Die Kristallwelt der Robina Crux - Alexander Kröger - ebook

Die Kristallwelt der Robina Crux ebook

Alexander Kröger

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Opis

Wie ein gewaltiger Spiegel ragt plötzlich die Fläche eines Riesenkristalls vor Robina auf. Und obwohl die junge Kosmonautin das Höhenruder zurückreißt, erfolgt Sekundenbruchteile später ein schmetternder Aufprall. Das Beiboot ist auf jenem geheimnisvollen Kristallboliden havariert, den die Besatzung der REAKTOM auf der Heimreise zur Erde entdeckt hat. Bestürzt sucht Robina Kontakt zum Raumschiff, um die Bergung zu veranlassen, doch die Funksignale bleiben ohne Antwort. Etwas Unfassbares ist geschehen. Die REAKTOM ist verschwunden, und Kernstrahlung deutet auf eine Katastrophe. Niemand wird Robina retten können; sie ist allein in dieser unwirtlichen Kristallwelt, viele Lichtjahre von der Erde entfernt. Tiefe Verzweiflung ergreift die junge Kosmonautin, der nur ein Hoffnungsschimmer bleibt: Da ist jenes fremde Funkfeuer, dessen kalte Lumineszenz den Boliden in rhythmischem Abstand aus der Schwärze des Alls reißt. Der utopische Roman von 1977 in der überarbeiteten Fassung aus dem Jahre 2004. LESEPROBE: Robina riss sich nur schwer aus der Erinnerung. Aber sie hatte das Gefühl, dass sie hier eine Zäsur anbringen sollte, schon weil sie das, was sie da auf Band gesprochen hatte, nicht mehr übersah. Erst recht war sie sich nicht im Klaren darüber, inwieweit eine solche Geschichte geeignet sein mochte, einem Erdfremden einen Eindruck von dem Geschehen auf dem dritten Planeten des Sonnensystems zu vermitteln. Schließlich rang sie sich zu der Meinung durch: Niemand könne das wissen. Sie würde das Gesprochene eine Weile ruhen lassen, es dann überarbeiten, auf den Raster übertragen und dann in die Wand brennen - basta. Robina machte es sich bequem und hörte sich ab. Ein Pfeifton war da - ,Rückkopplung?’ Hastig schaltete sie ab, drückte die Taste jedoch nicht gehörig durch, sodass der Nerven tötende Ton mit einer kurzen Unterbrechung abermals die Kabine durchheulte. Das gleiche Malheur passierte ihr beim zweiten Schalten. Ärgerlich setzte sie sich auf, da durchfuhr sie ein Gedanke. Sie empfand ihn so ungeheuerlich, dass ihr das Blut zu Kopfe schoss und sie ein leichter Schwindel erfasste. Der Ton brach plötzlich ab, dann setzte nach einer Pause ihre Stimme ein, stockend, mit holprigen Formulierungen. Robina hörte nicht zu. Sie überlegte. Dann sprang sie auf, legte hastig einen neuen Tonträger ein und stellte den Kontakt her zwischen dem Aufnahmegerät und ihrem Funkempfänger.

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Impressum

Alexander Kröger

Die Kristallwelt der Robina Crux

Robina Crux, 1. Teil

ISBN 978-3-95655-646-3 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 1977 im Verlag Neues Leben, Berlin (Band 137 der Reihe „Spannend erzählt“). Dem E-Book liegt die überarbeitete Auflage zugrunde, die 2004 im Verlag KRÖGER-Vertrieb Cottbus erschien.

© 2016 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Prolog

In dem Augenblick, als der Pilot offenbar die Gefahr erkannt hatte und das Landeboot zu einem riskanten Durchstart vor der spiegelnden, schrägen Wand zwang, durchbrach ein greller Blitz das pulsierende Dämmerlicht. Ein ungeheurer horizontaler Schub schmetterte das Heck des Bootes auf die glatte Fläche. Das Flugzeug glitt nach oben, und der Rumpf wurde gegen das Spiegelnde geschleudert. Die Trümmer rutschten ein Stück empor, dann, nach dem toten Punkt, die Schräge immer schneller nach unten, wobei sich der verbeulte Rumpf so drehte, dass er längs der Kante zu liegen kam, dort, wo der Kristall aus der Ebene wuchs. Eine der Stabilisierungsflächen schob sich über das Boot, die zweite prallte vor dem Rumpf auf, überschlug sich und schlitterte einige Meter in die Ebene hinein.

Dann herrschte Ruhe.

Rhythmisch pulsierte die kalte Lumineszenz aus unbestimmter Quelle, überzog die bizarre Welt aus reflektierenden Flächen von Kuben und Oktaedern, Quadern und Rhomboedern mit prachtvollem Farbspiel.

Scheinbar rasch zogen in tiefster Allschwärze funkelnde Sonnen.

Das im Lumineszieren matt schimmernde Wrack lag still, würde Teil werden der toten Materie ringsum, eingerieselt von splittrigem Kristallschutt.

1. Kapitel

Zuerst fühlte Robina das Pochen in den Schläfen, danach den Drang des Blutes zum Kopf. Der übrige Körper erfühlte sich, als ob er schwebe.

Dann gelangten Bilder ins Bewusstsein, wirr und ungeordnet: Boris winkt - die Mundwinkel leicht nach unten gezogen, als blicke er geringschätzig, die Augen, als sähen sie längst anderes - wie in jenen Tagen, als ihn die Gemeinsamkeit ungeduldig werden ließ ...

Da steht Ed, gebeugt, lächelnd unter dem Schmerz des kranken Wirbels. Er streicht über ihren Arm beim Abschied, Ed, den sie lange nicht sehen und nur durch 100 Ohren wird sprechen können.

Und da beugt sich Frank zu ihr, klopft vor dem Ausschleusen auf den Schutzanzug: „Mach’s gut, Robi!“ Die Trennung wird nur kurz sein.

,Mein Kopf - zu tief - der Druck ... Was ist ...?’

Robina durchfuhr es siedendheiß: ,Frank!’

Und dann etwas anderes: Der Bolzplatz. Knapp vor dem Gesicht wischt der Boden aus gewaschenem Sand und glasklaren Plast-Oolithen vorbei. Die langen Haare ziehen eine feine Spur.

Empörte Passanten lösen den Knoten des Strickes, der die Füße des baumelnden Mädchens verbindet und der dazu diente, hängend über das Seil zu hoppeln. Und sie bedauern das ach so zarte, hübsche und jetzt wütend weinende Kind, dem das Blut zu Kopfe gestiegen ist, und sie schimpfen auf die rüden Bengel, die aus sicherer Entfernung grinsend die Szene beobachten.

Dabei hatte Robina gar nicht geweint, weil sie mit dem Kopf nach unten hing, wie die Leute annahmen; sie wäre allemal in der Lage gewesen; bis zur Seilstütze zu hoppeln und sich dort empor zu hangeln. Nein, Ed, der liebe Bruder, hatte, ihre Lage schamlos ausnutzend, ihrer Sportpuppe den Akkumulator entnommen und ihn seinem Maulwurf einverleibt, der beim Wettgraben am langsamsten schaufelte.

Natürlich gab es beim Hoppeln einen Blutandrang zum Kopf hin - wie im Augenblick ...

Langsam, ganz langsam formte sich die Frage: ,Wo bin ich? Was, was ist geschehen?’

Robina öffnete die Augen; sie spürte Schmerzen im Nacken; das Pochen lief durch Hals und Kopf. Was sie sah, war wenig. Sie benötigte Sekunden, um sich zu orientieren. Dann begriff sie: Sie lag vor dem Steuersitz des Beibootes, der beängstigend schräg über ihr hing. Ihr linkes Bein klemmte verdreht zwischen Steuerung und dem Schalenrand des Sessels, der Helm stieß gegen die Pedale. Robina übersah ein Stück der Kabinendecke, des Sessels und die Armaturenverkleidung von unten. Platzangst überfiel sie. ,Aufstehen!’, befahl sie sich, ,sehen!’ Aber auch als sie sich mühevoll aufgerichtet hatte, überblickte sie nur wenig mehr.

Sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es sich bei der grau glänzenden Wand vor der Bugscheibe um einen Teil des Bootes selbst, eine der Stabilisierungsflächen handelte. Rhythmisch zuckten darüber Streulichter der geheimnisvollen Lumineszenz des Boliden.

Robina durchlief abermals ein Angstschauer. Sie wandte sich zum Mikrofon und musste dazu den Kopf in eine unbequeme Lage drehen. Betont forsch sagte sie: „Hallo, Frank?“ Sie konnte nicht verhindern, dass die Stimme zitterte, der Ruf belegt klang.

Und noch etwas irritierte: Sie hörte ihre eigene Stimme nicht über das Außenmikrofon des Anzugs. Wieder ergriff sie eine Angstwelle, als ihr bewusst wurde, dass die Hermetik der Kabine gestört sein musste.

,Die Gefährten holen mich hier weg!’

Sie lauschte auf das beruhigende Summen der Sprechanlage des Anzugs. Hier schien alles in Ordnung zu sein.

„Hallo, Frank!“

Stille. Außer diesem feinen Summen - Stille ...

Robinas Blick glitt unstet über die Armaturen. Die Zeiger standen auf Null. Die Signallampen, unheimlich dunkel, tot in den Fassungen, beschworen abermals Bangigkeit herauf.

„Hallo, Frank, Stef!“

Robina spürte, wie Schweiß ausbrach, wie die Kopfhaut zu prickeln begann.

„Mandy?“

Sie lauschte nicht mehr, ob das leise Summen von einer vertrauten Stimme durchbrochen würde. Sie schrie: „Frank, zum Teufel, so melde dich doch!“

Nichts.

Plötzlich klatschte sich Robina die behandschuhte Linke an den Helm. „Drehst durch, Robi“, sagte sie laut, und sie hielt sich die Uhr vor das Helmfenster. „Sie können dich nicht hören, absoluter Funkschatten - noch siebenunddreißig Minuten, Mist!“

Erleichtert atmete Robina auf. ,So ein Unsinn. Ein wenig havariert, und gleich spielt man verrückt. Es hätte doch schlimmer kommen können. Ich lebe, bin wohlauf, in dreißig Kilometer Entfernung sind die Gefährten, die schön verschnupft sein werden über den Schrotthaufen, den ich fabriziert habe.’

Robina betätigte Schalter, zuckte mit den Mundwinkeln, als sie den implodierten Bildschirm wahrnahm. ,Nichts mehr zu machen mit dem schönen Boot’, dachte sie. ,Zeit, dass wir heim kommen!‘

Aber warum? Wie konnte das überhaupt geschehen?’ Robina versuchte sich zu erinnern. Zunächst ließen sich die Bilder nur schwer ordnen bei dem dumpfen Gefühl im Kopf: Unversehens hatten sich die Konturen des Landezeichens aus der strengen Geometrie der Kristalle gelöst. ,Na, setze ich eben ein wenig später auf; zieht sich doch weit, diese ebene Landefläche. Dort das Massiv. In dem befindet sich die Grotte. Da werde ich eben wenden, hinfahren, ausladen ...’

Da - Robina fühlt, wie ihr die Haare zu Berge steigen. Von vorn, gleichsam aus dem Boden, stürzt ein Beiboot wie das ihre auf sie zu, kommt rasend näher.

Ohne Überlegung reißt sie am Höhenruder. Das Boot reagiert.

„Jawohl, es hat reagiert!“, rief sie laut, aus ihrer Erinnerung auftauchend.

Auch das zweite Boot vor ihr stieg, sie sieht deutlich die Unterseite des Rumpfes und die Stabilisatoren.

,Mein Spiegelbild!’, durchfährt es sie.

Da kam die Lichtwoge, der verdammte Schub ...

Robina fand in die Wirklichkeit zurück.

,Blitz? Hatte es überhaupt einen Blitz gegeben? Oder entstand der nur beim Aufprall - so wie Sterne bei einem Schlag auf den Kopf? Jedenfalls habe ich das Boot an die Fläche eines dieser miesen Riesenkristalle gesetzt. Schweinerei! Das werde ich wohl verantworten müssen.’

Die Aussicht auf ein Disziplinarverfahren wurde von dem Glücksgefühl, die Havarie unbeschadet überstanden zu haben, verdrängt.

,Nur schade um das Boot. Aber es wäre schon dumm gewesen, jetzt, da wir auf dem Heimweg sind, sich noch etwas zuzuziehen oder den Gefährten gar eine Leiche zu bescheren.’

Robina probierte systematisch ihre Gliedmaßen durch und stellte abermals erfreut fest: außer einem leichten Ziehen im Nacken und einem dumpfen Brummen im Kopf fühlte sie keinen Schmerz.

,Ich müsste aussteigen’, dachte sie, ,mir das Ganze von draußen betrachten.’

Sie musterte die Kabine eingehend: Großflächige Beulen, die von außen die Verkleidung deformierten, Geräte aus den Halterungen gerissen. Die Tür zum Laderaum stand halb offen. Robina hangelte hin. Die Sauerstoffflaschen lagen durcheinander, Konservenboxen dazwischen, einige geplatzt, ihr Inhalt klebte an Kanistern und Dosen.

Dann blickte Robina ungeduldig zur Uhr. Es fehlten noch zehn Minuten. Erfahrungsgemäß kam aber, wenn auch qualitätsgemindert, in einer solchen Konstellation die Funkverbindung bereits zustande, wenn es keine Überlagerungen durch das fremde Funkfeuer gab.

Robina nahm eine bequemere Haltung ein und war fest entschlossen, nun zu senden, bis die Verbindung stand. Stereotyp rief sie im Abstand von je einer halben Minute. Sie lauschte in der Gewissheit, dass sie trotz des eigenartigen Knatterns eine Antwort nicht überhören würde.

Jedoch wuchsen nach Minuten vergeblichen Rufens Erregung und Konzentration. Sie spürte unwillkürlich Unruhe aufsteigen. Die augenblickliche Konstellation zwischen dem Boliden und dem Raumschiff verhinderte wohl die Verbindung, vielleicht schirmte auch die über das Wrack geschobene, abgebrochene Stabilisierungsfläche zu sehr ab, oder aber der Rumpf lag so ungünstig, dass zusätzlicher Funkschatten entstand, oder der Kristall selbst ...

Robina zwang sich zur Ruhe. „Hallo, Frank!“, rief sie gleichförmig.

Dann drängten sich ihr die Namen der anderen Gefährten in den Sinn: Sie rufen! Frank hatte mit ihr Verbindung zu halten. Aber jeder andere, der sie hörte, würde sich ebenfalls melden.

Aufreizend langsam tropften die Ziffern der Uhr. Dann kam die Zeit, zu der Funkmaximum herrschen musste. Robinas Stimme begann zu zittern. Unter großer Beherrschung ließ sie noch einige Minuten verstreichen, danach rief sie, rief ...

Dann dachte sie abermals: ,Ich muss hier raus, es ist doch klar, dass hier etwas nicht stimmt, etwas nicht funktioniert. Sie können mich nicht hören! Sicher rufen auch sie bereits.’ Noch bevor sie erwogen hatte, ob sie die Funkkonstellation noch bis zu deren Ende abwarten oder sofort aussteigen sollte, zwängte sie sich zur Schleuse. Ihre Bewegungen wurden hastiger, dazwischen rief sie, nun lauter, weil sie sich von der Bordsprechanlage entfernte, ungeachtet dessen, dass in der Kabine der Schall nicht mehr übertragen wurde.

Sie kam trotz der Schräglage ohne Schwierigkeiten in die Schleuse, und dort stellte sie fest, dass die Außenluke klaffte. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Ruf in den letzten Minuten die Gefährten gar nicht hatte erreichen können: Mit neuer Hoffnung schaltete sie die Funkanlage des Raumanzugs ein und rief mehrmals hintereinander. Aber auch jetzt als Antwort nur das leise Summen und das eigenartige Knattern, die im Geräusch ihres Atems fast untergingen.

Dann bildete sie sich ein, steigerte es in sich zur Gewissheit, dass sich draußen schlagartig Funkverbindung einstellen werde, und sie strengte sich an, die verklemmte Luke vollends zu öffnen. Mit Mühe drückte sie den Spalt so weit auf, dass sie sich hindurchzwängen konnte. Dann stand sie neben dem Beibootrumpf.

Robina erschauerte leicht, als sie das vordem elegante Boot von außen betrachtete. Beulen, herausragende Verstrebungen, Risse und hässliche gezackte Ränder dort, wo die Flächen herausgerissen worden waren.

Robina achtete darauf, dass sie an den vorstehenden Knickkanten und Blechfransen nicht hängen blieb. Sie wurde getrieben von Hoffnung und Unruhe, beschwichtigte sich ständig, dass überhaupt kein Grund zur Sorge bestehe, selbst wenn die Funkanlage tatsächlich nicht in Ordnung sein sollte. Spätestens in einer Stunde würden die Gefährten sie holen! Sie wussten, wo etwa sie sich befand, das zweite Boot musste startklar sein, also! Trotzdem verhielt sie unschlüssig, als sie unter der Stabilisierungsfläche hervortrat; sie zögerte den erneuten Kontaktversuch hinaus. Nervös nestelte sie an der kurzen Helmantenne und vergewisserte sich, dass die Leuchtdiode, die die Funktionstüchtigkeit des Geräts anzeigte, ihren dünnen rötlichen Schein im Helm verbreitete. Sie schaltete ein-, zweimal, um, wie sie meinte, Kontaktstörungen von vornherein auszuschließen, und erst nach einem Räuspern, rief sie abermals: „ Hallo, Frank!“

Nichts - außer dem Rauschen mit dem stärker gewordenen Knattern, beruhigend und beunruhigend zugleich - das Gerät funktionierte; befremdend nur: Ein derartiges Geräusch trat vordem nicht auf.

Um sich endgültig Gewissheit zu verschaffen, verstimmte Robina die Frequenz. Da drangen sie in ihren Helm, die pulsierenden Signale des fremden Funkfeuers, der gezogene, anschwellende Ton, der an den einer Gitarrensaite erinnerte, auf der man mit einem Metallstück entlangfährt.

Robina wusste, dass nach drei Minuten und 27 Sekunden der gleiche rätselhafte Ton aufklingen würde. Das wiederholte sich ständig, seit sie in diesen fremden rotierenden Funkrichtstrahl geraten waren, vor - Robina überschlug - 31 Tagen. Und alle Anzeigen sprachen dafür, dass dieses Signal bereits seit Hunderten von Jahren stark gebündelt in den Raum drang, Nur in unmittelbarer Nähe des Boliden und auf seiner Oberfläche gab es vagabundierende Wellen. Man konnte die Signale so gut wie überall empfangen.

Robina sah zur Uhr. Das Funkoptimum wurde jeden Augenblick überschritten. Schon standen bizarre Spitzen und glitzernde Flächen zwischen ihr und dem Standort des Schiffes, das, solange sich jemand außenbords befand, die „große Laterne“ aufgesteckt haben musste.

Dann beschloss Robina, das Rufen zunächst einzustellen und sich einen günstigeren, erhöhten Standort zu suchen. Im nächsten Optimum und mit Direktsicht zum Schiff würde der Kontakt zustande kommen!

Ihr fiel der kleine Vorrat an Signalraketen ein, und sie lächelte darüber. ,Die lasse ich für den Notfall - wie vorgesehen’, sagte sie sich. ,Das hier’ - sie blickte auf den Haufen zerknitterten Schrotts vor ihr – ‚ist laut Reglement noch kein Notfall im eigentlichen Sinne ...’

Robina schritt das Wrack ab. Noch einmal kam ihr das Disziplinarverfahren in den Sinn, das sie unzweifelhaft erwartete - auf der Erde, nach drei Jahren und sieben Tagen. ,Und - wie groß ist eigentlich mein Verschulden? Gut, als ich den Anflug verpasst hatte, hätte ich vielleicht zu einer erneuten Umrundung ansetzen und den Landeversuch wiederholen sollen. Aber die Ebene schien so über alle Maßen ausgedehnt ...

‚Auf jeden Fall werde ich mich nicht so stauchen lassen wie Vater!’ Robina schüttelte den Kopf. ,Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Und heute noch krankt er daran, wird es wohl nie überwinden. Er wäre anders geworden - nein, geblieben, wenn ihm das nicht widerfahren wäre, bestimmt!’

Robina erinnerte sich, wie sie eines Tages heimlich in seinen Unterlagen gestöbert und das Band der Verhandlung abgehört hatte. Grantig hatte er reagiert, als er es merkte. Einige Tage später hatte er dann - noch voller Bitternis - von selbst davon angefangen, hatte knapp, gleichsam mit erhobenem Zeigefinger, so als wolle er sie vor Ähnlichem bewahren, erzählt ... ,Nun, Vater war einem Anachronismus zum Opfer gefallen und hatte sich nicht oder nicht genügend gewehrt. Ein Bagatellfall: Ein verknöcherter Vorsitzender handelte den Fall formal ab, ohne Rücksicht auf die Persönlichkeit, die Mentalität oder gar die Verdienste dessen, der vor ihm steht. ,Und warum? Des Streites wegen zwischen zwei kleinen afrikanischen Staaten - Airob und Tasa, ja -, die einige Jahre später in der Union aufgingen’, erinnerte sich Robina, ,Um eine Sendung aus ehemaligen Armeebeständen, irgendwelche Arbeitsmaschinen jedenfalls - mit und ohne Räumschilde oder so etwas. Beim Entladen im Hafen: temperamentvolle Auseinandersetzungen - im Grunde harmlos, wie Vater schilderte. Aber er sei für die Sendung verantwortlich gewesen, und die Beschwerde beim Ausschuss der Vereinten Nationen habe eben zu dem Disziplinarverfahren und dem Strengen Verweis führen müssen. Dagegen gab es nichts einzuwenden, nur dass sie ihm die ganze Schuld geben würden, damit hatte er nicht gerechnet. Und sein verletzter Gerechtigkeitssinn ließ ihn letztendlich resignieren. Die Freude an seiner Tätigkeit in der Arbeitsgruppe „Standardausgleich“ hatte man ihm gründlich verdorben. Er gab sie spontan auf, wurde Automatist und - Angler - und fühlte sich so angeblich wohler.’

Robina seufzte und zuckte dann lächelnd mit den Schultern. ,Des Landebootes wegen wird sich wohl keiner bei einem Ausschuss beschweren, und, so ehrenrührig ist der Unfall auch nicht. Aber’ - Robina fühlte das zum ersten Mal - ,wenngleich Vater ganz gewiss den falschen Schluss gezogen hatte, vielleicht auch übersensibel reagierte, das Versagen lag wohl doch mehr beim Schiedsrat. Wenn die Gesellschaft jemanden, der bereit ist, alles zu geben, mit Freude zu geben, brüskiert, ihn verletzt, dann ist das heutzutage irreparabel. Man kann nicht Persönlichkeiten entwickeln, Schöpfertum beflügeln wollen und dann gleichsam mit geschlossenen Augen dessen Flügel beschneiden. Vor allem dann nicht, wenn die - in diesem Falle sogar nur vermeintliche - Minderleistung in keinem Verhältnis steht zum bis dahin Erbrachten.

Hätte sich Vater danach nur gerührt …‘

Robina strich über die glatte Fläche des Kristalls, der vor ihr in unnachahmlichem Ebenmaß aufragte. Sie sah sich wie in einem Spiegel. Einen Augenblick lang überkam sie das Gefühl, sie müsse sich drehen, recken, sich im Raumanzug von allen Seiten betrachten. ,Der Spiegel hat mich gefoppt’, dachte sie dann, und leise pochte wieder Bangigkeit - ,ich habe das Boot emporgerissen, im letzten Augenblick, aber doch rechtzeitig!

Der Blitz und der Schub ...

Albern! Ich kann froh sein, dass ich keinen Schock davongetragen habe. Keiner kann übelnehmen, dass mir das Erinnern an diesen Augenblick schwer fällt. Ich habe eben doch zu spät reagiert, eine hundertstel Sekunde vielleicht. Aber den Boden des Bootes habe ich doch gesehen, das muss bedeuten, dass ich mindestens parallel zur Spiegelfläche geflogen bin.

Vorhalten kann man mir, dass es nicht mein erster Flug zum Boliden gewesen ist. Aber welcher Mensch ist schon in der Lage, einen Vorgang absolut gleich zu wiederholen? Und das bei einer Landung, bei der sich der Flugplatz so rasch wie hier unter einem wegdreht - und bei dem flirrenden Licht. Außerdem, das hatten wir alle festgestellt, hebt sich das Landezeichen viel zu wenig von der strengen Kristallgeometrie ab.

Ich werde es überstehen!’ Sie beendete das Nachdenken über die Folgen ihres Missgeschicks.

,Nachher, wenn sie kommen, werden wir das noch Brauchbare in die Grotte schaffen. Weitere Transporte wird es nicht geben, um nichts mehr zu riskieren. Das zweite Beiboot darf nicht gefährdet werden.’

Robina nickte ihrem Spiegelbild zu. Flüchtig kam ihr jener warme Frühlingsnachmittag in den Sinn, im zweiten Jahr am Institut auf Fehmarn, und sie lächelte. Diesem Frühling war ein rauer Winter mit Nässe und Nebel vorangegangen. Kein Mensch hatte je daran gedacht, die Insel der 200 Leute wegen mit einer aufwendigen Wetterregelung auszustatten. Oft wurde scherzhaft gelästert, bei den Damen und Herren Computern sei das selbstverständlich anders - die hatten ihre Klimaanlage. Jedenfalls wurde dieser Frühling herbeigesehnt, schon weil die Freizeit abwechslungsreicher werden würde. Es bleibt noch immer ein Erlebnis, die erwachende Natur zu genießen und - zu bewundern. Nicht lange, und man konnte sich wieder ohne den Temptexanzug in die Wellen stürzen. Irgendwie hatte Robina das Gefühl, dass sie dieses Mal die warme Jahreszeit besonders herbeigesehnt hatte. Es war da so eine Unrast in ihr, ein Sehnen, so verborgen und schwankend, dass sie sich scheute, mit den Freundinnen darüber zu sprechen. Außerdem blieb zu vertraulichem Plausch kaum Gelegenheit. Das Ausbildungsregime sah Einzelzimmer, autogenes Training, Disziplin - versteht sich - und bewusste, aktive Erholung vor. Dazwischen lagen theoretischer Unterricht, Übungen an den Feldfängern und meist bleierner Schlaf. Spartakianisch - nein, spartanisch. Robina lächelte eingedenk ihrer schwachen Geschichtskenntnisse. Diejenigen, die mit ihr in der Ausbildung standen, insbesondere aber die männlichen Lernfreunde, hatten sie an diesem Frühlingsnachmittag ab und an von der Seite gemustert, sodass sie beinahe verlegen geworden wäre. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor Objekt so stillen Interesses gewesen zu sein. Im Gegenteil, oft hatte sie den Eindruck, dass viele ihrer Freundinnen mehr als sie ästimiert wurden. Sie wurde aufgefordert, mit den Jungs Fußball zu spielen, die Freundinnen hingegen zur Teilnahme an Live-Illusionen.

Schließlich hatte Robina diese ungewöhnliche Aufmerksamkeit auf den neuen Anzug geschoben, den sie zum ersten Mal trug, einen aus dem damals neumodischen luftigen Stoff - wie hieß er? Irlon oder so ähnlich -, der auf den Körper aufgespritzt wurde und den man wie eine zweite Haut trug und auch wie eine solche abstreifte.

Und dann hatte der lange Stan, bekannt wegen seines meist gutmüdgen Spotts, mit einer seiner schnoddrigen Bemerkungen die Ursache dieser Blicke aufgedeckt: „Seht, seht, unserer kleinen Robi ist ordentlich der Frühlingswind unter die Bluse gefahren“, worauf Robina rot wurde und Stan mit einem kräftigen „Spinner“ bedachte. Aber zu Hause dann hatte sie sich minutenlang mit und ohne Anzug vor dem Spiegel gedreht, sich gestreckt und sich auf einmal gar nicht mehr so spillrig gefunden.

Von diesem Tag an war ihr Selbstbewusstsein gestiegen, und die Aufforderungen zu Fußballspielen wurden seltener. Stan war der Erste, der sie zu einer Live-Illusion einlud.

Was jetzt Robina allerdings in der spiegelnden Kristallfläche gegenüberstand, klobig im Druckanzug, das Gesicht mehr zu ahnen als zu sehen hinter der Scheibe: Alles andere als eine begehrenswerte junge Frau. Sie schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse und wandte sich ab.

Im Schein einer besonders hellen Lumineszenzpulsation entdeckte Robina in einiger Entfernung eine Kaskade Tochterkristalle, die sich, kubisch gewachsen, wie eine Treppe schräg an der Wand hochzogen.

Robina ging vorsichtig, spürte, wie Kristallsplitter unter ihren Füßen knirschten, zeitlupenhaft emporschwebten. Sie bemühte sich, ihnen nicht zu große Impulse zu verleihen, dämpfte ihre Muskelanspannungen auf ein Minimum, damit die Schritte nicht gar so weit und hoch wurden und sie Gleichgewicht und Orientierung behielt.

Robina sprang die über drei Meter hohen Kristalle empor, erreichte binnen Kurzem eine Höhe von vielleicht 15 Metern, gab dann auf, weil die Simse so schmal wurden, dass sie ihr kaum noch Halt boten.

Vor Robina tat sich die spiegelnde Ebene auf, gesäumt von bizarr hochragenden, klaren Kristallen. Klobige Kuben wechselten sich mit messerscharfen, hochgeschossenen Lanzen ab. Trauben von kleinen Würfeln wucherten, überragt von ebenmäßigen Einzelkristallen. Gruppen wuchsen ineinander, verschmolzen scheinbar. Da und dort lagen verstreut Brocken geborstener Pracht.

So weit das Auge reichte: Das eigenartige, unheimlich wirre und sicher schwer zugängliche Kristallmassiv, nur, hier, im Vordergrund, die Ebene wie ein erstarrter glatter See. Erkundungsflüge hatten auf dieser Seite des Boliden nichts anderes ergeben.

Einige Augenblicke lang genoss Robina das Farbenfeuer, in dem diese eigentümliche Welt erstrahlte: Das ursprünglich weiße Licht leuchtete, gefärbt durch die Mineralsubstanzen und dispergiert durch die Prismenwirkung vieler farbloser Körper, in allen Farben des Spektrums.

Robina gedachte der heftigen Diskussionen, die die Entdeckung dieses merkwürdigen, in seiner Pracht beängstigenden Weltraumvagabunden ausgelöst hatte. Müßige Diskussionen, wie sich alsbald herausstellte. Niemand fand eine Erklärung.

Robinas Blick glitt nach links. In der Ferne, nur schwer gegen die Schwärze des Kosmos auszumachen, das Hochplateau, der stufenpyramidenähnliche Kristallberg mit diesem Funkfeuer, das dieser toten Welt Leben verlieh.

Plötzlich erinnerte sich Robina ihrer Lage, und sie empfand das Beruhigende dieser merkwürdige Signalanlage: Ein Zeichen zwar zunächst unbegreiflichen, aber ohne Zweifel vernünftigen Wirkens, ein erster passiver Kontakt der Menschen zu unbekannten Brüdern im All, die Gewissheit, dass es sie gab.

Robina lächelte. Dieses Zufallsergebnis der Expedition, das jetzt das Hauptergebnis sein würde, vermochte sicher den Lapsus mit dem Beiboot zu mildern!

Noch einmal versank sie in den Anblick des erhabenen Farbenspiels, dann, gleichsam erwachend, sah sie zur Uhr. In vier Minuten musste rechts von ihrem Standort, fast mitten über der Ebene zwischen den Spitzen zweier Obelisken, die REAKTOM „aufgehen“.

Nach zwei Umläufen des Boliden würden die Gefährten längst das Bedürfnis nach der vereinbarten Funkverbindung haben.

„Hallo, Frank!“, rief Robina leise. ,Ob die Anlage doch nicht funktioniert?’ Abermals überzeugte sie sich von dem schwachen Summen mit den eingelagerten Störungen und dem matten Schimmer der Kontrollleuchte. Sie bedauerte, die Signalraketen nicht mitgenommen zu haben.

Immer öfter glitt ihr Blick zum Obelisken. ,Möglicherweise’, sagte sie sich, ,kommt das Schiff, von hier aus gesehen, später. Hier ist noch keiner von uns gewesen ...’ Robina wusste, wie unlogisch sie dachte. Wahrscheinlich würde es hier eher aufgehen.

Ungeduldig sah Robina zur Uhr. Der superhelle Stern kam nicht! ,Sie werden die Lampe gelöscht haben, aus irgendeinem Grund, was freilich gegen das Reglement verstieße.’

Robina rief abermals, wieder und wieder. Sie spürte, wie ihr Schweiß ausbrach. Längst musste die REAKTOM über dem Boliden stehen, beinahe im Zenit. Und sie musste selbst bei einem Defekt der Lampe jetzt zu sehen sein, als heller Reflex im Widerschein des Boliden, der sich nun, einer flachen Schale gleich, zum Raumschiff hin öffnete.

Aber so sehr sich Robina auch mühte, dort stand nichts, dort hörte niemand. Nur das Knattern im Rauschen schien heftiger geworden zu sein.

Dann geriet Robina in Panik. Sie schrie nach den Gefährten, flehte, sie mögen sie hören.

Nach einigen Minuten hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie lehnte sich an den glatten Stein und zwang sich zur Ruhe. ,Täusche ich mich’, fragte sie sich dann, ,oder hat das Raumschiff tatsächlich den Standort verlassen? Warum sollte es aber? Also Täuschung!’

Robina suchte erneut das Firmament ab, nun weiter links, dort musste die REAKTOM jetzt stehen - oder, Robina durchfuhr ein Schreck, vielleicht steht sie hinter mir, hinter der Wand! Aber sollte ich so die Orientierung verloren haben? Es würde erklären, dass ich weder Sicht- noch Funkverbindung hatte.’

Hastig übersah sie den Teil der Wand über sich. Weit schob sie den Gedanken von sich, dass ein Orientierungsfehler auszuschließen sei.

Die Kaskade der abgestuften Kuben setzte sich mit den immer schmaleren Simsen fort, ging bis ganz oben hin, so weit Robina das überschauen konnte.

Sie warf rasch einen Blick auf die Uhr. Noch zehn Minuten könnte die REAKTOM im Sichtbereich sein. Und dann sprang Robina schon - zu hoch für die nächste Stufe. Sie landete an der übernächsten glatten Fläche, rutschte bis auf den Sims zurück, sprang erneut, weniger hastig, wünschte inständig, dass die Vorsprünge nicht gänzlich verschwänden, und befand sich nach vier Minuten auf dem Gipfelplateau des Kristalls.

Jetzt hatte Robina einen Ausblick über die gesamte „Vorderseite“ des Boliden - wie sie während der Erkundung diesen Teil des Himmelskörpers genannt hatten. Nur wenige der Riesenkristalle ragten noch über den Standort hinaus - deutlich zu erkennen die Wölbung. ,Wie eine elliptische flache Schale voller Diamanten’, dachte sie, und sie fühlte einen Augenblick lang Freude, dass sie sich auf dieser und nicht auf der dunklen, schwarzgrauen Hälfte des Boliden befand.

Links hob sich die Stufenpyramide in vielleicht vier Kilometer Entfernung ab, und im Flirren der farbigen Lichter glaubte Robina Reflexe der Kuppel zu erkennen.

Dann begann sie systematisch Sektor für Sektor des Firmaments abzusuchen, und stereotyp rief sie ihr „Hallo, Frank!“ Sie bemühte sich, Tonfall und Abstand zwischen den Rufen beizubehalten, obwohl sie fühlte, dass sich zittrige Angst und damit Hast nur noch mit Mühe unterdrücken ließen.

Dann war die Zeit erneut abgelaufen.

,Was jetzt?’ Sie hatte sich auf die Kante zum Abgrund gesetzt, ließ die Beine baumeln und sah auf die Ebene hinunter.

Dieser einzige großflächige Teil der Bolidenoberfläche, eben wie ein Spiegel, strahlte im weißen Licht, das wie von einer tief in mächtigen Glasschichten eingeschmolzenen Glühlampe ausging. Anscheinend zogen sich im Inneren Schlieren um ein Zentrum, die das Licht streuten. Dreißig Meter unter Robina lag das Wrack des Beibootes.

,Den nächsten Durchgang werde ich hier abwarten’, nahm sich Robina vor. Sie fühlte jenes Ziehen nackter Angst in der Magengegend. Dagegen versuchte sie Argumente der Vernunft einzusetzen, die sie jedoch, kaum gedacht, in Zweifel zog. Was sollte auch die Gefährten veranlasst haben, ohne sie zu benachrichtigen, den Standort zu verlassen? Das verletzte, wenn sich jemand der Besatzung außerhalb des Schiffes befand, einen Grundsatz der Raumfahrt - es sei denn, für die drei im Schiff befindlichen Menschen und für die REAKTOM selbst habe höchste Gefahr bestanden.

Nur das allein hätte ein Verlassen des Standortes gerechtfertigt.

Als Robina an Gefahr dachte, erinnerte sie sich des Aufblitzens vor dem Anprall, des Schubs, und dann fielen ihr die Feldanomalien ein, die es in unmittelbarer Nähe des Boliden in ungekannten Ausmaßen gegeben hatte: Der entsetzlichste Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, seit sie verunglückte. ,Wenn nun Frank die Anomalien nicht glätten konnte, wenn sie außer Kontrolle geraten waren?’ Robina stand auf. Sie wollte nicht zu Ende denken.

Sie schritt die Plattform des Kristalls ab - abgesehen von einigen halbmetergroßen Auswüchsen eine ebene Fläche, die nach rechts hinten abfiel. Dort lehnte sich der Koloss an ein Bündel kristallener Nadeln, die das Plateau um zehn bis 12 Meter überragten. Dahinter begann ein Dschungel wirr durcheinander stehender Obelisken, Nadeln, Würfel. Auch amorphe, blasige Wucherungen quollen dort, und soweit das im Dämmer überhaupt deutlich wurde, schienen auch metallische Kristalle eingestreut zu sein. Es leuchtete golden wie von Pyrit und schwarzsilbrig, als sei es Bleiglanz. Dazwischen drohten dunkle Schründe und Schluchten.

Erneut zwang sich Robina zur Ruhe, setzte sich und saugte Pik, mehr der Ordnung halber und um Zeit zu gewinnen als gegen Hunger.

Das Denken ließ sich nicht abschalten. ,Wie schnell das geht! Hätte mir gestern, nein, noch vor Stunden jemand gesagt, dass bei einer solchen läppischen Unregelmäßigkeit gleich nackte Angst nach einem greift, ich hätte ihn wahrscheinlich ausgelacht!’ Robina dachte an die Reisevorbereitungen, an die Aufzählung möglicher Gefahren. ‚Da wird nun geübt, werden Fallbeispiele trainiert ... Wie so ganz anders ist der Ernstfall.

Was hatte Willfart gesagt? - Nein, das war nicht Willfart, das war Donas, der Saturnfahrer aus Florida. „Da draußen“, hatte er gemeint, und Robina sah wieder die unnachahmliche Geste: Mit der Linken zog er über dem Kopf einen Halbkreis; er tat das immer, wenn er „da draußen“ sagte und den Kosmos meinte. „Da draußen muss man stets auf das Ende gefasst sein, nicht auf das Schlimmste - nein! Denn wenn du zu denen gehörst, die nach draußen dürfen, dann bist du wer, hast Marken hinterlassen, die dein Wirken erhalten, es fortsetzen. Es ist ein Ende und irgendwo ein neuer Anfang. Freilich - für dich - schlimm! Und, wie es einem da ergehen kann ...“ An solchen Stellen winkte Donas meist bescheiden ab. Dabei hatte Robina von ihm mehr als einmal einige unglaublich erscheinende Begebenheiten gehört, bei denen er bereits mit dem Leben abgeschlossen, aber nie aufgegeben hatte. Sie hatte angenommen, diese Geschichten wären dem Kosmoslatein entsprossen, bis ihr Stef bestätigte, dass Donas diese Erlebnisse eher harmloser dargestellt hatte, als sie sich tatsächlich zugetragen hatten. „Ich habe Kameraden gesehen, die sich verhielten, als hätten sie nie ein Training genossen, nie etwas von Raumfahrt gehört, das hättest du nicht für möglich gehalten, nachdem du monatelang mit ihnen zusammen gelebt, zusammen gearbeitet hast. Das Leben ist schon ein wunderliches Ding, jeder hängt daran - wie, na, wie an einem Seil. Der eine zittert schon, wenn das Seil schwingt, der andere versucht es bis zur Dehnungsgrenze und vertraut darauf, dass es hält. Es soll sogar welche geben, die da meinen, es risse sowieso, da schneide ich es lieber gleich über mir ab, na ja ...“ Donas pflegte oftmals solche Gedanken unvollendet mit „na ja“ abzubrechen.’

Robina zwang sich, ein wenig verstört, in die Wirklichkeit zurück. ,Also - was könnte passiert sein?’ Und wieder ging sie Möglichkeiten durch, und begann dann zu rechnen: ,Wenn sie mit höchster Startgeschwindigkeit aufbrechen mussten, wären sie jetzt’, Robina blickte zur Uhr, ,etwa dreihundertfünfzigtausend Kilometer entfernt. Aber das ist kein Grund, nicht zu funken! Also müsste gleichzeitig noch ein Defekt in der Funkanlage aufgetreten sein, in der, die sich im ständigen Einsatz befindet, und in der Reserveanlage. Oder irgendein Umstand zwingt zur Funkstille.’ Durch Robina glitt Hoffnung. ,Wann könnte so etwas eintreten? Bei Annäherung unbekannter Objekte, wie das Reglement so schön sagt ... Wir befinden uns unmittelbar neben einem Funkfeuer. Wenn nun dessen Erbauer auf dem Weg hierher sind, was läge da näher, als auf Sicherheitsabstand zu gehen und natürlich den Funkverkehr einzustellen, zunächst. Aber auch dann hätten sie mir, selbst in einem solchen aufregenden Fall, noch ein gerichtetes Signal geben können - müssen! Und wenn sie das getan haben, zu dem Zeitpunkt, als ich da unten ohne Besinnung lag? Auf jeden Fall werden sie mich holen!’ Robina nestelte hastig an der Gerätetasche. Sie spulte fieberhaft den Rekorder zurück, ließ das Band anlaufen. „Hallo, Frank!“ hörte sie ihre Stimme.

Sie spulte weiter zurück. Halt! Der letzte - der letzte? - Funkspruch mit der REAKTOM. „... ich lande!“, hörte sie sich sagen. Und dann Franks Stimme:

„Mach’s gut, Robi, melde dich, wenn du unten bist! Ich bleibe dran.“ Und dann kam wieder ihre Stimme, belegt nach einem Räuspern: „Hallo, Frank!“ Kein Laut zwischendurch.

,Also, was war?’ Sie konzentrierte sich: ,Da tauchte plötzlich das Spiegelbild auf, ich zog nach oben weg, es wäre beinahe ein Looping geworden. Na klar! Was ich in der spiegelnden Fläche gesehen habe, war die Öffnung des Haupttriebwerkes! Und die konnte ich naturgemäß erst sehen, als sich das Boot von der Fläche abgewendet hatte, also nach der Gefahr eines Aufpralls!’ Sogleich probierte Robina den Effekt mit einer Safttube über dem Spiegelnden. ,Ja, so und nicht anders, kein Zweifel! Also muss das mit dem Schub stimmen. Ich war schon weg von der Wand! Dann ist vielleicht auch der Blitz keine Einbildung ... Es wird sich klären!’

Robina packte die Reste des Proviants ein, vergewisserte sich, dass sie die Anzugschleuse wieder dicht verschlossen hatte, und sah abermals zur Uhr. Es musste bald wieder so weit sein!

,Ich gehe lieber noch höher!’ Mit einigen Sprüngen überquerte sie das Plateau - hin zu dem Säulenbündel.

Die achteckigen Gebilde hatten einen Durchmesser von vielleicht 30 Zentimetern und waren unterschiedlich hoch, sodass Robina wie auf einer Wendeltreppe die Spitze erreichte. Mechanisch, beinahe murmelnd, weil voller Furcht und entnervt, sagte sie: „Hallo, REAKTOM, hallo, Frank!“

Der Kosmos schwieg. Kalt - Robina empfand: feindlich - glitzerten die Sonnen aus der Schwärze, wanderten, verschwanden hinter den schimmernden Säulen und Klötzen.

Die Zeit, in der das Raumschiff passieren musste, war noch nicht verstrichen, als sich Robina in einer dumpfen Verzweiflung die Stufen des Steinbündels hinabgleiten ließ. Sie erreichte die Ebene, schleppte sich zum Wrack. Sie fühlte sich leer, wie ausgebrannt. Sie empfand in diesem Augenblick nicht Angst, eher eine niederschmetternde Ausweglosigkeit, sah sich außerstande, in Zusammenhängen zu denken. Sie lehnte den Kopf gegen die Rumpfverkleidung des zerstörten Bootes, wälzte darauf den Helm hin und her, sinnlos, minutenlang. Langsam, zunächst nicht ganz fassbar, kroch in sie die Gewissheit: ,Ich bin allein!’

Allein ...

Sie spürte noch, wie eine Woge der Verzweiflung über sie hereinbrach, und dann heulte sie los, irrsinnig, laut, schrie und tobte. Sie hieb mit den Fäusten, dem Kopf auf das Blech, warf sich in den Staub, krallte in das splittrige Geröll.

Als die Kräfte sie verließen, rutschte sie vor dem Rumpf in sich zusammen, saß apathisch angelehnt, den leeren Blick in die Ebene gerichtet. Dann glitt sie zur Seite, lag mit dem Oberkörper im Winkel, den der Rumpf mit der Umgebung bildete ... -

Viel später richtete sich Robina auf. Sie saß eine Weile erschöpft, ohne einen Begriff vom Geschehenen, dann erhob sie sich, ein Druck lastete auf ihrem Kopf, sie taumelte, sah dann zur Uhr, nahm die Zeitanzeige zunächst nicht auf. Und als ihr langsam klar wurde, dass vier Durchgänge vorüber waren seit ihrem Zusammenbruch, empfand sie weiter nichts als Gleichgültigkeit. Sie rief fragend, heiser: „Frank?“ Aber kein Hoffnungsfunke glomm mehr in ihr.

Robina stand minutenlang unschlüssig, dann tappte sie einige Schritte in die Ebene hinaus, stand wieder, kehrte um, stolperte wie unter dem Einfluss eines fremden Willens zur Schleusenluke, zerrte diese weit auf, öffnete auch die Schotte zu den Laderäumen, und dann begann sie die Vorräte auszuladen. Sie warf die Behälter aus dem Boot, in ihrem Kopf formte sich ein Text, und sie zwang sich in den Rhythmus der Silben. Bei jedem Wurf murmelte sie: „Da-mit-ich-fer-tig-bin-wenn-sie-mich-ho-len-da-mit-ich-fer-tig-bin-wenn-sie- mich-ho-len-da-...“

Länger als eine Stunde arbeitete sie so, immer im Silbenrhythmus, bis zum letzten Behälter. Dann begann sie mit kindischer Akribie die Dosen und Flaschen vor dem Wrack zu stapeln, keine durfte auch nur einen Millimeter vom Ebenmaß abweichen.

Dumpfer Kopfschmerz rief Robina allmählich in die Wirklichkeit zurück. Sie begriff auf einmal nicht, wie sie in ihrer Lage das Boot ausgeladen und die große Zahl der Behälter gestapelt hatte. Und dann schob sich wieder das Schreckliche in ihr Bewusstsein. Sie dachte langsam, spürte mehr, als dass sie es folgern konnte, es könne - ja, müsse - doch noch Hoffnung bestehen! Dieses Müssen wurde ein Strohhalm, vermittelte jedoch keine Kraft, keinen neuen Glauben, so als reichten ihre Gedanken nicht über ihre unmittelbare Umgebung hinaus; sie konnte und wollte sich das Schreckliche nicht vorstellen.

Dann sagte sie sich, ,sie sollen mich nicht so erschöpft, so mutlos finden, wenn sie kommen. Ich werde ruhen, ein wenig …‘ Sie kroch in das Wrack, löste einen der Liegesitze, stellte ihn so, dass die Schräge der Kabine ausgeglichen wurde, und legte sich hin. Einige Male wollte würgende Furcht sie greifen, aber selbst dieses Gefühl blieb gleichsam in Apathie stecken. Mit einer Art fatalistischem Gleichmut döste Robina ein. -

2. Kapitel

Als Robina erwachte, brauchte sie Sekunden, die Situation zu erfassen. Sie fühlte sich frischer, ausgeruht. Sie blickte zur Uhr: Sechs Stunden hatte sie geschlafen.

‚Jetzt waschen, baden! Umziehen!’

Robina stand auf, trat zur Luke und stieß sie auf. Obwohl sich draußen nichts, absolut nichts geändert hatte, seit sie sich in das Wrack zurückgezogen hatte, durchfuhr sie ein eisiger Schreck. Tief im Unterbewusstsein war ihr nach Sonne, blauem Himmel und Fotografierwölkchen, nach frischer Luft und Vogelgezwitscher zumute gewesen. Schlagartig wurde sich Robina ihrer Misere bewusst. ,Was gäbe ich darum’, dachte sie, ,wenn ich noch einmal jene Tage an diesem Bergsee irgendwo in der Hohen Tatra erleben könnte! Schlaftrunken mit Boris aus der Hütte laufen, taufrisches Gras, Zaudern und dann der Sprung ins kalte, klare Wasser ... Doch, Robi - das war Glück!’

Ihr Blick ging nach oben; noch einmal meinte sie, alles sei ein Traum. Es müssten jetzt, da sie erwachte, die grünen Wipfel über ihr rascheln ...

Ein schwarzer Himmel drohte herab, kalt und bösartig blitzten Sterne, und die funkelnden Kristalle kamen ihr mehr denn je tödlich eisig vor.

Niedergeschlagen kontrollierte Robina den Speicher der Funkanlage. Außer ihrem letzten, zaghaft-fragenden „Frank?“ - nichts, doch - und sie wurde nun sehr aufmerksam - jenes Knattern im Rauschen. ,Warum habe ich das gestern so wenig beachtet? Gestern ...’

Sie schaltete auf Empfang und höchste Intensität.

Da war es, schmerzhaft laut, auf- und abschwellend, unregelmäßig wie - wie Regenschauer im Wind.

Strahlung!

Aber nicht die Strahlung schlechthin und die damit verbundene Gefahr erschreckten Robina, sondern der Gedanke an den Ursprung. ‚Woher auf einmal kommt Strahlung! Wir haben weit und breit über Millionen Kilometer nichts festgestellt, das strahlt, das so strahlt!’

Bangen Gefühls machte sich Robina daran, das Phänomen zu bestimmen, nachdem sie sich überzeugt hatte, dass das Gerät noch funktionierte. Sie besaß keine Routine im Umgang mit dem Zähler, überlegte die Handgriffe, gab sich laut die Weisungen, und dann bestand kein Zweifel: Alpha- und Betateilchen sowie freie Protonen, Kernstrahlung also, ungefährlich für den durch den Raumanzug geschützten Körper.

Robina kniete vor dem Gerät, bewegungslos. Es gehörte zum ABC ihrer Ausbildung: Bei der Fusion von Antimaterie mit Materie treten bei Materieüberschuss Alpha- und Betastrahlung und freie Protonen auf.

Sie brach die Messung ab, wollte nicht noch feststellen, in welcher Intensität die Teilchenströme anlagen, auch das Richtungsmaximum nicht ergründen. Nur zur Uhr sah sie und rechnete. Jetzt wäre die REAKTOM, wenn sie noch existierte, gerade aufgegangen

Obwohl Kosmodynamik nicht zu Robinas Stärke zählte, hätte sie sich eine überschlägige Berechnung zugetraut. Den Umfang der Antihelium-Treibstoffreserven kannte sie, die Maße der Reaktoren des Schiffes und seine Masse insgesamt. Sie wusste, in welcher Entfernung die REAKTOM gestanden hatte, und kannte auch die Gesetzmäßigkeiten der radialen Ausbreitung einer Strahlung.

Flüchtig dachte Robina dieses. Sie wollte nicht die Gewissheit ... Aber sie konnte den Gedanken nicht verdrängen, so sehr sie sich auch bemühte: Das Raumschiff, die schmucke, moderne REAKTOM, Frank, Mandy, Stef, brachten keine Hilfe ...

Wie in Trance, keines weiteren Denkens fähig, ging Robina zurück zum Wrack. Lange stand sie vor dem Stapel der Vorräte. Dann nahm sie unbewusst zwei Sauerstoffbehälter auf und schritt schleppend langsam, dann immer schneller - wie traumwandlerisch - in die Ebene hinaus. -

Schon als Robina, erwacht aus ihrer Lethargie, glaubte, sich endgültig verirrt zu haben, tauchte linker Hand der violette Oktaeder auf, in dessen Nähe sich der Eingang zur Grotte befand.

Sie hatte mechanisch den Weg zum zehn Kilometer entfernten Stützpunkt eingeschlagen - in einer Stunde zu erreichen bei den Sätzen, zu denen sie trotz fehlenden Elans in der Lage war. Allein mit den Sätzen, stellte sie binnen Kurzem fest, hatte es so seine Eigenheiten. Je weiter sie wurden, desto mehr Anstrengung bedurfte es, mit der Last sicher aufzusetzen und den nächsten Schritt kontrolliert zu tun. Ja, als sie zum ersten Mal nach dem langen Flug den Boliden betraten, da machte das Tollen bei der geringen Schwere einen riesigen Spaß, den sie zu dritt - zum Leidwesen von Stef, der im Schiff bleiben musste und „gelb war vor Neid“, wie er berichtete - weidlich auskosteten. Aber hier, jetzt? Große Sätze waren ein immerwährender, kräftezehrender Balanceakt, und Robina reduzierte das Schrittmaß erheblich, sodass sie kaum schneller vorankam als in der Erdenschwere.

Oftmals versuchte sie sich - meist vergeblich - während des Marsches auf den Weg zu konzentrieren, zwang sich, neue Formen aufzunehmen, neue Farbenspiele zu erfassen, und sie beschwor sich, an einen Fehler in ihren Vermutungen, an einen Irrtum der Geräte zu glauben.

Sie steigerte sich in eine Stimmung, aus der heraus sie annahm, Frank müsse sich jeden Augenblick melden, das Geknatter mit seiner dunklen, so beruhigenden Stimme übertönen. Sie nahm nicht wahr, wie die Stunde verfloss. Dann, nach über 120 Minuten, als sie mehr zufällig als bewusst zur Uhr sah, blieb sie erschrocken stehen und blickte sich um. ,Bin ich am Stützpunkt vorbeigelaufen?’ Ihre Furcht verstärkte sich, als sie nach weiteren 20 Minuten Marsches auch das Landezeichen noch nicht entdeckt hatte. ,Sollte es ebenfalls nicht mehr existieren? Blödsinn! Selbst wenn dieser - dieser Schub es zerstört hätte, die Gerüstteile, Rohre und Winkelrahmen, Fremdkörper in dieser Welt, würden herumliegen, ja, ich müsste darüber stolpern’, dachte sie. ,Und wenn ich völlig die Orientierung verloren habe, am falschen Ufer entlanglaufe? Dort vorn, der Turm und der Quader, wie ein mittelalterlicher Dom ... Beim Einflug stand dieser Turm immer zur Rechten, auf der Seite, auf der sich auch die Grotte befindet. Ich komme aus der entgegengesetzten Richtung, also!’

Eine halbe Stunde später begann Robinas Hoffnung, den Stützpunkt doch noch zu finden, rapid zu sinken. Sie begann sich sarkastisch auszumalen, was wäre, wenn sie die Grotte nicht erreichte: ,Ich könnte zurück zum Wrack, Sauerstoff habe ich genug!’ Und sie schlug wie zur Bekräftigung an die Behälter, die sie schleppte und die scheinbar immer schwerer wurden. ,Aber ich könnte auch weitergehen, immer weiter, bis zur Erschöpfung, bis ich liegen bliebe, müde schlafen ... Das Seil, Donas’ Seil, durchschneiden ... Wäre es das Schlechteste? Wozu überhaupt noch?’

Sie spürte abermals die Behälter. ,Wegwerfen, aufgeben! So sinnlos alles ...’

Wenige Minuten, nachdem Robina den ersten Behälter fallen gelassen hatte, leuchtete hinter einem vorspringenden Quader der violette Oktaeder auf und daneben die Kabine. Und dann sah sie das unbeschädigte Landezeichen.

Sie kehrte um, nahm den Behälter wieder auf und ging erleichtert auf den Eingang der Riesendruse zu.

Obwohl sie sich bereits zum dritten Mal im Stützpunkt befand, wurde ihr erst die Enge des Zugangs bewusst, als sie mit den Behältern anstieß.

Schmerzliche Erinnerung packte sie, sobald sie an die Albereien während des letzten Aufenthalts dachte, bei dem sie zu dritt eine Kette gebildet und sich die zeitlupenhaft schwebenden, schweren Behälter wie Luftballons zugestippst hatten.

Alle vier waren sie Sympathici. Nie kam es zu ernsthaften Reibereien. Stef als Kommandant brauchte seine Autorität nicht hervorzuheben, jeder bewegte sich in vernünftigen Normen, es gab zwischen ihnen kein Misstrauen, keine Vorbehalte, wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, eine große Aufgabe ohne subjektive Komplikationen vernünftig anzupacken und zu bewältigen. Das erste Mal, dass eine „voll gemischte Mannschaft“ - wie die offizielle Bezeichnung lautete - eine derart lange Zeit reiste. Und Robina empfand, da sie zurückdachte, dass sie sich, den Skeptikern zum Trotz, glänzend bewährt hatte.

Sie erinnerte sich, wie nach dem Entladen Frank so nebenher fragte: „Was meint ihr, Mädels, schaun wir noch mal rüber zur Kuppel?“, und als sie zugestimmt hatten: „Stef, wir verlängern den Aufenthalt, fliegen zur Kuppel, vielleicht - na, es könnte sein, dass wir vorgestern etwas übersehen haben.“

Und nach einer Pause hatte Stef geantwortet: „Ist gut, lasst eingeschaltet!“

Es herrschte eben Harmonie, eine, die nicht Langeweile erzeugt, weil sie in ihrem Rahmen alles zulässt, Spott, Humor und unbedingten Verlass auf den anderen. Jeder sah selbst, worauf es im entscheidenden Augenblick ankam.

Natürlich fanden sie nichts Neues bei jenem zusätzlichen Ausflug. So leicht würde das Bauwerk sein Geheimnis nicht preisgeben. Aber sie hatten Gelegenheit zu allerlei Vermutungen.

Robina sah zur Uhr. Über vier Stunden ... ,Um so viel habe ich also das Landeziel verfehlt.’

Sie zwängte sich in die Grotte, war erneut fasziniert von deren märchenhafter Pracht. Hier wucherten die Kristalle in irdischen Dimensionen, hier herrschte überschaubare Vielfalt, die den Eindruck von Geborgenheit vermittelte. Die Lumineszenzstrahlung drang nur gedämpft durch die Wände.

Robina warf die Behälter achtlos zu Boden. Ein Bündel glitzernder Gipsnadeln zerstiebte. Gleichgültig rückte Robina die Kanister mit dem Fuß zurecht.

Die Höhle zog sich etwa 50 Meter tief in das Kristallgebirge hinein, wurde allerdings nach hinten zu immer flacher. Dort standen die Stapel der Behälter: Sauerstoff und alle möglichen Konserven.

Robina sah sich prüfend nach Geräten um: ein Brenner, die Einmannschleusenkabine draußen, drei Raumanzüge ... Dazu das, was noch am Wrack lag.

Die Kabine!

Robina ging nach draußen.

Was hatte Frank gesagt? Wenn sie nicht von Meteoriten beschädigt werden soll, muss sie in die Grotte. Nur, der Eingang erwies sich als zu eng. Ihn zu erweitern, sollte die letzte Arbeit sein.