Die Fährte der Wölfe - Uwe Klausner - ebook

Die Fährte der Wölfe ebook

Uwe Klausner

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Opis

Dezember 1423. Eigentlich wollte Bruder Hilpert, Bibliothekar und Kriminalist aus Leidenschaft, dem Kloster Bronnbach nur einen kurzen Besuch abstatten. Doch dann wird Arnold von Stettenberg, Herr über die Gamburg im Taubertal, schwer verletzt aufgefunden. Sein Freund Berengar bittet Bruder Hilpert um Hilfe. Dieser willigt ein, nicht ahnend, dass etwas Schreckliches auf ihn zukommen wird …

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Uwe Klausner

Die Fährte der Wölfe

Historischer Roman

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Bildes von: Rogier van der Weyden, »The Exhumation of Saint Hubert« ca. 1430 (© http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rogier_van_der_Weyden_and_workshop_-_Exhumation_of_St_Hubert_NG_783.jpg)

ISBN 978-3-8392-4574-3

FIKTION

Hauptfiguren

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

Martin von Stettenberg, Bruder von Arnold von Stettenberg (*1386)

Hilpert von Maulbronn, 43, Bibliothekarius und Kriminalist

Johannes IV. Siegemann, Abt von Bronnbach

Bruder Quirinus, Pförtner

Bruder Hilarius, Infirmarius und Sekretarius des Abtes

Hrodgar, Müller

Bartel, Torwächter in Gamburg

Mechthild, eine Heilerin

Berengar von Gamburg, 36, Vogt des Grafen von Wertheim und Freund Hilperts

Melchior von Schweinitz, Amtmann Konrads III. von Dhaun, Erzbischof von Mainz (ca. 1380 – 1434)

Eleonore, seine Frau

Arnold von Stettenberg, Berengars Vetter 2. Grades (*1388)

Gutta, seine Frau

Agnes, ihre Kammerfrau

Heiner, Torwächter

Frieder, sein Gefährte

Peter von Stettenberg, Arnolds Vetter (*1394)

Gisbert, Küster

Ruprecht von Stettenberg, Zehntgraf zu Bischofsheim, Arnolds Bruder

Vater Pirmin, Burgkaplan

Leberecht von Marmelstein, Domkapitular

Chlothilde, Gisberts Frau

Lisbeth, Stallmagd

Kathalin, Arnolds ehemalige Amme

ORT UND ZEITPUNKT DER HANDLUNG

Gamburg in Tauberfranken, fünf Tage nach Mariä Empfängnis

(Montag, 13.12.1423)

WIRKLICHKEIT

Die Gamburg im Mittelalter

1139

Älteste bekannte Erwähnung Gamburgs in einer Urkunde des Bischofs von Würzburg

1157

Tauschgeschäft Beringers von Gamburg mit dem Erzbischof von Mainz: Übergabe der villula Brunnenbach (Schafhof oberhalb des Klosters Bronnbach) als Gegenleistung für die Belehnung mit der Burg

1180er-Jahre

Errichtung des romanischen Palas-Baus

1219 

Erstmalige Erwähnung eines Dorfes unterhalb der Burg

1248 

Erstmalige Erwähnung der Dorfmühle

1349 

Übergabe der Gamburg an die Herren von Stettenberg

circa 1520 

Bau einer Pfarrkirche

TAGESEINTEILUNG IM DEZEMBER1

Anmerkung: Die Zeitangaben im Roman beziehen sich auf die Stundenlänge von 40 Minuten im Monat Dezember.

Beginn der

Uhrzeit

1. Stunde

08:00 h

2. Stunde

08:40 h

3. Stunde

09:20 h

4. Stunde

10:00 h

5. Stunde

10:40 h

6. Stunde

11:20 h

7. Stunde

12:00 h

8. Stunde

12:40 h

9. Stunde

13:20 h

10. Stunde

14:00 h

11. Stunde

14:40 h

12. Stunde

15.20 h

Ende der 12. Stunde:

16.00 h

(Quelle: H. Grotefend, Zeitrechnung des Deutschen Mittelaltersund der Neuzeit)

1 Sonnenaufgang in Würzburg am 13.12.2013: 8:08 h (Sonnenuntergang: 16:21 h)

GEBETSPLAN DER ZISTERZIENSERIM DEZEMBER

Aufstehen

01:20 h

Vigilien(Nachtoffizium)

01:30 h – 02:50 h

Laudes(im Morgengrauen)

07:15 h

Prim(bei Sonnenaufgang)

08:00 h

Messe

08:20 h – 09:10 h

Kapitel

09:35 h

Handarbeit

09:55 h – 11:10 h

Terz

09:20 h

Sext(Mittag)

11:20 h

Non

13:20 h

Mittagessen

13:35 h

Vesper

14:50 h – 15:30 h

Komplet

15:55 h

Schlafengehen

16:05 h

Mit Ausnahme von Abt Johannes IV. Siegemann sowie Arnold, Gutta, Peter und Ruprecht von Stettenberg, über deren Leben nur wenig bekannt ist, sind sämtliche Figuren des Romans und seine Handlung frei erfunden.

ANNO DOMINI 1405

Homo homini lupus.

(dt.: Der Mensch ist des Menschen Wolf.)

Plautus (ca. 250 – ca. 184 v. Chr.)

PROLOG

Gamburg im Taubertal, am Tag vor Sankt Martin

(Dienstag, 10.11.1405)

I. Kapitel

Krappentor, kurz vor Sonnenaufgang; 07:15 h

Es war Zeit, mit dem Leben abzuschließen.

Wann seine Galgenfrist ablaufen würde, wusste er nicht. Aber er wusste, dass ihm eine höllische Tortur bevorstand. Er war dazu verdammt, wie ein Straßenköter zu verrecken, und es gab nichts, was er tun konnte, um sein Schicksal abzuwenden.

Das Urteil lautete auf Tod.

Ein Tod, wie er grausamer nicht sein könnte.

Er war noch ein Knabe gewesen, als ihm vor Augen geführt wurde, wie wenig das Leben eines Menschen zählte. Damals, vor sieben Jahren, war er mit dem Vater auf die Jagd gegangen, aber es war keine Jagd wie jede andere geworden. Der Vater, wie im Übrigen auch sein Bruder, hatten ihm eine Lektion erteilen wollen und da waren ihnen die Wilddiebe, die auf frischer Tat ertappt worden waren, wie gerufen gekommen.

Er, der als verzärtelt und furchtsam galt, hatte zunächst nicht glauben können, was er sah. Arnold, knapp zwei Jahre jünger als er, hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, die Jagdfrevler zur Rede zu stellen, sondern hatte ihnen gezeigt, was es hieß, ein ganzer Kerl zu sein. Es hieß, Angst und Schrecken zu verbreiten, selbst dann, wenn die Wilderer ein paar zerlumpte Halbwüchsige aus dem Nachbardorf waren. Nur wer nicht zögerte, von seinem angestammten Recht Gebrauch zu machen, dem wurde Respekt gezollt. Nur wer mit dem Schwert umzugehen verstand, würde es zu etwas bringen. Nur wer sich einen Dreck um das Leben von ein paar Leibeigenen scherte, war aus dem Holz geschnitzt, das es brauchte, damit man nicht unter die Räder geriet. So oder so ähnlich hatten die Lehren gelautet, die sein Vater den Söhnen eingebläut hatte. Worte, die bei Arnold auf fruchtbaren Boden gefallen waren. Gerade einmal zehn Jahre alt, hatte er die Meute von der Leine gelassen, allen voran Zerberus, den gefürchtetsten Bluthund weit und breit. Er hatte nicht hinsehen wollen, aber der Vater, nicht minder gefürchtet als die nach Blut lechzenden Bestien, hatte ihn dazu gezwungen. Und so geschah es, dass er Zeuge eines Spektakels wurde, wie er es noch nie erlebt hatte – und während der folgenden sieben Jahre auch nicht mehr erleben sollte.

Zerberus und die Bluthunde, insgesamt acht an der Zahl, preschten los, gerade so, als sei der Teufel hinter ihnen her. Jedem, auch ihm selbst, war klar, dass die Halbwüchsigen nicht die geringste Chance hatten, aber darauf kam es in diesem Moment nicht an. Die Jagd auf Menschen, so schien es, war etwas völlig anderes, allemal lohnender, als Hasen, Rotwild oder Füchse zu erlegen.

Es war ein Wettlauf, bei dem der Sieger von vornherein feststand, ein Wettlauf mit dem Tod, der das Urteil über die drei Burschen längst gesprochen hatte. Merkwürdigerweise gaben diese jedoch nicht auf, rannten, was das Zeug hielt. Staub wirbelte empor und die abgeernteten Felder hallten wider vom Gebell der Meute. Kaum von der Leine gelassen, nahmen sie auch schon die Verfolgung auf und man musste kein Prophet sein, um zu erahnen, wie die Hetzjagd enden würde.

»Guck hin, du Memme, sonst setzt es eine Tracht Prügel!« Die Pranke seines Vaters im Nacken, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Die Hoffnung, die Wildfrevler würden das Uferdickicht erreichen, erwies sich als illusorisch, und spätestens in dem Augenblick, als der Jüngste der drei ins Straucheln geriet, war das Schicksal der Burschen nicht mehr abzuwenden.

Von dem Moment an, als der flachsblonde Knabe der Länge nach hinfiel, hatte sich ihm alles so tief ins Gedächtnis eingeprägt, dass er sich selbst jetzt, sieben Jahre später, noch an jedes Detail erinnern konnte. Die Zeit, so schien es, war stehen geblieben, und plötzlich waren da nur noch er, Martin von Stettenberg, und der namenlose Junge aus dem benachbarten Niklashausen gewesen, der verzweifelt um sein Leben rannte. Alles, das Hohngelächter der Jagdgesellschaft, die spöttischen Zurufe, das Schnauben der Pferde, in das sich das erregte Keuchen seines Vaters mischte – all das nahm er in dem Moment, als Zerberus auf den gestrauchelten Knaben zupreschte, nicht mehr wahr. Jetzt, da es ans Sterben ging, da der Tod die Klauen nach seiner Beute ausstreckte, waren da nur noch er, der Junge und der Würgereiz, gegen den er verzweifelt anzukämpfen versuchte.

Mit dem, was dann geschah, hatten jedoch weder er noch sein Vater oder sein Bruder gerechnet. Wer gedacht hatte, Zerberus würde sich auf sein Opfer stürzen, wurde eines Besseren belehrt. Nur noch wenige Klafter davon entfernt, hielt die pechschwarze Bestie plötzlich inne, wedelte mit dem Schwanz und ließ die blutunterlaufenen Augen auf dem Knaben ruhen. Dieser wusste zunächst nicht, wie ihm geschah, rührte sich nicht und harrte der Dinge, die da kamen. Wider Erwarten geschah jedoch nichts, oder, akkurat ausgedrückt, nicht das, was der Vater und die anderen erwartet hatten.

Wie sich herausstellte, lag dies jedoch nicht daran, dass Zerberus den Gehorsam verweigerte. Nicht umsonst galt er als das gefürchtetste Monstrum weit und breit und wer konnte, mied seine Nähe, so gut es ging. Ein Wort seines Herrn, Peters von Stettenberg, und der Bluthund war zu jeder noch so gefährlichen Attacke fähig, ein Faktum, das er bereits mehrfach unter Beweis gestellt hatte.

»Jetzt komm schon, du Scheißköter – oder willst du, dass ich dir Beine mache?« Arnolds Zuruf verhallte ungehört und nicht nur er, um den sich der Griff seines Vaters zu lockern begann, wunderte sich über das Spektakel, welches sich seinen Blicken bot.

Verwunderung oder gar Hoffnung waren jedoch fehl am Platz. Weder hatte der Hund vor, sein Opfer zu verschonen, noch, wie alsbald klar wurde, den Knaben entwischen zu lassen. Nein, seine Absicht war eine andere und es währte nicht lange, bis sie offenkundig wurde.

Das Maul halb offen, machte die Bestie einen Schritt nach vorn. Wer gedacht hatte, dies sei das Ende, sah sich jedoch getäuscht. Zerberus ging nicht etwa auf den Halbwüchsigen zu, sondern schlug einen Haken und begann den auf die Hände gestützten Hüteknecht zu umkreisen. Aus der Ferne waren markerschütternde Schreie zu hören, doch niemand, den Vater mit eingeschlossen, kümmerte sich darum. Aller Augen, so schien es, waren auf das nach Blut lechzende Scheusal gerichtet und sei es nur, um den entscheidenden Moment nicht zu verpassen.

»So was erlebt man nicht alle Tage, was, großer Bruder?« Wahrhaftig, da musste er Arnold recht geben. So etwas hatte er noch nie erlebt. Und würde es so schnell auch nicht mehr erleben.

Seit damals, jenem verhängnisvollen Tag im Mai, hatte sein Leben eine schicksalhafte Wendung erfahren. Bis dahin war er seinem Vater mit Respekt und dem jüngeren Bruder mit einer Mischung aus Wohlwollen und Reserviertheit begegnet. Mit dem Tod des Hirtenjungen, der vor aller Augen zerfleischt wurde, war es damit jedoch vorbei gewesen. Aus und vorbei. Martin von Stettenberg hatte gelernt, zu hassen, mit aller Inbrunst, zu der ein Zwölfjähriger fähig war. Und er hatte gelernt, was es hieß, seinen Peinigern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.

Der Tod aber war ein Mysterium für ihn geblieben. Auch jetzt, da die Reihe an ihm war, dem Unvermeidlichen ins Auge zu blicken. An der Tatsache, dass der seinige qualvoll sein würde, führte kein Weg vorbei, aber war die Tortur, welche vor ihm lag, erst überwunden, würde es niemals mehr Schikanen, Drangsal oder Hohn und Spott geben. Niemand würde ihm mehr sagen, dass er seiner Familie Schande gemacht und den Ruf derer zu Stettenberg besudelt habe. Wer weiß, vielleicht würde es sogar besser als das Leben werden, welches er bislang geführt hatte, frei von Hader, Zank oder der Verachtung, mit der ihm sein Vater und Arnold begegnet waren. Alles, was es brauchte, war ein wenig Mut, und dann, womöglich bereits in einer Viertelstunde, war alles vorbei.

Aus und vorbei.

»Erlebt man nicht alle Tage, was, großer Bruder?« Arnold, nicht nur zwei Jahre jünger, sondern auch ein Mann, von dem ihn eine Mauer und auch sonst Welten trennten. Ein Mann, dem Skrupel stets fremd gewesen und Menschen wie er zutiefst verhasst geblieben waren. Sein Bruder zwar, aber, wie dies des Öfteren der Fall zu sein pflegte, auch ein Mensch, der allem, was mit Büchern, dem Studium der Wissenschaften oder antikem Schrifttum zu tun hatte, mit unverhohlener Verachtung begegnete. Der jeden Auftrag, mit dem er betraut wurde, erledigte.

Der nicht zögern würde, ihn zu töten.

»Nicht meine Schuld, Bruderherz, sondern deine.«

Ein Vorwurf, auf den er nur allzu gerne geantwortet hätte. Mit einem Knebel im Mund, Fesseln an Händen und Füßen und Gelenken, die bei jeder noch so kleinen Bewegung schmerzten, war dies jedoch nicht möglich. Sinnlos war es allemal, stand das Urteil, das über ihn gesprochen worden war, doch bereits fest.

Tod durch Einmauern. Auf dass von ihm, der er Schande über das Haus derer von Stettenberg gebracht hatte, nichts mehr übrig bleiben würde. Auf dass die Erinnerung an Martin, das schwarze Schaf der Familie, für immer getilgt und aus dem Gedächtnis seiner Mitmenschen gelöscht sein möge.

Auge in Auge mit seinem Bruder, der ihn durch die zwei Fuß im Quadrat große Öffnung in der Mauer angrinste, nahm Martin von Stettenberg all seinen Mut zusammen. Die Nische, in die man ihn gezwängt hatte, roch nach Feuchtigkeit, Moder und kaltem Schweiß. Seinem Schweiß. Nur noch ein paar Handgriffe, reichlich Mörtel und ein Quaderblock, der vermutlich längst bereitlag, und sein Lebensfaden war durchtrennt. Für immer. Anderen, zu denen vermutlich auch sein Bruder zählte, würde man ein christliches Begräbnis im nahen Zisterzienserkloster zuteilwerden lassen. Er aber war dazu verdammt, im Krappenturm der Gamburg zu vermodern, und niemand, auch die Frau nicht, derentwegen er all das auf sich nahm, würde imstande sein, seiner am Grab zu gedenken.

Noch aber war sein Martyrium nicht vorüber. Arnold wäre nicht der gewesen, für den er ihn hielt, wenn er nicht noch eine Überraschung parat gehabt hätte.

Martin von Stettenberg, genannt Der Pfaffenknecht, sollte recht behalten. »Damit du Bescheid weißt, großer Bruder«, ließ sich Arnold vernehmen, das klobige Kinn, von einer platten Nase samt höckeriger Stirn überwölbt, wie ein Raubtier nach vorn gereckt, »wenn ich mit dir fertig bin, werde ich mir deine Konkubine vorknöpfen. Wenn Vater nicht gewesen wäre, hätte ich es schon längst getan, aber du weißt ja, wie der alte Herr so ist. Für Frauen hat er eben schon immer eine Schwäche gehabt. Vor allem, wenn sie drall und ansehnlich sind. Aber was soll’s – lassen wir dem Alten seinen Spaß. Besser, die Dirne wird in der Familie weitergereicht, als wenn sie einer der Bauernlümmel aus dem Tal besteigt. Wie gesagt: Auf seine alten Tage sei ihm das Vergnügen gegönnt. Wäre nicht der erste Balg, den jemand aus unserer Brut in die Welt gesetzt hat, was, großer Bruder?«

Müde der Provokationen, mit denen ihn Arnold überhäufte, hörte Martin nur noch mit einem Ohr zu. Zeitlebens war er von ihm verhöhnt, gepiesackt und mit Wissen und Billigung seines Vaters schikaniert worden. Es war ihm nichts weiter übrig geblieben, als die Drangsal über sich ergehen zu lassen, genauso wie ihm nichts übrig bleiben würde, als dem Tod, dessen Atem ihm ins Gesicht wehte, ins Auge zu sehen. Verglichen mit dem, was ihm auf Erden zuteilgeworden war, kam ihm die Aussicht wie eine Verheißung vor, und wäre Maria nicht gewesen, an der er mit jeder Faser seines Wesens hing, wäre der Abschied aus dem Jammertal, das sich Leben nannte, erheblich leichter zu bewerkstelligen gewesen.

»Gute Reise, alter Hurenbock – und pass auf dich auf!« Fehlte nur noch der letzte Handgriff, der ihn von der Welt der Schatten trennte. Doch wie um seiner zu spotten, ließ das Ende, welches er herbeisehnte, immer noch auf sich warten. Kaum war das Gesicht seines Bruders verschwunden, tauchte ein weiteres Gesicht in der schmalen Maueröffnung auf, leuchtete ihm mit der Kerze ins Gesicht und sprach: »Ich bin gekommen, um dir beizustehen, mein Sohn. Auf dass du, der du gesündigt hast, dereinst in Frieden ruhen mögest!«

Kurz darauf, am Ende eines quälend langen Vaterunsers, brach die Dunkelheit über Martin von Stettenberg herein. Anders als erhofft, ließ der Tod, dem er entgegenfieberte, jedoch bis nach Mitternacht auf sich warten.

So lange, dass ihm Zeit blieb, seine Familie bis ins letzte Glied zu verfluchen.

ACHTZEHN JAHRE SPÄTER

Media vita in morte sumus.

(Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.)

ERSTES KAPITEL

Gamburg im Taubertal, fünf Tage nach Mariä Empfängnis

(Montag, 13.12.1423)

2. Kapitel

Burgtor, zweieinhalb Stunden vor Sonnenaufgang; 05:37 h

Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. An dieses Sprichwort hatte er sich stets gehalten. Mochte das Wetter auch noch so widerwärtig, der Wind schneidend kalt und der Zeitpunkt für ein Schäferstündchen noch so ungewöhnlich sein. Wenn es um Weibsbilder ging, kannte er nichts.

Aber auch rein gar nichts.

Die Wangen gerötet vom Gelage, das ihn bis in die Morgenstunden in Atem gehalten hatte, zwängte sich Arnold von Stettenberg durch die Notpforte, welche in das Burgtor eingelassen war, blickte sich um und trat in die klirrend kalte Nacht hinaus. In der Eile hatte er vergessen, ein Windlicht mitzunehmen, aber das focht ihn jetzt, da die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, nicht an. Im Umkreis von zehn Meilen war er mit jedem Quadratzoll Boden vertraut, und da er nichts mehr fürchtete, als vor sich selbst als Hasenfuß dazustehen, schob er die Zweifel am Sinn seines Tuns beiseite. Einer wie er, der handfeste Auseinandersetzungen nicht scheute, kam zur Not auch ohne Laterne zurecht. Das war er sich und dem Ruf, der ihm vorauseilte, schuldig.

Es war dieser Ruf, der ihn in dem Irrglauben bestärkte, gegen Unbill jeglicher Art gefeit zu sein, wenngleich ihm sein Verstand riet, auf der Stelle umzukehren. Wie stets, wenn es um holde Maiden ging, zog dieser jedoch den Kürzeren, und so setzte er den Weg zum verabredeten Treffpunkt fort.

Unweit der Burg, von der nur noch die Silhouette des Bergfrieds zu erkennen war, verhielt der Junker seinen Schritt. Ein Windstoß, der ihm das Barett vom Kopf riss, fegte aus Nordost über den Bergsporn hinweg, doch war nicht er es, der ihn jäh innehalten ließ.

Bald näher, bald weiter entfernt durchdrang ein Heulen die mondhelle Nacht, so gellend, dass es einem durch Mark und Bein ging. Arnold von Stettenberg, der gefürchtetste Bauernschinder weit und breit, erstarrte. Noch war Zeit umzukehren, Zeit genug, sich hinter die wehrhaften Mauern seiner Burg zu flüchten. Für einen Mann wie ihn, der sich rühmte, es mit jedem noch so kampferprobten Haudegen aufzunehmen, kam dies jedoch nicht infrage. Rückzug wäre gleichbedeutend mit Kapitulation gewesen, und so setzte sich der 35-jährige und wider sonstige Gewohnheiten unbewaffnete Raufbold aufs Neue in Bewegung, durchquerte die Weinberge und strebte eiligen Schrittes dem Kammerforst zu.

Weit kam der bei Standesgenossen und Landvolk gleichermaßen in Misskredit stehende Herr der Gamburg jedoch nicht. Nach etwa einer Achtelmeile war ihm die Lust auf Minnefreuden vergangen, umso mehr, als er feststellte, dass die Tür der Jagdhütte, an die er klopfte, verschlossen war. Der Junker fluchte lauthals vor sich hin. Sage bloß keiner, dass auf die Weiber Verlass sei!, fuhr es ihm am Ende einer wahren Flut von Verwünschungen durch den Sinn, nachdem er sein Präsent, eine Kette billigster Machart, zornentbrannt ins Waldesdickicht geschleudert hatte.

Wenn überhaupt, war das Gegenteil der Fall.

Aber nicht mit ihm, schwor sich der Junker, nachdem er geraume Zeit vor der Hütte hin und her gestapft war. Nicht mit Arnold von Stettenberg. Die Metze, die ihm das eingebrockt hatte, würde seinen Zorn zu spüren bekommen, würde schon sehen, was es hieß, ihn zum Narren zu halten. Er war gewohnt, dass man sich seinem Willen fügte, und wer klug war, legte sich nicht mit ihm an.

In Gedanken bei der Weibsperson, bei der er sich für die erlittene Unbill schadlos halten würde, schreckte der Junker aus seinen Grübeleien auf. Erneut drang das unheilvolle Heulen an sein Ohr, viel näher und ungleich deutlicher als zuvor. Es verfehlte seine Wirkung nicht. Anders als vor einer halben Stunde kehrte er nämlich auf der Stelle um, wobei er sich einredete, dass nicht nur er so reagiert hätte.

Der wahre Grund für die Eile, welche der untersetzte Junker an den Tag legte, war ein gänzlich anderer. Arnold von Stettenberg hatte Angst, doch wäre er der Letzte gewesen, dies zuzugeben. Woher diese Angst kam, war ihm ein Rätsel, bildete er sich doch ein, ihm sei vor nichts und niemandem bange. Ob Rauferei, Händel mit den Nachbarn oder Streit in einer Schenke: Fersengeld zu geben, war für ihn nie eine Option gewesen.

Bis heute.

Heute, fünf Tage nach Mariä Empfängnis, war alles anders. Heute hatte es Streit bei Tisch gegeben, heute war er versetzt worden, und zu allem Unglück war heute auch noch der erste Schnee gefallen, wodurch er sich seine rindsledernen Schnabelschuhe ruiniert hatte. Vor allem hatte er am heutigen Tag eine bisher nie gekannte Gefühlsregung verspürt: Furcht.

Lähmende, durch nichts zu beschwichtigende Furcht.

Es war diese Regung, die ihn veranlasste, den Rest des Weges im Laufschritt zu absolvieren. Das Heulen im Ohr, das mit jedem Schritt, den er zurücklegte, näher kam, stolperte der bezechte Hüne durch die Nacht. Doch die Burg, welche er bereits unweit wähnte, wollte und wollte nicht auftauchen. Wohin er sich auch wandte, was er auch tat, wie sehr er sich seiner Torheit wegen auch verfluchte – es war vergebens. Ein Dämon hatte sich an seine Fersen geheftet, ein Höllenwesen, gegen das es keine Gegenwehr gab.

Nur einen Steinwurf vom Burgtor entfernt, welches just in diesem Moment auftauchte, blieb Arnold von Stettenberg stehen. Dann griff er in seine Tasche, um den Schlüssel für die Notpforte hervorzukramen.

Dass es bei diesem Vorsatz blieb, hatte nichts mit fehlender Gewandtheit zu tun. Es lag daran, dass der Junker spürte, wie er beobachtet wurde.

Von wem, konnte er sich denken.

Aber nur beinahe.

Solange er zurückdenken konnte – mehr als drei Dezennien, um genau zu sein – hatte er eine Bestie wie die, welche hinter ihm aus der Finsternis auftauchte, noch nicht gesehen. Wölfe hatte er bereits mehrere erlegt, und wenn der Winter streng war, konnte man beobachten, wie sie den Rand des Kammerforstes durchstreiften. So nah wie heute waren die grauen Biester jedoch noch nie gekommen, und er fragte sich, welche Laune des Schicksals dafür verantwortlich war.

Den Mund halb offen, aus dem ein schmaler Speichelfaden rann, mühte sich der Junker darum, keine Furcht zu zeigen. Vergebens. Der Anblick, welcher sich ihm bot, hätte selbst hartgesottenere Naturen in die Flucht geschlagen, auch solche, die mit Axt, Streitkolben oder Schwert bewehrt gewesen wären. Dass dem nicht so war, wurde dem Junker einmal mehr bewusst, und er überlegte fieberhaft, wie er sich seiner Haut erwehren sollte.

Eine Frage, welche sich zu erübrigen schien. Schien es sich bei näherem Hinsehen jedoch weniger um einen Wolf, sondern um ein dem Höllenschlund entstiegenes Scheusal zu handeln. Wölfe waren von Natur aus scheu, und für den Fall, dass es der Hunger war, der sie in die Nähe menschlicher Behausungen trieb, traten sie in Rudeln auf. Ganz anders das Ungetüm, welches so Furcht einflößend wirkte, dass ihm der Gedanke kam, Opfer einer Sinnestäuschung zu sein. Mit Wölfen, wie er sie kannte, hatte dieses Höllenwesen nur das Knurren gemein, und selbst dieses war so grauenerregend, dass ihm das Blut in den Adern gefror.

Da war es wieder, das nie gekannte Gefühl, welches zartbesaitete Zeitgenossen als Furcht bezeichneten. Nur noch wenige Schritte von der Bestie entfernt, wie man sie sonst nur auf Darstellungen des Jüngsten Gerichts erblickte, schlug die Angst des Junkers in Panik um. Widerstand, so schien es, war zwecklos, ein Fluchtversuch so gut wie unmöglich. Wie die Dinge lagen, würde er es nicht einmal bis zum Burgtor schaffen, und was geschah, wenn er Reißaus nähme, versuchte er sich erst gar nicht vorzustellen.

Blieb also nur, sich ins Unvermeidliche zu fügen und seine Haut, so gut es ging, zu Markte zu tragen. Darauf gefasst, binnen Kurzem in Stücke gerissen zu werden, blieb der Junker wie festgewurzelt stehen, die Hand, mit der so mancher Widersacher niedergestreckt worden war, schützend vor dem Gesicht. Am heutigen Tag jedoch würde sie ihm nichts nützen, nicht lange, bis sie mit seinem Blut besudelt wäre.

Noch war es jedoch nicht so weit. Noch rührte sich das Höllenwesen, dessen Pranken tiefe Spuren im Schnee hinterlassen hatten, nicht vom Fleck. Starr vor Angst, konnte der Junker seine Notdurft nicht mehr halten, und wie er die Bestie so anstarrte, wurde ihm bewusst, wie lächerlich er wirkte. Jetzt mach schon!, fuhr es ihm durch den Sinn, während das Monstrum, welches ihm wie ein Sendbote Luzifers erschien, unschlüssig auf der Stelle verharrte. Mach ein Ende, Drecksvieh, bringen wir’s hinter uns!

Sein Wunsch, so flehentlich er auch war, ging jedoch nicht in Erfüllung. Noch nicht. Anscheinend konnte die Bestie Gedanken lesen, sie schien es mit dem, wonach ihr Instinkt verlangte, nicht eilig zu haben.

Was folgte, schien die Mutmaßung des Junkers zu bestätigen. Das Ungetüm fiel nicht etwa über Arnold her, sondern gab sich damit zufrieden, ihn zu belauern. Dann, eine halbe Ewigkeit später, stellte es sich auf die Hinterbeine, legte den Kopf in den Nacken und gab ein weithin hörbares Heulen von sich. Außer dem Wind, der durch die Äste der nahen Eiche fuhr, war dies das einzige Geräusch weit und breit, und den Junker beschlich das Gefühl, dass die Zeit stehengeblieben war.

Dass der Schein trog, wurde ihm klar, als sich der Wolf, der sämtliche Artgenossen in den Schatten stellte, langsam in Bewegung setzte. Schon glaubte der Hüne, seine letzte Stunde habe geschlagen, aber anders als erwartet wich ihm die Bestie aus, schlug einen Haken und begann, ihn im weiten Bogen zu umkreisen. Unfähig, klar zu denken, ließ der Junker das schreckliche Wesen nicht aus den Augen, und obwohl er sich dagegen sträubte, tauchte ein Bild vor seinem inneren Auge auf. Ausgerechnet jetzt, im Angesicht des Scheusals, das ein diabolisches Spiel mit ihm trieb. Ein Bild, an das er jetzt, da sein Leben auf Messers Schneide stand, ganz bestimmt nicht erinnert werden wollte.

Halb wahnsinnig vor Furcht, mühte er sich, die Traumgesichte zu vertreiben. Doch er mühte sich vergebens. Auf einmal war es wieder Sommer, und er, Arnold, ein Knabe von zehn Jahren. Vor ihm, zum Greifen nah, lag der zerfetzte Körper eines Jungen aus dem Nachbardorf, genau der Junge, welcher vom Bluthund seines Vaters in Stücke gerissen worden war. Es war ein schmächtiger Körper, der da lag, übersät mit Bisswunden, aus denen Ströme von Blut flossen. Ein Lächeln auf den Lippen, sprang Arnold von Stettenberg aus dem Sattel, begleitet vom Hohngelächter des Vaters, das auf seinen Bruder Martin gemünzt war. Wieder einmal hatte jener gekniffen, was ihm, dem Jüngeren, nur recht sein konnte. Verschaffte es ihm doch die Gelegenheit, den verhassten Weichling zu demütigen – öffentlich, vor aller Augen.

Ein Gefühl unbändigen Triumphs im Leib, sah sich der jüngste Spross derer von Stettenberg um. Sah die Gesichter, die sich ihm zuwandten. Die jeden seiner Schritte, jede Bewegung, jede noch so beiläufig erscheinende Geste verfolgten. Die zusahen, wie er näher trat, ausspie, lächelte, den leblosen Körper an der Schulter packte, um ihn umzudrehen – und mit schreckgeweiteten Augen zurückprallte.

Es war dieses Gesicht, das der Junker in diesem Moment sah. Das Gesicht eines Heranwachsenden, dessen Züge so entstellt waren, dass er sie kaum wiedererkannte. Und es war jene Stimme, die er plötzlich hörte, tief, durchdringend und so markerschütternd, dass die Wände des Talgrundes davon widerhallten. »Wo ist dein Bruder Abel?«, sprach sie, und obwohl er sich die Ohren zuhielt, bohrte sie sich wie ein Stilett in seinen Gehörgang hinein.

»Ich weiß nicht!«, antwortete er, »soll ich meines Bruders Hüter sein?«

Die Stimme indes ließ sich nicht besänftigen. »Was hast du getan?«, polterte sie, um ein Vielfaches lauter als zuvor. »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde!«

Der Angesprochene ließ den Kopf hängen und schwieg. Doch wenn er geglaubt hatte, die Tortur sei beendet, irrte er. Kaum war die Stimme verhallt, begann sie aufs Neue, ergoss sich ein wahrer Hagel von Flüchen über ihn. Verwünschung folgte auf Verwünschung, Fluchwort auf Fluchwort, Schmähung auf Schmähung. Und dann, nur wenige Armlängen von ihm entfernt, war plötzlich ein anderer Laut zu hören, kaum vernehmbar zunächst, doch so bedrohlich, dass er ihn endgültig um den Verstand brachte.

Erst jetzt, da das Knurren, welches der einsame Jäger von sich gab, weithin hörbar durch die verschneiten Weinberge hallte, fasste sich Arnold von Stettenberg ein Herz, wirbelte herum und rannte, wie von Furien gehetzt, auf das Burgtor zu.

Das Ziel, auf das er zustürmte, schon zum Greifen nah, wurde der Gejagte zu Boden gerissen, und der Schrei, den er dabei ausstieß, war so grässlich, dass er wie ein Menetekel durch die sturmdurchtoste Winternacht hallte.

ZWEITES KAPITEL

Müßiggang ist die Quelle schlechter Begierden.

[Bernhard von Clairvaux (ca. 1090 – 1153), französischer Zisterzienserabt und Theologe]

3. Kapitel

Kloster Bronnbach im Taubertal, unmittelbar nach der Morgenmesse; 09:15 h

»Bei allem Respekt, Vater Abt«, beschied Bruder Hilpert seinen Gesprächspartner, der neben ihm vor dem Kamin in der Wärmestube stand, »es wird Zeit, dass ich nach Maulbronn zurückkehre. Das bin ich Vater Al­brecht, Eurem Amtsbruder, schuldig. Mir wurde aufgetragen, spätestens am vierten Advent zu Hause zu sein. Und da Gehorsam oberste Pflicht ist, bin ich gehalten, mich in Demut zu üben.«

Abt Johannes IV. Siegemann, nur um wenige Wochen älter als der 43-jährige Bibliothekarius, der ihm einen Anstandsbesuch abgestattet hatte, konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. »Wollt Ihr denn, Bruder?«, fragte er, wobei er sich aus Hochachtung gegenüber dem berühmten Inquisitor der Höflichkeitsform bediente. »Wie man hört, habt Ihr während der vergangenen sieben Jahre mehr Zeit außerhalb der Klostermauern als in der Bibliothek Eures Heimatklosters zugebracht.«

Der hagere, fast vollständig ergraute und mit dem Habit des Zisterzienserordens bekleidete Ordensbruder nickte. »Ich fürchte, da kann ich Euch nicht widersprechen, Vater Abt«, räumte er unumwunden ein, nicht ohne dem um einen Kopf kleineren und um einiges korpulenteren Klostervorsteher einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. »Allein schon aus diesem Grund gibt es kein Säumen mehr für mich. Der Wunsch meines Abtes ist mir allzeit Befehl.«

Der Abt, ein profunder Menschenkenner, der über die Grillen seiner Mitbrüder geflissentlich hinwegsah, ließ jedoch nicht locker. »Das beantwortet nicht meine Frage!«, stichelte er, die Hände ausgestreckt, um sie über der prasselnden Glut zu wärmen. »Bedenkt man, in welch schwindelerregende Höhen Eure Reputation als Spürnase mittlerweile gestiegen ist, stellt sich mir die Frage, ob Ihr dem Wunsch Eures Abtes aus freien Stücken folgt.«

»Primus humilitatis gradus est oboedientia sine mora!«, gab Bruder Hilpert zur Antwort, wobei ihm die Verlegenheit, welche ihn ergriff, deutlich anzumerken war. »Um ehrlich zu sein, Vater: Natürlich ist es eine Passion von mir, die Welt von Bösewichten jeglicher Art und Herkunft zu befreien. Dass ich dabei zu Ruhm und Ansehen gelangt bin, war gewiss nicht mein Ziel.«

»Sondern?«

»Wie gesagt: All mein Trachten war – und ist – darauf gerichtet, das Böse vom Angesicht des Erdenrunds zu tilgen und dem Guten, soweit es in meiner Kraft steht, zum Sieg zu verhelfen. Mehr wollte und will ich nicht erreichen.«

»Findet Ihr nicht, es ist Aufgabe des Herrn, hierfür Sorge zu tragen?«

»Gewiss doch!«, beeilte sich Bruder Hilpert zu antworten, in der Absicht, die leidige Diskussion zu beenden. »Bin ich doch stets – wie im Übrigen wir alle – nur ein einfacher Arbeiter in seinem Weinberg gewesen. Bemüht, ihm in jeder nur erdenklichen Weise zu dienen.«

Abt Johannes lachte in sich hinein. »Stellt Ihr Euer Licht nicht ein wenig unter den Scheffel, Bruder?«, frotzelte er und ließ den Blick durch das Kalefaktorium schweifen, welches sich nach und nach zu leeren begann. In Kürze würde die allmorgendliche Vollversammlung beginnen, weswegen sich die Angehörigen des Konvents auf den Weg in den Kapitelsaal machten. Das Unbehagen, für den Rest des Tages mit unbeheizten Räumen vorlieb nehmen zu müssen, konnten nur die wenigsten verbergen, war die Zeitspanne, während der sie sich aufwärmen durften, doch denkbar knapp bemessen. »Herkunft aus adeligem Haus, Trivium an der Sorbonne in Paris, Studium der Theologie und Rechtskunde in Rom, Inquisitor und Visitator, zuletzt Bibliothekarius – ich wüsste nicht, was es da zu verschweigen gäbe.«

»Hochmut kommt vor dem Fall, oder sehe ich das etwa falsch, Vater?«

»Nein, das seht Ihr völlig richtig. Aber ich denke, Ihr müsst akzeptieren, dass Ihr kein Bruder wie jeder andere seid.«

»Gerade weil ich das nicht sein will, Vater, möchte ich so schnell wie irgend möglich nach Hause.« Bruder Hilperts ohnehin viel zu blasses Gesicht wurde noch bleicher als sonst, und während er sprach, legte sich ein Schatten über sein hohlwangiges Gesicht. »Was mich betrifft, habe ich in so viele Abgründe blicken müssen, dass ich es nicht abwarten kann, daheim in meinen vier Wänden zu sein.«

»Und was ist mit Eurem Freund, Vogt Berengar? Ohne Euch wird ihm mit Sicherheit langweilig werden.«

»Ihr vergesst, Vater, dass er mittlerweile Familie hat.« Die Gesichtszüge des Bibliothekarius entspannten sich. »Das hält ihn ordentlich auf Trab, allen voran seine Tochter.«

»Wie alt ist sie denn?«

»Isabella? Fünf.« Bruder Hilpert konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. »Und ein richtiger kleiner Wirbelwind.«

»Der arme Vogt.« Der Abt kicherte amüsiert. »Richtet ihm aus, ich bin jederzeit bereit, ihm Asyl zu gewähren.«

»Zu gütig, Vater«, zahlte Bruder Hilpert mit gleicher Münze heim, dem eine Vorliebe für launige Bemerkungen nachgesagt wurde, »aber ich denke, das wird nicht nötig sein. Wie ich bei meinem Besuch feststellen konnte, kann das alte Raubein seiner Kleinen keinen Wunsch abschlagen. Und das gilt auch für seine Frau.«

»Berengar von Gamburg als treu sorgender Familienvater – wer hätte das gedacht.«

»Kein Mensch, Vater, meine Wenigkeit mit eingeschlossen.« Bruder Hilpert lächelte stillvergnügt vor sich hin. »Unter uns, Vater: Er war überhaupt nicht begeistert, als der Graf ihn beauftragte, an seiner statt am Festbankett auf der Gamburg teilzunehmen. Aber was soll man machen! Pflicht ist nun einmal Pflicht, selbst dann, wenn es sich um den Geburtstag eines entfernten – und obendrein ungeliebten – Verwandten handelt.«

»Kann ich verstehen.«

Bruder Hilpert, der seine Überraschung nicht verhehlen konnte, blitzte den Abt aus dem Augenwinkel an. »Darf man fragen, wie das gemeint ist?«

Johannes IV. Siegemann nickte. »Man darf. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Bruder: Auch bei mir ist Arnold von Stettenberg nicht unbedingt wohlgelitten.« Um zu zeigen, wie ernst ihm war, legte der Abt eine Kunstpause ein. Dann dämpfte er die Stimme und sagte: »Höflich ausgedrückt.«

»Ich nehme an, Ihr habt Eure Gründe?«

»Und ob ich die habe, Herr Inquisitor«, pflichtete der Abt dem Bibliothekarius bei, der so tat, als habe er den lauernden Unterton nicht bemerkt. »Formulieren wir es einmal so: Zwischen Bischofsheim und Wertheim ist mir niemand bekannt, der ein Wort des Lobes für den Junker übrig hätte.«

»Gut zu wissen, dass Ihr die Antipathie meines Freundes teilt.«

»Antipathie?« Mit der Gelassenheit, welche der Abt bisher ausgestrahlt hatte, war es auf einen Schlag vorbei. »Ihr beliebt zu scherzen, Bruder!«

»Keineswegs.«

»Falls ja, wäre es auch nicht angebracht gewesen.« Der Klostervorsteher rang nach Worten. »Alles, was recht ist, Bruder Hilpert, wäre ich nicht Abt, würden mir noch ganz andere Bezeichnungen über die Lippen kommen. Wisst Ihr, wie ihn die Leute nennen?«

Bruder Hilpert deutete ein Kopfschütteln an.

»Bauernschinder!« Einmal in Fahrt, war Johannes IV. Siegemann nicht zu bremsen. »Und soll ich Euch etwas sagen, Bruder? Ich finde, die Leute haben recht. Seit ich Abt dieses Klosters bin, vergeht kein Jahr, in dem es nicht gleich mehrfach Zank und Hader gegeben hat. Doch was auch geschieht, sein Lehnsherr, der Erzbischof von Mainz, will nichts davon hören.«

»Und …«

»Die anderen Herren von Stand, meint Ihr? Nun, was das betrifft, herrscht weitgehend Einmütigkeit. Will heißen: Niemand will etwas mit ihm zu tun haben.«

»Und das bei einem Mann, der aus einer der vornehmsten Familien im Taubergrund stammt?«

»Auf die Gefahr, mir den Mund zu verbrennen, Bruder: Mir scheint, die Gamburg samt ihren Bewohnern hat ihre beste Zeit längst hinter sich. Im glorreichen zwölften Säkulum, zu Zeiten eines Friedrich Barbarossa, mögen sie meinetwegen eine gewisse Rolle gespielt haben. Und natürlich darf man nicht vergessen, dass der hiesige Konvent einem Namensvetter Eures Freundes die großzügige Schenkung zu verdanken hat, durch die der Bau dieses Klosters überhaupt erst möglich wurde.«

»Dennoch: Ich denke, man sollte Leute wie diesen Arnold nicht unterschätzen.«

»Recte, Bruder! Schon gar nicht, wenn man wie wir mit den Wölfen heulen muss.« Der Abt seufzte aus tiefster Seele. »Hier die Grafen von Wertheim, die sich den Schutz, welchen sie uns gewähren, teuer entlohnen lassen, dort der Erzbischof von Mainz, der seine Fühler nach dem Taubergrund ausstreckt und mit dem Bischof von Würzburg, der uns lieber heute als morgen unter Kuratel stellen würde, in unlauterem Wettbewerb steht – und dann auch noch Arnold von Stettenberg, der keine Gelegenheit auslässt, Zank, Hader und allerlei Händel zu stiften. Wenn das kein Grund zur Besorgnis ist, weiß ich auch nicht mehr.«

»Der Bischof von Würzburg – ein raffgieriger Patron? Ich muss doch sehr bitten, Vater!«

Abt Johannes musste wider Willen schmunzeln. »Bei aller Liebe für Euren Hang zur Ironie, Bruder: Was unsere Lage betrifft, kann einem das Lachen schon vergehen.«

»Bedeutet: Was die Umtriebe eines Arnold von Stettenberg betrifft, neigt Ihr dazu, ein Auge zuzudrücken.«

»Ihr habt es erfasst, Bruder. Falls möglich, ziehe ich es vor, Ärger aus dem Weg zu gehen.«

»Der Grund, weshalb Ihr Eurem Prior aufgetragen habt, die Glückwünsche des Konvents zu überbringen?«

Kalt erwischt, hatte der Abt Mühe, die Sprache wiederzufinden. »Wisst Ihr, was ich so an Euch schätze, Bruder?«, begann er geraume Zeit später und wandte sich seinem frierenden Nebenmann zu. »Ihr seid stets für eine Überraschung gut.«

Bruder Hilpert deutete eine Verneigung an.

»Darf man fragen, um wen es sich bei Eurem Ohrenbläser handelt?«

»Gegenfrage: Was spricht dagegen, stets über alles auf dem Laufenden zu sein?«

»Einmal Inquisitor, immer Inquisitor – verstehe.« Ohne die Verblüffung, welche ihn beschlich, allzu deutlich werden zu lassen, setzte der Abt die für ihn typische joviale Miene auf. »Ich muss schon sagen, Bruder: An Euch ist wirklich ein Abt verloren gegangen.«

»Zu viel der Ehre, Vater – kein Bedarf.«

»Und wie wäre es mit dem Amt des Bibliothekarius? Einen wie Euch könnten wir hier gut gebrauchen.«

»Eine interessante Idee, Vater, aber ich fürchte, ich muss auch diese Offerte ablehnen.«

»Auf gut Deutsch: Euer Entschluss steht fest.«