Dämonen-Krimi Doppelband #2 - Alfred Bekker - darmowy ebook

Dämonen-Krimi Doppelband #2 ebook

Alfred Bekker

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Opis

Übernatürliche Wesen bedrohen die Welt. Dämonen suchen die Menschen heim – und mutige Dämonenjäger begegnen dem Grauen... Dieses Buch enthält folgende Geschichten: Franc Helgath: Das Kind der mordenden Götzen Alfred Bekker: Magierblut Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Alfred Bekker, Franc Helgath

Dämonen-Krimi Doppelband #2

Cassiopeiapress Spannung

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Horror-Geschichten

Übernatürliche Wesen bedrohen die Welt. Dämonen suchen die Menschen heim – und mutige Dämonenjäger begegnen dem Grauen...

Dieses Buch enthält folgende Geschichten:

Franc Helgath: Das Kind der mordenden Götzen

Alfred Bekker: Magierblut

 

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Das Kind des mordenden Götzen

FRANC HELGATH

Unheimlicher Roman

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E–Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:comfreak/pixabay mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Klappentext

Das Grauen geht in Viricota um!

Der Journalist Patrick Morgan erfährt von vermehrten, mysteriösen Todesfällen aus der Zeitung und wittert hinter der ganzen Sache eine grandiose Story. Zusammen mit dem Fotografen Barry Queens macht er sich auf den Weg, um hinter das Geheimnis dieser Todesfälle zu kommen.

Sie beobachten heimlich eine Bestattungszeremonie und machen dabei eine erschreckende Entdeckung! Nun ist ihr Jagdtrieb nach Informationen geweckt, der sie immer tiefer in die Geheimnisse dieser Region treibt, die schrecklicher kaum sein können.

Was beide nicht ahnen – mit ihrer Fahrt nach Viricota begeben sie sich selbst in große Lebensgefahr …

Roman

Doch die unsichtbare Gewalt, die das Messer führte, zögerte noch. Die Klinge blieb vor Emilios Augen, näherte sich spielerisch, drohte in sie hineinzutauchen und wich wieder zurück.

Ein Zittern lief durch den Körper des Indios. Seine Hände krallten sich in den Sand. Die Nägel brachen. Doch er spürte es nicht.

Emilio Valiche beugte sich nach hinten. Die Klinge folgte. Er fiel auf die Ellenbogen zurück. Die Klinge folgte.

Plötzlich fühlte der Alte das sanfte Streicheln von zarten Händen an seinen Bartstoppeln. Die Hände waren weich und kalt. Emilio zuckte unter ihrer Berührung zusammen. Er beugte sich noch weiter zurück, lag auf dem Sand.

Die unsichtbare Hand streichelte liebkosend seine Stirn. Ein Eishauch ging von ihr aus. Der Alte fühlte sich an den Boden gepresst. Er fühlte, als würde er eins mit der Erde unter ihm.

Er hatte das Kinn an die Brust gezogen. Er sah das Messer über seiner knochigen Brust. Und er sah, wie die Klinge tief in seinen Leib fuhr.

Erst jetzt konnte Emilio schreien. Alle Qual der Welt lag in diesem Schrei, und es war das Letzte, was Emilio Valiche von sich gab.

Sein Schrei drang schauerlich hinaus in das enge Tal von Tesocco und brach sich an den steilen Felswänden des Hochtals, ein heulendes Echo hervorrufend.

Hunde begannen zu kläffen, und Stimmen wurden laut. Das Dorf Tesocco erwachte zum Leben, als der alte Indio schon tot war. Das Getrappel von Schritten kam näher. Es endete schlagartig am Eingang zu Emilios Hof.

„Madre mia!“, schrie Irasema, die Frau des Alten.

Dann brach sie zusammen.

Nachbarn legten sie behutsam auf die Erde und kümmerten sich um sie. Beherzte Männer traten scheu hinüber zu der Leiche.

Die Augen des alten Indios glänzten stumpf im flackernden Schein der Flammen. Sie waren unnatürlich weit geöffnet. Sein Mund war noch im Schrei aufgerissen, mit dem er seinen Tod in die Welt hinausgebrüllt hatte. Die Männer schauderten. Frauen bekreuzigten sich.

An der linken Brustseite klaffte eine faustgroße Wunde. Sie wussten, was das bedeutete.

Xandros hatte sein Opfer gefordert und es bekommen. Xandros, der blutrünstige Sonnengott der alten Kultur.

Aus Emilios Brust war das Herz geschnitten.

Die Männer fielen vor seiner Leiche in die Knie und drückten die Stirnen in den Sand, die Arme weit nach vorn gestreckt. Frauen stimmten Klagelieder an.

Niemand folgte der Spur der Blutstropfen, die von der Leiche weg, über den niedrigen Zaun und von dort hinüber zu den Sümpfen führte.

Das Grauen hatte die Menschen erstarren lassen. In abergläubischer Furcht beteten sie zu Xandros, dem bluttrinkenden Gott ihrer Väter …

*

Patrick Morgan tat an diesem Vormittag, was er an jedem anderen Vormittag auch tat, wenn ihn nicht die Nachwehen einer feuchtfröhlichen Nacht länger in den Federn hielten. Er studierte Zeitungen.

Das gehörte mit zu seinem Beruf. Als Korrespondent einiger großer amerikanischer Wochenblätter war er ständig auf der Suche nach Themen, die im nördlichen Nachbarland interessieren mussten. Patrick verstand etwas von seinem Job. Sonst hätte er die Miete in diesem Apartmenthaus am Rande von Mexico City nicht bezahlen können. Vom Fenster aus hatte er eine herrliche Aussicht auf die Lagunen von Xochimilco. Wenn er nachts auf dem Balkon saß, hörte er die Marimbaklänge und die Musik, die Gitarrenspieler auf ihren Instrumenten anschlugen, während ihre Flöße über das warme Wasser der Lagune trieben.

Doch jetzt beschäftigte ihn etwas ganz anderes.

Er hatte einen Stapel Zeitungen vor sich liegen. Sie stammten alle aus der Sierra Volcanica, dem Hochland südlich von Oaxaca. Einige Meldungen waren rot angestrichen. Sie handelten von mysteriösen Todesfällen in abseits gelegenen Dörfern. Doch die Verfasser dieser Artikel hatten sich nicht präzise genug ausgedrückt. Gemeinsam war sämtlicher Meldungen nur, dass die gefundenen Leichen verstümmelt waren. Welche Verletzungen sie aufwiesen, war nicht vermerkt.

Patrick Morgan erhob sich vom Rauchglastisch, der mitten im Wohnzimmer stand und mit Bergen von Zeitungen und Zeitschriften bedeckt war. Er ging hinüber zum Bücherregal, das eine ganze Wand ausfüllte. Wie überall im Zimmer, herrschte auch dort das geordnete Chaos, das so oft die Arbeitsplätze vornehmlich geistig arbeitender Menschen auszeichnet. Er fand die gesuchte Landkarte mit einem Griff und kehrte mit ihr zum Tisch zurück. Seine Finger glitten über die Ortsnamen, nachdem er die Karte auseinandergefaltet hatte.

„Dachte ich’s mir doch“, murmelte Patrick Morgan halblaut und schnappte sich einen Rotstift. Dann übertrug er die Ortsnamen aus den Zeitungen auf die Karte. Im Braunton der Sierra Volcanica leuchteten acht rote Punkte. Jeder stand für einen geheimnisvollen Mord.

Jede dieser Bluttaten hatte sich in einem Gebiet ereignet, dass nicht mehr als zwanzig Meilen Durchmesser hatte. Die letzte verstümmelte Leiche war in Tesocco gefunden worden, einem kleinen Dorf am Rande der Sierra.

Patrick Morgan dachte nach. Er rätselte, warum nicht ausführlicher über diese Häufung von Mordfällen berichtet worden war. Weil es sich bei den Opfern ausnahmslos um verarmte Indios gehandelt hatte?

Morgan angelte sich das Telefon. Einige Bücher fielen dabei zu Boden.

Er hatte die Nummer im Kopf.

„Verbinden Sie mich mit Henry Chiapas“, sagte er der Dame in der Vermittlung vom Tarde de la Sierra. Die Zeitung erschien in Oaxaca.

Patrick kannte Henry Chiapas noch vom College her. Als Sohn eines mexikanischen Regierungsbeamten und einer Amerikanerin hatte Henry in den Staaten studiert. Sie waren auch noch zusammen gewesen, als sie sich ihre ersten journalistischen Sporen verdienten. Henry Chiapas war schließlich als stellvertretender Chefredakteur beim Tarde gelandet. Ab und zu trafen sie sich noch.

„Hier Chiapas“, meldete sich Henry.

„Tag, altes Haus“, grüßte Morgan.

„Patrick! Du? Das darf doch nicht wahr sein! Wie geht es denn?“

„Noch genauso gut wie früher. Ich bin ja auch nicht verheiratet“, lachte Morgan. „Was machen Frau und Kinder? Ist schon wieder eines nachgewachsen?“

„Ihr Amerikaner könnt schrecklich prosaisch sein“, tadelte Chiapas scherzhaft. „Aber ich habe jetzt einen Sohn.“

„Lange genug hast du ja gebraucht dazu. Das wievielte Kind ist das jetzt eigentlich? Das dritte oder das vierte?“

„Das fünfte“, verkündete Henry stolz. „Es ist ein Prachtkerl. Du solltest ihn mal sehen.“

„Vielleicht passiert das, früher als dir lieb ist. Unter Umständen komme ich noch diese Woche nach Oaxaca.“

„Zuviel der Ehre. Aber doch nicht wegen mir?“

„Wegen dir, natürlich. Aber ich habe da ein Problem. Vor mir liegt dein Blatt. Die letzten drei Wochen habe ich es besonders aufmerksam gelesen. Mir ist etwas aufgefallen.“

„Du meinst die verstümmelten Leichen?“

„Genau. Die meine ich. Was ist los mit ihnen? Warum habt ihr nicht mehr darüber gebracht?“

„Willst du etwas aus der Geschichte machen?“

„Kommt darauf an, was du mir jetzt sagst. Was weißt du schon darüber?“

Henry Chiapas ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor er antwortete. „Das ist nicht so einfach zu sagen“, begann er dann. „Hier in der Redaktion des Tarde sind wir geteilter Auffassung darüber.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Nun. Das mit den Leichen sind vielleicht nur Gerüchte. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem die Polizei eine Leiche gefunden hat, die so zugerichtet worden sein soll.“

„Wie zugerichtet?“

„Na ja. Man erzählt sich, den Leuten, um die es hier geht, wären bei lebendigem Leib die Herzen aus dem Körper geschnitten worden. Und was das Tollste ist: Ein freischwebendes Messer sollte das gemacht haben. Verstehst du jetzt, warum wir in unserer Zeitung nichts Näheres darüber gebracht haben? Wir hätten uns zum Gespött von ganz Mittelamerika gemacht. Messer, die durch die Luft schweben. Pah!“ Er schnaubte entrüstet. „So etwas lässt sich doch in unserer heutigen Zeit nicht verkaufen.“

„Wenn es schon keine schwebenden Messer gibt, dann ist doch der Stoff mit den herausgeschnittenen Herzen allein auch immer noch Gold wert. Warum habe ich bisher darüber noch nichts gelesen? Die entsprechenden Leichen wurden doch exhumiert?“

„Das ist es ja eben“, meinte Chiapas. „Es gab in keinem Fall etwas zu exhumieren. Die verstümmelten Toten wurden von den Angehörigen verbrannt, noch bevor die Polizei sich einschalten konnte.“

„Das kommt mir aber reichlich seltsam vor“, warf Patrick Morgan ein. „Seit die Indios mit Gewalt zum christlichen Glauben bekehrt wurden, bestatten sie doch ihre Toten wie die Leute vom Vatikan. Verbrennen war doch nur zur Zeit der alten Azteken üblich.“

„Sie haben sie aber verbrannt. Und die Asche haben sie angeblich in alle Winde zerstäubt. Für uns gab die Geschichte jedenfalls nicht mehr her als ein paar Meldungen. Natürlich spielt noch die Vielzahl der Fälle eine Rolle. Aber genauso gut könnten die Verbrannten eines natürlichen Todes gestorben sein, und irgendein verrückter Medizinmann hat an ihren Leichen herummanipuliert, damit die Ernte besser wird oder was weiß ich. Weil die Indios dann Angst vor den Behörden bekamen, haben sie die Spuren beseitigt. Das wäre auch noch eine denkbare Möglichkeit.“

„Hat die Polizei irgendetwas herausgefunden?“

„Dass ich nicht lache! Hast du schon einmal versucht, aus einem Indio herauszubekommen, was er nicht sagen will? Du kannst ihm versprechen, das Empire State Building in seinen Hausgarten zu stellen, und er wird dich nur regungslos anstarren. Du kannst goldene Berge vor ihm auftürmen, und er wendet sich ab. Nichts zu machen, mein Guter. An dem Fall beißt selbst du dir die Zähne aus.“

„Du machst mich ja richtig neugierig!“

„Bist du doch schon längst. Ich nehme an, du trudelst irgendwann in den nächsten paar Tagen ein. Aber wahrscheinlich machst du dir die Mühe umsonst. Ich kenne die Indios. Doch einen guten Rat hast du ja noch nie angenommen. Das einzig Positive an deinem Ausflug wird sein, dass wir uns wieder einmal sehen und uns wie früher unterhalten können.“

„Das ist doch was!“, meinte Patrick Morgan. „Ich melde mich bei dir, wenn ich meinen Artikel habe. Und vielen Dank noch.“

Sie wechselten noch einige freundliche Floskeln und legten dann auf.

Patrick Morgan war interessiert. Er war sogar sehr interessiert. Er hatte eine Nase für gute Storys, und diese gute Nase hatte ihn noch nie im Stich gelassen. Er wollte den mysteriösen Vorfällen in der Sierra Volcanica auf den Grund gehen.

Der dreißigjährige Mann ließ den Telefonapparat stehen, wo er gerade stand, und erhob sich. Er hatte noch den Morgenmantel an. Während er ins Bad ging, zog er ihn aus und ließ ihn auf den Boden fallen. Er fand sogar noch ein sauberes Handtuch im Badezimmer. Rasiert hatte er sich schon gleich nach dem Aufstehen. So war er nach fünf Minuten fertig.

Nur in einem Punkt war Patrick Morgan konsequent. Sein Reisekoffer stand immer gepackt im Kleiderschrank, damit er sich nicht lange aufzuhalten brauchte, wenn er plötzlich weg musste. Und das war öfter der Fall. Schnelligkeit war in seinem Beruf alles.

Er überlegte noch, ob er nicht vorher noch Barry Queens anrufen sollte, doch ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er ihn um diese Zeit ohnehin nicht zu Hause antreffen würde. Er frühstückte irgendwo in der Zona Rosa, wie sich das Hotel- und Vergnügungsviertel Mexico Citys nennt. Das heißt, Barry Queens nahm immer gegen zehn Uhr seinen Morgenwhisky zu sich. Jetzt war es kurz vor zehn.

Patrick Morgan warf noch einen Blick zurück auf das Chaos, das er hinterlassen hatte, und drückte die Tür hinter sich ins Schloss. Vor dem Apartmenthaus bestieg er seinen kanariengelben Porsche Carrera und flitzte los. Bis zum Paeso de la Reforma in der Innenstadt würde er knapp zwanzig Minuten brauchen.

Er schaffte es noch schneller. Nach zwanzig Minuten hatte er sogar schon einen Parkplatz gefunden. Am Paeso de la Reforma war ein kleines Wunder geschehen.

In den ersten beiden Kneipen hatte Patrick Morgan Pech. Erst in der dritten wurde er fündig. Barry Queens lümmelte an der Bar und hatte einen dreistöckigen Whisky vor sich, bei dem schon zwei Etagen fehlten. Barry merkte nicht, dass Patrick eingetreten war. Er war ein hünenhafter Mann mit einem brandroten Haarschopf. Sein massiv geschnittenes Gesicht mit dem kantigen Kinn ließ nicht vermuten, dass er einer der besten Sensationsfotografen unter der Sonne Mexikos war. Wenn ein Selbstmörder aus dem zehnten Stock eines Hochhauses sprang: Barry Queens kam zufällig vorbei und drückte auf den Auslöser. Wenn Gangster eine Bank überfielen: Barry Queens schoss die Fotos davon. Er hatte den Riecher für Situationen, die den Alltag sprengten. Das hatte er mit Patrick Morgan gemeinsam, und so waren sie Freunde geworden.

„Hallo, du irischer Kupferschädel“, grüßte Patrick und haute dem Freund eine Rechte auf die Schulter. Der zuckte nicht einmal. Er drehte sich nur langsam um.

„Freut mich, dass du kommst, um mich einzuladen“, sagte er. „Zwei Whisky“, wandte er sich an den Keeper und trank sein Glas leer.

Patrick Morgan kletterte auf den Barhocker neben Queens. „Du säufst ja schon wieder. Was feierst du?“

„Ich muss den blöden Whiskygeschmack von gestern Nacht hinunterspülen“, erklärte Queens. „Du spülst doch mit?“

Der Keeper stellte zwei Gläser auf die Theke.

„Diesen einen trinke ich mit“, meinte Patrick. „Aber dann ist Schluss. Wir haben heute noch eine größere Strecke vor uns.“

„Wir?“, wunderte sich Queens. „Du wirst doch nicht verlangen, dass ich arbeiten soll? Ich habe meinen letzten Scheck noch nicht verbraucht.“

„Wenn ich dir erzähle, worum es geht, rennst du los wie eine fünfzigjährige Jungfrau, die den Hauptpreis bei einer Tombola im Männerheim gewonnen hat.“

„Du verstehst es, einem den Mund wässrig zu machen. Worum geht es denn?“

„Um ein paar Leichen ohne Mörder, und um vier- bis fünftausend Dollar pro Mann und Nase.“

„Ein superheißes Eisen also?“

„Ich müsste mich schwer täuschen, wenn es nicht so wäre.“

„Mein lieber Patrick täuscht sich nicht. Auch wenn er ein verdammter Yankee ist. Ich frühstücke nur mehr zu Ende. Wohin soll die Fahrt denn gehen?“

„Runter ins Hochland bei Oaxaca.“

„Hm. Da war ich schon einmal. Scheußliche Gegend. Sie haben keinen Whisky dort. Wir müssen noch ein paar Einkäufe machen. Ich denke, drei bis vier Kisten Whisky müssten reichen.“

„An Altersschwäche gehst du einmal nicht ein.“

„Ich habe etwas gegen Altersschwäche. Trinken ist mein Hobby. Das weißt du doch. Andere sammeln Briefmarken.“

Patrick Morgan trank sein Glas leer und schüttelte sich. So früh am Morgen mochte er keinen Alkohol. Barry Queens dagegen musste schon mindestens 1,5 Promille getankt haben, doch dem hünenhaften Rotschopf war nichts anzumerken. Er stand ruhig auf.

„Schreib ’s auf“, sagte er zum Keeper, und der nickte gottergeben. Barry Queens bezahlte immer.

„Hast du deine Ausrüstung beisammen?“, fragte Morgan, als sie hinaus auf die lärmende Straße traten.

Barry Queens blinzelte gegen die Sonne. „Sie liegt im Kofferraum meines Wagens. Er steht gleich um die Ecke. Komm mit.“

Er hatte es voll akzeptiert, dass er jetzt mit Patrick eine weitere Reise antreten würde. „Wo bleibst du so lange?“, wandte er sich um.

Patrick Morgan hatte Mühe, ihm zu folgen. Der hünenhafte Ire hatte sich mit Riesenschritten in Bewegung gesetzt. Nach einer knappen Minute stand er vor seinem Wagen. Diese Rostbeule konnte man nur noch schwerlich als ein Auto bezeichnen. Ehemals war die Blechkutsche ein betagter Chrysler gewesen, doch das merkte ihm nur noch der Kenner an. Die Stoßstangen waren genauso verschwunden wie der Lack. In jedem Land der nördlichen Breitengrade wäre der Wagen auf der Stelle aus dem Verkehr gezogen worden, und selbst im in dieser Hinsicht weitaus toleranteren Mexiko war die Blechkarosse schon zweimal versehentlich von der Müllabfuhr abgeschleppt worden. Queens hatte sie immer wiedergefunden.

„Fahren wir mit meinem Wagen?“, fragte er.

Patrick Morgan schauderte.

„Lieber nicht. Ich käme mir vor wie ein vergammelter Käsekuchen in der Mülltonne. Hole deine Sachen.“

Barry Queens grinste. Er schlug mit der rechten Faust an eine bestimmte Stelle am rechten hinteren Kotflügel, und der Kofferraumdeckel sprang quietschend auf. Ein Reserverad lag nicht darin. Der ganze Raum wurde von zwei Aluminiumkoffern eingenommen. Barry Queens wuchtete sie heraus und stellte sie auf die Straße.

„Wäsche willst du keine mitnehmen?“, fragte Patrick.

„Ist im Koffer mit der Dunkelkammer“, brummte Queens und schlug den Kofferraum zu. Das Nummernschild fiel herab und blieb scheppernd auf dem Asphalt liegen. Der Ire beförderte es mit einem Fußtritt unter den Wagen. „Ich werde vom nächsten Honorar fünfzig Dollar abzweigen und mir einen neuen Wagen kaufen“, meinte er.

„Fünfzig Dollar?“, zweifelte Patrick Morgan.

„Klar doch. Der Whisky war immer teurer.“

Damit hatte Barry Queens seinen Chrysler abgeschrieben. Er nahm die schweren Aluminiumkoffer und trabte hinter Patrick Morgan her. Als Fatalist verschwendete er keinen Gedanken darauf, wohin der Journalist ihn führte. Barry Queens fragte nicht lange. Abenteuer gehörten mit zu seinem Leben, wie für andere Leute das Zähneputzen.

*

Jeden Mittwoch war Markttag in Viricota.

Ramirez hat sein Maultier beladen. Es sollte seine Waren nach Viricota tragen. In handgefertigten Netzen schaukelten Papayas und Avocados, das einzige Gemüse, das in den kargen Steinwüsten des Hochlandes gedeihen kann, wenn man die am Dorfbrunnen gefüllten Wasserschläuche aus Ziegenleder bis hinaus auf die Felder schleppt. Ramirez war vierzig. Doch er sah aus wie sechzig.

Sein Maultier trug die Früchte, und die Schultern Ramirez’ waren unter der Last der Decken gebeugt, die seine Frau und die sechs Kinder während der letzten drei Wochen mühsam auf dem primitiven Handwebstuhl unter dem Vordach der Strohhütte gewebt hatten.

Nach Viricota verirrten sich an den Markttagen immer einige Touristen, denen Ramirez die Decken zu verkaufen hoffte. Er wusste mit den Motiven, die sie zeigten, nichts mehr anzufangen. Er hatte sie von seinem Vater gesehen, und der hatte sie von seinem Großvater übernommen. Dem Kleinbauern Ramirez sagten die Toltekenkrieger und Mixtekenfürsten, die in kühnen Schattenrissen in den Sisal gewebt waren, nichts.

Das Maultier trottete mit hängendem Kopf durch den weglosen Staub, der sich ockerbraun und lehmig auf die Haut legte und bei jedem Schritt des Tieres hochwirbelte. Der Marsch ging über verdorrte Erde und graugrün sprießende Kakteenfelder. Die spitzen Domen auf dem Boden vermochten der Hornhaut unter seinen Füßen nichts anzuhaben. Ramirez litt auch nicht unter der Hitze des frühen Morgens, die der glühende Sonnenball auf seinen gebeugten Rücken brannte. Ramirez döste im Gehen und träumte vom Ende dieses Tages, an dem er vor dem Heimweg in einer kleinen Pulqueria landen und sich wie an jedem Markttag zum Höhepunkt ein Glas gönnen würde, bevor er wieder in die trostlose Gewöhnlichkeit seines Alltags zurückkehrte.

Die ersten Häuser Viricotas tauchten aus dem Dunst auf. Ramirez ging zielstrebig auf sie zu.

Viricota war ein kleines Nest mit vielleicht zweitausend Einwohnern. Man konnte es in zwei Autostunden von Oaxaca aus erreichen. Zwei Autostunden, in denen einem Auto alles abverlangt wurde, denn die Straße verdiente diese Bezeichnung nicht. Sie war nur ein Pfad, der sich ständig änderte und in den schwere Fuhrwerke mit zusammengenagelten Holzrädern tiefe Furchen gezogen hatten. Deshalb kam auch niemand nach Viricota. Und wenn ein Fremder kam, dann blieb er nicht lange.

Die Bevölkerung war ausschließlich indianisch; abgestumpfte, in harter Arbeit verschlissene Indios, die Nachfahren eines einst stolzen Volkes.

Die Pyramiden von Midas, Zeugnisse einer großen Vergangenheit, waren kaum drei Stunden von Viricota entfernt, doch wenn ein Bewohner der Stadt die antiken Bauten jemals zu Gesicht bekommen hatte, dann stand er vor ihnen wie ein Fremder.

Die Indios von Viricota waren zumeist Analphabeten und konnten mit Hilfe ihrer Knotenschnüre vielleicht noch bis hundert zählen. Die Schule existierte erst seit zwei Jahren, doch die Lehrerin, eine junge Mexikanerin spanischer Abstammung, wurde von den Dörflern gemieden. In Viricota wollte man nichts Neues. Man wollte unter sich bleiben. Man wollte von der Welt vergessen sein. Wie die Jahrhunderte vorher.

An all das dachte Ramirez Spela nicht, als er sich in den Staub des Marktplatzes hockte und seine Papayas und Avocados zu kunstvollen Pyramiden auftürmte. Die handgewebten Decken breitete er daneben und wartete auf Kundschaft. Sie kam nur spärlich.

Eine alte Frau trat an seine Früchte und betastete sie prüfend. Dann legte sie sie wieder zurück. Ramirez schaute nicht einmal auf. Es war noch früh am Vormittag. Ein Land Rover bog auf den Marktplatz und hielt inmitten einer Staubfahne. Er spuckte vier Leute aus. Es waren Fremde. Nordamerikaner. Touristen.

Eine Frau mittleren Alters, die in einer unförmigen Khakiuniform steckte und einen Tropenhelm auf dem aschblond gefärbten Haar trug, schritt am Arm eines glatzköpfigen Mittfünfzigers rotgesichtig durch die Reihen der Händler, die wie Ramirez aus den Dörfern der Umgebung zum Markttag gekommen waren.

Vor den Decken Ramirez’ hielt sie an.

„Wonderful!“, kreischte sie und nahm eine der Decken vom Boden auf. Sie unterhielt sich aufgeregt mit ihrem Begleiter, der widerwillig seine Geldbörse aus der Gesäßtasche holte. Er machte sich durch Zeichen verständlich, was er zu zahlen bereit war.

Ramirez’ Gesicht leuchtete eine Sekunde lang auf. Dann zeigten seine Züge wieder die starre Maske der Hochlandindianer. Der Mann hatte das Doppelte geboten, was er sonst für seine Decken bekam. Wenn Ramirez sich freute, dann wusste das niemand außer ihm. Er strich die Pesos ein und nickte stoisch. Die Frau kreischte noch erfreut, als sie schon um die nächste Ecke gebogen waren. Ramirez nahm die siebzig Pesos und steckte sie beinahe andächtig in den Ledergürtel, den er unter seinem zerschlissenen Hemd auf der Haut trug.

Die Stunden verrannen.

Als die Sonne im Zenit stand, erhob sich Ramirez Spela. Die Geschäfte waren gut gewesen. Er hatte alles verkauft. Die restlichen drei Decken hatte ihm ein Zwischenhändler abgenommen und ihn dabei kräftig übers Ohr gehauen. Trotzdem war Ramirez Spela glücklich.

Er räumte die Tragenetze zusammen und packte sie dem Maultier auf, das die ganze Zeit geduldig neben ihm in der brennenden Sonne ausgeharrt hatte.

Jetzt würde ihm genügend Zeit verbleiben, in der nächsten Pulqueria oder auf einem der wackeligen Stühle vor dem Lokal ein Gläschen zu trinken. Oder zwei.

Die Andeutung von einem Lächeln stahl sich auf seine maskenhaften Züge, als er auf die Pulqueria zuging.

Doch dann gefror sein Lächeln.

Wie er, sahen auch die umstehenden Händler das schwebende Messer.

Das Stimmengewirr verstummte. Die Furcht schlich sich in die Herzen der Indios.

Das Messer stand ruhig. Der Stahl glitzerte kalt in der Sonne.

Dann bewegte sich das Messer. Ganz langsam. Unmerklich fast. Doch alle sahen die Bewegung.

Ramirez’ lederbraune Haut wurde blass.

Die Spitze der Klinge wies auf ihn. Und der todbringende Stahl kam näher. Ramirez setzte unbeholfen einen Schritt zurück. Die anderen Männer standen wie erstarrt. Gebannt und leblos wie Puppen folgten nur ihre Augen dem schauerlichen Schauspiel.

Ramirez blickte sich gehetzt um. Doch da war niemand, der ihm helfen konnte. Wie festgewachsen standen alle und schauten zu.

Eine Stimme wurde laut.

Sie war nur ein heiseres Krächzen, doch jeder hörte sie, als hätte er selbst die Worte formuliert.

„Die Götter eurer Väter sind zurückgekehrt“, sagte diese Stimme, und sie kam aus dem Nichts. Sie sprach in den Gehirnen der, wie zu Stein erstarrten, Indios.

Auch Ramirez Spela hörte diese Stimme. Ein Würgen setzte sich in seine Kehle und blieb. Wie das Messer, das vor ihm schwebte.

Dann riss der Indio schützend die Arme hoch.

„Nein!“, rief er. „Nein!“

Der geheimnisvolle Mörder hatte ein neues Opfer gefunden.

„Xandros, der Gott der Götter, braucht neues Blut“, sagte die unsichtbare krächzende Stimme. „Er braucht Herzen, um stark zu werden. Eure Herzen. Viele Herzen. Denn Xandros lebt. Er ist euer Herr. Opfert eurem Herrn!“

Die Augen des Indios Ramirez Spela waren glanzlos geworden. Die Pupillen hatten sich unnatürlich geweitert. Schwarz wie Knöpfe standen sie im grellweißen Augapfel. Keine Furcht lag mehr in ihnen. Ramirez Spela war in Trance.

Mit marionettenhafter Langsamkeit breitete er die Arme aus, als würde er sich dem Kreuz darbieten. Seine Lippen formulierten lautlos Worte, doch die Umstehenden hörten sie.

„Nehme mein Herz, Gott unserer Väter. Werde stark, Xandros.“

Dann drang die Klinge bis zum Heft in seine linke Brustseite, bewegte sich ruckartig und sägte einen Kreis. Das Messer sank. Blut tropfte von der Klinge. Hellrotes Blut.

Eine unsichtbare Hand griff in die offene, pulsierende Wunde. Das Herz des Indios trat aus dem Fleisch. Es zuckte noch. Dann löste es sich in Nichts auf. Nur auf dem Boden bildeten sich hässliche rote Flecken, wie von Geisterhand gezaubert.

Jetzt erst brach Ramirez Spela zusammen. Er stürzte in sein Blut, das in den Boden des Marktplatzes von Viricota versickerte.

Die Zeugen des Ereignisses standen breitbeinig und hoben ihre Gesichter der Sonne entgegen, die Hände ausgestreckt und die Handflächen den sengenden Strahlen darbietend. Sie hielten die Augen geschlossen, und doch sahen sie unter den geschlossenen Lidern, wie der Sonnenball die Konturen der grausamen Fratze von Xandros annahm. Unsagbar grell strahlten die Züge des Sonnengottes. Sein Mund war eine rote, klaffende, bluttriefende Wunde …

*

Der Porsche Carrera war für diese Straßen nicht gebaut worden. Die Federung ächzte unter der Beanspruchung.

„Wie lange soll dieses Schlaglochrennen denn noch dauern?“, grunzte Barry Queens, der vorübergehend auf dem Beifahrersitz eingedöst und vor einigen Minuten wach gerüttelt worden war.

Patrick Morgan warf einen Blick auf den Kilometerzähler.

„Noch zehn Kilometer.“

Es war später Nachmittag. Rötliche Streifen am Horizont kündeten das Nahen der Dämmerung an.

„Wenn man Whisky buttern könnte, hätte ich jetzt den Bauch voll von Whiskybutter“, meinte Queens.

„Dann wäre endlich auch einmal ein Brotaufstrich für dich gefunden“, grinste Morgan. „Hast du überhaupt schon etwas gegessen, heute?“

„Ich schätze mich auf zweieinhalbtausend Kalorien“, sagte Barry Queens kalt. „Ein Mann meiner Statur darf ruhig dreieinhalbtausend Kalorien zu sich nehmen. Ich kann also noch einige Gläser Whisky essen.“

Patrick Morgan gab es auf. Außerdem musste er seine ganze Aufmerksamkeit der Straße widmen, wenn er nicht mit einem Achsenbruch liegenbleiben wollte.

„Ich hoffe, in diesem Nest gibt es wehnigstens ein anständiges Hotel“, sagte Queens und streckte sich, so gut er das in einem Porsche Carrera konnte. „Wie heißt das Nest doch gleich wieder?“

„Viricota“, antwortete Patrick Morgan und wich einem knietiefen Schlagloch aus. „Wenn es in dieser Gegend überhaupt so etwas wie ein Hotel gibt, dann dort. In fünfzig Kilometer Umkreis findest du nur noch kleine Dörfer, in denen du nicht einmal Zigaretten kaufen kannst.“

„Und wie steht’s mit Weibern?“

Morgan grinste. „Auch in dieser Beziehung wird der Schnabel sauber bleiben. Vielleicht findest du einige Peyote kauende Indionutten, doch die dürften nicht nach deinem Geschmack sein. Als Schönheitsmittel reiben sie sich mit ranzigem Ziegenfett ein.“

„Hör auf und lass mich aussteigen. Ich gehe wieder zurück.“

„Später. Ich fahre dich sogar zurück. Aber zuerst sehen wir uns einmal an, was hier läuft.“

„Ich muss heute früh besoffen gewesen sein, als ich zu dir ins Auto stieg“, meinte Barry Queens. „Total besoffen.“

Patrick Morgan antwortete nicht. Dafür kannte er Barry schon zu lange. Der Ire stand zwar ständig unter Strom, doch betrunken hatte er ihn noch nie erlebt. Queens wusste haargenau, auf welches Abenteuer er sich eingelassen hatte, und er würde nicht abspringen, bevor er nicht seine Aufnahmen im Kasten hatte. Auch den Fotografen hatte das Jagdfieber gepackt, und seine Rederei diente nur dazu, seiner inneren Aufregung ein Ventil zu verschaffen. In Wirklichkeit konnte auch er es kaum erwarten, bis sie auf der Suche nach dem geheimnisvollen Mörder zu ersten handfesten Ergebnissen kamen. Viricota sollte die Ausgangsbasis für ihre Recherchen sein. Patrick hatte erklärt, was er sich von dieser Fahrt in die Sierra versprach. Sie hatten sich geeinigt, als abenteuerlustige Touristen aufzutreten.

Noch ein Kilometer bis Viricota.

Als sie in die Dorfstraße einfuhren, begann es bereits zu dunkeln. Trotzdem wunderten sie sich, dass auf dem Marktplatz Fackeln entzündet waren.

„Feiern die uns zu Ehren ein Fest?“, wunderte sich Queens. „Wir haben uns doch gar nicht angekündigt.“ Er wusste wie auch Patrick Morgan, dass die Indios sich meist mit den Hühnern schlafen legten oder zumindest in ihren Häusern verschwanden, sobald die Nacht hereinbrach.

Doch an diesem Abend war der runde Platz in der Mitte des Dorfes voller Menschen. Sie schauten feindselig auf den kanariengelben Sportwagen und bahnten ihm nur widerwillig eine Gasse.

Patrick Morgan kurbelte das Fenster herunter und fragte den abgezehrten Indio, der ihm am nächsten stand: „Was wird denn hier gefeiert?“

Der Indio wandte sich wortlos ab. Morgan zupfte ihn an seinem durchlöcherten Umhang. Mit der anderen Hand hielt er ihm einige Pesetas unter die Nase.

„Was ist denn hier los?“, wiederholte er seine Frage.

Doch Indio reagierte nicht einmal auf die Münzen in Morgans Hand, und das war zumindest höchst außergewöhnlich.

Morgan ließ das Fenster unten und fuhr langsam weiter. Sie ließen die Mengen hinter sich. Am Rand des Platzes standen die Menschen nicht so dicht gedrängt.

Endlich machte Morgan eine verwaschene Schrift über einen Hauseingang aus. El Meson del Verano – Herberge zum Sommer. Das Haus sah wenig vertrauenerweckend aus. Es hatte im Gegensatz zu den umliegenden Lehmhütten ein zweites Stockwerk, in dem blind schmutzige Fensterhöhlen glotzten. Ins Restaurant kam man durch einen Perlenvorhang. Im Erdgeschoss waren die Fenster nicht verglast. Das Restaurant war leer, wie Morgan vom Auto aus zu sehen glaubte. Der Journalist parkte den Wagen unter einer niedrigen Toreinfahrt. Die beiden Männer stiegen aus. Queens hatte aus dem Aluminiumkoffer, den er auf den Notsitz geworfen hatte, eine Kamera geholt. Sie pendelte in seiner wuchtigen Hand, als sie die Perlenschnüre am Eingang beiseite räumten.

Es war doch jemand im Lokal. Der Mann stand am einzigen Fenster, das zum Marktplatz hinausging, und renkte sich halb den Hals aus, um etwas sehen zu können.

„Buenas tardes“, sagte Morgan laut, und der Mann fuhr herum. Er war kein Indio. Dafür war er erstens zu gut genährt, und zweitens kündeten sein fettiger, schwarzer Schnurrbart und sein feistes Gesicht, dass weißes Blut in seinen Adern pulsierte. Indios haben keine Bärte. Der Mexikaner hatte eine schmuddelige Schürze um seinen dicken Bauch gebunden. Erschrocken fuhr er herum.

„Dispense Vuestra merced“, sagte er schnell. „Entschuldigen Sie bitte. Ich habe Sie nicht kommen gehört.“

„Macht doch nichts“, antwortete Patrick Morgan. „Was gibt es denn draußen, so Wichtiges zu sehen? Was soll dieser Menschenauflauf?“

Sofort verschloss sich das Gesicht des Mexikaners. Er betrachtete die Fremden misstrauisch.

„Eine Leichenfeier“, sagte er dann zögernd. „Nichts Besonderes.“

„Muss dann wohl ein sehr bekannter Mann gewesen sein, der Verblichene“, fiel Barry Queens ein. „Bei so vielen Trauergästen.“

Der Wirt ging nicht darauf ein. „Haben Sie sich verirrt?“, fragte er dagegen. „Fremde sind selten in Viricota.“

„Nein“, lachte Morgan. „Wir sind schon, wo wir hin wollen. Wir wollten mal weg von den Touristenpfaden und auf eigene Faust etwas unternehmen. Können Sie uns ein Zimmer, sagen wir mal, für eine Woche geben?“

„Alles belegt“, brummte der Wirt. „Sie müssen weiterfahren.“

„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte Barry Queens. „Ich werde Ihre Bruchbude in die Einzelteile zerlegen, wenn Sie uns angelogen haben.“ Drohend ging er auf den Mexikaner zu. Der stand zwar gut im Futter, aber er war nicht groß. Der hünenhafte Ire überragte ihn um zwei Kopflängen. Der Herbergsvater wurde noch kleiner.

„Ich habe zwar noch ein Doppelzimmer frei“, stammelte er gepresst, „aber das wird den Herren nicht gefallen.“

„Lassen Sie das unsere Sorge sein“, meinte Queens. „Wir sind nicht wählerisch. Wenn weniger als fünfzig Wanzen an den Wänden herumkrabbeln, nehmen wir es.“

„Zimmer vier“, sagte daraufhin der Wirt.

Barry Queens ließ seine großen Hände wieder sinken.

„Und jetzt erzählen Sie uns, wer hier das Zeitliche gesegnet hat“, sagte der Ire. „Wir sind neugierig. War es der Alkalde?“

„Nein. Nicht der Bürgermeister. Es ist ein Bauer aus Perazza. Ungefähr zwei Stunden von hier.“

„Und warum beerdigt man ihn nicht in Perazza?“

Der Wirt schaute zu Boden.

„Er wollte es so.“

„Das kommt mir aber reichlich seltsam vor“, meinte Barry Queens und hob seine Hände wieder, ballte sie sinnend zur Faust. „Auf dem Marktplatz ist doch sicher nur die Trauerfeier. Warum findet die nicht in der Kirche statt? Ihr habt doch einen Priester hier?“

„Der Tote wollte keine kirchliche Beerdigung“, sagte der Wirt, und man brauchte kein Menschenkenner zu sein, um zu sehen, dass er log. Und dass er nicht freiwillig log.

„Verbrennt man ihn?“, fragte Patrick Morgan auf gut Glück. Der Herbergswirt zuckte zusammen.

„Man verbrennt ihn“, gab er schließlich nach einer kurzen Pause zu.

Patrick Morgan roch die frische Spur. Mit dem Gespür eines Reporters stellte er seine nächste Frage.

„Aus der Leiche des Indios war nicht zufällig das Herz herausgeschnitten?“

Wie von einer Tarantel gebissen, fuhr der Mexikaner hoch. Sein Mund stand weit offen. Er wich mit blutleerem Gesicht zur Wand seiner Bodega zurück.

„Woher wissen Sie …?“

Brachte er die beiden Fremden mit dem mysteriösen Verbrechen in Zusammenhang? Glaubte er, dass sie mit dieser Sache etwas zu tun hätten? Dass sie mehr darüber wussten, als es den Anschein hatte? Die Furcht kroch hoch in Miguel Calozza, dem Wirt der schmierigen Herberge.

Patrick Morgan sprach betont beiläufig weiter.

„Sie müssen sich nicht gleich so aufregen wegen meiner Frage. Ich habe heute Mittag in Oaxaca davon gehört, dass es hier einige Todesfälle gegeben hat, bei denen den Leichen die Herzen herausgeschnitten wurden. Ist das ein Brauch bei den Indios, oder gehörte der Tote, der da draußen verbrannt wird, irgendeiner Sekte an?“

Miguel Calozza beruhigte sich wieder. Sein Atem ging nicht mehr so schnell. Diese Frage hätte jeder harmlose Tourist auch stellen können.

„Ich kenne mich da nicht so aus“, sagte er. „Aber so ähnlich wird es wohl sein. Vermutlich gehörte der Verstorbene einer Sekte an.“

„Und das Herz wurde ihm auch herausgeschnitten?“, bohrte Morgan weiter.

„Ich habe davon gehört“, sagte der Wirt unsicher. „Aber ich kann Ihnen nichts Genaues darüber sagen. Sie müssten schon die Indios fragen. Vielleicht wissen die mehr.“