Der Prager Kreis - Max Brod - ebook

Der Prager Kreis ebook

Max Brod

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Opis

Max Brod prägte den Begriff Prager Kreis für die Treffen mit seinen Schriftstellerkollegen und -freunden Oskar Baum, Felix Weltsch und Franz Kafka - später kam noch Ludwig Winder dazu. In seinem Erinnerungsbuch schreibt er nicht nur über diese Gruppe, sondern zieht größere Kreise, die alle wichtigen Prager deutschsprachigen Autoren umfassen. Es ist nicht zuletzt Max Brods Verdienst, dass die literarische Öffentlichkeit außer auf Kafka auch auf die anderen Prager deutschsprachigen Autoren blickt, auf diese kleine Welt innerhalb einer tschechischen Großstadt.

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Max Brod

Ausgewählte Werke

Herausgegeben von Hans-Gerd Koch

und Hans Dieter Zimmermann

in Zusammenarbeit mit Barbora Šramková

und Norbert Miller

Max Brod

Der Prager Kreis

Mit einem Vorwort von Peter Demetz

Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung Köln

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2016www.wallstein-verlag.deVom Verlag gesetzt aus Aldus RomanUmschlaggestaltung: Susanne Gerhards, DüsseldorfDruck und Verarbeitung: Hubert & Co, GöttingenISBN (Print) 978-3-8353-1795-6ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2908-9ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2909-6

Inhalt

Vorwort (Peter Demetz)

ERSTES KAPITELAhnensaalVersuch einer historischen Einordnung

ZWEITES KAPITELDie drittletzte Generation vor dem »engeren Prager Kreis«

DRITTES KAPITELDie beiden letzten Halbgenerationen vor der Zeit des »engeren Prager Kreises«

VIERTES KAPITELDer engere Kreis

FÜNFTES KAPITELDer weitere Kreis und seine Ausstrahlungen

Bibliographie

Nachwort (Steffen Höhne)

Editorische Notiz

Über den Autor

Register

Vorwort

Als Sechzehnjähriger strich ich fast jeden Tag durch die Prager Gassen, und da war eine in der Altstadt, abbröckelndes Gemäuer, Feuchtigkeit aufsteigend in alte Häuserwände, gewaltige schwarze Tore (so will mir heute scheinen), die sprach ganz besonders von der zerrissenen Vergangenheit der Stadt zu mir. Die tschechische Straßentafel besagte Husova Ulice (Hus-Gasse), die deutsche aber Dominikanergasse, und ich hatte die Wahl, entweder an Geist und Leiden des tschechischen Reformators zu denken oder an die philosophischen Verteidiger der einen und heiligen Kirche (»Typische Taferlpolitik«, meinte meine jüdische Großmama). Die ganze Stadt war, wie diese zwiespältige Straßentafel, eine Übung im Lesen der Vergangenheit, nur stand der Text nicht unveränderlich fest, und es kam ganz darauf an, woher man stammte und welcher Sprache man sich zu bedienen pflegte.

Prag war eine Stadt aus zwei oder drei Städten, das Muster ihrer Monumente war geprägt von tschechischen, jüdischen und österreichischen Traditionen oder gar ihren Mischungen, Doppelungen und Interferenzen; das Glück der einen war der Schrecken der anderen, und was die einen als Recht und Erfüllung rühmten, war den anderen Entrechtung und Rache. »Ganz Praha ist ein Goldnetz aus Gedichten«, diese Gedichtzeile Detlev von Liliencrons ging mir oft durch den Kopf, aber er war ja nur zu Besuch gekommen (natürlich: Hôtel Blauer Stern), und wer hier lebte, in der einen oder anderen Religionsgruppe oder Sprachgesellschaft, der kannte eher die Plätze der öffentlichen Hinrichtungen oder die Marterkeller, in denen die historischen Bewegungen endeten (begannen). Der Hradschin, mit der Kathedrale und den Königsgemächern; die Bethlehemskapelle, in welcher Hus gepredigt; der alte jüdische Friedhof mit den schiefen Grabsteinen; das Denkmal des Herzog Wenzel vor dem böhmischen Nationalmuseum, das alles war, je nach Glauben, Sprache und politischer Richtung des Betrachtenden, Zukunftsprogramm oder wehmütige Elegie, romantische Ballade oder scharfe Provokation. Es geschah leicht, daß Freunde oder gar Mitglieder einer Familie in der gleichen Stadt lebten und doch wieder nicht, denn jeder partikulären Perspektive hoben sich durch den Raster der besonderen Tradition bestimmte Gebäude, Straßenzüge, Gärten, Gotteshäuser und Monumente entgegen, die in der Erfahrung anderer fehlten (nur die Bahnhöfe und Straßenbahnen, die hatten alle gemeinsam). Mein jüdischer Onkel, der die tschechisch-nationale Národní Politika las und die Kinder in die tschechische Schule schickte, war Bürger einer anderen Stadt als mein deutscher Onkel, der die deutschnationale Bohemia las, oder gar mein jüdischer Onkel deutscher Zunge, der sich das liberale Prager Tagblatt zu Gemüte führte und die neue Wagner-Aufführung in der deutschen Oper rühmte, anstatt endlich eine Eintrittskarte ins tschechische Nationaltheater zu kaufen, um sich dort Smetanas Prodaná Nevěsta anzuhören. Die Glaswände gingen mitten durch die Sippen und Familien; und wenn der Národní Politika-Onkel sonntags auf den Wyschehrad spazieren ging, erfüllte er eine slawisch nationale Wallfahrtspflicht, während der Prager Tagblatt-Onkel auf dem gleichen Hügel über der Moldau, wo sich der Sage nach die ersten Tschechenfürsten niedergelassen, nur seine Virginia rauchte und keinerlei politischen Gefühlen nachhing.

Die deutsche Literatur dieser Stadt, geschrieben von vielen jüdischen Schriftstellern und wenigen Prager Deutschen, war ein widersprüchliches und flüchtiges Phänomen der intellektuellen Geschichte, in dem sich Aufbruch und Enge, Energie und Niedergang zu merkwürdigen Texten verknüpften. In den vier oder fünf Jahrzehnten vor der Verfassung von 1849 war die deutsche Literatur in Prag ganz und gar provinziell. Goethe, kein Prager, schrieb das allerschönste Prager Gedicht »St. Nepomuks Vorabend«, aber sobald die erste Generation der durch die Verfassung emanzipierten Juden aus den Provinzghettos in die bömische Hauptstadt und ihre Bildungsstätten, Bibliotheken, Zeitungen und politischen Clubs drängte und sich für literarische Arbeit in tschechischer oder deutscher Sprache entschied (oder gar für beide, wie Siegfried Kapper), war es mit der Biedermeier-Provinz zu Ende; ihre kritische Intelligenz erprobte sich in liberaler Weltlichkeit und in der Assimilation an die Traditionen der tschechischen Aufklärung oder der deutschen klassischen Poesie. Die Entscheidungen waren weder einfach noch vorgegeben; der tschechische Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts war nicht weniger massiv als der deutsche, und wenn die tschechischen Arbeiter dem jüdischen Kaufmann in der kleinen Landstadt die Fenster einschlugen, wie es meinem Großvater mütterlicherseits und vielen andern geschah, zog der jüdische Kaufmann in die liberalere Hauptstadt, setzte seine Geschäfte im großen fort und war dem Kaiser Franz Joseph für Ruhe und Ordnung dankbar (später übertrugen die schreibenden Söhne dieser Kaufleute ihre Verehrung auf den Philosophen T. G. Masaryk, den Präsidenten und Landesvater der Republik). Fünfzig Jahre lang, zwischen 1890 und 1939, konstituierte die Prager deutsche Literatur eine Versammlung paradoxer Talente und unerhörter Geheimnisse, und doch geschah das alles wie auf einer dahinschmelzenden Eisscholle, welche die Schriftsteller deutscher Sprache auf eine immer geringere Fläche zusammendrängte. Viele der Begabtesten, Hadwiger, Rilke, Werfel, flüchteten in die Ferne und Weite Deutschlands, sobald sie die Enge fühlten, und selbst Franz Kafka, den Bodenständigen, trieb es nach Berlin, wie vor ihm Karl Kautsky, der auch nicht weit von der Prager Theinkirche zur Welt kam. Berlin war die lockende Alternative, und nur wenn einer aus dem ländlichen Mähren kam, suchte er sein Autorenglück, wie Alma Mahler, in Wien.

Max Brod war wie kein anderer dazu berufen, die Geschichte der Prager deutschen Literatur zu schreiben, denn sein Leben und seine Produktivität waren ihrem Aufschwung und ihrem bitteren Ende mit allen Nerven verbunden; und als man im volksdemokratischen Böhmen wieder öffentlich über den Prager Kreis nachzudenken wagte, sprach er als Nestor jener versunkenen Epoche, und seine Worte kamen wie aus einer anderen Zeit. Max Brod entstammte, wie viele andere Prager Schriftsteller, einer gutbürgerlichen Beamtenfamilie und studierte, wie sein Freund Kafka, Rechtswissenschaften an der Prager deutschen Universität, um sich für einen »Brotberuf« vorzubereiten, wie man damals sagte (möglichst mit »einfacher Frequenz«, d. h. mit Büroschluß am frühen Nachmittag, um den noch unverbrauchten Rest des Tages der Lektüre, der literarischen Arbeit, der Musik und dem kritischen Gespräch zu widmen). Während er beim Landesgericht hospitierte und zwölf Jahre lang in der Personalabteilung der Prager Postdirektion amtierte, erschienen seine bedeutendsten Essays, Gedichte und Romane. In den Umsturzjahren zählte er zu den Mitbegründern des Jüdischen Nationalrates in Prag, und die neue Republik berief ihn bald in das Pressedepartment des Ministerratspräsidiums und ehrte ihn durch den Staatspreis (1931). Aber es hielt ihn nicht lange im Staatsdienst. Schon in den frühen zwanziger Jahren wechselte er in die Redaktion des berühmten Prager Tagblattes, wo er über Theater, Musik und Literatur schrieb, im lebendigsten Kontakt mit seinen Freunden im tschechischen Literatur- und Musikleben Prags. Er verließ die Stadt im letzten Zug vor dem Einmarsch der Wehrmacht (dem eigentlichen Ende der Prager deutschen Literatur) und kehrte, wie er betonte, nach Israel heim, wo er rasch einen bedeutenden Wirkungskreis als künstlerischer Berater der Habimah Theatergruppe fand, die in ihren Anfängen bis in die Jahre der russischen Revolution zurückging. Max Brod arbeitete zehn Jahre lang an seinen philosophischen Studien, ehe er wieder, wie in einer erneuten Jugend, in Israel, in der Schweiz und in der Bundesrepublik philosophische Essays und historische Romane zu publizieren begann, auf ausgedehnten Vortragsreisen in Europa alte und neue Freunde besuchte und wohlverdiente Ehrungen entgegennahm – und nicht nur als Freund, Entdecker und Verteidiger Franz Kafkas.

Dieser Spätzeit entstammt, in engem Zusammenhang mit seiner Autobiographie Streitbares Leben (1960), das Buch über den Prager Kreis (1966), und was uns Brod darin an Erinnerungen, panoramatischen Ansichten, Porträts und Geschichten eröffnet, hat nichts an polemischer Überzeugungskraft und kritischem Engagement verloren. Es ist erlebte Literaturgeschichte, nicht unpersönliche Chronik; selbst die einführenden Abschnitte über Alfred Meissner und Karl Postl-Sealsfield sind eher Bekenntnisse zu wichtigen Vorbildern als distanzierte Bildnisse ferner Gestalten. Merkwürdig, daß unter den Vorbildern und Vorgängern Leopold Kompert fehlt, der in seinen böhmischen Ghettogeschichten lange vor den Zionisten für die Rückkehr des Judentums zu Handwerk und Scholle plädierte – aber sonst fehlt hier keiner der Prager und der Böhmen, und Max Brod scheut sich durchaus nicht, überraschend Kritisches locker und frei auszusprechen (der arme Egon Erwin Kisch kommt nicht gut weg, gar nicht zu reden von den allzu lärmenden Expressionisten). Brod und seine Freunde Kafka, Weltsch, der blinde Oskar Baum und später der talentierte Ludwig Winder, bilden den Kreis in der Mitte des Lebensberichtes, aber darum fügen sich, Kreis um Kreis, Gustav Meyrink und die Seinen im Café Continental, das deutsch-tschechische Philosophenkränzchen im Ingenieur-Café, Johannes Urzidil und seine Kollegen im Café Arco oder Zugereiste wie der talentierte Friedrich Torberg, der im wahrsten Sinne des Wortes in einem der Prager Schwimmbäder (die Prager sagten: Schwimmschulen) auftaucht. Der Prager Kreis ist einer der vielen Kreise, die alle ineinander übergriffen und selbst durch diesen oder jenen Café-Stammtisch nicht ganz definiert waren denn die Prager Schriftsteller waren (in einigem Gegensatz zu ihren Wiener oder Berliner Kollegen) leidenschaftliche Spaziergänger; der allabendliche Gang vom Pulverturm, durch die Zeltnergasse in die Altstadt und von dort über die Karlsbrücke, unter den flimmernden Sternen, hinauf durch die winkeligen Gassen der Kleinseite bis zum Schloß, das war für Kafka und seine Freunde, auch die weniger berühmten, schöne Gewohnheit, peripatetisches Glück, Lebensnotwendigkeit. Walter Benjamin hätte seine Freude an diesen Prager Flaneuren gehabt.

Max Brods intime Erinnerungen an die drei Altersstufen der Prager deutschen Literatur – die Klassizisten (Friedrich Adler), die Dekadenten (Paul Leppin) und die ›Neo-Realisten‹ der eigenen Generation – richtet ihre offene und verborgene Polemik gegen die Meinung, viele Prager Schriftsteller wären dem einstigen Ghetto gar nicht entflohen oder sie hätten, wie es der tschechische Literaturkritiker Pavel Eisner einmal formulierte, durch Religiosität, Sprache und bürgerliche Klassenzugehörigkeit ein »dreifaches Ghetto« gebildet, tragisch abgeschlossen in ihrer Enge von der energischen Entfaltung der politischen Energie, welche die Erneuerung des alten böhmischen Staatswesens in der neuen Republik zu verwirklichen suchte – also Düsteres, nichts Helles; Niedergang, nicht Erneuerung; Trauer, nicht Zukunftsträchtigkeit. Nicht einfach, in diesem ältesten aller Argumente über die Prager deutsche Literatur in dem auch Pavel Eisner eher beschreiben als werten will, die soziologischen Prämissen von der Selbstinterpretation der Prager zu trennen. Ohne Zweifel: sie waren alle Bürgersöhne, denn das Prager Proletariat war tschechisch, und es war charakteristisch für die linguistisch-soziologische Situation, daß Fritz Mauthner, allerdings ein jüdischer Deutschnationaler reinsten Wassers, fast weinte, als er Prag verließ und zum ersten Male an der böhmischen Grenze einen regionalen Dialekt hörte, vom deutschen »Volke« gesprochen, und nicht nur das korrekte Schul- und Papierdeutsch der Prager Oberschicht (allerdings mit Einschüben slawischer Lautbildung). Die »Sprachinsel« war nicht nur ein amtlicher Begriff, und selbst Max Brods frühe Romane verraten viel von der instinktiven Bemühung, der »Insel« zu entfliehen, und wär‘s nicht anderswohin als in die Umarmung einer tschechischen Plebejerin, die dem fiktiven Helden, aber nicht nur ihm, die Erlösung im »Volke«, im Großen, im Allgemeinen bedeutete. Diesem fiktiven Motiv der »erotischen Symbiose« entspricht die Mittlerfunktion der Prager deutschen Literatur, entsprechen Max Brods Entdeckung des guten Soldaten Schwejk und seine Übertragungen der Janáček-Opernlibretti ins Deutsche, die erst den Weltruhm dieses Musikers begründeten, Franz Werfels Übersetzungen des Hymnikers Březina und Otto Picks und Rudolf Fuchs‘ lebenslange Bemühungen, die tschechische Lyrik ins Deutsche zu übertragen. In diesem Akt der Grenzüberschreitung sind die ererbten Beschränkungen der Prager deutschen Literatur, wenn es welche waren, bestätigt und aufgehoben zugleich.

Peter Demetz

ERSTES KAPITELAhnensaal

Versuch einer historischen Einordnung

Man spricht seit einiger Zeit viel von einer »Prager Schule«. Ich finde diesen Begriff nicht recht zutreffend. Denn zu einer Schule gehört doch wohl ein Lehrer und auch so etwas wie ein Schulprogramm. Wir hatten weder den einen noch das andere. Ich habe daher absichtlich eine Bezeichnung gewählt, die lockerer, schwankender, verschwimmender ist. Ich spreche lieber von einem »Prager Kreis«.

Die zeitliche Ausdehnung dieses Kreises ist schwer zu bestimmen, ebenso wie sich die quasi-räumliche Ausdehnung der Gruppe, der Personenstand, den sie umfaßte, der exakten Abgrenzung zu entziehen scheint.

Man kann füglich bis 1830 zurückgehen, dem Jahr, in dem Marie von Ebner-Eschenbach geboren wurde. Ihr Vater war der Baron Franz Dubsky, der noch gegen Napoleon gekämpft hat. Geboren wurde sie auf Schloß Zdislavic bei Ungarisch-Hradisch in Mähren. Dubsky, Zdislavic – slawische Namen. Und der Prager Kreis steht plötzlich seiner Ahnenschaft nach als böhmisch-mährisch-österreichischer im Licht der Historie. – Marie wird, da die Mutter sehr bald stirbt, nachdem sie ihr das Leben gegeben hat, von der Amme Anitschka und der Bäuerin Pepinka gepflegt. Im tschechischen Milieu aufgewachsen, beherrscht die Dichterin, die immer nur in deutscher Sprache schreibt, doch auch das Tschechische durchaus. Es ist kein Zufall, daß der repräsentative Roman dieser tapferen Adeligen Božena heißt, von einer starkgemuten Dienstmagd handelt und in einem Geständnis vor aller Öffentlichkeit kulminiert, wie es bei Tolstoi oder in Ostrowskis Gewitter (Katja Kabanová) vorkommt. – Das zweite Meisterwerk der Ebner-Eschenbach, Das Gemeindekind, handelt von Pavel, dem Kind des proletarischen Mörders Holub und seiner Frau Barbara, dem Bruder der ins Kloster gesperrten Milada. – Es wirkt wie eine ins Tschechisch-Mährische übersetzte Macht der Finsternis. Die Finsternis über dem armen Bauernland. – Pavel ist die tschechische Form von »Paul«, »holub« heißt im Tschechischen die Taube. Schon in den Namen verdichtet sich die slawische Welt. Und mehr als das. Die Ebner-Eschenbach, achtzigjährig, schreibt: »Daß Tolstoi gelebt hat, ist ein Ehrentitel für die ganze Menschheit.« Und über Tolstois Zwei Greise (die Erzählung, die Kafka aufs innigste geliebt und mir wundervoll vorgelesen hat): »Über alle Beschreibung schön. Man kann vor lauter Bewunderung traurig werden, süß und angenehm traurig.« – So dicht ist diese deutsche Erzählerin mit dem breiten, guten, mütterlichen, slawischen Gesicht, eine der bedeutendsten Künstlerinnen der alten habsburgischen Monarchie, von slawischen Einflüssen umspielt. Es scheint, daß dies auf uns alle nachgewirkt hat, obwohl (beispielsweise) ich ihre beiden obengenannten hochrealistischen Bücher nur in frühester Jugend gelesen und fast ganz vergessen habe. Erst jetzt habe ich sie wieder durchgeblättert und war überrascht. Aber Beeinflussungen pflanzen sich ja auch indirekt, atmosphärisch, nicht bloß im Wachbewußtsein fort. »In früheren Zeiten«, heißt es im »konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich’s schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, daß der Teller seines Nachbarn leer war. Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden.« – Josef Mühlberger, der 1930 eine tieflotende Studie über die Ebner-Eschenbach veröffentlicht hat (Verlag der Literarischen Adalbert Stifter-Gesellschaft in Eger), findet in solchen und ähnlichen Stellen eine Parallele zu meinem Werk. Er schreibt: »Besessenheit bleibt (sc. in den Romanen der Ebner-Eschenbach) außerhalb der Diskussion; Trägheit des Herzens muß überwunden werden, sonst ist der Mensch sündhaft und schuldig. Erhellend mag hier auf Brods Trennung von edlem und unedlem Unglück in der Welt (sc. unbehebbarem und behebbarem Leid) hingewiesen werden.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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