Der tödliche Engel - Susanne Danzer - ebook

Der tödliche Engel ebook

Susanne Danzer

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Opis

Wales, Weihnachten 1887 – Dr. Celeste Montgomery und Detective Inspector Archibald Primes sind auf den Landsitz von Celestes Vater, Lord Andrew Montgomery, eingeladen. Aus den geplanten freien Tagen der beiden Ermittler wird jedoch rasch ein neuer Fall: ein kostbares Collier verschwindet! Schon bald nimmt der Diebstahl eine dramatische Wendung, bei der sich nicht nur die beiden in tödlicher Gefahr befinden …

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Der tödliche Engel

Ein Fall für Montgomery und Primes

Kriminalroman

von

Susanne Danzer & Thomas Riedel

Bibliografische Information durch

die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.de abrufbar

bereits erschienen:

Eine Leiche zum Lunch, IBSN 978-3-7418-3121-8

Der blinde Zeuge, IBSN 978-3-7418-5490-3

1. Auflage

Covergestaltung:

© 2016 Buchcoverdesign: Sarah Buhr - www.covermanufaktur.comunter Verwendung von Bildmaterial von:

ventdusud /www.shutterstock.com

ImpressumCopyright: © 2016 Susanne Danzer & Thomas Riedel

https://www.facebook.com/MontgomeryPrimesDruck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.deISBN auf letzter Seite des Buchblocks

Für Regina

»Süß ist ernstlich das gestohlen Brot,

aber zuletzt der bitt’re Tod.«

Georg Rollenhagen (1542-1609)

Kapitel 1 

Es war bereits spät am Abend, als Dr. Celeste Montgomery, Chef-Pathologin und Polizeiärztin bei Scotland Yard, und Detective Inspector Archibald Primes nebeneinander auf dem weitläufigen Balkon des Herrenhauses standen. Ein leichter Schneefall hatte sich wie ein jungfräuliches weißes Tuch auf die umliegende Landschaft gelegt. Trotz der winterlichen Kälte genossen sie die grandiose Aussicht hinüber zur irischen See. Weit entfernt konnten sie im milchigen Schein des Vollmondes die Insel Anglesey als kleinen Punkt erkennen.

Das herrschaftliche Anwesen von Lady Celestes Vater, dessen Gäste sie beiden waren, lag südöstlich von Caernarfon, einer Kleinstadt in Nordwest-Wales.

Lord Andrew Montgomery hatte Celeste gegenüber schon mehrfach den Wunsch geäußert, sie mögen ihn besuchen. Doch eigentlich war es mehr eine strikte Aufforderung gewesen, von der er erwartete, dass seine Tochter sie befolgen würde. Er war daran interessiert, den Kriminalbeamten kennenzulernen, dem seine Tochter, seitens des Commissioners, vor einigen Wochen anvertraut worden war. Sehr zu seinem Missfallen, wie so vieles, das seine eigenwillige Tochter in den letzten Jahren getan hatte. Immer wieder hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie ihren eigenen Kopf hatte. Das in drei Wochen anstehende Weihnachtsfest, bot, seiner Auffassung nach, dafür den passenden Rahmen. Höchstpersönlich hatte er sich im Yard um eine Freistellung der beiden vom Dienst bis über die Feiertage eingesetzt.

Der Commissioner, mit dem der Earl persönlich korrespondierte, hatte den beiden daraufhin nahegelegt, der Einladung zu folgen. Celeste hatte wenig Begeisterung an einem Treffen mit ihrem Vater gezeigt. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sie sträubte sich heftig, versuchte alle möglichen Vorwände zu finden und musste schließlich zähnekirschend nachgeben.

Für Primes war es eine Überraschung zu erfahren, wer Celeste in Wirklichkeit war. Erst war er sich nicht im Klaren darüber, ob er erbost sein sollte, dass sie ihn diesbezüglich nicht eingeweiht hatte. Doch als er bemerkte, wie sehr sie unter der Situation litt, beschloss er Milde walten zu lassen. Zudem konnte man nie wissen, ob ihre adelige Herkunft nicht irgendwann von Vorteil sein würde.

Morgen wollte man einen schönen gemeinsamen Abend verbringen. Ein großes Essen war geplant, dessen Umfang sich der Inspector nicht einmal vorzustellen vermochte. Schon allein dieses Haus zu betreten, das in seiner Größe dem Buckingham Palace in London Konkurrenz zu machen schien, war für ihn, als würde er in eine andere Welt vordringen, die meilenweit von seinem gewohnten Umfeld war.

»Die Luft ist wunderbar«, stellte Primes fest und atmete tief durch. Er schmeckte die salzige Luft auf seiner Zunge und holte ein Päckchen ›Three Kings‹ aus der Westentasche. Mit einem Zündhölzchen strich er am Balkongeländer entlang und steckte sich eine der filterlosen Zigaretten an.

»Ja, wirklich großartig«, plichtete Celeste ihm bei. »Nur, wenn sie so gut ist, wie Sie sagen, verstehe ich nicht, warum Sie sie mit Tabakqualm anreichern.«

»Weil es mir ein Genuss ist.«

»Ich glaube, das ist etwas, dass ich nie verstehen werde. Warum etwas so unglaublich Gelungenes wie reine, saubere und klare Nachtluft mit dem Rauch einer Zigarette verderben?«

»Um das zu verstehen, müssten Sie rauchen. Und wie ich Sie kenne, wäre das nicht gerade Favorit unter den Dingen, die Sie zu tun gedenken.« Er zuckte mit den Schultern. »Doch brauchen wir nicht alle ein kleines Laster? Macht es uns nicht menschlicher?«

»Seit wann sind Sie derart philosophisch, Primes?«, fragte Celeste lächelnd. »Das bin ich von Ihnen gar nicht gewohnt.«

»Welch erfreuliche Erfahrung es doch ist, Sie noch überraschen zu können.«

Celeste gähnte herzhaft hinter vorgehaltener Hand.

»Ich schlage vor, dass wir zu Bett gehen, Celly«, sagte der Inspector und unterdrückte ebenfalls ein Gähnen.

»Ganz meine Ansicht, Primes«, antwortete sie lächelnd. »Ich hatte zwar geglaubt, Sie hätten mehr Durchhaltevermögen, aber ein älterer Mann braucht wohl ein gesundes Pensum Schlaf.«

»Müssen Sie eigentlich immerzu spotten?«

»Man kann über alles spötteln, weil jedes eine Kehrseite hat«, lachte sie. »Wussten Sie das nicht, Primes?«

»Man sagt aber auch, dass der, der einen Hinkenden verspotten will, selbst gerade gehen sollte«, konterte Primes. »Sagten Sie nicht eben: Ganz meine Ansicht? Impliziert das nicht, Sie seien ebenfalls müde?«

»Touché, D‘Artagnan!«

»Wir haben den Schlaf beide sehr nötig. Denken Sie an die lange Zug- und nicht enden wollende Kutschfahrt hierher«, fuhr Primes fort. »Mir kommt es vor, als wäre jeder Muskel in meinem Körper wund.«

Er warf noch einen Blick hinüber zum Meer und ging dann in das große Zimmer zurück, das ganz im Stil des letzten Jahrhunderts eingerichtet war. Celeste folgte ihm.

»Also, werte Celly, schlafen Sie wohl«, sagte Primes, nahm die ihm dargereichte Hand und deutete einen Handkuss an.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie die Höfische Schule beherrschen. Ein wahrer Gentleman.«

»Da sehen Sie einmal, was Sie alles nicht von mir wissen.« Er grinste. »Wenn nicht in dieser Umgebung, wann wäre es denn passender?«

In diesem Augenblick klopfte es an die hohe Doppeltür.

»Ja, bitte?«, rief Celeste laut.

Lord Montgomery trat ein.

»Entschuldigung, dass ich stören muss ...« Er nickte Primes höflich zu, ehe er erregt weitersprach und die Tür leise hinter sich zuzog: »Aber es ist etwas geschehen!«

»Was ist denn passiert, Vater?«, erkundigte sich Celeste besorgt und trat an seine Seite.

Primes sah, dass sich der Lord in höchster Aufregung befand. Seine Stirn war sorgenvoll gerunzelt.

Lord Andrew Montgomery war von hoher, breitschultriger Statur, grauhaarig mit vollem Backenbart, blauäugig, wie seine Tochter und, wie sich Primes eingestehen musste, in jeder Weise sympathisch.

Auch Celeste betrachtete ihren Vater aufmerksam, und ihr entging nicht, wie sehr ihn etwas aus der Façon gebracht hatte.

»Das wertvolle Collier, mit den tropfenförmigen Smaragden, das ich Deiner Stiefmutter als Weihnachtspräsent überreichen wollte ... es ist verschwunden«, stieß ihr Vater aus und tupfte sich die Stirn mit einem Taschentuch ab.

»Zum Teufel«, entfuhr es Primes.

»Das Collier, das Sie erst vor einiger Zeit in London erstanden und von dem Sie mir erzählt haben, Vater?«

»Genau das. Wert zweitausend Pfund. Es ist weg ... spurlos fort. Ich habe bereits überall nachgesehen, konnte es jedoch nirgendwo entdecken.«

Der Lord schritt auf einen Beistelltisch zu und entnahm einer mahagonifarbenen Kiste eine der handgedrehten Zigarren, die er eigens aus Virginia importierte. Gekonnt kappte er das Mundstück mit einem Zigarrenabschneider und zündete sie an.

»Entschuldige, aber ich muss jetzt eine rauchen«, sagte er an seine Tochter gewandt. »Der Schreck ist mir wirklich in die Knochen gefahren. Möchten Sie auch einen Whisky, Inspector?«

»Sehr gern«, erwidere Primes.

Der Lord ging zu einem Schrank, öffnete die Tür, und schenkte zwei Gläser aus der Hausbar ein. Dann reichte er eines Primes, setzte sein eigenes an und leerte es in einem Zug. Er hatte es bis zum Rand gefüllt, und Primes war einigermaßen erstaunt, dass Celestes Vater eine solche Portion trinken konnte, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne ins Husten zu kommen, denn der starke, lang gereifte schottische Whisky brannte in der Kehle.

Er hatte Sir Andrew erst kurz vor dem Abendessen kennengelernt, doch schon während des Dinners war ihm aufgefallen, dass der Mann eine beträchtliche Menge Wein und Champagner zu sich genommen hatte – seine Verwunderung darüber aus Gründen der Ettikette aber für sich behalten.

»Ich verstehe es einfach nicht«, stöhnte er. Seine Stimme war plötzlich so heiser, als habe er Kreide in der Kehle.

Da wollte ich mich hier ein wenig erholen, dachte Primes, aber kaum tauchen wir hier auf, geschieht etwas Unangenehmes und verlangt unsere Aufmerksamkeit.

Selbstverständlich würde er Celestes Vater beistehen, wenn er ihn um Hilfe bat, schon allein um seiner Tochter willen.

»Wären Sie so freundlich mir den Platz zu zeigen, wo Sie den Schmuck zuletzt gesehen haben, Mylord?«

»Ja ... das wird wohl das Beste sein, Inspector«, stöhnte Sir Andrew.

»Wusste jemand, wo Sie das Collier aufbewahrten, Vater?, erkundigte sich Celeste.

Ihr Vater nahm noch einen Drink. Auch jetzt schenkte er das Glas randvoll. In einem solchen Männerdrink konnten einige Goldfische schwimmen, ging es Primes durch den Kopf.

»Eben nicht, Celeste!«, erwiderte er, mittlerweile schon viel undeutlicher und eine Spur aggressiver. »Niemand wusste davon. Ich wollte keine Seele auf eine solch kostbare Investition aufmerksam machen, um keinerlei Begehrlichkeiten zu wecken.«

Celeste und Primes mussten feststellen, dass seine Lordschaft nicht mehr ganz fest auf den Beinen stand und leicht schwankte.

Adieu, wohlverdienter Schlaf, dachte sie wehmütig.

Ihr Gefühl trog sie nicht.

Primes‘ Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Sein detektivischer Jagdinstinkt war erwacht, und der Fall begann ihn zu interessieren.

»Ist es möglich, dass Sie sich geirrt haben?«, fragte er vorsichtig.

»Was erlauben Sie sich!«, empörte sich Lord Montgomery.

»Das war doch nur eine Frage, Vater«, beschwichtigte Celeste ihn. »Sie könnten sich doch geirrt haben, nicht ...«

Sie brach ab, als sie seinen eisigen Blick sah.

Primes war die Reizbarkeit des Schlossherrn schon mehrmals am Abend aufgefallen.

»Ich mich irren? Eher stürzt die ganze Welt mit lautem Krawall zusammen«, rief Sir Andrew entrüstet.

»Nun, jeder Mensch kann sich irren, keiner ist unfehlbar«, entgegnete Celeste und Unmut blitzte in ihren Augen auf.

»Hör mit dem Unsinn auf. Die Kassette, in dem das Collier lag, ist da, aber das Etui mit ihm ist einfach weg. Wie naiv du doch bist. Von meiner Tochter hätte ich wirklich mehr erwartet.« Er stieß ein kurzes Lachen aus, in dem Wut, Verachtung und Resignation lag. Es war ein unangenehmes Lachen, das auf große Nervosität schließen ließ.

Auf Celeste wirkte es so kalt, als habe ihr jemand Eiswasser über den Rücken geschüttet.

»Dann zeigen Sie uns doch bitte, wo die Kassette liegt und erzählen Sie, wann und wo Sie das Collier zum letzten Mal in Händen hatten«, schlug sie in jetzt deutlich abgekühlten Ton vor.

»Als ob ich mich vor dir rechtfertigen müsste!«, brauste ihr Vater auf.

»Tun Sie uns den Gefallen, Sir«, mischte sich Primes ein. »Je mehr Informationen wir haben, um so leichter wird es für uns, der Sache auf den Grund zu gehen.«

»Ja, das wird wohl am besten sein.«

Lord Andrew Montgomery wollte sich in Bewegung setzen, griff stattdessen jedoch erneut zur Flasche und wieder plätscherte etwas von der hochprozentige bernsteinfarbene Flüssigkeit in das Glas und anschließend die Kehle hinunter in seinen Magen.

Primes schüttelte innerlich den Kopf und wunderte sich immer mehr über sein Verhalten. Auch Celeste schien sich nicht ganz wohl in ihrer Haut zu fühlen, zumindest entnahm er das einem flüchtigen Blick, den sie ihm zugeworfen hatte. Die Tatsache, dass sie immer schweigsamer wurde, gab ihm zu denken, denn er kannte sie als eine Person, die nicht schnell um Worte verlegen war.

Wie er, vermutete sie wohl ebenso, dass ihr Vater das Collier schlicht übersehen hatte, weil er bereits in einem Zustand war, in dem man häufig Gegenstände nicht mehr sah, die man eigentlich sehen sollte oder etwas bemerkte, das tatsächlich nicht vorhanden war oder sich nicht entsinnen konnte, wo man sie abgelegt hatte. Allerdings hüteten sie sich beide, auch nur andeutungsweise etwas in dieser Art zu erwähnen, denn sie wollten die offensichtlich schon überreizten Nerven des älteren Herrn nicht zum Reißen bringen oder gar einen Anfall von Jähzorn auslösen.

»Also bitte, gehen wir«, forderte Lord Montgomery die beiden auf.

Celeste und Primes folgten ihm ...

Kapitel 2 

Das Schloss besaß eine große Zahl von Räumen, Gängen, große und kleine Hallen und Rondelle, war verwinkelt gebaut und stand bereits seit der Tudorzeit. Celestes Ur- und Großvater hatten das Anwesen stetig durch Anbauten vergrößert; selbst ihr Vater hatte das Seinige beigetragen. Den größten Teil hatte, nach Celestes Erzählungen, jedoch ihr Urgroßvater Reginald gebaut. Jedenfalls war die Anlage durch die vielen baulichen Veränderungen immer größer und zunehmend unüberschaubarer geworden. Sich hier zurechtzufinden, war beinahe ein Kunststück. Celeste hatte die vielen versteckten Winkel als Kind oft dafür genutzt, den Strafpredigten ihres Vaters zu entkommen, von denen es reichlich gab. So kannte sie dieses Gemäuer wie Primes seine Westentasche.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und einer Wanderung durch endlose Flure, gelangten sie in den Westflügel des Gebäudes und in das Zimmer, in dem das Collier in der Kassette, bis zum mutmaßlichen Diebstahl, befunden hatte.

Der Raum war so groß, dass drei Sechsspänner samt Landauer bequem darin Platz gefunden hätten. Celestes Vater liebte große Räume, auch wenn diese schlecht zu beheizen waren. Er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich in kleinen Räumen unwohl fühlte, obwohl er sonst ein durchaus unerschrockener Mann war, der sich im zweiten Opium-Krieg gegen das Kaiserreich China zwischen 1856 und 1860 einen Namen als Kommandant einer Gurkha-Einheit gemacht, und unter Führung des Generals James Hope Grant an den Schlachten um Pei Tang, Dagu und Peking teilgenommen hatte. Später war er dafür von Queen Victoria mit dem ›Victoria Cross‹ ausgezeichnet worden. Celeste war mit den Kriegserzählungen ihres Vaters aufgewachsen, die sie auswendig Wort für Wort nacherzählen konnte, so oft hatte sie diese bereits gehört. Sir Andrew wurde zudem nicht müde, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit zu brüsten.

»Weiß Ihre Gattin von dem Verlust?«, erkundigte sich Primes, kaum, dass sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Lord Montgomery fuhr herum und sah ihn strafend an.

»Sie sind wohl von allen Geistern verlassen, Inspector!«, fauchte er.

Primes wurde ärgerlich, ließ sich aber nichts anmerken. Mit den Zähnen knirschte er dennoch.

»Wenn er sich mit der Sache befassen soll, wie Sie es wünschen, möchte ich Sie bitten, seine Fragen zu beantworten, ohne gleich wütend zu werden, Vater«, mischte sich Celeste leise, doch mit einer gewissen Schärfe, ein.

Sir Andrew wippte leicht zuckend mit dem Kopf. Ein Zeichen seiner inneren Anspannung.

»Natürlich weiß sie nichts. Ich habe den Verlust schließlich erst vor wenigen Minuten entdeckt. Elisabeth schläft bereits.« Er öffnete einen alten Sekretär, zog ein Fach heraus und deutete auf eine hölzerne Kassette. »Hierin lag das Collier.« Er öffnete die Holzschatulle, in der ein kleiner Schlüssel steckte.

»Und bitte ... was sieht man darin? Nichts. Leere. Das ist alles.« Sein Blick war überheblich. »Genau so, wie ich es bereits gesagt habe. Man könnte meinen, Sie halten mich für senil, Inspector.«

»Durchaus nicht, Sir«, erwiderte Primes beherrscht. »Der erste Schritt ist jedoch stets die Aussagen der Zeugen zu überprüfen. Würden wir das nicht tun, dann könnte man uns Nachlässigkeit vorwerfen. Deshalb sollten wir uns von der Richtigkeit der Angaben überzeugen, denken Sie nicht auch, Sir?«

Sir Andrew brummte etwas Unverständliches, ließ es dann aber zu, dass Celeste und Primes sich mit einem kurzen Blick von der Richtigkeit seiner Angabe überzeugten.

»Hatten Sie den Schlüssel zur Kassette bei sich, Mylord?«, fragte Primes.

»Nein. Der liegt stets drüben im Schreibtisch, mittlere Schublade.«

»Ist diese ebenfalls verschlossen?«, hakte Celeste nach und sah ihren Vater fragend an.

»Manchmal ja, manchmal nein«, musste er eingestehen. »Nicht, dass es dich etwas anginge.«

»War sie es heute?«

»Nein. Der Schlüsselbund steckte.«

»Hätten Sie das kostbare Collier nicht im Tresor einschließen können?« Sie zeigte auf ein eisernes Ungetüm schräg gegenüber seines Arbeitsplatzes.

»Der ist überfüllt.«

»Haben Sie nur den einen?«, meldete sich Primes zu Wort.

»Durchaus nicht ... aber ich muss gestehen, es sind ebenfalls Sachen darin, die ich nicht unbedingt herausnehmen möchte.«

Primes stand so nahe bei seiner Lordschaft, dass ihn die Whiskyfahne, die ihm entgegenschlug, beinahe betäubte. Es war Celeste anzusehen, dass der Zustand ihres Vaters ihr sichtlich peinlich war, denn sie wusste, dass Primes kein sehr gutes Bild von ihm zu erlangen vermochte, so betrunken wie er im Moment war und sich verhielt.

»Ist der Sekretär immer verschlossen?«, wollte er erneut wissen.

»Nein, wie ich bereits sagte. Das heißt, ich hatte ihn verschlossen, seit das Collier in der Schatulle lag.«

»Darf ich fragen, wann genau Sie es gekauft haben, Vater?« hakte Celeste nach.

»Das war ... Moment, ich muss kurz darüber nachdenken ... das war am einundzwanzigsten November.«

Während Celeste ihn das fragte und der Earl antwortete, betrachtete Primes das Zimmer. Alle Einrichtungsgegenstände waren wertvolle Stilmöbel, denen der Hauch der Jahrhunderte anhaftete, und die sicher ein Vermögen wert waren. Weit mehr, als er in seinem Leben als Polizist zu verdienen in der Lage gewesen wäre. Manche dieser Möbelstücke mochten gar den Gegenwert eines Jahresgehalts betragen, das er von Scotland Yard erhielt.

»Sind Sie sicher, dass Sie das Collier ausschließlich in dieser Kassette aufbewahrt haben?« Celeste hatte die mit Schnitzereien verzierte Schatulle in die Hand genommen und musterte sie eindringlich von allen Seiten.

»Himmel!« Seine Lordschaft hatte genug. »Ich bin doch kein Narr! Ich traf am dreiundzwanzigsten November wieder hier ein, habe das Collier in die Kiste gelegt ... und, wie ich beteuern möchte, niemals an einen anderen Platz«, stieß er erregt aus. »Ich verbitte mir deine Impertinenz!«

»Haben Sie es oft herausgenommen und betrachtet?«, wollte Primes wissen, dem Celeste bereits leid tat. Mittlerweile konnte er erahnen, warum sie sich gesträubt hatte, hierher zu kommen.

»Jeden Abend, Inspector. Jedes Mal vor dem Zubettgehen habe ich mich davon überzeugt, dass es noch dort liegt, wo es hingehört. Es hat mir zudem Freude bereitet, es zu betrachten, denn es ist eine erlesene Arbeit, von einem Juwelier großen Talents gefertigt.«

Celestes Vater öffnete den Likörschrank und schenkte drei Gläser voll.

»Bitte«, knurrte er und wies auf die Gläser.

»Nein, danke, Sir. Ich möchte jetzt nicht«, wehrte Primes ab, der sich anstelle nach dem Glas zu greifen, eine Zigarette aus dem Päckchen in seiner Jackentasche holte und an der Flamme einer auf der Schreibtisch stehenden Kerze entzündete.

Celeste schwieg.

»Nun nehmen Sie schon, Inspector Primes«, drängte ihr Vater.

Primes sah seiner Lordschaft direkt in die Augen. Es war klar, dass er sich der Aufforderung nicht widersetzen konnte.

Celeste und er leerten die Gläser. Es war ›Chartreuse Jaune‹ – ein milder, gelber Kräuterlikör – dessen Geschmack Primes nicht mochte und er konnte gerade noch verhindern, dass es ihn schüttelte. Auch Celeste schien nicht gerade begeistert davon zu sein, so wie sie ihr Gesicht verzog. Lord Montgomery wollte sofort wieder einschenken, aber die beiden hielten ihre Hände über ihre Gläser.

»Danke, Sir«, kommentierte Primes, »aber ich muss einen klaren Kopf behalten, wenn ich Ihnen bei der Suche nach dem Collier behilflich sein soll.«

»Dann trink du wenigstens mit mir, Celeste«, forderte er seine Tochter auf.

»Nein, danke, Vater«, lehnte sie ab. »Sehr aufmerksam von Ihnen. Wie Sie wissen vertrage ich nicht viel. Ich möchte verhindern, dass mir der Alkohol allzuschnell zu Kopf steigt. Zudem hatte ich bereits Wein zum Abendessen.«

»Also sowas«, entrüstete er sich und sah seine Tochter an. »Dass du nicht trinkst, kann ich ja noch verstehen, aber der Inspector?« Er warf Primes einen abfälligen Blick zu. »Was sind Sie denn für ein Mann? Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich gedient?«

»Vater, lassen Sie das!«, versuchte Celeste ihn zurückzuhalten.

Verständnislos schüttelte er den Kopf und schenkte sich noch einmal nach.

Primes hatte die Kassette bislang nicht in die Hand genommen: »An der Schatulle würde ich vermutlich nur Ihre Fingerabdrücke und die Ihrer Tochter finden, oder hat noch jemand das Ding in den Händen gehabt?«

»Nein.«

»Nun ja ... es wird wohl auch nicht viel bringen. Wir dürfen sicher davon ausgehen, dass der Dieb inzwischen weiß, wie man Abdrücke vermeidet, die wir untersuchen könnten. Es stand ja mittlerweile in allen Zeitungen, dass wir Täter immer häufiger damit überführen.« Er sah Celestes Vater an. »Jetzt eine wichtige Frage, Mylord: Haben Sie jemanden Ihrer Angestellten in Verdacht?«

»Jeden!« erwiderte Sir Andrew sofort und ohne weiter darüber nachzudenken. »Alles ehrlose Speichellecker.«

»Tatsächlich?«, fragte Primes ungläubig, ob dieser Antwort, alle Bediensteten unter Generalverdacht zu stellen.

»Ja.«

»Dann scheinen Sie in der Wahl ihrer Hausangestellten verdammt unvorsichtig gewesen zu sein«, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen.

»Meine Frau Elizabeth hat sie eingestellt, als wir heirateten«, erklärte Celestes Vater und machte eine wegwischende Bewegung. »Ich hielt es für Frauenkram, doch ich hätte mich besser selbst darum kümmern sollen.«

»Mein Vater hat vor drei Jahren wieder geheiratet«, ergänzte Celeste. »Meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war.«

»Wurden alle von Ihrer Gattin eingestellt?«, wollte Primes wissen.

»Bis auf James. Der war schon vorher hier.«

»Und Walter«, ergänzte Celeste lächelnd. »Aber ihn können Sie von Ihrer Liste streichen. Walter ist schon immer ein Freund der Familie gewesen« In Richtung Primes fügte sie hinzu: »Er ist unser Stallmeister.«

»Gut«, nickte er ihr zu und wandte sich wieder an ihren Vater. »Wieviele Jahre arbeitet James bereits für sie?«

»Vier ...«

»Haben Sie ihn auch in Verdacht?«, hakte Primes nach.

»Zu meinem Bedauern, ja!«

»Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Sie sagen, dass er bereits seit vier Jahren für Sie arbeitet.« Primes schüttelte ungläubig den Kopf. »Hat er schon einmal etwas getan, das einen solchen Verdacht rechtfertigen könnte?«

»Nein, Inspector. Aber ich traue ihm jeden Diebstahl zu. Er ist ein unheimlicher Kerl.«

»Wieso?« Celeste sah ihn verwirrt an.

»Das frage ich mich auch«, sagte Primes überrascht. »Sie müssen einen Grund haben, so etwas zu vermuten.«

»Der Mann wirkt auf mich wie ein Rabe oder eine diebische Elster. Er schielt immer auf das Tafelsilber, als würde er sich bereits überlegen, wie er es ungesehen aus dem Haus schaffen könnte. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob noch alle Teile des Bestecks vorhanden sind«, knurrte Lord Montgomery.

»Sie verdächtigen also jeden Ihrer Bediensteten, James eingeschlossen?«, fragte Primes unverblümt.

»Hören Sie mir eigentlich nicht zu?«, regte sich Celestes Vater auf. »Ich sagte doch schon, dass mir die ganze Bande nicht gefällt! Ein einziges Pack, das mir meine Gattin da ins Nest gesetzt hat.«

»Ist es denkbar, dass Sie einer der Angestellten dabei beobachtet hat, wie Sie das Collier herausgenommen oder wieder hineingelegt haben, Vater?«

»Das ist schon möglich. Das Zimmer liegt ebenerdig. Dort drüben sind jede Menge Fenster, die wohl kaum zu übersehen sind. Man kann draußen stehen und den ganzen Raum beobachten.«

Ein Blick reichte, um Primes davon zu überzeugen.

»Um welche Zeit haben Sie heute die Schatulle geöffnet und den Verlust festgestellt?«

Lord Montgomery sah auf seine goldene Taschenuhr.

»Das war heute Abend … Ungefähr neun Uhr fünfundzwanzig.«

»Und Sie sind direkt im Anschluss zu uns gekommen?«, fragte Primes.

»Zuerst glaubte ich, aus der Haut zu fahren. Ich war so erschrocken, dass ich wie angewurzelt stehen blieb ...«

»Sie haben aber nicht an anderer Stelle im Sekretär gesucht?«

»Aber es lag nie an einer anderen Stelle, zum Donnerwetter!«, explodierte Celestes Vater. Er war so erregt, dass sich seine tiefe Stimme fast überschlug. Mit seiner Fraust donnerte so auf den Schreibtisch, dass die Likörgläser leise klirrten, die sie zuvor dort abgestellt hatten.

Während Celeste das Verhalten ihres Vaters unangenehm war, blieb Primes gelassen.

»Sie könnten das Collier gestern versehentlich an einen anderen Platz gelegt haben, statt es in die Kassette zurückzulegen.«

»Mein Gott, Inspector! Fangen Sie jetzt auch an wie meine Tochter? Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen, dass mir so etwas nicht passieren kann. Das ist völlig ausgeschlossen. Ich achte stets darauf, dass ich das Collier mitsamt Etui wieder in die Schatulle zurücklege.«

Sein Blick schien Primes zu durchbohren.

»Schön. Es wurde also entwendet«, stellte Celeste fest und versuchte ihren Vater damit etwas zu beruhigen, denn sie ahnte, dass er Primes gleich an den Hals springen würde, wenn er einen seiner berüchtigten Zornesausbrüche bekam. »Und jeder Ihrer Angestellten kann den Diebstahl begangen haben.«

»Ganz genau! Hat ja lange genug gedauert, bis du das verstanden hast. Nun stehe ich zu Weihnachten ohne ein Geschenk für deine Stiefmutter da. Ich bin verzweifelt.«

Lord Montgomery fasste sich mit beiden Händen an die Stirn und stöhnte. Dann machte er ein paar torkelnde Schritte und ließ sich rücklings auf einen Stuhl fallen.

»Ist das Collier von Ihnen versichert worden?«, erkundigte sich Primes.

»Eben nicht. Noch nicht. Ich wollte es erst meiner Frau überreichen und sehen, ob es ihr gefällt. Danach wollte ich bei ›Lloyds of London‹ eine Versicherung über die entsprechende Summe abschließen.«

»Nehmen Sie mir meine Offenheit nicht übel, Vater. Aber das war mehr als leichtsinnig von Ihnen.«

Er warf ihr einen missbilligenden Blick zu.

»Konnte ich ahnen, dass es gestohlen wird?«, raunzte er. »Ich bringe es in mein gottverdammtes Haus und werde innerhalb der Mauern bestohlen, die ich mein eigen nenne. Herrgott, ich bin hier das Opfer!« Seine Stimme wurde zunehmend lauter und sein Gesicht rötete sich vor Zorn immer mehr.

»Mit dieser Möglichkeit muss man immer rechnen, Mylord«, stellte Primes fest, der einen letzten Zug von seiner Zigarette nahm und sie im prunkvollen Ascher auf dem Schreibtisch ausdrückte. »Sie hätten zudem besonders vorsichtig sein müssen, da Sie ja keinem Ihrer zahlreichen Bediensteten trauen. Es wäre somit Ihre Pflicht gewesen, bestimmte Vorkehrungen zu treffen.«

»Jetzt hören Sie schon mit Ihren Vorwürfen auf, Inspector«, klagte Sir Andrew und starrte düster vor sich hin. »Helfen Sie mir lieber, den Täter zu fassen, anstatt hier große Töne zu spuken. Allein mit hohlen Worten werden Sie den Dieb bestimmt nicht ausfindig machen.«

»Dass ich Ihnen helfen werde steht außer Frage, schließlich bin ich Beamter des Yard und es gehört zu meinen Pflichten. Ob ich allerdings Erfolg haben werde, kann ich nicht versprechen.«

Während Celestes Vater Asche von seiner mächtigen Zigarre streifte, zündete sich Primes eine weitere Zigarette an, was Celeste mit einem angedeuteten Kopfschütteln quittierte, bevor sie zu den Fenstern schritt und sich jedes einzelne genau ansah.

»Wenn Sie der festen Überzeugung sind, dass einer Ihrer Angestellten das Collier gestohlen hat, so besteht durchaus die Chance es wieder aufzufinden«, meinte Primes. »Ist jemand vom Personal im Urlaub?«

»Nein.«

»Hat einer von ihnen einen entsprechenden Wunsch geäußert?«

»Nein. Niemand.«

»Verließ heute einer von ihnen das Anwesen? Ich meine, vor allem nach neun Uhr dreißig?«

»Nein.«

»Die Fenster sind alle fest verschlossen und es gibt auch keine sichtbaren Spuren, dass jemand versucht hätte eines davon gewaltsam zu öffnen«, meldete sich Celeste nach eingehender Prüfung. »Als Sie das Zimmer betreten haben, ist Ihnen da etwas aufgefallen, Vater?«

»Was soll mir da aufgefallen sein?«

»Sie meint, ob sich vielleicht etwas verändert hat«, ergänzte Primes. »Möglicherweise waren Möbel verrückt oder Gegenstände befanden sich nicht an ihrem gewohnten Platz.«

»Darauf habe ich nicht geachtet.«

Primes schnippte sorgfältig ein wenig Asche von seiner Zigarette. Dann sah er den Lord mit ernstem Gesichtsausdruck an.

»Wünschen Sie, dass ich alle Ihre Bediensteten noch in dieser Nacht verhöre?«, wollte er wissen.

Sir Andrew erhob sich von seinem Stuhl.

»Um Gottes Willen. Nur das nicht. Elizabeth würde mir die schwersten Vorwürfe machen, wenn sie von der Sache erfährt. Ich habe ihr mit keinem Wort angedeutet, dass ich ihr ein so wertvolles Collier schenken will. Es sollte ›die Überraschung‹ sein, wenn Sie verstehen, was ich meine. Obwohl ich so meine Zweifel habe, weil Sie sich so etwas niemals leisten könnten. Außerdem würde sie für das Personal, das sie selbst eingestellt hat, ihre Hände ins Feuer legen.«

»Wenn sie sich dabei nur nicht die Finger verbrennt«, murmelte Celeste leise, während ihr Vater mit zitternder Hand einen Zug von seiner Zigarre nahm.

»Ja, was wollen Sie denn dann tun, Mylord?«, setzte Primes verzweifelt nach. »So kommen wir auf keinen Fall weiter. Spätestens morgen früh, müssen wir mit den Befragungen beginnen.«

»Ich möchte Sie bitten, die Leute zunächst unauffällig zu beobachten.«

»Ihnen ist aber bewusst, dass derweil das Collier von hier weggebracht werden könnte?«

»Ich möchte auf keinen Fall, dass von der Sache etwas bekannt wird, weder meiner Frau noch sonst jemandem. Haben wir uns verstanden?«, stieß seine Lordschaft aus. Er rauchte in tiefen Zügen. Dann fügte er hinzu: »Das ist eine delikate Sache und muss entsprechend behandelt werden, Inspector. Selbstverständlich werde ich Sie für ihre Mühe ...«

Primes fiel ihm ins Wort: »... entschädigen?« Er schüttelte den Kopf. »Nun, was die Urlaubszeit betrifft, so glaube ich, dass sich diese durch nichts ersetzen lässt. Wenn ich Ihnen helfe, dann geschieht das, weil ich Kriminalist bin, und ich werde tun, was in meinen Kräften steht um die Tat aufzuklären. Ob ich mit meinen Bemühungen Erfolg habe, kann ich nicht garantieren, wenn Sie von mir erwarten nur den Privatdetektiv zu spielen und die Angestellten zu überwachen, um schließlich den Täter zu stellen, was ohne Befragungen der Bediensteten durch mich und Ihre Tochter mehr als zweifelhaft sein dürfte, wie ich hinzufügen möchte. Oder habe ich Sie missverstanden, Mylord?«

»Sie haben mich ganz richtig verstanden, Inspector. Genau das ist mein Wunsch.«

»Gut«, nickte Primes. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Dann werden Sie doch sicher eine Liste aller Angestellten meines Vaters benötigen, mit allen Informationen, die über sie bekannt sind, nehme ich an?«, warf Celeste an den Inspector gewandt ein.

»Ja«, antwortete er und an ihren Vater gerichtet fragte er: »Ist das möglich?«

»Sie erhalten diese Liste gleich morgen früh.«

Primes nickte zufrieden und strich sich einmal durch das Gesicht.

»Außerdem müsste ich wissen, wo deren Zimmer liegen.«

»Einen entsprechenden Plan werde ich beilegen«, sicherte seine Lordschaft zu.

»Gut. Dann empfehle ich, dass wir uns jetzt alle zu Bett begeben. Die Schatulle lassen wir dort stehen, wo sie sich befindet.« Er sah Celestes Vater eindringlich an. »Da Sie davon ausgehen, dass einer Ihrer Bediensten den Diebstahl begangen hat, möchte ich Sie bitten, keinerlei Nervosität zu zeigen. Lassen Sie sich nichts anmerken. Benehmen Sie sich wie immer, so, als hätten Sie den Verlust noch gar nicht bemerkt.«

Sir Andrew nickte.

»Machten Sie Ihrer Frau gegenüber irgendeine Andeutung, woraus sie schließen konnte, dass Sie ihr zu Weihnachten ein Collier oder anderen Schmuck schenken wollten?«

»Mit keinem Wort.«

Primes warf Celeste einen Blick zu, der besagte: Mehr kann ich augenblicklich nicht tun, worauf sie mit einem verständnisvollen, leicht angedeuteten Nicken reagierte.

»Also gut«, schloss er daher. »Dann wäre soweit erst einmal alles besprochen.«

Kapitel 3 

Celeste und Primes hatten sich vom Hausherrn verabschiedet, der seiner Tochter befahl, dem Inspector den Weg zu dessen Zimmer zu weisen. Obwohl Primes über einen guten Orientierungssinn verfügte, der ihm schon aus so manch schwieriger Lage geholfen hatte, war er froh, Celeste an seiner Seite zu haben. Sie hatte sich eine der kleinen Öllampen genommen, mit der sie die langen Gänge einigermaßen ausleuchteten konnte. Besorgniserregend empfand er allerdings das Schweigen, das sie, während des ganzen Weges durch die endlosen Flure, nicht einmal brach.

Endlich erreichten sie sein Zimmer und Primes bat sie einen Moment herein, um die Begebenheit zu besprechen.

Er schenkte sich in einen Whisky ein und sagte: »Das ist schon eine recht merkwürdige Sache.«

Celeste nickte.

»Ich sehe das etwas differenzierter als mein Vater. Das Collier kann durchaus von jemandem gestohlen worden sein, der nicht zu den Bediensteten gehört«, erklärte sie ihm. »Von den Fenstern aus, ist der ganze Raum zu übersehen. Der Dieb kann ebensogut draußen gestanden haben, und sah, wie mein Vater das Collier aus der Schatulle nahm oder es gerade hineinlegte. Als sich niemand im Zimmer befand, verschaffte er sich Zugang und griff es sich, wenngleich die fehlenden Einbruchspuren nicht dazu passen.«

»Da kann ich nicht widersprechen«, pflichtete ihr Primes bei. Er sah den müden Ausdruck in ihrem Gesicht: »Sie sollten zu Bett gehen, Celly. Ich werde mich ebenfalls hinlegen.«

»Die freien Tage fangen nicht gerade gut an«, meinte sie noch, als sie schon im Türrahmen stand und erschöpft lächelte.

»Stimmt. Doch es muss ja nicht so bleiben.«

»Ich wünsche Ihnen eine Gute Nacht, Primes.«

»Ich Ihnen auch, Celly«, sagte er, als sie bereits die Tür ins Schloss zog und sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machte, das auf der anderen Seite des Ganges lag.

Primes gähnte, öffnete die verglasten schmalen Türen, die auf einen kleinen Balkon führten, trat hinaus und sah hinüber zum Meer.

»Merkwürdig«, murmelte er leise vor sich hin. »Das Verhalten seiner Lordschaft gefällt mir ganz und gar nicht ... diese Unruhe ... das viele trinken. Die Art, wie er mit Celly umgeht.«

Er fragte sich, ob der Mann krank war oder ihn etwas belastete, was er ihnen nicht ausgesprochen hatte?

Plötzlich, er wollte sich gerade eine Zigarette seiner geliebten ›Three Kings‹ anzünden, wurde er auf ein leises Geräusch aufmerksam. Die Nacht war hell, und er bemerkte eine Gestalt im Park, die sich langsam näherte. Ab und zu blieb sie hinter einem der vereinzelten Bäume stehen und beobachtete, wie es schien, das Herrenhaus.

Primes verharrte reglos. Er stand neben einem breiten, hohen Blumenständer aus Marmor, sodass er von unten nicht bemerkt werden konnte.

War es ein Mann oder eine Frau? Es war für ihn schwer festzustellen, da die Gestalt einen dunklen Mantel oder Umhang trug.

Die große Standuhr im Salon schlug elf mal. Ihr Klang wurde bis zu ihm in sein Zimmer getragen, wo sie aber nur noch gedämpft vernehmbar war.

Ein leichter Wind war aufgekommen und rauschte durch das alte und kahle Geäst hoher Bäume. Die Brandung der irischen See, war lediglich schwach zu vernehmen. Die dunkel gekleidete Gestalt befand sich bereits an der Mauer und schlich weiter. Gleich darauf bog sie um die Ecke.

Wer ist das nur?, fragte sich Primes. Ist das möglicherweise ein Komplize oder eine Komplizin des Täters?

Er entschloss sich auf der Stelle, in den Park zu gehen und sich die Person einmal aus der Nähe anzuschauen.

Eilig griff er nach seinen Mantel, verließ das Zimmer, betrat den Gang und huschte leise zur Treppe, die er geräuschlos hinuntereilte. Eine Minute später erreichte er die Halle.

Plötzlich hörte er ein Klirren und eine Tür knarrte.

Primes blieb stehen und lauschte.

Es war wieder still ...

... nicht das geringste Geräusch war zu vernehmen, als unerwartet etwas aus einer Nische auf ihn zusprang.

Er hörte ein Fauchen und schließlich ein Trippeln von Pfoten, die sich entfernten.

Eine Katze, schoss es ihm durch den Kopf und er lachte lautlos.

Zurück blieb ein Geruch nach Mottenkugeln und Kampfer.

Ohne sich weiter aufzuhalten, öffnete er die breite, schwere Haustür, deren Schlüssel steckte. Er schlüpfte hinaus, und zog sorgfältig die Tür hinter sich zu.

Da die Eingangstür von innen verschlossen gewesen war, konnte niemand von draußen in die Halle gelangt sein. Also ging er noch einmal hinein, holte den Schlüssel und schloss sorgfältig hinter sich ab, bevor er sich an der Hauswand entlang bis zur nächsten Ecke pirschte.

Von hier aus hatte er einen ausgezeichneten Blick über den Park.

Niemand war zu sehen.

Primes schlich weiter an der Mauer entlang, blieb immer wieder stehen und lauschte angestrengt in die Dunkelheit.

Nichts außer dem Nachtwind und dem Rauschen des Meeres war zu vernehmen.

Die Fenster des Erdgeschosses lagen gesichert hinter schmiedeeisernen Gittern, und soweit er sehen konnte, waren sie allesamt verschlossen.

Jetzt ging er auf exakt dem Weg, den die Gestalt im dunklen Mantel genommen hatte. Es schneite. Dennoch waren die frischen Fußstapfen noch gut zu erkennen. Er kam zu einem großen Tor, vom dem er wusste, dass dahinter mehrere Kutschen des Lords, in einem extra dafür gebauten Unterstand, ihren Platz hatten. Es war der Ort, an der die Bediensteten am späten Nachmittag den Landauer eingestellt hatten, mit dem Celeste und er angereist waren.

Das Tor war verschlossen, wie er schnell feststellte, als er versuchte es zu öffnen.

Eine kleine Tür rechts davon führte zum Herrenhaus. Auch diese Pforte war verschlossen. Er folgte weiter den Fußstapfen, die ab hier kaum noch erkennbar waren. Ein Vordach hielt den Schnee ab, sodass sich die Spur zunehmend verlor.

Langsam ging Primes weiter und gelangte auf eine Terrasse, welche an die französischen Türen der Bibliothek angrenzte, durch die man ebenfalls ins Anwesen gelangen konnte. Die Räumlichkeiten hinter den hohen Fenstern lagen im Dunkeln, da sich alle bereits zur Ruhe begeben hatten. Mit Ausnahme von ihm und dem ungebetenen Besucher.