Begegnung im Schatten - Alexander Kröger - ebook

Begegnung im Schatten ebook

Alexander Kröger

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Opis

In einem Tagebau wird aus dem Kohleflöz ein Shuttle gebaggert. Das Öffnen gestaltet sich schwierig. Sein Inhalt, zunächst geheim gehalten, begeistert weltweit Wissenschaftler und führt zu Illegalem. Nach abenteuerlichen Vorbereitungen gelingt ein unerhörtes Experiment. Ein Wesen aus dem Erbgut einer anderen Welt setzt seine Schöpferin in höchstes Erstaunen, und Ermittlungen fordern Sensationelles zu Tage. Einen spannenden Hintergrund zu Krögers wissenschaftlich-fantastischem Roman aus den Jahren 2003 und 2012 bilden Zerrüttungserscheinungen und Werteverfall in der Gesellschaft.

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Impressum

Alexander Krögerr

Begegnung im Schatten

Science Fiction-Roman

ISBN 978-3-95655-648-7 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 2003 im KRÖGER-Vertrieb Cottbus. Dem E-Book liegt die 2., überarbeitete Auflage zugrunde, die 2012 im Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle erschien.

© 2016 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Dodern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Prolog

Mittwochnacht - Fritz Hegemeister stieg aus dem Geländewagen, grüßte zu dessen Fahrer »Glückauf«, kickte an einen Kohlebatzen und ging die wenigen Meter auf das lärmende Ungetüm zu. Er winkte zum Leitstand, der, wie eine Schildlaus am Pflanzenstängel, dem mächtigen Ausleger des Schaufelradbaggers aufsaß, dem größten seiner Art im Revier.

Ächzen, Rumpeln, Quietschen und Knirschen erstarben. Nur das anhaltend gleichförmige Rumoren hunderter Bandrollen unterstrich die plötzlich eingetretene Stille.

Fritz stieg die Leiter empor, schritt auf dem schmalen Steg am nachwippenden Radausleger zur Kabine. Er vermied, das zentimeterdick mit Kohlenstaub bedeckte Geländer zu berühren, zwängte sich ins enge Gehäuse, reichte mit »Glückauf« Anton die Hand, warf einen flüchtigen Blick in das aufgeschlagene Schichtbuch und fragte: »War was?«

Anton schüttelte den Kopf. »Zweimal Stillstand. Irgendwas an der Übergabestation. Aber ich hab’s eilig. Mach’s gut! Um zehn übertragen sie das Fußballspiel von heute Nachmittag.«

»Wer spielt?«

»Mann!« Es klang wie >armer Irrer<.

>Wirst sicher bald Gelegenheit haben, dir solche Spiele original anzuschaun, dachte Fritz. >Vielleicht ist der Blaue Brief schon unterwegs.<

Beinahe zärtlich strich er über den Hauptschalter, dann ließ er sich mit einem Seufzer auf den neumodischen physiologischen Sitz gleiten, überschaute gewohnheitsgemäß die Instrumente und murmelte: »Na, da woll’n wir mal.«

Er vergewisserte sich, dass Anton den Bagger verlassen hatte, dann setzte er das Riesenrad - mit Schaufeln groß wie Personenwagen - in Gang.

Es begann das übliche Geschüttle neben dem Surren der schweren Elektromotoren, dem Poltern besonders großer Kohlebrocken - Fritzens Umfeld seit 15 Jahren.

In Hegemeisters Gedanken schob sich Töchterchen Katjas bevorstehende Geburtstagsfeier, welche die Frau als Picknick im Grünen ausrichten wollte und zu der er sich Beschäftigungen für die fünf neunjährigen Gäste ausdenken sollte. Fritz Hegemeister seufzte. >Was den Weibern immer so einfällt<, dachte er. Als er »Sackhüpfen« und »Eierlaufen« vorgeschlagen hatte, quittierte es die Frau mit einem müden Lächeln. Derart antiquiert könne man wohl den Kindern von heute nicht kommen ...

*

Kurz nach Mitternacht war es, als sich nach einem den allgemeinen Lärm bösartig durchdringenden Kreischen der Radausleger aufbäumte und der Notstillstand ausgelöst wurde.

Heftig nachwippend stand der Koloss.

»Mist«, fluchte Fritz - jedoch ohne besonderen Frust. Er hatte gerade das Aggregat näher an den Kohlestoß herangerückt und begonnen, von oben her das Schaufelrad abzusenken und den neuen Sektor des Flözes hereinzugewinnen. »Wieder so ein mieser Findling«, sagte er emotionslos.

Nicht alltäglich, aber es kam vor, dass ein solcher eiszeitlicher Granitbrocken aus den Deckschichten ein Stück ins Flöz gedrungen war.

Doch schon als er den Satz sprach, wusste Fritz Hegemeister: kein Findling. Nach diesem Geräusch nicht!

Der Mann trat hinaus auf den Steg. Die grellen Scheinwerfer rissen den Arbeitsbereich des Schaufelrades aus der Finsternis. Noch rieselte Kohleklein, gebrochen im Nachwippen des Rades.

In die unten stehende Schaufel ragte aus dem Flöz ein mächtiger grauer Gegenstand.

In Fritzens Betrachtung hinein - doch ein Findling, ein riesiger? - klingelte das Telefon. Er beugte sich in die Kabine und langte nach dem Hörer.

Der Dispatcher kündigte einen Stillstand an: »Die Scheiß-Übergabestation wieder«, schimpfte er. »Wird ’ne Weile dauern.«

Einen Augenblick überfiel Fritz Erinnerung: Was hätte die Leitung für ein Fass aufgemacht bei einem solchen Ausfall - früher! Heute? Wen kümmern schon ein paar hundert Tonnen Kohle weniger ...

Er meldete seinerseits sein Ungemach mit dem Hinweis, in spätestens einer Viertelstunde das Hindernis beseitigt zu haben. Dann wandte er sich wieder der neuen Aufgabe zu. »Wusst’ ich’s doch!«, murrte er.

Die Zähne der Schaufel hingen an einem leicht wellenförmig verformten Gegenstand. Frische, glänzende Kratzspuren reflektierten das Licht.

»Ein Stück Blech«, mutmaßte der Mann. Er lüftete den Helm und kratzte sich am Kopf. »Ich unterschneids einfach.«

Er trat zurück in den Leitstand, schaltete, der Bagger rumpelte los; Fritz zog in Intervallen den Ausleger zurück. Mit einem singenden Laut gaben die Schneidezähne den Gegenstand frei.

Dann hielt Fritz den Koloss abermals an und begab sich bis zur Radachse vor.

Obwohl fest eingeschmiegt in dunkelbrauner Kohle, war deutlich eine schräg aus dem Stoß herausragende helle Blechtafel ...

»Nein«, widersprach Fritz sich laut. »Ein, ein Werkstück ist das ...«

Etwa auf drei Meter Länge lugte das Ding aus der Kohle, wulstig links; nach rechts und nach vorn, dort wo die Schaufel die Wellenlinie gebissen hatte, spitz auslaufend.

»Unterschneiden, ’s nützt nichts!«, wies Fritz sich an.

Er ging zurück, ließ erneut die Motoren aufbrummen, und er senkte das Rad so weit ab, dass die jeweilige Grabschaufel etwa anderthalb Meter unter dem Gegenstand ansetzen würde. Dass er dabei das Planum unterschneiden musste, ließ ihn gleichgültig. Schließlich galt es, anderer Leute Unrat zu beseitigen. Aber er trug die Position des Baggers mit einem entsprechenden Vermerk ins Schichtbuch ein. Natürlich würde er die Mulde, die er in die Arbeitsebene grub, wieder verfüllen. Aber die damit verbundene Auflockerung würde die Standfestigkeit des Großgerätes beeinträchtigen, wenn es im weiteren Vorrücken den Bereich befuhr.

Dann begann Fritz vorsichtig zu baggern. Doch plötzlich hielt er inne. »Verdammt«, fluchte er, »das Hauptband steht doch; ich schütf ja alles zu! Mist, elender!«

Er benötigte zehn Minuten, bis er die Abwurfschurre in eine solche Position gebracht hatte, dass er die nunmehr neben das Förderband zu schüttende Kohle später würde wieder aufnehmen können. Langsam stieg Ärger in dem Mann an. Viel Zeit würde die Pfriemelei kosten und unnötige Mühe machen ...

Dann schnitt er weiter, Schwenk um Schwenk, Span um Span, daraufbedacht, das Blech mit den Schaufeln zunächst nicht zu berühren.

Fritzens Ärger ging langsam in eine grimmige Freude über. »Ich werd’ euch zeigen«, sagte er, »dass ich euren Dreck auch ohne Hilfsgerät säuberlich rauskriege!«

Nur eine Sekunde kamen ihm die sechs entlassenen Kumpel aus der Abteilung in den Sinn, und er wusste, dass es ohnehin echte Schwierigkeiten gäbe, wollte man ihm schnelle Hilfe leisten.

Doch plötzlich stieg in Fritz eine siedendheiße Welle an. Mit einem heftigen Ruck, weil aus voller Fahrt, setzte er das Aggregat still. Der Sessel ächzte. Fritz biss sich auf die Lippe. Wie ein Schwindel überfiel ihn Gedankenleere. Doch nach Augenblicken meldete sich die Frage mit Wucht: »Wie kommt ein verdammtes Blech in die Kohle?«

Minutenlang saß er stumm, unfähig, Weiteres als eben diesen Satz zu denken, der in seinem Kopf umging wie eine Schlange, die sich in den Schwanz gebissen hat.

Fritz ließ die Maschinen wieder anlaufen, schnitt weiter, langsam wie in Trance, setzte das Schaufelrad über dem Gegenstand an, versuchte, ihn aus dem Flöz gleichsam herauszuschälen. Dann untergrub er ihn vorsichtig weiter. Kohle rieselte, gab immer mehr von dem Blech frei.

Plötzlich löste sich das Herausragende aus dem Flöz, rutschte den Kohlestoß hinunter, glitt aus dem Lichtkegel der Scheinwerfer.

Fritz dirigierte das Baggermonster mit Fahrwerk und Vorschub, senkte den Ausleger, bis er das Ding wieder im Hellen hatte. Unfähig zum Denken und Handeln, starrte der Mann ungläubig auf den Gegenstand. Erst nach und nach formte sich aus dem Gewirr in seinem Kopf heraus dröge der abseitige Satz: >Das wird die Kohle wieder ins Gerede bringen - zwar keine Tonne Absatz mehr - aber »der Kohlekumpel und Baggerfahrer Fritz Hegemeister hat ...«, wird man sagen!<

Nach Minuten der Sammlung griff er zum Telefon: »Sag’ dem Steiger Bescheid. Ich hab’ ein Ding, ein Ding ausgebaggert - aus der Kohle. Das sieht aus wie - wie das, was die Amis hatten, nur kleiner ... Wie ein, ein Shuttle ...«

1. Teil

1. Kapitel

Der Morgen dämmerte.

Noch lagen Arbeitsebenen und Geräte im tiefen Schatten. Aber drüben über der höchsten Rippe der Kippe, als brenne der Kamm, fraß sich langsam gleißendes Licht herauf. Ein schöner Frühsommertag würde es werden.

Wie verloren stand Fritz Hegemeister neben dem Blechmonstrum, das er in der Nacht aus der Kohle gelöst hatte. Übermannshoch und stromlinienförmig, in der Tat einem Shuttle ähnlich, lag es da, kohlebeschmiert ohne sichtbare Zeichnung. Die Zähne des Schaufelrades hatten zwar vorn - wo war vorn? - eine Kante leicht wellig verformt und die Oberfläche silbrig angeritzt, aber keinen wirklichen Schaden verursacht. >Hartes Zeug<, dachte Fritz. Er hieb mit der Faust an die Wandung, die aber anscheinend so stabil war, dass es noch nicht einmal hohl klang. Und natürlich bestand für ihn kein Zweifel, dass er eine Hülle, ein Gehäuse vor sich hatte.

Vom Dispatcher hatte Fritz die Nachricht erhalten, dass der Schichtsteiger vorbeikommen wolle, um sich das anzuschaun - »wenn die Übergabestation wieder flott ist«.

*

Erich Lange steuerte seinen heftig tuckernden schweren Bulldozer, der ein beachtliches Bündel Bahnschienen hinter sich her schleifte, die Baggerstrosse entlang.

Fritz Hegemeister handelte.

Durch aufgeregtes Armeschwingen machte er auf sich aufmerksam.

Der Kumpel brachte die Maschine zum Stehen.

Staunend und ungläubig stand Erich, beklopfte den Fund, murmelte immer wieder »Menschenskind, das ist ein Ding!«, und ließ sich zeigen, wo genau es in der Kohle stak.

»Das muss hier weg«, forderte Fritz. »Es behindert mich beim Baggern, das siehst du doch.«

»Ja, ja. Aber ich will warten, bis der Steiger kommt!«

»Das kann lange dauern. Ich habe einen Berg Kohle auf dem Planum liegen. Den muss ich aufnehmen, wenn’s Band wieder läuft. Kommt ja sonst alles durcheinander. Also, was ist!«

»Na ja«, sagte Erich zögernd. Er lüftete den Helm und kratzte sich am Kopf.

»Los, häng schon ab und schieb’s rüber. Hierher.« Fritz machte einige Meterschritte vom Kohlestoß weg, bis er sich außerhalb der Arbeitsrichtung des Baggers befand. »Bis hierher«, rief er.

»Mann, wer weiß, was das ist. Wir sollten nicht ... Na, meinetwegen.«

»Was es ist? Sieht aus wie ein solcher Amishuttle. Aber das kriegst du nicht kaputt, wenn’s die Jahre nicht geschafft haben. Also!«

Erich bestieg seine Maschine, ließ den Diesel aufknattern, dass eine blauschwarze Qualmwolke für Augenblicke die Sicht nahm, und zerrte die Schienenlast ein Stück weiter, damit sie die weiteren Manöver nicht behindere. Dann senkte er den Schild, tuckerte behutsam an die Fundsache heran und berührte sie so sanft, wie man es weder ihm noch dem robusten Bulldozer zugetraut hätte.

Erich schob das Ding ein paar Meter, setzte um, dirigierte erneut, bis er den notwendigen Ansatz gefunden hatte, und er bugsierte das Klobige auf die von Fritz bezeichnete Stelle. »Ich will damit nichts zu tun haben«, rief er. »Aber halt mich ja auf dem Laufenden!« Er hängte das Schienenbündel wieder an und gab Gas ...

*

Arne Mattau, der Schichtsteiger, trat um das mächtige Kettenfahrwerk des Baggers herum.

Er grüßte knapp und richtete sofort etwas grantig die Frage an den Baggerführer: »Was soll der Kohlehaufen auf dem Planum und was hast du ...« Dann brach er den Satz ab. Ein sichtbarer Ruck ging durch seine Gestalt. Der Gegenstand aus dem Flöz war in sein Blickfeld geraten. Nach Sekunden der Starre tat er einige Schritte darauf zu, stand sprachlos davor, bewegte den Kopf, um das Ausmaß des Körpers zu erfassen, und legte die Finger flach auf die Wandung, als wollte er dort etwas erfühlen. Dann fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht, hinterließ dort eine braune Spur, und wandte sich Fritz Hegemeister zu. »Wo genau hat das gesteckt?« Und heftig: »Warum, zum Teufel, hast du es nicht gelassen, wo es lag?«

Fritz schritt wortlos zu der Stelle am Flöz. Deutlich zeichnete sich die Höhlung ab, ein Teil des Abdrucks, den der Körper in der Kohle hinterlassen hatte. »Hier«, er wies mit der Hand. »Schließlich muss es weitergehen«, fügte er patzig hinzu.

Mattau schwieg eine Weile. »Hier geht nichts weiter«, entgegnete er herrisch, setzte dann jedoch versöhnlicher hinzu: »Weißt du, was das bedeutet?« Er ruderte mit dem linken Arm andeutungsweise in Richtung Blechgehäuse. »Eine Sensation ist das, nicht auszudenken!«

Ein Geländewagen rollte schwankend heran, brachte Marianne Huber zur Frühschicht.

Sie sprang ab. »Was ist denn hier los?«, rief sie. »Glückauf!«, holte sie den Gruß nach. »Das Band steht, ein Dreckhaufen auf dem Planum und - was, um Himmels Willen, ist das für ein Monster?« Sie blickte auf den Steiger, auf ihren Kollegen und dann noch auf den Fahrer des Jeeps, der ausgestiegen war und den Fund neugierig betrachtete.

Es antwortete niemand.

Mattau leuchtete mit seiner Handlampe in die Höhle im Flöz, als gäbe es darin wer weiß was zu entdecken. Dann wandte er sich Fritz Hegemeister zu: »Kannst du noch hier bleiben? Wegen der Fragerei ...«, erläuterte er. Als Fritz nach Sekunden des Begreifens nickte, fuhr der Steiger fort: »Marianne, du gehst auf die Übergabestation, das dauert dort länger. Der ...«, er deutete auf den Bagger, »bleibt stehen, bis das ...«, nun wies er auf die Höhle im Flöz und auf das Fundstück »untersucht, beziehungsweise freigegeben ist, klar?«

»Aber ...«, Fritz Hegemeister hob zum Widerspruch an und wurde von Mattau schroff unterbrochen:

»Kein Aber! Das ...«, er schüttelte nachhaltig den Kopf, »ist ungeheuerlich! Ich informiere unsere Leitung. Mach dich auf Heerscharen gefasst.«

»Was iss’n das?«, fragte Marianne Huber abermals, diesmal drängend. Sie zeigte auf das Metallding, das, mehr als doppelt so groß wie der daneben stehende Geländewagen, von den ersten Sonnenstrahlen getroffen wurde. Es warf einen unheimlichen, gezerrten Schlagschatten. Trotz seiner kohligen Oberfläche entstand ein matt silberner Glanz.

Wiederum antwortete keiner.

2. Kapitel

»Nennen wir es doch einfach Shuttle. Das Ding sieht aus wie ein solcher, und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass es einer ist.« Jens Hartmann hob die Schultern und blickte herausfordernd in die Runde, als wollte er fragen, ob jemand anderer Meinung sei oder einen besseren Vorschlag habe.

*

Es hatte sich einiges getan zwischen dem Zeitpunkt, als Fritz Hegemeister das vermeintliche Blech aus der Kohle fräste und dem Eintreffen einer illustren Runde von sogenannten Fachleuten, örtlichen Größen und Menschen, die zu ungewöhnlichen Ereignissen gerufen werden wollten: Der Hauptgeschäftsführer der BRAUNAG und von diesem geladen: selbstverständlich der Tagebau- und der Schichtleiter, der Landrat, die Vorsteherin des Amtes für Umwelt, ein Vertreter der Freiwilligen Feuerwehr ein Polizei-Oberrat und schließlich Hartmann, seines Zeichens Referent für Denkmalpflege der Kreisstadt.

Außer euphorischen Ausrufen, ehrfürchtigem Staunen, gewichtigen Mienen und Herumgerate war bislang der Runde nichts Bedeutendes entsprungen - bis auf Hartmanns Namensvorschlag, der offenbar - stumm zwar - akzeptiert wurde.

Glücklicherweise hatte man zunächst weder die Presse noch das örtliche TV-Studio informiert, um, wie der Hauptgeschäftsführer erklärte, aus Sicherheitsgründen ein Massenbegängnis und einen Sensationsrummel zu vermeiden, vielleicht aber auch, um die Hilflosigkeit der lokalen Honoratioren nicht in die Öffentlichkeit geraten zu lassen.

Fritz Hegemeister schilderte, da die Herrschaften nicht gleichzeitig am Ort des Geschehens erschienen, zum wiederholten Male, wie er den mysteriösen Körper angetroffen hatte. Und er versäumte nicht, besonders auf die komplizierte Bergung hinzuweisen. Durch allerlei Verrenkungen und Gestik versuchte er zu demonstrieren, wie er unterschnitten, gegraben und den ungelenken Bagger gesteuert hatte, bis sich der Fund so gut wie unbeschädigt auf dem Planum befand.

Auf Weisung des Geschäftsführers beorderte der Schichtleiter einen Wasserwagen zur Stelle, und gemeinsam mit dessen Fahrer spritzte Fritz Hegemeister den Kohleschmutz vom Shuttle.

Neben dem makellosen matten grausilbrigen Glanz kamen einige feine Fugen zum Vorschein, die mutmaßlich Deckel, Klappen oder Türen umrissen. Griffe, Schlösser oder sonstige Anbringsel hingegen fehlten. Selbst Vorrichtungen, die mit einem Antrieb in Zusammenhang gebracht werden könnten, ließen sich nicht ausmachen.

»Das Flöz, eines der jüngsten, stammt aus dem Miozän, einer Epoche des Tertiärs«, dozierte der Geschäftsführer in eine Pause personifizierter Ratlosigkeit hinein.

Die Anwesenden wandten sich ihm zu, offensichtlich hoffend, etwas zu hören, das zum Handeln im Zusammenhang mit diesem unerhörten Ereignis führen würde.

»Das liegt wohl eine ganze Weile zurück«, stellte der Feuerwehrmann mit einem gewichtigen Kopfnicken fest.

»Oh doch, so circa zehn Millionen Jahre.« Es klang wie ein stimmhafter Seufzer.

»Zehn Millionen«, echote der Polizei-Oberrat. Sein Gesicht hatte einen bedeutungsvollen, wie ehrfürchtigen Ausdruck angenommen. Er blickte in die Runde, als wollte er etwas von seinem Empfinden auf die anderen übertragen.

»Das heißt also«, ergänzte die Dame vom Umweltamt forsch, »dass das, das - Dings vor zehn Millionen Jahren in das Flöz gedrungen ist?« Erst im letzten Augenblick münzte sie ihre Feststellung in eine Frage um.

»Nicht ins Flöz«, warf der Tagebauleiter kopfschüttelnd ein.

Mehrere der Runde blickten ihn erstaunt und fragend an.

»In die damalige Landschaft«, erklärte er ein wenig selbstgefällig-so als wollte er sagen: >Na, so was weiß man doch!< »Sumpf, Moor, Wald, Riesenfarne, eine üppige Vegetation eben. Dahinein ist es vermutlich gestürzt, wurde von den Gewächsen überwuchert, dann ist das Ganze von Sanden und Tonen überdeckt worden, und allmählich ... Na, vom Inkohlungsprozess haben wir ja in der Schule gehört.«

Die meisten nickten, wobei unklar blieb, ob sie der Schilderung des vermeintlichen Vorgangs zustimmten oder sich tatsächlich des verflossenen Lehrstoffs erinnerten.

»Aber wieso gestürzt?«, fragte der Landrat.

»Sehen Sie!« Der Tagebauleiter trat an den Kohlestoß und umschrieb mit langgestreckten Armen und verbogenem Körper die Höhlung. »Es ist schräg, steil, kann man schon sagen, aufgeschlagen, in den Boden gedrungen und stak so drin.«

»Dann ist hier also vorn.« Fritz Hegemeister rief es. Er war mit raschen Schritten an das Objekt getreten und tatschte hörbar auf das Blech, dort wo es keilig, wie stromlinienförmig auslief und wo es die Schneidzähne des Schaufelrades angeritzt hatten.

Alle Köpfe drehten sich ihm zu, um sich sogleich wieder dem Tagebauleiter zuzuwenden, der in seiner Mutmaßung fortfuhr: »Wenn es nämlich nicht abgestürzt, sondern normal gelandet wäre, dann hätte es eine definierte Lage einnehmen müssen, entweder senkrecht stehend - aber nicht auf der Spitze - oder waagrecht, niemals aber so, wie wir es gefunden haben.«

In der Runde herrschte zustimmendes Schweigen.

»Naja«, bemerkte dann der Schichtleiter. »Es könnte auch nachträglich verdrückt worden sein, während der Eiszeit. Zum Beispiel ist der Muskauer Faltenbogen ...«

»Kollege Klaub, Sie sehen doch, dass wir hier eine völlig ungestörte horizontale Ablagerung sowohl des Flözes als auch der Deckschichten haben. Also!« Es klang ziemlich zurechtweisend, wie der Vorgesetzte das sagte.

Dann sprach Hartmann aus, was in allen Köpfen längst, von Anbeginn an, umging: »Die Erde hatte also vor zehn Millionen Jahren ...«

»Hat!«, unterbrach die Vorsteherin des Umweltamtes.

Hartmann blickte vorwurfsvoll mit gerunzelter Stirn voller Unverständnis auf die Ruferin.

»Ja«, rechtfertigte sie sich und sah von einem zum anderen. Sie zeigte auf den Shuttle. »Er ist ja noch da, der Besuch!« Sie lächelte.

»Na gut - wenn man es so sieht.« Hartmann nahm seinen Faden wieder auf. »Vor zehn Millionen Jahren also ist das eingetreten, wovon wohl jeder Mensch träumt. Sie waren hier, die Außerirdischen und ...«, er blickte auf die Umweltdame, »haben uns das hier hinterlassen.« Er wies seinerseits auf das Fluggerät.

»Wahrscheinlich unfreiwillig, aus Versehen oder - ein Unfall ...«, murmelte der Landrat dazwischen.

»Da könnten ... Da sind noch welche drin! Meine Güte - vielleicht mumifiziert, gut erhalten.« Die Stimme der Dame überschlug sich. Sie war einen Schritt vorgetreten und fuchtelte mit den Armen.

»Wie dem auch sei«, fuhr Hartmann unbeeindruckt fort, »Es ist eine Sensation, etwas Unerhörtes. Hier müssen Fachleute her, Physiker, Anthropologen. Ich schlage vor ...«

»Nicht hierher!«, unterbrach der Hauptgeschäftsfuhrer. »Schließlich muss trotz allem der Betrieb weitergehen. Ich erkläre mich bereit, vorübergehend den Abbau in diesem Bereich einzustellen, bis, bis die Höhle untersucht ist. Den Shuttle aber schaffen wir aus dem Bau!«

»Aber ...«, warf Hartmann ein. Er wurde jedoch sofort schroff unterbrochen:

»Das verantworte ich. Schließlich sehe ich nicht, dass bei einem sorgsamen Transport etwas passieren könnte. Also - Kollege Sagros«, er wandte sich an den Tagebauleiter, »bereiten Sie das vor. Wählen Sie einen Platz aus, der nicht jedermann zugänglich ist. Und Sie bitte ich«, er blickte in die Runde, »vorerst Stillschweigen zu wahren. Natürlich wird die Öffentlichkeit informiert werden, aber das sollten wir den Fachexperten überlassen, die ich unverzüglich einbeziehen werde.« Dann setzt er leise hinzu, so, als spräche er zu sich selbst: »Es ist ungeheuerlich!«

Der Diensthabende der Nachtwache drückte auf die Taste und holte das Bild der hinteren Hofkamera zurück auf den Schirm. >Dieser große helle Komplex dort ... Wo, zum Teufel, kommt der plötzlich her?< Er erinnerte sich genau: In der vorigen Nacht waren da weiter nichts als der Gerätefriedhof und Gerümpel.

Er betätigte den Zoom. Kein Zweifel: ein großes helles Zelt stand mitten auf dem ebenen freien Platz zwischen den ausgedienten Maschinen.

Kormann ließ die Kamera schwenken. Und überrascht entdeckte er am Tor einen Mann, aus dessen Gebaren er schloss, dass dieser den Eingang bewachte.

3. Kapitel

Der Diensthabende griff irritiert zum Telefon. Ein Fremder auf dem Gelände! Ihm wurde es siedend heiß. Doch dann fiel sein Blick auf das Schichtbuch. Er legte den Telefonhörer zurück, schlug hastig die letzte Seite auf. Und da stand hinter dem Datum ein Eintrag vom Diensthabenden der zweiten Schicht: »15:15 Uhr - ein Schwertransport: Ein Großbehälter wird angeliefert und auf dem Hof abgeladen. 17 Uhr: Bauleute errichten über dem Behälter ein Zelt. Ich werde von der Leitung informiert, dass das Objekt rund um die Uhr bewacht wird. Ein Herr Olsen der Agentur SECUR hat sich vor Antritt der ersten Wache ausgewiesen.«

>Da werden sie wieder, verborgen vor der Konkurrenz, irgend so eine neue Maschine ausprobieren, die letztlich abermals Arbeitsplätze fressen wird. Na ...<, Kormann dachte lächelnd an seinen bevorstehenden 67. Geburtstag, >mich soll’s nicht mehr kümmern.< Er goss dampfenden Kaffee aus seiner Thermoskanne in die Tasse, setzte sich bequem und nahm sich die Tageszeitung vor. Er überflog die Schlagzeilen auf der ersten Seite »Stammzellenpatent erneut unter massiver Kritik«. >Die Randalierer erreichen da eh nichts<, dachte er abfällig, und er blätterte rasch zur Lokalseite.

4. Kapitel

»Herr Waldmann wäre da.«

»Waldmann, Waldmann - wer ist Waldmann?« Professor Kalisch saß vorgebeugt und blickte ratlos auf seine Sekretärin, die rasch die Tür hinter sich zuzog, um den Schallwellen den Weg ins Vorzimmer abzuschneiden.

»Von der Braunkohle, der Sie unbedingt in einer angeblich sehr dringenden Angelegenheit persönlich sprechen will. Am Telefon wollte er nicht sagen, worum es sich handelt.«

»Ah-ja, ich erinnere mich, dass Sie mir so etwas eingerührt haben.« Er schmunzelte. »Lassen Sie den Mann in Gottes Namen herein. In einer Viertelstunde rufen Sie mich zu irgendeinem Termin.« Er zwinkerte der Dame zu.

Die Sekretärin lächelte verstehend, öffnete die Tür und forderte: »Bitte, Herr Waldmann!«

Professor Kalisch reichte dem Besucher über den Schreibtisch hinweg die Hand, wies auf den seitlich stehenden Sessel und fragte höflich: »Was, Herr Waldmann, kann ich für die Kohle tun? Was ist da so geheimnisvoll, dass Sie es nicht am Telefon ...?«

»Ich danke Ihnen, Herr Professor, dass Sie so kurzfristig ... Gestatten Sie, dass ich gleich zur Sache komme.«

»Ich bitte darum - ich bin in der Tat ein wenig in Zeitnot.«

Waldmann nickte.

Kalisch trat hinter seinem Schreibtisch hervor und nahm Waldmann gegenüber im Sessel Platz. »Bitte«, sagte er abwartend.

»Wir, wir haben im Tagebau Walnow einen - sehr merkwürdigen Gegenstand aus dem Kohleflöz geborgen.«

»So, einen merkwürdigen Gegenstand«, wiederholte Kalisch. Doch dann aufmerksamer: »Aus der Kohle? Eine Moorleiche?«

Waldmann lächelte. »Da hätte ich Sie nicht um das Gespräch gebeten. Es ist ein, wir meinen, Shuttle, vielleicht auch etwas ganz anderes, jedenfalls ein metallischer Hohlkörper, das heißt, das wissen wir auch nicht genau, aber dem Gewicht nach ...«

»Augenblick, Augenblick! Ich verstehe richtig - ein metallischer Körper aus der Kohle?« Professor Kalisch hatte sein anfänglich zur Schau gestellter Gleichmut verlassen. Dann lehnte er sich zurück, musterte sein Gegenüber eine Weile und fragte dann mit verändertem Tonfall: »Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich Sie um eine Legitimation bitte?«

Waldmann blickte überrascht, lächelte dann jedoch verstehend und fasste in die Innentasche seines Jacketts. »Hier sind Fotos.« Er breitete mehrere Blätter vor Kalisch aus und erläuterte: »Hier der aufgefundene Gegenstand - das ist der Baggerfahrer, der auf ihn gestoßen ist, hier die Höhlung im Kohlestoß, und das ist der gegenwärtige Aufbewahrungsort. Ich habe das Ding aus dem Tagebau heraus transportieren lassen. Es ist ein sicherer Platz, auf dem es jetzt liegt. Und das ist mein Dienstausweis.«

Professor Kalisch schwieg. Er nahm mit unbewegter Miene die Fotos auf, legte sie zurück, griff dann abermals zu. Er studierte den Ausweis, betrachtete wieder und wieder die Bilder und fragte dann zögernd: »Sie wissen, was das bedeuten - könnte?«

»Ich denke schon.«

»Wer - wie viele Leute wissen davon? Und Sie sind sicher, dass Sie keinem Schabernack aufgesessen sind?«

»Ich bitte Sie!«

»Entschuldigung - es wäre dies nicht das erste Mal.«

Waldmann nannte die Mitwisser. »Aber wir haben natürlich zunächst Stillschweigen vereinbart, bis Ihre Fachleute ... Deshalb bin ich ja hier.«

»Ja, ja, gut.« Kalisch wirkte abwesend. »Das ist schon in Ordnung. Nichts ist schlimmer als voreiliger Rummel. Aufsehen wird es ohnehin noch zur Genüge geben.« Dann erhob er sich, ging zum Schreibtisch, betätigte den Rufer.

Die Brünette öffnete die Tür.

»Kaffee, Tee?«, fragte Kalisch zum Besucher gewandt.

»Kaffee, bitte«, beeilte sich Waldmann zu antworten.

»Frau Wolf, sind Sie bitte so freundlich?«

»Gern - aber Ihr Termin, Herr Professor?«

»Verschieben Sie ihn - und rufen Sie bitte Doktor Georgius.«

5. Kapitel

»Nun bin ich aber sehr gespannt«, sagte Stephan Ramlundt.

Der Wagen fuhr mit mäßiger Geschwindigkeit durch endlosen schütteren Kiefernwald auf der schmalen, von Robinien und Birken gesäumten Asphaltstraße den Werksanlagen des Tagebaues Walnow zu.

»Der Alte jagt uns keinem Phantom hinterher. Schon die Kosten der Fahrt täten ihm leid«, bemerkte Roman Eiselt leicht zurechtweisend. Er schaute angestrengt voraus; in seinem Gesicht stand Röte, er schien erregt.

»Na, kannst du dich erinnern, wie sie seinerzeit mit den getürkten Saurierfußspuren den Experten Bicon reingelegt haben?«

Endlich wich links und rechts der Baumbestand, das Blickfeld weitete sich zu einer kahlen, mit Heckenrosenbüschen betupften Ebene, aus der sich die flachen Bauten, Leitungsmasten und Derricks hoben. Linker Hand verschwand eine unbefestigte, sandige, von unzähligen Reifenspuren zernarbte Piste in einem leichten vertikalen Bogen unter die Ebene.

*

Der Wachmann an der Einfahrt nahm seine Aufgabe sehr genau.

Trotz der Beteuerung, sie seien durch Professor Kalisch angemeldet, der ja erst vor zwei Tagen persönlich zu Besuch gewesen sei, ließ sich der Mann die Ausweise zeigen und rückversicherte sich über sein Mobiltelefon, bevor er sich bequemte, den Torflügel aufzuschieben. Aber immerhin rief er noch: »Dort - das Zelt!«

Fritz Hegemeister, von der Werksleitung als Kontaktmann zu jeglicher Art von Besuchern abgestellt, schlug die Plane zurück und kam den drei Ankömmlingen entgegen.

Er musterte unverhohlen Sandra Georgius und stellte fest: »Sie also sind Doktor Georgius!« Es klang, als sei er schon ein wenig enttäuscht, dass eine junge Frau sich mit einem derart bedeutenden Objekt wie seinem Shuttle - ja, bei sich erhob er einen gewissen Besitzanspruch auf den Fund - befassen sollte, und zwar, wie ihm nachdrücklich mitgeteilt worden war, verantwortlich! >Und hübsch ist sie obendrein, ein wenig mager vielleicht, blond und blauäugig, und dann mit zwei knackigen jungen Kerlen unterwegs, na ja ...!< »Glückauf! - Bitte!« Er hielt den Zipfel der Plane empor. »Schaut ihn euch an!«, empfahl er mit Stolz in der Stimme.

*

Überrascht und beglückt hatte Sandra Georgius von Kalisch diesen sensationellen, einmaligen Auftrag entgegengenommen. Doch es war dem Professor deutlich anzumerken gewesen, wie sehr er es bedauerte, nicht selber ausschließlich am Fund zu arbeiten. Lehrveranstaltungen und eine unaufschiebbare Auslandsverpflichtung stünden dem entgegen. Er wisse aber die Angelegenheit in den besten Händen, erwarte natürlich laufend Informationen und eine lückenlose Abstimmung aller Aktivitäten und - so sei es mit dem Kulturminister verabredet - vorläufig strengste Geheimhaltung.

*

Sandra Georgius, einziger Sprössling des Baufacharbeiters Klaus Georgius und dessen Frau Hannelore, Büroangestellte in der gleichen Firma, wuchs behütet heran, umgeben vom strebenden Fleiß der Eltern und kleinbürgerlichen Vorstellungen, nicht üppig verwöhnt, aber auch nicht eingeschränkt. Das Bestreben der Eltern galt dem Wohlergehen der Tochter.

Als die Grube für das eigene Haus ausgebaggert wurde, stieß man auf ehemalige Siedlungsreste, deren Untersuchung für die Eltern eine ärgerliche Bauverzögerung bedeutete, für Sandra jedoch etwas Aufregendes. Diese Begebenheit prägte ihren Studienwunsch, denn selbstverständlich erwartete man von der Tochter, dass sie den höheren Bildungsweg einschlug. So wurde sie Archäologin mit Leib und Seele, ehrgeizig und überdurchschnittlich begabt, und sie hatte die Chance, mit Kalisch zusammenarbeiten zu dürfen, wahrgenommen. Schon als Studentin nahm sie mit ihm an erfolgreichen Ausgrabungen in Ostafrika teil, war dem weltweit bekannten Archäologen dort als äußerst zielstrebig und von der Arbeit besessen aufgefallen, und er hatte sie nach ihrem ausgezeichneten Examen an sein renommiertes Institut nach Hallsdorf geholt. Mit ihrer Promotion über die Ausbreitung und Siedlung slawischer Volksstämme im mitteleuropäischen Raum konnte sie wertvolle neue Erkenntnisse gewinnen, die die Fachwelt aufhorchen ließen. Es fiel also dem Professor nicht schwer, gerade diese seine Lieblingsschülerin mit der außergewöhnlichen Aufgabe zu betrauen, trotz ihrer Jugend und damit ihres Erfahrungsdefizits. Aber wer schon hätte auf diesem Gebiet Erfahrung!

In der Tat: Im engsten Kreis hatte man sich verständigt, die Herkunft des aus der Kohle geborgenen Körpers bis zu einer anderen Erkenntnis einem außerirdischen Ursprung zuzuschreiben - eine Sensation unvorstellbaren Ausmaßes! Und eigentlich hätte es deswegen unbedingt der Bildung einer unabhängigen internationalen Expertenkommission mit Kontakt zur UN bedurft, wollte man dem Ereignis einigermaßen gerecht werden.

»Selbstverständlich!«, hatte Kalisch, daraufhin angesprochen, erwidert. Es sei dazu jedoch viel zu früh. Zunächst müsse man Gewissheit haben, eine begründete Vermutung, vielleicht erste Untersuchungsergebnisse, um aussagen zu können, worum es sich tatsächlich handele. Und schließlich - >aha, des Pudels Kern<, so Sandras Gedanken - ginge es auch um die eigene Reputation. Oder sollte man sich vielleicht aus dem Fall hinausdrängen lassen? Höheren Orts ginge man mit dieser Sicht auf das Ereignis konform. Deshalb auch oberstes Gebot zunächst: So wenig Eingeweihte wie möglich!

Gerade dieser Umstand machte Sandra arg zu schaffen, flößte ihr gelinde Angst ein. Wie sollte sie mit nur drei Leuten ein Konzept - so der Auftrag - für das weitere Vorgehen erstellen? Die geringste Unachtsamkeit, der kleinste Fehler - und Unwiederbringliches war der Menschheit verloren. Ja, so groß musste man das sehen. Eine unerträgliche, erdrückende Verantwortung - ihre Verantwortung!

Freilich, Kalisch würde prüfen, sicherlich auch noch den einen oder anderen Experten hinzuziehen, bevor gehandelt wurde. Aber sie, Sandra, würde die Voraussetzungen liefern aus drei zusammengefassten Meinungen - na gut, von wohlausgebildeten Leuten, einem Anthropologen, einem Metallphysiker und einer Archäologin. Es tröstete allerdings nur wenig, dass es weltweit keine Menschenseele gab, die im Umgang mit außerirdischen Phänomenen die geringste Erfahrung hatte - von den Fantasien einiger Schriftsteller abgesehen.

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Stephan Ramlundt und Roman Eiselt ließen Sandra Georgius höflich den Vortritt - und versperrten sich damit den Weg in das Zeltinnere.

Überwältigt stand die Frau wie erstarrt.

Trotz aller Beschreibung und Kalischs Fotos war sie überrascht, keiner Bewegung fähig.

Angestrahlt von grellem Scheinwerferlicht und von Hegemeister aufs Sauberste geschrubbt, bot sich das Objekt in einem eigenartigen, unwirklichen Glanz, und es war, als irisiere seine Oberfläche millionenpunktig.

Erst als Roman die Bewegungslose sanft an den Schultern fasste und sie sacht weiter in den Raum schob, fand sie ins Geschehen zurück, und die beiden Männer kamen ebenfalls zu dem faszinierenden Anblick.

Weniger beeindruckt als seine Chefin schritt der Physiker nach Sekunden des Zögerns auf den Körper zu, maß ihn mit Blicken, tatschte dann respektlos mit flachen Händen auf die Oberfläche und schüttelte anschließend anerkennend den Kopf. »Das wird eine harte Nuss!«

Roman, der Älteste der drei Experten, Absolvent des bekannten Moskauer Stahlinstituts, hatte frühzeitig bei einem Autounfall beide Eltern verloren, war nach dem Tod der Großmutter in einem Kinderheim aufgewachsen, hatte das Metallkochen von der Pike auf gelernt und erst nach mehrjähriger praktischer Tätigkeit mit dem nötigen Ersparten das Studium aufgenommen. Ein gutmütiger Mensch war er, bis zur Selbstaufgabe, und er konnte - ein scheinbarer Gegensatz - außerordentlich starrköpfig sein, der eigentliche Grund für eine kürzlich gescheiterte Liaison. Durch und durch Pragmatiker, verfallen dem Spruch: >Nicht gehen, geht nicht<, pflegte er an scheinbar Aussichtslosem so lange herumzutüfteln, bis ein Weg oder wenigstens ein Kompromiss gefunden war. Der richtige Mann für alles Technische in Kalischs Institut.

Im Augenblick fuhr er mit angesetztem Daumennagel eine der feinen Fugen entlang, die sich nur wenig dunkler auf der glänzenden Fläche abhoben.

»Das hat noch Zeit«, bemerkte Sandra. Mit verklärtem Blick strich sie wie zärtlich über die glatte Oberfläche.

»Was brauchen Sie?«, fragte Hegemeister ungeachtet der Entrücktheit der Frau profan und poltrig. »Ich bin euch vorläufig zugeteilt.«

Sandra wendete sich vom Objekt ab, lehnte sich mit dem Rücken dagegen, blickte zunächst gedankenabwesend auf den Frager und sagte dann unbestimmt: »Tja ...«

Stephan Ramlundt hatte in der Zwischenzeit mit auf dem Rücken verschränkten Händen den Körper zweimal umrundet. Dann war er stehengeblieben, hatte die Oberfläche des Kolosses betastet und lehnte sich abwartend an eine der Zeltstützen neben dem Eingang. Und es klang fast wie ein ärgerlicher Seufzer, als er leise sagte: »Vorläufig werde ich da wohl nicht gebraucht.«

Stephan Ramlundt, von seinen Studienkollegen und den Institutsangehörigen wohl zu Recht für den Protegé des Professors gehalten, war, wie man so sagt, mit dem goldenen Löffel geboren, als Sohn eines einflussreichen Unternehmers, der, ebenso wie Kalisch, zur Hautevolee der Stadt zählte. Privatschule, Privatcollege, ausgiebiges, freizügiges Studentenleben zunächst ohne jede finanzielle Einschränkung- aber: ausgezeichnete Studienergebnisse, weil hochintelligent. Auch er hatte an den Ausgrabungen des Professors in Ostafrika teilgenommen, und er erwies sich bei der Systematisierung der Funde als ein Anthropologe von Format. Nun, bei aller gesellschaftlicher Verquickung: Einen Dummkopf zu fördern, wäre nicht Kalischs Art gewesen.

Vieler echter Freunde konnte sich Stephan nicht rühmen; man sagte ihm Arroganz nach, dennoch zehrten etliche an seiner damaligen Wohlhabenheit. Je mehr er sich jedoch ernsthaft seiner wissenschaftlichen Arbeit widmete und damit zwangsläufig, schon aus Zeitgründen, von studentischen Gewohnheiten löste und des Vaters Unternehmen in Schwierigkeiten geriet, desto mehr zogen sich die Kumpane zurück. Stephan war auch einer, den Frauen wohl als schönen Mann bezeichnen: Groß, sportlich mit guten Manieren. Und er pflegte seine Chancen bei mancher Kommilitonin zu nutzen.

Für die Mission Kohle-Shuttle hatte ihn Kalisch von einem zweijährigen Studienaufenthalt aus Kalifornien zurückbeordert.

»Also«, drängte Hegemeister, »wann machen wir das auf?«

Erst jetzt fand Sandra völlig in die Wirklichkeit. Sie gab sich einen Ruck. »Langsam, langsam«, beschwichtigte sie. »Erst müssten wir natürlich wissen, wie!«

»Na, wie schon. Ein ordentlicher Schweißbrenner und ... Oder, wenn nicht - wegen der Hitze -: Alte Bomben, die wir hier zur Genüge ausgebuddelt haben, zerschneiden sie mit einem Wasserstrahl, wenn’s nicht anders geht. Tolle Technologie, das.«

Sandra lächelte.

»Wir werden sehen«, sagte Roman. »Zuerst brauchen wir eine ordentliche Umhausung, eine Leichtbauhalle.«

»Und wir ein Quartier in der Nähe. Sorgen Sie dafür, Herr Hegemeister? Und dass weiterhin Stillschweigen angesagt ist, brauche ich wohl nicht zu betonen.«

Fritz Hegemeister zog eine Grimasse. »Eine Halle, reicht das Zelt nicht? Wie lange soll denn das alles dauern! Und wer soll ...«

»Zerbrechen Sie sich bitte nicht unsere Köpfe«, warf Stephan mit leichter Schärfe im Ton ein.

»Schon gut, schon gut.« Hegemeister hob die Schultern.

»Kommen Sie bitte mit zum Auto«, forderte ihn Roman auf, »helfen Sie mir, die Geräte für die Metallprobenahme zu holen.«

6. Kapitel

Die kleine Gruppe hatte im Städtchen Walnow, dem Namensgeber für den Tagebau, im Gasthof »Zum Lausitzer« eine brauchbare Unterkunft gefunden - nur sieben Autominuten von der Arbeitsstätte entfernt. Sie gaben sich als Geologen aus und erregten so keinerlei Aufsehen; der Großtagebau zog allerlei Leute, Wissenschaftler, Vermesser, Journalisten und andere Neugierige an, die meist im »Lausitzer« logierten.