Der letzte Henker - Klaus Behling - ebook

Der letzte Henker ebook

Klaus Behling

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Opis

»Thomas, die DDR hat nicht so viele Devisen …« »In-te-res-siert mich nicht! Wenn ihr anständige Arbeit haben wollt, müsst ihr auch anständig zahlen. Ich trage doch das Risiko. Du sitzt gemütlich hinter deiner Mauer. Da kommt keiner rein oder raus, den ihr nicht haben oder loswerden wollt.« Herbert Bredemann ist Führungsoffizier in der Hauptverwaltung Aufklärung. Gemeinsam mit Thomas Pruske, seinem Kontaktmann in Westberlin, organisiert er alles, was in der DDR nicht zu haben ist. Allmählich entdeckt Bredemann die Vielzahl an Möglichkeiten, die seine Arbeit mit sich bringt. Dass er dabei den einen oder anderen Schein einsteckt, kann doch nicht so schlimm sein. Was er nicht ahnt: Die Volkspolizei ist ihm längst auf den Fersen … Spannend und raffiniert erzählt Bestsellerautor Klaus Behling, zuletzt »Licht ins Dunkel. Zwanzig schicksalhafte Geheimdienstaktionen aus Ost und West« (2012), aus dem Leben eines NVA-Offiziers, der auf seinen Handelsreisen zwischen Ost und West vom Weg abgekommen ist. Ein Agententhriller, der vom großen Erfahrungsschatz seines Autors lebt und uns an strenggeheimen deutsch-deutschen Devisengeschäften teilhaben lässt - in einer Zeit, als der die politische Lage noch vom Kalten Krieg bestimmt war und man sich in beiden Teilen Deutschlands als Klassenfeinde betrachtete.

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Klaus Behling

Ein Berlin-Krimi im Schatten der Mauer

Bild und Heimat

eISBN 978-3-86789-483-8

1. Auflage

© 2014 by BEBUG mbH / Bild und Heimat, Berlin

Umschlaggestaltung: BEBUG mbH

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

BEBUG mbH / Verlag Bild und Heimat

Alexanderstr. 1

10178 Berlin

Tel. 030 / 206 109 – 0

www.bild-und-heimat.de

Eins

»Westkacke.«

Teddy King nickt.

»Teddy, det ist orijinal Westkacke.«

Der Wartburg singt mit hohem Ton durch die Rieselfelder zwischen Buch und Schönerlinde bei Berlin.

* * *

Eigentlich wohnen die beiden jungen Männer nur ein paar Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Teddy King, der Schlagersänger und Wahlberliner in Charlottenburg und Rolf Berger, der Autoschlosser und Urberliner in Lichtenberg.

Doch zwischen den Stadtteilen steht die Mauer. Sie lässt das, was bei einem gegenseitigen Besuch eigentlich nicht mehr als ein kräftiger Fußmarsch wäre, zu Expeditionen in unbekannte Welten werden.

Da kann man sich nur vorsichtig vorantasten.

* * *

Natürlich ist Teddy der Gestank längst in die Nase gekrochen.

Zuerst dachte er ja, die Karre stinkt so. Die Autos hier im Osten stinken doch alle so komisch. Aber das kann man natürlich wieder mal nicht sagen.

Dabei ist Rolf so stolz auf seine Kiste. Er sagt Wagen dazu. Mein Wagen, da ich fahr dich mit dem Wagen hin.

Dafür ist Teddy ja dankbar, auch wenn dieser Wartburg so komisch hohl klingt. Aber wie soll er sonst nach Mühlenbeck kommen.

Mit seinem Westpass dürfte er hier eigentlich gar nicht sein. Herbert Höller steht drin, Künstlername Teddy King.

»Ist ja gut, Rolli, ich dachte schon … Stecken wir uns eben eine an.«

Teddy hält dem Fahrer eine orange-gelbe Schachtel Ernte 23 hin.

»Wie weit ist das denn noch bis in dieses geheimnisvolle Mühlenbeck?«

»Halbe Stunde. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Du hast doch den Flebben.«

Teddy fühlt das Papier in der Brusttasche seiner Levis-Jacke knistern.

Alles ganz legal. »Der Bürger der BRD, Herbert Höller, ist berechtigt, die Stadtgrenze Berlins, Hauptstadt der DDR, zu überschreiten. Vorgesehene Fahrstrecke: F2, F96 Richtung Norden.«

Ganz formlos ging das. Er solle die Bescheinigung einfach vorzeigen, wenn am Stadtrand kontrolliert würde, hatten sie bei der Konzert- und Gastspieldirektion gesagt.

Aber der Russe in seiner Bretterbude an der alten Mühle bei Lindenberg war längst abgezogen und an die Volkspolizisten erinnerte nur noch der offene Schlagbaum. Die Ostberliner Außengrenzen wurden schon längst nicht mehr kontrolliert.

Trotzdem sagten die Berliner »Ich fahr in die DDR«, wenn es ins Umland ging. Später blieb da dann nur noch »die Republik« übrig. »Ich fahr in die Republik.«

»Eigentlich logisch.«

»Was ist logisch?«

Teddy dreht sich zu Rolf. »Ich überlege gerade, weshalb ihr immer bloß von der ›Republik‹ sprecht, wenn ihr eure DDR meint. Aber ist ja logisch, deutsch wollt ihr nicht sein, na, und demokratisch seid ihr ja nun auch nicht gerade.«

Teddy kichert.

»Quatsch, da brauchst du nicht so blöd zu lachen. Das ist wirklich Künstlergefasel. Wir sind doch sozialistisch, eine sozialistische deutsche Nation. Und dann werden wir kommunistisch. Und ihr seid kapitalistisch. Da kommt eins nach dem anderen. Auf kapitalistisch folgt sozialistisch und dann kommt kommunistisch.«

»Da müsst ihr euch dann wohl jedes Mal umbenennen: Deutsche Sozialistische Republik. So wie die Tschechen. Den Sozialismus dort habe ich gesehen! Neulich, bei meinem Konzert in Brünn.«

»Das heißt Brno.«

»Wie heißt das?«

»Brno.«

»Klingt ja, als ob du hier einen fahren lässt. Kein Wunder, dass das ganze Auto stinkt.«

»Quatsch. Das heißt Brno, weil wir keine Revanchisten sind. Wir wollen da nichts wiederhaben. Ihr seid Revanchisten.«

»Wieso, ich will diese Stadt, die wie Pupen klingt, auch nicht wiederhaben. Außerdem: Was ist mit Prag und Warschau? Das wollt ihr wohl haben, da sagt ihr ja auch nicht Praha und Warszawa.«

»Das ist doch was ganz anderes. Ich habe die Typen bei euch doch selbst im Fernsehen gesehen. Pfingsten. Beim Sudetentag. Euer Kriegsminister Strauß, und diese Egerländer Musikanten!«

»Hör mir auf, das ist schon Konkurrenz genug.«

»Das ist doch keine Konkurrenz für dich, Teddy, bei deinem Sound.«

»Na ja …«

»Na los, schieb mal eine ein.«

Teddy King nestelt eine Sony-Kassette aus der Tasche und langt nach seinem Kofferradio auf der Rückbank.

»Ich hab zu Hause ’n Kassettenspieler im Auto.«

»Ich nich.« Rolf Berger schnippt sich eine Duett in den Mundwinkel. »Aba lange Zigaretten haben wir auch, wisste? War ’n Geschenk zum zwanßichsten Jahrestag vonne Republik, sechs Mark.«

Teddy brennt sich eine Zigarette an. »So schmeckt sie auch. Aber für eins fünfzig geht sie.«

»Wieso eins fünfzig?«

»Na, eins zu vier, weißt du doch.«

»Haste och wieda recht.«

Die Männer rauchen.

»Deswegen kriegst du ja die Gage für deine Auftritte auch in Naturalien.«

»Genau. Ihr habt ja keine Devisen.«

»Wenn ich im Westen wäre, würde ich lieber Technik nehmen. Das da in deinem Radio ist doch sozusagen ein komplettes Tonband. Ich meine, das ist da einfach so mit drin.«

Teddy hustet. »Klar, und die beiden Spulen sind in der Kassette.«

»Und das looft neunzig Minuten?«

»Die grünen neunzig, die roten sechzig Minuten.«

»Wat die Japaner alles so erfinden. Bei uns gibt es das nicht. Inne Zeitung stand, von Orwo sollen bald Kassetten kommen. Kosten aber übern Pfund.«

»Erfunden haben das die Holländer. Philips.«

»Und die Japaner machen die Kohle damit. Das is ebent typischer Kapitalismus. Wie ich vorhin gesagt habe.«

»Komm, nun hör mal auf mit agitieren. Du und der Sozialismus. Jetzt wollt ihr ja sogar schon eine eigene Nation sein! Das ich nicht lache. Wir sind eine Nation, wir Deutsche. Hier, hör mal, das war neulich im Friedrichstadtpalast. Eine Sprache, ein Geschmack, alles eins!«

Der hohe Ton des Zweitakters mischt sich mit einer schnulzigen Orgel: »Wuenn dör Silvermuun, auuf die Reise geht, ja dann denke isch an disch zuurüüück …«

Rolf Berger ist begeistert.

»Echt Klasse Sound.«

Teddy King dreht geschmeichelt den Hals.

»Teddy, du bist eben ein Star!«

Herbert Höller nickt. Wenn du wüsstest … Was hatte er alles versucht. Einmal Dieter-Thomas Heck, »ZDF Hitparade«. Das war alles, was da herausgekommen ist. Seit den Beatles und den Stones wollte doch kein Mensch mehr so was hören. Okay, Chris Roberts vielleicht, »Die Maschen der Mädchen«. Solche Stimmungsknaller, aber dann hört es doch schon auf. Für echte Problemschlager ist doch heutzutage gar kein Platz mehr!

Der Gast aus dem Westen wendet sich wieder seinem Freund aus dem Osten zu.

»Rolli, das ist alles harte Arbeit. Bei uns, da musst du Beziehungen haben, da wird geschmiert … Wir im Westen kriegen auch nichts geschenkt.«

»Glob ick nicht. Du bist doch ganz oben. Und hier erst. Bei ›Da lacht der Bär‹ warste dabei, jetzt beim ›Kessel Buntes‹ wieda Stargast. Du kannst doch nicht klagen!«

»Jaaa …«

Die Kassette zerrt. Der Rhythmus jault: »Brauner Bär, umba, umba, war ein junger, In-di-aner, mit roter Haut …«

»Mensch, das ist doch Musik. Rolf Berger wippt mit dem ganzen Oberkörper.«

»Anschnallen ist wohl bei euch nicht?«

»Nö. Wir fahren aufmerksam und rücksichtsvoll. Paragraph eins.«

»Und wenn du bremst, fliegst du durch die Scheibe!«

»Quatsch. Der Wagen bremst nicht so doll!«

Teddy zieht sich erschrocken im Sitz zusammen und blinzelt aufn Tacho. Nur knapp siebzig. Das entspannt ihn ein wenig.

Der Wartburg fährt wie durch einen Tunnel. Immer wieder gießt die Sonne goldene Flecken über das Auto. Rolf kneift die Augen zusammen.

»Gibt es bei euch auch solche Alleen?«

»Ganz wenig. Ist nicht autogerecht, du weißt doch, freie Fahrt für freie Bürger.«

»Gibt’s bei uns och. Ich bin neulich mit meinem Wagen mit Hundertzwanzig durchgezogen. Auffe Autobahn. Und da war ick noch nicht ma mit ’n Jas aufn Bodenbrett.«

»Hundertzwanzig … Erwischen lassen darfst du dich da aber auch nicht! Uns holen sie ja schon bei hundertzwei raus, und dann heißt es Zahlemann und Söhne. Natürlich in West.«

»Ehrlich?«

»Ehrlich, ist bei euch in der Planwirtschaft so drin. Die wissen genau, wir brauchen jetzt mal, sagen wir, hundertfünfzigtausend für Ersatzteile in Leuna und denn geht das los. Die Genossen schwärmen aus, paar Tage, dann ist die Kohle drin, und denn kauft einer ein – im Westen.«

»Glaub ich nicht!«

»Rolli, das kannst du glauben. Ich kenn so einen Typen drüben. Büro im Europacenter, Dreihunderter Mercedes, alles vom Feinsten – Pruske heißt der. Thomas Pruske.«

»Kriegt der auch Antiquitäten aus der Zone, so wie du.«

»Der kriegt alles. Und der besorgt alles. Gold, diese neuen Mikroschnipsel, alles, was du dir bloß denken kannst.«

Teddys Quetschstimme vom Band erzählt derweil die Geschichte vom alten Häuptling der Indianer. »Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf, uff …«

»Teddy …«

»Hm …«

»Verscheuerst du das Zeug weiter?«

»Nö.«

»Aber du könntest das weiter verscheuern.«

»Bei uns kann man alles verkaufen. Aber das wäre doch schade um die schönen Sachen. Außerdem ist das doch meine Gage. Hier im Osten.«

»Wat denn, du kriegst gar kein Geld?«

»Könnte ich haben. Aber eben nur in Ost. Was soll ich damit.«

Wir wollen unserem DDR-Publikum internationale Stars bieten, hatten sie bei der Konzert- und Gastspielagentur gesagt. Internationale Stars, hatten die gesagt!

Teddy King, ein internationaler Star. Okay, das in Frankreich war ein Vergnügungspark und in Holland eine Schiffstaufe. Und international heißt ja nicht immer nur Grand Prix. Ausland ist international. So gesehen, war auch »Da lacht der Bär« international.

»Rolli, ist dir überhaupt schon mal aufgefallen, was ihr für komische Namen habt?«

»Wieso?«

»Na, Mensch, ›Da lacht der Bär‹ – für so was mussten wir vor ein paar Jahren noch nach Dänemark fahren!«

Teddy haut sich auf die Schenkel.

»Versteh ich nicht.«

»Rolli, Mensch, Dänemark, da lacht der Bär!«

»Mit Heinz Quermann?«

»Heinz Quermann …« Teddy rollt eine Lachträne über die Wange, »Quer, Rolli, das sind die Japanerinnen … Die ham se quer …«

Rolf Berger ist sauer.

Teddy kennt eben die Welt, ist eben aus dem Westen, da kann er ihn leicht verscheißern. Was Heinz Quermann mit den Japanerinnen zu tun hat, weiß er nun wirklich nicht. Der ist doch gar nicht in der Partei, dann darf der da auch nicht hin …«

»Teddy, du bist ein Spinner. Das ist auch wieder typisch für euch von drüben. Wir unterhalten uns übers Geld, und plötzlich erzählst du von japanischen Bären und solchem Scheiß …«

»Quatsch, Rolli. Du bist doch mein Freund. Das ist ein ganz einfacher Deal: Wir aus dem Westen treten hier bei euch auf und statt Geld gibt es eben was Wertvolles in Naturalien.«

»Und was so?«

»Na, ein paar Meißner Tassen, damit fängt das an. Oder eben ’ne schöne Kommode oder so. Ich meine, die ganz gro… Ich meine, die Kollegen, die Beziehungen haben, die schleppen auch schon mal ’nen Oldtimer rüber …«

Mühlenbeck zwei Kilometer. Das gelbe Schild huscht vorbei.

»Und so was gibt es hier in Mühlenbeck?«

»Ich war auch noch nicht da. Soll so eine Art Verkaufsshop sein. So ein Intershop für Antiquitäten.«

»Tatsache?«

»Wir werden ja sehen.«

»Du Teddy?«

»Hm …«

»Du interessierst dich für das Zeug, nich?«

»Hm …«

»Und das kann man bei euch verkaufen?«

»Hm …«

»Nun sag doch mal was!«

»Was soll ich sagen. Ich habe doch gesagt, ich verkaufe nicht.«

»Aber du könntest …«

»Im Westen kann man alles verkaufen, wenn man die richtigen Leute kennt. Zum Beispiel diesen Pruske. Der verkauft dir alles.«

»Auch wenn ich was hätte?«

»Du hast Antiquitäten, Rolli?«

»Nicht direkt …»

»Du, aber nicht diese Wagenräder und diesen Nostalgiemist.«

»Nee, nee, wie soll ich sagen … Das ist mehr so von früher, noch von Adolf.«

Der Wartburg stoppt vor einem Gittertor. Ein Wächterhäuschen steht daneben.

»Fahrn se beiseite!«

»Das ist Teddy King!«

»Herr Höller ist avisiert. Sie können im Wagen warten.«

»Mensch Teddy, ich dachte …«

»Tut mir leid, Rolli, ich beeil mich.«

Als die Tür des Wartburgs mit Riesenkrach ins Schloss fliegt, zuckt Teddy King unwillkürlich zusammen.

Dann verschwindet er auf dem weitläufigen Gelände.

Zwei

Erzählen konnte der Alte, das musste man ihm lassen. Wenn sich Rolf Berger an seinen Vater erinnert, steigen ihm meist die Tränen in die Augen.

So ist das eben: Wenn man könnte, tut man es nicht und irgendwann ist es dann zu spät!

Wie oft ist ihm der Alte mit seinen Erzählungen von ’45 auf die Nerven gegangen! Das war immer wieder dasselbe.

Eigentlich wollte Rolf Berger seinem Vater jedes Mal nur nette Worte sagen, wenn er zu den ein, zwei Besuchen im Jahr bei ihm in Fürstenberg erschien. Aber dann kamen wieder diese Geschichten.

Tausend Mal gehört, immer mit den gleichen Schnörkeln, deren Wahrheitsgehalt ohnehin fragwürdig war. Immer ätzender: »Ich beim Reichsmarschall in Carinhall« hieß die Dauerserie.

Der Alte hatte in den letzten Kriegswochen in der Schorfheide Wache geschoben. War ein Druckposten. Keine Bomben, keine bleihaltige Luft. Stattdessen Wälder und Seen.

Und dann diese Scheißgeschichte von Klein-Rolli, der irgendwann mal mit Kacke geknetet hatte. Vier oder fünf war er da und kurz nach dem Krieg gab es ja kaum Spielsachen. Da war ihm was aus der Hose gefallen, was er dann auf dem Teppich fand und angeblich zu einem Osterhasen verarbeitete. Sah ja auch fast so aus wie Schokolade.

Das war natürlich Quatsch mit dem Osterhasen. Einen Würfel hatte Rolf gemacht. Zu mehr reichte ja auch gar nicht das Material. Aber der Alte wusste es eben besser, und im Laufe der Jahrzehnte gehörte die Geschichte zum kulturellen Familienerbe.

Und da sollte man nicht sauer werden, wenn immer wieder der gleiche Mist erzählt wurde!

* * *

Besonders »gut« kamen solche Storys, als Rolf damals mit siebzehn seine erste Freundin in Fürstenwalde vorstellte! Das war kurz nach dem Mauerbau in Berlin.

Rolf hatte sowieso nur Probleme. Ins Kino kam er nicht mehr, wegen seiner Elvis-Tolle wurde er dauern angemotzt, die Brisk-Frisiercreme wurde auch langsam knapp. Das war eine Scheißzeit.

»Entenarsch« nannte der Alte seine Frisur. Okay, Ente wäre in Ordnung gewesen, aber »Entenarsch«! Die Haare nach hinten, parallel zu den Ohren und am Hinterkopf dann eine richtige Kimme – so sollte es sein. Nicht diese blöde Fasson, die der Alte wollte. »Streichholzlang!« Wie beim Kommiss.

Nein, da musste Brisk rein. Dafür gab es im Osten keinen Ersatz! Natürlich gehörte auch der Stielkamm in die hintere Tasche der Hose. Und der musste so lang sein, dass er drei Zentimeter herausguckte.

Jedenfalls erzählte der Alte die Kacke-Kneterei wieder mal, als Barbara das erste Mal da war. Ein Rasseweib. Rolf war total verliebt in sie. Natürlich war da noch nichts, aber allein der Geruch!

Barbara nahm damals schon diese neuen Deo-Stifte, ké. In so einer goldigen Hülse. Wenn es dann ein bisschen wärmer wurde, entfalteten die Dinger eine Duftwolke, die Rolf die Hose eng werden ließ. Natürlich klebte das dann alles unterm Arm. Damals waren da ja noch Haare – gibt es inzwischen gar nicht mehr.

Rolf hätte schon gern mal seinen Vater gefragt, wie das vorm Krieg bei ihm war. Mit den Mädchen und so.

Aber das ging ja nun nicht mehr. Auf dem Friedhof gibt es keine Antworten mehr.

Er war aber auch selber schuld, dass es zum Schluss gar nicht mehr so gut lief zwischen den beiden.

Obwohl, recht behalten hat er! Wahrscheinlich stimmte auch die Sache mit dem Gold.

* * *

Göring, also der Reichsmarschall, war ja ganz verrückt auf seine Kunstschätze in Carinhall. Da durfte nichts passieren. Deshalb hat er sogar ein Tarn-Carinhall für die britischen und amerikanischen Bomber ein paar Kilometer weiter nördlich bauen lassen.

Vater kannte einen von der Pionier-Kompanie, die da lag. Das ganze war genau in den Abmaßen des echten Waldhofs, aber bestand eben nur aus ein paar Balken, Planen und Tarnnetzen.

Wenn es Luftalarm für Berlin gab, funzelten die Pi-Leute ein bisschen mit Licht rum. Gerade so, als hätte jemand die Verdunklung nicht gründlich genug gemacht.

Jedenfalls wurde da nie bombardiert. Und auch das richtige Carinhall nicht. Das hat ja zum Schluss die SS gesprengt.

Vorher gingen natürlich die Züge mit den Kunstwerken und den Schätzen ab. Drei Züge.

Das ging alles zack-zack, streng nach Befehl. Der Gefreite, der mit dem Opel-Blitz in die Stubben gebrettert war, schlotterte vor Angst und meinte, er würde erschossen, weil er nicht rechtzeitig an der Verladerampe erschien. In dem Chaos fiel das gar keinem mehr auf.

Natürlich haben ihm Vater und seine Truppe geholfen. Der Krieg konnte ja nicht mehr lange gehen. Die Russen konnte man schon deutlich hören, jedenfalls ihre »Ratsch-Bumm«. Und das Pfeifen der Stalin-Orgeln – pjie, pjie, pjie pjie – da wurde einem schon ganz anders!

Rüber zum Stolpsee nach Heiligengrabe sind sie und haben die eisenbeschlagenen Kisten dort versenkt. Soll Gold drin gewesen sein, nach dem Gewicht, meinte Vater. Jedenfalls keine Akten.

Die kleine Muni-Kiste haben sie mitgenommen. Sauschwer das Ding. Da musste was Wertvolles drin sein. Bei dem Gewicht.

In aller Ruhe das Ding nach Hause schaffen ging nicht. Erst dachte Vater und sein Kumpel ja, niemand würde etwas merken, denn in den letzten Kriegstagen liefen alle nur noch um ihr Leben. Wer da solch eine Kiste mitschleppte, machte sich nur verdächtig. Auf den Straßen ging es sowieso nicht, sonst wären sie noch bei Wenck und seiner zwölften Armee gelandet. Das letzte Aufgebot des Führers.

Da blieb doch nur das Vergraben. Konnte man sich ja später wiederholen. Klar, der Platz sollte schon was Besonderes haben, aber das war kein Problem.

Die große Eiche an der Einhundertneun, fünf Schritte im rechten Winkel dazu, dann fünfundvierzig Grad zum Bauernhof, linke Kante.

Ob »Hitler« noch angewachsen ist, wusste Vater nie. Sie hatten damals ein paar Birkenzweige auf die Stelle gesteckt und auf den Namen des Führers getauft.

Dann ging alles ja ganz schnell. Die Russen, die Gefangenschaft, dann die DDR mit ihrem Misstrauen gegen jeden, der nicht jeden Tag lauthals den Sozialismus pries – Vater hat sich jedenfalls nie wieder an diese Stelle an der Einhundertneun getraut.

Aber den Schatzplan hütete er wie seinen Augapfel. Das Kreuz im Stolpsee und der Punkt an der Straße.

* * *

Rolf war vierundzwanzig, als er sich die Sache mal genauer anschaute. Das war damals die Zeit, in der die Leute anfingen, ihre Wochenendhäuser zu bauen. Da wurden überall Bäume ausgegraben und Reste von Mauersteinen aus der Erde geholt, Feldsteine gesammelt Kiefernstämme in handliche Kloben gesägt. Ohne die Hamsterkralle am Trabi ging gar nichts.

Kein Mensch störte sich an seinem Graben unweit der Straße.

Am helllichten Tag. Das ist immer das Beste. Arbeitsklamotten an und dann los, da fragt kein Mensch.

In Potsdam haben sie später mal den großen Teppich im Interhotel geklaut. Das ging genauso. Zwei Mann in Arbeitsklamotten rein, dann haben die sogar noch die Perser-Rosette aus dem Teppich geschnitten, weil das ganze Ding zu groß für den Barkas war, und ab ging es …

Jedenfalls war das schon ein Gefühl, als der Spaten plötzlich auf etwas Hartes stieß. Ab da hat Rolf dann mit dem Feldspaten weiter gemacht, den er sich von der Fahne mitgebracht hatte.

Ganz vorsichtig ringsherum, und dann lag die Kiste frei.

Wie der Vater gesagt hatte: Muni-Kiste mit dem Adler drauf, das Hakenkreuz in den Krallen. Und schwer wie Sau.

Wenn Rolf Berger sich an die Tage damals erinnert, muss er kichern. Was hatte er sich schon für Sorgen gemacht, wie er das viele Gold unter die Leute bringen sollte!

Ein paar Ringe beim Juwelier gegen Altgold – anders gab’s ja nicht einmal Eheringe, jedenfalls nicht aus Gold – vielleicht ein bisschen beim Zahnarzt für die Brücke, aber das war dann auch schon alles, was ihm dazu einfiel.

Bei der Bank konnte er ja wohl schlecht erscheinen und ein paar Goldbarren aus der Tasche ziehen.

* * *

Jedenfalls war die Sorge später völlig unbegründet. Nichts mit Gold in der Kiste. Ein paar Schachteln mit dem Eisernen Kreuz und eine Menge faustgroßer Stahlhelme aus Volleisen, wohl als Briefbeschwerer gedacht, das war’s.

Natürlich war Rolf zuerst sauer. Von wegen Gold. Was sollte er mit diesem Nazi-Kitsch – wer sich zu früh freut, muss sich eben zweimal freuen!

Blöder Spruch. Am liebsten hätte Rolf den ganzen Mist wieder vergraben.

Aber alles hat seine zwei Seiten. Vielleicht hätte echtes Gold ihm doch nur Stress gebracht. Außerdem: Von Gold in der Munitionskiste hatte der Alte nie etwas gesagt. Nur vom Gold in den Kisten im Stolpsee. Das war es!

Natürlich, die Muni-Kiste hatten die Jungs damals nur mitgenommen, weil sie noch nachsehen wollten, was da drin ist. Die anderen Kisten waren voller Gold, das mussten sie gewusst haben. Deshalb versenkten sie die Gold-Kisten in aller Ruhe im See. Da lagen sie am sichersten.

Bei der Muni-Kiste war das anders. Da wollten die Jungs noch nachsehen, was drin ist – irgendetwas Brauchbares würde es schon sein. Und wenn Schmalzfleischbüchsen rausgekullert wären! Munition war nicht drin, sonst wären die Behälter nicht so vernagelt gewesen, das war klar.

Da war schon Wertvolles zu vermuten, sonst hätten die Kisten nicht mit dem Zug nach Bayern evakuiert werden sollen. Immerhin fuhr damals schon längst nichts mehr regelmäßig. Erst siegen, dann reisen, stand ja schon lange an jeder Lok. Räder müssen rollen für den Sieg. Zum Schluss rollten die nur noch für die Beute der Bonzen.

Rolf Berger stieß das jedes Mal ziemlich bitter auf: Bonzen sind eben überall gleich. Lasst die Leute doch laufen, Hauptsache, ihr Besitztum reist sicher! Das war früher nicht anders als heute: Lasst die Leute doch sehen, wie sie sich ihr Zeug besorgen, Hauptsache die Bananen sind nicht zu grün!

* * *

Die ganze Politik war Rolf ziemlich egal. Ihm hat in der DDR keiner was getan, aber die Ungerechtigkeiten überall …

Er ließ sich jedenfalls nicht mehr vorschreiben, mit wem er »Kontakte« haben durfte und mit wem nicht!

Natürlich hat er von Teddy dem Kaderfritzen im Betrieb nichts erzählt. Unterschrieben hat er auch nichts.

Weder damals, als man sich verpflichten sollte, seiner eigenen Westverwandtschaft nicht mehr zu schreiben, noch als es gegen das Gucken von Westfernsehen ging. Das wäre ja noch schöner. Ein Berliner lässt sich doch nicht seine Oma in Charlottenburg verbieten! Diese Scheiß-Mauer.

Mit Teddy, das war sowieso so ein Ding.

Natürlich kannte er die Titel von ihm, »Suilvermuun«, »In den Bergen von Montana« die ganzen guten Sachen. Und dann sitzt Teddy eines Tages im Bötzow-Stübl.

Der Star Teddy King aus dem Westen! Irgendwie hatte der ’ne Mugge im Saalbau Friedrichshain, und dann haben die einfach noch ein paar Biere im Stübl gezogen.

Jedenfalls dröhnten die »Lords« durch die Kneipe. »Poor Boy«. Rias Schlager der Woche. Kommt plötzlich so ein Typ mit SED-Bonbon und mosert. Aber die Wirtin bürstet den ganz lässig ab, dreht das Radio einen Moment leiser und fragt in den Raum: »Stört det hier jemand?« Natürlich keine Antwort. Sie dreht wieder auf und sagt nur noch »Na also Männeken.« Das war’s.

Ham wir gebrüllt!

Die Geschichte erzählt Rolf gern:

Plötzlich saßen wir alle an Teddys Tisch. Heidschi Bumbeidschi bumm bumm – immer rauf mit dem Bierglas auf den Tisch.

War kein Problem, Teddy meine Adresse zu geben. Falls mal was ist mit seinem Wagen.

Roter Mustang. Jedenfalls war der auf dem Foto drauf, Teddy am Kotflügel, blaues Meer im Hintergrund, Palmwedel vorn links. Fünf Komma acht Liter Vau acht, Motor, zweihundertfünfundvierzig PS – das war ein Auto. Sozusagen zehn Trabbis unter der Haube!

Gekommen ist Teddy immer nur mit dem Ford M12. Ist ja auch egal. Der war jedenfalls ein Kumpel, obwohl er so ein großer Star war.

Das erste Mal bei uns im Garten zwischen den Gleisen am Ostkreuz war es bisschen peinlich. Wir haben gegrillt und plötzlich zieht Teddy Nägel aus dem Grill.

Für uns kein Wunder, denn die Holzkohle war ja aus alten Eisenbahnschwellen gemacht. Gab ja nichts. Wir mussten für den Sack Kohle sogar eine Bescheinigung abgeben. »Wird dringend für den Lehrertag gebraucht« stand drauf. Ich bin dann mit Trabbi und Hänger zur BHG Parchim, und schwups, war die Kohle da!

Jedenfalls hat Teddy erst mal kurz gewürgt. Überleg mal, wie viele schon auf die Schwellen gepisst haben, hat er gesagt.

Auch Quatsch. Da wird ja nicht jede Schwelle getroffen. Außerdem war in den Balken soviel Chemie zum Imprägnieren, das hat die paar Piss-Keime bestimmt abgetötet.

Nach dem dritten »Timms Sauren« hat Teddy das auch eingesehen und an den Kammscheiben konnte er nun wirklich nichts aussetzen. Das ist alles lange her.

* * *

Rolf Berger ist seither immer dabei, wenn Teddy in Berlin oder in der Zone singt. »Ich bin eben sein wichtigstes Groupie«, erzählt er allen ganz stolz.

Natürlich helfen sich die beiden. Erst neulich hat Teddy einen Wiedia-Bohrer für Rolf aus dem Intershop im Bahnhof Friedrichstraße geholt.

Teddy meint ja, mit den Sachen aus Vaters Kriegsbeute ließe sich im Westen ein Geschäft machen. Die stehen dort auf solchem Kram.

Jedenfalls hat er erst mal ein paar von den Stahlhelm-Briefbeschwerern mit rüber genommen. Und drei oder vier EK I auch.

Drei

Diese ganze Kommunen-Spinnerei ist doch Mist.

An die Wäsche wollen diese Typen unsern Weibern. An die Wäsche, nichts weiter.

Thomas Pruske ist richtig sauer. Ganz locker aus dem Handgelenk dreht er den Rest im Bierglas. Ein bisschen Schaum perlt auf. »Noch eins!«

Der Wirt am Altberliner Tresen in der Schöneberger Groß-Destille quittiert die Bestellung mit einem wortlosen Handheben. Thomas ist Stammgast.

Seit der sich wieder die Haare kämmt, säuft er offenbar, denkt der Zapfer. Er kennt Thomas noch als langhaarigen Studenten. Damals nannte er sich Thommy.

An die Wäsche ist gut. Thomas Pruske wischt sich den Schaum aus dem Bart.

Wahrscheinlich muss der sehr bald auch noch runter. Jetzt, wo er gerade ins Geschäft eingestiegen ist.

Gaby braucht keinen BH. Gaby brauchte schon damals keinen BH, als diese ganzen Emanzipationsweiber noch ihre Pickel ausgedrückt haben. Emanzen-Pickel.

Aber jetzt ist das ja die Befreiung.

Thomas stößt auf und lässt den Rülps wie einen kleinen Wind aus dem Mund gleiten.

* * *

»Schmeckt, wa?«

Sein Gegenüber grinst ihn freundlich an.

Thomas Pruske ist nicht nach Quatschen zu Mute.

Gaby. Wie die Hörner. Ja, wie die Hörner stand das da unter ihrem Pulli. Ganz von allein. Ohne Emanzipation. Ihr Busen hat sich ganz allein emanzipiert. Okay, wer nun mal so weiche Brüste hat, kann ja irgendwie auch nichts dafür. Aber trotzdem!

Thomas Pruske knetet die Luft über dem Kneipentisch mit der Hand.

Wie so ein Haufen Lappen fühlt sich das an. Warm und weich.

»Hassu Rheuma, oda was?«

Der Mann gegenüber stößt mit dem dicken Fuß seines Bierglases freundlich an Thommys Tulpe.

Thomas blickt sein Gegenüber an. Ein bisschen zerknittert, das linke Auge hängt etwas und ob das in den Rillen am Hals Dreck oder nur das Licht ist, sieht man nicht so genau im Schummerlicht der Kneipe.

»Kannst Äuglein ßu mir saren.« Der Mann zeigt auf sein schlaffes Augenlid.

»Wieso Rheuma und wat fürn Äuglein?«

Thomas hat dem Alten nur mit halbem Ohr zugehört, aber nun spürt er, wie seine schlechte Laune langsam verfliegt.

»Ich bin Thomas. Die Kumpels sagen Thommy.«

»Deswejen brauchste ja nich so ßu fummeln.«

»Nee, ist nix. Ich war nur in Gedanken.

»Weiba, wa?«

»Ja, lass mal …«

»Trinskte ’n Appelkorn mit. Ich feia heute Jeburtstach, achßehnten Jeburtstach.«

Thomas Pruske rückt zurück.

»Spinnst du oder bist du besoffen? Als du achtzehn warst, war doch noch Krieg!«

Äuglein kneift sein gesundes Auge zu und zieht dann das Unterlid runter.

»Recht haste. Man merkt det jleich, dass du eina von die Studentens bist.«

»Ich bin kein Student.«

»Nu sei doch nich jleich so saua. Ick meine doch och jar nich die Hüpftypen, die imma nachn Fietnamesen brüllen.«

»Ho Chí Minh.«

»Ja, sowat. Ho, ho, ho. Solln se nachn Osten gehen, da gibt’s jenuch HaO. – Wat biste denn, wenn de kein Student bist?«

»Ich bin Kaufmann. Handel und so …«

»Du jungscher Piepel?«

»Ich hab ja auch gerade erst angefangen, Interzonenhandel, ich besorg hier die Sachen, die die drüben haben wollen und dann schicken die ihre Ware zu uns rüber.«

»Tauschen, wa. Wie fünfenvierzig, wa? Sind varickte ßeiten, wa.«

Äuglein bestellt mit zwei zum Victory-Zeichen abgespreizten Fingern die nächste Runde.

»Ha ick ja nich jesacht, das ick achßehn bin. Mein Sohn is achßehn. Ab heute muss ick nich mehr ßahlen.«

Er hebt das Glas.

»Man kann ja nich so blöd denken, wie et kommt. Mit den Bengel, det war inne S-Bahn. Auf det lange Stück von Jrunewald nach Nikolassee.«

«Mensch, Äuglein, ihr habt in der S-Bahn früher einfach so …« Thomas beginnt die Geschichte zu interessieren.

»Nee, nee. Die S-Bahn jehört ja der Reichsbahn. Da mussteste vor der Maua imma aufpassen, dass die dir nich nachm Osten entführen …«

»Nu lenk mal nicht ab!«

»Ich lenk ja nich ab. Wia waren angeheitert mein Kumpel und icke und da isset uns ebent passiert.«

»Was ihr wart alle beide bei?«

Äuglein nickt.

»Wia hammn uns ja och die Alimente jeteilt, all die Jahre. Bisse Jüntan drüben eingelocht haben. Anjeblich wejen Fluchthilfe. Dabei hatte er bloß sein Pass valorn.«

Der Mann schüttelt bekümmert den Kopf.

»Für uns hat det ja och seine juten Seiten, ich meine, mit die Maua. Aba für die driben … Da muss man doch helfen, wenn man kann, wa?«

Die Biere haben Thomas Pruskes Ehrgeiz angestachelt. Er will dem Alten zeigen, dass die Jungen nicht alles nur Penner sind. Auch die mit Bart nicht.

»Ich helfe der Zone mit Handel. Die haben doch nicht ville, und die Sachen von drüben lassen sich hier auch absetzen. Ich überlege schon, ob ich mir nicht bald im Europacenter ein Büro einrichte …«

Thommy redet sich langsam in Fahrt. Er sitzt stocksteif am Kneipentisch und reckt die Brust heraus.

Äuglein schüttelt zweifelnd den Kopf.

»Und denn sitzte hier inne Destille? Du jehst doch an ’n Europaßenter höchstens Eisloofen …«

Jetzt ist Thommy ärgerlich.

»Du, ich sage dir, ich kenne da einen aus dem Osten. Der hat Beziehungen. Zwei Goldbarren hatte ich für ihn in der Hosentasche. Einen rechst, einen links. ›Bitte schön, gommse mit, hier durch‹ – das war alles an der Grenze, ich …«

»Ehrlich, mit Jold?«

»Ehrlich. Herbert Brede …«

»Brede – wat?«

Thomas Ruske beißt sich auf die Zunge. Eigentlich sollte er den Namen nicht sagen. Andererseits, warum? Sind doch alles offizielle Geschäfte. Mehrwertsteuer, alles da.

Zoll gibt es ja glücklicherweise nicht. Für die hohen Herren ist Deutschland eben eins. Deshalb profitieren die drüben ja sogar von der EG. Ist schon eine verrückte Situation: Wenn wir mit anderen westlichen Ländern Verträge machen, müssen wir darauf achten, dass die drüben mit in der Zollfreiheit sind.

»Hattet dia jetzt die Sprache vaschlagen oder wat?«

* * *

»Frische Bouletten, die Herren?« Der Wirt schiebt sich zwischen den Tischen durch und balanciert eine längliche Schale mit einer lecker duftenden Pyramide der Spezialität des Hauses vor sich her. Sein in den Hosenbund gestecktes Küchenhandtuch ist voller Fettfinger, aber das scheint hier niemanden zu stören.

Äuglein braucht kaum die Hand zu bewegen, schon stehen zwei Bouletten vor ihm. Senf war sowieso auf dem Tisch. Ein weißes Porzellantöpfchen voll, richtig vornehm.

* * *

»Nee, Herbert Bredemann heißt der. Der hat Verbindungen, sag ich dir.«

Warum soll Thomas den Namen nicht sagen. Die im Osten immer mit ihrer Heimlichtuerei. Was geht ihn das an. Außerdem gibt es ja zum Glück die Mauer. Was soll schon passieren, selbst wenn man mal ein Wort zu viel sagt.

»Kenn ick nich.«

»Das ist klar, dass du den nicht kennst. Ich kann dich ja mal in mein Büro einladen, wenn Herr Bredemann kommt.«

»Der dürf nachm Westen?«

»Klar, der ist doch Wirtschaftsfachmann, Handel und so. Die dürfen nach drüben reisen.«

»Kada, wa?«

»Weiß ich nicht, geht mich auch nichts an. Ich mache dich mit Herrn Bredemann bekannt. Musste aber schnieke erscheinen.«

»Wejen dem ausm Osten. Du siehst och nicht jerade aus wie der Duft der jroßen weiten Welt.«

»Mensch, hier in der Destille! Im Büro geht mit Schlaghose und Rüschenhemd gar nichts. Da ist Trevira angesagt. Gedeckt, wenn du weißt, was ich meine.«

»Jedeck kenn ick. Herr Wirt, noch ßwo Jedecke, ’türlich lang und kurz. Thommy, det mit den Büro is nüscht füa unsaeinen. Aba du wist noch ma ’n janz jroßer.«

Davon ist Thomas Pruske ohnehin überzeugt.

* * *

Sechs Jahre Studium hat er hinter sich. Betriebswirtschaft, das ging am schnellsten. Und nicht so viel ablenken lassen. Das war immer sein Motto.

Natürlich haben ihn die anderen immer mal wieder schief angesehen. Politische Arbeit war an der Uni in. War überhaupt alles in: Sit-in, Teach-in, wahrscheinlich auch noch Fuck-in. Gaby.

Scheiße. Aber solche Arschgeigen von der Ef U machen ja auf Gaby Eindruck. Thommy ist da viel zu bodenständig.

* * *

Thomas Pruske bläst inzwischen auf der Straße kühler Wind ins Gesicht. In der Ferne rattert eine S-Bahn.

Äuglein, ganz netter Kumpel.

Soll ruhig mal vorbei kommen. Irgendwann muss sowieso das Lager aufgezogen werden, die Halle am Humboldthafen. Immer gut, wenn man paar Leute kennt. Und wenn es aus der Kneipe ist.

Der junge Mann zieht seine Leonardo-Jacke um die Brust. Obwohl schon April, kann man das Lammfell unterm Leder noch gut vertragen.

Ein hell erleuchteter Doppeldecker rauscht vorbei.

* * *

Laufen, laufen … Das waren dann doch wohl acht Bier und noch dazu der Apfelkorn … Thomas Pruske hämmert es im Kopf. Laufen, laufen, laufen, Gaby, laufen, Gaby … Gaby, Gaby … Das will alles erst mal verdaut sein … Laufen, laufen …

Vom Schöneberger Rathaus klingt ein Glockenton herüber. Freiheitsglocke, denkt Thomas, verwirft den Gedanken aber gleich wieder. Doch nicht um diese Zeit.

Gaby. Soll sie doch in ihre Kommune gehen. Wird schon merken, was sie davon hat. Gar nichts nämlich, reineweg gar nichts.

Thomas Pruske ist froh, aus dem Studentenhaufen raus zu sein.

Dieses ewige Gerede. Vietnam, Emanzipation, Orgasmus, Selbstverwaltung, Sozialismus, AStA, der ganze Käse.

Der Sozialismus ist ja im Osten zu besichtigen.

Gut, ein paar Sachen sind in Ordnung, Dach überm Kopf und so. Aber wenn es durch das Dach tropft und keiner kommt reparieren, dann ist das schon wieder nicht mehr so schön. Und dann überall diese Kommandiererei!

»Habe ich Sie platziert, oder macht hier schon jeder was er will?«, raunzte der Kellner im Operncafé Unter den Linden. Dabei war der Laden leer, als er mit Herbert da war. Der Toast Hawaii war auch in Ordnung, aber der Kellner!