Die Frau mit den Karfunkelsteinen - Eugenie Marlitt - ebook

Die Frau mit den Karfunkelsteinen ebook

Eugenie Marlitt

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Opis

Eine Geschichte im Stil der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts von der ersten Bestseller-Autorin der Welt – Eugenie Marlitt. Balduin Lamprecht, attraktiver und stolzer Chef der Firma Lamprecht und Sohn, hat früh seine Frau verloren. Er lebt mit seinen zwei Kindern und den konservativen Schwiegereltern zusammen in der imposanten Fabrikantenvilla. Die Dienerschaft des Hauses tuschelt schon länger über Geisterscheinungen, erst recht seitdem diese verwunschene junge Frau von wundervoller Schönheit in dem Hause auftauchte. Doch noch ganz andere Geheimnisse verbergen sich hinter der großbürgerlichen Fassade...

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Eugenie Marlitt

Die Frau mit den Karfunkelsteinen

Warschau 2018

Inhalt

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Tante Sophie hatte die Klammerschürze vorgebunden und nahm Wäsche von der Leine. Das Herz lachte ihr im Leibe, während sie unter den hochgespannten Seilen hinschlüpfte – frischgefallener Schnee, ja, was war der gegen das Weiß der bleichenden Tafeltücher und Leinenbezüge? – Seit urvordenklichen Zeiten war stets das schönste Bleichwetter, sobald die Leinenschätze des ehrenwerten Hauses »Lamprecht und Sohn« an die Luft gebracht wurden – »selbstverständlich!« Es sei das so gut ein Vorrecht wie das berühmte Kaiserwetter, meinte Tante Sophie immer mit listigem Augenzwinkern, denn es war jemand im Hause, der solche »Blasphemien« absolut nicht hören mochte...

Nun zog heute wieder die köstliche Sommerluft dörrend durch die feuchten Lakenreihen, und die Julisonne schien ihre ganze Kraft in dem mächtigen Viereck des Hofes zu konzentrieren. Ueber die Dächer schossen Schwalbenscharen, wie stahlglänzende Pfeile, in den Hof herein; ihre Nester hingen an den steinernen Fenstersimsen in der Bel-Etage des östlichen Seitenflügels, und es war niemand da, der den kleinen Blauröcken wehrte, wenn sie auf den Simsen rasteten und in ihrem aufdringlichen Gezwitscher kein Ende fanden.Ja, es wehrte ihnen weder ein Menschenblick, noch eine fortscheuchende Handbewegung; denn nie klang eines der Fenster droben in diesem Seitenbau, höchstens daß einmal im Jahre auf Stunden gelüftet wurde; dann fielen die großblumigen Gardinen wieder zusammen und ließen es geduldig geschehen, daß ihnen die Sonne den letzten Farbenrest aus der morschen Seidenfaser sog.

Das Haupthaus, dessen Fassade auf den vornehmsten Platz der Stadt hinausging, hatte der Zimmer und Säle genug, und der Bewohner waren nicht viele, da brauchte man die obere Zimmerflucht des östlichen Seitenflügels nicht. Die Leute sagten aber anderes. So hell und sonnig auch das angebaute Hinterhaus in die Lüfte stieg, und so friedlich es erschien mit seinen hohen, stillen Fenstern, es war doch der unheimliche Schauplatz eines Kampfes, eines fortgesetzten, gespenstigen Kampfes bis in alle Ewigkeit. So sagten die Leute draußen in Gassen und Straßen, und die darinnen widersprachen nicht. Warum auch? Hatte es doch seit Anno 1795, wo die schöne Frau Dorothea Lamprecht in dem Seitenflügel ihr Wochenbett abgehalten und da verstorben war, fast keinen dienstbaren Geist der Familie gegeben, der nicht wenigstens einmal die lange Schleppe eines weißen Nachtgewandes durch den Korridor hätte schleifen sehen, oder gar gezwungen gewesen war, sich halbtot vor Schrecken platt an die Wand des Ganges zu drücken, um die lange, hagere »Selige« im grauen Spinnwebenkleide an sich vorüberzulassen. Drum schliefe auch niemand droben in dem Hause, sagten die Leute.

An dem »Unwesen« sollte ein Eidbruch schuld sein.

Justus Lamprecht, der Urgroßvater des derzeitigen Familienoberhauptes, hatte seinem sterbenden Eheweibe, der Frau Judith, feierlich zuschwören müssen, daß er ihr keine Nachfolgerin geben wolle – es sei um ihrer zwei Knaben willen, sollte sie gesagt haben; im Grunde aber war es glühende Eifersucht gewesen, die keiner anderen den Platz an der Seite ihres zurückbleibenden Ehemannes gegönnt. – Herr Justus hatte aber ein leidenschaftliches Herz gehabt, und seine schöne Mündel, die in seinem Hause gewohnt, nicht minder. Sie hatte gemeint, und wenn sie in die Hölle mit ihm müsse, sie lasse doch nicht von ihm und heirate ihn der neidischen Seligen zum Trotz und Tort. Und sie hatten auch zusammen gelebt, wie zwei Turteltauben, bis sich die schöne, junge Frau Dorothea eines Tages in den Seitenflügel zurückgezogen, um sich in der mit fürstlicher Pracht ausgestatteten Wochenstube einneugeborenes Töchterchen in den Arm legen zu lassen. Herr Justus Lamprecht hatte gesagt, nun sei er auf dem Gipfel des Glückes...

Es war aber gerade strenger Winter gewesen, und just in der Weihnachtsnacht, wo draußen alles zu Stein und Bein gefroren, war mit dem Glockenschlag Zwölf langsam und feierlich die Thüre der Wochenstube nach dem Gange hinaus zurückgefallen, und die Selige war auf einer grauen Wolke, wie in Spinnweben gewickelt, hereingekommen. Und die Wolke, der Spinnwebenrock, und der häßliche Kopf mit der Spitzen-Dormeuse, alles war unter den seidenen Betthimmel gekrochen und hatte sich auf der Wöchnerin so fest zusammengekauert, als solle dem blühenden jungen Weibe das Herzblut ausgesogen werden. – Der Wartfrau waren Hand und Fuß gelähmt gewesen, und sie hatte sozusagen in einer Eisgrube gesessen, so mörderisch kalt war es von dem Spukwesen ausgegangen; die Sinne waren ihr vergangen, und erst lange danach, als das Neugeborene geschrieen, war sie wieder zu sich gekommen.

Ja, das war nun eine schöne Bescherung gewesen! Die Thüre nach dem eisigkalten Gang hatte noch sperrangelweit offen gestanden, und von der bösen Frau Judith war auch nicht ein Rockzipfelchen mehr zu sehen gewesen, im Bette aber hatte Frau Dorothea aufrecht gesessen und unter heftigem Schütteln und Schaudern mit den Zähnen geklappert und ganz wirr nach dem Kind in der Wiege gesehen, und nachher war sie in Raserei verfallen, und nach fünf Tagen hatte sie, ihr totes Kindlein im Arm, im Sarge gelegen. – Die Aerzte hatten gesagt, Mutter und Kind seien infolge heftiger Erkältung gestorben; die pflichtvergessene Wärterin habe die Thüre schlecht verschlossen, sei eingeschlafen und habe verrückt geträumt – einfältiges Gewäsch! – Wenn das alles so mit natürlichen Dingen zugegangen war, weshalb geschah es denn nachher, daß die schöne Verführerin oft schon im Abendzwielicht aus der ehemaligen Wochenstube gehuscht kam, und die graue Furie hinter ihr hersauste, um ihr von hinten die langen, dürren Arme würgend um den Hals zu schlingen? – – –

Die Firma »Lamprecht und Sohn« hatte zu Ende des vorigen Jahrhunderts noch mit Leinen gehandelt, und die öfter wiederholte Bezeichnung »Thüringer Fugger« sollte gar nicht übel auf ihr Ansehen gepaßt haben. – Dazumal hatte ihr großer Häuserkomplex am Markte einem Bienenstock geglichen, so lebendig war der Menschenverkehr gewesen. – Bis unter die Dächer hinauf sollten die Leinenballen aufgestapelt gewesen sein, und allwöchentlichwaren mächtige Frachtwagen schwerbeladen in die weite Welt hinausgefahren. Tante Sophie wußte das alles ganz genau. Sie selbst hatte freilich jene Zeiten nicht gesehen; aber in ihrem hellen Kopfe waren Familientraditionen, alte Geschäfts- und Tagebuchnotizen und die verschiedenen, oft kuriosen Nachlaßverfügungen so pünktlich registriert, wie sie kaum der Archivar einer Regentenfamilie in den Annalen sammelt.

So war denn auch die alljährliche Julibleiche eine Zeit der Reminiszenzen. Da kamen uralte Wäschestücke auf die Leine, nicht der Benutzung wegen – bewahre! – nur damit sie nicht vergilbten und in neue Brüche gelegt werden konnten. Und die eingewebten Jäger und Amazonen, die mythologischen und biblischen Figuren in dem Damastzeug mochten sich dann freilich jedesmal verwundern, wie still und anders es in dem Hofe geworden, daß von Flachspreisen und Webelöhnen kein Wort mehr fiel, kein hochgetürmter Frachtwagen durch die Thorwölbung des Packhauses rasselte, und das Schlagen der Webstühle in fast lautloser Stille erloschen war. – Es ging ja wohl öfter ein Flüstern und Rauschen durch den Hof, aber das kam vom Zugwind, der durch das Gesträuch und Gezweig fuhr – du lieber Gott, wie sich doch die Welt änderte! – Grünes Blattwerk auf dem ehemaligen Geschäftstummelplatz, der dazumal nicht die ärmlichsten Grasspitzen zwischen seinem festen Bachkieselgefüge hatte aufkommen lassen! Je nun, hatte sich doch das alte Steinpflaster im Laufe der Zeiten selbst nicht behaupten können! Eine dichte Rasendecke lag jetzt auf dem. etwas abschüssigen Terrain, schöne Rosenbäume schüttelten ihre buntfarbigen Blütenblätter über das weiche Gras her; es rauschte junges strotzendes Lindenlaub vor dem westlichen Seitenflügel, der sogenannten Weberei, und das alte Packhaus, welches nach Norden hin den Hof abschloß, war von oben bis unten völlig umschnürt von dem grünen Schuppenpanzer des Pfeifenstrauches.

Der Leinenhandel war längst vertauscht worden mit einer Porzellanfabrik, die sich außerhalb der Stadt, auf dem nahegelegenen Dorfe Dambach befand.

Der gegenwärtige Chef des Hauses »Lamprecht und Sohn« war Witwer. Er hatte zwei Kinder, und Tante Sophie, die Letzte einer Seitenlinie der Familie, führte ihm die Wirtschaft, mit fleißigen Händen, in Zucht und Ehren und weiser Sparsamkeit. Und die lustige Tante mit der großen Nase und den gescheiten braunen Augen hielt es für den klügsten Einfall ihres ganzenLebens, eine alte Jungfer geworden zu sein, dieweil auf diese Weise doch noch für ein Weilchen eine echte Lamprechtsphysiognomie aus der Hausfrauenstube auf den Markt hinausgucke. – Das klang nun freilich ebenso unangenehm nervenberührend für das Ohr der Frau Amtsrätin, wie die stehende Bemerkung über das Kaiserwetter; aber die Frau Amtsrätin war eine sehr feine Dame, die zu Hofe ging, und Tante Sophie steckte stets die unschuldigste Miene auf, und so kam es nie zu einem Streit zwischen beiden.

»Amtsrats«, die Schwiegereltern des Herrn Lamprecht, wohnten im zweiten Stock des Haupthauses. Der alte Herr hatte sein schönes Rittergut verpachtet und sich zur Ruhe gesetzt; aber er hielt es in der Stadt nicht lange aus. Er ließ Frau und Sohn – seinen einzigen – oft allein und war weit mehr draußen in Dambach, in der Landluft, wo ihm der Wald und das Hasenrevier greifbar nahe lagen, und er in dem geräumigen, zu der Fabrik gehörigen Pavillon seines Schwiegersohnes hausen konnte, so oft und so lange er Lust hatte. –

Es schlug vier auf dem nahen Rathaustürmchen; und mit der Nachmittags-Kaffeestunde nahte das Bleichwerk seinem Ende. – Die Wäsche hatte sich allmählich in den riesigen Korbwannen weiß und hoch wie Schneehügel aufgetürmt, und Tante Sophie nahm zu allerletzt die Klammern behutsam von den kostbaren Wäschealtertümern. Aber da gab es ihr plötzlich einen förmlichen Stich durch das Herz.

»Eine schöne Bescherung!« rief sie ganz erschrocken und betreten der helfenden alten Magd zu. »Da guck' her, Bärbe! Das Tafeltuch mit der Hochzeit zu Kana ist aus dem Leim gegangen – es hat einen mächtigen Riß!«

»Ist auch alt genug – der reine Zunder! – Alles hat seine Zeit, Fräulein Sophie!«

»Was du doch gescheit bist, alte, kluge Bärbe! Das Sätzchen kann ich auch auswendig. – O je, der Schaden geht dem Speisemeister geradeswegs durch die ganze Physiognomie – da werde ich meine liebe Not mit dem Stopfen haben.« – Sie hielt das dünngewordene, morsche Gewebe prüfend gegen das Licht.

»Ein altes Erbstück ist's freilich! Die Frau Judith hat das Gedeck noch mit eingebracht.«

Bärbe räusperte sich laut und schielte verstohlen nach den Fenstern des östlichen Seitenflügels empor. »Solche Leute, die keine Ruhe in der Erde haben, die muß man nicht so laut beimNamen nennen, Fräulein Sophie!« rügte sie mit gedämpfter Stimme und entschieden mißbilligendem Kopfschütteln. »Justement in der Zeit nicht, wo es wieder umgehen thut – der Kutscher hat es erst gestern abend wieder weiß um die Gangecke laufen sehen –«

»Weiß? Na, dann ist's ja doch der Spinnwebenrock nicht gewesen... Also der nette dicke Kutscher spielt sich auf das Sonntagskind in Eurer Gesindestube? Das sollte nur der Herr wissen! Ihr Hasenfüße wollt wohl sein Haus wieder einmal in aller Leute Mäuler bringen?« – Sie zuckte die Achseln und schlug das Tafeltuch zusammen. »Mir, für meine Person, mir wäre das übrigens ganz egal. Es hört sich eigentlich gar nicht schlecht an, wenn die Leute sagen: ›die weiße Frau in Lamprechts Hause!‹ – Alt und angesehen genug sind die Lamprechts ja! Den Luxus können wir uns schon erlauben, so gut wie die im Schlosse.«

Diese letzten Worte waren offenbar nicht an die Adresse der Magd gerichtet – Tante Sophiens braune Augen zwinkerten lustig nach der Lindengruppe vor der Weberei. Dort funkelten ein paar Brillengläser auf dem feinen Nasenrücken der Frau Amtsrätin. Die alte Dame hatte ihren Papagei ein wenig ins Grüne heruntergetragen und hielt Wache bei ihm von wegen der Hauskatzen. Sie stickte, und neben ihr, am weißgestrichenen Gartentische, saß ihr Enkel, der kleine Reinhold Lamprecht, und schrieb auf seiner Schiefertafel.

»Ich will nicht hoffen, daß Sie das ernstlich meinen, liebste Sophie!« sagte die Frau Amtsrätin; eine leichte Röte war in ihr Gesicht getreten, und die Augen blickten scharf über die Brille. »Mit solchen geheiligten Vorrechten spaßt man übrigens nicht; das ist unziemlich – Strengere als ich würden sagen ›demokratisch‹!«

»Ach ja, das sähe denen schon ähnlich!« lachte Tante Sophie. »Das sind solche, die auch am liebsten wieder mit Feuer und Schwert in der Welt hantieren möchten! Aber muß denn der Mensch gleich ein Demokrat sein, wenn er nicht wie ein Wurm am Boden kriecht? Bei denjenigen, die da wiederkommen, um die lebendigen Kreaturen ins Bockshorn zu jagen, ist doch kein Unterschied mehr, und die weiße Schloßfrau muß ebensogut erst aus einem Moderhäufchen steigen, wie dem Urgroßvater Justus sein schönes Dorchen auch!«

Die alte Dame rümpfte die feine, kleine Nase und schwieg indigniert. Sie legte ihren Stickrahmen weg und trat zu Bärbe.»Wie ist denn das – der Kutscher will gestern abend auch in dem Gange etwas gesehen haben?« fragte sie gespannt.

«Jawohl, Frau Amtsrätin, und der Schreck liegt ihm heute noch in allen Gliedern. Er hat oben in den guten Stuben bis zur Dämmerstunde die Fußböden gewichst, und nachher beim, ›runtergehen‹ ist's ihm gewesen, als wenn in dem Gange hinten eine Thüre sachte zugemacht würde – Frau Amtsrätin, in dem Gange, wo im ganzen Leben kein Thürschlüssel umgedreht wird! Na, kurz und gut – es ist ihm freilich eiskalt über den Rücken gelaufen, und die Beine sind ihm bleischwer geworden; aber er hat sich doch ein Herz gefaßt, ist ein Paar Schrittchen auf die Seite geschlichen und hat um die Ecke geschielt. Und da ist's vor seinen Augen in den langen Gang hingehuscht, ganz schlank und schmächtig und schlohweiß von oben bis unten –«

»Vergiß nur ja die schwarzledernen Handschuhe nicht, Bärbe!« warf Tante Sophie ein.

»Bewahr' mich Gott, Fräulein Sophie, nicht einen schwarzen Faden hat das Unding an sich gehabt! Und wie's um die andere Gangecke saust, da fliegt alles auseinander wie Schleierzeug und ist verschwunden gewesen, der Kutscher sagt, wie Rauch im Winde. Den bringen um die Dämmerstunde nicht zehn Pferde wieder bis an den Gang hin!«

»Wird auch gar nicht verlangt von der Heldenseele – der gehört in den Altweiberspittel mit seinem Spinnstubengewäsch!«sagte Tante Sophie halb amüsiert, halb ärgerlich, und griff nach einer Serviette, um sie von der Leine zu nehmen; aber in demselben Augenblick fuhr auch ihr Kopf herum. »Potztausend, was kömmt denn da für ein Fuhrwerk angerasselt! Ja Gretel, bist du denn närrisch?«

Durch den hochgewölbten Thorweg des Haupthauses kam ein hübscher Kinderlandauer mit einem Gespann von zwei Ziegenböcken in den Hof hereingebraust. Die Lenkerin, ein Mädchen von ungefähr neun Jahren, stand aufrecht und hielt die Zügel stramm in den Händen. Der runde, breitrandige Strohhut war ihr nach dem Nacken zurückgesunken und schwebte, von den Bindebändern am Halse festgehalten, wie eine gelbe Heiligenscheibe hinter dem dunklen Gelock, das wild im scharfen Zugwind aufflog.

Das Gefährt rollte bis zu den Linden, unter denen der kleine Reinhold saß; da erst wurde mit einem kräftigen Ruck Halt gemacht, zum Schrecken des Papageien, der laut aufkreischte, während der Knabe von der Bank glitt.

»Aber, Grete, du sollst ja nicht mit meinen Böcken fahren! Ich will's nicht haben!« zankte Reinhold weinerlich, und sein blasses, schmales Gesichtchen rötete der Zorn. »Es sind meine Böcke! Der Papa hat sie mir geschenkt!«

»Ich thu's nicht wieder, ganz gewiß nicht, Holdchen?« versicherte die Schwester, vom Wagen springend. »Geh, sei nicht böse! – Hast mich noch lieb?« – Der Kleine kletterte wieder auf seine Bank und ließ es nur widerwillig geschehen, daß sie ihn mit stürmischer Zärtlichkeit umfaßte. – »Siehst du, Hans und Benjamin wollen ja doch auch ihren Spaß haben! Die armen Kerle sind so lange im Dambacher Stalle eingesperrt gewesen.«

»Und du bist wirklich allein von Dambach hereingefahren?« fragte die Frau Amtsrätin, Entrüstung und nachträglichen Schrecken in ihrer zarten Stimme.

»Natürlich, Großmama! Der dicke Kutscher kann doch nicht hinter mir im Kinderwagen sitzen? – Der Papa ist nach Hause geritten, und ich sollte mit der Faktorin wieder im großen Wagen hereinfahren; aber die Trödelei dauerte mir zu lange.«

»Solch ein Unsinn! Und der Großpapa?«

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