Der Derwisch - Karl May - ebook

Der Derwisch ebook

Karl May

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Opis

In Tunis und im Wilden Westen spielt der erste Teil dieses dreibändigen Romans. Er schildert die Schicksale einer deutschen Familie, deren Mitglieder durch die Ränke von Verbrechern in die ganze Welt zerstreut wurden. Auch hier ist wieder der spleenige Sir David Lindsay mit von der Partie. Die vorliegende Erzählung spielt in der ersten Hälfte der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Bearbeitung aus dem 1885/1886 geschriebenen Kolportageromans "Deutsche Herzen - Deutsche Helden". Fortsetzungen zu "Der Derwisch": "Im Tal des Todes" (Band 62) und "Zobeljäger und Kosak" (Band 63).

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KARL MAY’s

GESAMMELTE WERKE

BAND 61

DER DERWISCH

Erster Band der Bearbeitung von

Deutsche Herzen, deutsche Helden

ROMAN

VON

KARL MAY

Herausgegeben von Dr. Euchar Albrecht Schmid

© 1951 Karl-May-Verlag

ISBN 978-3-7802-1561-1

Der vorliegende Roman spielt in der ersten Hälfte der 70er-Jahre des 19. Jahrhunderts und ist der erste Teil des von Karl May in den Jahren 1885/1886 geschriebenen vierten Münchmeyer-Romans „Deutsche Herzen, deutsche Helden“ (Bd. 61 – 63 der Ges. Werke). Über die Entstehungsgeschichte, den Werdegang und die Geschicke der fünf Münchmeyer-Romane findet man Näheres in Band 34 der Gesammelten Werke, „Ich“, und in den Sonderbänden „Karl-May-Bibliografie 1913-1945“ und „Der geschliffene Diamant“.

1. Sir David Lindsay

Ein schöner warmer Sommertag lag auf den schlanken Minarehs von Konstantinopel. Tausende von Anhängern aller Bekenntnisse und Angehörigen aller Rassen erfreuten sich beim Gang über die beiden Brücken des zauberischen Anblicks, den die Stadt von außen bietet. An den Hafendämmen lagen die Dampfer und Segler aller seefahrenden Völker und auf den glitzernden Wogen wiegten sich die seltsam gebauten türkischen Gondeln und Kähne, zwischen denen bisweilen schlankgeflügelte Seemöwen übers Wasser hinschossen, als wollten sie in spielerischem Übermut ihre Fluggeschicklichkeit erproben und beweisen.

Vom Schwarzen Meer her kam in flotter Fahrt eine kleine, allerliebste Dampfjacht, leicht und anmutig zur Seite geneigt, wie eine Tänzerin, die sich den berauschenden Tönen eines Straußschen Walzers hingibt.

Das schmucke, schnelle Fahrzeug bog um die Spitze von Galata, ging unter den Brücken hindurch und legte sich im Goldenen Horn, unterhalb Peras vor Anker. Pera ist der Stadtteil von Konstantinopel, der vorzugsweise von Europäern, ihren Gesandten und Konsuln bewohnt wird.

Die Dampfjacht hatte eine Eigentümlichkeit, die auch in europäischen Häfen die Augen auf sich ziehen musste, hier aber, unter Orientalen, noch viel auffälliger wirkte: Am Vordersteven, wo der Name des Schiffs angebracht zu sein pflegt, befand sich ein wohl zwei Meter hoher holzgeschnitzter Rahmen, der ein merkwürdiges Gemälde einfasste.

Das Bild stellte einen Mann in Lebensgröße dar. Alles, was er trug – Hose, Weste, Rock, Schuhe, auch der hohe Zylinderhut – war grau gewürfelt, sogar der riesige Regenschirm, den er in der Hand hielt. Das Gesicht war außergewöhnlich lang und schmal. Eine scharfe Nase neigte sich über einen breiten, dünnlippigen Mund und schien die Absicht zu hegen, sich bis hinab zum Kinn zu verlängern. Das gab dem Gesicht einen überaus drolligen Ausdruck.

Über diesem Bild stand in großen goldenen Lettern der Name der Jacht: ,Lindsay‘.

Als der kleine Dampfer in den Hafen steuerte, wurde das Bild von den Leuten am Ufer mit Staunen betrachtet. Nahe am Landungssteg stand ein Derwisch[1], dessen dunkle, fanatisch blickende Augen ebenfalls verwundert darauf gerichtet waren. Während er die Schrift entzifferte, ging ein Zucken über sein Gesicht.

„Lindsay!“, murmelte er. „So hieß ja die Frau jenes verfluchten Deutschen mit ihrem Mädchennamen! Ist denn diese Familie noch immer nicht ausgerottet? Ich werde hier bleiben, um zu beobachten. Das Weib hat mich damals beschimpft. Mein war die Rache und ich glaubte diese Rache längst vollendet. Sollte es anders sein, sollten wirklich noch Angehörige dieser Familie leben? Ich werde forschen!“

Die Maschine des Dampfers hatte gestoppt und der Kapitän war von der Kommandobrücke gestiegen. Die Kajütentür öffnete sich und heraus trat die gleiche Gestalt, wie sie vorn auf dem Bild zu sehen war. Sehr lang und hager, war sie in grau gewürfelten Stoff gekleidet. Der übermäßig hohe Zylinderhut und der riesige Regenschirm waren ebenfalls grau gewürfelt. An einem über die Schulter gehenden Riemen hing ein langes Fernrohr.

Auch das Gesicht glich ganz dem auf dem Bild, nur wies die Nase noch eine lange Narbe auf, die offenbar von einer bösartigen Aleppobeule herrührte.

Der Kapitän verneigte sich.

„Wollt Ihr an Land gehen, Sir?“

„Yes. Wohin sonst? Ans Land natürlich! Oder soll ich etwa auf dem Wasser laufen, he?“

„Das würde allerdings kaum möglich sein“, lachte der Kapitän. „Aber warum so schnell an Land? Konstantinopel muss von hier aus betrachtet werden. Von hier aus wirkt es großartig; im Innern aber ist es eng, schmutzig und winkelig. Der Türke nennt seine Hauptstadt ‚Wangenglanz des Weltantlitzes‘, und er hat Recht – aber nur von hier aus, wo wir uns befinden.“

,,Wangenglanz? Weltantlitz? Nonsense! Diese Türken sind verdreht. Das einzig Vernünftige an ihnen sind ihre Frauen und Mädchen. Well!“

Über das Gesicht des Kapitäns glitt ein Grinsen, das er jedoch durch eine Verbeugung verbarg.

„Habt Ihr bereits eine türkische Frau oder ein türkisches Mädchen gesehen, Sir?“

„Of course! Massenhaft, hier sowohl wie in Berlin. Famose Oper: ‚Die Entführung aus dem Serail‘ von Mozart – mein Lieblingsstück. Möchte so etwas einmal selber erleben, Kapitän. Indeed. Werde einfach nicht eher fortgehen, als bis ich auch solch ein Abenteuer erlebt habe. Well. Seht her!“

Dabei holte er aus den Tiefen seiner Rocktasche ein Buch hervor, das auf dem Umschlag in deutscher Sprache den Titel trug: ‚Textbuch. Die Entführung aus dem Serail. Große Oper von Wolfgang Amadeus Mozart‘.

„Wann darf ich Euch zurückerwarten?“ Der Kapitän warf einen flüchtigen Blick auf das Buch. Auf seinem Gesicht spielte ein höfliches Lächeln, dem man ansah, dass er die Schrullen des Engländers kannte und es längst aufgegeben hatte, sich darüber zu wunden.

„Gar nicht“, knurrte Lindsay. „Komme, wann es mir beliebt. Well!“

Er turnte mit langen Schritten über den schmalen Landungssteg und gebrauchte dabei den großen, zugeklappten Regenschirm wie ein Seiltänzer seine Schwebestange.

Als er an dem Derwisch vorüberging und dessen stechende Augen auf sich gerichtet sah, spuckte er verächtlich aus.

„Unangenehmes Gesicht! Verdächtige Fratze! Könnte ihm einen Fußtritt geben, dem Kerl! Yes!“

Der Kapitän hatte ihm nachgeblickt. Der Steuermann stellte sich lachend neben ihn und hob viel sagend die breiten Schultern.

„Verrückter Kerl!“, sagte er und spie einen Priem über die Reling. „Wird sich noch die Finger an einem seiner Abenteuer verbrennen. Mag er – wenn er nur nicht auch uns damit in des Teufels Küche bringt!“

„Gott bewahre! Diese Schwärmerei für Entführungen dauert nur so lange, bis er etwas anderes findet. Noch vor kurzem waren es die Fowlingbulls, die geflügelten Stiere, jetzt sind es die Türkinnen. Er ist einmal so, er muss irgendeine abenteuerliche Schrulle haben!“

„Meinetwegen, für uns ist das nur vorteilhaft!“

„Sehr richtig, Steuermann!“, erklärte der Kapitän mit Nachdruck, dem man anhörte, dass er diese Auseinandersetzung zu beenden wünschte. „Und da Sir David Lindsay dabei auch ein seelenguter Herr ist, so bin ich gern bereit, mit ihm zehnmal rund um den Erdball herumzudampfen. Für so einen Master wagt man schon etwas, ohne über ihn dummes Zeug zu reden!“

Der, von dem die Rede war, spazierte inzwischen durch Pera, langsamen Schritts und ganz mit seiner Umgebung beschäftigt. Daher kam es, dass er sich zuweilen umschaute und dabei auch den Derwisch bemerkte, dessen grüner Turban weithin leuchtete.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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