Atlan 25: Attacke der Maahks (Blauband) - Peter Terrid - ebook

Atlan 25: Attacke der Maahks (Blauband) ebook

Peter Terrid

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Opis

8000 Jahre vor Beginn der irdischen Zeitrechnung: Atlan ist der Kristallprinz, der offizielle Thronfolger des riesigen Arkon-Imperiums. Doch sein Vater wurde ermordet, an dessen Stelle regiert nun Imperator Orbanaschol III. über Tausende von Sonnensystemen. Orbanaschols Ziel ist jetzt, den geflüchteten Atlan zu beseitigen und den "Stein der Weisen" zu finden. Mit diesem Relikt, so hofft er, erlangt er die Unsterblichkeit. Der jugendliche Atlan hat den Kampf gegen den Mörder und seine Helfer aufgenommen. Mit einer Gruppe exotischer Gefährten errang er bereits erste Erfolge. Auch er jagt dem "Stein der Weisen" nach - bei dieser Suche traf er mehrfach mit den geheimisvollen Varganen zusammen. Diese uralten Wesen sehen zwar aus wie Menschen, verfolgen aber ihre eigenen mysteriösen Pläne mit Atlan und dem Arkon-Imperium. Dann spitzt sich die Lage zu, als der schon lange tobende Krieg mit den Maahks, den so genannten Methanatmern, eskaliert. Die fremdartigen Wesen setzen zu einer Großoffensive an: 17.000 Kampfraumschiffe greifen eine zentrale Welt des Imperiums an ... Enthaltene ATLAN-Heftromane Heft 181: "Der Kristallprinz und der Seher" von Peter Terrid Heft 182: "Das Wrack im Eis" von H.G. Ewers Heft 184: "In den Klauen der Maahks" von Hans Kneifel Heft 185: "Flottenstützpunkt Trantagossa" von Marianne Sydow Heft 186: "Die Schlacht von Trantagossa" von Marianne Sydow

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Nr. 25

Attacke der Maahks

Vorwort

Kristallprinz Atlan ist der Sohn und designierte Erbe des ermordeten Imperators Gonozal VII. und hat das Ziel, den Brudermörder Orbanaschol III. vom Kristallthron Arkons zu stürzen. 8000 Jahre vor Beginn der irdischen Zeitrechnung steht das Große Imperium der Arkoniden zwar in der Blüte seiner Entwicklung, aber das aus vielen tausend Planeten bestehende Tai Ark’Tussan ist zunehmend von innen wie von außen bedroht.

Wachsende Korruption und Misswirtschaft der Clique rings um Orbanaschol, der von der Kristallwelt aus das Sternenreich mehr schlecht als recht regiert, verstärken die Wirkung der Angriffe jener Lebensformen, die die Arkoniden vereinfachend Methanatmer nennen. Hauptvolk dieser Angreifer sind die gefürchteten Maahks – Eier legende Intelligenzen mit extrem hoher Vermehrungsrate, die Wasserstoff mit geringen Methanverunreinigungen ein- und Ammoniak ausatmen sowie an Welten mit einer Schwerkraft von 2,7 bis 3,1 Gravos angepasst sind. Erste bewaffnete Auseinandersetzungen gab es bereits zur Regierungszeit von Atlans Vater. Inzwischen haben diese allerdings Ausmaße angenommen, dass von einem Krieg gesprochen werden muss.

Der Kristallprinz, durch den aktivierten Extrasinn mit einem inneren Ratgeber ausgestattet, hat auf der Welt Kraumon mit seiner wachsenden Zahl an Mitstreitern eine Basis geschaffen und erste erfolgreiche Nadelstichaktionen durchgeführt. Doch die Suche nach dem geheimnisvollen »Stein der Weisen« entwickelte sich zu einem Wettrennen mit dem Blinden Sofgart, dem Anführer der verhassten Kralasenen, und Orbanaschol, bei dem Atlans Widersacher stets einen Schritt voraus waren.

Dank der rätselhaften Varganin Ischtar, von der der Kristallprinz erstmals von dem Barbaren Ra gehört hatte, überlebte Atlan die Konfrontation mit Sofgart, bei der dieser umkam. Ischtar erwies sich weiterhin als eine Schlüsselfigur. Nachdem er durch eine posthypnotische Botschaft zu der Versunkenen Welt Margon gelockt worden war, bekam es der Kristallprinz mit dem Henker Magantilliken zu tun, der im Auftrag der Herren der Eisigen Sphäre die letzten Varganen und somit auch Ischtar gnadenlos verfolgte. Atlan lernte seinen und Ischtars ungeborenen Sohn Chapat kennen und musste mit ansehen, dass Chapat in die Eisige Sphäre entführt wurde.

Durch Magantillikens Versuch, Ischtar eine Falle zu stellen, gerät Atlan nun in die Fänge des varganischen Kyriliane-Sehers Vrentizianex, wird immer mehr in den Strudel der Ereignisse verwickelt und erlebt schließlich hautnah die Attacke der Maahks …

Im Rahmen der insgesamt 850 Romane umfassenden ATLAN-Heftserie erschienen zwischen 1973 und 1977 unter dem Titel ATLAN-exklusiv – Der Held von Arkon zunächst im vierwöchentlichen (Bände 88 bis 126), dann im zweiwöchentlichen Wechsel mit den Abenteuern Im Auftrag der Menschheit (Bände 128 bis 176), danach im normalen wöchentlichen Rhythmus (Bände 177 bis 299) insgesamt 160 Romane, die nun in bearbeiteter Form als »Blaubücher« veröffentlicht werden.

Mit Band 24 startete mittlerweile ein neuer Handlungsabschnitt der Jugendabenteuer des Kristallprinzen – der Zyklus »Die Varganen«.

In Band 25 flossen, ungeachtet der notwendigen und möglichst sanften Eingriffe, Korrekturen, Kürzungen und Ergänzungen, um aus fünf Einzelheften einen geschlossenen Roman zu machen, der dennoch dem ursprünglichen Flair möglichst nahe kommen soll, folgende Hefte ein: Band 181 Der Kristallprinz und der Seher von Peter Terrid, Band 182 Das Wrack im Eis von H. G. Ewers, Band 184 In den Klauen der Maahks von Hans Kneifel sowie von Marianne Sydow Band 185 Flottenstützpunkt Trantagossa und Band 186 Die Schlacht von Trantagossa. In die Kapitel-Vorspanntexte eingeflossen sind neben dem »Völkerdatenblatt Maahks« von Michael Thiesen auch bearbeitete Passagen des Rollenspiels »PERRY RHODAN Simulation« Die Raumflotte der Maahks I.

Wie stets auch der Dank an die Helfer im Hintergrund: Michael Beck, Andreas Boegner, Kurt Kobler, Heiko Langhans, Michael Thiesen – sowie Sabine Kropp und Klaus N. Frick.

Viel Spaß – ad astra!

Rainer Castor

Prolog

Aus: Biographie Atlans – Anhang: Fragmente, Anmerkungen, Marginalien (in vielen Bereichen noch lückenhaft), hier: Ischtar spricht; Professor Dr. hist. Dr. phil. Cyr Abaelard Aescunnar; Gäa, Provcon-Faust, 3565

Viele meines Volkes verfügen über starke paranormale Kräfte, doch der Kyriliane-Seher sah Dinge, die er niemals hätte sehen dürfen, denn er sah, was immer er sehen wollte – deshalb wurde er bestraft. Vrentizianex’ Augen wurden entnommen, durch Kristalle ersetzt und er selbst zu einer anderen Welt gebracht. Helpakanor, wenn ich mich richtig erinnere. Die Kristalle seiner neuen Augen wirkten als natürliche paranormale Sperre, so dass er niemals zu seinen eigenen zurückkehren konnte, die Kristalle andererseits aber auch nicht herauslösen konnte.

Unsterblich wie alle Varganen, sollte er eine Ewigkeit leiden und tausend Tode sterben, ohne wirklich vergehen zu können – so lautete das Urteil. Ein Urteil, an das sogar Magantilliken gebunden sein dürfte. Wenn überhaupt, wird er Vrentizianex als Letzten töten. Ich sagte es schon Atlan: ein dunkles Kapitel aus weit zurückliegender Vergangenheit, dessen Einzelheiten ich nur am Rande mitbekam und ansonsten vom Hörensagen kenne …

Diese Augen, von denen du glaubst, dass sie wertlos seien, haben mehr gesehen als wir drei zusammen. Und sie können uns weit Entferntes wie auch Verborgenes zeigen, unabhängig von der Distanz. Man muss sich nur mental auf sie einstimmen.

Zercascholpek: 21. Prago des Ansoor 10.498 da Ark

»Wir werden Atlan finden«, versprach Fartuloon grimmig. »Und wenn wir den ganzen verfluchten Planeten durchwühlen müssten.«

Der Bauchaufschneider hatte es sich im Pilotensitz der F-1 bequem gemacht. Der anachronistisch wirkende Harnisch und das Dagorschwert wirkten auf den ersten Augenblick skurril – und doch passten sie zu dem korpulenten Mann mit dem schwarzen Vollbart und der spiegelnden Glatze.

Neben ihm saß Ra mit einem fast versteinert wirkenden Gesicht. Unter dem leichten Kampfanzug zeichneten sich wahre Muskelpakete ab; er hatte dunkelbraune Haut, bis zum Nacken reichendes schwarzes Haar und schwarze Augen. Die Stirn war im Vergleich zu einem Arkoniden niedrig. Das wettergegerbte Gesicht mit den Stammesnarben auf der Stirn war das eines Mannes, der unter primitiven Verhältnissen auf einer Welt ohne echte Zivilisation aufgewachsen war. Seine Heimat umkreiste eine gelbe Sonne, irgendwo in den fremden Weiten der Öden Insel.

Obwohl Ra sich bemühte, möglichst gleichgültig dreinzusehen, war sich Fartuloon klar darüber, welche Gedanken hinter der Stirn des Barbaren abliefen: Außer den Männern hielt sich Ischtar in dem zwanzig Meter durchmessenden Leka-Diskus auf. Die bronzehäutige Varganin hatte die wallende Goldmähne hochgesteckt. Ihre metallisch blaue und eng sitzende Kombination ließ auf den ersten Blick nicht erkennen, dass es sich um ein hochwertiges Produkt der Varganentechnik handelte, das vermutlich jeden Arkon-Kampfanzug an Leistungsfähigkeit deutlich überstieg.

»Wir wissen nur, dass Atlan in den Würgeranken eines Vulkanbaums steckt«, brummte Ra und wies auf die in einem Antigravfeld schwebenden Toten Augen des Kyriliane-Sehers Vrentizianex.

Sie erreichten die Größe einer Kinderfaust und glichen inzwischen wieder weißgelben, von feinen Äderchen durchzogenen Gebilden, obwohl sich die Varganin weiterhin auf sie konzentrierte. Im Baum der Erinnerungen geborgen, hatten sie Szenen abgebildet – zunächst den mehrfach geteilten Kegel eines Vulkans, dazwischen Bruchstücke eines seltsam geformten Riesenbaums und schließlich Atlans Gesicht.

»… dessen Form unverkennbar war! Ich habe ihn schon auf den Höhenbildern gesehen. Bald sind wir dort.« Fartuloon wandte sich an Ischtar. »Etwas Neues?«

»Nein. Der Hypersturm stört, wird immer stärker.«

30.574 Lichtjahre von Kraumon entfernt, war die Sonne Zercascholpek, ein von vier Welten umlaufener blassgelber Stern, der zu einer dicht stehenden, nur 4,3 Lichtjahre durchmessenden Ballung aus fünfundzwanzig Sonnen gehörte. Die hyperphysikalischen Bedingungen der Konstellation begünstigten das Entstehen von Hyperstürmen – und genau ein solcher hatte seit ihrer Ankunft stetig an Kraft gewonnen. Wiederholt war es bereits zu Ausfällen der Hypertechnik gekommen, mit den Aggregaten der Schutzanzüge wenig oder gar nichts anzufangen gewesen.

Neben der FARNATHIA, einem zweihundert Meter durchmessenden Schweren Kreuzer, umkreiste Ischtars Oktaederraumer auf einer stabilen Bahn den zweiten Planeten; eine relativ junge Sauerstoffwelt mit einem Durchmesser von 15.682 Kilometern und einer Gravitation von 1,23 Gravos. Die beiden Monde, die trotz unterschiedlicher Kreisbahn einen weitgehend synchronen Umlauf aufwiesen und somit von Zercascholpek aus stets als nahe zusammenstehend erschienen, erreichten Durchmesser von 3894 und 3473 Kilometern.

Zercascholpeks Oberfläche war von einem fast durchgehenden grünen Dschungel bestimmt. Nur Vulkane und kleine Binnenmeere, die eher große Sumpfseen waren, unterbrachen die ungehemmt wuchernde Wildnis – Pflanzen, deren Ausmaß alles übertraf, was sie je gesehen hatten. Jeder der gigantischen schwarzstämmigen »Bäume« bedeckte viele Quadratkilometer Fläche. Die Atmosphäre war durch die vulkanische Tätigkeit getrübt und an vielen Stellen rauch- und ascheverhangen.

Fartuloon warf einen kurzen Seitenblick auf Ra; der Barbar trank förmlich die Worte von Ischtars Lippen. Es war erschütternd zu sehen, wie stark dieser Mann der Varganin verfallen war. Der Bauchaufschneider ahnte, dass sich in dem Beziehungsdreieck Ischtar-Atlan-Ra Kräfte und Spannungen ansammelten, die sich eines Tages mit verheerenden Folgen Bahn brechen mussten.

Wiederholt war es zwischen dem Kristallprinzen und dem Barbaren zu Handgreiflichkeiten gekommen; je länger Ischtar ihren Einfluss auf die beiden Männer ausüben konnte, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass einer der beiden für seine Liebe zu der Varganin mit dem Leben bezahlen musste.

Ra wandte sich von den Toten Augen und Ischtar ab und deutete mit der Hand auf die schwarzgraue Landschaft, über die das Beiboot der FARNATHIA flog. Inzwischen war die markante Formation von exakt zwei Dutzend Vulkanen knapp nördlich des Äquators mit dem Baum der Erinnerungen viele Kilometer entfernt. Ausgedehnte Lavafelder an Vulkanhängen wurden wiederholt von Riesenbäumen unterbrochen, die in bizarren Formen den Ansturm des verflüssigten Gesteins überstanden hatten. Angesichts der Temperaturen, die nötig waren, um Stein zum Schmelzen zu bringen, erschien es fast unglaublich, dass relativ viele Bäume den Lavafluss offenbar ohne größere Schäden überstanden hatten. Immer wieder flog die F-1 über solche, deren Wurzelwerk zwar unter Lava begraben war, deren gigantische Kronen aber dicht belaubt waren.

Der Bauchaufschneider zog das Beiboot etwas höher, der Diskus schwebte mit hoher Fahrt knapp zwanzig Meter über eine Baumkrone hinweg und näherte sich dem mehrfach geteilten und abgestuften Kegel, aus dessen Krater eine dichte schwarze Rauchfahne stieg. Jede einzelne Pflanze an den zerklüfteten Hängen wurde von den drei so verschiedenen Wesen an Bord der F-1 fortan aufmerksam beobachtet, aber von Atlan war nichts sehen. Was Ras scharfen Augen entging, musste sich auf der Infrarotbeobachtung klar abzeichnen. Atlans Körper war erheblich wärmer als der Baum, der ihn gefangen hielt. Fartuloon wusste allerdings nur zu gut, dass diese Kalkulation nur dann zutraf, wenn der Kristallprinz noch lebte.

»Mehr nach rechts«, sagte Ra plötzlich. »Ich glaube, ich habe etwas gesehen.«

Der Bauchaufschneider zog skeptisch die Brauen in die Höhe, aber er lenkte die F-1 in die angegebene Richtung. Angestrengt starrte er auf den Bildschirm, der die Messungen der Infrarotoptik darstellte. Die Reichweite der Anlage war beträchtlich größer, als Ra sehen konnte, aber es zeichnete sich nichts ab, was auf einen lebenden Körper hätte hinweisen können.

Ra grinste zufrieden und streckte den Arm aus. »Dort!« Er deutete auf einen kleinen, kaum erkennbaren Fleck auf einem ausgedehnten, fast waagrechten Plateau etwa in halber Berghöhe. »Ich weiß, dass ich mich auf meine Augen verlassen kann.«

Fartuloon beschleunigte, das Beiboot raste auf den Körper zu, der bewegungslos auf dem Lavaboden lag. Nach kurzer Zeit sah Fartuloon mehr. Ein wallender Umhang von tiefblauer Färbung. Wie ein Leuchtzeichen blinkte es gelblich herüber, ein Streifen vor einem schwarzen Kreis. Der verschlungene Streifen, Zeichen Magantillikens, des Henkers der Varganen!

Fartuloon knirschte mit den Zähnen. Am liebsten hätte er den Körper des Varganen sofort verdampft, aber Ischtar hielt die Hand fest, die nach dem Feuerknopf der Impulskanone tastete. »Noch nicht«, sagte die Varganin leise. »Ich will den Körper erst untersuchen.«

»Macht euch auf eine Falle gefasst«, knurrte Fartuloon.

Inzwischen war das Beiboot dem Körper so nahe gekommen, dass Zweifel ausgeschlossen waren. Der Umhang Magantillikens mit dem charakteristischen Symbol war Fartuloon nur zu gut bekannt. Aber noch war sich der Mann nicht völlig sicher, ob sich unter dem Umhang, der sich sacht in einer leisen Brise bewegte, tatsächlich der Körper des varganischen Henkers verbarg. Behutsam setzte Fartuloon das Beiboot auf dem Boden auf, die vier Landestützen wippten leicht nach, dann stand die F-1 sicher, knapp dreißig Meter von dem reglosen Körper entfernt.

Fartuloon dachte nicht daran, die Schleuse an der Unterseite der F-1 sofort zu öffnen, schaltete auch den Schutzschirm nicht ab. »Wir warten noch ein paar Zentitontas«, entschied er. »Ich traue diesem Burschen nicht.«

Ischtar lächelte unterdrückt. Fartuloon war höflich genug gewesen, nicht zu sagen, dass er grundsätzlich allen Varganen misstraute, sie ausdrücklich eingeschlossen. Die unglaubliche Anziehungskraft der Varganin, mit der sie Ra und Atlan förmlich hypnotisieren konnte, blieb bei Fartuloon wirkungslos. Der Bauchaufschneider wartete fünf Zentitontas, dann gab er das Zeichen zum Ausstieg. Ein leichter Wind wehte, gerade stark genug, um eine Strähne von Ischtars Goldhaar zu bewegen. Ein strenger, scharfer Geruch lag in der Luft. Fartuloon zückte das Skarg und ging langsam zu dem Körper, der noch immer von dem dunklen Umhang verdeckt wurde.

»Es ist Magantilliken«, sagte Ischtar leise, nachdem Fartuloon sein Schwert dazu benutzt hatte, die Gestalt auf den Rücken zu drehen. »Oder besser gesagt: Das war Magantilliken. Sein Körper.«

Der Henker der Varganen bot einen Schauder erregenden Anblick. Der Körper war fast schwarz, die Züge des Gesichts waren kaum mehr zu erkennen. Von der Leiche stieg der unangenehme Geruch auf, der Fartuloon schon beim Ausstieg aus der F-1 aufgefallen war. Magantillikens Körper war tot, daran gab es keinen Zweifel; eine schwarz verkohlte Mumie.

Sein Körper! Der Bauchaufschneider erinnerte sich an Atlans Bericht, laut dem Ischtar von einem uralten Körper gesprochen und sich gefragt hatte, wie der Henker an dieses seltene Exemplar gekommen war. »… nach Ischtars Darstellung hat sich sein Geist in die Eisige Sphäre zurückgezogen, wo er offenbar neue Energie tankt«, glaubte Fartuloon Atlans Stimme zu hören. »Mit der kann er nach Belieben den alten Körper wieder übernehmen, sich aber auch den Körper eines anderen Varganen aussuchen, die in großer Zahl auf den Versunkenen Welten zu finden sein sollen. Die Varganen scheinen den Vecorat vergleichbare Fähigkeiten zu besitzen und wechseln nur rein geistig von der Eisigen Sphäre hierher …«

Abermals hatte also mit großer Wahrscheinlichkeit der eigentliche Magantilliken, das Wesen, der Charakter der Person, überlebt. Schließlich hatte nur Magantillikens Geist die Eisige Sphäre verlassen, sich diesen Körper ausgesucht, ihn mit Energie gefüllt und ihn zum Henker bestimmt. Fröstelnd dachte der Bauchaufschneider an die insektoiden Vecorat, die als die »Erzfeinde« der Arkoniden galten. Sie konnten rein geistig den eigenen Individualkörper verlassen und auf einen anderen überspringen. Die Fähigkeit zumindest einiger Varganen schien mit jener der auch Individualverformer genannten Wesen vergleichbar zu sein.

»Wenn ein Vargane stirbt«, erkundigte sich Fartuloon bei Ischtar, »sieht er dann aus wie dieser Körper?«

Sie starrte aus weit aufgerissenen Augen auf die Leiche des Mannes, der sie zu fangen und zu töten versucht hatte. Ihr Entsetzen sagte dem Bauchaufschneider genug. Magantilliken war keines natürlichen Todes gestorben! Wie Ischtar kniete Fartuloon neben der Leiche auf den Boden, sah sich den Körper genauer an und machte ein sorgenvolles Gesicht, als er sich Zentitontas später langsam weder erhob. »Ich habe zuerst angenommen, dass er bei einem Kampf mit einer Thermowaffe getötet worden ist. Dieser Eindruck war falsch.«

Ra sah Fartuloon erstaunt an. »Und wie sonst ist er gestorben?«

»Magantilliken ist von innen heraus verglüht; es kann noch nicht sehr lange her sein. Ich nehme nicht an, dass dieser Prozess von Magantilliken selbst ausgelöst wurde.« Ischtar bestätigte Fartuloons Vermutung mit einem zögernden Nicken. »Irgendjemand hat den Henker auf diese Weise getötet. Irgendjemand, den wir nicht kennen und von dem wir nicht wissen, wo er steckt. Atlan und wir sind allem Anschein nach nicht allein auf diesem Planeten.«

Ischtar nahm das Vielzweckschaltgerät an sich, mit dem sie ihr Doppelpyramidenschiff fernsteuern konnte und das den Tod des Henkers schadlos überstanden hatte, und stand ebenfalls auf. Ihr Blick war starr auf den Leichnam des Henkers gerichtet, es war ihr anzusehen, dass sie Angst hatte. Es gab ringsum keinerlei Spuren eines Kampfes. Irgendjemand hatte Magantilliken töten wollen und offenbar ohne jede Anstrengung seinen Willen in die Tat umsetzen können. »Dieser Körper ist vernichtet, aber nicht Magantilliken. Der Henker befindet sich jetzt in der Eisigen Sphäre, aber er kann jederzeit zurückkehren. Er braucht dazu nur einen neuen Körper.«

»Und den kann er in nahezu jeder varganischen Station finden.« Fartuloon nickte grimmig. »Wir haben keine Ahnung, wie viele solcher Stationen es gibt oder wo sie sich befinden.«

Er knirschte mit den Zähnen. Der Gedanke, gegen einen Feind antreten zu müssen, der praktisch nicht zu töten war, hatte etwas Grauenvolles an sich. Was nützte ein Sieg, wenn der Besiegte sich in einen Bereich zurückziehen konnte, in dem er praktisch unangreifbar war?

Ra sah die kahlen Hänge zum rauchenden Vulkangipfel hinauf. Ein stetes Grollen erfüllte die Luft, wiederholt zischten und pfiffen Geysire. Aus einem kleinen Nebenkrater quoll glutrotes Gestein und mäandrierte über schwarze, vielfach verkantete Platten und Krusten. »Welche Art Falle wollte uns der Henker stellen?«, überlegte er halblaut. »Wo ist das Beiboot, mit dem er und Atlan hierher gekommen sein müssen?«

Ischtar berührte ihr Armbandgerät und lächelte kühl. »Das Beiboot ist ganz in der Nähe – unter einem Tarn- und Antiortungsfeld verborgen. Fernsteuerungskontakt bestätigt. Ich brauche es nur zu rufen.«

»Später. Halten wir uns nicht länger mit dem Kadaver auf. Wir müssen Atlan finden!«, knurrte Fartuloon und stapfte zum Diskus zurück. Insgeheim befürchtete er, dass er Atlan in ähnlichem Zustand vorfinden würde wie Magantilliken.

»Wir haben Magantilliken gefunden, wir werden auch Atlan aufstöbern.« Ra versuchte sich selbst Mut zu machen. Das offenkundige Eingreifen einer bislang noch unbekannten Macht hatte die Lage wesentlich komplizierter gemacht.

Fartuloon stellte die sich aufdrängenden Fragen laut, während die F-1 den Vulkankegel umkreiste. »Wer ist der Unbekannte, auf welcher Seite steht er? Solange wir das nicht wissen … Ich frage mich vor allem, was der Unbekannte möglicherweise mit Atlan angestellt hat.«

»Vielleicht sind es mehrere Unbekannte«, mutmaßte Ra. »Ein ganzes Volk, das wir noch nie zu Gesicht bekommen haben. Die Galaxis ist groß, viel zu groß, als dass wir alle raumfahrenden Intelligenzen kennen könnten.«

»Ich weiß. Aber ein völlig unbekanntes Volk hätte keinerlei Grund, den Henker der Varganen zu töten. Es fehlt das Motiv.«

»Es muss folglich eine Beziehung zwischen den Unbekannten und Magantilliken geben.« Während Ra laut überlegte, ließ er die Landschaft keinen Augenblick aus den Augen. »Orbanaschol?«

Fartuloon schüttelte den Kopf. »Arkoniden kennen kein Verfahren, eine Person dadurch zu töten, dass sie von innen heraus verglüht. Weit eher glaube ich an irgendeinen Einfluss der Varganen. Was uns zur schon von dir gestellten Frage bringt, welche Art Falle der Henker Ischtar stellen wollte. Zercascholpek ist die Welt der Toten Augen – spielt also der mysteriöse Kyriliane-Seher Vrentizianex eine Rolle, Ischtar?«

Die Varganin saß neben Ra, schien völlig in Gedanken versunken zu sein und antwortete nicht. Kannte sie den oder die Unbekannten, die den Körper Magantillikens getötet hatten? Oder war sie noch immer mit der grauenvollen Art und Weise beschäftigt, in der der Henker der Varganen sein Ende gefunden hatte? Gegen die Kräfte, die hier vermutlich eingesetzt worden waren, würde auch der Schutzanzug nicht viel helfen, den sie an Bord der F-1 trug.

»Dort vorn brennt etwas«, sagte Fartuloon. Der Infrarotbildschirm zeigte, dass in einigen Kilometern Entfernung der Wärmehaushalt an der Oberfläche stark gestört worden war. Um einen Seitenausbruch des Vulkans konnte es sich nicht handeln, dafür waren die Werte zu gering, obwohl es nicht weit entfernt sehr hell strahlte, da sich dort der abgestufte Kegelstumpf des Berges in voller Tätigkeit befand. Ein spontan entstandenes Feuer? Spontan … wie beim Henker? »Wir sehen uns die Stelle einmal an. Vielleicht stoßen wir auf einen Hinweis.«

Er änderte den Kurs des Beiboots geringfügig und hielt genau auf den hellen Fleck zu, der sich auf dem Bildschirm abzeichnete. »Wir müssen darauf vorbereitet sein, nötigenfalls mit einem ausgesprochenen Alarmstart zu verschwinden«, sagte der Bauchaufschneider grimmig und musterte sorgenvoll die Ortungsergebnisse, die abermals einen Anstieg des Hypersturms registriert hatten. »Der Vulkan sieht aus, als wolle er in jedem Augenblick spucken.«

»Dann spucken wir zurück«, witzelte Ra und grinste Fartuloon an, dessen Mimik deutlich verriet, dass er von dieser Art Humor nicht sonderlich viel hielt. »Ein verbrannter Vulkanbaum. Ziemlich bizarres Skelett. Wahrscheinlich hat ihn ein Blitz oder eine Magmabombe getroffen und in Brand setzt.«

Fartuloon schüttelte abwehrend den Kopf. »Kein Gewitter – das hätten wir schon weitaus früher wahrnehmen müssen. Die Reste qualmen noch.«

»Also ein aus dem Krater geschleudertes Stück Fels?«

»Das hätte nur einen lokal begrenzten Schaden angerichtet, kaum den gesamten Riesenbaum verkohlt«, widersprach Fartuloon auch dieser These. »Wir werden uns diese geheimnisvolle Pflanze näher ansehen.«

Er warf einen skeptischen Blick auf den nahen Vulkangipfel, bevor er die F-1 behutsam aufsetzte. Der Geruch, der nach dem Öffnen der Schleuse in das Innere des Beiboots drang, bewies deutlich, dass der Brand vor kurzem stattgefunden haben musste. Vorsichtig näherten sich die drei dem Baum, der nur noch aus dem nahezu völlig verkohlten Riesenstamm und ebenfalls geschwärzten Hauptästen bestand. Kleine Seitenäste und das Laub waren verschwunden. Aber auch ohne seine Krone wirkte das Gebilde noch beeindruckend, ragte mehr als hundert Meter auf. Als schwarze Brücken spannten sich die Hauptäste zu benachbarten Bäumen, Asche bedeckte den Boden.

Fartuloon musterte aufmerksam das Gelände. Er versuchte, sich an das Bild zu erinnern, das die Toten Augen des Vrentizianex gezeigt hatten. Aber er konnte nicht sagen, ob die Umgebung des Baumes mit dem Bild identisch war, das die Augen von der näheren Umgebung gezeigt hatten.

»Diesen Baum hat ganz bestimmt kein glühender Fels in Brand gesetzt«, stellte er nach kurzer Untersuchung der Überreste fest. »Hier wurden thermische Waffen eingesetzt! Der Baum war so voller Saft, dass ein Schwelbrand sofort erstickt wäre. Nur eine beständige Zufuhr größerer Mengen Wärmeenergie war fähig, ihn bis auf den Riesenstamm zu verkohlen. Irgendjemand hat diese Pflanze beschossen.«

»Warum?«, fragte Ra knapp.

»Ich kann mir nur eine halbwegs logische Erklärung denken. Wenn dies tatsächlich der Baum ist, den wir in den Toten Augen gesehen haben, wäre es denkbar, dass jemand Atlan zu Hilfe gekommen ist und zu diesem Zweck den Baum zerschossen hat.«

»Und wo ist dann Atlan?«, wollte Ischtar zweifelnd wissen, »Hat man ihn befreit? Oder wurde er zusammen …«

»Das Einzige, was ich mit Bestimmtheit sagen kann, ist, dass dieser Baum mit Thermowaffen beschossen wurde. Ob es der Baum ist, der Atlan gefangen gehalten hat, weiß ich beim besten Willen nicht.« Nervös kaute er auf der Unterlippe. Das Eingreifen der Unbekannten ließ jede Kalkulation zum Lotteriespiel werden. Solange nicht bekannt war, was die Unbekannten wollten, war auch unmöglich zu sagen, ob sie Atlan vielleicht geholfen oder ob sie ihn wie Magantilliken getötet hatten. Selbst die Tatsache, dass nirgendwo etwas von Atlans Leiche zu finden war, konnte nicht als Beweis dafür gelten, dass er noch lebte.

Plötzlich zuckte Ischtar zusammen. »Im Vulkan … Mein Armbandgerät hat angesprochen.«

»Bricht er aus?«, fragte Ra erschrocken.

»Nein, das nicht. Im Innern des Kraters hat es einen gewaltigen Energieschock gegeben. Der größte Teil hat sich im Hyperbereich entladen.«

Fartuloon machte ein Gesicht, das deutlich zeigte, wie sehr er an diesen Worten zweifelte. »Hyperenergieschocks aus dem Innern eines tätigen Vulkans?« Seine Hand wies auf die Rauchfahne, die aus dem Krater aufstieg und vom Wind zerfasert wurde. »Bist du sicher?«

»Völlig. Irgendein sehr großes Aggregat.«

»Bekannte Impulse? Raumschiffsanlagen? Schwerkrafterzeuger? Irgendetwas, das wir kennen?«

Ischtar hob die Schultern. »Genaues kann ich nicht sagen. Aber wenn wir überhaupt einen Hinweis auf Atlan finden können, dann vermutlich dort.«

»Ich bin zwar mehr als skeptisch«, knurrte Fartuloon, »aber wir sollten es immerhin versuchen.«

Es hätte zu lange gedauert, mit den Schutzanzügen zu der Quelle des Energieschocks vorzudringen, daher übernahm Fartuloon wieder die Steuerung der F-1. Da er weder den Energieausbrüchen noch dem Vulkan traute, ließ er das Beiboot mit langsamer Fahrt zum Krater des Kegelstumpfs schweben, bereit, in jedem Augenblick mit höchster Geschwindigkeit zu fliehen. Genau wie Ischtars Armbandgerät hatten die Orter und Taster des Leka-Diskus den hyperenergetischen Schock registriert, doch die Analyse bereitete Schwierigkeiten. Streustrahlung des in seiner Stärke anwachsenden Hypersturms hatte überdies die Daten verfälscht; verstärkt erklang Knattern von den Strukturtastern.

Der Funkkontakt zur FARNATHIA wurde von Störgeräuschen überlagert. »… ebenfalls angemessen …sturm stärker … Gefahr … Aussetzer wahrscheinlich …«

»Das hat uns noch gefehlt.« Während Fartuloon die F-1 steuerte, überprüfte Ra erneut die Ladungen der Waffen. Das hatte er zwar schon nach dem Besteigen des Beiboots getan, aber er war wie fast alle Raumfahrer der Meinung, dass eine Kontrolle mehr wesentlich besser sei als eine zu wenig, die das Leben kosten konnte.

»Es rührt sich etwas!«, rief Ischtar mit Blick auf ihr Armbandgerät. »Energie erzeugende Aggregate bewegen sich.«

Fartuloon zuckte die Achseln. Als er die ersten Robots sah, begriff er schlagartig, dass Ischtar die kleinen Kraftstationen gemeint hatte, die den Maschinen Antriebsenergie lieferten und die Energie für die Waffensysteme. Der Bauchaufschneider war sich nicht darüber im Klaren, wie er die Maschinen angesichts ihrer »eigenwilligen« Konstruktion einzustufen hatte. Die Maschinen waren wild zusammengestückelt, unterschiedlichste Baumuster kombiniert, die mehr als bizarr anmuteten. Hochmoderne Prallfelder neben primitiven Optiken, klobige Werkzeugarme neben archaischen Luftkissen; einige in Schutzschirme gehüllt, andere nicht einmal mit Waffen ausgestattet.

Als Fartuloon endlich eine Entscheidung traf, kam sie um Augenblicke zu spät: Die Roboter hoben fast synchron die Waffenarme und nahmen die F-1 unter konzentriertes Feuer. Die gebündelten Strahlen aus zwanzig Waffen konnten es fast mit einem kleinen Schiffsgeschütz aufnehmen. Mehr als diesen Beschuss konnte der Schirm der F-1 nicht absorbieren, weil die Grundbelastung wegen des Hypersturms bereits erhöht war. Als weitere Robots ihre metallisch glänzenden Körper über den Kraterrand schoben, zog Fartuloon die F-1 nach oben. Mühelos folgten die Robots dieser Bewegung.

»Aufpassen!«, brüllte er.

Die Belastungsanzeige des Schirmfelds flackerte in gefährlichen Rotwerten, dann gab es einen ohrenbetäubenden Krach, der den Zusammenbruch des Feldes ankündigte. Die Strahlen aus den Robotwaffen fraßen sich in die nun ungeschützte Hülle und bahnten sich einen Weg zu den Maschinen. Zwei Korrekturdüsen fielen abrupt aus, das Beiboot kippte zur Seite. Für einige Augenblicke geriet der Diskus aus dem Schussfeld der Angreifer, aber bevor Fartuloon den Absturz auffangen konnte, krachten bereits wieder Treffer in die Außenwand der F-1. Ein Schuss traf die Transparentkuppel; sofort legte sich ein dichtes Netz von Rissen und Sprüngen über das Material und beraubte Fartuloon der direkten Sicht. In dem Augenblick, den der Bauchaufschneider brauchte, um sich auf reinen Instrumentenflug umzustellen, prallte das Beiboot auf den Boden.

Fartuloon wurde nach vorne geschleudert; schmerzhaft fraßen sich die Gurte der Rettungsautomatik in den Körper. Mit fürchterlichem Kreischen verbog sich das Metall der Zelle, gefolgt von einem donnernden Krachen. Eine grelle Stichflamme leckte durch den Raum, verdampfte einen Teil des Bodens und brachte die Transparentkugel endgültig zum Platzen. Hydraulikflüssigkeit spritzte, begann zu brennen und erfüllte den Innenraum der F-1 mit beißendem Qualm. Aus geborstenen Instrumenten schlängelten sich brennende Kabel ins Freie und versprühten eine Serie von Überschlagblitzen. Fartuloon spürte, nur noch halb bei Bewusstsein, wie das Beiboot über das Lavafeld schlitterte. Funkenkaskaden schossen umher.

Die F-1 überschlug sich. Fartuloon hatte es nur den rettenden Gurten zu verdanken, dass ihn die Trägheit nicht gegen die scharfkantigen Reste der Transparentkuppel schleuderte, die seinen Leib sofort zerfetzt hätten. Mit einem letzten, gewaltigen Ruck kam das Beiboot zum Stillstand. Fartuloons erster Gedanke galt der Flucht.

»Los, raus hier!«, brüllte er. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, dass Ischtar bereits ihre Gurte gelöst hatte, hastig nach den Toten Augen griff und sie in einem aufklappenden Etui ihres Anzuggürtels verstaute. Geschickt schlängelte sich die Varganin durch das Gewirr verbogener Streben, sorgsam darauf bedacht, sich nicht an den messerscharfen Kanten zu schneiden. Ein durchdringendes Heulen bewies, dass einer der Reaktoren noch mit höchster Belastung arbeitete. Fartuloon tastete nach den Resten der Instrumente und fand tatsächlich den Knopf, mit dem sich die Leistung des Reaktors regulieren ließ.

Erleichtert stöhnte er auf, als das Heulen verstummte. Dennoch waren die Insassen der F-1 noch nicht in Sicherheit. Ein Fluch entfuhr ihm, als er bemerkte, dass der Hypersturm die hyperenergetischen Funktionen der vergleichsweise schwachen Gürtelaggregate massiv störte. Nach Ischtar zwängte sich Ra durch die Lücken, die der Angriff und der Aufprall in die F-1 gerissen hatten. Die Geräusche, die die Zentrale des Beiboots erfüllten, trieben ihn zu höchster Eile an. Am lautesten war das Knistern der zahlreichen Schwelbrände, die den Innenraum mit ihrem stickigen Rauch füllten und die Sicht nahmen. Dazwischen mischte sich das Krachen kleinerer Detonationen, Vorspiel für eine große Explosion, die das Beiboot und seine Besatzung in Stücke reißen würde.

Fartuloons Brustpanzer bekam einige Beulen und Schrammen hinzu, als sich der beleibte Bauchaufschneider nach draußen zwängte. Schnaufend und stöhnend kam er im Freien an. Ra deutete mit der Hand auf den Vulkankegel, während er mit der anderen seinen TZU-4-Kombistrahler entsicherte. »Die Robots kommen näher. Offenbar wollen sie sichergehen, dass sie uns umgebracht haben.«

Mit gerunzelter Stirn musterte Fartuloon die langsam näher kommende Phalanx und fand seine Beobachtung bestätigt, dass die Maschinen durchaus nicht dem modernsten Stand der Robottechnik entsprachen. »Eine kleine Chance. Wir gehen hinter dem Wrack in Deckung und setzen uns zur Wehr. Vielleicht gelingt es uns, die Roboter auszuschalten.«

»Sollten wir uns nicht besser zurückziehen?« Ra warf einen besorgten Seitenblick auf die qualmenden Überreste des Beiboots. »Die F-Eins kann jeden Augenblick explodieren.«

»Mag sein. Aber wenn wir einfach weglaufen, bieten wir den Robots die besten Zielscheiben, die man sich denken kann. Der Hypersturm stört unsere Gürtelaggregate, also kein IV-Schirm, kein Fliegen! Sieh die Maschinen an, sie halten mit unseren Kampfrobotern keinen Vergleich aus.«

»Hoffentlich hast du Recht.« Ra wusste zu gut, dass ein Mann gegen einen Kampfrobot keine Aussichten auf Erfolg hatte; diese hatten viel schnellere Reaktionen, zudem waren ihre Waffen meist von einem Kaliber, das an tragbare Energiegeschütze erinnerte. Nur die im Körperinnern steckenden Reaktoren eines Roboters konnten Schirmfelder aufbauen, die hinreichenden Schutz vor solchem Beschuss versprachen.

Fartuloon grinste zufrieden, als die Robots immer näher kamen. Von einem wohl geordneten Angriff konnte keine Rede sein, die Maschinen schienen unentschlossen zu sein, wie sie vorzugehen hatten. Planlos nahmen sie das Wrack und die herumliegenden Trümmerstücke unter Feuer. Vor allem die Zielauswahl schien den Maschinen ärgste Schwierigkeiten zu machen. Solange die F-1 das einzige erkennbare Zielobjekt gewesen war, hatten sie ihr Feuer koordinieren können. Davon war nun nichts mehr zu erkennen.

»Glück gehabt«, murmelte Ra, der die Probleme der angreifenden Robots ebenfalls erkannt hatte. Er hob seine Waffe, zielte kurz und feuerte. Der Strahl traf einen Robot an dem Gelenk, das Ras Hüfte entsprach, trennte das Laufglied ab und ließ die Maschine zur Seite kippen. Im Fallen feuerte sie noch einmal und setzte einen Kollegen außer Gefecht. Als die ersten Thermoschüsse an der Stelle einschlugen, von der aus Ra geschossen hatte, war der Barbar längst zur Seite gesprungen. Funken sprühten, als zwei Robots ein Stück der F-1 unter Beschuss nahmen und ein Schwall verflüssigten Stahls herabregnete.

Der Barbar schüttelte grinsend den Kopf. »Der Mann, der diese Maschinen zusammengebastelt hat, muss den größten Teil der Zeit volltrunken gewesen sein.«

Ohne funktionierende Aggregate der leichten Kampfanzüge sind selbst sie eine unübersehbare Gefahr, durchfuhr es den Bauchaufschneider, weil der erneute Versuch, den IV-Schirm zu aktivieren, abermals keinen Erfolg beschert hatte.

Mit zwei gut gezielten Schüssen setzte er einen weiteren Angreifer außer Gefecht und registrierte zufrieden, dass die Speicherbank im Körper des Robots detonierte und die Trümmerstücke einem nahe stehenden Kollegen an den Kopf flogen. Der Aufprall schien die positronischen Sinne der Maschine durcheinander gebracht zu haben – der beschädigte Robot drehte sich abrupt herum und marschierte den Weg zurück, den er gekommen war. Gleichzeitig feuerte er aus allen Waffen planlos in die Luft. Dass der Angriff der Robots keine Spielerei war, bekam Fartuloon wenig später zu spüren. Er hielt das synchrone Schießen zweier Robots für eine weitere positronische Fehlleistung und merkte fast zu spät, dass die Maschinen aus dem Wrack der F-1 ein Landebein herausschneiden wollten, das genau über seinem Kopf hing. Als Ra mit einem hastigen Schrei warnte, sprang Fartuloon zurück, die zentnerschwere Landestütze grub sich in den Boden.

»Die Blechköpfe sind heimtückisch«, stellte er erbittert fest. »Wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht hereinlegen.«

Im Eifer des Gefechts hatte er nicht auf Ischtar geachtet. Erst jetzt fiel dem Bauchaufschneider auf, dass die Varganin seit mehreren Zentitontas keinen Schuss mehr abgegeben hatte. Infolgedessen waren die Robots langsam, aber unaufhaltsam näher gerückt. Zwar waren sie so leichter zu treffen, aber gleichzeitig wuchs auch das Risiko beträchtlich an.

»Ischtar!«, rief er, während er einem Robot mit einer Salve von Thermoschüssen den Garaus machte. Als die Varganin nicht antwortete, sah sich der Bauchaufschneider kurz um und stieß einen wütenden Fluch aus. »Das Biest hat uns im Stich gelassen«, fauchte er verärgert.

In beträchtlicher Entfernung sah er den Körper der Frau immer kleiner werden; Ischtar hatte die Flugfähigkeit ihrer Kombination dazu benutzt, sich vor den Robots in Sicherheit zu bringen. Vermutlich war es den Antiortungseinrichtungen zu verdanken, dass ihre Flucht nicht registriert worden war. »Man hätte sie in den Stützmassentank sperren und als Antriebsmasse verfeuern sollen. Dann hätte dieses Weib wenigstens einmal etwas Nutzbringendes geleistet.«

Er hätte seinen Wutausbruch fortgesetzt, wären ihm nicht Ras Reaktionen aufgefallen. Der Barbar hatte seine Waffe auf Fartuloon gerichtet und sagte leise: »Sie wird zurückkommen und uns helfen. Ich weiß es genau!«

Vor so viel Naivität konnte Fartuloon nur kapitulieren; vermutlich würde der Barbar noch an einen Liebesbeweis seiner über alles verehrten »Goldenen Göttin« glauben, wenn sie ihm eigenhändig die Gurgel durchschnitt. Ra war ein prachtvoller Kämpfer und Freund, aber sobald es um Ischtar ging, schien sein Denkvermögen schlagartig auszusetzen. Er war der Varganin verfallen wie ein Süchtiger seinem Rauschgift.

»Wie du meinst, alter Freund.« Fartuloon versuchte den wütenden Ra zu beruhigen. »Richte deine Waffe lieber auf die Robots, dort wird sie dringender gebraucht.«

Aus der Schar der Angreifer hatte sich eine Gruppe gelöst. Fünf einwandfrei flugfähige Maschinen stiegen auf und wollten offenkundig die Männer aus der Luft bekämpfen. Die Lage wurde allmählich brenzlig.

»Überwach die Luft!«, bestimmte Fartuloon. »Ich nehme mir die anderen vor.«

»Einverstanden.« Ra hatte bessere Augen als der Bauchaufschneider, das war hier wichtig. Es kam nicht nur darauf an, die Robots rechtzeitig zu erkennen und gezielt zu beschießen, Ra musste auch darauf achten, dass keine Trümmerstücke auf ihn oder Fartuloon prallten.

Der Kampf wurde heftiger und gefährlicher. Die Roboter waren inzwischen bedrohlich nahe gekommen, ihre Schüsse lagen immer dichter am Ziel. Wiederholt musste Fartuloon mit weiten Sätzen in neue Deckung springen, weil die Maschinen systematisch die Trümmerstücke zerschossen, hinter denen er Schutz gesucht hatte. Neben ihm krachte mit lautem Scheppern ein Robotschädel auf den Boden, in einiger Entfernung stürzte der Rest der Maschine ab.

»Verdammt knapp«, sagte Fartuloon tadelnd. Ra grinste nur. Die Robots hatten sich bis auf knapp fünfzig Meter genähert. Bisher hatten sie noch keinen Treffer erzielen können, eine Tatsache, die dem statistisch beschlagenen Fartuloon allmählich nicht mehr ganz geheuer erschien. Dann änderten die Robots plötzlich ihre Angriffstaktik und setzten Paralysatoren ein. »Sie wollen uns offenbar lebend.«

Fartuloon überlegte, während er sich weiterhin die Robots mit präzisen Feuerstößen vom Leibe hielt. War der Unbekannte, der Magantilliken getötet hatte, mit dem Befehlsgeber der Robots identisch? Angenommen, der Fremde stand auf der Seite Atlans und hatte dem Kristallprinzen mit der Tötung Magantillikens helfen wollen; würde er dann Atlans Freunde mit einer aggressiven Robotarmee willkommen heißen? Diese Möglichkeit schied nach Fartuloons Ansicht aus. Also stand ihnen Schlimmes bevor, fielen sie in die Hände der Fremden. Für Augenblicke hatte Fartuloon mit dem Gedanken gespielt, sich zu ergeben; immerhin zeigte der Wechsel der Waffen, dass der Befehlsgeber der Maschinen nicht daran interessiert war, die Mannschaft der F-1 sofort zu töten. Aber dieses Entgegenkommen erschien Fartuloon zu verdächtig.

Was während des Kampfes im Innern der abgestürzten F-1 vorgegangen war, wusste er nicht. Aber das Krachen und Donnern im Wrack verstärkte sich. Zwei Robots sahen eine günstige Gelegenheit, Fartuloons habhaft zu werden, verzichteten auf den Einsatz ihrer Paralysatoren und rückten dem Bauchaufschneider mit ihren Greifern zu Leibe. Rasch ließ er den Kombistrahler fallen – bei dieser kurzen Distanz hätte ihn der Rückschlag der Waffenenergie vom Schirmfeld der Roboter mit Sicherheit getötet.

Stattdessen zog er das Skarg und richtete die Spitze des Dagorschwertes auf den ersten Robot. Schlagartig verfärbte sich das Schirmfeld und brach dann plötzlich zusammen. Sofort blieben beide Robots stehen, aus dem Innern der ersten Maschine klang ein drohendes Rumoren. Der Schirmfeldgenerator war dem Einfluss des Skarg nicht gewachsen, in einem meterlangen Blitz schuf sich die gestaute Energie freie Bahn.

Fartuloon warf sich zur Seite, kaum dass das Skarg die Entladung aufgefangen und auf den zweiten Robot abgeleitet hatte. In einer donnernden Explosion verging die Maschine, die Einzelteile heulten durch die Luft und gruben sich in den Boden. Rasch hob Fartuloon seinen TZU-4 wieder auf und suchte hinter dem verstümmelten Diskusrumpf der F-1 Deckung. Gerade noch rechtzeitig schaffte er für Ra Luft, weil der gleichzeitig von drei Maschinen bedrängt wurde.

»Lange halten wir nicht mehr durch«, ächzte der Barbar und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Die Robots bekommen Verstärkung.«

Fartuloon nickte grimmig. Deutlich waren die Lichtreflexe zu erkennen, die am Rand des Vulkankraters aufblitzten. Jedes Mal, wenn sich ein neuer Robot über den Rand schwang, war es gleichsam eine Warnung. Fartuloon zählte flüchtig, nach seiner Schätzung wurden die Angreifer um mehr als vierzig Maschinen verstärkt. Von den knapp zwanzig Robotern, die den ersten Angriff auf die F-1 durchgeführt hatten, existierten nur noch drei, aber diese waren die technisch besten Maschinen aus der Gruppe und wogen mehrere andere Roboter auf.

»Es wird langsam Zeit, dass uns Ischtar zu Hilfe kommt«, brummte Ra.

Fartuloon wollte den Kopf schütteln, als diese Hilfe tatsächlich erschien: Über ihnen tauchte die charakteristische Form eines Varganenschiffs auf. Ischtar hatte also ihr Kombigerät benutzt, um das Beiboot herbeizurufen. Rasch wurde das wie pures Gold schimmernde Gebilde größer, das aussah wie zwei mit ihren Grundflächen verbundene Pyramiden. Ein Oktaeder, dessen Begrenzungsflächen aus acht gleichseitigen Dreiecken bestanden. Die Kantenlänge betrug rund 31, die Gesamthöhe 44 Meter.

Ra winkte begeistert, als er das Schiff sah, aber die Varganin dachte nicht daran, die Männer zu bergen, sondern eröffnete das Feuer auf die Robots. Den Waffen des varganischen Oktaeders hatten diese nichts entgegenzusetzen. Nacheinander verwandelten sich die Maschinen in Wolken verdampften Metalls. Sobald die ersten drei Robots abgeschossen waren, wandten sich die noch verbliebenen Maschinen zur Flucht. Aber die unbeholfenen Robots hatten keine Chance gegen das Varganenbeiboot. Ischtar begnügte sich nicht damit, die Robots in die Flucht geschlagen zu haben, sondern wollte sie vernichten, einen nach dem anderen.

»Ist diese Frau wahnsinnig geworden?«, brüllte Fartuloon verzweifelt, der sehr rasch begriff, welches Risiko Ischtar einging. Längst waren die Robots zerstört, die sich in unmittelbarer Nähe der F-1 befunden hatten. Nun beschoss sie die Verstärkung, die sich rasch in das Innere des Vulkankraters zurückzog. Entsetzt sah Fartuloon, wie Ischtar das Beiboot zum Krater lenkte und dabei ohne Pause auf die fliehenden Robots feuern ließ. »Nimm die Beine in die Hand!«, empfahl er dem Barbaren. »Renn los, mein Freund! Diese Närrin beschwört eine Katastrophe herauf.«

Er selbst setzte sich sofort in Bewegung, rannte so schnell, wie es sein Leibesumfang zuließ. Ra folgte ihm sofort, warf noch einen Blick über die Schulter und begriff nun offenbar ebenfalls, welche Folgen das Verhalten der Varganin haben musste. Ohne an die Konsequenzen zu denken, nahm Ischtar die Roboter mit den Beibootgeschützen unter Feuer, wiederholt wurde das Innere des Vulkans von den Thermostrahlen getroffen.

»Es geht los«, keuchte Ra. Fartuloon nickte im Laufen.

Unter den Füßen bewegte sich der Boden. Zuerst war es nur ein leichtes Zittern, dann deutlich fühlbare Stöße. Das Rumoren des Vulkans verstärkte sich zu einem Brüllen von schmerzhafter Lautstärke. Ein heftiger Stoß warf Fartuloon um. In der kurzen Zeit, die er mit Ras Hilfe brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen, sah er, wie das Doppelpyramidenschiff in einer gewaltigen schwarzen Wolke verschwand, die mit großer Geschwindigkeit aus der Öffnung des Vulkans schoss. Fahl leuchteten Blitze aus der dunklen Wolkenwand, die sich rasend nach allen Seiten ausdehnte.

»Weiter!« Fartuloon zerrte Ra mit, der entsetzt auf die Rauchsäule starrte, in der das Schiff verschwunden war. »Es geht uns an den Kragen.«

Ein neuer Stoß unterstrich seine Worte. Um fast zwei Handspannen hob sich der Boden und sackte sofort einen halben Meter tief ab. Fartuloon hatte Mühe, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Gewaltige Mengen Staub und Asche trieb der Ausbruch des Vulkans aus dem Krater, innerhalb einer Zentitonta war die Landschaft in weitem Umkreis mit einer Schicht feiner grauer Asche überzogen. Fartuloon rannte, ohne sich noch einmal umzusehen; bei jedem Schritt spürte er ein Stechen in der Seite, seine Lungen begannen zu schmerzen. Es war extrem anstrengend, sich auf dem bewegten Boden vorwärts zu bewegen. Der Ausbruch des Vulkans setzte den Fels in unregelmäßige Schwingungen, die jeden Schritt zu einem Abenteuer machten. Fartuloon konnte seine krampfhaften Atemzüge nicht mehr hören, das Toben des Vulkans überdeckte jedes andere Geräusch.

Ein Körper fiel in einiger Entfernung auf den Boden. Fartuloon erkannte einen großen Vogel, der noch einmal mit den Flügeln schlug und dann zuckend starb. Stickgas, lautete Fartuloons Erklärung. Wann werden uns die Schwaden erreichen?

Es wurde rasch dunkel, die Rauchsäule verdeckte die Sonne. Dafür schwoll das rote Leuchten stärker an, das von der Lava stammte, die sich inzwischen über den Rand des Kraters wälzte und an den Flanken des Berges hinablief. Der Boden riss an vielen Stellen auf, Dampf stieg in die Höhe, aus klaffenden Nebenkratern sprühte weiß glühendes, flüssiges Gestein in gewaltigen Kaskaden über die Landschaft.

Fartuloon stieß einen Schrei aus, als er plötzlich zu Boden geworfen wurde. Der Griff von Ras Hand um Fartuloons linkes Handgelenk wurde fester. Er brauchte einen erschreckend langen Augenblick, bis er begriffen hatte, was passiert war: Unmittelbar hinter ihm hatte sich der Boden geöffnet, Ra war in die plötzlich entstandene Spalte gestürzt. Nur dem Umstand, dass er im letzten Moment Fartuloons Hand gepackt hatte, verdankte der Barbar sein Leben. Fartuloon konnte kaum etwas sehen, an Rufe war angesichts des Brüllens des Vulkans nicht zu denken. Aber er spürte, dass Ra noch lebte; er hielt Fartuloons Hand umklammert und lockerte seinen Griff nicht. Fartuloon richtete sich ein Stück auf und fasste mit der freien Hand zu, stemmte sich mit aller Kraft gegen den Boden und erkannte erleichtert, dass Ra sich bewegte. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann stand der Barbar wieder neben Fartuloon, der gerade noch erkennen konnte, dass sich Ras Lippen bewegten. Von dem, was Ra sagte, war nichts zu verstehen.

An ein Fortsetzen der Flucht war nicht mehr zu denken. Während der Rettungsaktion hatte sich der Bodenriss zu einer Schlucht erweitert, gleichzeitig klaffte der Fels auch vor den Männern auseinander. Fartuloon sah, wie sich die Ränder der Felsspalte verbreiterten. Ohnmächtig beobachtete er, wie sie auf einer Felsinsel abgeschnitten wurden. Aus eigener Kraft konnten sie sich nicht mehr helfen.

»Der Boden wird heiß«, murmelte Fartuloon und hustete im Asche- und Staubdunst. Noch hielt die Isolation der Stiefel, aber es war nur eine Frage der Zeit, wann die Sohlen zu qualmen beginnen würden. Fartuloon fasste nach Ra und zog den Barbaren so nahe heran, dass sie sich an der Stirn berührten. »Wir haben noch eine Chance. Wenn es Ischtar gelungen ist, dem Ausbruch zu entkommen, wird sie uns retten. Trotz des Ausbruchs müsste sie das Feuer unserer Waffen anpeilen können.«

Fartuloon atmete erleichtert auf, als er sah, dass Ra nickte, sofort seine Waffe hob und damit in die Luft schoss. Der Strahl stieg senkrecht in die Höhe, in dem Licht des Strahlschusses sah Fartuloon Teile seiner Umgebung. Er und Ra standen auf einem Felsstück, das annähernd dreieckig und einige hundert Quadratmeter groß war. Ringsum waren die Spalten im Fels so breit, dass an ein Überspringen nicht zu denken war. An zwei Seiten fauchten Dampfsäulen in die Höhe.

Die Luft wurde stickiger, ein unangenehm stechender Geruch breitete sich aus. Der Boden ruckte, schüttelte sich, als würde er von Krämpfen geschüttelt. Es war schwierig, sich auf den Beinen zu halten. Fartuloon musste sich an Ra festhalten, um nicht umgeworfen zu werden. Mit gespreizten Beinen stand der Barbar auf dem schwankenden Untergrund und fing jeden Stoß geschickt auf. Er hatte seine Waffe auf Dauerfeuer geschaltet und starrte in die Höhe.

Fartuloon begann zu keuchen. Der Sauerstoff wurde langsam knapp, der Anteil gefährlicher Gase in der Luft größer. Der Bauchaufschneider war nahe daran zusammenzubrechen, als er plötzlich angehoben wurde. Etwas zerrte ihn mit unwiderstehlicher Kraft in die Höhe. Er seufzte erleichtert auf, dann versank er in einer wohltuenden Ohnmacht.

1.

Aus: Biographie Atlans – Anhang: Fragmente, Anmerkungen, Marginalien (in vielen Bereichen noch lückenhaft), hier: Ischtar spricht; Professor Dr. hist. Dr. phil. Cyr Abaelard Aescunnar; Gäa, Provcon-Faust, 3565

Du bist jung, neugierig, tatendurstig, ungeduldig. Hab Geduld mit mir, es ist nicht leicht für mich. Zu lange war ich allein, war nur mir selbst gegenüber verantwortlich. Jetzt gibt es Chapat – und dich, Kristallprinz. Ich weiß, dass dich viele Fragen plagen, und es wird die Zeit kommen, da ich sie beantworten werde. Aber im Gegensatz zu dir habe ich kein fotografisch exaktes Gedächtnis. Die Anfänge und was seither geschehen ist … Das alles ist so lange her, Jahrtausende! Viele davon habe ich im Tiefschlaf überbrückt. Dennoch sind es Jahrtausende, die ich bewusst erlebt habe. Längst sind viele Erinnerungen verblasst, andere habe ich verdrängt. Hab also Geduld, Liebster.

Nein, ich bin kein Geist, den Bewusstseinstransfer beherrschen nur jene aus der Eisigen Sphäre. Und mein Körper ist kein künstliches Konstrukt – du darfst dich gern davon überzeugen …

Es ist mehr als 675.000 Jahre deiner Zeitrechnung her! Damals kamen wir aus …hm, einem anderen Universum, wie du es vermutlich umschreiben würdest. Niemand, der bei diesem Übergang dabei war, alterte fortan noch. Wir waren potenziell unsterblich geworden, alle!

Nicht jeder verkraftete diese Erkenntnis, viele nahmen sich das Leben – etliche der konservierten Körper finden sich noch heute in den Stationen der Versunkenen Welten. Unser Reich zerfiel, die meisten gingen eigene Wege, wurden zu rastlosen Nomaden zwischen den Sternen. Irgendwann kam es zu einer Zusammenkunft, die meisten Überlebenden waren entschlossen, dieses Universum wieder zu verlassen, um heimzukehren. Ich gehörte zu jenen, die hier blieben – unter anderem, weil ich Spuren entdeckt hatte, die scheinbar varganischer Natur waren, aber nicht von uns stammten. Ich nannte die Unbekannten deshalb die verschollenen Varganen, wollte unbedingt die Zusammenhänge herausfinden. Ein Bindeglied scheinen die Silberkugeln zu sein, doch auch nach Jahrzehntausenden der Suche habe ich leider nicht viel in Erfahrung gebracht.

Eine halbe Ewigkeit verging, nie hatte ich mehr von den Heimkehrwilligen gehört, wusste nicht einmal, ob ihnen der Übergang gelungen war. Einige der Zurückgebliebenen unternahmen später vergleichbare Experimente, konnten mit geeigneten Mitteln hin und her wechseln, begegneten dabei aber keinem anderen Varganen. Von der Eisigen Sphäre erfuhr ich erst, als Magantilliken vor mehr als dreißigtausend Jahren deiner Zeitrechnung seine Jagd begann – einige seiner Opfer entkamen ihm, konnten den anderen berichten, was sie von dem Henker erfahren hatten. Viel war es nicht, aber wir waren gewarnt, verstreuten uns noch mehr, wechselten häufig den Aufenthaltsort, zogen uns in vermeintlich sicheren Verstecken in den Tiefschlaf zurück …

Ich schrie vor Schmerzen. Arkonidische Nervensysteme reagierten für gewöhnlich wesentlich intensiver auf Transitionsschmerzen, als die anderer Völker, aber dieser Entzerrungsschmerz hätte vermutlich auch Ra zum Schreien gebracht. Mein Schädel schien von innen heraus verglühen zu wollen, das Blut in meinen Adern fühlte sich an wie flüssiger Stahl. Ich stolperte vorwärts und stürzte. Ich konnte gerade noch meinen Fall mit den Armen abfangen, sonst hätte ich mir an dem stählernen Boden den Schädel angeschlagen.

Nur sehr langsam ließ der Schmerz nach, es dauerte fast fünf Zentitontas, bis ich wieder einigermaßen klar sehen und meine Muskeln planvoll bewegen konnte. Sofern der von Magantilliken angesprochene Hypersturm nicht auf den Transportvorgang eingewirkt und den Entzerrungsschmerz verstärkt hatte, musste ich eine beträchtliche Distanz zurückgelegt haben. Dass ich nicht mehr auf Zercascholpek war, erkannte ich an der geringeren Schwerkraft, etwa 0,8 Standard.

Ausrüstung hatte ich keine; Magantilliken hatte sämtliche Speicherzellen aus dem Aggregatgürtel entfernt, bevor er mich meinem Schicksal überließ. Durst plagte mich, der Aufenthalt in dem Riesenbaum war eine Tortur gewesen. Ich sah mich um, wollte wissen, wohin mich der merkwürdige Transmitter befördert hatte. Ich stand in einer kreisförmigen Halle, deren Durchmesser zweihundert Meter betragen mochte, im Saalmittelpunkt auf einem Podest, das eine vergrößerte Ausgabe jener Transmitterplattform war, die ich auf Zercascholpek gesehen hatte – vier hüfthohe Säulen, die die achteckige Metallplatte trugen.

»Hallo!«, rief ich. »Ist hier jemand?«

Es gab kein Echo, alles blieb still. Ich sah nicht einmal Roboter. Offenbar war ich ganz allein. Vorsichtig verließ ich die Plattform und sah mich genauer um. Die Kuppel, die sich über mir bis in hundert Meter Zenithöhe wölbte, machte den Eindruck, als sei sie von einigen Millionen faustgroßer Diamanten bedeckt. Von der eigentlichen Decke konnte ich nichts sehen, sie verbarg sich hinter den Lichtreflexen. Das Primärlicht kam scheinbar aus dem Nichts und wurde von den Edelsteinen so zurückgeworfen, dass ich sie selbst nicht sehen konnte. Es gehörte eine unerhört aufwendige, präzise Schlifftechnik dazu, chemisch reinen Kohlenstoff so zu bearbeiten, dass der Betrachter immer nur Lichtreflexe, niemals aber den Stein selbst sehen konnte.

»Beachtlich. Wem mag diese Halle gehören?«

Langsam ging ich zu der Wand, folgte der Krümmung. Es gab mehrere Meter hohe Panoramafenster, die etwa ein Viertel des Umfangs einnahmen. Draußen bedeckte Schnee ein kleines Plateau, daran anschließende steile Hänge, ferne Gebirgsgipfel und den schmutzig grauen Verlauf eines Gletschers. Von lebenden Wesen war nichts zu entdecken. Zu der stillen Landschaft aus Schnee, Eis und Fels passte das fast unheimliche Schweigen in der Halle. Ich hörte keine Geräusche, nur den Klang meiner Schritte und meinen Atem.

Zwischen den großen Fenstern und entlang des übrigen Verlaufs waren die Wände verziert. Ich betrachtete die Reliefs und Halbstatuen auf Quadersockeln näher und versuchte, auf dem Weg über die Bilder einen Eindruck vom Schöpfer dieses Bauwerkszubekommen. Ein Gefühl der Beklemmung befiel mich, als ich die Gestalten, Fratzen und Masken betrachtete. Der größte Teil der Figuren wies arkonidenähnliche Körperformen auf, aber diese waren auf seltsame Weise deformiert. Es war eine Galerie von Götzen, Dämonen und Sternenteufeln, die mit unvorstellbarem Hass auf mich herabstarrten. Da sich die Beleuchtung bei jedem Schritt veränderte, gewannen die Figuren auf beängstigende Art und Weise an Leben. Manchmal hatte ich den Eindruck, die schauerlichen Gestalten würden im nächsten Augenblick über mich herfallen.

»Wer auch immer diese Bilder geschaffen hat«, murmelte ich beeindruckt, »dürfte geistig nicht ganz in Ordnung gewesen sein.«

Eine Frage des Maßstabs, warf der Logiksektor ein.

Nach arkonidischen Vorstellungen war der Schöpfer der Basreliefs, Fresken und Stuckaturen zweifellos ein Genie, das sein Handwerk aufs Meisterhafte verstand. Aber ich war mir fast sicher, dass dieses Genie den kleinen Schritt, der es vom Wahnsinn trennte, schon gemacht hatte. Nur jemand mit krankhaft veränderter Psyche war fähig, solche Bildwerke zu schaffen und mit ihnen zu leben. Ein Teil der Bilder wies Schriftzeichen auf, aber ich suchte vergebens in meinem fotografischen Gedächtnis nach Erklärungen. Einige Symbole erinnerten mich an varganische Zeichen, aber diese Ähnlichkeit war nicht groß genug, um Deutungen zuzulassen.

Ich fühlte mich alles andere als wohl in der Gesellschaft der Bilder und Figuren. Es kam mir vor, als hätten die Robots auf Zercascholpek nach einem Programm gehandelt, dessen Schöpfer schon seit Jahrtausenden tot war. Denn hier in der Halle konnte ich kein Zeichen entdecken, das auf die Anwesenheit eines lebenden Wesens hätte schließen lassen. Ich ging zu dem Podest zurück und untersuchte die Anlage. Die Konstruktion glich der Anlage auf Zercascholpek. Irgendwelche Hinweise darauf, wie dieser Transmitter arbeitete, konnte ich nicht finden. Eine acht Meter durchmessende Platte auf vier Säulen, mehr war nicht zu sehen. Keine Projektoren, keine Reaktoren – die eigentlich wichtigen technischen Anlagen mussten sich unterhalb des Bodens befinden.

Einen Augenblick lang dachte ich daran, mich einfach auf die Plattform zu stellen und abzuwarten, was geschehen würde, aber dann entschloss ich mich anders. Zunächst einmal wollte ich versuchen, mir irgendeine Form von Ausrüstung zu beschaffen. Ich brauchte Wasser, Lebensmittel, Waffen und Speicherzellen für meine Gürtelaggregate. Ohne Hilfsmittel war an ein Entkommen nicht zu denken. Vor allem Wasser war jetzt wichtig; die Tontas im Vulkanbaum hatten meinen Körper ausgedörrt. Mein Suchen blieb jedoch ergebnislos. Ich fand nichts, was mir hätte weiterhelfen können – nicht einmal eine Tür, die aus der Halle herausführte.

Schon die Bilder verraten, dass der Schöpfer der Halle nicht mit normalen Maßstäben gemessen werden kann, wandte das Extrahirn ein.

»Mag sein«, murmelte ich.

Es tat gut, diese entnervende Stille unterbrochen zu sehen, und sei es lediglich durch den Klang der eigenen Stimme. Ich befühlte den Boden; das Metall war warm und völlig ruhig. Arbeiteten unter mir Maschinen, wurden ihre Arbeitsgeräusche hervorragend gedämpft. Mein Magen meldete sich mit einem lauten Knurren, mein Mund war trocken und rau. Langsam ging ich an der Wand des Kuppelbaus entlang. Irgendwo musste es doch einen Ausgang geben, eine Verbindung zu weiteren Gebäuden oder eine, die in die Tiefe führte.

Ich hatte knapp die Hälfte des Umfangs abgeschritten, als ich hinter mir ein Geräusch hörte. Ich fuhr herum und konnte gerade noch sehen, wie sich der rote Transmitterring um die Plattform aufbaute. Dann schloss ich geblendet die Augen. Aus dem Kreis schoss eine grellweiße Flammenzunge und zuckte mit betäubendem Donnern der Hallendecke entgegen. Der Boden vibrierte unter meinen Füßen, ich wurde von der Druckwelle zu Boden geschleudert. So rasch ich konnte, suchte ich hinter dem Sockel einer bizarren Skulptur Deckung.

Der Transmitterring spie Feuer und Rauch. Mannsgroße Felsbrocken rasten aus dem Transportfeld und schlugen in die Hallendecke ein. Es regnete Splitter, durch die von den Felsen geschlagenen Löcher blies eisiger Wind in die Halle herein. Das Heulen des Sturmes mischte sich mit dem Krachen der Explosionen. Knapp zwei Meter neben mir prallte ein Roboterkopf auf den metallenen Boden, von der Kuppelhalle zurückgeworfen. Eine Funkenkaskade stob auf, dann flog der Kopf weiter und krachte in die Wand. Das Geschoss durchschlug sie, sofort blies mir ein eisiger Wind in den Nacken.

Weiterhin tobte der Transmitter und zerstörte die Kuppelhalle. Immer größer wurden die Löcher und Risse. Ich sah mit Entsetzen, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die gesamte Kuppel in sich zusammenfallen und mich unter sich begraben würde. Es war ein kleines Wunder, dass die Gegenstation des Transmitters immer noch arbeitete, obwohl es dort chaotisch zugehen musste. Brach etwa der Vulkan aus? Nach meiner Schätzung mussten auf der anderen Seite der hyperenergetischen Verbindung Kräfte toben, die ausgereicht hätten, ein Schlachtschiff mit Energie zu versorgen. Zu meinem Unglück brach die Transmitterstrecke dennoch unter dieser Belastung nicht zusammen.

Erneut materialisierten Trümmer, die als Geschosse durch die Halle flogen und das Bauwerk dem Einsturz näher brachten. Es handelte sich sehr häufig um Einzelteile von Robots, die mich an die skurrilen Konstruktionen erinnerten, die mich auf Zercascholpek verschleppt hatten. Während ich nur knapp einem kopfgroßen Stück der Kuppeldecke auswich, das herabstürzte, landete in meiner Nähe ein Teilstück eines Robots. Es handelte sich um einen Waffenarm.

Der Zufall wollte es, dass die Waffe kurz nach dem Aufprall zu feuern begann. Unter dem nur geringen Rückstoß des schweren Strahlers begann sich der Arm zu bewegen und kroch als Miniaturrakete in Schlangenlinien über den Boden. Ich sprang um mein Leben. Jedes Mal, wenn der sonnenheiße Strahl zu mir herüberwischte, sprang ich in die Höhe und hoffte inbrünstig, dass ich nicht eher wieder den Boden berührte, bis der Strahl auf ein anderes Ziel gerichtet war. Viel Zeit hatte ich nicht. Die Kälte des durch die Lücken hereinpfeifenden Windes ließ mich schmerzerfüllt aufstöhnen.

Erst als der Waffenarm von einem herabstürzenden Stück der Kuppel desaktiviert wurde, konnte ich kurz nach Luft schnappen. Das Bombardement von Trümmerstücken aus dem Transmitterring zwang mich sofort wieder in Deckung. Krampfhaft nach Luft ringend, starrte ich nach oben. Es konnte nur noch Zentitontas dauern, dann musste die Halle zusammenkrachen. Zu groß waren die Schäden, die von den Trümmerstücken angerichtet worden waren. Die sorgsam ausgetüftelte Statik des Bauwerks wurde durch die Lücken zusehends stärker gefährdet.

Du musst von hier verschwinden, riet der Logiksektor drängend.

Als einziger Ausweg blieb nur die Flucht ins Freie. Langsam robbte ich über den Boden, der unter den Treffern der Trümmer erzitterte. Der eisige Wind, der über meinen Rücken strich, zeigte mir deutlich, womit ich zu rechnen hatte, verließ ich den Schutz der Halle. Wahrscheinlich konnte ich es im Freien nur kurz aushalten, dann würde ich vermutlich erfrieren. Ohne entsprechende Schutzkleidung konnte dort draußen kein Wesen meiner Art lange leben.

Ich erreichte die Wand und kroch weiter, bis ich eine der Öffnungen erreicht hatte, die von den Explosionen geschaffen worden waren. Langsam zog ich mich an der Kante des Loches in die Höhe.

Kinder? Sie waren kaum einen Meter groß, aber überraschend arkonoid. Ihre Haut war fast so weiß wie der Schnee. Als Kleidung trugen sie ebenfalls weiße Kombinationen, die nur Hände und Kopf frei ließen. Die meisten der Kleinen waren haarlos, die Gesichter schmal.

Ich hatte sie nicht kommen sehen, erst als mich eines der Wesen berührte, wurde ich aufmerksam. Mindestens fünfzig dieser kleinen Wesen wieselten durch die Kuppelhalle, woher sie gekommen waren, wusste ich nicht. Besonders intelligent schienen sie nicht zu sein, fast ausdruckslos war ihr Blick. Was sie in der einsturzreifen Halle suchten, blieb mir verborgen. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Kuppel nicht von diesen Wesen erbaut worden war, zumindest hatten sie das Bauwerk nicht konstruiert, bestenfalls nach Anleitung zusammengebaut.

»Helft mir!«, bat ich die kleinen Wesen. »Könnt ihr mich an einen sicheren Platz führen?«

Ich sprach instinktiv Satron, und es schien, als sei ich verstanden worden. Neugierig kamen die Eindringlinge näher, musterten mich. Bevor ich weitersprechen konnte, traf mich von hinten ein harter Schlag an den Kopf. Ich sackte in die Knie. Das Letzte, was ich bewusst wahrnehmen konnte, war die Berührung kleiner, kalter Hände.

Es dauerte einige Zeit, bis ich wieder vollkommen bei Bewusstsein war. Das Erste, was ich deutlich wahrnehmen konnte, war ein angenehmes Gefühl der Wärme. Ich lag auf einem weichen, langhaarigen Pelz, der ein verwirrendes Muster schwarzer Linien auf weißem Grund zeigte. Langsam richtete ich mich auf.

Mein erster Rundblick zeigte, dass ich mich in einer weiteren großen Halle befand. Diesmal war die Kuppel nicht mit Diamanten besetzt. Ich sah nur Schwarz; die Kuppel zeigte jene endlos erscheinende Schwärze, die der Weltraum in den Albträumen von Raumfahrern annehmen konnte, ein Schwarz, das alles Belebte in sich aufzusaugen schien, das Unheil und Bedrohung ausstrahlte. Ich fühlte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Wer will diesen Effekt erreichen, wer kann unter einem solchen Dach leben? Die kleinen Weißen nicht, das wurde mir sofort klar. Trotz ihrer geringen Intelligenz machen sie einen bedrückten Eindruck, diese Halle ist auch ihnen nicht geheuer.

Die Halle war in ein intensiv rotes Dämmerlicht getaucht; Fenster gab es keine – vermutlich war der Saal eine Felskaverne. Eine leise, wehmütige Musik erklang, wie dazu geschaffen, einen Zuhörer nach und nach in schlimmste Depressionen zu treiben. Furcht keimte in mir auf, wenn ich versuchte, mir eine Person vorzustellen, die sich in einer solchen Atmosphäre wohl fühlen konnte. Der Blinde Sofgart fiel mir ein. Er hätte die Stimmung wahrscheinlich als anregend empfunden …

Der Blinde Sofgart ist tot, erinnerte mich der Extrasinn tadelnd.

Immerhin, so bedrückend der Eindruck der Halle auch war, sie war jedenfalls nicht vom Einsturz bedroht. Zwischen ihr und der Empfangshalle musste eine beträchtliche Distanz liegen, denn ich konnte nichts mehr von den Explosionen hören, sofern diese noch immer in dem Gewölbe tobten.

Vorsichtig ging ich vorwärts, auf den Mittelpunkt des Saals zu. Schwarz wie die Hallendecke war das Material des hier aufragenden Thrones. Auf der Seitenwand erkannte ich ein großes stilisiertes Auge, das mich anstarrte. Mir fiel auf, dass das gesamte Auge weiß in weiß war. War dieser Eindruck beabsichtigt, oder hatte der Schöpfer des Thrones vergessen, das Relief zu färben?

Auf dem Thron saß ein Mann.

Er war groß, breit und massig gewachsen. Dort, wo die rote Kleidung die Haut frei ließ, schimmerte sie in einem metallischen Bronzeton. Ein Roboter? Auf zwei Knäufen der Lehnen ruhten die Hände – gefährliche Krallen, dicht mit schimmernden Schuppen besetzt. Haare hatte der Mann nicht, auch der Schädel war dicht mit Schuppen besetzt, die eine Art zylindrischen Hut bildeten, der fest mit dem Kopf verwachsen schien. Erschreckender noch waren die Augen: zwei kinderfaustgroß gewölbte Kristalle. Grelle, zuckende Reflexe der vielen Facetten strahlten mich an, schienen mich durchbohren zu wollen. Der Mann saß auf dem Thron und rührte sich nicht. Nur seine Lippen zeigten eine Bewegung. Leise, kaum hörbar, sprach der Mann mit einer Stimme, die von Leid durchtränkt wirkte. Es war ein Singsang der Qual, in einer Sprache, die ich zunächst nicht verstand.

Lebt diese Gestalt überhaupt?, dachte ich bedrückt und ging einmal um den Thron herum. Die Kristallaugen folgten meinen Bewegungen, erkennbar an den sich verändernden blitzenden Reflexen. Tatsächlich, der Mann lebte, schien auch zu wissen, wo ich mich befand, obwohl er durch die lichtsprühenden Kristalle vermutlich nichts sehen konnte – sofern er unter ihnen überhaupt normale Augen hatte. Oder waren es »Sehhilfen« einer unbekannten Technologie? Ich fragte bedächtig: »Wer bist du?«

Der Mann sprach weiter, vermutlich verstand er mich ebenso wenig wie ich ihn.