Der Untergang der TELESALT – Originalausgabe - Alexander Kröger - ebook

Der Untergang der TELESALT – Originalausgabe ebook

Alexander Kröger

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Opis

Irdische Raumfahrer, auf der Suche nach erdähnlichen Planeten, stoßen auf Spuren einer früheren Raumexpedition und auf Einheimische, die auf einer niedrigen Entwicklungsstufe stehen. Nach abenteuerlichen Ereignissen ergeben sich Schritt für Schritt Vermutungen, die in Sicht auf Zukunftsvisionen der Menschheit nachdenklich stimmen und sich auf überraschende Weise bestätigen. Wieder stellt Kröger dabei interessante, bedenkenswerte Bezüge zu irdischen Entwicklungen her. Originalausgabe von 1989

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Impressum

Alexander Kröger

Der Untergang der TELESALT – Originalausgabe

Wissenschaftlich-phantastischer Roman

ISBN 978-3-95655-757-6 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 1989 im Verlag Neues Leben, Berlin (Band 220 der Reihe „Spannend erzählt“). Dem E-Book liegt die Originalausgabe von 1989 zugrunde. Es wurde lediglich auf neue Rechtschreibung umgestellt.

© 2017 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Prolog

Das Pragmatische an Sefa ließ sich eben nicht verleugnen. Kaum dass es mir gelang, sie zu einem Tee in den Sessel zu bewegen ... Es schien, als entdecke sie nach der langen Reise die Wohnung, alle in den Jahren angesammelten Gegenstände, die Umgebung neu; die Reise war passé ...

Sefa begann dann auch sehr bald zu rumoren, Mitbringsel in den Möbeln zu verteilen, sie herumzurücken. Sie meinte, wenn man nach längerer Abwesenheit heimkehrt, müsse man den ersten Eindruck kritisch auswerten; denn nur in solchem Augenblick würden sich die Mängel des Domizils offenbaren, bevor Gewohnheit und Routine ihren Mantel wieder darüber breiteten

Da sie mich aber kannte, versuchte sie nicht, mich in ihre Geschäftigkeit einzubeziehen. Höchstens da und dort ein zu schweres Stück mit zu heben oder zu rücken, animierte sie mich mit der gebotenen Zurückhaltung.

Denn ich empfand ganz anders. Ich habe das Nachklingen gern, ein gewisses Ausruhen, das den Raum zwischen dem Hochgestimmten und dem Alltag scheinbar dehnt ...

So ließ ich den ersten Abend nach unserer Rückkunft hingehen, erreichte, dass mir Sefa zu später Stunde bei einem Glas Martini Gesellschaft leistete, wir uns vor dem Zubettgehen noch ein durchaus amüsantes Videostück anschauten und danach in einer zärtlichen Stunde endlich wirklich heimkehrten.

Wir schliefen aus, frühstückten gemächlich, und erst dann machte ich es mir vor dem Videor gemütlich, um mir die während der Reise zu Hause eingegangene Post anzusehen.

Glücklicherweise hielt sich die Zahl der Zuschriften in Grenzen. Nun, die guten Bekannten und Freunde wussten natürlich, dass wir ein halbes Jahr unterwegs gewesen waren, und außerdem, dem Bedürfnis, sich zu sehen, zu sprechen, konnte man ja jederzeit über Videor nachkommen.

Neben einigen meist verfallenen Einladungen, der Kopie einer ausführlichen Literaturrecherche über eine um mehrere Hundert Jahre zurückliegende Raumexpedition, die mich außerordentlich interessierte, einige Zu- oder Absagen von Dienstleistungsbetrieben, die auf Anfragen und Beschwerden unsererseits befriedigend oder unzureichend antworteten. Diejenigen, die das zu stark brummende Staubabweisungssystem der Marke „Bovist“ eingebaut hatten, das, außer dass es eben stark brummte, ausgezeichnet funktionierte, wollten überprüfen. Das Verklemmen der Papierpresse hingegen, so beschieden andere, sei wohl darauf zurückzuführen, dass wir sie unsachgemäß beschickten oder der Anteil an Folien zu hoch wäre.

Nur noch wenige Zuschriften waren jenem Ereignis gewidmet, das vor Jahresfrist seinen Abschluss gefunden, seinerzeit viel Erregung hervorgebracht, aber auch ein langes Nachdenken heraufbeschworen hatte. Und ich musste unwillkürlich daran denken, wie jeder aus unserer Crew sich damals vor spontanen, begeisterten, kommentierenden, doch auch kritischen Briefen kaum retten konnte. Viel Mühe hatte mich das gekostet, da ich meinen Ehrgeiz, jede dieser Entäußerungen zu beantworten, wieder einmal nicht unterdrücken konnte.

Bei einem Schreiben jedoch verweilte ich. Ich ließ es zweimal über den Bildschirm gehen, und dann rief ich Sefa. „Lies das mal, bitte“, forderte ich sie auf.

Sefa las laut:

„Lieber Sam Martin!

Unser Verlag plant eine Weltausgabe gesammelter Berichte Eurer Expedition. Jeder einzelne Eurer Mannschaft sollte aus seiner Sicht seine Erlebnisse und Eindrücke szenisch aufschreiben. In der von uns beabsichtigten Veröffentlichung werden wir danach das durch gleiche Auffassungen Objektivierte neben jenes stellen, das in gleicher Situation von jedem von Euch subjektiv empfunden wurde. (Du ermisst, wie viel Arbeit wir uns dabei selbst vorbehalten!)

Wir meinen aber, so nicht nur spannende Lektüre zu produzieren, sondern der Fachwelt mit hoher Wahrscheinlichkeit Neues, bisher gar Übersehenes, zu übermitteln.

Die Beiträge sollen 300 Schreibseiten nicht überschreiten und in Jahresfrist bei uns eingereicht werden. Archivmaterial, die von Euch mitgebrachten Aufzeichnungen, stehen jedem zur Verfügung. Die Unternehmung ist mit dem Weltkonsortium für Raumfahrt abgestimmt; es begrüßt das Vorhaben. Technische Hilfe und Beratung unsererseits sind gewährleistet.

Wir würden uns im Namen von Millionen Lesern freuen, wenn Du Deine Mitwirkung zusagtest - bitte bald.

Mit besten Grüßen

Universum-Verlag

Nasat Direktor“

Sefas Mundwinkel zogen nach unten. „Hm“, brummelte sie. Sie sah mich, der ich tief im Sessel saß, von oben herab mit schräg gehaltenem Kopf abwägend an. „Machst du’s?“

Ich zuckte unschlüssig mit den Schultern. „Auf Anhieb kann ich das nicht beantworten. Aber ohne Reiz ist es nicht …“

„Die Zeit dazu hätten wir vielleicht. Aber das allein ist wohl nicht ausschlaggebend.“ Sie sagte das in dem Ton, der bei ihr so viel wie „von mir aus“ bedeutet. Sie würde, entschiede ich mich für die Sache, die Angelegenheit mit Gleichmut betrachten, mich keineswegs behindern, aber auch nicht unterstützen. Sefa und ich, wir verstehen uns.

Wir verstehen uns seit unserer Kindheit, hatten während der langen Pausen in unserer Beziehung eigentlich nie aufgehört, uns zu verstehen. Und in diesem Augenblick musste ich denken, für uns beide war es weder unschicklich noch erstaunlich, dass wir nach meiner Rückkehr erneut die Verbindung suchten, als wir feststellten, dass wir beide zum Zeitpunkt ohne Partner seien. Und so kam es, dass für mich der Willkommensgruß der Erde doppelt herzlich war.

Obwohl Sefa drei Jahre vor mir geboren wurde, war sie mit ihren fünfundfünfzig Jahren eine sehr attraktive Frau - und das nicht nur aus meiner Sicht. Sie ist nicht allzu groß und nicht allzu schlank, stets von frischem Aussehen und frischem Gemüt. Übertrieben sentimental gibt sie sich nicht, und es geht ihr längst nicht alles so tief unter die Haut wie mir - oder sie hat das all die Jahre erfolgreich verborgen.

Nach meiner Rückkehr und der erneuten Liaison mit Sefa hatten wir uns beide nun entschlossen, unsere Tätigkeiten zu koordinieren. Sie arbeitete als Disponentin in einem dieser Großmagazine, die für den täglichen Bedarf, vom Nagel über Bildhauerton bis hin zum Harzer Käse, alles im Angebot hatten. Mich kann man ohnehin nach der Instruktion nur noch für Orbit-, höchstens aber Mondreisen einsetzen, im Normalfall. Vielleicht auch - wegen meiner Erfahrungen - als Kommandant in einem Nimmerwiederkehrer. Aber es steht wohl ziemlich fest: So schnell - also zu meinen Lebzeiten - würde man sich nicht wieder zu einer solchen Unternehmung entscheiden nach diesem TELESALT-Debakel.

Also hatten wir uns gesagt: Wir werden reisen. Der Konditionscomputer ist der Meinung, wir hielten beide zum Beispiel noch die dritte Gebirgstouristik-Stufe aus. Das gestattete zwar nicht mehr Gänge in Seilschaften, aber der Risi in der Hohen Tatra passe noch ins Konzept. Wobei unser Sinn jedoch mehr nach Krähwinkel steht - in gemäßigteren Höhenlagen und jenseits aller Routine-Touristik-Routen.

Und wir machten kein Nur-Reise-Programm aus solchen Vorhaben. Es ist ein neuer, auch für uns ungewohnter Abschnitt des Lebens, eine Probierphase sozusagen. Und niemand sollte glauben, er sei für derartiges zu alt.

Ich muss gestehen, das Angebot dieses Universum-Verlages enthielt etwas Verlockendes, und es würde unseren anderen Ambitionen kaum im Wege stehen. „Weißt du“, sagte ich, zu Sefa gewandt, „ich höre einfach ein wenig herum. Ich verstehe es so, dass es ein Teamwerk werden soll, also nur Sinn hat, wenn alle - oder wenigstens die meisten - mitmachen. Der Brief ist acht Wochen alt. Möglicherweise bin ich für die bereits ein Ausfaller. Wenn zwei, drei der Mannschaft abgesagt haben, ist das Projekt vielleicht schon gestorben ...“ „Ruf doch diesen Verlag, dann weißt du es, brauchst hier nicht herumzurätseln!“

Ich schüttelte den Kopf. „Lieber rede ich mit meinen Leuten. Da erfahre ich gleich mehr Meinungen und Gründe. Und die Zeit dazu habe ich - oder?“

„Sicher“, entgegnete Sefa. „Mit der Pflege unserer vernachlässigten Rosen hast du ja ohnehin nicht viel im Sinn, und zum Friseur muss ich auch.“ Sie fuhr mit gespreizten Fingern durch ihr kräftiges, kurzes, grau meliertes Haar, dass es knisterte.

Ich vergewisserte mich, zehn Uhr, frühe Mittagszeit, gut, um jemanden zu Hause anzutreffen.

Aber ich benötigte dennoch beinahe zwei Tage - in Abständen natürlich -, um alle meine Gefährten, mit denen ich fünf Jahre wachend, mehr als doppelt so viele schlafend zugebracht hatte, zu erreichen.

Als erste rief ich natürlich Lisa. Sie war unser unermüdlicher Geist gewesen, nicht nur, weil sie auf den Familiennamen Ghost hörte, sondern weil sie von ihrer Tätigkeit an Bord her wirklich mit Fug und Recht als solcher bezeichnet werden konnte. Sie betreute uns medizinisch, kulturell, und sie hatte uns auch psychologisch aufzurichten, falls bei dem einen oder anderen die Raumkrankheit zupackte. Nun, und sie war meine Computersympathica, also meine errechnete Gefährtin für die Reise. Und es lag sicher nicht am Computer - wahrscheinlich hatte man ihm nicht das Unendlichkeitskalkül eingegeben -, dass sich jetzt nicht Lisa an Sefas Stelle befand. Auch das würde eine Rolle spielen, entschlösse ich mich, jenen Bericht zu schreiben.

Lisa ist auch vor fünfzehn Jahren nicht das gewesen, was man landläufig unter einer schönen Frau versteht. Ein hübsches rundes Gesicht, umrahmt von mittellangen, mittelblonden Haaren. Graue, kleine Augen standen über meist rosigen Wangen, und aus ihrem geschwungenen Mund lugten beim Lachen Mäusezähnchen. Sie verabscheute die neumodischen pharmazeutischen Schlankmacher - ich übrigens auch -, und so trug sie einen stattlichen Busen und auch kleine Pölsterchen zur Schau.

Ich erreichte Lisa beim Haareföhnen, sie war mangelhaft bekleidet, und auf ihren nackten Schultern standen Wasserperlen.

„Ich grüße dich, Lisa!“, sagte ich.

„Hallo“, erwiderte sie freundlich. „Sam! Du überraschst mich.“ Sie hielt dabei den Kopf schief, weil sie den Wellkamm in eine Haarsträhne gewickelt hatte. Kein Anzeichen vom alten Groll in ihrem Gesicht ...

„Soll ich später ...?“, fragte ich zögernd.

„Ist der Anblick dir so neu, Sam Martin?“ Sie lächelte. „Hast ohnehin lange nichts von dir hören lassen.“

„Wir waren verreist - Kamtschatka ... Sind vorgestern erst zurückgekommen.“

„Aha!“ Mir schien, Lisa wurde aufmerksamer. „Deshalb hast du dich nicht gerührt. Von einem Rufspeicher hältst du nichts, nicht wahr?“

„Hast du etwa ...?“

„Habe ich!“

„Wer denkt denn so etwas!“

„Charmanter bist du auch nicht geworden.“

„Weißt du ...“ Einen Augenblick lang wollte ich mich rechtfertigen. In der Tat konnte ich einen solchen Speicher nicht leiden. Er nötigte einen als höflichen Menschen, mit Leuten Verbindung aufzunehmen, die man sonst schnell abgefertigt hätte. Bei Lisa wäre das natürlich anders gewesen, aber dass sie mich zu sprechen wünschte, hätte ich nicht gedacht.

„Schon gut, Sam!“ Sie unterbrach mich lachend, zog die Strähnen aus dem Kamm und schüttelte das Haar, das einige Silberfäden mehr aufschimmern ließ. „Du rufst wegen dieses Universum-Verlages, nicht wahr?“

„Woher weißt du ...?“ Als ich sie ausgesprochen hatte, merkte ich, wie einfältig meine Frage war. Lisa verunsicherte mich, mir schien, etliches von ihrer natürlichen Überlegenheit, die ich früher an ihr so schätzte, hätte sie wiedergewonnen.

„Weil du der letzte bist - bis auf Friedrun, die ist zurzeit unauffindbar.“

„Und?“

„Was und? Machst du mit?“

„Wollte erst hören, was ihr darüber denkt. Du bist die erste, die ich frage.“

„Na freilich mache ich mit. Und ich sage dir gleich, ihr kommt nicht durchgängig gut dabei weg! Und du solltest auch ... Gerade du, Sam! Es könnte eine gute Sache werden. Vieles blieb damals unausgesprochen, was ausgesprochen werden sollte ... Und als Anthropologe könntest du vielleicht Neues … auf jeden Fall für viele Leser Interessantes beisteuern. Ich war doch meist nur die Blitzableiterin, die Mutmacherin und die, welche den Weinbrand reichte, wenn’s scheinbar nötig war. Und dann, so glaubt ihr doch, habe ich das Mannschaftsklima verdorben!“

„Hm“, brummelte ich. „Eigentlich ... Ich bin nicht sicher, ob ich so etwas kann. Am Ende locke ich mit dem, was ich aufschreibe, keinen Hund hinter dem Ofen hervor.“

„Die vom Verlag wollen helfen. Und ich glaube, es steckt mehr dahinter, als die Sache an sich vermuten lässt!“ Lisa betrachtete ihr Haarwerk in einem Handspiegel. Dann blickte sie schräg zu mir. „Die anderen sind alle dabei, bis auf Friedrun eben. Oh, entschuldige!“ Sie sah in eine andere Richtung. „Ich bekomme Besuch. Sam, ich rufe wieder. Wäre an deiner Meinung zu meiner Konzeption interessiert. War schön, dass du mich - zuerst gerufen hast ...“ Lisa hatte es eilig.

„Ich danke dir, Lisa. Nur, die Konzeptionen sollten wir tunlichst nicht austauschen ...“

„Nur grob, nur grob ... Tschüss!“ Sie winkte mir freundlich lächelnd zu, und ihr Bild kroch auf einen winzigen Punkt zusammen.

Trots Lisas Zuspruch - ich kannte sie und wusste, dass sie gern, einmal begeistert, ein wenig übertrieb - rief ich weiter und erreichte als nächsten Bruno Brice, unseren ehemaligen Kommandanten.

Ich hatte ihn bei Gartenarbeiten erwischt. Er trug einen Sombrero, hatte sich offenbar nach meinem Ruf vor das Gerät gesetzt, das auf einer Bungalow-Terrasse stand, und während wir uns begrüßten, schob ihm jemand eine dampfende Tasse zu, aus der er ab und an einen Schluck nahm.

Mit Bruno hatte ich kein besonders herzliches Verhältnis, vielleicht keiner von uns. Er war der Kommandant. Das muss bei aller Kameradschaftlichkeit a priori eine gewisse Distanz schaffen. Und die Sache mit Friedrun hat bestimmt nicht zur Stabilisierung unseres Miteinanders beigetragen. Außerdem hatte der Computer ebenfalls seine Bedenken angemeldet, was das Verhältnis zwischen uns beiden anbelangte. Das allein zu wissen aber half, ein erträgliches Auskommen herzustellen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal ernsthaft aneinandergeraten wären in all den Jahren.

Bruno war Pragmatiker. „Aber ja, Sam“, sagte er, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. „Da ist mein Tagebuch, das Bordjournal steht uns zur Verfügung, was soll also viel passieren. Ich habe bereits angefangen und echten Spaß daran. Wenn’s denen nicht gefällt, gebe ich’s meinen Enkeln zum Lesen. So was Aufgeschriebenes ist doch etwas Bleibendes. Mach ruhig mit. Hast allzu oft mit deiner Meinung hinterm Berg gehalten. Jetzt kannst du das alles loswerden.“

Ich bedankte mich bei Bruno, wünschte ihm Erfolg und schaltete mich, nachdenklich geworden, weg.

Da war etwas dran. Wenn jetzt jeder Gelegenheit nahm, die Ereignisse darzustellen, wie sie sich aus seiner Sicht, aus seinen Emotionen heraus vollzogen, wie wir aber aus Disziplin, Rücksichtnahme, Unkenntnis oder Dummheit über sie entschieden, geurteilt hatten, konnte schon etwas Brauchbares entstehen, etwas für die Nachwelt Interessantes. Und das selbst auf die Gefahr hin, dass der eine oder andere Beitrag nicht ganz glückte.

Friedrun, die ehemalige Computergefährtin Brunos, unseren Bordingenieur, erreichte ich also nicht, was ich bedauerte. Auf Friedruns Meinung hätte ich großen Wert gelegt. Ich glaube, sie war der intelligenteste Teilnehmer der Expedition und gleichzeitig - zumindest aus meiner Sicht - die charmanteste Frau, nicht nur der Crew.

Blieben noch Carlos Nmokuma, der ehemalige Navigator, und Inge Tschautse, die Computer- und Elektronikspezialistin, die beiden Sympathici, die auch nach der Reise zusammengeblieben und, wie es hieß, weiterhin unzertrennlich waren.

Nach zwei vergeblichen Versuchen erreichte mein Ruf Inge. „Ah, Sam!“, rief sie, ein wenig außer Atem. „Ich bin gerade vom Einholen rein. Bist du endlich zurück! Warst über deinen Anschluss nicht zu erreichen. Machst du mit bei Universums? Klar doch! Wir haben das nicht leicht, Carlos und ich, sind stets versucht, uns auszutauschen, verstehst du? Wie geht es dir? Hättest wenigstens Lisa sagen können, was du treibst. Wir dachten schon“, Inge lachte ein wenig anzüglich, „du wärst mit Friedrun auf und davon. Hast von ihr auch nichts gehört, was? Carlos ist ein paar Tage nicht da. Du weißt ja, er hatte Schwierigkeiten mit dem linken Auge. Sie haben ihm eine neue Linse gezüchtet, die jetzt eingesetzt wird ...“

Inge war die alte geblieben. Quecksilbrig lebhaft, heiter, sorgte sie mit ihrer ewigen Plapperei für Unterhaltung, der Stoff ging ihr offenbar nie aus. Natürlich fiel sie uns auch öfter auf die Nerven. Bei einem bestimmten Grad bemerkte sie es meist selber, oder Carlos machte sie darauf aufmerksam. Dann konnte sie auch gut für eine Weile in sich gehen, ohne dass sie darunter etwa gelitten hätte.

Carlos hingegen war ganz andersgeartet. Er hatte vielleicht neben seiner tiefbraunen Haut auch etwas von dem Stoischen seiner Häuptlingsvorfahren aus Zentralafrika gerettet. Dennoch steckte er voll trockenen Humors, vieles, was er sagte, hatte einen doppelten Boden, den man oftmals erst im Nachhinein gewahrte. Und es schien mir sicher: Carlos würde Wertvolles zu diesem Bericht beitragen. In seiner zurückhaltenden Art hat er seinerzeit bestimmt eine Menge von den Ereignissen aufgenommen, in ihnen gesehen, worüber er nicht gesprochen, sich nicht ausgetauscht hatte. Nicht einmal mit Inge. Insofern auch fand ich an diesem Projekt immer mehr Gefallen.

Ich verabschiedete mich von Inge, nicht ohne dass ich ihr zusagen musste, sie bei Gelegenheit zu besuchen, dann, wenn Carlos wieder zurück sein würde. Ich solle ja Sefa mitbringen. Sie wolle sie unbedingt kennenlernen, eine Frau, die gleich zwei andere, und so prachtvolle, ausgestochen hätte ...

Eigenartig empfand ich, dass uns, die wir nach der Expedition auseinandergelaufen waren - ich zum Beispiel hatte mich seitdem mit keinem der alten Crew je getroffen -, nun diese Geschichte einander wieder näher brachte und - erging es den anderen so wie mir - in einer eigenartigen Spannung band.

Noch am selben Tag sagte ich dem Verlag meine Mitarbeit an diesem sonderbaren Bericht zu.

Über eine Woche benötigte ich, um das heranzuschaffen, was ich glaubte, für diese Unternehmung zu brauchen. Zunächst besorgte ich das eigentlich Nebensächliche: Mit Bedacht wählte ich die anscheinend beste Diktatschreibmaschine mit Endlosspeicher und Schirm, Umbrecher und Vorleser und natürlich mit einem Schnelldrucker.

Für einige dieser nicht unkomplizierten Geräte musste ich Leistungsbons herausrücken, von denen ich aber - wegen der hohen Raumprämie - ohnehin genügend besaß. Sogar Sefa brummelte deswegen nicht. Im Prinzip schwärmte sie mehr fürs Praktische. Haushaltsluxus zum Beispiel lockte sie stets aus der Reserve.

Der Magaziner nähme, wie er mir versicherte, die Geräte, wenn ich sie pfleglich behandle, wieder zurück nach dem Gebrauch.

Dann begann ich mir das Wesentliche zu besorgen. Konzept und Ergebnisbericht unserer Reise, eine Kopie des Bordjournals. Diese war nicht so einfach zu erlangen. Obwohl ich der letzte war, der mit dieser Arbeit begann, brauchte ich - wie die anderen vorher - eine Sondergenehmigung, die ich aber glücklicherweise videophonisch einholen konnte. Was im Allgemeinen noch fehlte und worüber zum Beispiel Lisa arg klagte - sie rief mich deswegen sogar noch zweimal an -, waren die alten Unterlagen zur TELESALT-Unternehmung, die ich mir ja, aus einem allgemeinen Interesse heraus, bereits beschafft hatte, und ich überstellte sie - was ich wahrscheinlich nicht gedurft hätte - auf Lisas Telespeicher. Dabei probierte ich gleich meinen neuen Vorleser aus.

An einem sonnigen Frühherbsttag, Sefa verpflanzte in unserem kleinen Gewächshaus Orchideen, saß ich vor all meinen Gerätschaften und einem Berg Schriften in der löblichen Absicht, das Werk zu beginnen ...

1. Teil

Zu Zeiten, als sozusagen die Steinzeit der Raumfahrt anbrach, wurden Tausende und aber Tausende sogenannter utopischer Romane geschrieben, die das, was noch nicht war, gleichsam einer fernen Zukunft vorwegnahmen, vorausfantasierten. Dem Leser mehr oder weniger geschickt die Welt von morgen, die Errungenschaften der weiteren Menschheitsevolution, vorzuspekulieren war das geschworene Ziel. Und natürlich spielte da eine perfekte Raumfahrt die große Rolle. Mit Geschwindigkeiten unterhalb der des Lichts gab man sich meist nicht mehr ab ... Nun, auch heute werden solche Romane verfasst und nach wie vor gern gelesen. Sie gehen weiter, knüpfen an die kühnsten von damals an, operieren mit Hyperräumen, Verwandlungen von Raum in Zeit und umgekehrt, kurzum, prophezeien ebenfalls - genau wie jene früheren Schriften - die Welt von morgen. So wurden unsere heutigen Photonenschiffe, die ja in der Tat mit nahezu Lichtgeschwindigkeit fahren, im Prinzip schon im Jahre 1960 beschrieben, als ihre Verwirklichung in den Sternen stand. Würde ein damaliger Leser, gesetzt den Fall, es gäbe einen Zeitsprung, meinen Bericht - zumindest den ersten Teil desselben - lesen, er könnte schon glauben, an einen solchen Zukunftsroman geraten zu sein.

Die FOTRANS 12 war ein gewöhnliches Schiff der Großserie 12, und wir waren mit ihm - wie viele andere Mannschaften vor uns - auf einer planmäßigen, einer Routine-Expedition. Weder die Auswahl der Mannschaft mit dem Computer noch die paritätische Geschlechtermischung und erst recht nicht die Anabiose bedeuteten für uns etwas Neues. Das war Raumalltag, gehörte zu dem von uns gewählten Beruf. Ich führe das an, um daran zu erinnern, dass eben vor einigen Hundert Jahren solche Dinge durchaus nicht selbstverständlich waren und wir auf unserer Reise, und das machte ihre Besonderheit aus, gleichsam aus heiterem Himmel mit diesem Althergebrachten konfrontiert wurden.

Unser Auftrag war simpel. Seit Jahrhunderten sucht die Menschheit außerhalb ihres Sonnensystems Alternativplaneten. Das wissen viele Zeitgenossen nicht, und vielleicht wird dieser Passus aus meinem Bericht gestrichen.

Zu irgendeinem Zeitpunkt werden die Sonne und mit ihr unser Planetensystem aufhören zu existieren, in ...zig Millionen Jahren. Aber der Untergang wird ein Prozess sein, der Hunderttausende von Jahren dauern wird.

Alternativplaneten sind so reichlich nicht gesät. Man muss daher sehr rechtzeitig nach ihnen suchen, muss sie orten, erkunden, eventuell für eine Urbarmachung und Rekultivierung vorsehen, diese mit höchstem Aufwand beginnen, auf dem Reißbrett zunächst und zurückhaltend ... Das ist vorerst Statistik, nicht mehr. Eine notwendige Statistik aber, die aufrechnet. So wie man früher sparte, immer eine bestimmte Summe Geldes mehr - von Jahr zu Jahr. Man kann ja nie wissen. Es aber nicht zu tun wäre sträflich.

Ich bin überzeugt, das ist Grund genug, Schiffe auszusenden in Räume, die Erfolg versprechen, resultierend aus langjährigen Beobachtungen.

Und es ging nicht - wie ebenfalls vor Hunderten von Jahren in glücklicherweise nur vereinzelten Fällen - um nimmerwiederkehrende Pioniertrupps, um Kolonisatoren, es ging um Augenscheinnahme, um Messungen, Kartierungen, Analysen, um eine Registrierung, um weiter nichts. Es handelt sich also um eine Planung über die bislang vorstellbaren Zeiträume hinaus.

Einen solchen Auftrag hatten wir.

Wir flogen vier Jahre mit über zweihundertfünfzigtausend Kilometern je Sekunde in Anabiose, hatten fünf Jahre für die Suche und wiederum vier Jahre für die Rückreise. So besagte es die Grobplanung.

Wir kreuzten bereits zwei irdische Jahre im System des Doppelgestirns Alpha-Centauri. In der uns angegebenen Position befand sich in der Tat ein Planet, der aber die geforderten Bedingungen nicht annähernd erfüllte. Wir maßen, was es zu messen galt, landeten in drei verschiedenen Breiten und erlangten so Gewissheit.

Unser Schiff nahm eine planetstationäre Bahn ein.

Der Trupp mit Bruno, Lisa und Friedrun war vor Stunden von der letzten Landung zurückgekehrt. Und sie bestätigten abermals: keine Bedingungen, die unserem Suchschema entsprachen.

Aber natürlich hatten wir alles auf das Sorgfältigste registriert, die Bahnparameter eingespeichert. Vielleicht würden andere zu anderen Zeiten unter anderen Bedingungen anders, endgültig entscheiden. Jederzeit würde der Planet - wir nannten ihn seines Erscheinungsbildes wegen „der Graue“ - dank unserer Tätigkeit wieder auffindbar sein, und man würde wissen, was man von ihm zu halten hat.

Eine Entscheidung stand bevor. Sie lag einzig und allein bei Bruno - letztendlich. Besser sind natürlich stets Kollektiventscheidungen ...

Die Frage lautete: den Auftrag als erfüllt zu betrachten und Richtung Heimat aufzubrechen oder weitere zwei Jahre eine nunmehr ungerichtete Suche aufzunehmen.

Nun, so etwas formuliert sich leicht.

Die FOTRANS-Schiffe sind geräumige Stätten mit guten Arbeitsbedingungen, allem Komfort und vielen Annehmlichkeiten. Aber jeder wird sich vorstellen können, wie viel Belastung dennoch für den Einzelnen entsteht. Schließlich wollten wir fertige, anwendbare Analysen zur Erde mitbringen. Trotzdem diskutierten wir Varianten, ob wir nicht abwechselnd - auch während des Suchprogramms - in Anabiose gehen sollten, einfach um nervlichen Anstrengungen wenigstens teilweise aus dem Wege zu gehen ...

Bruno fasste in der Beratung, die als letzte vor dem Verlassen der Parkbahn anberaumt worden war, zusammen: „Ich nehme ins Bordbuch ...“, er drückte die Aufnahmetaste, „dass wir uns einstimmig einig sind, vom heutigen Tage an noch zwei Jahre die Suche fortzusetzen. Es sei denn, wir sind eher erfolgreich. Einverstanden so?“

Wir gaben unsere Zustimmung mit einem vernehmlichen Ja.

Als die Entscheidung heranreifte, hatte ich mich vorher mit Lisa verständigt. Wir machten uns keinerlei Illusionen. Die beiden Jahre konnten die schlimmsten der Reise werden. Bislang hatten wir ein Ziel und den Planeten verhältnismäßig schnell gefunden. Und unser Tun dort war unsere Aufgabe. Nun aber richtete sich die Arbeit ins Ungewisse ...

Nicht gänzlich! Gravitationsmathematische Anzeichen sprachen für einen Himmelskörper, der möglicherweise seine Bahn um beide Sonnen zog - somit wohl äußerst kompliziert zu orten und dann anzusteuern sein würde. Carlos hatte das in seiner Art herausgefunden: Bis in die Nächte hatte er gesessen und gerechnet, verglichen und kontrolliert. Da auch gleichzeitig der Heimatkurs überprüft werden musste, fiel das nicht sonderlich auf. Mit dem Ergebnis rückte er erst heraus, als die Entscheidung bevorstand - und er hatte nur Bruno, den Kommandanten, informiert. Ich würde wetten, nicht einmal Inge war von ihm eingeweiht worden. Für seine Berechnungen brauchte er ihre Computerkenntnisse nicht.

Wir hatten also vor, den Orbit des Grauen entgegen seiner Bahn zu verlassen und von dort aus - immer weniger beeinflusst von seiner Gravitation - ständig Messungen durchzuführen, bis wir den neuen Kurs würden einigermaßen bestimmen können ...

Niemand streitet ab, dass der Tüchtige auch Glück braucht. Für tüchtig hielten wir uns alle, nur wussten wir nicht, ob der Graue, der uns allerdings wenig von unserer Tüchtigkeit abverlangte, bereits unser Glück war.

Aber wir hatten richtiges Glück. Vielleicht war es erneut Carlos’ Unermüdlichkeit zuzuschreiben. Und diesmal hatte ihn die Entdeckerfreude wohl dermaßen gepackt, dass er - so berichtete später Friedrun, die zu dieser Stunde gemeinsam mit ihm den Dienst versehen hatte - sich plötzlich zurücklehnte, sie voll ansah und gedämpft ausrief: „Wir haben ihn!“

Friedrun benötigte Sekunden, um zu begreifen, dann fuhr sie hoch, fragte zurück. „Wen haben wir?“

„Na, nicht den Stern von Bethlehem ...“ Carlos lächelte. Er hatte sich bereits wieder gefangen.

Friedrun hingegen, war an ihn herangetreten, ging scheinbar auf seinen Ton ein, wiegte den Kopf hin und her und fragte lauernd: „Etwa einen Planeten ...?“ Aber es klang schon so, als werde sie an seinem Verstand zweifeln, falls er bejahte.

„Einen …“, bekräftigte Carlos, schon breiter lächelnd, so seine strahlenden Zähne voll zur Geltung bringend.

Friedrun fragte einfältig: „... und wie?“

Carlos verstand nicht. Er erhob sich, machte eine angedeutete Verbeugung, forderte höflich in komischer Gestik, Übermut im Gesicht: „Bitte sehr, Madame, wenn Sie selbst ...“ Er komplimentierte sie auf den Sitz, den er vorher eingenommen hatte. „Das Fadenkreuz steht drauf ...“

Friedrun konnte sich später an solche Details deshalb noch gut erinnern, weil Carlos sich in diesem Augenblick für ihn völlig untypisch verhielt.

Sich doch ein wenig verulkt fühlend, richtete Friedrun die Okulare. Grell strahlte, das halbe Gesichtsfeld einnehmend, das Zentralgestirn. Unmittelbar daneben, aber schon außerhalb des Strichkreuzes - so schnell vollzog sich die scheinbare Bahnwanderung -, stand eine kleine, matt leuchtende Scheibe, eine Scheibe! Kein Punkt - somit in kürzester Entfernung! „Das gibt es nicht“, murmelte Friedrun, gleichzeitig wurde ihr Carlos’ Verhalten klar. Er hatte den Wandelstern hinter der Sonne vermutet und gelauert, bis dieser sichtbar wurde.

Friedrun erhob sich spontan. „Das muss ...!“ rief sie, und sie löste einen regelrechten Alarm aus.

Wir restlichen vier stürzten in die Zentrale. Bruno, der Kommandant, war der erste. Natürlich ließen wir ihm auch den Vortritt, aber voll Ungeduld.

Friedrun stand neben dem Teleskop und wies wortlos auf die Okulare. Carlos hatte lächelnd den Raum verlassen, kam aber nach wenigen Augenblicken mit einem Sandwich auf der Hand wieder.

„Was gibt’s“, rief Bruno herrisch.

„Carlos hat ...“, antwortete Friedrun, und sie stellte hastig, als sei ihr nun erst ihr Tun bewusst geworden, den Alarm ab.

Carlos, kauend, bemüht, Unheil abzuwenden, sagte undeutlich: „Entschuldige, Bruno, entschuldigt ... Nichts Großartiges ...“ Mit einem Seitenblick auf Friedrun: „Es ist über sie gekommen ...“

„Na was, zum Teufel, ist über sie gekommen?“, rief Bruno.

„Der Pla-planet“, stotterte seine Gefährtin.

„Und da hast du ...“

Man sah Bruno an, dass er heftig reagieren wollte. Ein Gefahrenalarm war nach dem Reglement dem Ereignis nicht angemessen. Aber Bruno holte Luft, setzte sich dann ohne ein weiteres Wort auf den Bediensitz, warf noch einen vielsagenden Blick auf Friedrun.

Wir anderen bestürmten in verhaltener Lautstärke Friedrun und Carlos.

„Beeilt euch“, sagte dann Bruno, die Augen noch an den Okularen, die Hände am Feintrieb. „Er verschwindet gleich wieder.“ Doch er saß so lange, bis Lisa ihm beinahe auf den Schoß rückte.

„Er zieht jetzt scheinbar ins Zentralgestirn“, erläuterte Carlos, „wird von ihm überstrahlt. Er ist auf unserer Seite.“

Wir schubsten Lisa förmlich vom Sitz, höflicherweise ich als letzter. Aber die Hälfte der kleinen Scheibe konnte ich noch erkennen, als sei es eine Warze, ein Pickel am Rande der Sonne.

„Hier der Kurs.“ Carlos sagte es zu Bruno gewandt, betätigte gleichzeitig die Computertaste.

„Na“, fragte Bruno gedehnt, „wie lange hast du denn den schon im Speicher?“

Carlos lächelte. „Seit gestern“, gab er zu. „Aber hättest du ihn ohne die ...“, er deutete aufs Teleskop, „... Bestätigung angewiesen?“

„Direkt auf die Sonne zu? Wohl kaum.“ Bruno klopfte Carlos auf die Schulter. In seinem Gesicht lag Wärme.

Spontan beglückwünschten wir Carlos, der verlegen auf seine vom Sandwich gefettete Hand wies, die wir ihm drückten. Ansonsten wehrte er gelassen ab, bei ihm wirklich keine Geste falscher Bescheidenheit, und machte sich dann daran, den Kursautomaten zu programmieren. „Kannst mir helfen“, forderte er Inge freundlich auf.

„Und ich darf mir nachher von Bruno etwas anhören“, maulte Friedrun, aber sie lachte dabei, nahm dann ihren Platz wieder ein. „Bist ein As, Carlos“, setzte sie noch hinzu.

Ab diesem Zeitpunkt lief unser Tun abermals programmiert, routinehaft ab. Wir schwenkten schließlich im Orbit des Planeten auf eine Parkbahn ein.

Natürlich hatten wir bereits während der Annäherung so viele Daten aufgenommen, dass unser Computer beinahe überlief, wir uns stritten, in welcher Reihenfolge auszuwerten sei, bis Bruno die Folge festlegte, die ich für unlogisch hielt, weil ich dabei an die letzte Stelle geriet, während Lisa Brunos Weisheit pries, die ihre Daten ganz vorn einordnete. Na klar, es waren die biologischen, meteorologischen, atmosphärischen Informationen, die zuerst analysiert werden sollten.

Dann, je näher wir - mit der höchsten Geschwindigkeit übrigens, die wir uns auf die verhältnismäßig kurze Entfernung überhaupt erlauben durften - dem Himmelskörper rückten, desto stärker wurde die Gewissheit, dass er nicht nur in der Biosphäre der Sonne lag, sondern in der Tat auch biotisch war! Was diese Erkenntnis für eine Euphorie auslöste, eine Spannung auch, lässt sich kaum beschreiben; denn diese Kunde nach Hause zur Erde zu bringen, wäre ein Erfolg der Expedition von kaum gekannten Ausmaßen.

Freilich, den Menschen sind mittlerweile im Umfeld des Sonnensystems eine Menge Planeten bekannt. Aber - und das wurde seinerzeit bereits als großer Erfolg verbucht - die drei „besten“ gehen nicht über die Qualität des Mars hinaus. Noch nie aber gab es einen Leben tragenden ... Und das war jener vor uns zweifellos, und dieser Tatsache entsprang auch meine Kritik an Brunos Computerreihenfolge. Nicht auszudenken, was wäre, wenn eine Zivilisation ...!

Natürlich fand ich, trotz des riesigen Arbeitsumfangs, offene Ohren, wenn es um diese Frage ging. Wir spielten alle Varianten durch, und immer wieder waren es Inge und Lisa, die alle Argumente, „es könnte … kräftig aus den Angeln hoben. Sie hatten die Messwerte, und sie stellten, je näher wir kamen, desto zuverlässiger, fest, der Planet besitzt keine Pseudo-Primärstrahlung, also keine Zivilisation mit künstlichem Energiepotenzial ... Meine Entgegnung, es könne ja sein, dass sie im Gegensatz zu uns keine Energieverschwender zu sein brauchten, ließen die beiden Frauen insofern nicht gelten, weil die Fremden dann wissenschaftlich-technisch so weit fortgeschritten wären, dass sie längst auf unserer Welle lägen. Und in diesen physikalischen Bereichen tat sich gar nichts. Sie müssen nicht a priori ein Interesse an einem Kontakt haben, argumentierte ich weiter. Und das könne mit ihrem Entwicklungsstand und damit ihrem Energiehaushalt Zusammenhängen. Es sei doch nachgerade irre, so begründete ich, dass beispielsweise ein Mensch - bei den Insekten ist das noch gravierender - mit, sagen wir, zweihundert Gramm Schweineschmalz im Körper, na, wenigstens zwei Tonnen Materials in das vierte Stockwerk eines Gebäudes tragen könnte. Man stelle sich eine Maschine vor, die mit ebenso wenig Energie Gleichwertiges schafft. „Will sagen, wie weit wir Menschen von einer echten rationellen Energieanwendung wirklich entfernt sind.“

Alle meine Einwände wurden mit der natürlich schlagend logischen Erwiderung abgetan: „Wir werden sehen.“ Niemand glaubte an eine Zivilisation, ich im Grunde auch nicht.

Und ich übte mich in Disziplin.

Wenn eine solche Einschätzung gestattet ist: Der Planet schien ein Mittelding zwischen Erde und Venus zu sein, von der Größe, der Gravitation und den Temperaturen her.

Schon bevor wir im Orbit einparkten, wussten wir, wir träfen auf eine aller Wahrscheinlichkeit nach atembare Atmosphäre, falls nicht in Bodennähe geringe Mengen giftiger Gase stünden, die wir aus der Entfernung nicht aufspüren konnten. Aufgrund der Sonnennähe des Planeten, vermutlich aber seiner komplizierten Bahn wegen, spielten Temperaturunterschiede in Abhängigkeit der geografischen Breite offenbar keine wesentliche Rolle. Da wir Vegetation und eine Wasserdampfübersättigung feststellten, mussten wir davon ausgehen, über weite Regionen eine Art tropischer Verhältnisse vorzufinden. Leben also im Überfluss, eine Evolution, in Teilen der irdischen vergleichbar, Pflanzen, Tiere, Primaten? Das war die Frage.

Aus dem Orbit bestätigten alle Messungen, alle Spezialfotografien Vegetation, regional nur wenig differenziert. Eine breite Hügelkette zog sich beinahe wie ein Wulst um den gesamten Himmelskörper. Und es gab riesige Flächen, die auf überwachsene, stark Wasser führende Areale hindeuteten, auf Moore und Sümpfe vielleicht oder dicht mit Pflanzen überwucherte Seen.

Lisa schlug vor, den Planeten „Flora“ zu nennen. Wir stimmten zu, fortan würde er in allen Ephemeriden unter diesem Namen geführt werden.

Wir standen mit dem Schiff nicht planetstationär, sondern kreisten ohne Antrieb als Satellit in Bahnen, die in einem irdischen Tag, also in zwanzig Stunden, einmal den gesamten Planeten umrundeten, und natürlich traktierten wir ihn mit allen uns zur Verfügung stehenden Mess- und Informationsmitteln, wobei wir selbstverständlich stärkere Strahlungen nicht anwendeten.

Der Planet machte seinem Namen Ehre. Von Nord nach Süd, von Ost nach West nichts als Vegetation in überwiegend grünen Farben. Wo bei anderen derartigen Himmelskörpern weiße Polkappen dominierten, vermuteten wir hier höchstens baumsteppenartige Landstriche geringen Ausmaßes. Die Temperaturen in Äquatornähe lagen bei fünfzig Grad Celsius und darüber, und ähnlich wie auf der Erde mussten sich täglich, den Wolkenbildungen nach zu schließen, Tausende von Kubikmetern Flüssigkeit - wir waren sicher: Wasser - in die Wälder ergießen. Und dieses Gebiet erstreckte sich weit nach Norden und Süden, reichte also über das, was wir auf der Erde als gemäßigte Zonen bezeichnen, beträchtlich hinaus.

Sicher waren wir uns auch, eine Fauna vorzufinden. Unterschiedliche Färbungen und Wuchsformen der Pflanzen ließen auf eine beachtliche Artenvielfalt schließen. Es widerspräche Evolutionsregeln, wenn sich eine solche gefächerte Entwicklung ausschließlich im Pflanzenreich vollzöge.

Ab und an glaubten wir, bei größter Foto- oder Optikauflösung, Vogelschwärme über den Wäldern auszumachen oder Herden über heller gefärbtem Untergrund. Aber wenn nicht diese Regenwolken wucherten, dünstete der Planet naturgemäß, und Schleier umflirrten ihn nach allen Richtungen.

Nur der Infratest gab merkwürdigen Aufschluss: Wir jagten alle diese Aufnahmen durch den Schnelltester und ließen nur solche auswerfen, die Herde einer bestimmten Strahlung aufwiesen. Und davon fand sich eine solche Menge, die manuell auszuwerten unser Vermögen überstieg. Also ließen wir nach grober Durchsicht die Aufnahmen mit höhergeschraubtem Grenzwert erneut durch den Tester laufen. Noch immer blieb eine Unzahl Fotos übrig, aber das Material wurde überschaubarer: zum Beispiel gesprenkelte Herde. Ich hatte auf der Erde, mit ähnlicher Methode aufgenommen, eine Gruppe Elefanten gesehen. Ähnlichkeiten waren unverkennbar. Dann zeigten die Schirme eine Menge verstreuter Objekte, vereinzelte Strahlungsquellen also, die ein erhitzter Fels, ein großes Tier, ein Feuer, eine heiße Quelle oder unbekannte Phänomene, zum Beispiel Wärme spendende Pflanzen, chemische Reaktionen, sein konnten. Nun, Steine ließen sich genau wie vieles andere, das sekundär nach langer Sonnenbestrahlung Wärme abgab, insofern aussondern, als Tag- und Nachtaufnahmen verglichen wurden. Etliches konnten wir so eliminieren.

Nach all diesen aufwendigen Untersuchungen, natürlich gepaart mit anderen, die die gesamte Mannschaft weit über das genehmigte Arbeitspensum hinaus beschäftigten, blieb aus dem gesamten Aufnahmeraster ein Gebiet übrig, das eine Merkwürdigkeit auswies, auf die wir zunächst alle Aufmerksamkeit richteten und für die sich keine Erklärung fand: Im nördlichen, gemäßigten Bereich, vielleicht dreihundert Kilometer vom Übergang zu dieser vermuteten Buschsteppe, hatten wir ein fest stehendes geometrisches Gebilde entdeckt, das in einzelnen Punkten einmal intensiver, einmal schwächer Wärme abstrahlte, und das in einem Tagesturnus, nicht exakt auf die Minute, jedoch auffällig. Etwa mit Tagesbeginn, dann, wenn die Sonne über dem besagten Gebiet im Zenit stand, in einer Spanne von mehreren Stunden; am längsten aber strahlten die Punkte abends, wogegen sie nachts beinahe erloschen.

Natürlich machten wir gerade von diesem Gebiet allerlei Spezialaufnahmen, doch der Überflug dauerte ja nie lange, und bis zum nächsten vergingen Tage, sodass Carlos schon vorschlug, den Kurs zu korrigieren und die Bahn stationär über dieses Gebiet zu legen, was allerdings der doch immerhin vagen Erscheinung wegen zunächst abgelehnt wurde.

Bis bei einem der nächsten Überflüge - wir saßen vor den schärfsten Aufnahmen am Auswerter - Friedrun in die Stille hinein sagte, und es klang, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt: „Das ist ein Dorf!“

Wir schwiegen eine Weile überrascht.

Ich bin sicher: Jedem fielen bisher ermittelte Daten ein, und jeder konnte sie sofort in den Begriff „Dorf“ einordnen.

Und natürlich hatte ich Grund, mich zu ärgern. Schließlich war ich Anthropologe und wäre wohl verpflichtet gewesen, als erster in solcher Kategorie zu denken.

Wie Friedruns Bemerkung einschlug, mag das Nachfolgende charakterisieren: Ohne erst eine Diskussion aufkommen zu lassen, hatten sich Bruno und Carlos verständigt - mit einem Blick.

„Wann hast du die Bahn?“, fragte Bruno.

„Die habe ich schon!“ Carlos lächelte. „Selig sind die Ahnungsvollen.“

„Wieso - wusstest du?“, fragte Lisa.

„Natürlich nicht, aber dass wir es untersuchen werden ...“

„Also ...“, Bruno unterbrach. „Schwenk ein - und, Sam, bei Nachtannäherung Antireflex!“

„Okay“, antwortete ich, und ich musste mir zur Ehre anrechnen, dass ich daran auch gedacht hatte. Wie ich Carlos kannte, hatte er die überhaupt mögliche niedrigste Bahn errechnet. Hausten nun da unten Primitivlinge, musste unser Schiff, wenn es ihnen wie ein Riesenstern über die Köpfe fuhr, natürlich Furcht und Panik auslösen. Antireflex ist weiter nichts als eine Besprühung des gesamten Schiffskörpers mit matter schwarzer Farbe, eine Einrichtung, die ich seinerzeit nur mit großer Mühe im Projekt unterbringen konnte.

Es dauerte zwei Tage, bis wir auf der Bahn lagen. Wir überflogen nun das entsprechende Gebiet fast jede Stunde in einer Höhe von hundertachtzig Kilometern. Die bislang erhaltenen Informationen bestätigten sich: Unter uns lag ein Gebiet dichter Vegetation, unterbrochen von winzigen Lichtungen, die selbst bei größter Auflösung keinen informativen Einblick gewährten. Aber der Infraschirm blieb zu den genannten Zeiten bei einer unexakten, aber deutlichen Zweierreihe von Punkten mit haufenförmigen Auswüchsen. Nichts sprach gegen die Version „Dorf“.

Beim dritten Anflug ordnete Bruno das Aussetzen eines Zeppelins an, eines jener autarken, heliumgefüllten und lautlos fliegenden Körper, die auf eine geringe Höhe abgelassen werden, eine Wegstrecke zurücklegen, sich zur Rakete wandeln und in der Orbitbahn wieder abgefangen werden können. Das verlangte navigatorisches Geschick, aber wir hatten ja Carlos.

Das Manöver gelang, der Informationszuwachs jedoch erwies sich als äußerst mager.

Mit viel Fantasie konnte man zwischen den Stämmen im dichten Unterholz gelbliche Flächen erkennen, die man auch als Wege oder Plätze deuten konnte - beziehungsweise als Gebilde, die Ähnlichkeiten mit Gerüsten oder Geflechten oder gar Wänden aufwiesen. Da sich das alles bruchstückhaft darbot, weitere Zusammenhänge nicht erkennbar wurden, entstand auch keinerlei Gewissheit. Aber wiederum sprach nichts gegen „Dorf“.

Wir saßen ziemlich ratlos um das auszuwertende Material. Immer mehr Augenpaare richteten sich auf Bruno.

Zunächst tat dieser, als bemerke er es nicht. Er hatte einen dieser Ausdrucke vor sich, starrte darauf, aber man sah, dass er nichts wahrnahm. Doch plötzlich schaute er auf. Im Nu hatte er durch eine leichte Kopfdrehung Sichtkontakt mit uns allen. Und er gab den einen Befehl, vor dessen Ausführung wir alle unausgesprochen ein wenig Furcht hatten: „Wir landen!“

Landen war eigentlich das, worauf sicher die meisten Mannschaften in unserer Lage sonst gebrannt hätten - gleichgültig, ob dort unten Primaten wandelten oder es nur Tiere und Pflanzen zu entdecken galt. Wir selbst hatten vor der Erkundung des Grauen so empfunden. Um wie vieles interessanter versprach hingegen Flora zu werden! Aber genau das war es!

Erstens - wo landen! Ohne darüber zu diskutieren, schien es jedem ausgeschlossen, wie sonst üblich, ein kleines Landeboot, ein Shuttle, von denen wir zwei an Bord hatten, auszusetzen. Wie sollte ein solches Fahrzeug aus dieser Landschaft heraus wieder starten. Also blieb nur die Landung mit dem Schiff - mit allen Risiken, die derartiges in sich barg, und hier lagen sie sichtbar unter uns: Sumpf, riesige Pflanzen ...

Am sichersten schien die Buschsteppe - in einer Entfernung von mehreren Hundert Kilometern vom Objekt. Das würde Marsch in unwegsamem Gelände bedeuten und unsere Fahrtechnik mit hoher Wahrscheinlichkeit überfordern. Und - eine solche Landestelle widerspräche in gewisser Weise dem Auftrag: Es galt das Typische zu erkunden. Das Typische von Flora waren nun einmal die üppig bewachsenen Regionen, die sechs Achtel der Oberfläche ausmachten.

Es blieb keine Alternative; denn heimzufliegen, ohne das untersucht zu haben, würde uns keiner verzeihen, am wenigsten wir uns selbst.

Ab diesem Zeitpunkt suchten wir gezielt einen Landeplatz. Wir blieben im Wesentlichen in der Bahn, erweiterten sie jedoch zu einem Streifen. Und während des vierten Durchgangs empfingen wir einen starken Radarreflex im gemäßigten Areal zwischen Buschsteppe und Tropenzone. Als wir das Phänomen näher untersuchten, stellten wir fest, dass es sich um ein Oval handelte, das vom Pflanzenbewuchs her aus seiner Umgebung herausstach, die Pflanzen zeigten gleiche Färbung, als seien sie von einer Art, und auffallend weniger hochwüchsige standen dort - als wären sie jünger. Deutlich zeichnete sich so der Fleck von der Umgebung ab, und dort heraus kam der Radarreflex ...

Bruno erläuterte seinen Vorschlag zum Landevorgang: „Wir gehen einige Hundert Meter über dem Boclen in die Schwebe, bleiben so lange, wie wir das Schiff halten können. Wir müssen uns den Platz mit den Triebwerken freibrennen und sintern, auch wenn wir dabei eine beträchtliche Fläche verwüsten... Wir landen nicht, wie vielleicht der eine oder andere annimmt, in diesem Oval. Mir erscheint der Platz verdächtig, ein Sumpf, ein Karsteinbruch. Wir gehen ungefähr einen Kilometer weiter, der Steppe zu. Carlos, bereite das bitte vor ...“

„Also kommen wir gleich Feuer speiend mit Vernichtung“, warf ich ein.

Bruno zuckte mit den Schultern. „Ich sagte es schon.“ Es klang zurechtweisend, dann setzte er versöhnlicher hinzu: „Ich würde es gern vermeiden.“ Im Ton schwang echtes Bedauern. „Nenn mir etwas Besseres - oder Risikoärmeres ...“

Das konnte ich natürlich nicht.

Wir stimmten Brunos Vorschlag zu, in der Gewissheit, uns in eine große Gefahr zu begeben.

Die Landung verlief wider Erwarten ziemlich reibungslos. Wir beobachteten durch die Bodenausgucke das von uns verursachte Inferno. Gewächse - man muss sagen, Bäume - verloren im Feuersturm zunächst Blätter und Nadeln, die glühend hoch aufstoben und verwirbelten. Stämme verkohlten blauflammig in Augenblicken. Über die Außenmikrofone drangen Knattern, Knallen und Splittern, Lodern und Zischen, gemischt mit dem Zubodenkrachen schwerer Stämme.

Den verkeilenden, verglimmenden Rest walzten wir mit dem Schiffsrumpf nieder. Das Ganze dauerte keine Stunde.

Wir hatten nicht die geringste Sicht nach draußen. Die Infrasensoren wurden von unten durch die Hitze überstrahlt. Um die Direktsichtfenster quoll dichter Qualm. Obwohl es heller Tag war, mussten wir hinter diesen Fenstern bei künstlichem Licht arbeiten.

Ab und an ruckte es. Eine der vier Stützen sackte nach, was uns jedoch nicht mehr in Panik versetzte. Die Bodensonde hatte die notwendige Standfestigkeit signalisiert. Auf Sumpf standen wir nicht. Was also nachgab unter uns, war das veraschende Holz, wenn es tatsächlich Holz war. Trotz aller Glut hatten wir den Eindruck, wir hätten auf der Erde unter ähnlichen Bedingungen ein weitaus größeres Flammenmeer verursacht.

An eine Analyse der Atmosphäre konnten wir natürlich erst dann gehen, wenn der Brand draußen völlig erloschen sein würde, aber natürlich hatten wir eine Menge Arbeit. Längst waren nicht alle wichtigen Daten der Fernerkundung ausgewertet, und bevorstehende Exkursionen mussten vorbereitet werden. Aber an diesem Abend der Landung auf „Flora“ dachte niemand mehr an Arbeit. Bruno, der sonst nicht allzu entgegenkommende Kommandant, verschwand, als nach dem Niedergang Stabilität eingetreten war. Wenige Minuten später tauchte er mit Gläsern und mehreren Flaschen Wein wieder auf.

Und es wurde ein harmonischer Abend, einer der wenigen gemütlichen, die wir uns während der gesamten Expedition geleistet haben. Natürlich lauerte hintergründig eine ungeheure Spannung, waren auch diese Stunden angefüllt mit Spekulationen, Vermutungen, Diskussionen. Aber was die vergangenen drei Jahre im Wachzustand nicht vermocht hatten, so empfand ich wenigstens, brachte dieser Abend. Ich hatte den Eindruck, wir verschmolzen zu einem richtigen Team, zu einer verschworenen Gemeinschaft. Und irgendwie wurde einem jeden von uns gewiss, die künftigen Aufgaben, und seien sie noch so kompliziert, würden leichter anzugehen sein ...

Trotz aller Gemütlichkeit gingen wir nicht zu spät schlafen.

Ich lag lange wach. Außer dem leichten Knallen der Glut unter uns ließ sich von draußen nichts hören. Sollte es Tiere geben, hatte sie unser brachialer, feuerbrünstiger Einfall mit Bestimmtheit vertrieben.

Später wurde ich durch ein dröhnendes Rauschen wach.

Ich benötigte eine Weile, um zu begreifen. Es regnete äußerst heftig, eine Art tropischer Guss. Und irgendwie beruhigte mich diese Tatsache.

Auch Lisa hatte das Trommeln aus dem Schlaf gerissen.

„Wir wären morgen auch ohne Wolkenbruch nicht rausgekommen“, sagte ich. „Wenn der Bewuchs irdischem Holz gleicht, hätte er drei Tage gekohlt. So hilft der Regen ...“

Ohne dass wir uns verständigt hätten, standen wir auf und begaben uns in die Sichtkuppel. Friedrun und Bruno befanden sich bereits dort.

Bruno dirigierte einen Außenscheinwerfer, leuchtete in die vom Himmel stürzende Flut hinein. Von unten stieg noch wallender Dampf empor. Die nähere Umgebung hielt sich hinter dem Vorhang aus Wasser und Brodem verborgen.

Dort, wo das Licht den Schiffskörper traf, leuchtete es metallisch auf. Der Regen wusch auch die Antireflexfarbe herunter ...

Dann, wir überlegten, ob wir uns erneut schlafen legen sollten, ließ das Rauschen nach. Wenige Minuten später zogen die Regenwolken ab, und erste Sterne blinkten über dem Schiff, da und dort verschleiert im Dampf.

Bruno schaltete alle Lichtwerfer ein, und ihre Strahlen rissen Gassen in die Finsternis, die durch die astlosen schwarzen Stämme, die am Rande der von uns gebrannten Lichtung gespenstig aufragten, noch unterstrichen wurde.

Wir hörten die ersten Stimmen! Glucksen und Krächzen, ein zartes Pfeifen kamen aus der Höhe einer Gruppe weitab stehender hoher Bäume. Bodentiere würden sich noch eine Weile vom Kohle- und Aschebrei unter uns fernhalten.

Eigenartig war uns schon zumute. Wenn nicht in der Zwischenzeit andere Schiffe ähnliches entdeckt hatten, waren wir die ersten Menschen auf einem derartig belebten Planeten ...

In mein erhebendes Gefühl hinein fragte Bruno: „Bleibt ihr auf?“ Und ohne die Antwort abzuwarten: „Wir könnten schon jetzt die ersten Luftproben holen, da gewinnen wir Zeit.“

Natürlich waren wir einverstanden, Lisa und ich, Friedrun ohnehin.

Wenig später wussten wir: vierzig Komma fünf Prozent Sauerstoff, dreiundzwanzig Prozent Kohlendioxid, der Rest Stickstoff. Die erste Grobanalyse. „Eine nennenswerte Menge anderer Gase können wir ausschließen“, setzte Friedrun, die den Auswerter bediente, hinzu.

„Setzt die Gifttests an“, forderte Bruno. „Dann nehmen wir noch ein paar Stunden Schlaf. Wenn alles gut geht, steigen wir schon morgen aus.“

Das war mutig von Bruno.

Ich tauschte mich darüber mit Lisa aus. Wir kamen zu dem Schluss, ihn hatte eine Art Fieber erfasst, eine Angst auch, uns verbliebe nicht genügend Zeit, diesen im Ganzen doch wahrscheinlich prachtvollen Planeten wenigstens einigermaßen kennenzulernen.

Und da blieb noch das „Dorf“ ...

Ich muss allerdings sagen, nach dem, was wir im Scheinwerferlicht von der dunstverhangenen Umgebung ausgemacht hatten, war das Dickicht ringsum undurchdringlich. Friedrun meinte scherzhaft, irdischer, brasilianischer Urwald wirke dagegen wie ein Birkenhain! Da mittendrin ein Dorf mit Primaten? Denn wer sonst sollte eine Behausung mit Feuerstätten ...

„Ich bin so froh, dass wir erst einmal da sind, Sam“, flüsterte Lisa, und sie kuschelte sich an mich.

Auch in mir hatte sich eine Art schöpferische Zufriedenheit breitgemacht. Boden unter den Füßen, eine Aufgabe, eine unerhörte Aufgabe, raus aus dem wenn auch noch so komfortablen Kasten, gemeinsam mit prächtigen Kameraden, Lisa ... Ich streichelte ihren Rücken ...

Und wir begingen unsere Ankunft in einer neuen Welt.

Die in der Nacht angesetzten Gifttests zeitigten negative Ergebnisse. Bei einer Probe hatten wir einen erhöhten Kohlenmonoxidanteil festgestellt, der sich bei neuerlichen Analysen nicht bestätigte. Er rührte mit Sicherheit noch vom Brand her ...

Leichtsinn lag Bruno fern. Er ordnete das Tragen der Hemmanzüge und Atemfilter an. Sich selbst teilte er zur ersten Wache ein, und er gestattete zunächst eine halbe Stunde Ausstieg im Sicht- und Hörkontakt.