Die Braut des Viscounts: Die Highland-Kiss-Saga - Band 4 - Heather Graham - ebook

Die Braut des Viscounts: Die Highland-Kiss-Saga - Band 4 ebook

Heather Graham

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Opis

Eine verbotene Liebe, die alles zerstören könnte … Der romantische Regency-Roman »Die Braut des Viscounts« von Heather Graham jetzt als eBook bei dotbooks. London, 1888: Nachdem ihr Bruder das Familienvermögen verspielt hat, steht die schöne Lady Maggie vor dem Ruin. Ihr bleibt keine Wahl: Um ihre Familie zu retten, muss sie die Frau eines alternden Viscounts werden. Während der Hochzeitsvorbereitungen lernt sie dessen Neffen Lord Jamie kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen – doch Jamie begegnet ihr mit Feindseligkeit. Er befürchtet, dass Maggie seinen Onkel ausnutzen will … aber wie lange kann er das Verlangen unterdrücken, das auch sie in ihm weckt? Als er herausfindet, dass Maggie das nächste Opfer eines berüchtigten Mörders zu werden droht, kann er sie nicht schutzlos ihrem Schicksal überlassen – und kommt ihr dabei gefährlich nahe … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das Historical-Romance-Highlight »Die Braut des Viscounts« von New-York-Times-Bestsellerautorin Heather Graham ist Band 4 der »Highland-Kiss-Saga«; alle Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag

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Über dieses Buch:

London, 1888: Nachdem ihr Bruder das Familienvermögen verspielt hat, steht die schöne Lady Maggie vor dem Ruin. Ihr bleibt keine Wahl: Um ihre Familie zu retten, muss sie die Frau eines alternden Viscounts werden. Während der Hochzeitsvorbereitungen lernt sie dessen Neffen Lord Jamie kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen – doch Jamie begegnet ihr mit Feindseligkeit. Er befürchtet, dass Maggie seinen Onkel ausnutzen will … aber wie lange kann er das Verlangen unterdrücken, das auch sie in ihm weckt? Als er herausfindet, dass Maggie das nächste Opfer eines berüchtigten Mörders zu werden droht, kann er sie nicht schutzlos ihrem Schicksal überlassen – und kommt ihr dabei gefährlich nahe …

Über die Autorin:

Heather Graham wurde 1953 geboren. Die New-York-Times-Bestseller-Autorin hat über zweihundert Romane und Novellen verfasst, die in über dreißig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Heather Graham lebt mit ihrer Familie in Florida.

Eine Übersicht über weitere Romane von Heather Graham bei dotbooks finden Sie am Ende dieses eBooks.

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eBook-Neuausgabe Juni 2019

Dieses Buch erschien bereits 2004 unter dem Titel »Glühende Tränen der Liebe« bei Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2004 by Shannon Drake

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »When we touch« bei Zebra

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von Period Images und shutterstock/Naffarts, artpritsadee, Swen Stroop, blue pencil und Imichman

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96148-808-7

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Heather Graham

Die Braut des Viscounts

Roman

Aus dem Amerikanischen von Eva Stadler

dotbooks.

Kapitel 1

Maggie, Lady Graham, die Tochter des verstorbenen, in Londoner Adelskreisen ebenso bekannten wie geschätzten Barons Edward Graham, hatte ein mulmiges Gefühl, als sie sich ihrem Haus näherte und davor keine Mietdroschke, sondern die Kutsche mit dem Wappen ihrer Familie stehen sah. Anscheinend war ihr Onkel Angus eingetroffen, und da er seine Besuche sonst schriftlich anzukündigen pflegte, musste es sich um ein schwer wiegendes familiäres Problem handeln.

Sie fluchte leise – ein Verhalten, das einer echten Lady fremd sein müsste. Dabei war sie dem Titel nach durchaus eine Lady, obgleich ihr verstorbener Gatte ein Mann aus dem einfachen Volk gewesen war. Als Tochter eines Barons hatte sie jedoch ein Anrecht darauf, bis zu ihrem Tode als Lady angesprochen zu werden. Nicht dass es ihr so viel bedeutete, sie war ohnehin das schwarze Schaf der Familie: kohlrabenschwarz und verrußt in den Augen ihres Onkels, ihrer Tante und ihrer Cousins, die alle ach so großen Wert auf die gesellschaftliche Etikette legten.

Wie sehr Angus die Eheschließung seines älteren Bruders bereuen musste, dachte Maggie mit dem Anflug eines müden Lächelns. Der Umstand, dass ihre Mutter nach etlichen kinderlosen Jahren nicht nur ein Kind, sondern gleich Zwillinge zur Welt gebracht hatte, musste den guten Angus schier in Verzweiflung gestürzt haben. Ihre eigene Geburt war laut britischem Recht kaum ins Gewicht gefallen, doch nur wenige Sekunden nach ihr hatte Justin das Licht der Welt erblickt. Somit war jegliche Hoffnung, die Angus auf den Titel ihres Vaters gehegt hatte, mit einem Mal erloschen. Dennoch führte Angus sich gerne so auf, als sei er das Familienoberhaupt, obgleich Justin längst kein kleiner Junge mehr war.

»Der Menschenfresser ist da«, flüsterte Mireau ihr von hinten zu.

»Du darfst Angus nicht als Menschenfresser bezeichnen.« Maggie schenkte ihrem besten Freund ein flüchtiges Lächeln. Jacques Mireau war zu einer viel glücklicheren Zeit in ihr Leben getreten und hatte seitdem entschieden, überall ihren Beschützer zu spielen. Abgesehen davon war er ein aufstrebender Schriftsteller, der auf Förderung angewiesen war, während er seine literarischen Wälzer verfasste. Ihre Freundschaft nützte also beiden Seiten, auch wenn Maggie sicher war, dass andere weit mehr in ihre Beziehung hineininterpretierten und sich regelmäßig die gepflegten Mäuler über sie zerrissen. Im Grunde machte Maggie sich nichts daraus, da sie sich nicht der Illusion hingab, in besseren Kreisen jemals als vornehme Dame akzeptiert zu werden. Stattdessen war sie froh, wenigstens eine kurze Zeit des Zaubers und des Glücks erlebt zu haben, die sie gelehrt hatte, wie schön das Leben in Wirklichkeit sein konnte, und wie viel Leid entstand, wenn man seine Existenz lediglich auf falschem gesellschaftlichen Schein aufbaute.

»Du selbst nennst ihn einen Menschenfresser«, erinnerte Mireau sie.

»Nur wenn wir alleine sind.«

»Noch haben wir das Haus nicht betreten«, stellte er fest. »Allem Anschein nach hast du das auch nicht vor, so wie du deine Schritte verlangsamst.«

»Hiermit gestehe ich dir, und nur dir, dass Onkel Angus nicht zu meinen persönlichen Favoriten gehört.«

Mireau legte ihr sanft die Hände auf die Schultern und riss die hellblauen Augen in gespieltem Entsetzen auf. »Wir sollten uns dem Exekutionskommando unverzüglich stellen! Je länger man sich mit Ungewissheit quält, umso grauenvoller der Schmerz!«

Auf der obersten Treppenstufe wandte sich Maggie zu Mireau um. »Ich werde noch mit jedem Menschenfresser fertig!«, versicherte sie.

Clayton stand an der Tür, als hätte er ihr Kommen geahnt. Hatte er etwa auf sie gewartet und ihr Zögern bemerkt? Sie neigte leicht den Kopf in Richtung des spindeldürren Alten, der gar nicht mehr aus ihrem Haushalt wegzudenken war und sowohl als Butler wie auch als Kammerdiener ihres Bruders fungierte. Jetzt blickte er sie mit gerunzelter Stirn an.

»Lord Angus ist hier, Lady Maggie.« Die Ankündigung des Butlers war überflüssig, wenn auch korrekt.

Maggie lächelte. »Danke, Clayton.« Während sie die winzigen Knöpfe an ihren Handgelenken aufknöpfte und ihre Handschuhe auszog, half der Butler ihr aus dem Umhang. »Haben Sie meinem werten Onkel Tee angeboten?«

»Mylady, man hat nur auf Eure Ankunft gewartet, damit Ihr den Tee selbst servieren könnt«, erwiderte Clayton.

Fragend hob sie eine elegante Braue. Wurde sie auf die Probe gestellt, was ihre Servierkünste betraf? War es dafür nicht ein wenig spät?

»Wie reizend und überaus höflich von Angus zu warten«, flötete sie und war sich sicher, dass ihr Onkel jedes einzelne Wort hören konnte. »Dann gehen wir am besten gleich in den Salon.«

Clayton stellte sich ihr in den Weg. »Nur Familienangehörige!«, flüsterte er und bedeutete ihr mit den Augen, Mireau zurückzulassen.

»Ich bin in meiner Dachkammer, falls du mich brauchen solltest«, meinte Mireau eilig.

»Feigling«, entgegnete sie lächelnd.

»Kein Wunder, dass ich Angst habe. Es ist gut möglich, dass er hier ist, um mich des Hauses zu verweisen.«

»Unsinn, dazu hat er gar nicht das Recht.«

»Lady Maggie, darf ich vorschlagen, dass Ihr Lord Angus nicht länger warten lasst?«, riet Clayton ihr leise. Nach einem Räuspern nahm er sich die Freiheit hinzuzufügen: »Euer Bruder leistet ihm schon eine ganze Zeit lang alleine Gesellschaft.«

Maggie nickte Mireau mit gerunzelter Stirn zu und schritt auf den Salon zu. In diesem Moment wünschte sie sich, besser gekleidet zu sein, doch sie hatte sich den Vormittag über ihrer wohltätigen Arbeit gewidmet. Die Armen Londons lagen ihr am Herzen, seitdem sie von Nathan erfahren hatte, welch Elend und welch unbeschreibliche Zustände sich hinter der prunkvollen Fassade der großen Stadt verbargen. Von Kopf bis Fuß war sie in einfaches schwarzes Leinen gekleidet, ohne dass ihr Kleid Spitzenbesatz oder Stickerei aufgewiesen hätte. Stattdessen zierten ihren Rock Schmutz und Straßendreck. In ihrem Leben gab es zwei Ziele, die sie leidenschaftlich verfolgte: Zum einen kämpfte sie darum, das Leben der zerlumpten, hungernden Waisenkinder des East Ends zu verbessern. Außerdem hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, Scharlatane zu entlarven, die sich als Mesmerianer, Hypnotiseure oder spiritistische Medien ausgaben und Reiche wie Arme um ihr Geld brachten, indem sie ihnen versprachen, Kontakt zu geliebten und zutiefst betrauerten Verstorbenen herzustellen.

»Onkel Angus«, rief Maggie, als sie den Salon betrat. Sie sprach und bewegte sich wie eine geborene Lady, was in gewissem Gegensatz zu der relativen Armseligkeit ihrer Umgebung stand. Maggie konnte sich nicht verhehlen, dass der Diwan an den Rändern immer fadenscheiniger wurde, genauso wie der persische Teppich, der das Eichenparkett bedeckte.

»Meine Liebe.« Angus hatte auf einem der Stühle am Diwan gesessen. Es war ein harter Stuhl, und die Haltung ihres Onkels wirkte ähnlich unnachgiebig. Selbstverständlich war ihm ihre Ankunft nicht verborgen geblieben, und er hatte darauf gewartet, dass sie das Zimmer betrat, um sich seinerseits zu erheben.

Angus, eine große, beeindruckende Erscheinung mit weißen Haaren, Koteletten, feinem Schnurrbart und sorgfältig gepflegtem Spitzbart, kam auf sie zu. Seine Weste und das Jackett waren von elegantem Schnitt, und Maggie gewahrte das Glitzern seiner wertvollen Golduhr. Sie musste sich eingestehen, dass Angus imposant aussah. Äußerlich besaß er Ähnlichkeit mit ihrem Vater, obgleich die Erinnerung an diesen geliebten Mann mit jedem Jahr verblasste, das seit seinem Tod verstrich.

Ihr Onkel griff nach ihren Händen und hauchte ihr einen Kuss auf jede Wange, als hätte er den Großteil seines Lebens auf dem Kontinent verbracht. Dem war nicht so; Angus arbeitete für die Königin, wobei Maggie nicht die leiseste Ahnung hatte, worin genau seine Aufgaben bestanden.

»Maggie«, meinte Justin leise, indem er sich ebenfalls erhob. Als sie ihrem Bruder einen kurzen Blick zuwarf, stellte sie fest, dass er entsetzlich aussah.

Die Zwillinge sahen einander recht ähnlich. Von der Mutter hatten sie eine etwas ungewöhnliche Haarfarbe geerbt, ein sattes Rotblond, das im Sonnenlicht golden schimmerte. Nathan hatte ihr einst gesagt, es umstrahle ihr Gesicht wie ein Heiligenschein – nicht der Nimbus eines sanften Himmelsboten, sondern derjenige eines Racheengels, der der Welt die göttliche Gerechtigkeit brachte. Er hatte sie damit geneckt, dass ihre Haarfarbe ihrem feurigen Temperament entspränge – und dem kämpferischen Geist, den er so an ihr liebte.

Zum Andenken an ihren verstorbenen Mann würde sie sich niemals die Haare kürzer schneiden lassen.

Justin schien sein Haar ebenfalls zu mögen, denn er trug es eine Idee länger, als die derzeitige Mode es vorschrieb. Er war glatt rasiert, was ihm stand und seine klaren, schönen Gesichtszüge zur Geltung brachte. Heute sah Maggies attraktiver Zwillingsbruder allerdings nicht nur aschfahl aus, sondern wirkte geradezu gramgebeugt, als koste es ihn übermenschliche Kraft, eine aufrechte Haltung einzunehmen. Er schenkte ihr ein mattes Lächeln und sank wieder auf seinen Stuhl.

»Ach, der Tee«, sagte sie, als Clayton mit dem Tablett eintrat. Sofort machte sie sich daran, einzuschenken. »Onkel, wenn ich mich recht erinnere, nimmst du ein Stück Zucker und nur etwas Milch?«

»Das ist richtig, meine Liebe.«

»Mollys Kuchen ist einfach unvergleichlich. Du musst ein Stück probieren.«

Angus nahm seine Teetasse entgegen, winkte jedoch ungeduldig ab, als sie ihm ein Kuchenstück anbot. »Gieß deinem Bruder Tee ein, meine Liebe, und setz dich. Wir haben eine ernste Angelegenheit zu besprechen.«

Als sie kurz zu Justin hinübersah, wich er ihrem Blick aus. Er wirkte überhaupt nicht wie Lord Graham, der angesehene Baron der Londoner Gesellschaft, sondern wie ein leidgeprüfter Invalider.

Er nahm seine Tasse entgegen, wobei seine Hände zitterten und das feine Porzellan gefährlich klapperte. Maggie tat, als fiele ihr sein Zustand nicht auf, und blieb betont ruhig, während sie sich selbst Tee eingoss und ihren Onkel reizte, indem sie sich dabei Zeit ließ. Schließlich setzte sie sich auf den Stuhl ihm gegenüber.

»Dies ist also kein Anstandsbesuch, Onkel«, stellte sie fest.

»Wohl kaum«, erwiderte er, und Maggie glaubte, einen hämischen Unterton aus seiner Stimme herauszuhören.

»Dann kläre uns bitte über den Grund deines Besuchs auf«, sagte sie mit leicht hochgezogener Augenbraue.

Angus beugte sich vor und stellte seine Tasse auf dem orientalischen Tisch ab.

»Ich kann das Verhalten dieses Zweigs der Familie nicht länger finanzieren!«

Sie war derart überrascht, dass ihre eigene Tasse gegen die Untertasse klirrte. »Liebster Onkel, nun kränkst du mich aber. Obgleich wir uns gerne nach deinen weisen Ratschlägen richten und niemals vergessen werden, dass du der Bruder unseres seligen Vaters bist, ist es doch mein Bruder Justin, der den Familientitel führt.«

»Und der das Familienvermögen verschwendet hat!«, entgegnete Angus ärgerlich.

Sofort fiel ihr Blick auf Justin, und ein mulmiges Gefühl stieg in ihr auf, als sie sah, dass er ihr immer noch auswich.

»Ich fürchte, Justin hat alles bis auf den Titel verspielt. Bisher habe ich euer Haus über Wasser gehalten und deinen Bruder vor seinen Wettschulden beschützt, aber das kann ich mir nicht länger leisten. Deine Cousine Diana soll diese Saison in die Gesellschaft eingeführt werden, und ihr beide müsst nun endlich die Verantwortung für euer eigenes Wohlergehen übernehmen.«

»Aber ... aber ...!«, stammelte Maggie, bevor sie von Wut gepackt die Beherrschung verlor. »Unsere finanziellen Verhältnisse waren gesichert, als Vater starb!«

»Dem war auch so, doch nun seid ihr hoch verschuldet – bei mir, aber längst nicht nur bei mir. Gott weiß, wie viele andere Gläubiger es noch gibt, die nicht bezahlt wurden«, meinte Angus verächtlich.

Auf einmal schien Justin zum Leben zu erwachen, und egal, was er getan haben mochte, in diesem Augenblick, als er seinem gerechten Zorn Luft machte, war Maggie stolz auf ihn. »Werter Onkel! Du warst es doch, der mir nahe legte, mir die Nächte in Gesellschaft unseres werten Prinzen Eddy um die Ohren zu schlagen. Nur so bin ich in diese beklagenswerten Umstände geraten!«

»Allerdings beklagenswert. Wenn du dein Verhalten nicht auf der Stelle änderst und eine Rettungsmöglichkeit findest, wirst du dich höchstwahrscheinlich demnächst in der Schuldnerabteilung des Gefängnisses von Newgate wiederfinden!«

Da Maggie mehr über das betreffende Gefängnis wusste, als ihr lieb war, reagierte sie mit blankem Entsetzen.

»Onkel«, erwiderte Justin leise, »du scheinst mir die Situation schlimmer zu machen, als sie ist. Wenn ich mich nicht irre, befindet sich das neue Schuldnergefängnis in Pentonville.« Er warf seiner Schwester einen trockenen Blick zu. »Es heißt, Pentonville sei ein regelrechtes Vorzeigegefängnis mit guter Durchlüftung und Einzelzellen. Man hat also ausreichend Gelegenheit, Stunden um Stunden über die eigenen Sünden nachzudenken. Ja, das Gebäude soll ein herausragendes Beispiel viktorianischer Baukunst sein!«

Wütend deutete Angus mit dem Finger auf Justin. »Dann lass mich dir einmal etwas verraten, mein werter weltmännischer junger Lord! Sie können dich immer noch nach Newgate schleifen, damit du dort auf deinen Prozess warten kannst, und glaub mir, in dem Gefängnis gibt es den Gestank und die Ratten immer noch! Und auch die gewalttätigen Schwerverbrecher, die dort ihrer Hinrichtung harren.«

»Niemand wird aufgrund seiner Schulden hingerichtet«, entgegnete Justin kühl.

»Das darf doch nicht wahr sein!«, rief Maggie. »Mir ist klar, dass wir nur dem Familiennamen und unserem Titel nach reich sind, und nicht, weil wir etwa große Ländereien besäßen, aber es gibt doch einen Fonds!«

»Es gab einen Fonds.«

Erneut starrte Maggie ihren Bruder an. Diesmal hielten seine Augen, die von demselben tiefen Blau wie ihre eigenen waren, dem Blick stand. »Ich fürchte, es ist nicht leicht, mit dem Prinzen oder seinen Gefährten mitzuhalten«, sagte er.

»Dafür hat dein Bruder eines Tages Aussicht auf eine gute Partie«, erklärte Angus. »Ich habe diskret Erkundigungen eingeholt, um eine passende Braut für ihn zu finden.«

Das konnte sich Maggie lebhaft vorstellen. Selbstverständlich suchte Angus nach einer Braut für Justin, und zwar nach einer alternden adeligen Witwe mit Grundstücken und Geld im Überfluss. Allerdings würde besagte Witwe lange das zeugungsfähige Alter überschritten haben, sodass der Titel an Angus und seine Nachkommenschaft fiele.

»An erster Stelle würde ich vorschlagen, dass ihr spart, indem ihr euren Haushalt verkleinert, angefangen bei dem Schreiberling.«

»Jacques Mireau.«

Angus zog eine Grimasse, die seine Lippen noch schmaler erscheinen ließ, als sie ohnehin schon waren. »Der Mann ist ein Blutsauger.«

»Ein guter Freund und Dichter, der eines Tages ein berühmter Schriftsteller sein wird, da bin ich mir ganz sicher«, meinte Maggie.

»Über euch wird getuschelt«, erwiderte Angus.

»Es tut mir Leid, Onkel, da ich weiß, wie wichtig dir die Meinung der Leute in deiner gesellschaftlichen Schicht sind, aber mir ist es vollkommen gleichgültig, was man über mich sagt.«

»Um deines Bruders willen sollte es dir nicht gleichgültig sein.« Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, als er die Armlehnen seines Stuhls umklammerte. »Als hättest du die Familie nicht schon genug bloßgestellt – als du unbedingt diesen Polizisten heiraten musstest!«

»Nun, dann seien wir doch froh, dass er so jung gestorben ist, anstatt uns weiterhin bloßzustellen!«, rief Maggie, der es in diesem Augenblick unmöglich war, ihren Zorn zu unterdrücken.

Weshalb sich dieser Streit hauptsächlich zwischen ihr und Angus abzuspielen schien, war ihr unverständlich; schließlich war nicht sie es gewesen, die das Familienvermögen verspielt hatte. Dennoch hatte Angus sie persönlich angegriffen, und so langsam dämmerte ihr, dass sie den Grund hierfür noch früh genug erfahren würde.

»Es gibt eine Lösung unseres Problems«, verkündete Angus.

»Und die wäre?«, fragte sie herausfordernd.

»Eine Heirat.«

»Aha«, meinte sie mit einem Seitenblick auf Justin. Also sollte er tatsächlich eine alte Herzogin heiraten. Sie bezweifelte nicht, dass er dem Laster auf unschuldige Weise verfallen war, doch nun würde er es ausbaden müssen.

»Und welche Heirat hast du im Namen meines Bruders ausgehandelt, wenn ich bitten darf?«

»Die zukünftige Eheschließung deines Bruders befindet sich noch im Verhandlungsstadium, liebes Mädchen.«

»Ich bin sicher, dass die betreffende Dame wohlhabend und ganz charmant ist – und in deiner unendlichen Weisheit wirst du auch jemanden mit der notwendigen Reife ausgesucht haben«, sagte Maggie höflich.

Einem Baron gänzlich unangemessen ließ Justin ein verächtliches Schnauben vernehmen. Maggie erschrak, als sie den Selbsthass in der Stimme registrierte und feststellte, dass ihn sein weiteres Schicksal ansonsten kaum zu berühren schien.

»Es muss doch einen anderen Ausweg geben als eine übereilte, unglückliche Heirat meines Bruders«, erklärte Maggie mit strenger Miene. »Wir befinden uns schließlich im neunzehnten Jahrhundert.«

»Maggie, der geplante Heiratskandidat – und zwar tatsächlich jemand von Wohlstand, Charme und ausgesprochener Reife –ist für dich gedacht«, warf Justin ein.

Vor Überraschung schnappte Maggie nach Luft. »Für mich!«

»Weshalb so überrascht, meine liebe Nichte?«, erkundigte sich Angus. Obwohl er einen besorgten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, wusste Maggie, dass er ihren Schock und ihr Unbehagen insgeheim genoss. Sie erschauderte bei dem Versuch, sich den Mann vorzustellen, den ihr Onkel für sie ausgesucht haben mochte.

Angus erhob sich und ging im Salon auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. »Ehrlich gesagt wäre mir eine derart glückliche Lösung für euer Dilemma gar nicht von selbst eingefallen.« Er hielt inne und starrte ihr direkt ins Gesicht, wobei er missbilligend den Kopf schüttelte. »Du hattest eine derart vielversprechende Ballsaison, als du jung warst, meine Liebe. Damals hast du die gesamte Stadt bezaubert, außerdem hattest du die nötigen Referenzen, um eine ausgezeichnete Partie zu machen. Doch du hast dich dazu entschieden, die Familie zu entehren und dich mit einem Bürgerlichen zu verbinden!«

Wahrscheinlich wäre er weniger vorwurfsvoll, hätte sie sich damals lediglich dazu entschlossen, einen Mord zu begehen, dachte Maggie in einem Anflug von Ironie.

»Angus, ich weiß, dass du das überhaupt nicht verstehen kannst, aber ich habe Nathan aus Liebe geheiratet.« Sie hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls erhoben und stellte fest, dass sich ihre Fingernägel derart fest in ihre Handflächen gruben, dass sie sich tiefe Kerben ins Fleisch bohrte. »Ich erinnere mich noch allzu gut an deine gütigen, mitleidigen und so überaus verständnisvollen Worte an seiner Beerdigung. Du meintest, da ich noch relativ jung sei, könnte ich trotz meines offensichtlichen Makels eventuell immer noch von Nutzen sein und meinen Fehltritt wieder gutmachen!«

Statt des vorwurfsvollen Spotts schien er einsichtiges Verständnis aus ihren Worten herauszulesen. »Na also! Und meine Worte von damals bewahrheiten sich nun endlich. Als ich letztens im Club war, ereignete sich etwas äußerst Bemerkenswertes: Charles, der Viscount von Langdon, sprach mich auf dich an! Nachdem er von deiner unglückseligen Heirat und dem Tod deines Mannes erfahren hatte, zeigte er sich sehr besorgt um dein Wohlergehen. Er kann sich an dich erinnern und glaubt immer noch, du seist die schönste junge Frau aller Zeiten; nun, schön und verfügbar,schätze ich, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Die Summe, die er seiner zukünftigen Frau als Mitgift bietet, würde es Justin ermöglichen, seine Spielschulden zu bezahlen und sich und den Familiennamen zu rehabilitieren. Geld bedeutet Lord Charles nicht das Geringste. Er hat Besitztümer auf der ganzen Welt und hat zusätzlich zu seinem Familienerbe, das große Ländereien in Schottland, auf dem Kontinent und in der Karibik umfasst, ein Vermögen gemacht.« Er warf Justin einen wütenden Blick zu, der besagte, dass jener Aristokrat wusste, wie man verantwortlich mit dem Familienvermögen umging, während dies bei Justin nicht der Fall war. »Nun, meine Liebe? Hier bietet sich dir eine unglaubliche Gelegenheit. Mit dieser Heirat hättest du wieder Zugang zu den besten gesellschaftlichen Kreisen.«

»Onkel Angus, es wird dich sicherlich nicht überraschen, dass mich Teegesellschaften, Bälle und rauschende Feste nicht sonderlich interessieren. Ich habe die letzten Jahre gut ohne sie gelebt. Was dich vielleicht jedoch schockieren wird, ist die Tatsache, dass mich die Meinung von Dandys, Gecken und pompösen Angebern noch viel weniger interessiert. Als Nathan starb, beschloss ich, nie wieder zu heiraten.«

Angus wischte ihren Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung fort. »Das ist die romantische Vorstellung einer jungen Witwe, die sich bestimmt ändern wird.«

Da räusperte sich Justin. »Soviel ich weiß, sucht Lord Charles nach einer Begleiterin und guten Freundin, nicht nach einer Braut, wie es ein Mann in seiner ersten Jugend tut.« Als sie ihrem Bruder einen wutentbrannten Blick zuwarf, errötete er und blickte zu Boden, bevor er ebenfalls aufstand. »Onkel Angus, meine Schwester findet die Vorstellung einer derartigen Ehe widerwärtig. Ich habe die Schulden gemacht, sollte es also Newgate heißen, werde ich tun, was die Krone von mir verlangt.«

»Ihr beide werdet bei den Ratten verfaulen!«, rief Angus unwirsch. »Ich war erstaunt und in höchstem Maße beglückt, mich mit dem Angebot eines derartigen Herrn zu tragen, vor allem, da ich ihm keine junge Lady von unbeschadetem Ruf und aus bester Familie vorzuweisen habe.«

»Die Familie, von der du sprichst, ist auch die deine, Onkel«, erinnerte Maggie ihn. »Ich muss doch sehr bitten! Weder bin ich die Straßen von Whitechapel entlanggewandert und habe Arbeitern unsittliche Anträge gemacht, noch habe ich die verheirateten Männer der Londoner Aristokratie in Versuchung geführt, was übrigens etliche Damen getan haben, denen du ohne zu zögern einen ausgezeichneten Ruf bescheinigen würdest.«

»Du hast einen gewöhnlichen Bürgerlichen, einen Mann aus dem niederen Volk geheiratet und bist außerdem nicht mehr die Jüngste. Ob es dir gefällt oder nicht, meine Liebe, aber damit ist dein Wert auf dem Heiratsmarkt beträchtlich gesunken. Mal ganz zu schweigen von der Tatsache, dass du kein Vermögen in die Ehe mitbringst, ja, dass ein Vermögen benötigt wird, um euch beide vor den modrigen Zellen des Schuldnergefängnisses zu bewahren.«

»Werter Onkel, bist du dir darüber im Klaren, dass nicht mein Mann gewöhnlich oder gar niedrig war, sondern dass diese unsere Unterhaltung es ist?«, wollte Maggie wissen. Und so war es auch, doch zumindest war es ein offenes, unverblümtes. Gespräch, und Maggie zitterte, weil sie wusste, dass ein Körnchen Wahrheit in dem lag, was Angus sagte. Gewöhnlich, ja, es war alles äußerst gewöhnlich. Sie hatte einen gewöhnlichen Bürgerlichen geheiratet. Doch ihre Entscheidung hatte sie niemals bereut, selbst dann nicht, als sie ihn zur letzten Ruhe betteten. Die beiden unendlich süßen Jahre, die sie miteinander verlebt hatten, bevor ein Schurke ihn auf offener Straße erstochen hatte, waren jeglichen Schmerz und alle Einsamkeit wert gewesen, die sie in den kommenden Jahren zu ertragen haben würde. Es hatte ihr nichts ausgemacht, nicht wohlhabend zu sein; der Gedanke an echten Reichtum und Eleganz war mit ihren Eltern gestorben. Ihr waren ganz andere Dinge wichtig, es ging ihr darum, anderen Menschen in deren Not zu helfen. Ihrer Meinung nach war das Unterhaltsgeld aus dem Erbe ihrer Eltern immer mehr als ausreichend gewesen.

Als ihr Blick auf ihren Bruder fiel, stieg einen Moment lang Wut in ihr hoch, doch im Grunde wusste sie, dass es nicht seine Schuld war. Nach dem Tod ihres Vaters hatte Angus ihn angeleitet und ihn gelehrt, dass die bessere Gesellschaft alles war und es nur darum ging, sich die Gunst der Krone zu sichern und sich ausschließlich in den elitärsten Kreisen zu bewegen. Sie hatte gewusst, dass Justin sich mit dem mutmaßlichen Thronfolger und dessen Entourage abgab, denn sie hatten nur allzu oft über das Königreich und die Verantwortung gestritten, die mit großer Macht und noch größerem Prunk einherging, während die Leute vor ihrer Nase häufig in den erbärmlichsten Verhältnissen lebten. O ja, sie hatte es gewusst. Gelegentlich hatte sogar sie sich auf Angus' Drängen hin bei öffentlichen Anlässen gezeigt, denn sie liebte Justin, und die Zwillinge standen einander sehr nahe.

Nicht nahe genug, wie sie jetzt feststellen musste, denn sie hatte nichts von den Schulden geahnt, die ihr Bruder anscheinend angehäuft hatte. Doch sie durfte sich nicht wundern, denn nur wenige Männer standen in dem Ruf, ein derart zügelloses Leben zu führen wie Eddy, der Herzog von Clarence und mutmaßliche Thronfolger nach seinem Vater, dem ältesten Sohn von Königin Victoria.

»Mir fällt beim besten Willen keine Beschäftigung ein, mit deren Gewinn ihr auch nur einen Bruchteil des Schuldenberges abtragen könntet«, ließ sich Angus vernehmen. »Ich fürchte jedoch, dass wir das Haus auf der Stelle verkaufen müssen.«

»Wir könnten die Ländereien im Norden veräußern«, schlug Maggie vor.

Angus warf Justin einen strafenden Blick zu. »Die sind schon seit längerem verkauft, mein liebes Kind.«

Sie sank auf ihren Stuhl zurück.

Entschlossen kam Justin auf sie zu, kniete sich vor sie und griff nach ihren Händen. »Mach dir keine Sorgen, altes Mädchen. Sie sollen mich ruhig einsperren, vielleicht kommt ja eine zahnlose Alte – aber eine mit viel Geld – und rettet mich!« Man sah ihm an, dass er sich Mühe gab, möglichst unbeschwert zu klingen.

Einen Augenblick lang war Maggie wütend genug, um ihn im Gefängnis verrotten und eine zahnlose Alte heiraten zu lassen, doch die Genugtuung würde sie Angus niemals geben. Ihr Bruder sollte sich eine Braut nehmen, die jung genug war, um ein ganzes Haus voll strammer Erben in die Welt zu setzen.

Maggie blickte an Justin vorbei. »Du darfst ein Treffen zwischen deinem Viscount und mir arrangieren, Onkel.«

»Gut«, sagte Angus. »Morgen Vormittag um zehn. Und um Himmels willen, Mädchen, zieh einmal nicht diese schwarzen Lumpen an, die noch dazu dreckig sind!«

»Ich werde etwas ausgesprochen Aufreizendes tragen, vielleicht in schreiendem Gelb.« Sie war zu verärgert, um ihrem Onkel noch respektvoll zu begegnen. Wie konnte dieser Mann der Bruder ihres Vaters sein?

»Andererseits bist du im Moment ganz passend gekleidet«, meinte Angus mit falscher Freundlichkeit, »solltest du dich entscheiden, doch noch nach Newgate zu gehen.«

Damit verbeugte er sich und verließ den Salon, wobei er ihr über die Schulter zurief: »Wir machen dir Punkt zehn unsere Aufwartung.«

»Es besteht kein Grund, weshalb du eine unglückliche Ehe eingehen solltest, nur um meine Haut zu retten«, sagte Justin, nachdem sich die Tür hinter Angus geschlossen hatte. Ihr Bruder sah nicht länger aschfahl aus und hatte eine entschlossene Miene aufgesetzt. »Ich habe Schulden gemacht, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Es war mein Fehler, und obgleich die Vorstellung eines Aufenthalts im Schuldnergefängnis nicht gerade verlockend ist, habe ich es doch verdient.«

Maggie starrte ihn an und spürte, wie sich die blinde Wut in Luft auflöste, die sie eben noch beherrscht hatte. »Nein.«

»Maggie, du wirst nicht für meine Sünden büßen. Ganz im Ernst, ich spiele hier nicht den Tapferen und habe auch nicht vor, still und leise im Gefängnis vor mich hinzusiechen. Im Laufe der Zeit habe ich die Bekanntschaft etlicher liebeshungriger Witwen gemacht, die sicher nicht abgeneigt wären, wenn ich mich um sie bemühte.«

»Nein.«

»Verdammt noch mal, Maggie! Ich habe nicht vor, dir mein Einverständnis für eine Heirat mit dem Viscount zu erteilen.«

»Es sieht beinahe so aus, als hätte Angus das bereits getan.«

»Dazu hat er gar nicht das Recht. Dem Gesetz nach steht es allein mir zu, dir eine Heirat zu verbieten oder auch nicht. So ist es nun einmal.«

Sie stieß einen leisen Seufzer aus und blickte auf ihre Hände. Da ihr Onkel diesen Viscount gefunden hatte, war er zweifellos abscheulich. Doch wenn er zudem so reich war, wie Angus behauptete, konnte er sich als nützlicher Begleiter erweisen.

»Komm schon, Maggie, Liebes! Ich kann mich nicht genug bei dir entschuldigen, aber ich werde es wieder gutmachen. Wenn ich bei der Wahl meiner süßen Greisin aufpasse, finde ich eine, die ohnehin bald den Löffel abgibt.«

»Oh, Justin, das ist furchtbar!«

»Furchtbar, aber wahr. Schau doch, Maggie, ich habe mich wie ein Hornochse benommen und versucht, all das zu sein, was Angus für mich wollte – der perfekte Schwerenöter und Dandy, so nahe am Thron, dass ich beinahe schon auf dem Rand hockte. Deswegen stecke ich nun in dieser misslichen Lage. Ich,nicht du.«

»Justin, liebst du mich wirklich und tut es dir tatsächlich Leid?«

»Ja, natürlich«, antwortete er ernst.

»Dann musst du dein Einverständnis zu meiner Heirat mit diesem Mann geben.«

»Warum?«, wollte er wissen.

»Weil es nur eine Sache gibt, die ich wirklich will: Tante werden von einem ganzen Dutzend Nichten ... und Neffen. Ich schwöre es dir, Justin, für mich gibt es nichts Wichtigeres auf dieser Welt. Wir können nicht darauf bauen, dass eine alte Herzogin praktischerweise das Zeitliche segnet, und wenn es irgendetwas gibt, das mir unsäglichen Kummer bereiten würde, dann die Aussicht, Angus könnte den Titel unseres Vaters erben. Verstehst du mich? Wenn du mich liebst und deine Fehler wieder gutmachen willst, dann such dir eine passende junge Frau, ganz gleich ob reich, arm, bürgerlich oder adelig, und heirate sie. Und zwar bald.«

Justin ließ den Kopf hängen, die Hände wie zum Gebet gefaltet. Dann blickte er zu ihr auf. »Maggie, um Himmels willen, du darfst Angus nicht mehr hassen, als du dich selbst liebst.«

Sie lächelte. Seine Worte klangen ernst und feierlich, und er sprach sie mit leidenschaftlicher Entschlossenheit.

Da trat sie auf ihn zu und nahm seine Hände, so, wie er es zuvor bei ihr getan hatte. »Justin, wenn dieser Mensch wirklich grauenvoll sein sollte, sprechen wir morgen noch einmal darüber. Aber sollte er ... sollte er auch nur im Geringsten ein anständiger Mann sein, dann kann er mir vielleicht genau das bieten, was ich mir wünsche: eine Stimme, die auch unter den Reichen und Mächtigen Gehör findet. Du weißt, was ich über die schrecklichen Zustände denke, die leider in etlichen Waisenhäusern herrschen. Vielleicht kauft er mir als Hochzeitsgeschenk eine Fabrik, und wir können uns darum kümmern, dass die Leute einen angemessenen Lohn erhalten und die Arbeitszeiten verkürzt werden.«

»Oh, Maggie!« Ihr attraktiver und mittlerweile auch reumütiger Bruder sah erneut aus, als würde es ihm nicht gut gehen. Beinahe ärgerte es sie, schließlich war sie das Opferlamm, das zur Schlachtbank geführt wurde. Justin sollte sie aufmuntern, nicht umgekehrt.

»Justin, weißt du noch, als ich mich in Nathan verliebte? Du warst damals so stark und hast als der große Baron, als Oberhaupt der Familie, darauf bestanden, dass ich den Mann heiratete, den ich wollte. Und das tat ich auch. Du hast mich damals unterstützt, obwohl das nicht jeder an deiner Stelle getan hätte. Leider habe ich Nathan verloren und werde nie wieder lieben. Wenn ich nun also einen steinreichen Aristokraten eheliche, der obendrein auf geradezu lächerliche Weise in mich vernarrt zu sein scheint – ohne mich überhaupt zu kennen! –, macht das nichts. Mit ein bisschen Glück werden wir gute Freunde sein.«

Er starrte geradeaus. »Freunde, ja, ganz bestimmt sogar, denn er ist einer der anständigsten Kerle, denen ich je begegnet bin.«

Sie ließ sich auf ihren Stuhl sinken. »Du kennst ihn?«

»Natürlich.« Er stieß ein trockenes Lachen aus. »Er pflegt keinen Umgang mit Eddy und Konsorten, aber er steht der Königin sehr nahe. Er gehört zu den wenigen Leuten, die sie privat empfängt und denen sie sich anvertraut. Seine Frau ist vor Jahren gestorben, genau wie Prinz Albert, um den Ihre Majestät immer noch trauert. Langdon ist wirklich anständig und fürsorglich und sieht eigentlich gar nicht schlecht aus. Na ja, für so einen alten Mann jedenfalls. Ein ehrwürdiger Kerl. Auf gewisse Weise würdet ihr ein interessantes Paar abgeben.« Er versuchte zu lächeln.

Sie schmunzelte. »Also ... dann lerne ich ihn morgen kennen.«

»Mir gefällt die Sache nicht, kein bisschen.«

»Tja, aber Newgate würde uns beiden auch nicht gefallen«, erwiderte sie spitz.

»Aber die Sache ist noch nicht entschieden. Du heiratest den Kerl nur, wenn du es auch wirklich willst.«

Sie sagte ihm nicht, dass sie die Hochzeit selbst dann wollen würde, wenn ihr Bräutigam der Leibhaftige wäre – solange es ihren Bruder davon abhielt, eine alte Herzoginwitwe zu heiraten, die mit einem Fuß im Grabe stand und keinerlei Aussichten mehr hatte, einen Erben auf die Welt zu bringen.

»Natürlich«, murmelte sie und ging auf die Tür zu, damit er ihr Zittern nicht sah.

Im Türrahmen hielt sie jedoch inne, um sich nochmals zu ihm umzuwenden. »Solltest du dich noch einmal derart verschulden, brauchst du dir keine Sorgen um Newgate zu machen, denn dann knüpfe ich dich höchstpersönlich an der nächsten Straßenlaterne auf. Hast du mich verstanden?«

Statt auf eine Antwort zu warten, flüchtete sie aus dem Zimmer.

»Neun Uhr fünfundfünfzig.« Mireau teilte ihr die genaue Uhrzeit mit, bevor sie danach fragen konnte. Die letzte halbe Stunde hatte sie sich alle paar Minuten danach erkundigt.

Wie Justin hatte auch Mireau versucht, sie umzustimmen, doch all seine anderen Lösungsvorschläge waren undurchführbar gewesen. Er selbst hatte sie aus ihrer misslichen finanziellen Lage befreien wollen, doch beide wussten, dass es Ewigkeiten dauern würde, bis er auch nur sich selbst von seinen Honoraren unterhalten konnte, selbst wenn es ihm gelänge, sich auf die Schnelle einen Namen in der Londoner Literaturszene zu machen.

»Und Justin hat den Mann schon einmal gesehen?«, fragte Mireau unerwartet.

»Ja.«

»Und wie hat er ihn beschrieben?«

»Groß und ehrwürdig.«

Mireau blickte nach unten auf die Straße. Anscheinend waren ihre Besucher eingetroffen. Maggie stellte sich eilig hinter ihn, wobei sie darauf achtete, dass sie von den Vorhängen verdeckt wurde.

Die Kutsche, die vorgefahren war, war viel prunkvoller als diejenige ihres Onkels. Das große Gefährt wurde von zwei prächtigen Rappen gezogen. Ein drittes Pferd war hinten an der Kutsche festgebunden. Drei Männer standen an der offenen Wagentür, aus der samtbezogene Stufen für die Fahrgäste hinabgelassen worden waren.

Einer der Ankömmlinge sah nach oben.

Entgeistert blickte Maggie zu ihm hinab.

Er war nicht alt. Er war groß und zweifellos ehrwürdig. Sein volles Haar war tiefschwarz, seine Gesichtszüge klar geschnitten und ebenmäßig, die Kinnlinie war kantig und wirkte selbstbewusst. Der Fremde hatte große Augen, deren Farbe aus dieser Entfernung nicht zu erkennen war, doch seine Brauen waren scharf geschwungen, und sein Mund wirkte zugleich zynisch und sinnlich. In seiner eng anliegenden Weste mit Krawatte und dem taillierten Jackett kam seine beeindruckende Erscheinung und die maskuline Gestalt zur Geltung, wobei die Eleganz seiner Kleidung von der Pracht seines Körpers bei weitem in den Schatten gestellt wurde.

»Aber ... er ist ... wunderbar. Außergewöhnlich!«, entfuhr es Mireau.

»Unsinn«, murmelte Maggie, obgleich sie ein sanftes Kribbeln im Nacken spürte und noch etwas – etwas, das sie längst für vergessen und begraben gehalten hatte. Das leiseste Erwachen einer inneren Erregung.

Eine innere Erregung ... Verlangen?

Um Himmels willen, nein! Sogleich schalt sie sich selbst für den untreuen Gedanken.

Und doch ...

»Kann er das sein? Der Viscount?«, wunderte sich Mireau.

Dann, just als ihr einfiel, dass sie vergessen hatte, auf ihre Deckung zu achten, und den Mann genauso anstarrte wie er sie, lächelte er. Sein Lächeln wirkte amüsiert und ein wenig spöttisch. Er verbeugte sich leicht in ihre Richtung und trat dann zurück.

Hinter ihm tauchte ein weiterer Herr auf.

Er war groß und ehrwürdig, mit starken Gesichtszügen und intelligenten Augen.

Ja, er war groß. Und ehrwürdig, ganz bestimmt sogar. Seine Kleidung war ausgesprochen elegant, und er machte darin eine sehr gute Figur, trotz seiner ... Reife.

Er hatte schneeweißes Haar.

Allerdings war es voll.

Sein Gesicht, das einst attraktiv gewesen sein musste, war von unzähligen Falten zerfurcht. Seine ehemals breiten Schultern wirkten knochig. Er war ehrwürdig, ja ...

Außerdem war er älter als Methusalem, so kam es ihr jedenfalls vor.

»Das muss der Viscount sein«, flüsterte sie tonlos.

Sie würde einen Mann heiraten, der aussah wie eine wandelnde Leiche.

Kapitel 2

Jamie Langdon registrierte jedes noch so kleine Detail an dem Haus, und seine Verärgerung stieg.

Sicher, es handelte sich um eine vornehme Variante des Verarmtseins, an sich nicht ehrenrührig. Doch hier wurde jemand verschachert, um der misslichen Lage zu entkommen, und er konnte sich eines Gefühls der Verachtung nicht erwehren.

Er war Justin schon des Öfteren bei Hofe, auf Bällen, Teegesellschaften und bei anderen gesellschaftlichen Anlässen begegnet. Außerdem hatte er ihn etliche Male in anderen Kreisen und Etablissements getroffen. Justin hatte ihm gefallen, er sah sympathisch aus, war normalerweise höflich und aufmerksam, jedoch schnell dabei, wenn es darum ging, einen Freund mit Worten oder Taten zu verteidigen. Außerdem war er sehr gebildet, und es gelang ihm, sein Wissen an seinen königlichen Freund weiterzugeben, Eddy, den Herzog von Clarence – dem Thronanwärter nach seinem Vater, sollte Victoria jemals das Zeitliche segnen. Auf diese Weise wirkte Eddy viel intelligenter, als er in Wirklichkeit war. Alles in allem war Justin ein netter Bursche, wenn man einmal von seinem Verhalten an den Spieltischen absah: Dort schien er regelmäßig die Beherrschung zu verlieren.

Dies war nun also sein Haus.

Er sollte eine Schwester haben, über die man sich natürlich die Mäuler zerriss. Sie hatte die Londoner Adelskreise im Sturm erobert – vor allem den männlichen Teil –, um dann ihren gesellschaftlichen Status zu riskieren, sämtliche junge Männer der Aristokratie zu verschmähen und sich in eine erbärmliche Affäre mit einem gewöhnlichen Bürgerlichen, einem Polizisten, zu stürzen. Für etliche Damen und Herren mit Adelstitel kam dieses Verhalten einem Kapitalverbrechen gleich. Sie hatte den Kerl sogar geheiratet. Seitdem hatte Stillschweigen über sie geherrscht, abgesehen von dem einen oder anderen Gerücht über ihre seltsamen Aktivitäten im East End, das doch an die Oberfläche gedrungen war.

Als die junge Lady Maggie in der Londoner Gesellschaft für Furore gesorgt hatte, war er noch im Dienste Ihrer Majestät auf dem Kontinent gewesen. Deshalb hatte er die angebliche Schönheit nie gesehen. Bis jetzt. Er hatte nach oben geblickt und ihr Gesicht am Fenster gesehen.

Sie war von außergewöhnlicher Schönheit, das musste man ihr lassen.

Aber dass Charles sich plötzlich entschlossen hatte, auf seine alten Tage noch einmal zu heiraten, und dann ein Mädchen, das nicht einmal ein Drittel so alt wie er selbst war, wirkte irgendwie ...

Nun, ehrlich gesagt wirkte es einfach unschön.

Doch Jamie liebte seinen Großonkel. Zur Hölle mit dem Titel. Sollte Charles noch einmal heiraten und einen Sohn zeugen, wäre das wunderbar.

Aber ...

Sollte er ein untreues kleines Flittchen ehelichen, das vorhatte, ihm einen Bastard als Familienerben unterzujubeln, würde Jamie sie liebend gerne eigenhändig entführen und in Sansibar oder auf irgendeinem anderen Sklavenmarkt verkaufen. Viele Jahre lang hatte Charles ihn bei wichtigen Entscheidungen in seinem Leben sowie geschäftlichen Fragen zurate gezogen. Doch von seinem plötzlichen Entschluss zu heiraten hatte er kein Wort verlauten lassen – nicht bevor er mit Angus Graham gesprochen und ein Treffen mit der Lady in die Wege geleitet hatte. Charles war fest entschlossen gewesen. Zwar hatte Jamie versucht, seinen Onkel taktvoll zu warnen, ohne ihm sein Alter vorzuhalten, aber Charles war sich durchaus bewusst, dass er eine sehr junge Frau umwarb, und es machte ihm nicht das Geringste aus. »Männer in meinem Alter haben oft ausgefallene Wünsche, was ihre Begleitung betrifft, mein Junge«, hatte Charles ihm versichert. »Glücklicherweise besitze ich einen Titel und Geld und kann es mir folglich erlauben, mir meinen Herzenswunsch zu erfüllen.«

Sie war also sein Herzenswunsch. Außerdem schien sie zu haben zu sein, für einen entsprechenden Preis.

Vielleicht beunruhigte es ihn, dass sich ein Mann vom Format seines Onkels so unerwartet zu einer Handlungsweise entschieden hatte, die so gänzlich dem würdevollen Verhalten widersprach, das er sonst an den Tag legte.

Sein Onkel verdiente Bewunderung und Respekt. Er hatte in den Kriegen des Empire gefochten und war der Vertraute der Königin gewesen. Außerdem hatte er dem mittlerweile lange verstorbenen Prinzgemahl geholfen, den technischen Fortschritt im Land voranzutreiben, und auch im Oberhaus des Parlaments, in dem die Lords saßen, war er kein seltener Redner gewesen.

Wenn die junge Lady einem derartigen Mann nicht den nötigen Respekt zollte, wusste Jamie, dass es ihm schwer fallen würde, sie nicht eigenhändig zu erdrosseln.

»Junge, mein Herz flattert!«, meinte Charles unvermittelt und griff nach Jamies Arm. »Warte, bis du sie siehst!«

»Onkel, kennst du das Mädchen denn überhaupt?«, wollte Jamie wissen.

»Ich habe sie bereits gesehen, mein Junge.«

»Sehen heißt nicht kennen.«

»Ach, aber wir sprachen auch miteinander, selbst wenn es nun schon etliche Jahre her ist und sie sich vielleicht nicht mehr daran erinnert. Sie war die Schönste auf jedem Ball und wurde von unzähligen jungen Burschen belagert. Freundlich wie sie war, sprach sie mit denjenigen, die stotterten, die auf der Tanzfläche unbeholfen waren oder nicht aus den allerbesten Familien kamen, mit der gleichen höflichen Zuvorkommenheit wie mit allen anderen. Sie hat aber auch Temperament. Einmal sah ich ihren eisigen Blick, als ein Kerl von Stand einen anderen wegdrängelte. Ach, Junge, ich kenne sie. Und dass sie einem Treffen zugestimmt hat ... wie schon gesagt, mein Herz flattert.«

»Lass es nicht zu heftig flattern, sonst zerbricht es die Wände deiner Brust!«, riet Jamie ihm.

Sein Onkel, dem die Bemerkung nichts auszumachen schien, grinste. »Lass uns eintreten. Wir verhalten uns wie Schuljungen, die sich vor dem Haus eines Mädchens herumdrücken.«

»O ja, lass uns eintreten.« Jamie war selbst neugierig, diese Ausgeburt an Tugend und Schönheit kennen zu lernen. Natürlich war er mitgekommen, um Charles zu beschützen, obwohl er nicht genau wusste, wie dies zu bewerkstelligen sei. Charles konnte mit seinem Vermögen machen, was er wollte, und es war nicht sehr wahrscheinlich, dass er eine junge reiche Frau finden würde, die bereit wäre, einen Mann seines Alters zu heiraten, egal, welch ehrenvoller Lord er sein mochte. Zweckehen waren keine Seltenheit, und für die Frau würde die Eheschließung in diesem Fall definitiv sehr zweckdienlich sein. Nach ihren Eskapaden würde sie keinen jungen Lord von großem Reichtum und hohem gesellschaftlichen Ansehen in die Falle locken können. Sie würde den Heiratsantrag aus einem einzigen Grund annehmen, nämlich um sich Geld und sozialen Status zu sichern. Als Gattin von Charles, dem Viscount von Langdon, würde es ohne Zweifel in ganz Großbritannien und auf dem Kontinent kein Haus geben, in dem sie nicht willkommen wäre. Und wenn ihre Kleidung genauso abgenutzt und antiquiert war wie ihre Umgebung, dann würde es ihr sicher nicht ungelegen kommen, sich in Zukunft jegliche Seide und Satinstoffe leisten zu können, die ihr Herz begehrte.

»Darby«, wandte Charles sich an seinen Diener. »Schätzungsweise wird es eine Stunde dauern. Vielleicht möchten Sie in der Zwischenzeit ein Kaffeehaus oder einen Zeitungsstand besuchen.«

»Ach wo, Lord Charles, ich werde hier an dieser Stelle auf Euch und auf Lord Jamie warten. Die Zeitung habe ich mir mitgebracht.« Wie alle Angestellten von Charles verehrte Darby den Alten, der milde und großzügig war. Obwohl der Viscount in eine Gesellschaft geboren worden war, in der man die Existenz verschiedener Klassen ohne weiteres akzeptierte, vertrat er den Glauben, dass es Gottes Wille sei, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Und Charles predigte nicht nur, sondern lebte auch dementsprechend.

Als Charles sich wieder dem Haus zuwandte, blickte der Diener Jamie mit gerunzelter Stirn an. Jamie nickte unmerklich. Ja, er würde Charles beschützen, falls nötig, bis zu seinem letzten Atemzug. Gegen einen Meuchelmörder, einen Feind im Parlament – oder die Listen einer schönen Frau.

Für einen Augenblick legte Charles Jamie die Hand auf die Schulter, während sie die Treppenstufen zum Eingang erklommen. »Wärst du doch mein Sohn! Mein Cousin war ein gesegneter Mann«, sagte er leise. »Erst dein Vater, den wir alle sehr vermissen, und nun du. Ich bin sehr stolz, dass du Teil meiner Familie bist, und im Falle meines Todes, sollte kein Sohn aus meiner zweiten Ehe hervorgehen ...«

»Sir, ich werde mit Freuden auf deiner Hochzeit tanzen und darum beten, dass deine Ehe Früchte tragen möge. Außerdem darfst du nicht vergessen, dass du eine ausgesprochen schöne junge Tochter großziehst.«

»Ach, aber wir beide wissen, dass eine Tochter in den Augen der Welt nicht das Gleiche wie ein Sohn ist! Dennoch schätze ich mich glücklich, Junge, dass mein Titel und der Großteil meines Vermögens an dich fallen werden, sollte ich keinen männlichen Erben in die Welt setzen. Das darfst du nie vergessen. Aber Arianna, oje!« Charles legte die Stirn in sorgenvolle Falten, und Jamie wusste, dass die junge Dame ihrem Vater in letzter Zeit Anlass zur Sorge gegeben hatte. »Ich bete darum, dass ich es noch erlebe, wie sie einen guten, geeigneten Mann heiratet, bevor ich sterbe. Nicht, dass es ihr im finanziellen Sinne je an etwas fehlen wird ... Doch ich habe Angst um sie! Sie hätte unbedingt eine Mutter gebraucht. Wenn Lady Maggie mich nur erhören wird, wird sie sich darum kümmern, dass Arianna alles Nötige lernt, was ich ihr nicht beibringen konnte. Reichtum bringt viel Verantwortung mit sich, Jamie, und es bereitet mir große Freude, dass du in der Armee Ihrer Majestät gedient hast, aber selbst eine Lady, eine Ehefrau und Mutter, muss lernen, welch ernste Angelegenheit Macht ist.«

»Arianna ist jung und im Moment noch sehr verträumt«, erwiderte Jamie. »Gib ihr Zeit.«

Auf der obersten Stufe hielt Charles mit einem Mal inne. »Bete darum, dass mir genug Zeit bleibt.« Statt weiter auszuholen, klopfte er mit seinem Gehstock gegen die Tür. Mitleid wollte er keines. Er hatte ein schönes Leben gehabt und wusste, dass es eine ganz natürliche Tatsache war, wenn er nur mehr eine begrenzte Anzahl an Jahren vor sich hatte.

Die Tür wurde von einem Butler geöffnet, einem lebenden Skelett, das in leicht fadenscheiniger, vornehmer Eleganz gekleidet war. »Guten Tag, Lord Charles, Sir James. Darf ich Euch Eure Mäntel abnehmen und Euch in den Salon führen? Lord Angus und Baron Graham erwarten Euch mit der größten Freude. Lady Maggie ... wird in Kürze ebenfalls nach unten kommen.«

»Danke, mein Bester«, sagte Charles und entledigte sich eilig seines Mantels, des Huts, der Handschuhe und des Stocks, um den Salon alleine zu betreten, während Jamie noch dabei war, seinen Mantel auszuziehen. Der spindeldürre Butler versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Jamie musste grinsen. »Nur zu, lächeln Sie ruhig«, meinte er zu dem Butler. »Junge Liebe, wie?«

»Nun, zumindest Liebe, Sir, da besteht kein Zweifel.«

Jamie nickte, bevor er seinem Onkel in den Salon folgte.

Sowohl Angus als auch Justin waren anwesend und schüttelten Charles die Hand. Dann begrüßten beide Jamie, wobei Justin erfreut zu sein schien, ihn wiederzusehen.

»Bitte setzt Euch«, forderte Angus sie auf. »Meine Nichte wird jeden Moment hier sein. Frauen ist es unmöglich, pünktlich zu sein, fürchte ich. Besonders da Maggie natürlich ihrem ersten Treffen mit Euch, Sir Charles, mit Spannung entgegenblickt.«

»Oh, aber wir sind einander bereits begegnet.«

»Ach?« Angus schien unangenehm berührt.

»Lady Maggie wird sich nicht daran erinnern, denn sie war damals mit Sicherheit von der schieren Unmenge an Verehrern überwältigt, die sie umlagerten«, meinte Charles gutmütig.

Dann wurden sie alle von einer leisen weiblichen Stimme überrascht, deren geschmeidiger Klang unwillkürlich an Seide denken ließ.

»Ehrlich gesagt war es mir tatsächlich entfallen, Sir. Doch nun, da ich Euch sehe, erinnere ich mich an unsere Begegnung und freue mich außerordentlich, Euch wiederzusehen.«

Jamie drehte sich blitzschnell um. Trotz ihres weiten Rockes war es der Lady gelungen, den Salon zu betreten, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, und nun stand sie in ihrer exquisiten Schönheit vor ihnen. Das Licht, das durch die Fenster drang, schien sie in himmlischen Glanz einzutauchen. Aus einem schönen, zart geschnittenen Gesicht blickten ihnen außergewöhnlich strahlende Augen von einem satten Kobaltblau entgegen. Ihre vollen, weichen Lippen waren zu einem reuevollen Lächeln verzogen. Sie besaß hohe Wangenknochen, fein gezogene Augenbrauen und eine gerade Nase, die die perfekte Größe für ihre wie von Künstlerhand geschaffenen, porzellanhaften Züge hatte. Ihr Kleid, ein tiefblauer Wirbel aus Seide, war

überaus anständig und sittsam, schien aber dennoch ihre unvorstellbar schmale Taille und die verlockenden Rundungen ihrer Brüste und Hüften zu betonen.

Jamie musste sich eingestehen, dass sie atemberaubend war.

Ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, ruhten ihre schönen Augen freudig funkelnd auf Charles. Ein wohlwollendes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf ihn zutrat, seine ausgestreckte Hand ergriff und sich von ihm Begrüßungsküsse auf die Wangen hauchen ließ.

»Meine Liebe, die Jahre haben Euch noch schöner werden lassen«, sagte er leise.

»Und Euch haben sie noch charmanter gemacht«, erwiderte sie verschämt. »Aber setzen wir uns doch alle, bitte.« Auf einmal wandte sie sich um und starrte Jamie an. Sie bot ihm ihre zarte Hand zum Kuss. »Sir, wir sind uns bisher noch nicht begegnet, da bin ich mir sicher.«

Er war in der Lage, das Spiel mitzuspielen, zumal es seinem Onkel so viel bedeutete. Jamie neigte den Kopf und griff nach ihrer Hand. Sogleich schienen Funken zu fliegen und seine Haut zu verbrennen. Er beugte sich nach unten und hauchte einen Kuss auf ihre Finger, die sie ihm bereits wieder zu entziehen versuchte. Als er sich aufrichtete, sah er ihr direkt in die Augen. Sie schien sich der Elektrizität nicht bewusst zu sein, die sich zwischen ihnen entladen hatte. »Sir James Langdon, Lady Maggie. Lord Charles ist mein Großonkel.«

»Nun, wie reizend, dass Ihr ihn hierher begleitet habt«, meinte sie leichthin, doch ihre wissenden Kobaltaugen tauchten erneut in seinen Blick ein, und er hatte das Gefühl, sie ahne, dass er als der Beschützer von Lord Charles mitgekommen war.

Sie wandte ihm den Rücken zu, als wäre er oder seine Meinung nicht weiter von Belang, was ja tatsächlich auch der Fall war. Anscheinend hatte sie sich bereits zugunsten einer Heirat entschieden. Er spürte erneut kalten Zorn in sich aufsteigen. Dieses geldgierige Luder.

»Aber bitte, nehmt doch Platz, Lord Charles. Würdet Ihr Tee oder Kaffee vorziehen?«

»Kaffee, welch Hochgenuss! Ihr verwöhnt mich.«

Sie hob die Hand, und Clayton erschien. »Lord Charles möchte lieber Kaffee.«

»Sofort, Mylady.«

Charles sah Justin, Baron Graham, an. Jamie wusste, dass sein Onkel ursprünglich mit Angus gesprochen hatte, doch Justin war der Bruder der Lady sowie Träger des Familientitels. Amüsiert stellte Jamie fest, dass die Situation Angus zu ärgern schien.

»Justin, bestimmt hat Euch Angus über den Grund unseres Kommens informiert.«

»In der Tat, Sir«, erwiderte Justin düster. »Doch obgleich Ihr ein anständiger und nobler Mann seid, überlasse ich die Entscheidung ganz meiner Schwester. Einst schwor sie, nie wieder zu heiraten.« Justin warf seiner Schwester einen Blick zu, der Jamie vorwurfsvoll zu sein schien. Etwas in seinen Augen schien zu flehen: Tu es nicht.

Sie zog es jedoch vor, ihren Bruder nicht anzusehen. Stattdessen ruhte ihr Blick auf Charles.

»Selbstverständlich«, meinte dieser. »Es gab Schwierigkeiten in Ihrer Familie, und gerne wäre ich bereit, sie aus der Welt zu räumen. Meine Liebe, es würde Euch für den Rest Eures Lebens an nichts fehlen«, fügte er mit Nachdruck an Maggie gewandt hinzu.

Jamie musste die Zähne zusammenbeißen. Charles benahm sich wie ein verknallter Schuljunge, und seltsamerweise war es die um so viele Jahre jüngere Frau, die einen kühlen Kopf bewahrte.

Allerdings konnte man wohl davon ausgehen, dass sie sich nicht Hals über Kopf in den Mann verliebt hatte, der um ihre Hand anhielt.

»Lord Charles, ich muss zugegeben, dass ich zögerte, als man mir die Angelegenheit zu Gehör brachte.« Sie lächelte. Es war ein reizendes Lächeln. War es einstudiert? Oder war sie ein Naturtalent in der Kunst der Verführung? »Doch nun, da wir uns wieder begegnet sind und ich mich an Euch erinnere ... habe ich nicht die leisesten Bedenken!«

Jamie musste mit ansehen, wie sich sein Onkel erhob und für einen Mann seines Alters mit bemerkenswerter Geschwindigkeit auf Maggie zustürzte, sich auf ein Knie sinken ließ und ihre Hand ergriff.

»Ihr werdet diese Entscheidung niemals bereuen, meine Liebe, dafür werde ich Sorge tragen.«

Sie blickte ihm in die Augen. »Das weiß ich.«

Während Charles sich aufgeregt erhob, ließ Jamie Lady Maggie nicht aus den Augen. Es schien fast so, als erschauderte sie, doch sie hatte sich augenblicklich wieder im Griff. Allerdings wanderte ihr Blick für einen kurzen Moment durch den Raum und traf den seinen. Jamie selbst musste Giftpfeile aus seinen halb zusammengekniffenen Augen auf Maggie abgeschossen haben, denn sie schien sich zu verkrampfen, und das Zittern, das er mehr gespürt als gesehen hatte, wurde zur reinen, wütenden Gewissheit.

Sie schenkte ihm ein herausforderndes Lächeln, aus dem offen ihr Zorn sprach: Ja, Ihr denkt, ich bin eine Hure, die sich selbst verkauft und bereits ihr verdientes Gold zählt. Glaubt doch, was Ihr wollt, an den Tatsachen ändern könnt Ihr sowieso nichts!

»Ich bin sprachlos!«, rief Charles.

Stammelnder Esel, dachte Jamie und war wütend auf sich selbst, weil Charles ein wahrhaft edler, guter Mensch war, der mehr Respekt verdient hatte.

»Nun«, meinte Jamie gedehnt, ohne den Blick von der zukünftigen Braut abzuwenden, der eine zarte Röte ins Gesicht stieg. »Es müssen Hochzeitsvorbereitungen getroffen werden. Ich würde sagen, lieber früher als später, nicht wahr, Onkel? Beide waren bereits verheiratet ... das Aufgebot kann also gleich bestellt werden, und binnen weniger Wochen könnt ihr Mann und Frau sein.«

»Ja, ja ... wenn Euch das recht ist, Maggie?« Er sagte ihren Namen das erste Mal ohne den Titel, als würde er es ausprobieren, und man sah ihm an, dass er es mit Ehrfurcht tat.

»Ganz wie Ihr wünscht, Mylord«, erwiderte sie sanft.

Jamie verspürte den Drang, das Zimmer zu verlassen. Ihm war übel.

»Nun, dann haben wir alle so einiges zu erledigen«, meinte er, indem er sich erhob.

»Warte, so warte doch!« Charles hob eine Hand, ohne dabei die Augen vom Antlitz der Frau abzuwenden. »Würdet Ihr eine große Hochzeit vorziehen? Derartige Veranstaltungen brauchen Zeit, Einladungen müssen verschickt, Kleidung gekauft und die verschiedensten Vorbereitungen getroffen werden. Außerdem hält sich meine Tochter zurzeit in Frankreich auf. Vielleicht hat Lord Justin besondere Wünsche, was die Hochzeit betrifft?«

Justin wirkte hohlwangig und abgespannt. Es ist wohl nicht ganz einfach, herumzusitzen und zuzusehen, wie sich deine Schwester prostituiert, wie, mein Freund?, dachte Jamie.

»Ich überlasse das alles Maggie«, erklärte Justin leise.

Sie schüttelte den Kopf. »Eine große Hochzeit ist nicht nötig.« Mit einem Blick auf Jamie fuhr sie fort: »Wie Euer Neffe bereits erwähnte, Sir, waren wir beide bereits einmal vermählt.«

»Dennoch würde es sich wahrscheinlich nicht schicken, allzu schnell zu heiraten.«

»Ich glaube, die Lady kann es kaum erwarten«, warf Jamie ein. »Warum auch, Charles? Sie scheint mir eine Frau zu sein, die weiß, was sie will – und sie will dich. Die Hochzeit sollte auf jeden Fall so bald wie möglich stattfinden.«

»Lord Charles, ich bin mit allem einverstanden und nehme Euren Antrag an, den Rest überlasse ich Euch. Mein Bruder und ich stehen allein, und ich bin mir sicher, dass sich mein Onkel Angus und seine Familie ganz nach Euren Wünschen richten werden. Setzt also einen Termin Eurer Wahl fest, der sich Eurer Meinung ,nach ziemt.«

Als sie sich erhob, standen alle mit ihr auf. Sie schenkte Jamie ein süßliches Lächeln. »Ich kann es in der Tat kaum erwarten, Sir.«

»Dann kümmern wir uns am besten um die rechtliche Seite der Angelegenheit, Jamie«, schlug Charles immer noch voll Freude vor. »Meine Liebe!« Er küsste Maggie sehr sanft auf beide Wangen. Ihre Augen waren niedergeschlagen, und sie gab keinerlei Anzeichen, dass ihr die Küsse zuwider waren, nicht einmal das leiseste Zittern durchfuhr ihren schlanken Körper.

Charles schritt auf die Tür zu, wo er innehielt und sich noch einmal umwandte. »Justin, Angus, meinen aufrichtigsten Dank. Wir sehen uns später. Und Maggie ... Mylady, ich schwöre, dass ich Euch glücklich machen werde.«

Dann war er verschwunden. Clayton, der sonst immer zur Stelle war, hatte gerade noch Zeit, ihm die Haustür zu öffnen.