Brandmale des Glücks - Klaus Merz - ebook

Brandmale des Glücks ebook

Klaus Merz

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Opis

Peter von Matt verglich ihn mit dem Grünen Heinrich, Gunhild Kübler sprach von einem „Wunder“ - gemeint ist „Jakob schläft“, jener schmale Roman von Klaus Merz, der 1997 die Wahrnehmung seines Schaffens schlagartig veränderte. Es folgten weitere große Erfolge, zum Beispiel die Novelle „Der Argentinier“, die über mehrere Wochen an der Spitze der Schweizer Bestsellerliste stand. Band 6 der Werkausgabe vereinigt die großen Erzählungen von Klaus Merz und beinhaltet in mehrfacher Hinsicht „Brandmale des Glücks“. Es sind Zeugnisse der Balance zwischen Verheerungen und Glücksmomenten, in der sich der Mensch ein Leben lang zu halten sucht. Zugleich hält der Autor mit wunderbarer Leichtigkeit und höchster sprachlicher Kunstfertigkeit dem Unabänderlichen jene Ereignisse entgegen, die für Augenblicke die Schwerkraft außer Kraft setzen.

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HAYMONverlag

Klaus Merz

Brandmaledes Glücks

Prosa 1996–2014

WerkausgabeBand 6

Mit Zeichnungen und Bildern von Heinz EggerHerausgegeben von Markus Bundi

 

 

 

© 2014

HAYMONverlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-7099-3724-2

Buchgestaltung und Satz:

hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Umschlaggestaltung:

hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol, nach einem Entwurf und unter Verwendung einer Zeichnung von Heinz Egger

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Inhalt

Jakob schläft. Eigentlich ein Roman

Adams Kostüm. Erzählungen

Fast Nacht

Adams Kostüm

Zugzwang

Schneewittchens Sohn

LOS. Eine Erzählung

Der Argentinier. Novelle

Meine Bergfahrt

Editorische Notiz

Klaus Merz

Jakob schläft

Eigentlich ein Roman (1997)

 

Abends sieht man ihn wandern,als wäre Gehen ein Ruhnim Licht, das die Schätze der Weltunberührbarins Offene hält.

Aus dem Gedicht „Fragment“von Erika Burkart

 

1

Kind Renz. Vom Fensterbrett wirbelt Staub, in meinem Rücken steht das Kreuz mit dem morschen Fuß, sein schmales Kupferdach ist hauchdünn mit Grünspan überzogen. Vor den acht Buchstaben, die ins Querholz eingebrannt sind, habe ich lesen gelernt.

Der ältere Bruder ist bei der Geburt gestorben und hätte eigentlich Jakob heißen sollen. Da es aber nicht zur Taufe gekommen ist, haben sich auch die Eltern, eigenartig zwanghaft, an die amtliche Namenlosigkeit ihres Ältesten gehalten.

An der Hand des Vaters, an der Hand der Mutter, zwischen den schwarzen Wintermänteln der Großeltern habe ich die seltsame Bezeichnung für meinen Bruder immer wieder durchbuchstabiert. Kind Renz.

Dass die Erwachsenen am Grab weinten, ist dann allmählich seltener geworden. Wie die Friedhofsbesuche auch. – Das Hochzeitsbild des jungen Paares, auf dem die Schwangerschaft als Schatten im Gesicht der Braut schon ablesbar gewesen sein muss, hat nie auf unserem Stubenbuffet gestanden.

Begonien wechselten ab mit Stiefmütterchen, Stiefmütterchen mit Geranien, am längsten hielt sich der Rosenstrauch. Bis das verwitterte Kreuz eines Tages im Holzschopf neben dem Schweinekoben stand und niemand in der Familie recht wusste, wohin damit.

Ein Jahrzehnt später ging es vermutlich samt Fahrhabe und Brennholzvorrat, samt Werkbank und verbeultem Benzinkanister, Spaltstock und Harleypneus über an den neuen Besitzer der Liegenschaft, die kurz darauf noch ein zweites Mal die Hand wechselte, bevor sie endgültig eingeebnet wurde.

Innerlich gebückt, um den Schädel nicht wieder am Türbalken des leeren Schweinestalls aufzuschlagen wie damals, als ich im halbdunklen Koben das Sparschwein mit meinen Fünfzig-Rappen-Stücken knackte, geht es weiter im Kopf.

Die Münzen brannten in der kleinen Faust, sie fraßen sich heiß in meinen Handteller hinein, und ich begriff auf der Stelle, was die Erwachsenen meinten, wenn sie behaupteten, dass Geld auch nicht glücklich mache.

Um meinen Frevel zu vertuschen, verstreute ich die handwarmen Batzen in hohem Bogen im frisch gefallenen Schnee und betete zu Jakob, inbrünstig, er möge sie doch um Himmels willen zum Verschwinden bringen.

Nach der Schneeschmelze blinkten die Silberlinge wieder gnadenlos in der Sonne. Ich sammelte sie erschreckt ein.

Böser Lukas, sagte Vater.

Er stand mit seinem Reisbesen in der Hand auf dem Wellblechdach des Mehlmagazins, wo ein Teil meiner Börse liegen geblieben war, und schaute auf mich herab.

Vermaledeiter Jakob!, dachte ich.

Im Sand der abgebrannten Voliere hockte wie immer ein aufgeplusterter Spatz.

 

2

Man habe die Vögel bis ins Nachbardorf schreien gehört. Mit brennenden Schwingen seien die Exoten im Käfig herumgeflattert, während Großvater mit dem Gartenschlauch in der einen, einem Beil in der anderen Hand gleichzeitig gelöscht und geschlachtet habe und vom Unterdorf her das Martinshorn allmählich näher gekommen sei.

Ein Lachender Hans ohne Kopf flog über den Gartenzaun aufs Bahngeleise hinaus, wo ihn später der Streckenwärter zwischen den rostigen Schwellen fand. Die Brandstifter wurden nie erwischt. Und Großvater ließ von da an die Vögel bleiben, die mit ihren knarrenden Flüchen tagaus, tagein nur die Nachbarschaft genervt hatten.

Die eine der beiden Volieren diente uns später als Sandkasten. Hier buken wir Stangenbrote und Gugelhöpfe, bauten wir Schlösser, die Ritterburg, gruben wir uns auf den Erdmittelpunkt zu.

Und setzten wir am Tag nach der Sonntagsschule die Sintflut in Gang.

Der andere Riesenkäfig, südseits des Hauses, wurde in eine Gartenlaube umfunktioniert. Auf dem Feldbett mit dem Blumenmuster, unter der mokkabraunen Kamelhaardecke aus Scharm El-Scheich, einem Geburtstagsgeschenk von Franz, hielt Vater, staubig und müd von der Nachtarbeit, von Frühling bis Herbst seinen Nachmittagsschlaf.

Die Wände des Anbaus waren gelb gestrichen. Als läge man in einem Ei. Mutter zog Vater die Vorhänge zu, ihre Kletterrosen wuchsen artig dem Traufbrett entlang. Auf der Abdeckleiste über dem Kopfende des Gartenbettes reihte sich Fettfleck an Fettfleck, eine lässliche Unordentlichkeit im Laubenschatten, die rosarote Ohropaxdeponie. Von hier aus war Vater eines Nachmittages, wankend und bleich, die Kamelhaardecke um die Schultern geschlagen, in die Backstube zurückgekehrt. Als käme er aus dem Krieg.

Er war im Halbschlaf in einen Hinterhalt geraten. Die Ärzte nannten es Epilepsie.

 

3

Im Zwielicht der großen Voliere, silbergraue Vampires im Tiefflug kehrten dröhnend zu ihren Ausgangsbasen zurück, tauchten Sonja und ich ins Reich der Liebe ein. Wir legten einander die Finger zwischen die nackten Zehen und rochen daran, benommen bis ins Einschlafen hinein.

Sonjas drei Brüder bewachten unser Liebesnest, während ihr Vater noch immer im Freien vor der Sattlerei stand und seine Zupfmaschine mit Rosshaar fütterte, das ihm auch schwarz aus dem Hemdausschnitt quoll.

Sommers arbeitete er die durchgelegenen Matratzen der ganzen Gegend neu auf, geblümt, gestreift, gesprenkelt, und überließ uns den verfleckten Drillich für die Indianerzelte. Auf dem Lagerfeuer mottete Seegras, es hielt uns die Bremsen fern.

Während der Wintermonate ritten wir auf den lädierten Pferdesätteln der ortsansässigen Fabrikantenfamilien durch die niedere Werkstatt oder hockten als stille Eingeborene, trunken von den Leimdämpfen, im dämmrigen Lederreservat.

An diesem Abend aber waren Sonjas Brüder, pflichtvergessen, wie sie uns schon tagsüber immer wieder vorgekommen waren, über den Jagdspeeren eingeschlafen, und unsere Eltern trugen uns auf ihren Armen zu Bett.

Ihr Weg führte am ehemaligen Fischteich vorbei, der nach der Karpfenzeit, die sich nahtlos an Großvaters Vogelzeit angeschlossen hatte, zu unserem Planschbecken geworden war.

Die Wasseroberfläche hatte wie das schillernde Kostüm eines Weißclowns ausgesehen, als Großvaters Wildkarpfen ihre Schuppen fahrenließen und rücklings, nackt, durch den ausbetonierten Teich auf den Ausguss zutrieben.

Während einer stürmischen Nacht im April, Bäche traten über ihre Ufer, ganze Häuser wurden abgedeckt, die Kartoffeln schwammen aus den Kellerlöchern heraus, rissen brechende Tannäste die Oberleitung der Bahn entzwei, und ein Drahtende schlug ins nahe Fischbecken ein.

Nicht berühren!

stand auf den gelben Warntafeln mit dem schwarzen Totenkopfemblem, das von jedem Fahrleitungsmast herabgrinste. Wir fassten die toten Tiere nicht an.

Das frisch herausgeputzte Binnenmeer mit seinem vitriolblauen Wasser machte an wolkenlosen Sommertagen die bleischweren Knochen meines jüngeren Bruders leicht.

Er lag ausgestreckt im Teich, den schwarzen Autoschlauch um die Brust gelegt, einen Korkteller als Heiligenschein unterm Hinterkopf, und ängstigte sich sehr, wenn wir mit den Luftgewehren über seinen Bauch hinweg die Elstern von Mutters Salatbeeten schossen.

Manchmal tauchten über der Abflussröhre auch die roten Bäuche der Molche auf und erschreckten ihn. Wasserläufer griffen ihn mit den dünnen langen Beinen an, oder ein Feuersalamander brannte ihm auf der weißen Haut.

In unserer Verwandtschaft wurde mein Bruder Sonne genannt.

Er schrie nicht, als die rote Katze neben ihm im Wasser lag. Ich hatte sie ertränkt, um ihn von der Wut zu befreien, die er an uns nie auslassen konnte. Und ich nicht an ihm.

Die Liebeslaube nannten wir Orient.

 

4

Franz, steck deine Hand in Brand, damit sie uns leuchte!

Aus Unachtsamkeit hatte Franz beim Spiel mit dem Messer, dessen Spitze er wie einen Trommelwirbel in den Zwischenräumen seiner gespreizten Hand hin- und herschießen ließ, schon einen Finger verloren, den kleinsten. Seither steckte er seine Havarie, wie er es nannte, noch viel lieber in Brand.

Er goss Petroleum über die Haut, zündete sie mit seinem Feuerzeug an. Wir erschraken und lachten, er lachte mit und schob die lodernden Finger schnell in den Hosensack seines blauen Overalls zurück, um die Flammen zu ersticken, zog mit der freien Hand gleichzeitig eine brennende Zigarette aus dem linken Ohr. Die Sattlerbuben staunten.

Wer Franz nie im Handstand durch unseren Holzschopf hatte gehen sehen, wer noch nie vom Blick der tätowierten Meerjungfrau getroffen worden war, die sich mit ihren tintenblauen Armen um sein Schienbein schlang und unterm hochgerutschten Hosenstoß langsam aufwärts schwamm, der gehörte nicht zum Kreis der Eingeweihten.

Und der fand auch keinen Platz auf dem Sozius seiner Harley, die Franz an guten Tagen aus dem Werkbankschatten in die Sonne rollte, damit wir uns, die Mutigsten und die Beladensten, in ihrem großen Sattel von aller Erdenschwere freifedern konnten.

Es waren Brandmale des Glücks, die unsere Schenkel und Knöchelgegenden zierten, wenn wir in den langgezogenen Kurven hinter der Käserei von Wynon der Fliehkraft nicht mehr standhalten mochten und unser nacktes Fleisch an die heißen Auspuffröhren schmiegten.

Erst zu Hause verwandelte sich unser Glück wieder in Schmerz, die Wunden glühten. Man legte Tafelbutter auf und untersagte uns die wilden Fahrten strikt.

 

5

Hinter dem breiten Rücken herrschte ein dunkles Vakuum, das nach Leder roch. Neben meinen spitzen, nackten Knien schossen Asphalt und Grasnarbe vorbei. Die Schachtdeckel glänzten. Der Zweiunddreißigjährige, der jetzt den Lenker des schweren Motorrades in den Händen hielt, war mein Vater.

Die Landschaft, in die wir hineinfuhren, pulsierte wie eine offene Fontanelle. Ihre Ränder leuchteten rot. Ein besoffener Bauer hielt mit seinem Ford auf uns zu. Vater fuhr in die Wiese hinaus, bremste. Aus dem offenen Kofferraum des Wagens, der im Zickzack weiterfuhr, schwappte Milch.

Jetzt wären wir beinahe davongekommen, sagte ich zu Vater. Etwas an diesem Satz dünkte ihn falsch, aber er korrigierte mich nicht, hob mich vom Sozius und drückte mich an die Brust. Wir atmeten durch, setzten uns neben der laufenden Maschine ins kurze Gras.

Hydrozephalus. Ein rundes, behaartes, beinloses Insekt von der Größe eines beladenen Heuwagens kam uns von der Moräne her querfeldein entgegen. Wir fuhren wieder los.

Ich versuchte mir meinen kleinen Bruder vorzustellen, dessen Kopf, wie es hieß, zu schnell wuchs. Durch diese Überdimension alarmiert, rasten wir weiter das Tal hinab. Panisch und titanisch zugleich, wuchsen wir viel zu schnell in die rasch herabfallende Dämmerung hinein. In der Kantonshauptstadt gingen auf einen Schlag die Lichter an.

Der Bruder schlief, als wir ins Zimmer traten, sein modelliertes Köpfchen lag auf dem weißen Kissen und wusste nichts von sich selbst. Auch ich sah nicht, was ich wusste. Das Wort Wasserkopf hat uns das sachdienliche Leben erst später beigebracht.

Ich drehte mich Mutters Bett zu. Sie lag in einer Lache von Schmerz und suchte nach mir mit der Hand. Ich zog meine Lederhaube nicht aus.

Die Verzweiflung begann das Krankenzimmer langsam mit Elektrizität zu füllen, unsere Augen leuchteten grün. Das Bündelchen erwachte:

Zusammen

wollen wir es tragen

quer durch die Welt, sagte Vater.

Als wir wieder nach Hause kamen, stand die Glätterin noch immer an ihrem Bügelbrett und stärkte unsere Kragen.

 

6

Wir bewohnten den ersten Stock unseres Hauses nur zum Schlafen, bei Krankheit und an hohen Feiertagen. Die restliche Zeit verbrachten wir parterre. In der Backstube, der Küche, im Laden. Und in der kleinen Stube nebenan, mit den Eisblumen an den Fenstern.

Sommers standen rote Geranien auf dem Sims, vor Gesundheit strotzend. Sie waren das Resultat von Mutters grünem Daumen. Die Pflanzen standen für die andere Seite ihres Lebens, grün und rot und üppig. Was sie anfasste, schlug Wurzeln, blühte, trug Früchte und trieb einen Glanz in ihre matten Augen hinein, der spätestens mit den Winterastern wieder verschwand.

Kontor nannte Vater hartnäckig unsere kleine Stube, weil sein Schreibtisch mit dem blauen Kassabuch in der obersten Schublade, den abgelegten Rechnungen und Quittungen in der hinteren Ecke des Räumchens stand.

Sein Tisch diente uns als Ablage für Kleider, Briefpost, Drucksachen, Schülerkram. Zwischen den Radiergummis, der Pinzette für Großmutters Barthaar, den Büroklammern und Bleistiften sammelte sich der Staub.

Wir saßen um den Ausziehtisch herum, lagen auf dem abgewetzten Kanapee, den Lautsprecher mit dem Programm des Landessenders Beromünster nah am Ohr, um die Kundschaft hinter der stets nur angelehnten Tür nicht zu stören.

Gelegentlich stießen noch der staubige Mehllieferant, ein Schokoladevertreter, der Eiermann dazu. Oder Mutter breitete die schönen handgewebten Stoffe eines leisen Reisenden aus der Nordwestschweiz vor uns aus. Und lebte auf.

Mit ihren vom Haushaltsgeld abgesparten Batzen verschönerte sie Haus und Weihnachtstrakt Jahr für Jahr um ein weiteres Kissen, eine Tischdecke, um das Kastanienrot neuer Vorhänge.

Und Vater band sie abends eine auserlesene Krawatte, die er nur selten trug, aber gerne mochte, um den Hals. Pastellfarben ohne Glanz, aber voll von Wärme.

Im Kontor wurden auch unverhoffte Besuche mit Bergen von Süßigkeiten abgespeist. Die Verwandten und Bekannten stiegen kopfvoran in die Süßteigtaschen. Dazu gab es Schwarztee, versetzt mit spanischem Wein.

Ich vertrage dieses Gemisch einfach nicht, sagte die Brettschneiderin und goss sich direkt aus der Flasche ein, überließ ihren Enkeln den Tee und die Taschen. Sie sprach mit den Händen, die braun waren vom Tabaksaft, die schnellste Stumpenmacherin der Gegend, und so redete sie auch, wie ein Gewehr.

Aber am Tag, als Franz den Blaupunkt hereinbalancierte, blieben selbst ihr die Worte im Halse stecken. Er hatte diesen Cadillac unter den Radios aus einer Konkursmasse für uns erworben, übersetzte die Ansage von Radio Luxembourg, schon bevor er den Apparat ans Netz angeschlossen und auf den Tisch gestellt hatte.

Hinter dem beigen Stoffbezug erahnten wir das Riesengebläse des Lautsprechers, und die Sendertasten erinnerten den Eierlieferanten an Franzens Harmonium mit der Elfenbeinklaviatur. Er hielt lauthals dafür, dass man von nun an auch mit zu kurzen Fingern Musik machen könne. Franz schlug ihm die Hand von den Tasten und las uns die Stationen Europas vor, als rezitierte er ein Gedicht.

Er drehte mit seiner Linken suchend am Weltenrad. Dann erst klappte er mit einem schnellen Griff die Hirnschale des Apparates auf. Im Rechteck vibrierte tatsächlich das Grammophon. Franz hatte auch eine Schallplatte dabei.

Brunswick stand auf der schwarzen Scheibe, es musste ein anderes Wort sein für Glück, der Stubenboden wankte. Der heisere Gesang des schwarzen Trompeters vertrieb die Brettschneiderin mit ihren drei Enkelkindern augenblicklich aus dem Kontor und ließ uns enger zusammenrücken:

On the sunny side of the street.

Wer recht in Freuden wandern will,

hörten wir die abziehende Tante trällern.

Erst nach Sonnenuntergang stellten wir uns dann wieder auf die Nachrichten vom Landessender Beromünster ein. Während man in den Häusern der Nachbarschaft schon längst an den Fuß der Blauen Berge abzuwandern begann, hingen wir weiterhin dem Echo der vertrauten Stimmen nach:

Von Theodor H. aus London,

Hans O. aus Paris,

Heiner G. aus New York.

Ihr Tonfall hatte unsere Vorstellungen von der großen weiten Welt, von fernen Städten und Konflikten in unsere ländlichen Köpfe hineinmodelliert und nachhaltig geprägt.

Franz drückte mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel zusammen:

Damit ich euch besser hören kann, sagte er, warf eine Tablette ein. Gegen Fernweh und Schmerz.

Als Erster begann Sonne, mein kleiner Bruder, in der Folge seiner langen, ereignislosen Vormittage, das Herz allmählich an die Ultrakurzwellen zu verlieren.

Für die neusten Schlager und den explosiven amerikanischen und deutschen Rock ’n’ Roll, von dem er sich zuweilen fast von seinem Stuhl reißen ließ, nahm er auch die Staubsaugerwerbung der nördlichen Nachbarn in Kauf.

Das geschah aber erst lange nachdem Großmutter den Kampf gegen ihr Barthaar definitiv eingestellt hatte und zur Gesundbeterin geworden war.

 

7

Großvater war nach den Vögeln und den Fischen entschlossen zu den Bienen übergelaufen: Ihr müsst Honig essen, Kinder, sagte er zu uns. Ich mach ihn für euch.

Er hatte sich sein Insektenparadies in der Nähe des Friedhofs aufgebaut. Gegen ihre Stiche war er bald einmal immun. Er rührte Zuckerwasser an, wechselte Waben aus, wischte die toten Tiere von den Fluglöchern, grüßte die Königinnen.

Schwärmte ein Volk, tauchte er in seinen persönlichen Jungbrunnen ein. Er bestrich sich den rasierten Kopf mit Honig und trug die Abtrünnigen als summende Krone heim.

Auch die Königin besitzt einen Stachel, doch braucht sie ihn nur, um im Zweikampf mit einer Nebenbuhlerin zu siegen oder zu sterben. Die Drohnen hingegen sind wehrlos und werden in der Drohnenschlacht vernichtet, wenn ihre Zeit abgelaufen ist, erklärte er unseren Bäckergesellen, als läse er ihnen die Leviten, bevor er sie wie jedes Frühjahr und jeden Herbst seinen Honig schleudern ließ.

Wo man hinlangte, blieb man kleben, hin und wieder hatte einer eine Biene im Mund und wurde zum Notfall. Abends stand das flüssige Gold in Kesseln und Gläsern auf dem Auswalltisch – gegen die harten Winter, die mir Großvater, kaum war ich eingeschult und also in die Welt hinausgetreten, mit Honigbroten und in seinem blauen Militärmantel durchzustehen empfahl.

Der harte Stoff wurde unverzüglich von seinem eingemotteten Haartornister gerollt, und Brettschneider, der eingeheiratete Österreicher in der Familie, der seinem Namen alle Ehre machte, nahm an mir Maß. Achselstücke, silberne Knöpfe und die große Gurtschnalle mit dem spitzen Dorn sollten auf Wunsch der Erwachsenen unbedingt übernommen werden.

Wie ein Mumifizierter stand ich bei der Anprobe in Brettschneiders dunkler Werkstatt. Er saß mit verschränkten Beinen teuflisch auf seinem Schneidertisch, um den mageren Hals das abgegriffene Meterband geschwungen, an dem er mich jederzeit aufhängen konnte.

Meine Mutter begann, selber auch immer unglücklicher, hilflos an ihrem traurigen Kindersoldaten unter dem blauen, groben Stoff zu rütteln. Um unsere Köpfe herum surrten die Fliegen.

Es steht ein Soldat am Wolgastrand, tremolierte Brettschneider und musterte selbstgefällig seinen Fadenschlag.

Schneegestöber setzte ein, aufs Schlachtfeld sank die Dämmerung, in der Schneiderwerkstatt wurde es finster.

Ich hatte in meiner Not, unserer Familientradition folgend, das Atmen eingestellt. Und prompt wurden die Kaisermanöver des verschwägerten Österreichers und seines alliierten Schweizer Bienenzüchters und Bäckerwachtmeisters abgeblasen.

Man versprach mir für den bevorstehenden Winter eine Windjacke mit Kängurutasche. Ich schöpfte wieder Luft. Mutter umarmte mich. Wir ließen einander an diesem Tag nicht mehr los.

 

8

Steh auf und wandle!, sagte Großmutter jeden Morgen zu meinem Bruder. Sie balancierte auf ihrem linken Fuß und hob die Gichthände beschwörend zur Zimmerdecke empor. Vom Achtuhrzug, der mit einem leeren Güterwagen im Schlepptau an unserem Haus vorbei talwärts schoss, zitterte das Fensterglas.

Mein Bruder richtete seinen Kopf gerade und rüttelte auf ihr Kommando hin ein wenig am Stubentisch, er ließ seine Stirnader vor Anstrengung bedrohlich anschwellen und sank nach einer Weile wieder in sich zusammen. Die Frühnachrichten deckten die Stoßseufzer der Heilerin zu.

Zum Letzten entschlossen, bot Großmutter kurz vor Weihnachten die Gemeinschaft ihrer Brüder und Schwestern auf zum Gebet. Unterm dunklen Gemurmel der herbeigeeilten Bleichgesichter aus der Lazaruskapelle hob der Stubentisch vor unseren Augen langsam vom Boden ab, mein Bruder aber blieb sitzen.

Den erschreckten Eltern, die nur kurz außer Haus gewesen waren, um ein wenig Luft zu schöpfen während dieser strengsten Tage im Jahr, und die die vermummte Schar in ihren schwarzen Schneeschuhen auf der Türschwelle noch kreuzten, versicherten wir, dass wir keinen Schaden genommen hatten bei der Übung. Großmutter gab sich geschlagen.

Geht’s, geht’s.

Geht’s nicht, geht’s auch,

sagte sie zwar noch und wäre beinahe wieder die Alte gewesen, zog sich dann aber doch mit ihrer Gottesarmee in die ungeheizte Kapelle zurück.

Vater hob vor Wut einen Vorfensterflügel aus den Angeln und warf ihn aufs Bahngeleise hinaus.

Mutter weinte.

Wir machten Kasse. Ich war wie immer für das Kupfer- und Nickelgeld zuständig, türmte die Rappenstücke, die Bätzler und Zweibätzler in den Stubenhimmel hinauf. Das Silbergeld fiel unter Mutters Obhut. Vater hatte es am einfachsten, seine paar Geldscheine waren stets schnell gezählt.

Und jeden Letzten des Monats bereitete er die Zahltagstaschen der Angestellten vor, tiefgelbe Tüten mit Klebeverschluss. Lag zu wenig Geld in der Kasse, half Mutter mit ihrem Abgesparten bei den Löhnen aus. Die Gesellen schienen von innen zu leuchten, wenn sie, nachdem sie artig an die Stubentür geklopft hatten, ihre Unterschriften so sorgfältig und feierlich und waghalsig zugleich auf die Lohnzettel setzten, als beschrifteten sie eine Buttercremetorte mit flüssig-heißer Schokolade, während die Mägde mit Vaters Füller in der Hand regelmäßig in Verlegenheit gerieten und froh waren, wenn alles vorüber war.

Vater legte immer noch einen Fünfliber dazu. Er konnte nicht anders.

Mutter schrieb diesen Umstand seiner Krankheit zu.

 

9

Überhaupt hatte Kranksein den Vorrang in unserer Familie. Und nachdem Großmutter in ihrer religiösen Umnachtung barfuß durch den Schnee gegangen und mit den ersten Frühjahrsstürmen aus dem Haus getragen worden war, leicht wie altes, zartes Laub, war mein Bruder wieder der Kränkste im Haus, so krank, dass man ihn auch gerne und ausgiebig besichtigen kam.

Auf der Straße drehte sich Groß und Klein nach ihm um und vertrat sich dabei die Füße an den Randsteinen, blieb mit Hosen und Röcken an den Gartenzäunen hängen, schlug sich die gaffenden Köpfe an Telegrafenstangen wund, wenn ich ihn in seinem hochräderigen Wagen durch die Straßen schob.

Es gab erst wenig Fernsehprogramme und nur mäßigen Sensationsjournalismus, also deckten wir einen Teil des lokalen Bedarfes nach Unterhaltung lebensecht ab.

In unseren besten Zeiten aber, wenn die Verzweiflung im Innern plötzlich umschlug in grenzenloses Selbstbewusstsein, nannten wir die tatsächlichen Idioten gnadenlos beim Namen und scheuchten sie hernach, unter spitzem Gelächter und den hochgerissenen Vorderrädern unseres schweren Gespanns, in die Flucht.

Den Höhepunkt der unfreiwilligen Schaustellerei bildete sicher Vaters Grandmal am Straßenrand. Es war Sonntagmorgen, als er auf dem Spaziergang mitten im Dorf hinschlug. Die barmherzigen Samariter traten wie auf Kommando aus ihren Häusern und türmten einen gewaltigen Dom aus neugierigen Menschenleibern um uns herum auf.

Sonne stand im finsteren Chor und schaute hilflos aus seiner Karre heraus, ich selber kniete bleich neben dem zuckenden Vater und ministrierte im säuerlichen Geläut der Ausdünstungen, so gut es ging.

Nach einer Ewigkeit, die meinen Bruder und mich in zwei kleine Greise verwandelt hatte, die Sonne stand jetzt im Zenit, der Geruch von angebranntem Fleisch lag in der Luft, schaute Vater erwachend um sich. Er nickte mir zu, erhob sich langsam und wendete das Blatt.

Er ordnete seine Kleider, schnäuzte ins Sonntagstuch, zog sein dunkelblaues Béret in die Stirn und visierte mit den Augen einen fernen Punkt am Horizont an.

Er griff nach dem Cabriolet meines Bruders und legte mir seinen Arm um die Schultern. Wir traten zusammen, ohne die verdutzte Sonntagsmannschaft noch eines Blickes zu würdigen, aus einem schwarzen Tunnel in den hellsten Nachmittag hinaus, den ich je erlebt hatte.

 

10

Am Abend packte mich dann das Fieber. Hei, wie die Quecksilberkügelchen lustig über die Federdecke kullerten und sich flugs zwischen den weißen Laken verkrochen, wenn mir schon wieder ein Thermometer in den feuchten Händen zerbrochen war. Und wie lange dann Mutter in meinem Zimmer verweilte, um nach dem verlorenen Silberschatz im Bett und in den Ritzen des Riemenbodens zu suchen.

Wenn sie gegangen war, streifte ich die Essigsocken ab und griff auf Jakob zurück:

Bruder Jakob, Bruder Jakob,

schläfst du noch, schläfst du noch?,

sang ich leise zum Deckentäfer hinauf.

Im Kindergarten hatten wir den Kanon gelernt und bis zur Dreistimmigkeit getrieben. Ich wusste damals sofort, wem er galt. Die Kindergärtnerin hatte sich insgeheim auf meine Seite geschlagen. Ohne sie wäre mir Jakob nie wach geworden.

Wenn sich die Quecksilbersäule des Fieberthermometers über 39 Grad Celsius hinausschraubte und ich seinen Kanon anstimmte, schlug Jakob den schweren Vorhang am bahnseitigen Fenster zurück und stand da. Er war fast einen Kopf größer als ich, trug langes Haar. Mit einem Engel aber hatte er nichts am Hut. Schließlich war er mein Bruder.

Ich habe die Glocken gehört, sagte er lediglich und setzte sich an mein Bett. Er wusste, dass ich im Fieber nicht schlafen, die Augen nicht zutun konnte über der entzündeten Welt.

Jenseits der 39-Grad-Grenze strich mir Jakob mit seiner Hand über die Lider und übernahm regelmäßig meinen Bereitschaftsdienst. Ich tauchte auf der Stelle in die Sorglosigkeit ab. Und wurde bald wieder gesund.

Am Morgen nach Jakobs letztem Einsatz an meinem Bett stand dann das Fahrrad mit dem Hilfsmotor vor der Tür. Ich streichelte seinen silbergrauen Zylinder, schob die Maschine im Laufschritt an. Mit der Brothutte am Rücken und kaum einen Tag fieberfrei, schwang ich mich in den Sattel und ließ Mutters Bedenken schon auf den ersten paar Metern im Fahrtwind zerstieben.

 

11

Ich belieferte das Altersheim, zwölf hellgebackene Stangenbrote für die schadhaften Zähne. Im Korridor mit den bereitstehenden Totenbetten hielt ich den Atem an, um nicht angesteckt zu werden. Feuchter Verputz klatschte vom Gewölbe herab. Am Schürzenbändel des Kochlehrlings galoppierte ich wieder aus dem Spittel hinaus. Er bewunderte voller Ehrfurcht meinen neuen Töff.

Dann ging’s schnurstracks in die Lieferanteneingänge der Wirtshäuser hinein. Die Serviertöchter spendierten, obwohl ich jetzt motorisiert und nicht mehr mit hochrotem Kopf wie üblich ankam, ein großes Glas Negerschweiß. Das Getränk mit dem dunklen Erdteil auf dem Etikett, dem Kap der Guten Hoffnung, dem Sturmkap, das Bartholomäus Diaz 1487 als erster Europäer umfahren hatte, stärkte mich für den Rest meiner Tour.

In hohem Bogen pinkelte ich ans hohe, vergoldete Gartentor, bevor ich in der Villa des Ortsgottes, Nägel & Stahl, das Bircher-Benner-Brot lieferte.

Die leere Brothutte verkehrt am Rücken, um die Aerodynamik zu verbessern, den Kopf zwischen die Kabelstränge der Lenkstange gebeugt, sauste ich talwärts. Und kühn wie nie zuvor bremste ich in der Nähe von Mädchen kurz ab.

Man trug noch keinen Helm auf den Fahrten. In den Kurven perforierte ich den Asphalt mit den Pedalen, dass die Funken stoben, und rammte mit der Schulter eine Fahnenstange. Ihr loses Drahtseil zog mir einen blutigen Scheitel über den Schädel.

Vater assistierte standhaft beim Rasieren und Nähen, kippte erst beim achtzehnten Haft, als alles schon fast vorüber war, unserem Hausarzt vor die Füße.

Mit je einem weißen Turban auf dem Kopf verließen wir das Ambulatorium.

Dem Motorfahrrad war zum Glück nichts passiert.

 

12

In Sonnes Hinterkopf hatten sie ein paar Monate nach seiner Geburt zwei Löcher gebohrt, um das rasche Wachstum des Schädels zu stoppen. Bei Gegenlicht sah man im struppigen Haar sein Herz schlagen.

Sonne langte mit seinem kurzen Arm, der kleinen Hand auf den Kopf hinauf, legte seinen Finger auf die pochende Stelle und lachte, wenn ich ihn Zweitakter nannte.

So hatte jeder seinen Hilfsmotor.

Mit dieser Ausrüstung ließ es sich leben.

Im Schatten der Gummibäume wartete die Gärtnerstochter auf das Sonntagsbrot. Ich betrat das Treibhaus von hinten und erschreckte sie mit dem Kopfverband. Wir tauschten zusammen die Sorgen des Mittelstands aus und schwiegen dann, Zunge an Zunge, bis sich die Glaswände um uns herum mit Dampf beschlugen.

Es roch nach Torf.

Erst die Glocken der Heimat aus dem Gärtnereiradio riefen uns wieder nach Hause zurück. Es war Samstagabend, der Mittelstand wurde gebadet, ein Hörspiel stand nachher auf dem Abendprogramm.