Die eigene Freude wiederfinden - Anselm Grün - ebook

Die eigene Freude wiederfinden ebook

Grun Anselm

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Opis

Freude kann man nicht machen, man kann sie sich nicht befehlen. Aber in jedem von uns ist neben den Gefühlen von Traurigkeit und Ärger, von Angst und Depression auch ein Raum der Freude. Womöglich ist der Zugang verschüttet, womöglich sind wir nicht immer in Berührung damit. Der bekannte Mönch, spirituelle Begleiter und Bestsellerautor Anselm Grün lädt ein, nach Spuren der Freude im eigenen Leben zu suchen. Jeder weiß, wie Freude sich anfühlt und wie gut sie tut. Sich an diese Erfahrungen von Freude zu erinnern, ruft sie wieder in uns hervor und kann ihre Kraft von neuem wirksam werden lassen. Mit der Freude in Berührung zu kommen, ist heilsam für Leib und Seele.

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Anselm Grün

Die eigene Freude wiederfinden

Impressum

Neuausgabe 2017

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2009 und 2017

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Titel der Originalausgabe:

Die eigene Freude wiederfinden

© 1998 Kreuz Verlag GmbH & Co. KG Stuttgart, Zürich

Umschlaggestaltung: zero-media.net

Umschlagmotiv: © FinePic®, München

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81060-2

ISBN (Buch): 978-3-451-06959-8

Inhalt

Einleitung

Annäherung an die Freude

Freude und Lust

Freude als Ausdruck erfüllten Lebens

Freude und Kreativität

Freudenbiographie

Die Spur der Lebendigkeit

Die Freudenspur des Kindes

Die Spur meiner ureigensten Spiritualität

Die Freude aus sich heraussingen

Die lebenserneuernde Kraft der Freude

Den inneren Raum finden

Die eigene Spiritualität entdecken

Ein Märchen, das Freude macht

Freude als unvermutetes Geschenk

Die Kunst, sich zu freuen

Ist Freude erlernbar?

Alle Gefühle zulassen

Freude drängt zum Tun

Verantwortung für die eigene Lebenskultur

Vom Recht, sich auch mal schlecht zu fühlen

Die Neubewertung der Ereignisse

Der dritte Weg zur Freude

Die Freude an mir selbst

Kohelet als Botschafter der Freude

Freude an meiner Einmaligkeit

Freude an meinem Leib

Freude über meine Lebensgeschichte

Die Freude am Tun

Freude am Augenblick

Freude am Erfolg

Freude am Miteinander

Die Kirche als Miteinander in Freude

Einander Freude machen

Die Freude an der Schöpfung

Die vielen kleinen Freuden des Alltags

Naturerfahrung als Gotteserfahrung

Freude und Gesundheit

Die Weisheit der Bibel

Freude als Antriebsfeder

Freude und Liebe

Die Freude an Gott

Die unvergängliche Freude Gottes

Die vollkommene Freude im Johannesevangelium

Ein Athosmönch der Freude

Jesu, meine Freude

Freude im Leiden

Freude über das Leiden

Schmerz und Freude

Freude im Leiden

Freude und Sorglosigkeit

Fest und Freude

Fest und Freude bei den Griechen

Christliche Festesfreude

Die Kunst ein Fest zu feiern

Freude und Singen

Das persönliche Magnifikat

Anmerkungen

Einleitung

Freude kann man nicht machen. Das Buch wird in Ihnen nicht automatisch Freude hervorrufen. Aber in jedem von uns ist neben den Gefühlen von Traurigkeit und Ärger, von Angst und Depression auch ein Raum der Freude. Oft sind wir von der auf dem Grunde unseres Herzens liegenden Freude abgeschnitten. Und dann meinen wir, es gäbe keinen Grund zur Freude. Und manchmal wehren wir uns auch gegen die Freude, die in uns ist. Wir möchten lieber jammern, weil uns das mehr Zuwendung bringt als innere Zufriedenheit und ein frohes Herz. Es gibt viele Facetten der Freude in uns, die stille innere Freude, die selbst durch Enttäuschung und Leid nicht verdunkelt wird, die explosive und ekstatische Freude, in der wir am liebsten in die Luft springen möchten, die Freude an uns selbst, die Freude am Leben, die Freude an der Schöpfung und schließlich die Freude an Gott. Vielleicht kennen Sie in sich nur die verhaltene Freude. Sie sind nicht der Typ, der eine Gesellschaft unterhalten kann. Dann trauen Sie Ihrer Art von Freude, ohne sich zu einer Freude zu zwingen, die für Sie nur aufgesetzt wäre.

In der Kirche habe ich oft Predigten gehört, die mich aufforderten, ich solle mich doch freuen. Da wurde immer wieder der heilige Paulus zitiert: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4, 4). Solche Aufforderungen zur Freude haben bei mir immer zwiespältige Gefühle ausgelöst. Zum einen ist da sicher die Sehnsucht, mich wirklich freuen zu können. Zum anderen kommt da das Gefühl hoch: Es ist zu einfach, zur Freude aufzufordern. Ich kann mich nicht freuen, nur weil ein anderer das jetzt will. Ich kann mich nicht auf Befehl freuen. Freude kann man nicht einfach machen. Und all die Begründungen, der Christ habe allen Grund zu Freude, er müsse sich doch eigentlich immer freuen, weil er erlöst sei, helfen mir nicht zu wirklicher Freude. Sie machen mich eher aggressiv. Ich kann mich nicht immer und überall freuen. Ich will auch traurig sein dürfen, wenn es für mich gerade stimmt. Bei vielen, die ständig von der Freude reden, spüre ich hinter der Freudenfassade eine tiefe Traurigkeit, ja manchmal Leere und Verzweiflung. Daher überzeugen sie mich nicht. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, sie müssen sich die Freude einreden und sich gegenseitig zur Freude auffordern, weil sie sie in sich nicht wirklich haben.

Wenn ich daher in diesem Buch über die Lebensspur der Freude schreibe, dann möchte ich nicht in diese billige Aufforderung zur Freude einstimmen.

Ich möchte die Spur beschreiben,

die wieder zum Leben führt.

Ich möchte vielmehr in Erinnerung an all die Menschen, die ich begleite und die mir sehr viel von ihren Verletzungen und Schmerzen erzählt haben, die Spur beschreiben, die sie schließlich wieder zum Leben geführt hat. Und diese Lebensspur hat immer auch mit Freude zu tun. Jeder hat in sich einen Raum der Freude, auch wenn er oft verschüttet ist, auch wenn er nicht immer in Berührung damit ist. Jeder hat sich schon einmal richtig freuen können. Jeder weiß aus Erfahrung, wie sich Freude anfühlt und wie gut sie ihm tut. Sich an diese Erfahrung von Freude zu erinnern, ruft sie wieder in uns hervor und kann ihre heilsame Kraft von neuem wirksam werden lassen.

Ein Weg der Therapie ist, die Wunden anzuschauen und aufzuarbeiten, sich noch einmal in sie hineinzuspüren, damit sie sich wandeln können, und sich auszusöhnen mit seiner Lebensgeschichte, die voller Verletzungen ist. Das ist ein wichtiger Weg. Aber wir dürfen dabei nicht stehen bleiben. Wir dürfen nicht immer nur fragen, was uns krank gemacht hat, sondern sollten genauso auch untersuchen, was uns denn gesund macht1, was uns zum Leben führt. Ich erlebe in letzter Zeit viele Menschen, die ständig nur in ihrer Vergangenheit graben, die sich den Kopf zerbrechen, was sie noch alles an kindlichen Verletzungen aufarbeiten müssen und welche Formen der Therapie noch helfen könnten. Wir sollen die Augen nicht vor der Wahrheit unseres Lebens verschließen. Und manchmal stößt uns das Leben mit Nachdruck auf die eigenen Wunden. Dann müssen wir uns ihnen zuwenden. Aber bei manchen ist die Suche nach den eigenen Verletzungen auch zu einer Sucht geworden, die sie davor bewahrt, sich den Problemen zu stellen, die ihnen das Leben heute stellt. Indem sie ständig in den Wunden ihrer Vergangenheit bohren, verhindern sie Heilung, bringen sie sich um die Lebendigkeit, nach der sie sich sehnen.

Das Thema Freude lädt mich dazu ein, nach Spuren in meiner Lebensgeschichte zu suchen, die von Freude und Lebendigkeit geprägt waren. Anstatt immer nur nach krankmachenden Erfahrungen in der Kindheit Ausschau zu halten, sollten wir uns auch an die vielen Erlebnisse erinnern, in denen wir voller Freude und Fröhlichkeit waren, in denen wir so richtig die Lust am Leben gespürt haben. Solche Spuren bringen uns in Berührung mit der eigenen Lebendigkeit, sie können unsere Wunden, die genauso zu unserer Geschichte gehören, oft besser heilen als das ständige Kreisen um die Kränkungen, die wir erfahren haben. Die Spur der Lebendigkeit ist für mich zugleich auch die Spur, auf der ich Gott in meinem Leben entdecke. Für mich besteht die geistliche Begleitung darin, in den Menschen die Spur ihrer Lebendigkeit zu entdecken. Denn auf dieser Spur begegnen sie dem wirklichen Gott, dem heilenden und befreienden Gott, dem Gott, der sie zu ihrer Lebendigkeit, zu ihrer Lebensfreude, zu ihrer einmaligen Gestalt führt.

Mit der Freude in Berührung zu kommen, ist für Leib und Seele heilsam. Daher möchte das Buch Sie einladen, dass Sie die Freude auf dem Grund Ihres Herzens neu entdecken. Wenn Sie über die Erfahrungen der Freude bei anderen Menschen lesen, kommen Sie vielleicht wieder stärker mit der Quelle der Freude in Berührung, die in Ihnen ist. Und vielleicht beginnt diese Quelle dann wieder von neuem zu sprudeln. Ich möchte Sie ermutigen, Ihr eigenes Leben bewusst einmal unter dem Aspekt der Freude anzuschauen. Sie werden auch in Ihrer Lebensgeschichte Spuren der Freude und der Lebendigkeit finden. Von diesen Spuren aus können Sie den Weg entdecken, den Sie heute weitergehen sollten, damit Ihr Leben heil wird und ganz, damit Sie Ihre Einmaligkeit leben, die Sie von Gott her haben, und damit Sie Ihre ureigenste Spiritualität finden, die Sie zu Gott und zu Ihrem wahren Selbst führt.

Annährung an die Freude

Als ich mich mit dem Thema Freude zu beschäftigen begann, las ich zuerst bei den Philosophen und Psychologen, was sie bereits an wichtigen Einsichten formuliert haben. Und ich sah in theologischen Lexika und in Bibelwerken nach, was denn die Bibel und die Theologie zum Thema Freude denken. Ich möchte den Leser nicht mit allen Richtigkeiten über die Freude langweilen, die ich da gefunden habe. Denn je mehr ich versuchte, das Wesen der Freude von der Philosophie oder Psychologie her zu beschreiben oder die biblischen Verse von der Freude zu zitieren, desto weniger Lust hatte ich am Schreiben, so dass ich das Buch erst einmal liegen lassen musste. Es wollte einfach nicht fließen. Und ich wollte nicht lustlos an das Thema Freude herangehen. Da könnte ich zwar sicher Richtiges über die Freude schreiben, aber vermutlich würde da keine Freude auf den Leser überspringen. Ich spürte, dass ich einen anderen Zugang brauchte. Dennoch sind mir einige Gedanken der Philosophen für mein eigenes Nachdenken wichtig geworden. Da ist vor allem die Einsicht, dass Freude Ausdruck des Seins ist, Ausdruck von intensivem Leben und Kreativität. Wir können die Freude nicht direkt erstreben. Wir können nur versuchen, intensiv und schöpferisch zu leben. Dann wird sich auch die Freude als Ausdruck von Lebendigkeit und Kreativität einstellen.

Freude und Lust

Was mir beim Studium der griechischen Philosophie auffiel, war einmal die Trennung von Freude und Lust, an der wir Christen wohl heute noch leiden. Wenn Theologen von Freude sprechen, dann meinen sie die Freude über die Erlösung und über die Liebe Gottes. Die Lust als sinnliche Freude an den genüsslichen Dingen des Lebens, am Essen und Trinken und an der Sexualität, wurde eher abgewertet. Wir haben die Trennung der Stoa zwischen Geist und Trieb so sehr verinnerlicht,

Wir können versuchen,

intensiv und schöpferisch zu leben.

dass auch unser Reden über die Freude so unsinnlich und letztlich „sinn“-los geworden ist, dass davon keine Freude ausgeht. Dennoch hat auch die Stoa einige bedenkenswerte Gedanken über die Freude entwickelt. Da wird die Freude eine eupatheia genannt, ein guter Seelenzustand, eine gute Leidenschaft. Freude ist also nicht leidenschaftslos, sondern leidenschaftlich. Aber sie ist keine zerstörerische Leidenschaft, sondern eine aufbauende und heilende, eine Leidenschaft, die voller Leben ist, die vor Energie und Lust am Leben sprüht. Epiktet, ein wichtiger Vertreter der Stoa, der einen großen Einfluss auf die Kirchenväter ausgeübt hat, versteht die Freude als Ausdruck des gesunden Menschen, des Menschen, der voller Selbstvertrauen und zugleich im Einklang mit Gott ist. Für ihn ist das Ziel des Reifungsweges, dass der Mensch „die ungefährdete Freude in allen Widrigkeiten des Daseins bewahren kann“2. Es geht ihm also darum, wie wir auch mitten in unserer Angst und Traurigkeit in Unglück und Not, bei Misserfolg und Enttäuschungen froh sein können. Es geht um die beständige Freude, die tiefer ist als Euphorie und Begeisterung.

Freude als Ausdruck erfüllten Lebens

Ein anderes Konzept für das Verständnis der Freude hat Aristoteles entwickelt. Bei ihm hat mich fasziniert, dass er die Freude als Ausdruck eines erfüllten Lebens versteht. Die intensivste Freude empfindet der, der seine Fähigkeiten verwirklicht und dessen Aktivität durch keine inneren oder äußeren Blockaden behindert wird. Sie strömt vor allem aus der richtigen Betätigung der Vernunft und aus schöpferischem Handeln. Freude ist für Aristoteles zugleich eine Energie, die den Menschen antreibt, die in ihm Leben weckt. Die Energie der Freude kann auch heilend wirken auf uns, wenn Verletzungen und Kränkungen unser Leben beeinträchtigt haben. Hier ist für mich ein wichtiger Ansatz, den ich gerne weiter bedenken möchte. Freude bringt in uns etwas in Bewegung. Sie ist eine heilende und anregende Kraft. Sie erzeugt Lebendigkeit und sie treibt zu einem Handeln an, das auch für andere Menschen heilsam ist. Wenn einer sich verbissen für die Armen einsetzt, wird aus seinem Handeln nichts Gutes entstehen können, selbst wenn er noch so viel Kraft in seinen Einsatz steckt. Wer jedoch aus einer inneren Freude an die Arbeit geht, der wird mehr leisten und hilfreicher den Menschen dienen. Von seinem Handeln wird Lebensfreude ausgehen, und er wird Kreativität in den Menschen wecken, denen er hilft.

Die Gedanken der Philosophen wurden von der Theologie aufgegriffen. Unter den vielen theologischen Definitionen der Freude hat mir am besten die von Alfons Auer, dem Altmeister der Moraltheologie, gefallen. Für ihn ist die Freude „Ausdruck echter Lebenssteigerung“: „Immer ist also Voraussetzung der Freude die Entfaltung und Erfüllung des Menschseins; Freude selbst ist deren psychologischer Widerschein im Affektiven.“3 Von diesem Begriff der Freude her komme ich frei von dem Druck, immer mit einem fröhlichen Lächeln herumlaufen zu müssen.

Es geht darum,

das Leben zu steigern.

Es geht nicht darum, die Freude als Gefühl in sich hervorzurufen, sondern in erster Linie darum, das Leben zu steigern, Lebendigkeit zuzulassen, kreativ und mit sich selbst im Einklang zu sein, die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entfalten und Lust an der eigenen Lebendigkeit zu haben.

Freude und Kreativität

Die Psychologie hat sich natürlich ebenfalls mit dem Phänomen der Freude befasst. Erich Fromm unterscheidet zwei Arten von Freude: die eine, die aus der Behebung eines Mangelzustandes oder einer schmerzhaften Spannung entsteht, etwa wenn wir nach einer langen Wanderung durstig nach Hause kommen und uns auf ein kaltes Bier freuen.

Lust am Spielen.

Die zweite Art der Freude ist die, die aus dem Überfluss strömt. Diese Art von Freude ist Ausdruck der Kreativität und Produktivität des Menschen. Ich habe Lust am Spielen, ich freue mich meines Lebens, meiner Lebendigkeit. Ich freue mich über das, was ich gestalten und formen kann, was durch mich entsteht.4 Genauso wie die Freude ist auch die Liebe für Fromm ein Phänomen des Überflusses. Die Freude hat letztlich immer mit Liebe zu tun, und zwar mit einer produktiven Liebe, die auf gegenseitiger Achtung und Integrität aufbaut und nicht auf gegenseitiger Abhängigkeit. Für Fromm ist die Freude eine Tugend. Denn sie setzt eine Leistung voraus, die innere Anstrengung der produktiven Aktivität. Tugend ist für Fromm Tüchtigkeit. Freude wird uns nicht einfach in den Schoß gelegt. Sie ist Ausdruck eines Lebens, das wir mit aller Leidenschaft leben, in dem wir alle unsere Fähigkeiten, die Gott uns geschenkt hat, auch entfalten. Mit diesen psychologischen Betrachtungen möchte Erich Fromm die Gedanken der Philosophen ergänzen und in unseren heutigen Erfahrungshorizont hinein übersetzen.

Freudenbiographie

Verena Kast hat von der Psychologie her ähnliche Gedanken zum Thema Freude beigesteuert. Sie spricht von der Freude als „gehobener Emotion“5. Das Wort Emotion kommt von movere, bewegen. Emotionen setzen uns in Bewegung, sie bewegen uns zum Handeln oder aber auch zur Verweigerung des Tuns, das von uns gefordert ist. Die gehobenen Emotionen der Freude, der Inspiration und der Hoffnung machen uns weit, während uns die Angst einengt. Sie „beschwingen uns, regen uns an, sie geben uns eine gewisse Leichtigkeit, aber sie schaffen auch Verbundenheit unter den Menschen“6.

Freude hat mit

Kreativität zu tun.

Die Freude hat also eine therapeutische Funktion. Sie macht den Menschen innerlich gesund, sie schenkt ihm Lebendigkeit und Lust am Leben und führt ihn aus der Vereinzelung heraus, in die ihn die Angst gedrängt hat, und führt ihn zur Solidarität mit den Menschen um ihn herum. Kast weiß von vielen Therapien her, dass die Erfahrung der Freude „den entscheidenden Umschlag im Leben eines Menschen bewirken“7 kann. Freude kann man nicht befehlen. Sie stellt sich oft dann ein, wenn wir sie gar nicht erwarten, und zwar dann, „wenn wir völlig aufgehen können in einer Aktivität“8. Das ist für Verena Kast die entscheidende Bedingung für die Erfahrung von Freude, „dass wir in einem Tun, einer Aktivität, einem Anblick aufgehen können“. Denn Freude hat mit Kreativität zu tun.

Wenn ich etwas Neues herausfinde, löst das große Freude aus. Und Freude hat eine enge Beziehung zur Liebe. Wenn ich einem anderen etwas geben kann, freut das nicht nur ihn, sondern auch mich selbst. „Besondere Freude entsteht in Beziehungen, wenn in den Beziehungen und durch die Beziehungen etwas wächst9. Das gemeinsame Kind, das gemeinsame Werk, die Idee, die im Gespräch entsteht, sie sind Verursacher großer Freude. Verena Kast sieht das Phänomen der Freude also ähnlich wie Aristoteles und Erich Fromm. Freude kann nicht direkt angezielt werden, sie ist immer Ausdruck von Aktivität, von Liebe, von Offenheit, von Sich-vergessen-Können in einer Aufgabe oder in der Liebe.

Es gibt tausend kleine Freuden, die jeder täglich erlernen kann, die Freude am schönen Wetter, die Freude an der Schönheit der Berge, die Freude an jeder Begegnung. Während wir uns freuen, analysieren wir unsere Freude nicht. Das wäre schädlich. Aber wir sollten uns unserer täglichen kleinen Freuden bewusst werden, sie bewusst wahrnehmen. Dann wird die positive Grundstimmung in uns verstärkt. Und das wirkt gesundheitsfördernd. Wer solche Erfahrungen der kleinen Freuden vernachlässig oder überspringt, der fühlt sich – so zeigen es psychologische Untersuchungen – „müde, schläfrig, weniger gesund und angespannt … Man beurteilt sich selber unter solchen Bedingungen schlechter und fühlt sich vor allem weniger kreativ und vernünftig“.10Verena Kast lädt daher ein, die eigene „Freudenbiographie“ zu schreiben. Sie meint, wir sollten uns immer wieder daran erinnern, wo und wie und worüber wir uns in unserem Leben schon gefreut haben. Die Freudenbiographie lässt uns unsere Geschichte mit folgenden Fragen anschauen: „Wie habe ich Freude erlebt in meinem Leben? Wie habe ich sie abgewehrt? Wie wurde sie mir verwehrt? Und: Was ist aus der Freude im Laufe des Lebens geworden? Ist sie mehr geworden?“11 Wenn wir unser Leben unter diesem Blickwinkel anschauen, dann werden wir auf wichtige Spuren der Lebendigkeit stoßen, dann werden wir in Berührung kommen mit den heilenden Kräften, die in uns selbst liegen, dann machen wir eine Art Selbsttherapie, die wirksamer sein kann als Jahre qualvoller Fremdtherapie. Dabei sollten wir nicht nur über die Situationen nachdenken,

In Augenblicken der Freude

waren wir einverstanden mit unserem Leben.

in denen wir Freude erlebt haben, sondern uns auch an die Körperbewegungen erinnern, mit denen wir als Kind unsere Freude ausgedrückt und die wir besonders geliebt haben.

Wenn wir uns die Mühe machen, unsere Freudenbiographie zu schreiben, bringt uns das in Kontakt mit uns selbst. Wir spüren die Freude der Vergangenheit von neuem. In Augenblicken der Freude waren wir einverstanden mit uns und unserem Leben. Von solchen Augenblicken geht die Einladung aus, auch heute Ja zu sagen zu unserem Leben, uns eins zu fühlen mit uns, so wie wir geworden sind. Wenn wir uns durch die Erinnerung an frühere Freudenerfahrungen wieder von neuem freuen können, wächst in uns die Lust am Leben, und wir haben mehr Kraft in uns, uns den krankmachenden Strukturen in uns entgegenzusetzen. Von der Emotion der Freude geht eine heilende Kraft aus. Die Frage ist, warum wir uns lieber unseren Wunden zuwenden als unseren Freuden. Offensichtlich haben viele als Kinder die Erfahrung gemacht, dass sie von den Eltern mehr beachtet werden, wenn es ihnen schlecht geht. So kreisen wir um unsere Verletzungen, damit wir heute Zuwendung bekommen. Aber mit dieser Strategie programmieren wir eine