Die entscheidende Aussprache - A. F. Morland - darmowy ebook

Die entscheidende Aussprache ebook

A. F. Morland

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Arztroman von A. F. Morland Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten. Die Schriftstellerin Marlene Locker ist am Ende ihrer Kräfte. Ihr Geliebter Xaver Glaser verlangt etwas Unglaubliches von ihr. Sie soll aus Liebe eine Straftat begehen, die viel Geld einbringen soll. Wird die Frau blind ihrem Herzen folgen?

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A. F. Morland

Die entscheidende Aussprache

Arztroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Die entscheidende Aussprache

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Die Schriftstellerin Marlene Locker ist am Ende ihrer Kräfte.

Ihr Geliebter Xaver Glaser verlangt etwas Unglaubliches von ihr. Sie soll aus Liebe eine Straftat begehen, die viel Geld einbringen soll. Wird die Frau blind ihrem Herzen folgen?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

 

Cover by pixabay 2016

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Oliver Behrmann- Eine Überraschung am Tag seiner Silberhochzeit kostet ihn fast das Leben.

Dieter Relin - Erst nach dem Tod seiner geliebten Mutter erfährt er den Namen seines Vaters.

Marlene Locker - Ihre Liebe zu einem viel jüngeren Mann bringt sie in Schwierigkeiten.

Xaver Glaser - Als Liebhaber ist er großartig, aber als Mensch taugt er überhaupt nichts.

Gabriel Krüss - Der Literaturagent begreift nicht, warum sich Marlene so sehr erniedrigen lässt.

Sowie Chefarzt Dr. Richard Berends, seine Frau Charlotte und das Team der Wiesen-Klinik.

1

Für eine Frau, die beschlossen hatte, sich das Leben zu nehmen, war Flora Relin erstaunlich ruhig.

Sie blickte sich um und nickte. Es herrschte wie immer peinliche Ordnung in der kleinen Wohnung. Sie hatte ein letztes Mal aufgeräumt, alles stand an seinem gewohnten Platz, Zeitungen und Zeitschriften lagen fein säuberlich gestapelt auf dem gläsernen Lesetisch, die Bücher standen im Schrank, auf dem Teppich war kein Staubfusselchen zu finden ...

Das Wohnzimmer war nicht teuer, aber nett und geschmackvoll eingerichtet. Der Raum verfügte über eine behagliche Atmosphäre. Flora Relin hatte sich Mühe gegeben, ihr Heim trotz der kargen finanziellen Mittel, die ihr zur Verfügung standen, mit Gemütlichkeit auszustatten und das war ihr auch gelungen. Mit sanften Pastelltönen hatte sie eine wohlige Weichheit erzielt, in die der Gast sich gern hinein sinken ließ.

»Aus der Traum«, sagte sie leise und zuckte in tiefer Resignation mit den Schultern. »Ich kann nicht mehr, bin mit meiner Kraft am Ende.«

Vierzig Jahre war sie erst, aber sie sah älter aus. Ihre Schönheit verblasste schon mit dreißig. Heute wies ihre Haut unzählige Fältchen auf - eine Blume, die welk geworden war. Andere Frauen in ihrem Alter sahen noch beneidenswert jung und gesund aus, aber die hatten mehr Zeit und Geld, sich zu pflegen und sie mussten nicht so schwer schuften, denn sie hatten einen Rückhalt, den Verdienst ihres Ehemannes. Wenn ihnen etwas nicht passte, kündigten sie, schließlich hatten sie es nicht nötig, um jeden Preis zu arbeiten.

Flora Relin jedoch musste sich alles gefallen lassen, denn sie war auf das Geld, das sie verdiente, angewiesen. Ihr Chef hatte das gewusst und sich dementsprechend schäbig verhalten. Oft hatte sie in ihrer Hilflosigkeit geweint, doch niemand hatte sie getröstet.

Und nun konnte sie nicht mehr. Jeder Mensch hat eine Schmerzgrenze und die war bei Flora Relin nicht nur erreicht, sondern bereits überschritten. Sie war des Kämpfens müde und wollte endlich Ruhe. Im Tod würde sie sie finden.

Dieter wird mich verstehen, dachte sie mit gefurchter Stirn. Er war ihr Sohn. Dieter ist ein guter Junge. Es tut mir leid, ihn so enttäuschen zu müssen, aber das Leben hat mich ausgelaugt, ich bin leer und verbraucht. Von einer solchen Mutter hätte er ohnedies nichts mehr und ich möchte kein Klotz an seinem Bein sein.

Sie hatte einen Abschiedsbrief geschrieben, in dem sie Dieter zu erklären versuchte, weshalb sie sich zu diesem Schritt entschlossen hatte. Der blütenweiße Umschlag lag bereits auf dem Nachttisch neben ihrem Bett. »Für meinen geliebten Sohn« stand in gestochen scharfer Schrift darauf.

Es wird ein schlimmer Schock für ihn sein, ging es der Frau durch den Kopf. Ich hätte ihn ihm gern erspart, aber leider .. . Die Umstände sind gegen uns, Dieter. Du musst stark sein und du musst deiner armen, vom Leben enttäuschten Mutter verzeihen.

Sie hatte Rotwein getrunken, weil sie wusste, dass Alkohol die Wirkung des Barbiturats erhöhte. Sie wollte sicher sein, dass es klappte. Es durfte keine Panne geben und sie wollte auf keinen Fall gerettet werden, denn das wäre zu schmachvoll für sie gewesen. Die vielen Fragen hinterher, die unzähligen Vorwürfe... Sie hätte das nicht ertragen.

Sie begab sich in die Küche und schenkte sich noch ein Glas ein. Der fruchtig schmeckende Wein funkelte rubinrot Er war teuer gewesen und er war stark. Flora Relin, die so gut wie nie Alkohol trank, spürte ihn schon im Kopf. Er würde es ihr leicht machen, diese feindselige Welt zu verlassen.

Sie trank einen großen Schluck und holte anschließend die Schlaftabletten. Phanodorm stand auf der Packung. Es ist soweit, sagte sich die verzweifelte Frau und es gibt kein Zurück.

Die Überdosis im Magen, spülte sie noch das Glas, trocknete es ab und

stellte es in den Schrank. Den restlichen Wein leerte sie in den Ausguss. Anschließend begab sie sich in ihr Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit ließ sie die Tür heute offen. Gespannt lauschte sie in sich hinein. Wie würde es sein? Würde es weh tun?

Du bist nicht die erste, die es tut und du wirst nicht die letzte sein, dachte sie. Es wird immer wieder einen verzweifelten Menschen geben, der an den schroffen Klippen des rauen Lebens zerbricht.

Die Frau verschränkte die Finger, eine Hand hielt die andere fest. Ihr dunkles Haar, das mit Silberfäden durchzogen war, war korrekt gekämmt. Niemand sollte an ihr etwas auszusetzen haben, wenn sie gefunden wurde.

Adieu, du grausame, mitleidlose Welt, ging es ihr durch den Kopf. Nur die Harten, Starken überleben. Für Menschen wie mich ist kein Platz. Es ist die natürliche Auslese, der ich zum Opfer falle.

Sie empfand darüber keine Trauer. Sie sah ein, dass das für den Fortbestand der menschlichen Rasse wichtig war. Wenn auch die Weichlinge überlebt hätten, wäre die Welt bald dem Untergang geweiht gewesen.

Nein, es hatte schon alles seine Richtigkeit.

Müdigkeit stellte sich ein. Flora Relin konnte kaum noch die Augen offenhalten. Sie wehrte sich nicht, schloss die Lider und merkte, dass ein seltsam taubes Gefühl von ihr Besitz ergriff.

Habe keine Angst, sagte sie sich. Der Tod wird dich ganz sanft in seine Arme nehmen. Du wirst es kaum merken. Er muss schon im Zimmer sein. Jetzt kommt er näher. Wenn du die Augen öffnest, kannst du ihn sehen.

Aber sie ließ die Augen geschlossen.

Und sie ließ alles mit sich geschehen.

2

Dieter Relin stieg aus dem verbeulten Kleinwagen seines Freundes Hans Schnabel. Sie studierten beide Jura. Dieter mit mehr, Hans mit weniger Erfolg. Das kam daher, weil Hans das Studium nicht so tierisch ernst nahm.

»Hast du am Wochenende Zeit?«, fragte Hans.

»Wofür?«, entgegnete der Freund.

»Wofür, wofür. Bestimmt nicht, um dicke Bücher zu wälzen.«, Hans grinste. »Da wälze ich schon lieber ein schlankes Mädchen.« Er sah gut aus, die Frauen mochten ihn. Er kam mit seiner unbeschwerten, sympathischen Art überall an. »Ich treibe zwei heiße Bräute auf und wir fahren mit ihnen irgendwohin. Was hältst du von meinem Vorschlag?«

Dieter lächelte. »Hört sich verlockend an.«

Der schwarzhaarige Hans strahlte. »Du bist dabei?«, fragte er begeistert.

»Das habe ich nicht gesagt.«

Hans war sichtlich verwirrt. »Aber du sagtest doch eben ...«

»Dass es sich verlockend anhört. Mehr nicht. Du musst besser aufpassen, wenn jemand mit dir redet. Das ist sehr wichtig für einen guten Juristen.«

»Zum Teufel damit. Ich lebe nur einmal und ich will meinen Spaß haben. Nun komm schon, lass dich nicht bitten. Der Ausflug kostet dich keinen Groschen. Treibstoff, Essen und Getränke bezahle ich. Du brauchst lediglich dabei zu sein und es dir gutgehen zu lassen.«

Dieter schüttelte den Kopf. »Tut mir

leid, Hans, ich kann nicht. Ich muss lernen.«

Hans Schnabel schaute seinen Freund entgeistert an. »Am Wochenende? Bist du verrückt? Hast du noch nie davon gehört, dass man den Tag des Herrn heiligen muss? Da kann man doch nicht arbeiten.« Er sagte das so, als würde er von etwas ganz Verwerflichem sprechen.

Der blonde Dieter grinste. »Du wirst einen anderen Begleiter finden. Ich mache mir um dich keine Sorgen.«

»Aber ich mache mir welche um dich, Junge. Wer sogar am Sonntag arbeitet, ist sehr bald reif für die Klapsmühle.«

Hans hatte leicht reden. Seine Eltern waren zwar nicht reich, aber immerhin wohlhabend. Was immer er haben wollte, er bekam es von ihnen, vorausgesetzt es überstieg nicht den Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Bei Dieter sah das anders aus. Er hatte nur seine Mutter und die verdiente nicht besonders viel in dieser veralteten staubigen Auskunftei. Wenn möglich, arbeitete er neben dem Studium. Jeden Job nahm er an. Er trug Werbematerial aus, verkaufte Zeitschriftenabonnements und reparierte für Bekannte Elektrogeräte.

Einen Windstoß zerwühlte Dieters Frisur. Er strich sich das seidige Haar aus der Stirn. »Vielleicht ein andermal.«

»Das habe ich schon zu oft von dir gehört!«, maulte Hans Schnabel. »Das lasse ich nicht mehr gelten. Wenn du ein wahrer Freund bist, lässt du mich am Wochenende nicht hängen. Was soll ich denn mit zwei Bräuten?«

Dieter zuckte mit den Achseln. »Du kommst schon irgendwie mit ihnen klar, bist doch in diesen Dingen erfahren. Außerdem ... Wer sagt, dass du zwei Frauen bitten sollst, mit dir übers Wochenende wegzufahren?«

Hans feixte. »Ich dachte an Baby Rohm, dieses üppige Superweibchen. Leider unternimmt sie nichts ohne ihre Freundin Mady Liebherr, wie du weißt. Wer Baby einlädt, muss damit rechnen, dass sie mit Mady antanzt und die muss jemand beschäftigen, klaro?«

»Diesen Gefallen würde dir Albert Redlich mit Vergnügen tun.«

»Du hast sie wohl nicht alle. Albert Redlich würde alle Anstrengungen unternehmen, mir Baby Rohm auszuspannen.«

»Bliebe immer noch Mady Liebherr für dich«, sagte Dieter amüsiert. Er wusste, dass sein Freund für diese junge Frau absolut nichts übrig hatte.

»Junge, es tut mir schrecklich leid, das konstatieren zu müssen, aber deine Mutter scheint dich zu heiß gebadet zu haben, als du noch ganz klein warst. Ehe ich mit Mady Liebherr etwas anfange, gehe ich lieber ins Kloster.«

»Zu den Nonnen?«

»Zu den Mönchen, du Schafskopf, Den strengsten Orden würde ich akzeptieren.«

»Ich weiß nicht, was du gegen Mady Liebherr hast«, sagte Dieter grinsend. »Sie ist eine überaus hübsche Frau.«

»Das ist sie unbestritten, aber ich kann sie trotzdem nicht ausstehen. Frage mich nicht, warum. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist etwas dran an der Theorie, dass zwei Menschen dieselbe Wellenlänge haben müssen, damit es funkt.«

»Solltest du niemanden auftreiben, der Mady Liebherr beschäftigt...«

»Kann ich auf dich zählen!«, sagte Hans Schnabel sofort.

»... kannst du ausnahmsweise mal einen Blick in die Skripten werfen«, vollendete Dieter seinen Satz.

»Du willst mich wohl zu deinem Feind machen!«

»Sage bloß, du hättest diesen Blick nicht nötig.«

»Nicht am Wochenende, da habe ich etwas anderes nötiger, schließlich bin ich ein junger gesunder normal veranlagter Mann«

Hinter dem verbeulten Kleinwagen dröhnte eine Hupe. Hans Schnabel stand im Halteverbot, war also im Unrecht, doch das störte ihn nicht, die Faust zu schütteln und zu schimpfen, »Ja, ja, du Idiot. Man wird doch wohl noch ein paar Worte mit seinem Freund wechseln dürfen.«

Der andere hupte wieder.

»Dem sollte man die Hupe abmontieren!«, ärgerte sich Hans Schnabel. »Hör zu, wir verbleiben so: Es sind ja noch ein paar Tage hin bis zum Wochenende. Du lässt dir die Geschichte durch den Kopf gehen und gibst mir am Freitag Bescheid. Einverstanden?«

»Einverstanden«, antwortete Dieter, obwohl er heute schon wusste, dass er dann dasselbe wie heute sagen würde. Er wollte lediglich erreichen, dass sein Freund weiterfuhr.

»Also dann!«, Hans winkte. »Tschüss! Oder: Adios, wie die Russen sagen.«

»Knallschote«, gab Dieter grinsend zurück und Hans brauste los.

Kopfschüttelnd sah ihm Dieter nach. Hans war ein bisschen verrückt, aber sehr nett und hilfsbereit. Dieter konnte von ihm alles haben. Seit fast zehn Jahren waren sie nun schon miteinander befreundet und hatten so manches erlebt. Dass es Hans Schnabel in seinem Leben plötzlich nicht mehr gab, konnte sich Dieter unmöglich vorstellen.

3

Dieter Relin schloss die Wohnungstür auf und trat ein. »Ich bin da!«, rief er wie immer, wenn er heimkam. Zumeist trat seine Mutter um diese Zeit aus der Küche und begrüßte ihn mit einem warmen Lächeln und einem sanften Kuss auf die Wange, doch heute erschien sie nicht.

Für Dieter war das kein Grund, sich zu sorgen. Seine Mutter konnte Überstunden machen, im Supermarkt oder bei Bekannten sein.

Es war eigenartig still in der kleinen Wohnung, nicht so, wie sonst, sondern irgendwie anders. Unruhe keimte in Dieter auf. In letzter Zeit hatte seine Mutter Sorgen gehabt. Sie hatte nie darüber gesprochen, aber er hatte es ihr angesehen.

Vielleicht gab es Schwierigkeiten in der Firma. Er hatte mehrmals versucht, seine Mutter zu veranlassen, mit ihm über ihre Probleme zu reden, doch sie hatte stets erwidert: »Es ist nichts, womit ich nicht allein fertig werde. Konzentriere dich auf dein Studium und belaste dich nicht mit meinen Angelegenheiten.«

Sie schirmte ihn weitgehend ab. Nichts sollte sein Studium negativ beeinflussen. Sie nahm alles, was ihn belastet hätte, auf ihre schmalen Schultern und manchmal fragte sich Dieter, wie lange diese zarte Frau das noch aushalten würde. Sie opferte sich für ihn auf. Er wollte das nicht, aber es war ihm nicht möglich, sie davon abzuhalten.

Er konnte nur trachten, in kürzest-möglicher Zeit sein Studium zu beenden. Er würde ihr alles zurückzahlen mit Zins und Zinseszinsen. Er fühlte sich tief in ihrer Schuld und betrachtete es als großes Glück, mit einer solchen Mutter gesegnet zu sein.

War sie doch zu Hause? Hatte sie sich hingelegt, um ein wenig auszuruhen?

»Mutter?«, rief Dieter.

In der stillen Küche tickte die Uhr.

Dieter hatte kein eigenes Schlafzimmer. Er schlief im Wohnzimmer auf dem Sofa, das sich mit wenigen Handgriffen in ein einigermaßen bequemes Bett verwandeln ließ. Als er den Raum betrat, fiel ihm auf, dass die Tür zum Schlafzimmer seiner Mutter nicht geschlossen war.

Und im Wohnzimmer herrschte eine Ordnung, als wäre heute ein ganz besonderer Tag. Es kam so gut wie nie vor, dass die Schlafzimmertür offen blieb, deshalb befürchtete Dieter, dass da irgendetwas nicht in Ordnung war.

Er begab sich zur Tür und dann sah er seine Mutter mit verschränkten Fingern auf dem Bett liegen, so friedlich, so still, so blass ..., wie tot!

Seine Kehle wurde eng. »Mutter!«, krächzte er und wankte in ihr Schlafzimmer. »Um Himmels willen. . .!« Verzweifelt hoffte er, dass er sich irrte. Er nahm es in Kauf, dass sie aus tiefem Schlaf aufschreckte und mit ihm schimpfte, weil er sie so unsanft geweckt hatte.

Den Brief auf dem Nachttisch sah er nicht. Er beugte sich über seine hoffentlich schlafende Mutter, griff nach ihren Schultern und schüttelte sie.

»Mutter! Mutter! «, rief der junge Student,

War sie ohnmächtig?

»Mutter, komm zu dir!«

Sie reagierte nicht.

Dieter raufte sich die Haare. Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren! sagte er sich. Nur wenn du einen kühlen Kopf behältst, kannst du ihr helfen.

Er eilte ins Wohnzimmer und rief

Dr. Willmann, den Hausarzt, an. Dieser versprach, sofort zu kommen. Aber sofort hieß mindestens zehn Minuten, denn so lange brauchte Dr. Willmann von seiner Praxis bis hierher. Eine qualvolle Zeit. Dieter hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Zeit, ein abstrakter Begriff, einen Menschen peinigen konnte, aber es passierte in diesen schrecklichen Augenblicken.

Der junge Mann kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Wie vom Donner gerührt blieb er stehen, als er den weißen Umschlag entdeckte, auf dem er die saubere Handschrift seiner Mutter erkannte. Für meinen geliebten Sohn hatte sie geschrieben. Himmel, das war ein Abschiedsbrief!

4

Dr. Richard Berends legte die Zeitung weg und erhob sich. Was war denn das für ein Geplärre da draußen? Des Chefarzt der Wiesen-Klinik trat auf die Terrasse seines Hauses und vernahm das Geschrei seines kleinen Sohnes Michael nun noch lauter.

»So sei doch mal ruhig, Micha!«, sagte Dr. Charlotte Berends eindringlich. »So halt doch mal still!«

Doch der Junge gehorchte nicht. Er schrie weiter wie bei der Folter.

»Mein Gott, die Nachbarn werden denken, ich will dir was antun!«, sagte Charlotte ungehalten. »Was soll denn dieses entsetzliche Theater? So benimmt sich doch kein mutiger junger Mann.«

»Ich bin nicht mutig.«