Die bekanntesten Krimis - Matthias Blank - ebook

Die bekanntesten Krimis ebook

Matthias Blank

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Dieses eBook wurde mit einem funktionalen Layout erstellt und sorgfältig formatiert. Die Ausgabe ist mit interaktiven Inhalt und Begleitinformationen versehen, einfach zu navigieren und gut gegliedert. Matthias Blank wurde als ein berühmter Kriminalautor des frühen 20. Jahrhunderts bezeichnet. Inhalt: Der Mord im Ballsaal Ein seltsamer Zeuge Das Auge Wischnus

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Matthias Blank

Die bekanntesten Krimis

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-1566-9

Inhaltsverzeichnis

Der Mord im Ballsaal
Ein seltsamer Zeuge
Das Auge Wischnus

Der Mord im Ballsaal

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

1. Die gelbseidene Maske.
2. Ein hartherziger Vater
3. In schwerem Verdacht.
4. Die goldene Rose.
5. Des verstoßenen Sohnes Rückkehr ins Elternhaus.
6. Verhaftet.
7. Das erste Verhör.
8. Ein neues Moment.
9. Ein treuer Freund.
10. Forschungen auf eigne Hand.
11. Der Beweis der Schuldlosigkeit erbracht.
12. Eine schreckliche Tat.
Späte Reue.

1.

Die gelbseidene Maske.

Inhaltsverzeichnis

Im großen Theatersaal des Deutschen Theaters war eine Theaterredoute.

Dort herrschte ein Wirrsal ohnegleichen. Rauschende Gewänder in Seide und Brokat, Perlen und blitzende Steine, Blumen von betäubendem Duft, unendliche Blumen an den Gewändern und auf Häuptern mit veilchenduftendem Frauenhaar. Überall heiße, wangengerötete Gesichter. Aber während die einen glühten im Feuer trunkener Jugendlust, zeigten die anderen schon Spuren von den verschwundenen Jahren durchlebter Genüsse dieses Daseins; wieder andere mit hohlen Augen und Wangen, auf welchen der Puder und die Schminke in phosphoreszierendem Glanze schimmerte. Neben der zerfressenden Leidenschaft schwüler, verlebter Tage die Glückssehnsucht erweckter Jugend. Grausam zerpflückte Blumen, welke Treibhauspflanzen. Dazwischen herrliche blühende, aufkeimende Rosenknospen.

Über all diesem Hin- und Herwogen lag der blendende Schimmer einer Menge elektrischer Lampen. Das monotone Stimmengewirr, bisweilen unterbrochen durch ein lautes Lachen oder einen Zuruf, wurde von den Parisienneklängen einer Streichkapelle übertönt, zu denen sich die Paare in schnellem Atem drehten.

Nur einer stand einsam in einer Nische, die den großen Saal trennte von dem in zierlichem Rokoko erbauten Silbersaale, und sah diesem Getümmel interessiert zu.

Ein schwarzer, faltenreicher Domino hüllte gänzlich seine schlanke Gestalt ein, eine schwarze Samtmaske machte sein Gesicht unkenntlich und ließ lediglich das Feuer seiner großen, leuchtenden Augen verraten.

Diese suchten in diesem Taumeltanze unstet und verlangend; jedes Paar fand sein Blick.

Schon eine geraume Weile gingen seine Augen suchend durch den Saal.

Jetzt schienen sie gefunden zu haben, wonach sie verlangten. Das Aufleuchten der Pupillen hatte es verraten. In nervöser Ungeduld reckte sich sein Kopf nach vorwärts.

Das Weib, auf dem sein lauernder Blick ruhte, ging am Arme ihres Tänzers langsam um den Saal, sich zu verschnaufen, und fächelte sich lächelnd Kühlung zu. Sie trug ein Kleid aus blaßgelber Seide, das Hals und Nacken offen ließ und so einen Körper verriet, der von berückender Schönheit sein mußte. Die zarte, blaugeäderte Haut war von blendend blassem Schimmer, wie die Narzissenblüten, die auf ihrem jugendlichen Busen schwankend lagen. Die Formen des Leibes waren von träumerischer Schönheit, weich und herrisch stolz, wie der Blick ihrer Augen. Die Stirne war hoch und bleich. Die Wangen aber brannten in heißem Rot.

Ihr Tänzer trug ein elegantes Ballkostüm.

Beide waren in ein erregtes Gespräch vertieft und merkten dabei garnicht, daß die Musik das Spiel absetzte.

Während jetzt die Mehrzahl der Paare zu den Erfrischungsräumen, die im Silbersaale eingerichtet waren, strebte, wandte sich das Paar, das in fast gleichmäßiger Schönheit, Tänzer und Tänzerin, zusammen zu gehören schien, dem im ersten Rang befindlichen Palmengarten zu.

Ihnen folgte stets in einer solchen Entfernung, die ein unauffälliges Beobachten ermöglichte, der schwarze Domino. Er huschte hinter dem voranschreitenden Paare nach der Treppe empor; er sah noch, wie die beiden im japanesischen Zimmer verschwanden.

Da inzwischen die Musik wieder zu einem prickelnden Straußschen Walzer einsetzte, und alles wieder dem großen Saale zustrebte, entstand in allen Räumen ein Hasten und Drängen.

Der schwarze Domino sah in dem dadurch entstandenen Getriebe, – etwa zwanzig Paare hatten sich in dem traulichen Raum des japanesischen Salons aufgehalten, – wohl noch das blaßgelbe Gewand der Verfolgten; aber als er die Treppe hinunterschritt, konnte sein spähendes Auge sie nicht mehr finden.

Umsonst suchte er wieder unter den Tanzenden. Es war auch zwecklos, als er den schützenden Schatten der Nische verlassen hatte und sich selbst unter die Scharen der Tanzenden drängte. Er konnte sie nicht wiedersehen.

Er hörte hierbei nicht, wenn ihn eine weibliche Maske herausfordernd anrief, er sah nicht die ausgelassene Lustbarkeit; in seinen glühenden Augen brannte eine andere Leidenschaft, die keine Fröhlichkeit kannte.

Mit listigen Schritten strebte er wieder, diesem Gewühl zu entkommen.

Dann verschwand er gleichfalls in dem Tohuwabohu des Ballsaales.

In dem Palmengarten des ersten Ranges aber war das Tänzerpaar.

In der Nische, in welcher die kleine Fontäne von elektrischen Glühlampen beleuchtet war, hatten sie an dem kleinen Tischchen mit den zwei Rohrstühlen Platz genommen.

Er drehte in nervöser Erregung die Spitzen des blonden Schnurrbarts zwischen den Fingern.

Hier fühlten sich beide wohl von Lauschern und unerbetenen Zeugen sicher, da die Stimme des Mannes erregter wurde und man jedes Wort verstehen konnte.

Auch das Weib flüsterte nicht mehr wie bisher, um nichts zu verraten, sondern sprach in lauter Stimme, die gleichfalls nicht vollständig frei war von erregter Leidenschaftlichkeit, woraus die sichere Zuversicht zu erkennen war, mit welcher beide ein Vorhandensein von dritten Personen für unmöglich hielten.

»Und dennoch kann ein Irrtum nicht vorliegen,« begann der männliche Begleiter. »Du bist mit aller Sicherheit erkannt worden, als Du mit dem Herrn durch die Parkanlagen des englischen Garten gingst.«

Einen Augenblick schien es, als zögerte das Weib mit einer Antwort, dann aber antwortete sie, wobei sie von dem Stuhle aufstand:

»Und ich muß wie vorher behaupten, daß sich dieser geirrt haben muß. Ich war gestern abend zu Hause. Damit wirst Du Dich zufrieden geben müssen! Führe mich jetzt zurück in den Saal, ich will tanzen!«

Er aber gab sich mit dieser Erklärung noch keineswegs zufrieden, sondern faßte mit einer plötzlich ausbrechenden Grausamkeit das zarte Handgelenk und preßte es mit seinen zusammengekrallten Fingern derart, daß das Weib vor Schmerz einen unterdrückten Schrei ausstieß.

»Du tust mir wehe! Laß mich los, ich will wieder hinunter in den Saal!«

»Nicht eher, bis ich Antwort habe!« knirschte mit aufeinandergepreßten Zähnen der Mann, ohne die umklammerte Hand freizugeben.

Mit blitzenden Augen sah sie in sein zorngerötetes Gesicht.

»So wisse denn: ich selbst war es, der Dich beobachtet hat! Jetzt antworte! Ich glaube doch, ein Recht auf die Beantwortung dieser Frage zu haben.«

»Nein!« war die fast gleichzeitig erfolgte Antwort. »Noch bin ich frei und kann tun und lassen, was mir beliebt.«

»Du gestehst damit, daß mein Auge mich nicht betrogen hat!« kam es von seinen Lippen, und er stieß die umklammerte Hand von sich. »Als Dein Verlobter aber fordere ich Dich auf, mir den Namen des Unbekannten und den Grund zu nennen, was Euch veranlaßte, unter dem Schutze der Nacht die Einsamkeit aufzusuchen!«

Trotzig aber kam ihm von dem kleinen Munde mit den kirschroten Lippen, zwischen denen die kleinen Zähne wie blendende Perlen auf rotem Samt schimmerten, Antwort zu:

»Und wenn Du glaubst, durch rohe Gewalt mich zwingen zu können, so wird mein Mund Dich das Gegenteil lehren. Ich will nicht Auskunft geben!«

Jetzt war auch er aufgestanden und stand ihr gegenüber, um den Ausgang aus dem Palmengarten zu versperren.

»Ich werde Dich zwingen, und müßte ich zum Schrecklichsten meine Zuflucht nehmen.«

»Wage es nicht, mich auch nur mit dem kleinen Finger zu berühren! Ich rufe um Hilfe!«

Eine Pause trat ein, während welcher sich die beiden beobachtend gegenüberstanden.

Er brach zuerst das bange, erwartende Schweigen:

»Treulose Verräterin ...«

Diese Beschimpfung aber erreichte gerade das Gegenteil von dem, was sie wohl hätte erreichen sollen.

Mit hoheitsvoller Gebärde, die so viel Stolz und Herrschsucht verriet, blickte das Weib auf den Mann, der es wagte, sie zu beschmutzen durch dieses häßliche Wort. Dann aber sagte sie mit einem so bestimmten und festen Tone, der keine Widerrede zuließ:

»Selbst im Tode müssen meine Lippen schweigen. Glaubst Du, ein Weib könne so wenig ein Geständnis wahren?«

Unschlüssig stand er. Seine blitzenden Augen bohrten sich in die seiner Begleiterin, die seinem Blick ruhig begegnete, ohne auch nur im geringsten mit den Wimpern zu zucken.

Es schien, als drängte sich in ihm alles Gequälte und Ungewisse zusammen, um in einem heftigen Ausfall sich Luft zu machen. Liebesleidenschaft, Eifersucht, Zorn und Haß zugleich waren die Gefühle, die in seinem erregten Innern tobten.

Seine Hände hatten sich geballt.

»Dennoch muß ich es wissen!«

Ein verächtliches Lächeln, das wie Hohn klang gegenüber seiner maßlosen Wut, war die einzige Entgegnung.

»Du spottest meiner nicht umsonst!« zischte er jetzt und seine Hand griff nach ihr.

In demselben Augenblick wurden Schritte hörbar, die sich dem Palmengarten näherten.

»Es ist nicht mein letztes Wort!« kam es noch hastig von seinen vibrierenden Lippen. Dann stürzte er dem Ausgang zu.

Das Weib aber blieb.

Die Musikkapelle spielte den letzten Walzer der zweiten Abteilung.

Die nun folgende längere Pause wurde allgemein benützt, sich von den langen Touren zu erholen.

In Scharen strömten die Paare nach den Seitenräumlichkeiten, um dort ein Tischchen zu bekommen. Der Silbersaal hatte sich rasch gefüllt mit Pärchen, die mit Flirten und harmlosem Geplauder, mit Scherzworten und Kosen die Zeit vertändelten, bis die Musik wieder zu einem neuen Tanze einlud.

Andere eilten die Treppen empor zum japanesischen Salon, zu den Ranglogen, oder zum Palmengarten.

Das erste Paar, das unter Gekicher und Scherzreden die Stufen zum Palmengarten niederstieg, blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und verstummte; die Nachfolgenden blieben ebenso überrascht stehen.

Am Boden lag das Weib mit dem blaßgelben Seidenkostüm und den Narzissenblüten auf der Brust. Der schöne Leib, der an der Treppe lag, die in die Nische mit der Fontäne führte, lag regungslos, mit dem Gesicht seitwärts gewandt.

»Ein Unfall!« riefen gleichzeitig mehrere Stimmen, und einige der Herren eilten hinzu, um der Verunglückten zu helfen.

Aber entsetzt waren sie alle zurückgetaumelt.

Der Hals zeigte auf der rechten Seite, die gegen den Boden zugekehrt war und daher anfänglich nicht gesehen werden konnte, eine klaffende Wunde, aus der das Blut noch immer hervorsickerte.

»Ein Mord!« schrie einer der Herren. Und dieses Wort eilte weiter und verbreitete sich rasch, von Mund zu Mund getragen, in allen Räumlichkeiten. Alle strömten herbei.

Durch die Umsicht einiger verständiger Herren wurde der Zutritt in den Palmengarten gesperrt, bis Hilfe und Polizei gerufen war. Ein anwesender Arzt, in weißer Weste und Frack, untersuchte die am Boden Liegende und verkündete dann laut den um ihn stehenden Herren:

»Sie ist tot! Die Tat kann erst vor wenigen Minuten geschehen sein!«

Auf diese Erklärung folgte langes Schweigen.

Wer kannte die Tote? Wer wußte den Namen derselben?

Niemand wußte, wer sie war. Jeder aber hatte das Weib während der ersten Tänze bemerkt, jedem war sie durch ihre vollendete Schönheit aufgefallen. An ihren Begleiter konnte sich aber niemand erinnern, denn alle hatten nur Aufmerksamkeit für das schöne Weib gelabt.

Unten im Saale spielte wieder die Musik ihre bezaubernden und verlockenden Weisen. Und wieder kehrten die Paare zurück; was kümmerte sie die Tote, wenn Lustbarkeit lockte!

Nur vier der Herren waren zurückgeblieben und erwarteten das Eintreffen einer Amtsperson. Keiner derselben wagte zu sprechen, nur hier und da wurde ein Flüsterton vernehmbar.

Es war ein furchtbarer Anblick: die Tote mit der klaffenden Halswunde und den Narzissen auf der Brust. Dazu die schmiegenden, kosenden Klänge der Musik.

Inzwischen waren drei Polizeibeamte eingetroffen, ein Kommissar und zwei Schutzleute.

Der Kommissar nannte den Herren gegenüber seinen Namen.

»Kommissar Scharbeck!«

Der Arzt, der den Tod der Aufgefundenen konstatiert hatte, stellte sich dem Kommissar sofort zur Verfügung.

»Doktor Hallern, praktischer Arzt. Bitte, Herr Kommissar, meine Wenigkeit als zu Ihren Diensten zu betrachten.«

Dankend nahm der Kommissar dieses Anerbieten an und befahl zuerst einem der Schutzleute, den Zugang zum Palmengarten zu sperren, das Tor mit einem Vorhang zu verhängen, damit von den Vergnügungssüchtigen, die alle längst wieder den grauenhaften Anblick vergessen hatten, keiner mehr daran erinnert werde. Dann nahm Kommissar Scharbeck unter Assistenz des Doktor Hallern die Leichenbesichtigung vor.

Hier bewies der Kommissar eine scharfe Beobachtungsgabe. Sein geschärftes Auge suchte sofort nach Spuren, die auf einen Täter hätten schließen lassen. In dem feinen, gelben Sande, der auf dem Boden um das Tischchen lag, zeigten sich Fußspuren.

»Ist irgend einer der Herren hier herauf getreten?« war seine erste Frage.

Es lag nämlich die eigentliche Parkanlage mit den Palmsträuchern und imitierten Kieswegen etwas erhöht, während an der Seite entlang ein Parkettchen führte.

»Der erste der Eintretenden war ich!« meldete sich einer der Herren, der sich mit Warndorf vorgestellt hatte. »Ich habe aber nichts bemerkt, daß einer die Erhöhung betreten hätte.«

Mit der Umständlichkeit des erfahrenen Detektivs, die keine Übereilung und keine überstürzte Hast kennt, nahm Scharbeck die Maße der Fußabdrücke.

Niemand störte ihn hierbei durch ein dazwischengesprochenes Wort.

Während sich der Kommissar die Zahlen in das Notizbuch schrieb, erklärte er:

»Es hatten hier ein Herr und eine Dame eine heftige Auseinandersetzung.« Er bückte sich nieder und verglich den Fuß der Leiche mit den aufgezeichneten Maßen. Dann setzte er mit etwas flüsternder Stimme hinzu: »Die Dame ist nunmehr tot; er aber dürfte der Mörder sein!«

»Woraus schließen Sie, Herr Kommissar, daß eine Auseinandersetzung stattgefunden hat?« fragte überrascht Doktor Hallern.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Detektivs, das von einem schon ergrauten Vollbart umrahmt war.

»Die Stellung der Füße verrät es. Die beiden haben anfänglich hier auf den Stühlen gesessen!« Er wies dabei stets auf die Spuren. »Dann ist sehr wahrscheinlich die Tote zuerst aufgestanden, um sich zu entfernen, er hat sie zurückgehalten, hier standen sie sich gegenüber. Die Ermordete ist hier zurückgewichen. Hier ist die Spur verwischt, das läßt auf eine rasche, plötzliche Drehung schließen. Hier sind sie wieder heruntergestiegen. Damit endet mein Wissen.«

Interessiert hatten die Anwesenden den Ausführungen des Kommissars zugehört.

Dieser wandte sich nunmehr an Warndorf, der zuerst die Leiche gesehen hatte.

»Haben Sie einen Herrn bemerkt, ehe Sie hier hereintraten?«

Dieser verneinte kopfschüttelnd.

»Wo kamen Sie her, als Sie den Palmengarten betraten?«

»Von unten!«

»Dann kann der Täter also nur in den Räumlichkeiten des ersten Ranges Zuflucht gesucht haben!« ergänzte hierzu der Kommissar.

Den Vorschlag des Doktor Hallern, eventuell nach diesem suchen zu lassen, lehnte der Kommissar als vollständig zwecklos ab, da es diesem inzwischen längst gelungen sein müsse, das Haus zu verlassen.

Hierauf galt die nächste Aufgabe der Leiche. Hierbei leistete dem Kommissar Doktor Hallern die besten Dienste. Nach dessen bestimmten Zeugnissen konnte die Tat höchstens fünf Minuten vor dem Eintreffen des ersten Zeugen geschehen sein; die Wunde war durch ein scharfes Messer herbeigeführt. Der Stich mit der rechten Hand zugefügt, und zwar durch einen Stoß von oben her, der nahe der Ohrmuschel eindrang und den Hals schlitzte bis zur Kehle. Die große Halsschlagader war durchschnitten; der Tod durch Verbluten eingetreten.

Alle diese Angaben wurden durch den Kommissar genau notiert.

Bei dem genauen Untersuchen der Leiche, wobei auch in den Taschen der Kleider nach eventuellen Beweisen für die Person der Toten geforscht wurde, fiel aus den blassen Narzissen ein kleines Schmuckstück. Der Kommissar hob es vom Boden auf. Es war eine Nadel, auf welcher eine kleine goldene Rose saß, deren Blütenblätter weit geöffnet waren, und in deren Innern ein Tautropfen glänzte, den ein Diamant von seltener Leuchtkraft bildete.

Wem gehörte dieser Schmuck?

War er angesteckt am Kleide der Ermordeten, oder war er dem Mörder entfallen?

Jedenfalls war es ein Prunkstück, das einen ungewöhnlichen Wert besitzen mußte!

»Vielleicht verrät diese Rose, was diese Lippen nicht mehr sagen können?« sagte der Kommissar zu Doktor Hallern.

»Jedenfalls hoffen wir, daß diese Tat nicht ungesühnt bleibt,« war die Erwiderung des Doktors.

Durch die Bemühungen des zweiten Schutzmanns war inzwischen die Garderobe der Ermordeten herbeigeschafft worden. Aber auch hier wurde nichts vorgefunden, was auf die Besitzerin hätte schließen lassen.

Auch die herbeigerufenen Leichenträger waren nun eingetroffen und hatten bald die Leiche fortgeschafft, die nach dem Leichenschauhause des südlichen Friedhofs gebracht werden sollte.

Nach diesem verabschiedete sich Kommissar Scharbeck, der vorher noch die Namen der Herren notiert hatte.

Auch Doktor Hallern blieb nicht länger, denn die wogende Musik und die ausgelassene Lustbarkeit in demselben Gebäude, in welchem kurz vorher eine so schreckliche Mordtat begangen worden war, konnte den Eindruck nicht verwischen, der in ihm zurückgeblieben war.

Seine Gedanken folgten nur der einen Richtung:

»Wer konnte ein Geschöpf von solch vollendeter Schönheit töten? Was war wohl die Ursache hierzu?«

Diese Fragen quälten ihn wohl bis zum frühen Morgen, als schon die Sonne wieder ihren Weg beschritten hatte.

2.

Ein hartherziger Vater

Inhaltsverzeichnis

Der Bankdirektor Walther bewohnte den ersten Stock des Hauses Nummer vier am Paulsplatz.

Gegen morgens sechs Uhr schon hatte sich der Bankdirektor in das gemeinsame Wohnzimmer begeben, wo er regelmäßig die Zeitung zu lesen pflegte, bis das Frühstück aufgetragen wurde.

Er war ein hochgewachsener Mann in den fünfziger Jahren. Sein üppiges, braunes Haar und der gleichfarbene Schnurrbart – das Kinn trug er stets glatt rasiert – waren schon stark mit grauen Haaren durchzogen. Er wurde alt, trotzdem er stets versicherte, daß er sich noch ebenso gesund und kräftig fühle, wie in den vierziger Jahren.

Sein Geist arbeitete auch gleichmäßig rastlos und er beherrschte den ihm anvertrauten Posten mit einer nahezu pedantischen Gewissenhaftigkeit. Diese Strenge und Genauigkeit war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er auch im Kreise seiner Familie mit gleich drakonischer Strenge alles beurteilte. Von den Dienstboten wurde er besonders gefürchtet.

Selbst seine Frau, die stets in Frieden und ohne Streit schon seit dreißig Jahren mit ihm zusammengelebt hatte, hegte eine Scheu vor seinem oft barschen Wesen; sie fürchtete ihn und hatte eine hochachtende Meinung vor jeder seiner Anordnungen, die lediglich auf ihrer großen Liebe basierte. Vor dreißig Jahren hatte sie ihn geheiratet; beide besaßen damals nichts und nur durch seine Tüchtigkeit hatten sie sich soweit emporgerungen.

Walther las noch immer die Morgenzeitung.

Die Uhr zeigte schon auf halb acht, aber das Frühstück war noch immer nicht serviert worden.

Wiederholt schon hatte der Bankdirektor nach der Uhr gesehen. Niemand kam.

Da warf er die Zeitung beiseite und schritt mit langen Schritten im Zimmer hin und her. Das war das erste Anzeichen seiner Ungeduld.

Immer mehr rückte der Minutenzeiger auf die zwölf.

Ein Griff seiner Hand nach der Tischglocke und ein schrilles, anhaltendes Läuten gellte durch den Raum.

Da kam auch schon durch die Tür, hastig und übereilt, ein kleines, graues Mütterchen mit durchfurchten und abgehärmten Gesichtszügen. Das fast weiße Haar war gescheitelt und über die Schläfen zurückgekämmt. Das war seine Frau.

Er sah nicht nach ihr, sondern sagte unwirsch und befehlend:

»Ich will frühstücken! Ich bin nicht gewohnt, warten zu müssen, bis ich befehle!«

Das grauhaarige Mütterchen, das neben der großen, breitschultrigen Gestalt des Direktors so unscheinbar erschien, wollte etwas erwidern, die Lippen öffneten sich schon; als aber Walther sie mit stechendem Blicke ansah und wiederholte, was er schon gesagt hatte, da schrak die kleine, alte Frau so sehr zusammen, daß sie ohne eine Widerrede wieder zur Tür hinausging.

Bald hernach brachte das Dienstmädchen den Morgenkaffee. Ihr folgte die Frau Walther, die den Kaffee für den Gatten und für sich servierte.

»Wo ist Luise?« fragte der Bankdirektor, als er sah, daß nur für zwei gedeckt wurde.

Bei dieser barschen Frage war die kränkliche Frau plötzlich so verschüchtert, daß sie momentan nicht antworten konnte. Dann aber perlten aus ihren Augen Tränen nieder.

»Was soll das wieder sein? Warum weinst Du?«

In dem Manne, der nur unerbittliche Strenge sowohl gegen sich, als auch gegen andere kannte, war nur zu leicht der Argwohn erwacht. Hierzu hatte er noch mehr Grund, da er sehr wohl wußte, wie er das Benehmen seiner Frau zu deuten hatte, die unter seiner Hand sich formen und leiten ließ, wie weiches Wachs.

Aber nur um so heftiger schluchzte die Mutter.

»Was ist geschehen?«

Er war vor ihr stehen geblieben und seine Augen blickten so durchdringend in ihr Gesicht, als wollten sie aus diesem lesen, was die Lippen verschwiegen.

»Luise ist fort!«

Überrascht blickte Walther auf.

»Was soll das heißen? Wo ist sie?«

Ein erneuter Tränenstrom erstickte die Stimme, sodaß nur unverständliche Worte aus dem Munde der Mutter kamen.

Damit aber war die Geduld des Bankdirektors erschöpft. Mit gewaltigen Tritten, wobei der Glaslüster leise klirrte, entfernte er sich aus dem Zimmer und suchte die Kammer auf, die seiner Tochter als Schlafstube diente.

Diese betrat er.

Das Bett war unbenutzt. Alles fand er in der gewohnten Ordnung.

Er wußte nicht, wie er das Benehmen der Gattin deuten sollte und kehrte wieder zu ihr zurück. Im Polstersessel fand er sie, den kleinen Kopf vergraben in die Ecke der Rücklehne.

Er sah, wie ihr Körper durch Schluchzen stoßweise gehoben wurde. Selbst dieser Anblick konnte dem starren Manne kein herzliches Wort entlocken; es war ihm jede Seelenregung, wie Erbarmen oder Mitleid, fremd. Er kannte nur ein Recht und Unrecht. Danach urteilte er.

»Wo ist Luise?« fragte er jetzt.

Seine Gattin wandte ihm jetzt das Antlitz zu. Sein Auge sah den verstörten Blick, das krampfhafte Zucken der Mundwinkel. Leise, kaum hörbar, stammelte dann die Mutter:

»Ich weiß es nicht! Sie kam die Nacht hindurch nicht nach Hause.«

»Was?« frug erstaunt der Bankdirektor, der diese Nachricht kaum zu fassen schien.

Unter vielen Tränen, von Schluchzen oftmals unterbrochen, erzählte nun die Frau:

»Gestern ist Luise schon frühzeitig auf Ihre Kammer gegangen und sagte, sie sei müde und wünsche bald zu schlafen. Ich ließ sie gehen. Heute morgen, als ich sie wecken wollte, erhielt ich keine Antwort. Ich trat ein und fand das Bett unbenutzt.«

Ein langes Schweigen folgte.

Der Bankdirektor sagte sodann:

»Sie wird sich der Last unserer Aufsicht entzogen haben. Mag sie jetzt auch ein Lotterleben beginnen, wie –«

Hier stockte der alte Walther. Er mochte den Namen nicht aussprechen, der in seinem Hause seiner Bestimmung zufolge schon seit Jahren nicht mehr genannt werden durfte.

Bei dieser Anklage konnte das Herz der Mutter nicht schweigen. Mit fast flehender Stimme bat sie:

»Karl, versündige Dich nicht! Luise ist ebenso schuldlos wie Franz. Wer weiß, welch Unglück ihr zugestoßen sein mag!«

Aber der Wille des Vaters war unbeugsam. Zornig rief er aus:

»Sie hat das Elternhaus verlassen! In der Nacht ist sie geflohen! Ich rufe sie nicht zurück.«

»Sei nicht so mitleidlos!« bat nochmals die Mutter.

»Es gibt nur eine Schuld!« kam es mit eisiger Schärfe aus dem Munde des Direktors. »Sie hat ihr Vaterhaus verlassen, lebend soll sie es nicht wieder betreten!«

»Karl!« Wie der Verzweiflungsschrei eines mit dem Tode Ringenden gellte es von den Lippen der Mutter. »Fluche ihr nicht, auf daß Du nicht an Dir selber sündigst!«

»Was ich sage, gilt mir Recht! Ich habe keinen Sohn und keine Tochter mehr. Der sich mein Sohn nannte, ist ein Dieb, die Tochter aber wurde eine Landstreicherin.«

»Der Verdacht ist gegen sie, aber das Mutterherz spricht für sie,« erwiderte die Alte und war hierbei wieder ruhig geworden. »Möge Gott das Schicksal so lenken, daß ihre Schuldlosigkeit zu Tage tritt, ehe Dein Fluch sich erfüllt hat.«

Bankdirektor Walther kannte kein Beugen, sein Wille war von derselben Strenge und Unerbittlichkeit, wie seine Rechtsanschauung.

Stets hatte die Frau schweigen müssen, wenn er sein Urteil abgegeben hatte. Er duldete nie, daß die Frau, die mehr ein Geschöpf seiner Willkür, als ein selbstberechnendes Wesen war, anderer Meinung als er gewesen wäre.

Ihre jetzige Widerrede, die nicht mehr verschüchtert ausgesprochen wurde, brachte sein leicht erregbares Blut in noch größere Wallung.

»Ich kenne keinen Sohn und keine Tochter –«

Sein Weib unterbrach ihn und sagte mit klarer Stimme:

»Möge ein göttliches Geschick verhüten, daß Deine Worte sich erfüllen.«

In diesem Augenblick trat das Dienstmädchen ein und überreichte dem Bankdirektor eine Visitenkarte. Dieser las den Namen. Dann befahl er bestimmt und fest, als ob nichts vorgefallen wäre:

»Führen Sie den Herrn in mein Zimmer!«

Das Mädchen entfernte sich sofort wieder, um diesen Befehl unverzüglich auszuführen.

Fragend ruhten die Augen der Frau auf dem undurchdringlichen Antlitz des Gatten, das nicht die geringste Gemütsbewegung verriet. Eine Ahnung verkündete der Mutter, daß etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse. Diese Ahnung machte aus der alten, kleinen Frau wieder das willenlose Geschöpf. Und mit einer flehenden Gebärde trat sie auf den Gatten zu.

Dieser aber beachtete die kleine Frau gar nicht weiter, sondern verließ ruhig und mit schwere. Schritten das Wohnzimmer.

Seine Hand zitterte unmerklich, als er die Klinke der Tür zu seinem Arbeitsraume niederdrückte und öffnete.

»Herr Kommissar, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?« waren seine ersten Worte.

Kommissar Scharbeck war es, der sich angemeldet hatte und nun auf den Bankdirektor zuging, diesem die Hand darreichte und dann zögernd sagte:

»Ich bringe nichts Erfreuliches!«

Die Gedanken Walthers arbeiteten stets in die Zukunft sehend; er war in diesem Augenblick sofort überzogt, daß die Anwesenheit des Kommissars nur auf ein Vorkommnis mit Luise sich beziehen konnte.

Was aber mochte es sein?

»Betrifft es meine Tochter Luise, dann sprechen Sie!« forderte er den Kommissar auf.

»Können Sie auch eine schreckliche Mitteilung ertragen?« begann der Kommissar wieder, gleichsam vorwärts tastend, als müßte er erst Boden suchen, ob seine Nachricht in diesem Manne auch Halt finde.

»Ich bin auf das Furchtbarste gefaßt!«

Wieder sprach die Stimme des Bankdirektors in jenem eisigen Tone, der den Kommissar erschaudern machte.

»Ihre Tochter wurde mit schweren Verletzungen aufgefunden und ist –«

»Tot!« ergänzte der Bankdirektor.

Seine Stimme zitterte hierbei nicht, und seine Gestalt wankte nicht. Er frug nur:

»Wie und wo geschah es?«

Der Kommissar berichtete nunmehr ausführlich, was vorgefallen war.

Ohne ihn zu unterbrechen, hatte ihn der Bankdirektor angehört.

»Kann ich die Leiche sehen?«

»Ich hätte Sie darum gebeten,« entgegnete hieraus Kommissar Scharbeck. »Es ist noch nicht der Beweis dafür erbracht, daß es auch wirklich Ihre Tochter ist.«

»Ich folge Ihnen!«

Bankdirektor Walther zog seinen schweren Pelzmantel an, und bald führte die beiden eine Droschke nach dem Leichenschauhause.

Rasselnd und polternd fuhr der Mietwagen vor dem Friedhofseingang in der Thalkirchnerstraße vor.

Mit entblößtem Haupte trat der Bankdirektor in die kleine Leichenhalle, die für gewöhnliche Besucher gesperrt ist. Nach ihm folgte Kommissar Scharbeck.

Da lag die Leiche! Wie sie vorgefunden wurde, so war sie aufgebahrt worden: Das blaßgelbe Seidenkostüm, der entblößte Hals mit der klaffenden Wunde, die Narzissen auf der Brust.

Das Gesicht zeigte einen friedlichen, ruhigen Blick. Die Majestät des Todes verlieh dem schönen, blassen Antlitz etwas Hoheitsvolles.

Walther starrte in Gedanken versunken auf die vor ihm Liegende.

Es war Luise, sein Kind! Sofort hatte er sie wiedererkannt. Auch das blaßgelbe Kleid war ihm nicht unbekannt. Vor fünf Jahren, als er die Jubelfeier seiner silbernen Hochzeit gefeiert hatte, da hatte sie es das erstemal getragen. Seitdem nicht wieder! Nur an diesem Tage! An ihrem Sterbetage!

Diese Erinnerung bedrückte ihn, und er fühlte einen Augenblick, daß sich Tränen aufdrängten. Diese Schwäche währte nur eine kurze Spanne Zeit. Dann sah er wieder die Schuld. Fortgestohlen hatte sie sich aus dem Elternhause, um einer sündhaften Lustbarkeit nachzugehen. Nun hatte sie es mit dem Tode gebüßt!

Schuld und Strafe! Diese beiden Begriffe waren in dem unbeugsamen Manne unzertrennliche Begriffe, so in eines gekettet, daß er das eine ohne das andere für nicht möglich hielt.

Und die Träne, die schon in seinem Auge stand, wurde zurückgedrängt.

Wortlos sah er auf die Leiche, die ehedem sein Kind war. Kein Wort des Schmerzes, des Bedauerns oder Mitleids rang sich von seinen Lippen los. Mit einer müden, schwerfälligen Bewegung wandte er sich um nach dem Kommissar und sagte:

»Sie ist es! Gehen wir wieder!«

Nun gingen beide wieder den Weg zurück.

Scharbeck wagte es nicht, zu sprechen, da er fürchtete, den Schmerz des Vaters zu erhöhen.

Erst als ihn der Bankdirektor aufforderte, ihn ruhig zu befragen, wenn er etwas zu wissen wünsche, da frug Scharbeck, dessen Bestreben pflichtgemäß darauf gerichtet war, eine Spur von dem unbekannten Mörder zu gewinnen.

»Können mir Herr Direktor vielleicht sagen, ob das Fräulein irgend ein Verhältnis hatte, oder mit einem Herrn in engerer Beziehung stand?«

Walther fixierte den Kommissar scharf und entgegnete dann:

»Nein! Mit niemand! Haben Sie einen Grund zu dieser Frage?«

Daraufhin erzählte Kommissar Scharbeck von den am Tatort aufgefundenen Spuren und den daraus gezogenen Folgerungen.

Ruhig hatte der Direktor zugehört; dann aber wiederholte er:

»Ich kenne keinen Herrn, der in näherer Beziehung zu Luise gestanden hätte!«

Nachdenklich sann der Kommissar.

Walther aber entschuldigte sich, verabschiedete sich dann und fuhr mit der nächsten Droschke, die ihm begegnete, nach Hause.

Seine Frau hatte ihn schon erwartet. Mit ängstlicher Scheu forschte sie in seinen Zügen und frug flüsternd:

»Was ist mit meinem Kinde? Wo ist Luise, unsere Tochter?«

Der Bankdirektor zog die Stirn in Falten, klemmte die Lippen zusammen und schwieg.

Sein Weib aber erkannte in diesem Schweigen, daß etwas Gräßliches vorgefallen sein mußte, und bat ihn nunmehr flehentlich:

»Franz, unser Sohn ist für uns tot! Ein Kind nur ist noch mein eigen, Luise. Was ist ihr geschehen?«

»Ich hatte keine Kinder mehr. Luise Walther, die Du Tochter nennst, ist tot. Vom Elternhaus hat sie sich fortgestohlen zur Lustbarkeit. Auf der Redoute suchte sie ein Liebesabenteuer. Sie hat auch einen Tänzer gefunden. Jetzt aber hat sie ein Strafgericht niedergeschmettert. Ich bin schuldlos an ihrer Sünde.«

Mit harter Mitleidlosigkeit hatte der Vater sein Kind angeklagt und sein Urteil gesprochen. Er fand die Sühne gerecht ihrer Schuld.

Die Mutter aber brach vor Weh zusammen.

Ihr einziges, letztes Kind mußte sie so verlieren.

3.

In schwerem Verdacht.

Inhaltsverzeichnis

Etwas unbefriedigt hatte sich auch Scharbeck von dem Bankdirektor Walther entfernt.

Dieser eigentümliche Mann, der so ruhig und leidenschaftslos den Tod seines Kindes ertragen hatte, erweckte in dem Kommissar ein unbewußtes Grauen.

Wie düster und unheimlich mochte die Seele dieses Mannes sein, der vor nichts bebte, selbst nicht vor der furchtbaren Gewalt des Todes!

Der Kommissar strebte, über den Sendlingertorplatz eilend, dem Polizeibureau zu.

Er blickte hierbei gewohnheitsgemäß zu Boden, da er sich in Gedanken stark mit dem in der vergangenen Nacht begangenen Morde beschäftigte.

Erst als er plötzlich neben sich seinen Namen rufen hörte, blickte er auf und erkannte sofort Doktor Hallern, der in Begleitung eines zweiten Herrn gerade neben ihm herschritt.

Scharbeck dankte.

Doktor Hallern aber schloß sich dem Kommissar an und frug, ob er schon irgend etwas in der Mordaffäre erfahren hatte.

Da der Kommissar verneinte, wandte sich Doktor Hallern an seinen Begleiter:

»Ich vergaß gänzlich, Dich von einem interessanten Erlebnis zu verständigen. Gestern wurde nämlich während der Redoute im Deutschen Theater eine Unbekannte im Palmengarten ermordet aufgefunden. Ich war einer der ersten, kaum vier oder fünf Minuten nach der Tat, neben der Leiche.«

Der Kommissar blickte bei den Worten des Doktors dessen Begleiter an und bemerkte, wie dieser sich verfärbte. Das Gesicht nahm rasch eine fahle Blässe an, um eben so rasch von tiefem Rot übergossen zu sein.

Dies hätte wohl des Kommissars Aufmerksamkeit nicht allein in so hohem Grade gefesselt, hätte er nicht hastig und erregt gefragt, ob er – Doktor Hallern – im Deutschen Theater gewesen sei. Dies bejahte natürlich der Doktor.

Der Kommissar aber benützte mit der gewohnten Schlagfertigkeit diesen Augenblick und wandte sich an den Begleiter des Doktors mit der bestimmten Frage, wobei seine Augen sich förmlich festsaugten in dem Antlitz des Angeredeten.

»Sie waren gewiß ebenfalls dort und hatten Ihren Freund nicht einmal bemerkt?«

Der Gefragte zögerte einen Augenblick, als besinne er sich erst, welche Antwort er geben sollte. Dann aber entgegnete er:

»Nein! Ich wunderte mich nur, daß Hallern noch Redouten besucht!«

Hierauf aber protestierte der Doktor sofort:

»Oho! Wir waren doch letzten Samstag gemeinsam auf der Trefler-Redoute!«

Wiederum konnte Scharbeck eine sichtliche Verlegenheit wahrnehmen.

Lag hier ein Zufall vor? Oder sollte er diesem Umstande irgendwelche Bedeutung beimessen?

Doktor Hallern stellte jetzt seinen Begleiter dem Kommissar vor:

»Hans Olden! Ohne Beruf! Glücklich im Besitze eines horrenden Vermögens.«

Auf dem gemeinsamen Wege durch die Sendlingerstraße wurde jetzt nur von gleichgültigen Dingen gesprochen. Schon waren sie am Marienplatze angekommen, wo sich ihre Wege trennten, da frug Doktor Hallern, sich plötzlich wieder erinnernd:

»Und den Namen der Ermordeten hat man auch noch erfahren?«

»Allerdings!« war die Antwort des Kommissars, der jetzt genau beobachtete, wie Hans Olden gespannt auf seine Erwiderung wartete. Es lag daher vollständig in Scharbecks Absicht, daß er den Namen noch zurück behielt.

»Nun? Darf man ihn denn nicht erfahren? So sehr wird doch das Amtsgeheimnis nicht gehütet werden müssen?« frug Doktor Hallern.

So unauffällig wie möglich fixierte der Kommissar Olden und sagte dann langsam, in phlegmatischem Tone, um das Mienenspiel desselben studieren zu können:

»Es ist eine Bankdirektorstochter, Luise Walther!«

Der Kommissar verfolgte hierbei einen doppelten Zweck. Das Benehmen dieses Olden mußte ihm auffällig erscheinen. Er mußte wissen, ob der Grund hierzu in der Mordtat zu suchen war, oder ob er dabei, wenn auch unbewußt, beteiligt war. Noch lag es ferne, irgend welchen bestimmten Verdacht zu fassen, da hierdurch zu leicht ein Irrgehen möglich wurde.

Deshalb sprach er den Namen der Ermordeten deutlich aus, wobei er hauptsächlich den Taufnamen betonte. Während er bei Doktor Hallern einem gleichgültigen Interesse begegnete, wie es jeder für einen Unbekannten hegt, dem ein besonders schwerer und eigenartiger Unfall zugestoßen ist, konnte er bei Olden eine nur zu auffallende Erregung bemerken.

Die Gestalt Oldens zitterte förmlich, sodaß selbst Doktor Hallern aufmerksam wurde und seinen Begleiter frug:

»Was ist denn mit Dir? Hast Du sie vielleicht gekannt?«

Olden schüttelte verneinend den Kopf und antwortete:

»Der Name ist mir fremd. Es ist nur ein Unwohlsein, das mich seit mehreren Tagen schon quält.«

Doktor Hallern lachte.

»Dann leg Dich zu Bett, statt fröstelnd herumzulaufen. Mach Dir einen heißen Grog und schwitze mal tüchtig!«

Der Kommissar trennte sich und schlug die Richtung nach der Weinstraße ein. Sobald er aber annahm, von seinen beiden Begleitern nicht mehr bemerkt zu werden, da kehrte er möglichst rasch den Weg wieder zurück und folgte in einer entsprechenden Entfernung den beiden, die durch die Kaufingerstraße gegen das Karlstor zu promenierten.

Während Scharbeck diesem Olden folgte, überlegte er nochmals, ob die Gründe, die ihn zu dieser Handlung veranlaßten, genügend Ursache hatten, um dieses Vorgehen nicht zwecklos erscheinen zu lassen.

War es nicht zu eigentümlich, wenn er lediglich einem solchen Zufalle vertraute, statt planmäßig vorzugehen?

Er konnte trotz aller Gegeneinwände seinen Verdacht nur bestärken.

Olden war erschrocken, als er hörte, sein Freund sei auf der Theaterredoute gewesen. Offenbar war er selbst dort gewesen und sollte nicht gesehen werden; diese Furcht äußerte sich bei der Mitteilung seines Kameraden. Olden war unstreitig verwirrt, als er direkt herausgefordert wurde, zu antworten, ob er nicht auch dort gewesen war. Dann diese auffallende Erregtheit, als er den Namen der Ermordeten nannte!

Wenn ihn aber nur der Zufall narrte? fragte sich Scharbeck nochmals. Dann hatte er allerdings viel Zeit verloren, vielleicht auch jede weitere Spur.

Am Karlsplatze trennten sich Doktor Hallern und Hans Olden.

Scharbeck folgte Olden, der durch die Schützenstraße nach der Dachauerstraße ging.

Am Haus Nummer 25 blieb Olden stehen und sah nach beiden Seiten. Dann ging er durch das Haustor und verschwand im Stiegenhaus.

Jetzt war es Scharbeck möglich, in den nächsten Stunden noch eine Entscheidung herbeizuführen.

Er beauftragte einen in der Nähe patrouillierenden Schutzmann unter irgend einem nichtigen Vorwand im Hause nach Hans Olden zu recherchieren. Er selbst durfte das nicht unternehmen, da er sofort von Olden, wenn ihn dieser gesehen hätte, wiedererkannt worden wäre.

Nach kaum zehn Minuten war der Schutzmann wieder zurückgekehrt.

Seine Mitteilung ging dahin, daß Hans Olden im Pensionat einer Witwe Müller schon seit nahezu drei Jahren wohne, sehr reich sei und nur wenig Umgang pflege.

Dies genügte Scharbeck vorerst!

Er überlegte nun lange, was er jetzt beginnen sollte. Es hätte ihm ja das Recht zugestanden, sofort eine Durchsuchung in den Zimmern Oldens vorzunehmen, aber er fand dies doch zu peinlich, da seine Verdachtsgründe doch zu geringfügig für ein solches Vorgehen gewesen wären. Er mußte durch List das erreichen, was allein eine bestimmte Ansicht herbeiführen konnte.

War in der in Frage stehenden Nacht Olden wirklich zu Hause oder im Deutschen Theater? Stimmte das Maß, das er von der zurückgelassenen Spur abgenommen hatte?

Im Gang eines Hauses, das der Nummer 25 gegenüberlag, nahm Scharbeck Aufstellung. Er mußte hier warten, bis Olden sich wieder entfernte.

Mit der zähen Ausdauer eines Kriminalisten wartete Scharbeck eine Stunde; die zweite verrann. Schon war die Mittagsstunde vorüber, aber immer noch war Scharbeck auf seinem Posten.

Endlich, in der vierten Stunde seiner Wartezeit, trat Olden wieder aus dem Hause.

Die Augen des Detektivs verfolgten ihn noch eine weite Wegstrecke, bis er völlige Sicherheit besaß, seinen Plan nunmehr durchführen zu können.

Bald war er oben im zweiten Stockwerk und schellte an der Glocke zum Pensionat Müller. Eine ältere Dame öffnete ihm.

»Ist vielleicht Hans Olden zu Hause?« fragte sie Scharbeck.

Die Dame teilte ihm mit, daß dieser vor kurzem das Pensionat verlassen hätte.

Jetzt improvisierte Scharbeck:

»Unangenehm! Ich sagte ihm gestern abend, ehe er auf die Redoute des Deutschen Theaters gehen wollte –« hier unterbrach sich Scharbeck und frug: »Olden ist doch gestern noch hingegangen?«

»Allerdings!« antwortete die Dame auf diese Frage. »Er sagte es wenigstens! Wann er nach Hause kam, weiß ich nicht.«

Scharbeck triumphierte innerlich. Diese eine Annahme war richtig. Jetzt zu Punkt zwei!

»Ich soll ihm nämlich neue Ballstiefel liefern. Ich habe ein Paar zu Hause, doch weiß ich wirklich nicht, ob auch die Größe stimmt. Ich habe wohl ein ungefähres Maß bei mir. Vielleicht stehen seine Ballstiefel hier?«

»Aber gewiß!« versicherte die alte Dame und entfernte sich, um bald hernach mit dem Stiefelpaar Oldens wieder zurückzukehren.

Nun sollte es sich beweisen!

Die Hand zitterte unwillkürlich vor Aufregung, als er die Breite und Länge des Schuhes abnahm.

Sie stimmte genau mit den Aufzeichnungen, die er sich gemacht hatte.

Er nur konnte es also sein, der mit Luise Walther im Palmengarten des Deutschen Theaters eine Auseinandersetzung hatte.

War er aber deshalb auch der Mörder?

Unter vielen Entschuldigungen hatte Scharbeck sich wieder entfernt und kehrte, in Gedanken versunken, wieder zurück, den Weg, den er gekommen.

Jetzt erst begab er sich auf sein Polizeibureau, wo er nunmehr einen ausführlichen Bericht niederschrieb.

Als er so Zeile für Zeile schrieb und sich hierbei jeder Umstand wieder mit deutlicher Schärfe zeigte, da gewannen die Verdachtsgründe gegen Hans Olden immer mehr an Wahrscheinlichkeit.

Er zählte die Beweggründe auf, die Ursache sein konnten zu dieser gräßlichen Tat. Jedes Motiv blieb stichhaltig.

»Nach vorhergegangenem Streite hat Hans Olden sie in momentaner Aufwallung getötet!«

Nur das konnte die Möglichkeit sein!

Scharbeck blickte jetzt wieder auf die bei der Leiche vorgefundene goldene Nadel mit jener feingearbeiteten Rose und dem Diamanten.

Wenn diese erzählen könnte!

Wem mochte sie angehören?

Scharbeck hatte vergessen, den Bankdirektor danach zu fragen. Da dieser aber die Nadel nicht vermißte, so hatte sie wohl der Mörder verloren.

Welchen Wert aber mochte diese goldene Rose besitzen?

Hans Olden galt als kolossal reich!

Scharbeck erschrak förmlich, als sich seine Gedanken immer und immer wieder zu diesem Olden verirrten.

Es mußte sein! So groß auch die dadurch übernommene Verantwortung sein mochte, Scharbeck zögerte nicht mehr.

Seine Hand nahm aus einem Fache des Aktenpultes ein rötliches Formular, das der Kommissar mit flüchtiger Schrift ausfüllte, dann wiederholt durchlas.

Durch ein Glockenzeichen rief er dann einen Polizeibeamten herbei, der auch bald darauf erschien. Diesem übergab Scharbeck das ausgefüllte Formular und bemerkte gleichzeitig:

»Der Vollzug dieses Schreibens ist sofort anzuordnen. Es ist das größte Interesse daran, Sie erledigen den Befehl selbst, bevor Sie noch einen andern damit beauftragen. Ich wünsche, daß mir längstens in zwei Stunden von dem erfolgten Vollzuge Mitteilung gemacht wird.«

Der Polizeibeamte nickte.

»Zu Befehl!«

Dann entfernte er sich mit dem überreichten Formular.

Auf diesem aber stand mit gedruckten Buchstaben:

»Im Namen Seiner Majestät des Königs: Haftbefehl gegen«

Unter diesem folgte von der Hand des Kommissars geschrieben:

»Hans Olden, Dachauerstraße 25, 2. Stock.«

Kommissar Scharbeck war von der Schuld Oldens überzeugt.

4.

Die goldene Rose.

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Kaum eine halbe Stunde später, nachdem sich der herbeigerufene Polizeibeamte entfernt hatte, meldete sich bei Kommissar Scharbeck ein Unbekannter an.

Da der Kommissar nicht unterrichtet war, aus welchen Gründen dieser ihn aufsuchte, ließ er den Angemeldeten sofort eintreten.

Es war dies ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche mit blauen Augen und blondem Schnurrbartanflug, der mit einer etwas unbehilflichen Höflichkeit sich vorstellte.

»Gestatten Sie mir, daß ich mir erlaube, aber ich bin der Bruder!«

Scharbeck musterte ihn prüfend und frug dann etwas verwundert:

»Wessen Bruder?«

»Von Luise Walther! Mit Verlaub, mein Name ist Franz Walther.«

»Sie wünschen?«

Wieder suchte dieser Bruder Luisens mit seiner Unbeholfenheit nach den richtigen Worten.

Trotzdem er in eleganter Kleidung steckte, machte er doch nicht einen ebensolchen Eindruck. Sein tastendes Suchen nach dem entsprechenden Ausdruck verriet Scharbeck, daß dieser wenig Erfahrung besitzen müsse. Diese Beobachtungen stellte der Kommissar bei jedem seiner Besucher an, ohne daß er hierbei auch nur ein Wort oder eine auffallende Bewegung oder dazwischengeworfene Bemerkung nicht gewürdigt hätte.

Franz Walther sagte verlegen:

»Meine Schwester soll ermordet sein! Ich habe es gehört! Ich möchte mir nur erlauben, ob ich mir die Frage gestatten darf, ob – ob –«

Ein unglaublich schüchterner Mensch! Der kann doch kaum bis drei zählen! waren Scharbecks Gedanken.

Er sah prüfend in das nicht unschöne Gesicht des jungen Burschen, der stockend innehielt und nicht mehr wußte, wie er die begonnene Rede vollenden sollte.

Scharbeck half ihm darauf.

»Sie wollen sicherlich von mir eine bestimmte Nachricht darüber haben?«

»Aber gewiß! Wenn Sie es erlauben und mir gestatten!«

Der Kommissar lächelte; aber sofort wieder wurde er ernst und berichtete auch diesem davon, wie er nach dem Deutschen Theater gerufen worden sei, dort habe er dann die weibliche Leiche vorgefunden. Seine Recherchen am Morgen des nächsten Tages hatten dann ergeben, daß die Ermordete Ähnlichkeit besäße mit der Tochter des Bankdirektors Walther. Dies habe sich auch bestätigt.

Der Bruder sah tränenden Auges vor sich nieder. Er konnte in diesem Augenblick nichts sprechen.

Der Kommissar verglich nun den Sohn mit seinem Vater; dieser ein Eisenkopf, der unentwegt nur nach vorwärts sah, stets ein Ziel vor den Augen, herrisch, von übertriebener Strenge; jener ein verschüchterter Mensch, zu allem unbeholfen und täppisch, die Frucht einer falschen Erziehung.

Wieder quälte sich Franz Walther mit einer Frage ab.

»Erlauben Sie mir noch, Herr Kommissar, wenn ich mir Sie zu fragen gestatte, ob schon etwas bekannt geworden ist von dem Täter!«

Scharbeck überlegte.

Sollte er schon offen aussprechen, was er als bestimmt vermutete? Oder war es besser, er schwieg vorerst darüber?

»Nein! Es ist bisher noch nichts bekannt, doch besteht sichere Aussicht, daß baldigst in dieses Verbrechen Aufklärung gebracht wird.«

»Glauben Sie das auch wirklich, Herr Kommissar?« fragte Franz Walther wieder, fast ängstlich.

»Seien Sie nur beruhigt! Es werden wohl kaum zehn Tage vergehen, dann wird der Schuldige schon von der irdischen Gerechtigkeit erreicht sein!«

Scharbeck sprach mit solcher Zuversicht, um den Bruder nicht zu sehr zu beängstigen.

»So rasch?«

»Aber gewiß!«

Franz Walther drehte verlegen den Hut zwischen den Fingern, als hätte er noch ein Anliegen, das er nicht auszusprechen wage.

Der Kommissar wollte ihm hierbei behilflich sein und fragte ihn entgegenkommend:

»Wollen Sie vielleicht Ihr Fräulein Schwester noch einmal sehen?«

Heftig schüttelte Franz Walther den Kopf und erwiderte dabei:

»Ich kann Tote nicht sehen. Das kann ich nicht ertragen. Verzeihen Sie, Herr Kommissar, aber bei einer Leiche kann ich nicht stehen.«

Der Kommissar fand dieses Entsetzen vor Leichen bei diesem verschüchterten Menschen nur zu begreiflich.

»Wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Nein! Gewiß nicht!« war die Antwort Franz Walthers. »Ich habe sonst keinen Wunsch!«

Aber immer noch blieb er stehen, als getraue er sich nicht zu entfernen und warte erst, bis der Kommissar es ihm befehle.

»Sie können jetzt schon gehen!« nickte ihm Scharbeck freundlich zu, der im stillen Mitleid gefaßt hatte mit diesem Kinde, das dem Aussehen nach allerdings schon ein Mann war.

Mit höflichem Gruß wandte sich Franz Walther jetzt dem Ausgang zu.

Da erinnerte sich der Kommissar wieder der goldenen Rose mit dem Diamanten im Blumenkelche. Er rief deshalb den sich Entfernenden wieder zurück und fragte:

»Bleiben Sie! Ich möchte Sie noch um Aufschluß in einer Sache bitten. Kennen Sie vielleicht diesen Schmuck?«

Franz Walther war zurückgetreten und stand jetzt wieder an dem Arbeitstisch des Kommissars.

Dieser reichte ihm die Nadel hin. Der Bruder der Ermordeten nahm die Nadel; kaum hatte er sie aber betrachtet, da wurde er blaß und in seinem noch jugendlichen Gesicht war ein furchtbarer Schreck zu lesen.

Was bedeutete diese Rose?

Der Kommissar wußte anfänglich nicht, wie er das Benehmen des Bruders deuten sollte.

Auf welche Spur führte ihn nun Franz Walther? Jedenfalls hatte dieser die Rose sofort erkannt und wußte Näheres darüber zu sagen.

»Sie kennen den Schmuck? Vielleicht auch den Besitzer?« fragte ihn Scharbeck, da Franz Walther noch immer sprachlos auf die Rose starrte, die er zwischen seinen zitternden Fingern hielt.

Stotternd kam eine Erwiderung von den Lippen des jungen Mannes:

»Es ist des Vaters Nadel!«

Der Kommissar fand diese Angabe völlig unverständlich.

Warum dieses Entsetzen bei dem Wiedererkennen des wertvollen Schmuckes? Was war hinter diesen Worten verborgen? Hatte dies irgendwelche Beziehungen zu der verübten Tat?

Er mußte annehmen, daß die Tochter den Schmuck, der dem Vater gehörte, an ihre Brust geheftet hatte, um noch schöner und begehrenswerter zu erscheinen. Das war die notwendige Folgerung!