busse muss bald einen Ausbruch Richtung Amis wagen, die sind knapp 180 Kilometer weit weg. Also haben wir wahrscheinlich ganz gute Karten. Die armen Schweine im Osten werden das meiste abbekommen und wenn dieser Teil zusammenbricht gibt es nur noch eine Richtung, nämlich in unsere. Dass wir dann Spitze fahren ist mir egal, Hauptsache raus aus dem Sack. Wir haben noch einen vollen Kampfsatz auf dem LKW, Peukert, staue noch so viele Granaten wie du kannst. Scheiß drauf, ob wir mit 70 oder 90 Granaten in die Luft fliegen ist doch einerlei. Der Sprit reicht für die Strecke nicht, irgendwo werden wir aber hoffentlich noch welchen auftreiben können. Ich denke, dass wir heute noch Ruhe haben werden, die Infanterie vor uns müsste ja mitbekommen, wenn die Russen vorfühlen. Trinken wir noch einen Schluck, morgen wird’s ernst.“

Gunder tauchte in den Panzer und erschien mit einer Flasche Schnaps wieder, die Männer tranken reihum kräftige Schlucke, an die Scheibenräder des Fahrwerks gelehnt rauchten sie ruhig ihre Zigaretten.

Fred Beyer ließ seine Gedanken zurückschweifen. Hier in der Nähe war er zum Panzermann ausgebildet worden, die ersten Gefechte erlebte er Polen, dann in Frankreich, später in Russland und jetzt war der Krieg nach Deutschland zurückgekommen. Es war nur noch eine Frage von Wochen, dann würde alles zusammenbrechen. Bislang waren der Panzer und seine Männer der Kosmos gewesen in dem er lebte, ohne diese Stütze würde er die Orientierung verlieren. Was hatte er in seinem Leben vorzuweisen? Eine gute Bildung, sportliche Erfolge als Boxer, kurze Liebschaften und 6 Jahre Dienst in der Wehrmacht. Nüchtern betrachtet war er nichts weiter als ein moderner Landsknecht, der sein Handwerk immer mehr perfektioniert hatte, Töten als Aufgabe. Dass er viele seiner Opfer gar nicht zu Gesicht bekommen hatte machte es nicht leichter. Wenn ein getroffener Panzer in zwei Kilometer Entfernung in die Luft flog war das ein Moment den er in der Anspannung des Kampfes nicht als bedrückend empfand, erst wenn das Gefecht vorbei war zählte er unbewusst, wie viele Gegner er an diesem Tag besiegt hatte.

Bis zu diesem Tag hatte er mit seinen Besatzungen nachweislich 82 Panzer abgeschossen, dazu kamen eine Unmenge an Geschützen und PAK, auch die Sprenggranaten und die MG des Panzers rissen Hunderte von Infanteristen in den Tod. Lohn dafür war das Ritterkreuz, das jetzt an seinem Hals baumelte, bereits vor gut 2 Jahren war es ihm verliehen worden, damals war er gerade 23 Jahre alt. Er musste den Panzerkampf nicht im herkömmlichen Sinne lernen, natürlich gab ihm die theoretische Ausbildung erst eine Vorstellung davon, aber er entwickelte schnell die Fähigkeit, die Situation auf dem Gefechtsfeld zu überschauen. Kein einziges Mal war er in den Rausch eines zu erwartenden leichten Sieges verfallen, vorsichtig sondierte er die Kräfteverhältnisse und mit einem untrüglichen Gefühl nahm er Gefahren eher wahr als andere. Wenn die anderen Panzer rücksichtslos vorpreschten, was sie als Zeichen von Mut ansahen, zog er sich im Zweifelsfall eher in eine Deckung zurück, aus der er den Gegner umso wirkungsvoller bekämpfen konnte. Schon allein die spätere Knappheit an Fahrzeugen zwang die Deutschen bald in die Defensive, er hatte diese Taktik vorweggenommen und auch mit Glück waren an seinem Panzer lange nur unbedeutende Schäden aufgetreten.

Als er das erste Mal selbst abgeschossen wurde saß er in einem Panzer II, der ihm heute wie eine Sardinenbüchse vorkam. Er glaubte, den Schock dieses Ereignisses schnell überwunden zu haben, in Wahrheit resultierte daraus aber seine überlegte Kampfweise. Das zweite Mal durchschlug eine Panzergranate sein Fahrzeug in Frankreich, unverletzt konnten alle ausbooten, jedoch wurden zwei seiner Männer von der Maschinengewehrgarbe eines gegnerischen Panzers regelrecht zersägt.

Die schrecklichen Bilder in seinem Kopf verblassten nach und nach und wurden von anderen überlagert, die auch nicht positiver waren. Sie bildeten aber seinen Alltag und irgendwann konnte er keine Gefühle mehr entwickeln, wenn er grausam zugerichtete Tote oder zerstörte Städte und Dörfer sah. Zu Beginn des Krieges wäre es für ihn undenkbar gewesen Menschen in einem Schützenloch lebendig zu begraben, indem der Panzer sich über diesem durch Abbremsen einer Gleiskette drehte, später war es oft das einzige Mittel, um Panzer Nahbekämpfer auszuschalten. Wenn der Richtschütze und der Funker ihre MG abfeuerten und ganze Trauben von Männern tot oder verstümmelt zu Boden fielen beobachtete er dies aufmerksam durch die Winkelspiegel der Kommandantenkuppel wie ein distanzierter Theaterbesucher auf der Empore. Nach dem Gefecht saßen die Männer oft wortkarg zusammen, der Schnaps gehörte immer mehr zu ihrem Tagesablauf und an manchen Tagen waren sie schon mittags angetrunken.

Das Ritterkreuz wirkte auf Frauen, er nahm sie sich wo sich Gelegenheiten ergaben, da war nur noch animalischer Trieb in ihm, und wenn er mit ihnen schlief war es schnell vorüber, ein schaler Geschmack blieb zurück.

In normalen Zeiten wäre er ein Fall für den Psychiater gewesen.

Halbe, 25. April 1945, östlicher Teil des Kessels

Martin Haberkorn hielt die Situation für surrealistisch: er hockte mit Soldaten verschiedenster Truppenteile in einem eilig ausgehobenen Schützengraben, eine Einheitlichkeit der Uniformen oder der Bewaffnung gab es nicht, sie unterstanden einem kurzbeinigen Hauptmann mit einer russischen Maschinenpistole der sichtbar mit Schlafmangel zu kämpfen hatte. Noch vor drei Tagen war er in Eckernförde gewesen, dann wurden er und seine Kameraden in schon altersschwache, langsame und nur mit einer schwachen Abwehrbewaffnung versehene Ju 52 verladen, sie sollten nach dem Willen des Großadmirals Dönitz mit zur Verteidigung von Berlin beitragen. Großsprecherisch von der Propaganda als kampfstarke Marineinfanterie bezeichnet wusste Haberkorn es besser: die meisten von ihnen kamen von der U-Boot Waffe, ihre Boote lagen von Wasserbomben zerschmettert, von Fliegerbomben getroffen oder selbstversenkt auf dem Grund und die ehemaligen Seeleute waren weiß Gott keine erfahrenen Landkämpfer. Über Berlin war ihre Maschine von russischen Jägern abgedrängt worden und suchte ihr Heil in der Flucht Richtung Süden, die Russen fanden lohnendere Ziele und drehten ab. Mit unwahrscheinlichem Glück gelang es dem Piloten den alten Vogel in der Luft zu halten obwohl der Steuerbordmotor brannte. Er setzte die Maschine auf der Autobahn Richtung Dresden ab, die Fahrbahn war breit genug und die Männer verließen eilig das Flugzeug und verschwanden in den Nadelwäldern die nah der Straße begannen, nach kurzer Zeit stießen sie auf deutsche Soldaten.

Erstmalig seit der Grundausbildung hatte er wieder ein Gewehr in der Hand gehalten und in der graugrünen Uniform der Marineinfanterie kam er sich komisch vor, nichts von der Lockerheit seiner Bordkleidung war geblieben. Dass er noch schießen könnte stand außer Frage, dem Infanteriekampf sah er aber mit gemischten Gefühlen entgegen, da gab es keinerlei Erfahrung und die Russen die ihnen gegenüberstanden hatten Routine aus vielen Gefechten. Der nahe Donner der Artillerie erinnerte ihn daran dass der Angriff bevorstand, die Russen würden ihre Truppen schonen und die deutschen Stellungen mit einem Hagel aller möglichen Geschosse eindecken. Hier könnte er nicht Schutz in der Tiefe des Meeres suchen, wie er es oft mit seinem Boot getan hatte.

Als er als Heizer auf dem VII C Typ einstieg konnte er nicht ahnen, dass er in nicht allzu ferner Zukunft bis zum Offizier und Leitenden Ingenieur aufrücken würde, hätte ihm jemand das prophezeit wäre sein Zeigefinger unvermittelt für eine bestimmte Geste an die Stirn gewandert. Sein ausgeprägtes technisches Verständnis ebnete ihm den Weg in der militärischen Hierarchie, ohne dass er es vordergründig darauf anlegt hatte voranzukommen, lieber wollte er sein Wissen und die damit verbundenen Fertigkeiten erst zu einem sicheren Fundament ausbauen. Nachdem er auf seinem ersten Boot entscheidend dazu beigetragen hatte eine gefährliche Situation zu entschärfen, die den Verlust des Bootes hätte bedeuten können, nahm ihn der Kommandant genauer in den Blick. Das EK I war ihm nicht so wichtig wie die Anerkennung seiner Kameraden, deswegen blieb er auf dem Boden und büffelte an Bord in den Freiwachen Bücher und Dienstvorschriften zum Betrieb des Bootes, keiner wagte es, ihn deswegen aufzuziehen. Als der Kaleun auf ein anderes Boot umstieg nahm er Haberkorn mit, die Männer dort empfingen ihn wegen seiner zurückhaltenden Art freundlich und sie merkten schnell, dass er gut war. Nach der vierten Feindfahrt wurde er zum Ingenieurlehrgang delegiert, als Leutnant und LI ging er auf einem neuen Boot an Bord. Es gab Situationen, da schrammte er mit den anderen nur knapp an der Vernichtung vorbei und als die Alliierten mit ihrer Luftüberlegenheit und den neuen Ortungsverfahren den Booten den Einsatz nahezu unmöglich machten sank sein Mut nicht etwa, trotzig versuchte er den anderen Hoffnung auf ganz neue Waffen zu machen die im Bau wären. Die ersten Typ XXI Boote gingen in Erprobung und er hoffte auf eine Wende im Seekrieg, mit der ganz neuen Sektionsbauweise, die die Fertigung revolutionierte und den Ausstoß steigerte und den drastisch verbesserten Kampfeigenschaften kam noch einmal Optimismus auf, es war jedoch zu spät. Sein eigenes Boot versenkte er selbst Anfang April 1945. Die angeschlagenen Sprengladungen rissen es auf und als es vollgelaufen war ragte nur noch der Turm schräg aus dem brackigen Wasser. Im Dingi waren mit ihm noch zwei Matrosen die es an Land ruderten, er schaute sich nicht mehr um und es war so, als hätte er einen vertrauten Menschen verloren und ohne dass die beiden anderen es sehen konnten heulte er lautlos, alles war umsonst gewesen.

Haberkorn schaute über den Wall vor dem Schützengraben, er lag in der zweiten Staffel der Verteidigung, vor ihnen gab es noch mehrere MG-Nester und PAK, aber lange würden sie die Russen nicht aufhalten können. Plötzlich brüllten die hinter ihnen stehenden Feldgeschütze auf, die Russen antworteten wenig später, noch lagen die Einschläge weit entfernt, sie näherten sich jedoch beängstigend schnell und die erste Explosion gut dreißig Meter von ihm entfernt ließ ihn in den Graben abtauchen.

Günther Weber, Frühsommer 1939

Er zählte zu den Besten seiner Klasse, insbesondere in Mathematik und Physik spielte er sein Talent aus und stellte den Lehrer ab und ab vor Schwierigkeiten, wenn er einen unorthodoxen Lösungsweg eines Problems vorschlug, welcher auch zur Lösung führte. Im Gegensatz dazu waren seine Erfolge in Latein eher kläglich, er hasste dieses sture Lernen, kein Hauch von Kreativität war für ihn zu spüren. Den anderen Fächern widmete er sich lustlos, die Einberufung stand in Aussicht und er sagte sich, ob er mit einer Eins oder einer Fünf in den Fächern zur Armee ging sollte unerheblich sein. Dagegen verwandte er viel Energie und Zeit darauf, sich sportlich zu ertüchtigen, das könnte lebensnotwendig werden. Für sein Alter war er sehr rational und die Vorhaltungen seiner Eltern über die schlechten Zensuren tat er einfach ab, es interessierte ihn nicht.

Als Werber der SS ihre Truppe heute in der Schule vorstellten überlegte er nicht lange und unterschrieb die Verpflichtung, die Bedingungen erfüllte er, so oder so würde er eingezogen werden und dann wollte er schon in einer Truppe dienen, die den Ruf einer Elite hatte. Nach der Schule traf er sich mit Inge, seiner Freundin. Sie lagen nackt und eng umschlungen in einer Scheune auf Heuballen. Er hatte eine Erektion und wollte sie bumsen, als er nach ihr griff schob sie ihn zurück.

„Warum hast du dich zur SS gemeldet“ fragte sie ihn ärgerlich.

„Weil diese Soldaten mit den besten Waffen ausgestattet werden und einen guten Ruf als Elitetruppe haben. Außerdem finde ich die Uniform schick“ entgegnete er.

„Aber werden doch immer an den gefährlichsten Abschnitten kämpfen müssen“ warf sie ein.

„Inge, das ist egal wo man ist, erwischen kann es einen überall, lass uns noch die verbleibende Zeit genießen, in zwei Monaten rücke ich ein. Ob ich in der Wehrmacht oder der SS diene macht für mich schon einen großen Unterschied. Es wird Krieg geben, verlass dich drauf.“

Günther Weber hatte trotz seiner Jugend nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Welt in naher Zukunft erschüttert werden würde. Alle Zeichen standen auf Sturm und er war intelligent genug, diese zu deuten. Der Führer hatte das Sudetenland heim ins Reich geholt, im März 1938 war Österreich zum Deutschen Reich dazukommen. Weber wusste, dass die Ausbildung in der Hitlerjugend nicht nur ein Spaß gewesen war, sondern die heranwachsenden Männer auf den Einsatz im Feld vorbereiten sollten. Hitler und Goebbels sprachen seit langem vom fehlenden Lebensraum und der Überlegenheit der germanischen Rasse und so lag es nahe, nein, würde es zwangsläufig darauf hinauslaufen, diesen zu erobern. Dass der Zug nach Osten gehen würde war ihm klar, nicht umsonst war immer wieder die Rede von den slawischen Untermenschen. Günther Weber war nicht bewusst, dass er durch die fortlaufenden und jahrelangen Indoktrinationen diese Parolen immer mehr verinnerlicht hatte und ohne jeglichen Zweifel fest an sie glaubte. Wenn er sich im Spiegel betrachtete sah er einen hochgewachsenen jungen Mann, der mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen das Ebenbild eines Ariers zu sein schien. Bilder aus dem rückständigen Polen oder aus Russland bestätigten ihn in der Auffassung, dass diese Menschen dort tatsächlich unter Bedingungen lebten, die für ihn unvorstellbar waren. Einerseits fühlte er sich ihnen gegenüber überlegen, zum anderen wäre ein Feldzug in den Osten auch die Möglichkeit, dem von allen Seiten umschlossenen Deutschland mehr Raum zu verschaffen und die Lebensverhältnisse dort zu ändern.

Inge liefen Tränen über das Gesicht und er begann sie sacht zu streicheln, erst an den Oberarmen, dann an den Innenseiten ihrer Schenkel. Zärtlich knabberte er an ihrem Ohr und stieß seine Zunge in die Muschel, sie erschauderte. Sein Mund wanderte zu ihren Brüsten und liebkoste die Nippel, die sich jetzt steil aufstellten. Lange verwöhnte er ihre weichen Hügel und als sie nach seinem Schwanz griff wusste er, dass sie bereit war. Er wälzte sich zwischen ihre gespreizten Schenkel und brachte seinen Schwanz in die Nähe ihrer Möse, sie nahm ihn und führte ihn ein. Ganz langsam bewegte er sich ein Stück in ihr und sie stöhnte auf. Seine Stöße wurden schneller und tiefer und ihren Mund entrangen sich leise Lustlaute. Sich mit den Händen neben ihrem Körper abstützend schob er sich rhythmisch in sie hinein und wieder heraus, ihre Brüste schwangen bei jedem Stoß mit und mit weit angestellten Beinen ließ sie sich nehmen. Als er sich auf sie legte schlang sie die Schenkel um seinen Rücken, ihre Arme umklammerten ihn fest und die Fingernägel gruben sich in seinen Rücken ein. Jetzt stöhnte sie bei jedem Stoß leise auf und er verringerte das Tempo, dann blieb er einen Moment regungslos auf ihr liegen, er genoss es einfach in ihr zu sein, ihre Brüste pressten sich ihm entgegen, er spürte die steifen Nippel auf seiner Haut. Langsam nahm er die Bewegung wieder auf, sie empfing die Stöße mit offenen Augen. Als er sie stärker bumste entgegnete sie die Stöße mit ihren Beckenbewegungen und begann unverständliche Worte zu murmeln, er wusste, dass sie bald kommen würde. Jetzt war sein Rhythmus der einer Ramme, er nagelte sie unter sich fest und ihre Brüste wogten hin und her, plötzlich bäumte sie sich auf und schrie, er brauchte noch wenige Stöße, dann zog er sich mit letzter Beherrschung aus ihr heraus und sein heißes Sperma spritzte mit einem Strahl auf ihren Bauch. Erschöpft ließ er sich neben sie fallen, beide lagen atemlos da. Nach einiger Zeit beugte sie sich zu ihm herüber und küsste ihn zärtlich.

„Das war schön“ flüsterte sie ihm ins Ohr.

Er schaute sie lächelnd an und erstmals wurde ihm richtig bewusst, dass sich sein Leben bald grundlegend ändern sollte. Er würde alles aufgeben müssen, seinen mehr oder weniger geregelten Tagesablauf, sein festes Quartier, die regelmäßigen Mahlzeiten und vor allem: seine Sicherheit. Dass er in diesem Krieg auf der Strecke bleiben könnte war ihm klar. Die Entscheidung hatte aber etwas Unvermeidliches, wie er es auch drehte, so oder so würde er bald in Uniform an irgendeinem Ort der vom deutschen Reich beherrscht werden würde, sein Leben riskieren. Er war jetzt achtzehn und plötzlich ging ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er möglicherweise seinen nächsten Geburtstag nicht mehr erleben würde. Inge hatte sich eng an ihn geschmiegt und ihre weichen Brüste drückten sich an seine Rippen. Sein Blick richtete sich gegen die Scheunendecke und er sah Bilder der Wochenschau vor sich, deutsche Panzer paradierten vor dem Führer vorbei, Flugzeuge zogen am Himmel ihre Bahn. Warum sorgst du dich sprach er sich selbst Mut zu, wenn es das Schicksal will sterbe ich für Deutschland und seine Zukunft. Genug der trüben Gedanken, genieße die Zeit.

Inges Atem wehte sachte über seine Brust, ihre Hand suchte seinen Schwanz und sie fing an, ihn zu reiben. Sofort regte sich sein Glied wieder, mit flinken Fingern hatte sie es hoch massiert und er stöhnte auf als sie mit der Zunge über seine Eichel fuhr. Wenn sie miteinander schliefen war sie erfindungsreich und unersättlich, er merkte ihre Erfahrenheit in diesen Dingen. Sie war seine erste Frau, Inge hatte schon mehrere Männer gehabt. Als sie seine Erektion für ausreichend hielt kniete sie sich vor ihm hin, sie ließ sich gern von hinten nehmen. Er rückte sich zurecht und schob seinen Schwanz vorsichtig in sie hinein, sie nahm ihn mit einigen Beckenbewegungen richtig in sich auf. Als er sie anfangs noch langsam stieß sah er ihre blonden Haare vor sich, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Er hielt sich an ihren Hüften fest und schob seinen Schwanz tief hinein und heraus. Seine Hände wanderten von ihren Hüften zu den Brüsten, die glockenförmig herabhingen, bei jedem Stoß schaukelten und sich jetzt in seine Hände pressten.

Sie hatte den Kopf auf einen Strohballen gedrückt und wartete auf seine Stöße. Plötzlich blieb er bewegungslos hinter ihr, sie nahm die Bewegung auf und ihr Becken schwang immer schneller vor und zurück, Keuchen drang aus ihrem Mund. Jetzt unterstützte er das Zusammenspiel ihrer Körper und fickte sie im gleichen Takt. Während der Bewegung lehnte er sich weit über sie und küsste ihren Nacken, sie stöhnte laut auf. Seine Hände lagen jetzt auf ihren Schultern und er zog sie fest zu sich heran, sein Schwanz penetrierte sie tief und schnell, er zog ihren Kopf an den Haaren hoch, drehte ihn in seine Richtung und stieß seine Zunge in ihren Mund. Mit geschlossenen Augen küssten sie sich, sie rief ihm zu „noch einen Moment, ich bin noch nicht soweit“, er zog sich aus ihr heraus und warf sich auf den Rücken.

Noch atemlos kniete sie jetzt über ihm, nahm seinen Schwanz kurz in den Mund und bestieg ihn mit weit gespreizten Beinen, vorsichtig führte sie den Schwanz ein und bewegte sich nicht. Als sie so auf ihm thronte konnte er sie ansehen, ihre vollen Brüste hingen ein wenig zur Seite, die Brustwarzen standen von den Höfen steil ab und ihr Blick war genau auf seine Augen gerichtet. Auf ihrem schönen und ebenmäßigen Gesicht mit den hohen Wangenknochen standen vereinzelte Schweißtropfen und er erkannte Traurigkeit in ihrem Blick. Sie stützte die Hände auf seinem Brustkorb ab und hob ihr Becken soweit an, dass sein Schwanz fast ganz aus ihr heraus glitt, er stöhnte vor Wonne auf. Mit der nächsten Bewegung nahm sie den Schwanz wieder in sich auf und ritt ihn jetzt immer schneller. Er hielt sie an den Hüften fest und unterstützte das auf und ab ihres Körpers, zusätzlich stieß er sich von unten tief in sie hinein. Ihre Brüste schwangen heftig hin und her und ihr Stöhnen wurde immer lauter, mit einem Schrei kam sie. Sie stieg von ihm herunter und wichste ihn bis sein Saft aus ihm herausschoss.

Fred Beyer, Der Schüler

Als Kleinster in der Klasse und noch dazu als jüngster von fünf Söhnen brauchte man genug Durchsetzungskraft, um nicht untergebuttert zu werden. Fred Beyer war mit 17 Jahren gerade einmal ein Meter vierundsechzig groß, viele gleichaltrige Mädchen überragten ihn deutlich und auch der Arzt, den die Eltern angesprochen hatten erklärte, dass sein Wachstum angeschlossen sei und es bei dieser Größe bleiben würde. Er hatte vor der Wahl gestanden, den Klassenclown zu geben und seinen geringen Wuchs durch Witz zu kompensieren, oder sich auf andere Weise Respekt zu verschaffen. Zum Kasper hätte er Talent gehabt, denn er las gern, hatte eine rege Phantasie und verfügte über eine ordentliche Stimme und Mimik, er entschied sich dennoch dagegen. Wer seinen schmalen Körper, der in den Sachen zu schlottern schien, sah, konnte nicht ahnen, dass er einen durchtrainierten Jungen vor sich hatte.

In der achten Klasse fragte er seinen Sportlehrer, ob er bei den Boxern mittrainieren könnte. Der Mann sah ihn abschätzend an und murmelte etwas wie „bist doch bloß Haut und Knochen, keine Muskeln, kann ich nicht riskieren, die hauen dich Fliege doch gleich um“. Inständig bat er den Lehrer ihm eine Chance zu geben, der willigte schließlich ein und gab ihm den Auftrag, Krafttraining zu absolvieren. Jeden Tag nach dem Unterricht plagte Fred sich an den Geräten in der Turnhalle, manchmal wollte er aufgeben wenn seine Arme und Beine zu zittern begannen, er tat es nicht und binnen eines Monats hatte sich sein Bizeps deutlich vergrößert. Zusätzlich lief er nach dem Abendbrot mehrere Runden auf dem Sportplatz, er würde Beinkraft benötigen. Sein Appetit war enorm, oft wurde er nicht richtig satt, seine Brüder bekamen größere Portionen.

Als er der Meinung war, dass seine Kondition gut genug sein und er nicht gleich beim ersten Treffer umfallen würde ging er wieder zum Sportlehrer. Der musterte ihn von oben bis unten, Fred hatte schon Sportkleidung an, und nickte dann wortlos. Im Trainingsraum roch es nach kaltem Schweiß und dreckigen Socken, es störte ihn nicht. Der Trainer wies ihn an, den Sandsack zu bearbeiten und als er damit begann, beobachtete er den Jungen aufmerksam. Er hatte sich durch den schmächtigen Körperbau nicht täuschen lassen, seine lange Arme und Beine wiesen für einen Boxer günstige Körperverhältnisse auf. Tänzelnd drosch Fred Beyer auf den Sandsack ein, noch ungelenk aber ohne außer Atem zu kommen, das Konditionstraining hatte sich gelohnt. Der Trainer ließ ihn eine Weile gewähren und sagte dann nur: „Stopp.“

Fred stand vor ihm, sein Atem ging ruhig und kein Schweißtropfen war zu sehen.

„Na ja, für den Anfang gar nicht übel“ sagte der Mann.

„Wenn du willst, kannst du mitmachen. Aber merke dir: hier wird Disziplin verlangt. Wir trainieren jeden Dienstag und Donnerstag. Als Entschuldigung gilt nur Krankheit oder Tod, verstanden?“

Fred Beyer nickte ein Verstanden und verschwand in den Duschraum.

Ein euphorisches Gefühl durchdrang ihn, auf dem Heimweg hüpfte er ausgelassen ab und an in die Höhe.

Familie Weber

Hermann Weber war ein Mann mit Grundsätzen, das Abendbrot musste Punkt 19 Uhr auf dem Tisch stehen, seine Frau würde ihm ein temperiertes Bier auf den Tisch stellen und während des Essen hatte Stille zu herrschen. Danach erwartete er Bericht seines Sohnes über den Tag in der Schule, war der ihm nicht ausreichend fragte er unerbittlich nach, so dass Günther Weber nicht anders konnte, als alles zu erzählen.

„Ich habe heute die Verpflichtung zur Waffen-SS unterschrieben“ fing er an, der Blick seines Vaters wurde wach.

Hermann Weber war Weltkriegs 1 Offizier, von jeher hatte er seinen Sohn für das Militärische begeistern wollen, es war ihm scheinbar gelungen. Gut, dass er sich zur SS gemeldet hatte war nicht nach seinem Geschmack, die Leute schienen ihm zu laut und zu gewöhnlich. Auf der anderen Seite hatte es die Propaganda verstanden, ein verklärtes Bild von dieser Truppe als Elite zu zeichnen. Besser sein Sohn würde gut ausgebildet und ausgerüstet sein wenn es losging. Er selbst hatte vor Verdun monatelang in den Gräben gelegen und der Stellungskrieg verwandelte die Gegend in eine apokalyptische Landschaft. Das Grauen der Nahkämpfe, Mann gegen Mann mit Bajonett, Messer oder Spaten versuchte er zu verdrängen. Mit niemandem hatte er nach dem Krieg darüber gesprochen und wenn seine Narbe im Rücken schmerzte wurde er immer wieder daran erinnert, dass ein Franzose ihn fast mit dem Bajonett durchbohrt hätte, einer seiner Kameraden erschoss ihn mit einem Revolver kurz bevor er den Stoß richtig führen konnte. Die Verwundung war leicht und er blieb bei seiner Kompanie, jeder Mann zählte, tägliche fielen Dutzende. Als Deutschland kapitulierte empfand er tiefe Schmach, vier Jahre stand er im Feld und diente seinem Land, zuletzt als Oberleutnant. Er fühlte sich um diese Zeit betrogen und machte die Soldatenräte dafür verantwortlich, die der Front in den Rücken fielen. Entwurzelt schloss er sich dem Freikorps an und seine Mission war, die Bolschewiken im eigenen Land zu bekämpfen, späte Rache für die Niederlage auf dem Feld. In einer der häufigen Schießereien mit den Roten traf ihn eine Kugel in das linke Knie, nach der Operation blieb es steif, seitdem bewegte er sich nur noch hinkend. Seine Kameraden ermöglichten ihm die Arbeit im Büro einer Textilfabrik, als Bürovorsteher thronte er auf einem Podest vor den an Schreibmaschinen sitzenden Frauen. Männer waren knapp, zwei Millionen kamen von den Schlachtfeldern nicht wieder, er sah recht ordentlich aus und seine Manieren besserten sich nach und nach, er kam langsam wieder im Leben an. Dennoch konnte er die gewohnte Disziplin und Ordnung nicht ablegen und wenn er sprach geschah dies immer noch im Befehlston.

Zunächst rein aus der Überlegung, zu zweit besser durch die unsicheren Zeiten zu kommen, interessierte er sich vorsichtig für die jungen Frauen. Eine sprach ihn mit ihrem Aussehen an, sie war klein, schlank, ihre Strumpfhose betonte schöne Beine und die Bluse war ordentlich gefüllt. Wie zufällig war er jetzt öfter an ihrem Arbeitsplatz und schaute ihr über die Schulter. Er wusste, dass ihr Mann in Belgien gefallen war, sie war Mitte Zwanzig und lebte allein in einer winzigen Wohnung. Häufig war sie die letzte der Frauen im Büro, er ahnte, dass sie damit der Einsamkeit zu Hause entgehen wollte, ihm ging es ähnlich, denn allein in einem Restaurant zu sitzen war seine Sache auch nicht. Obwohl er ein mutiger Mann war brauchte er mehrere Wochen bis er sie fragte, ob sie mit ihm Abendessen gehen wollte, es wäre eine Einladung. Ihr Gesicht drückte Erstaunen aus aber sie stimmte zu und zwei Tage später saßen sie in einem gemütlichen Lokal zusammen. Überrascht stellte er fest, dass sie gemeinsame Vorlieben etwa für Musik hatten, er brachte sie nach Hause und beschwingt erreichte er seine Wohnung. Nach all den dunklen Jahren spürte er wieder Optimismus aufkommen und musste sich eingestehen, dass er sich lange nicht mehr so gut gefühlt hatte. Sein Verdienst war nicht schlecht und es wurde zur Gewohnheit, wöchentlich einen Abend zusammen zu verbringen, als er sie eines Tages vor ihrem Haus küssen wollte wehrte sie sich nicht.

„Danke, das war ein schöner Abend mit dir“ sagte sie ihm und er registrierte verblüfft wie selbstverständlich sie zum „du“ übergegangen war. Nach zwei weiteren Wochen kam sie das erste Mal mit in seine Wohnung. Im Krieg war er ein paar Mal im Bordell gewesen, es war reine Triebabfuhr, ansonsten widerte ihn die ganze Atmosphäre an und danach fühlte er sich irgendwie schmutzig. Beide waren ausgehungert nach Zärtlichkeit und in dieser Nacht schliefen sie das erste Mal miteinander. Entgegen seiner scheinbar groben Art war er sehr behutsam und ihre Lustschreie zeigten ihm, dass er sie gut befriedigt hatte. Er war wieder einen Schritt im Leben vorangekommen, er konnte noch ehrlich lieben.

Früh war sie vor ihm aufgestanden, sie wollten nicht zur gleichen Zeit im Büro ankommen und ohnehin würde er dafür sorgen dass sie woanders eine Anstellung bekam, seine Kameraden des Korps würden da helfen. Nach zwei Monaten zog sie bei ihm ein, plötzlich war vieles anders und mit Verwunderung nahm er zur Kenntnis, dass das Grobschlächtige nach und nach von ihm abfiel und er weicher wurde. Die erste Zeit war rauschhaft, manchen Sonntag kamen sie gar nicht aus dem Bett heraus und er fühlte sich einerseits geborgen, auf der anderen Seite wollte er seine Frau beschützen. Nach einem dreiviertel Jahr heiraten sie, ein Kind war unterwegs.

Fred Beyer, Der Champion

Die Stadt, in der er lebte, zählte gerade einmal knapp 8.000 Einwohner, deswegen war der Box Klub auch der einzige in dem Ort.

Das harte und ausdauernde Training zahlte sich langsam aus. Fred Beyer hatte im letzten halben Jahr zwar nicht an Körpergröße, aber sehr wohl an Muskelmasse zugelegt. Sein Trainer beobachtete den jungen Mann aufmerksam und attestierte ihm Talent. Ein halbes Jahr, nachdem er mit dem Training begonnen hatte, fand sein erster Kampf statt. Aufregung verspürte er nicht, er war sich seiner Mittel ziemlich sicher und selbst wenn er verlieren sollte würde es eine erste Erfahrung gewesen sein. Die kleine Halle war ordentlich gefüllt, es waren ungefähr 100 Zuschauer gekommen. Sein Gegner im Weltergewicht war einen Kopf größer als er und hatte deutlich längere Arme. So gesehen musste er sich eine Taktik zurecht legen, die ihn nicht ständig in die Reichweite der Fäuste des anderen brachte. Da er schnell merkte, dass er beweglicher als der andere war, umtänzelte er seinen Gegner und konnte so einige Treffer anbringen. Selbst musste er aber auch Einiges einstecken und ein gut platzierter Schlag auf sein linkes Auge ließ dieses schnell zu schwellen. Fred Beyer änderte seine Taktik aber nicht, nur wenn er sich den Angriffen des anderen geschickt entzog könnte er selbst dessen Deckung durchbrechen und Treffer anbringen. Seine Rechnung schien aufzugehen, denn der andere Mann hatte offensichtlich Konditionsprobleme und seine Meidbewegungen wurden schwerfälliger. Als Beyer einen Leberhaken landete geriet der andere Mann ins Taumeln und der dann folgende Kinnhaken schleuderte ihn in die Seile des Rings. Noch war aber nichts entschieden, denn Beyers Gegner fing sich schnell wieder und griff ihn jetzt ungestüm an. Eine feine Klinge schlug er nicht, aber seine Angriffe hatten Wucht. Nach der dritten Runde merkte Fred Beyer, dass sein Widersacher seinen schnellen Ausweichmanövern nicht mehr folgen konnte und er ermüdete ihn mit Treffern auf verschiedene Körperregionen. Ein Wirkung zeigender Schlag gelang ihm aber nicht und es sah so aus, als würde der Kampf bis zur letzten Runde erforderlich sein. Immer wieder die Position wechselnd brachte er jetzt regelmäßig Treffer an und es schien, als wäre er nach Punkten klar vorn. Dass schien auch der Trainer seines Gegners so zu sehen, denn sein Schützling stürmte nach der nächsten Pause auf Beyer zu, er suchte eine vorzeitige Entscheidung. Da er seine Deckung jetzt vernachlässigte prasselten Beyers Schläge fortlaufend auf ihn ein und in einem unkonzentrierten Moment öffnete der Gegner den Schutz vor seinem Körper. Auf diesen Augenblick hatte Beyer gewartet und setzte zu einem Kinnhaken an, den er perfekt anbrachte. Der andere blieb noch einen Moment auf den Beinen, ging dann aber zu Boden. Der Ringrichter zählte ihn an, aber der Mann kam nicht wieder hoch. Fred Beyer hatte seinen ersten Kampf gewonnen.

In den folgenden Wochen und Monaten konnte er seine Siegesserie fortsetzen, einige Niederlagen waren zwar auch dabei aber die überwiegende Anzahl der Kämpfe entschied er für sich. Beyers Trainer sah welches Potential in dem jungen Mann steckte und er intensivierte die Arbeit mit ihm. Es ging dabei nicht nur um das rein körperliche Training, sondern er brachte seinem Schützling auch immer mehr taktisches Verhalten bei. Während Fred Beyer anfangs mehr aus dem Bauch heraus entschieden hatte wie er seinen Gegner bezwingen wollte waren seine Angriffs- und Verteidigungshandlungen nun besser durchdacht. Mit der Zeit erkannte er auch, wann er sich offensiv oder defensiv verhalten musste, und wartete geduldig auf eine Lücke in der Deckung des Gegners. Wenn sich diese dann auftat konzentrierte er sich vollständig auf den Schlag und sein mit Kraft geführter Angriff zeigte dann meist schnell Wirkung. Beachtlich war, dass Fred Beyer gut ein Drittel seiner Kämpfe durch KO beendete, die anderen gewann er nach Punkten. Beyer war so erfolgreich, dass er in seiner Alters- und Gewichtsklasse bis ins Finale der Gaumeisterschaften kam. Auf diesen Kampf fokussierte er sich wie noch nie vorher auf eine Sache und konnte den Kampf knapp nach Punkten gewinnen.

In seiner Schulklasse gab es schon lange keine dummen Sprüche mehr über seine geringe Körpergröße.

Martin Haberkorn, Frühsommer 1939

Wenn er Zeit hatte ging er an den Fluss herunter, bestieg sein Kanu und paddelte zunächst flussabwärts um sich zu erwärmen und dann wieder flussaufwärts. Anfangs war er nicht über mehr als zwei Kilometer hinausgekommen, nach und nach steigerte er aber die Strecke und binnen Jahresfrist schaffte er fünf Kilometer, ohne sich verausgaben zu müssen. Seine Muskeln legten spürbar zu und zeichneten sich unter den knappen Hemden die er trug deutlich ab. Mit fast einem Meter neunzig überragte er alle in der Klasse, sein mächtiger Körper verschaffte ihm bloßen körperlichen Respekt, aber auch seine intellektuellen Fähigkeiten waren beachtlich. Seine Stärke lag darin, theoretische Erkenntnisse praktisch zu verstehen, wenn andere darüber grübelten, was sie mit Druckverhältnissen anfangen sollten konnte er klar erkennen, dass dies zum Beispiel in einem U-Boot überlebenswichtig wäre. Ohnehin hatte er einen Hang zur See und er träumte davon, an der Seefahrthochschule zu studieren, um eines Tages ein Schiff als Kapitän zu führen. Zur Musterung äußerte er den Wunsch, zur Marine kommandiert zu werden, man ließ ihn im Unklaren und als die Einberufung zur Marineschule kam war er glücklich. Er sprach mit seinen Freunden Weber und Beyer und sie vereinbarten am Sonnabend auf der Insel ein Feuer anzuzünden und etwas zu trinken. Ihre Eltern sahen das nicht ungern, die drei waren gute Freunde, ihre Noten in Ordnung und sie zählten nicht zu den Jungs, die fortlaufend Scheiben mit Bällen einschossen oder ähnlichen Unfug trieben.

Sie trafen sich am späten Nachmittag am Flussufer, Beyer hatte eine Flasche Schnaps im Gepäck, sein Geheimnis woher, Weber brachte Brot und Wurst mit und Haberkorn selbst hatte von seinem Vater drei Flaschen Bier bekommen. Die Furt war nicht tief, sie zogen ihre Sachen aus und transportieren die Sachen über den Kopf haltend auf die Insel, hier hatten sie schon oft abends gesessen. Holz war schnell zusammen gesammelt, bald brannte das Feuer mit einer kräftigen Flamme und sie ließen sich im Kreis nieder. Jeder trank aus seiner Bierflasche und wortlos sahen sie in die knackenden Holzscheite, Beyer ließ den Schnaps kreisen.

„Ich habe heute meine Einberufung erhalten, es geht an die Marineschule, ich freue mich riesig“ fing er an.

„Die werden dir die Freude dort schon austreiben, da bin ich mir ganz sicher“ erwiderte Weber, „glaubst du, du kannst sofort als schicker Matrose auf dem Deck eines Schlachtschiffes stehen oder von Turm eines U-Bootes den Mädchen an Land zuwinken?“

„Natürlich weiß ich das“ sagte er etwas verärgert, „die Grundausbildung werde ich schon überstehen, schließlich bin ich gut in Form, danach wird es weitergehen.“

Fred Beyer blickte ihn nachdenklich an.

„Martin, meine großen Brüder waren schon bei der Wehrmacht, wenn die erzählen wird mir bange, Drill und Schikanen ohne Ende.“

„Aber die haben es auch überstanden“ sagte Haberkorn.

„Nun macht euch mal nicht verrückt“ schaltete sich Weber ein, „der Krieg ist nur noch eine Frage der Zeit, besser wir werden jetzt ausgebildet, egal wie schlimm es auch werden wird. Das Reich ist mächtig, die Polen und Franzosen werden immer frecher und die Briten lavieren herum. Wenn es los geht bin ich bei der SS, und ich werde mich gut darauf vorbereiten.“

„Männer“ sagte Beyer, „noch vier Wochen Schule, dann einen Monat frei, was wollen wir tun? Die Zeit zu vergammeln ist mir zu schade. Wollen wir in den Bergen wandern gehen?“

„Nicht meine Sache“ gab Haberkorn leicht angetrunken zurück, der Schnaps wärmte ihn wohlig, „wir könnten mit zwei Kanus die Elbe hinabfahren, ich in einem mit dem Gepäck, ihr in dem anderen. Zurück geht es mit der Eisenbahn, die Kanus kommen in den Gepäckwagon, ich habe mich schon erkundigt. Was haltet ihr davon?“

„Klingt nicht schlecht“ antwortete Beyer, Weber nickte und sagte:

„Wir sehen etwas, halten uns fit und sind jeden Tag an einem anderen Ort. Vielleicht treffen wir auch ein paar Mädchen. Wir drei Musketiere sind doch nicht von Pappe.“

Sie grinsten sich an, der Alkohol kreiste in ihren Adern, das Leben war schön.

Familie Beyer

Ingrid Beyer war eine harte Frau geworden, allein mit fünf Kindern musste sie täglich Erfindungsgeist entwickeln, um sie über die Runden zu bringen. Drei gingen bereits arbeiten und mussten Koste Geld zahlen, einer war noch in der Lehre und Fred sollte es als Einziger der Familie einmal besser haben, nächstes Jahr würde er das Abitur ablegen. Ihr Mann war vor vier Jahren gestorben, sie war nicht böse darüber, denn als stadtbekannter Säufer hatte er ihr nur Ärger eingebracht. Wie hatte sie die Nächte verflucht, wenn er lallend in die Wohnung torkelte und mit ihr dann noch ins Bett steigen wollte, obwohl er dazu gar nicht mehr in der Lage war. Die älteren Söhne mussten den Sturz betrunkenen Mann dann in der Küche auf die Ofenbank legen, wenn sie früh aufstand fand sie ihn manchmal in seinem Erbrochenen, widerwillig säuberte sie den Boden, ihn rührte sie nicht an. Eines Morgens lag er seltsam verdreht da, seine Augen starrten leer an die Küchendecke. Kein Gefühl regte sich in ihr, als sie den Arzt holte, der emotionslos den Totenschein ausfüllte. Ihr Mann hatte nur von Gelegenheitsarbeiten gelebt, die meiste Zeit war er zu betrunken gewesen, um irgendetwas tun zu können.

Der Sarg, in dem man ihn zu Grabe trug, war das billigste Modell, nur wenige gaben ihm Geleit.

Fred Beyer bedauerte den Tod seines Vaters kaum. Er hatte von ihm nie Liebe erfahren, eher abwertende Sprüche über seine Körpergröße. Auch dass er im Gegensatz zu seinen Geschwistern einen wachen Verstand hatte war für den Mann uninteressant gewesen und das hatte den Jungen zusätzlich angetrieben, in der Schule gute Noten zu erzielen. Sein Traum war, eines Tages als Ingenieur arbeiten zu können und er nahm sich fest vor, dieses Ziel zu erreichen und ein Studium zu absolvieren. Dass die aufkommenden Spannungen in den dreißiger Jahren das verhindern würden ahnte er damals nicht.

Elbreise

Die beiden Boote trieben langsam den Fluss hinunter, die jungen Männer mussten nicht viel tun da die Strömung sie gut mitnahm, lediglich einige Paddelschläge waren notwendig um sie auf Kurs zu halten, in aller Ruhe konnten sie die herrliche Landschaft genießen. Beiderseits auf den Wiesen grasten Kühe, Schmetterlinge tanzten über den Feldern und ab und an hörten sie das Geräusch eines startenden Schwanes, der sich mühevoll aber doch majestätisch in den Himmel erhob. Beyer fröstelte, wie immer begannen sie ihre Tagestour früh am Morgen, sie wollten ein ganzes Stück elbabwärts kommen. Die beiden ersten Tage waren schnell vergangen. Bei Dresden stiegen sie in die Kanus, Proviant kam an Bord und von ihren Eltern hatten alle genug Geld erhalten, um die Vorräte wieder auffüllen zu können. Schnell hatten sie sich aufeinander eingespielt, Haberkorn fuhr vorweg, Beyer und Weber folgten ihm. Nach zwei Stunden gingen sie das erste Mal an Land, die Boote waren mit Stricken gesichert und sie rauchten eine Zigarette, Beyer und Haberkorn sozusagen heimlich, nur Webers Eltern wussten davon. Haberkorn holte eine Flasche Apfelsaft aus seinem Boot, Weber sah ihn an und fragte:

„Gibt es jetzt die ganze Reise nur Apfelsaft?“

„Reg dich ab“ erwiderte Haberkorn „mein Opa hat mir heimlich zwei Flaschen Korn zugesteckt“, Beyer unterbrach ihn „meine Mutter hat mir auch eine mitgegeben“, „also“ fuhr Haberkorn fort „wir sind vorerst versorgt. Und wenn wir unser Lager aufschlagen sollten wir das in der Nähe eines Dorfes tun, da gibt es mit Sicherheit eine Gastwirtschaft und auch ein Bierchen für uns.“

Sie grinsten sich an, die drohenden Schatten eines nahenden Krieges nahmen sie jetzt nicht wahr, sie genossen ihre Freiheit nach dem Abitur. Der Fluss wiegte die Boote leicht und am Nachmittag erreichten sie einen größeren Ort. Sie zogen die Boote an Land, geschickt und schnell bauten sie die Zelte auf, das hatten sie in der Hitlerjugend oft geübt und auch das Übernachten unter freiem Himmel hatte stets dazu gehört. Der Tag war nicht anstrengend gewesen, der Fluss hatte ihnen die Arbeit angenommen und sie beschlossen in den Ort zu laufen um zu essen und zu trinken. Ihre Wertsachen verstauten sie in den Rucksäcken und nach zwei Kilometern erreichten sie den Ort, die Schänke war nicht zu verfehlen. Die Luft der Gaststube war mit Tabakqualm und Bierdunst gesättigt, alle Tische bis auf einen waren besetzt, die Gäste spielten Karten oder unterhielten sich. Eine junge Kellnerin trat an ihren Tisch und fragte nach den Wünschen.

„Für jeden ein Bier. Was können wir essen?“

Sie blickte sie spöttisch an.

„Bier, vertragt ihr das denn überhaupt?“

„Sicher“ gab Weber selbstbewusst zurück „es wäre nicht das erste, das wir zischen.“

Sie bestellten alle Bauernfrühstück, das billigste Gericht, bald standen die Biere auf dem Tisch und sie tranken mit langen Zügen. Als sie das zweite Bier hatten kam das Essen und als das Mädchen zum Tresen zurückging schaute Weber ihr interessiert hinterher.

„Die hat ganz schön Holz vor der Hütte, die Dinger würde ich mir gern mal ansehen.“

„Spinnst du“ fuhr ihn Haberkorn an „mach keinen Mist, ich will hier nicht mit blauen Augen rausgehen.

„Hab‘ dich nicht so, die Kleine ist doch hübsch, vielleicht hat sie auch Lust“ sagte Weber nach dem dritten Bier mit schon schwerer Zunge.

Beyer ging zum Tresen, bezahlte die Rechnung, dann hängten sie Weber zwischen sich und stolperten zu ihrem Lagerplatz. Unterwegs mussten die beiden sich anhören, dass sie ja noch nie mit einer Frau zusammen gewesen wären, er schon, und was das für einen Spaß mache. Er packte sie an einer Stelle die weh tat, Erfahrung mit Frauen hatten sie wirklich nicht, da war er ihnen voraus.

Fred Beyer, Panzerlehrschule 1939, Sommer

Sadist, Sadist hämmerte es in seinem Schädel. Oberfeldwebel Freitag hatte seinen Spind nach dem Stubendurchgang kurzerhand angekippt, alles was in ihm gewesen war verteilte sich auf dem Boden. Der Unteroffizier trat noch scheinbar unabsichtlich auf Wäschestücke, die Beyer am nächsten Tag tragen musste. Schweigend räumte er den Schrank wieder ein, griff sich die Uniformjacke, die deutlich sichtbar einen Stiefelabdruck aufwies und ging in den Waschraum. Dort nahm er sich eine Handbürste und versuchte den Abdruck mit Waschpaste zu entfernen, nach fünf Minuten hatte er es geschafft, das Kleidungsstück war allerdings an dieser Stelle klatschnass, unmöglich, dass es bis zum Morgen trocknen würde, dazu war die Stube zu kalt. Er hängte die Jacke auf einen Bügel und kroch unter die Bettdecke.

„Mach‘ dir nichts draus“ sprach ihn sein Bettnachbar leise an.

Kowalski war Schlesier, ein kräftiger und robuster Bauernjunge, dessen Gesicht Akne Narben aufwies und den scheinbar nichts aus der Ruhe brachte. Wenn Freitag ihn schikanierte blieb sein Gesichtsausdruck unbeweglich, ohne Gefühlsregung baute er sein Bett neu oder brachte den Spind wieder auf Vordermann, körperliche Strapazen steckte er weg.

„Der Mann ist einfach krank, irgendwie muss er sich wahrscheinlich abreagieren“ fuhr er fort.

Beyer nickte zustimmend, er wusste jedoch, dass Freitag der Prototyp eines Ausbilders der Wehrmacht war und keineswegs eine Ausnahme, das Ganze hatte System und auch die anderen Vorgesetzten unterschieden sich in ihrer Art nur wenig von dem Unteroffizier. Soldaten sollten im Kampf funktionieren und keine Befehle in Frage stellen, der Drill bereitete sie darauf vor. Im Grunde war Beyer nicht überrascht, nach seinem Verständnis konnte eine Armee nur so funktionieren, dass es bedingungslosen Gehorsam und Disziplin gab. Er musste sich Freitag unterordnen, Freitag führte Befehle des Kompanieführers aus und dieser unterstand dem Regimentskommandeur. Eigentlich eine klare und logische Sache sagte er sich, irgendwann würde er die Grundausbildung überstanden haben und dann sollte es besser werden. Mit diesem Gedanken schlief er ein.

Der nächste Morgen war trotz der Sommerzeit kalt und die Soldaten der Kompanie stießen Atemwolken aus als sie auf dem Appellplatz in kurzer Sportkleidung angetreten waren, das Thermometer zeigte acht Grad. Freitag stand vor der Kompanie, er trug Uniform, die Kälte konnte ihm nur wenig anhaben. Der Kompaniechef, Leutnant Schulze, ließ sie 20 Minuten warten, die jungen Männer begannen zu zittern. Freitag warf scharfe Blicke, ob sich jemand bewegte. Als Schulze erschien trat Freitag rechts neben die Kompanie und meldete: „Kompanie mit drei Zügen angetreten, ein Mann in der Krankenbaracke, ein Mann im Arrest.“

„Guten Morgen, Soldaten“ brüllte Schulze, die Männer antworteten mit „Guten Morgen, Herr Leutnant.“

„Herhören“ fuhr Schulze fort, „Zug 1 geht zur Geländeausbildung, Zug 2 zum Schießstand und Zug 3 absolviert die erste Fahrstunde. Wegtreten zum Frühsport.“

Die Ordnung löste sich auf und die Männer bildeten eine lockere Reihe von Läufern, die sich auf der Aschenbahn mit unterschiedlichem Tempo bewegten. Freitag stand in der Mitte des Ovals und brüllte ab und zu „schneller“, „nicht so lahm, ihr kastrierten Kater“, „da ist ja meine Großmutter schneller“ und ähnliches. Beyer lief in der Spitzengruppe, das Boxtraining zahlte sich aus, sein Atem ging regelmäßig und das Herz schlug schnell, aber regelmäßig und nicht angestrengt. Ohne sich besonders ins Zeug zu legen übernahm er die Spitze und erreichte als erster nach fünf Runden das Ziel, auspendelnd lief er noch ein Stück weiter und ging zu seinem Platz in der Antrete Formation. Nach und nach kamen die anderen dazu, nur der dicke Kammer keuchte noch über die Bahn, er kam als letzter in die Formation.

Beyers Zug rannte die Treppen zu den Stuben empor, in Eile zogen sie ihre Uniformen an und postierten sich sofort wieder auf dem Gang. Ihr Zugführer, Feldwebel Kurz, Ende Zwanzig, musterte sie mit herablassender Miene und befahl ihnen: „Im Laufschritt zu den Fahrzeughallen.“ Die Reihe stürzte die Treppen herunter und trat nach einem 200 Metern Lauf Atem holend vor den Hallen an. Kurz folgte ihnen im gemächlichen Spazierschritt, er schien keine Eile zu haben. Vor den Hallen standen drei turmlose Panzer I, sie sahen wie eigenartig konstruierte Trecker aus, der Fahrersitz war sichtbar, dahinter befand sich erhöht ein zweiter für den Ausbilder, diese standen bereits neben den Fahrzeugen. Die Männer kannten die Panzer aus dem theoretischen Unterricht in- und auswendig, Beyer hatte keine Erinnerung wie oft sie Aufbau und Bedienung des Fahrzeuges gepaukt hatten, er hätte im Schlaf aufsagen können, wie der Motor funktionierte und wie er welche Störung beheben würde. Im kam zugute, dass er in der Schule gut aufgepasst und ein technisches Verständnis hatte, das andere nicht mitbrachten. Das Zusammenspiel der Teile des Fahrzeugs war ihm klar, die Konstruktion des Panzers beeindruckte ihn schon, obwohl er gerade Platz für zwei Mann bot und nur mit zwei Maschinengewehren ausgerüstet war, die Panzerung würde gerade einmal schweren Schützenwaffen standhalten können.

Beyer war in der Musterung flüchtig untersucht worden, die Ärzte machten kein großes Brimborium, aufgrund seiner Körpergröße wurde er zur Panzertruppe kommandiert. Das schien ihm keine schlechte Sache, die auf den Reichsparteitagen defilierenden Panzer machten Eindruck auf ihn, zumal die Propaganda dieser Waffe zukünftig eine entscheidende Rolle zusprach. Auch hatte er wenig Lust darauf, als Infanterist gepäckbeladen kilometerweit durch die Gegend zu latschen, alles in allem war das schon die bessere Wahl.

Beyer wurde an einen Panzer kommandiert, geschickt kletterte er auf die Wanne, ließ sich in den Sitz gleiten und setzte die Panzerhaube auf, die ihm auch Sprechkontakt mit dem Ausbilder ermöglichte, dieser saß hinter ihm. Beyer ließ seinen Blick über die Bedienelemente schweifen: rechts und links neben ihm waren die Steuerknüppel angeordnet, die Pedale für Gas, Bremse und Kupplung ragten aus dem Wannenboden heraus, der Schalthebel war rechts angeordnet, vor ihm waren Anzeigen für Drehzahl und Geschwindigkeit angebracht. Der Ausbilder klopfte ihm auf die Schulter, Beyer sollte den Motor anlassen. Das Ritzel des Anlassers spurte ein und der Motor begann ruckelnd zu arbeiten. Beyer kuppelte, legte den ersten Gang ein und das Fahrzeug setzte sich langsam in Bewegung, schnell schaltete er in den nächsten Gang und mit den Steuerhebeln legte er die Richtung fest. Die Strecke war mit Fahnen abgesteckt, vor ihm erhob sich ein aufgeschütteter Hügel und mit Vollgas im dritten Gang arbeitete sich das Fahrzeug empor, um auf der anderen Seite wieder abwärts zu rollen. Der Kurs war zirka zwei Kilometer lang, verschiedene Hindernisse waren zu bewältigen, Beyer absolvierte die Strecke fehlerfrei, im Kopfhörer vernahm er ein krächzendes: „Gut gemacht für den ersten Versuch“ und Grinsen schob sich in sein Gesicht. Er bootete aus und reihte sich wieder bei den anderen ein, anerkennende Blicke trafen ihn.

Günther Weber, SS-Kompanie, Sommer 1939

Das Herz hämmerte heftig in seiner Brust, die letzte Runde schien endlos, doch das befriedigende Gefühl wieder schneller zu sein als letzten Monat, ließ die körperliche Anstrengung klein werden. Noch war Müller besser als er, er legte aber alles darauf an, ihn bald zu schlagen. Die Ausbilder sahen es gern, dass sich die jungen Männer gegenseitig zu Höchstleistungen trieben, es machte ihre Arbeit leichter. Bislang hatten sich Webers Vorstellungen erfüllt, die Männer hielten zusammen, dass sich ihr Testosteron auch in gelegentlichen Rivalitäten äußerte war für ihn normal, dennoch war der Grundsatz, dass der eine für den anderen bedingungslos einstand, nach seinem Geschmack. Der Tagesablauf nahm ihn ganz gefangen, die strengen Regeln hielt er für richtig, einzig die Unterrichte zu nationalsozialistischen Themen fesselten ihn nicht sonderlich, lieber lernte er wie eine Panzermine funktionierte, schließlich wollte er Soldat werden, nicht Parteifunktionär. Manchmal fluchte er innerlich über den Drill, fügte sich aber. Besser jetzt in der Übung geschunden, als später im Kampf hilflos war seine Überlegung. Nach dem Lauf rannten die Männer auf die Stuben, wechselten die Sportsachen gegen die Uniform und nach dem Frühstück traten sie vor der Waffenkammer an. Jeder erhielt einen Karabiner 98 und zwei mit Patronen gefüllte Magazintaschen, die sie in die Gürtel einschlauften. Im Laufschritt ging es zum Schießstand, vier Zeltplanen lagen in gleichmäßigen Abständen auf der Erde, davor war jeweils eine Reihe Sandsäcke aufgebaut. Die Ausbilder hatten sich neben den Schützenplätzen postiert und der Kompaniechef rief den Rekruten zu: „Umschließen“. In lockerer Formation standen die Männer da, Sturmbannführer Wolf instruierte sie nochmals:

„Heute werden Sie zum ersten Mal scharf schießen. Theoretisch dürfte alles klar sein, jetzt kommt es darauf an, auch praktisch gut zu sein. Atmen Sie ruhig, halten Sie das Ziel mittig und nicht zu hoch oder tief. Die Scheiben stehen fest, es gibt also keine Überraschungen. Noch Fragen? Ausbilder übernehmen.“

Die Männer verteilten sich auf die Plätze und die ersten legten sich auf die Zeltbahnen. Die immer wieder gepaukten Handgriffe mit den Waffen gelangen problemlos, überall war ein „Waffe geladen und gesichert“ zu hören, kurz darauf ein „entsichern“ und dann „Feuer eröffnen“.