Drei Musketiere - Eine verlorene Jugend im Krieg, Band 7 - Frank Hille - ebook

Drei Musketiere - Eine verlorene Jugend im Krieg, Band 7 ebook

Frank Hille

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Opis

Die drei Schulfreunde Fred Beyer, Günther Weber und Martin Haberkorn sind schon längere Zeit im Krieg. Im Jahr 1942 stabilisiert sich die Ostfront und die Deutschen versuchen alles, die Partisanentätigkeit in ihrem Hinterland in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig müssen sie sich Angriffen der Roten Armee erwehren. Die Zeit großer Operationen ist vorerst vorbei und es kommt überwiegend nur zu taktischen Vorstößen. Martin Haberkorn fährt immer noch als LI auf seinem U-Boot und eine Operation führt die Männer in die Barents See, wo die Boote zusammen mit der Luftwaffe einen großen Erfolg feiern können. Die drei jungen Männer sind der Überzeugung, dass sich die Dinge für die Deutschen jetzt wieder zum Guten wenden werden.

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Impressum

Drei Musketiere

Eine verlorene Jugend im Krieg

Band 7

1942

Copyright: © 2017 Frank Hille

Published by: epubli GmbH, Berlin

www. epubli.de

Martin Haberkorn, 14. Juni 1942, Frankreich

Fred Beyer, 22. Juni 1942, Suchinitschi, Russland

Günther Weber, 22. Juni 1942, bei Smolensk, Russland

Martin Haberkorn, 1. Juli 1942, Europäisches Nordmeer

Günther Weber, 2. Juli 1942, Mostowaja, Russland

Fred Beyer, 3. Juli 1942, Bossino, Russland

Martin Haberkorn, 5. Juli 1942, Barentssee

Günther Weber, 2. Juli 1942, Mostowaja, Russland

Fred Beyer, 3. Juli 1942, Bossino, Russland

Martin Haberkorn, 5. Juli 1942, Barentssee

Günther Weber, 2. Juli 1942, Mostowaja, Russland

Martin Haberkorn, 6. Juli 1942, Barentssee

Fred Beyer, 3. Juli 1942, Bossino, Russland

Günther Weber, 2. Juli 1942, Mostowaja, Russland

Fred Beyer, 9. Juli 1942, Nähe Welikije Luki-Rhew, Russland

Günther Weber, 10. Juli 1942, , Russland

Fred Beyer, 17. Juli 1942, bei Suchinitschi, Russland

Martin Haberkorn, 17. Juli 1942, Lorient

Fred Beyer, 17. Juli 1942, bei Suchinitschi, Russland

Martin Haberkorn, 22. Juli 1942, Atlantik

Fred Beyer, 17. Juli 1942, bei Suchinitschi, Russland

Günther Weber, 19. Juli 1942, Russland, Bjelow

Martin Haberkorn, 14. Juni 1942, Frankreich

Der Abendzug nach Paris hatte Brest pünktlich verlassen und Martin Haberkorn war in einem Offiziersabteil untergekommen, in dem noch zwei Oberleutnants der Infanterie, ein Hauptmann der Panzertruppe sowie ein Oberleutnant der Luftwaffe saßen. Die Männer hatten ihre Koffer in den Gepäckablagen verstaut und wegen der drückenden Hitze ihre Uniformjacken zum Teil geöffnet. Als das Boot von Haberkorn von seiner letzten Unternehmung in Brest eingelaufen war hatte die Wärme des Hochsommers die Männer der Besatzung wie eine Keule getroffen, im Atlantik war das Wetter die meiste Zeit über stürmisch gewesen und vor allem die Matrosen der Brückenwache waren kaum aus ihren nassen Klamotten herausgekommen. Diesmal strotzte der Kommandant beim Anlegen vor Selbstbewusstsein, denn am ausgefahrenen Sehrohr flatterten zwei weiße Wimpel für versenkte Frachter, und ein roter für ein Kriegsschiff. In einer wagemutigen Aktion war es gelungen, einen Geleitflugzeugträger im Überwasserangriff mit drei Torpedos eines Viererfächers zu treffen und das Sinken konnte einwandfrei gehorcht werden. Öfter war es so, dass die Boote nach einem Angriff schnell wegtauchen mussten und die Versenkungsangaben damit auch ungenau ausfielen. Jeder in der U-Bootwaffe wusste, dass dann schon einmal großzügig aufgerundet wurde und manche scheinbaren Erfolge stellten sich später als Falschmeldungen heraus. Vorsatz war meistens nicht dabei, aber die Führung, vor allem Dönitz, beförderte solche Vorfälle, da der versenkte Schiffsraum zum alleinigen Maß aller Dinge erklärt worden war. Haberkorn wusste, dass der Kommandant sein Erfolgskonto natürlich ausbauen wollte und durchaus gewagte Manöver fuhr, aber doch immer im Blick behielt, das Boot in keine aussichtslose Situation zu bringen. Da die Abwehr der Alliierten aber immer besser organisiert war folgte für die Boote zwangsläufig daraus, doch höhere Risiken einzugehen, um überhaupt noch zum Schuss kommen zu können. Besonders die Bedrohung aus der Luft hatte enorm zugenommen und unerfahrene Besatzungen hatten größte Mühe, ihre ersten Unternehmungen zu überstehen. Die Zahl der bereits auf der ersten Reise versenkten Boote nahm immer mehr zu.

„Na Herr Leutnant“ fragte der Hauptmann Haberkorn „wie war die Jagd? Wie viele haben Sie erwischt?“

„3 Schiffe, zwei Frachter, einen Flugzeugträger.“

„Alle Achtung! Da wird den Tommies ja bald die Puste ausgehen. Wenn ich die Wehrmachtsberichte richtig verstehe, war 1942 für die U-Bootwaffe ja ein sehr erfolgreiches Jahr.“

„Das stimmt, aber die Boote waren vor allem vor der amerikanischen Küste erfolgreich und Operation „Paukenschlag“ trug ihren Namen zu Recht. Dort konnten so viele Schiffe wie noch nie zuvor mit den Bordgeschützen versenkt werden, weil es anfangs eine Abwehr so gut wie gar nicht gab. Im Atlantik auf den Geleitzugrouten sieht es aber schon anders aus. Dort wird es immer schwerer, an den Gegner heranzukommen.“

„Das kriegen wir schon hin“ meinte der Offizier der Luftwaffe „auch wir haben es nicht leicht. Die Briten sind zähe Hunde, die nicht so schnell klein beigeben. Aber wir werden sie bezwingen, das steht fest. In Russland geht es wieder voran und dann können sicher auch ein paar Kräfte von dort abgezogen werden und die Reichsverteidigung stärken. Und wie ich aus sicherer Quelle weiß werden wir bald über gänzlich neue und revolutionäre Waffen verfügen. Ist aber noch alles streng geheim.“

Die Männer rauchten und hatten das Fenster geöffnet. Einer der Infanterieoffiziere packte eine Flasche Kognak aus und jeder trank kurzerhand daraus ohne ein Glas oder einen Becher zu benutzen.

Martin Haberkorn streckte die Beine aus, die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Obwohl das Boot relativ unbeschadet von der Reise zurückgekommen war, ergaben sich immer eine Vielzahl von Reparaturen, die er zu beaufsichtigen hatte. Das lenkte ihn auch von der Enttäuschung ab, Marie diesmal nicht sehen zu können, sie war für zwei Wochen zu einer Freundin aufs Land gefahren. Haberkorn hatte Post von Fred Beyer und Günther Weber bekommen. Beide äußerten sich optimistisch über die Entwicklung an der Ostfront aber Urlaub stand für sie in der nächsten Zeit nicht auf dem Programm.

Das Umsteigen in Paris war mit einiger Wartezeit verbunden und diese verbrachte er in einem zugigen Wartesaal. Für seinen Vater hatte er eine Flasche Kognak gekauft, für seine Mutter ein schönes Tuch. Er würde eine Woche zu Hause sein, und dann wieder in den Stützpunkt zurückreisen. Wenn im Hafen alles klar gegangen wäre, würde das Boot nach seiner Ankunft schon bald wieder auslaufen.

Fred Beyer, 22. Juni 1942, Suchinitschi, Russland

Als die Russen das siebente Mal gegen die deutschen Stellungen angerannt waren und auf dem Gefechtsfeld ungefähr 300 gefallene Rotarmisten lagen und einige Panzer ausbrannten befanden sich in den Munitionsbehältern des Panzers noch 3 Panzer- und 5 Sprenggranaten. Beyers Besatzung hatte vom Vormittag bis jetzt, es war kurz vor 18 Uhr, mehr als 100 Granaten verschossen. Obwohl es kalendarischer Hochsommer war, hatte sich das Wetter in den letzten Tagen verschlechtert, es war kühl und windig. Davor hatte die Sonne kräftig geschienen und die Infanterie hatte die guten Witterungsbedingungen genutzt, um ihre Stellungen weiter auszubauen. Obwohl an diesem Frontabschnitt relative Ruhe geherrscht hatte war anzunehmen gewesen, dass die Russen bald wieder aktiv werden würden, denn die Deutschen waren erheblich damit beschäftigt, die Bedrohung durch die Partisanen im Hinterland zu beseitigen und deswegen waren ihre Kräfte zersplittert und die Linie nur schwach besetzt. In den gut 5 Kilometer langen Stellungen lag ein Infanteriebataillon mit knapp 800 Mann, dahinter stand Feldartillerie in geringer Anzahl und hatten sich die 12 Panzer von Beyers Panzerkompanie teilweise eingegraben. Die Aufklärung war durch Focke-Wulf FW 189 geflogen worden und die Beobachter hatten Fotos mitgebracht, die die Zusammenziehung russischer Truppen an diesem Abschnitt bestätigten. Allem Anschein nach waren in 4 Kilometer Entfernung russische Artilleriegeschütze stationiert worden. Einige Panzereinheiten waren auf dem Vormarsch beobachtet worden. Die deutsche Artillerie hatte diese Ansammlungen beschossen aber nur wenig Schaden anrichten können, da die Russen ihre Einheiten nach den ersten Feuerschlägen auseinandergezogen hatten. Das erste Mal traten die Russen gegen 10 Uhr an. Einige T 34 und BT 7 waren mit vorgerückt und als sie noch 1.000 Meter entfernt gewesen waren hatten die Panzer IV das Feuer eröffnet.

Die Langrohrkanonen erwiesen sich immer mehr als sehr schlagkräftig, Lahmann hatte einen T 34 anvisiert und die Granate traf das rechte Leitrad und riss dieses aus seiner Befestigung, die Kette sprang ab. Durch die weiter laufende linke Kette wurde das Fahrzeug nach rechts gedreht. Häber hatte schon wieder nachgeladen und Lahmann gelang ein Treffer am Turm des Panzers. Das Wuchtgeschoss schlug mit seiner Kappe aus weichem Material auf der Panzerung an, verringerte dadurch den Aufprallschock und schützte den eigentlichen Wirkkörper. Dieser aus gehärtetem Metall bestehende Teil des Geschosses durchdrang danach die Panzerplatten und dessen hohe kinetische Energie wurde jetzt in Druck und damit auch in hohe Temperatur umgesetzt. Die Reibung des Wirkkörpers mit der Panzerung erzeugte einen Splitterregen, und die in der Granate befindliche geringe Sprengstoffmenge wurde zusätzlich durch einen Verzögerungszünder im Inneren des Panzers zur Explosion gebracht. Den vier russischen Panzersoldaten platzten durch den Druck die Lungen und die glühend heißen Splitter töteten die Männer sofort. Das Inferno im Inneren des Panzers ließ die Bereitschaftsmunition hochgehen und der Turm wurde durch die gewaltige Detonation durch die Luft geschleudert. Auch die anderen deutschen Panzer konnten Abschüsse erzielen und der Angriffsgeist der Russen war nach dem siebenten Angriff endgültig gebrochen. Die deutsche Artillerie hatte ihre Granaten auch auf das Gefechtsfeld gesetzt und die meisten Rotarmisten waren durch deren Wirkung gefallen, die anderen im rasenden Feuer der deutschen MG und Schützenwaffen getötet worden. Die russischen Geschütze waren anfangs aktiv gewesen, aber nachdem etliche der Geschosse zwischen den vorrückenden Männern der eigenen Truppe eingeschlagen waren hatten sie das Feuer eingestellt. Da die Flugplätze der Russen vermutlich zu weit von dem Frontabschnitt lagen waren keine Bomber oder Jagdflieger zum Einsatz gekommen.

Fred Beyer war es so vorgekommen, als hätten die russischen Truppen nur der Form halber angegriffen und wenig Elan gezeigt. Lediglich die Panzer waren wagemutig vorgestoßen, aber die Infanterie war seltsam unentschlossen vorgegangen. Nach dem Ende des Gefechts stellte sich durch Gefangenenvernehmungen heraus, dass die Fußtruppen aus Einheiten mit Strafgefangenen bestanden, die wegen geringster Vergehen dort kämpfen mussten. Die überlebenden Männer schienen froh zu sein, jetzt in Gefangenschaft geraten zu sein. Zunächst einmal hatten sie immerhin das blanke Leben retten können, aber ob die Bedingungen bei den Deutschen wesentlich besser waren, war nicht sicher, spielte im Moment für sie aber keine Rolle. Das Gefecht war eindeutig zugunsten der Deutschen ausgegangen, sie hatten nur geringe Verluste zu beklagen. Der Angriff war für die Russen zu einem Desaster geworden aber die vielen Toten spielten für deren Führung offensichtlich keine Rolle, die Männer der Strafkompanien hatten ihr Leben ohnehin verwirkt. Beyer und seine Männer waren aus dem Panzer ausgestiegen und standen rauchend neben dem Panzer.

„Warum zu Teufel heben die nicht alle die Hände und kommen zu uns“ fragte Müller.

„Weil in der letzten Kette die Politoffiziere laufen und alle umlegen, die abhauen wollen“ erwiderte Lahmann „das wissen wir doch.“

„Jedenfalls werden die jetzt hier erst einmal Ruhe geben“ meinte Beyer „das war doch ein totales Debakel. Jetzt brauchen wir dringend Munition. Und ich brauch endlich was zu essen und zu trinken. Haben wir noch was in unserer Gepäckkiste?“

„Das Übliche“ erwiderte Bergner „Dosenwurst und Kommissbrot in Dosen. Leckere Sache. Ich hol mal was. Und zu trinken gibt es warmes Wasser aus unseren Feldflaschen.“

Die Männer setzten sich auf den Boden, öffneten die Dosen und strichen sich Jagdwurst auf die Brotscheiben. Fred Beyer hielt die Situation für surrealistisch. Nur ein paar hundert Meter von ihnen entfernt lagen Massen von toten und sterbenden Rotarmisten auf dem Gefechtsfeld, brannten Panzer aus, in denen die Leichen der Besatzungen zu unförmigen Gegenständen verkohlten, und sie saßen da und aßen. Als Kind hatte er sich immer gewünscht, mit seinen Eltern und Brüdern mit einem Picknickkorb in die Natur zu ziehen und es sich auf einer Blumenwiese gemütlich zu machen. Dass dies nie passieren würde war ihm schon als Junge klargewesen, denn sein Vater als stadtbekannter Säufer brachte das Meiste seines Lohnes in Kneipen durch und seine Mutter hatte alle Mühe, die fünf Jungen satt zu bekommen. Aus dieser Zeit stammte auch seine nie eingestandene Angst, nicht genug zu essen zu bekommen. Hier in der Panzertruppe hatte er erstmals seit seiner Ausbildung das Gefühl gewonnen, in einem recht gut funktionierenden System zu leben. Zwar im Krieg gefährlich, aber in einem Kosmos, den er kannte. Die klaren Regeln in der Befehlshierarchie kamen seinem Drang nach Struktur entgegen und er war immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass er, falls er den Krieg überleben würde, bei der Truppe bleiben wollte. Nachdem sie gegessen hatten rauchten die Männer. Häber, der Ladeschütze, ging zur Rommelkiste und kam kurz darauf mit einer Flasche Schnaps wieder.

„Wo hast du die denn aufgetrieben“ fragte Müller erstaunt.

„Hab n kleinen Tauschhandel aufgezogen“ erwiderte Häber.

„Und womit“ wollte Lahmann wissen.

„Mit Führungsringen.“

„Das musst du mal genauer erklären“ sagte Beyer.

„Als wir vor n paar Tagen in dem einen Wald gelegen haben bin ich zum Kacken n ganzes Stück in den Wald reingegangen, ich lass mich dabei nich gern stören. Da hab ich n kleines Munitionslager der Russen gefunden. Die hatten die Granaten einfach auf der Erde aufgestapelt. Waren kleine Kaliber, höchstens 3 Zentimeter. Zünder waren noch nich eingeschraubt. Dann hab ich, weil dort auch noch Werkzeug rumlag, n paar Führungsringe von den Granaten abgeschlagen und mitgenommen.“

„Na und“ fragte Bergner „was hast du mit den Dingern angefangen? Wozu sind die Teile überhaupt gut?“

„Das weisste nich“ antwortete Häber „die dichten das Rohr beim Schuss ab. Und die Ringe sind aus Kupfer.“

„Und was kann man damit machen“ erkundigte sich Müller.

„Na Schmuck zum Beispiel. Oder irgendein Zierding für die Wohnung. Hab da einen gefunden, der ganz scharf darauf is.“

Fred Beyer grinste. Anton Häber sagte sonst kaum etwas, aber als Handwerker und Hufschmied hatte er sofort erkannt, dass man mit den Führungsringen handeln konnte. Die Männer ließen die Flasche reihum gehen, sie hatten wieder ein Gefecht überlebt. Diesmal waren sie in der besseren Position als die Russen gewesen, aber das musste nicht so bleiben.

Günther Weber, 22. Juni 1942, bei Smolensk, Russland

Nach den schweren Kämpfen in Jatkowo und einem weiteren verlustreichen Gefecht hatte man Webers Bataillon aus der Front herausgezogen und zur Erholung in das sichere Gebiet des Großraumes von Smolensk verlegt. Die drei Schützenkompanien und die MG-Kompanie waren mit 23 Offizieren in den Kompanien und 8 Offizieren im Bataillonsstab sowie einer Mannschaftsstärke von 635 Soldaten in die Einsätze gegangen. Diese Zahl lag schon deutlich unter dem Sollwert von ungefähr 800 Männern. In Jatkowo hatte die Einheit erhebliche Verluste gehabt und die Istzahl der einsatzbereiten Soldaten war auf 571 gesunken. Günther Weber war mit anderen Kameraden in einem Dorf nahe Smolensk in einem verlassenen Bauernhaus einquartiert worden. Nach der Anspannung der Kämpfe hatten die Männer jetzt genug Zeit sich auszuruhen. Die Offiziere und Unterführer waren ohnehin immer sehr nah an ihren Männern und nutzten die Gelegenheit, das bei der SS besonders ausgeprägte Vertrauensverhältnis zwischen den Soldaten noch weiter auszubauen. Insgesamt war die Stimmung durchaus optimistisch, denn die Front hielt und man ging davon aus, dass der nach Kriegsbeginn schnell spürbar gewordene Mangel an Kampftechnik beseitigt werden könnte, denn für alle sichtbar liefen den Truppen jetzt auch Neuentwicklungen zu. Die Männer der MG Kompanie waren mit ersten Exemplaren des MG 42 ausgerüstet worden und berichteten begeistert von der neuen Waffe. Weber hatte wie die anderen auch momentan viel Zeit und sah sich das MG an, das zwei Soldaten auf einem Tisch im Garten eines anderen Bauernhauses aufgebaut hatten.

„Das sieht ja nicht gerade nach deutscher Wertarbeit aus“ sagte er zu einem der Männer der MG Kompanie „die Schweißnähte machen den Eindruck, als wären sie von einem Lehrling gezogen worden.“

„Lass dich mal nicht täuschen, das ist eine ganz neue Technologie. Bis jetzt wurden bei den Waffen fast alle Teile aus massivem Stahl gefräst. Das ist eine zeitaufwendige, teure und viel Abfall erzeugende Fertigungsart. Die meisten Teile dieses MG sind hingegen aus Stanz- und Umformteilen gefertigt, das nennt man auch Blechprägetechnik.“

„Kennst dich wohl damit aus“ versuchte Weber den anderen aus der Reserve zu locken „du redest ja so, als hättest du das Ding entwickelt.“

„Entwickelt nicht, aber ich bin Werkzeugmacher und weiß wie aufwendig es ist, zum Beispiel Teile aus dem Vollen zu drehen. Da geht viel Zeit drauf und diese sogenannten spanabhebenden Verfahren verursachen logischerweise viel abgedrehtes Material. Mit der Prägetechnik dagegen haust du einen Rohling in die Presse, dann muss noch ein bisschen entgratet werden und fertig ist der Lack. Und die Qualität der Schweißnähte wird nicht durch das Aussehen bestimmt, sondern durch die Verbundfestigkeit. Kuck dir mal die Waffen der Russen an. Die gewinnen auch keinen Schönheitspreis, aber sind grundsolide und halten ewig. Wenn ich mir unsere Panzer ansehe habe ich den Eindruck, dass die zur Parade vorfahren sollen, und nicht ins Gefecht. Das muss doch nicht sein, dass dort jedes Teil fein bearbeitet und lackiert ist. Ist doch ne Kriegsmaschine, und kein Auto für den Herrn Fabrikanten, wo alles picobello sein muss. Ich würde das viel einfacher fertigen lassen. So wie das MG 42. Schau dir das mal an.“

Der Mann betätigte an der rechten Seite der Waffe einen Hebel und zog mit einer geschickten Bewegung den Lauf heraus.

„Dieses MG feuert theoretisch 1.500 Patronen in der Minute ab. In der Minute! Das sind 25 in der Sekunde! Stell dir das mal vor! Das gibt ein ganz typisches Geräusch, da kann man keinen einzelnen Schuss mehr hören. Die Tommies sollen die Waffe wohl deswegen „Hitlersäge“ nennen. Und weil die Schussfolge so hoch ist, wird der Lauf natürlich schnell heiß. Und den zu wechseln geht ruckzuck. Das ist ne Konstruktion, die mir gefällt. So muss ne moderne Waffe konstruiert sein.“

„Dann sag’s doch mal dem Führer“ spottete Weber „vielleicht gibt er dir einen Posten bei Henschel. Dort kannst du dann neue Panzer entwickeln.“

„Dazu ist mein Kopf zu klein“ erwiderte der SS-Mann „ich bin n guter Maschinenarbeiter und irgendwann will ich auch meinen Meister machen. Aber, n Panzer zu entwickeln, das könnte ich nicht. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, was der leisten müsste.“

„Und das wäre“ fragte Weber gespannt.

„Na er muss schnell sein, gut gepanzert und mit einer schlagkräftigen Kanone ausgerüstet. So wie der T 34. Ich kenne mich zwar nicht aus, aber die schräge Panzerung muss doch einen Sinn haben. Was meinst du?“

Günther Weber erinnerte sich an seine Schulzeit und den Mathematikunterricht. Viele damals gelernte Dinge konnte er auch heute noch abrufen, obwohl er sie seit dem Kriegsbeginn nicht mehr angewendet hatte. Etwas wehmütig dachte er daran, dass er unter anderen Bedingungen jetzt im Hörsaal sitzen würde. Er ging immer noch davon aus, dass er nach dem Krieg studieren würde, bloß wann das sein würde, stand in den Sternen. Der Vorteil der abgeschrägten Panzerung war ihm klar.

„Man kann über Winkelfunktionen ausrechnen“ sagte er „welchen Schutz eine schräg gestellte Platte im Vergleich zu einer senkrecht stehenden bietet. Das ist gar nicht so schwer.“

„Na dann bist du doch der richtige Mann für den Posten in der Entwicklungsabteilung“ antwortete der MG-Schütze etwas beleidigt „aber irgendwer muss das Zeug ja auch produzieren und das ist kompliziert genug. Wenn alles passen soll, muss man schon sehr konzentriert und genau arbeiten.“

„Du musst jetzt nicht eingeschnappt sein“ versuchte Weber zu beschwichtigen „ich kann vielleicht besser rechnen als du, aber ich kriege keinen Nagel in die Wand. Wer da besser dran ist weiß ich nicht.“

Sein Gesprächspartner grinste breit.

„Gib mir das richtige Material und gute Maschinen, dann baue ich dir was du willst. Für mich ist es wichtig, etwas entstehen zu sehen. Und ich brauche den Geruch von Öl und Kühlflüssigkeit. Und wenn ich mir das MG so ansehe muss ich sagen, das ist genau eine Waffe, wie wir sie brauchen. Jetzt müsstet ihr noch mehr mit automatischen Waffen ausgerüstet werden. Dann würden wir den Iwan endgültig vor uns hertreiben.“