Antarktis 2020 – Originalausgabe - Alexander Kröger - ebook

Antarktis 2020 – Originalausgabe ebook

Alexander Kröger

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Opis

Praktikum im Jahr 2020. Als Thomas Monig, Absolvent der Bergakademie Freiberg, das Flugzeug besteigt, denkt er an die drei Einsatzorte: an das Großbergwerk in der Antarktis, die Meerwasser-Enterzungsanlage in der Südsee und das Bewässerungsprojekt Sahara. Er denkt an modernste Lasertechnik, blühende Städte im Eis, an erzsammelnde Mollusken im Ozean, Riesenbagger in der Wüste und an das büschelige Schnellwuchsgras, das bald den Sand bedecken soll. Noch weiß er nicht, dass nicht nur das Abenteuer Technik auf ihn wartet. In der Weißen Finsternis und im Schneesturm bei der Rettung eines Kollegen wird er sich ebenso bewähren müssen wie beim Streik der ehemaligen Soldaten in den Unterwasserfarmen, bei dem er und der hübsche Kapitän Ann von Mike Paterthick gekidnappt und von den Wasseratmern gesucht werden. Der Überfall der Tuareg auf die Baustelle, die Geschichte mit René Tours’ Freundin und der verderbenbringende Wassereinbruch lassen auch den Aufenthalt in der Sahara zu einer aufregenden Sache werden, und es ist gar nicht so gewiss, ob Thomas Monig rechtzeitig in Timbuktu sein kann, um Evelyn vom Flugplatz abzuholen. Thomas wird mit den unbegrenzten Möglichkeiten konfrontiert, die eine globale Abrüstung bietet aber auch mit den Problemen für die davon Betroffenen. Alexander Krögers Vision - angedacht 1973 - von einer friedlichen, abgerüsteten Welt im Jahre 2020 war zu kurz gegriffen; dennoch haben seine Denkanstöße in unserer Gegenwart mehr denn je ihre Gültigkeit. Das E-Book enthält die unbearbeitete Fassung aus dem Jahre 1973.

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Impressum

Alexander Kröger

Antarktis 2020 – Originalausgabe

Wissenschaftlich-fantastischer Roman

ISBN 978-3-95655-737-8 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien erstmals 1973 im Verlag Neues Leben, Berlin (Band 119 der Reihe „Spannend erzählt“). Dem E-Book liegt die Originalausgabe aus dem Jahre 1973 zugrunde.

© 2016 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Erster Teil: TITANGORA

I. Kapitel

Thomas Monig hatte Herzklopfen.

Auch das freundliche Lächeln der Sekretärin änderte nichts daran.

Er sah tatsächlich der nächsten Viertelstunde mit Bangen entgegen, obwohl dazu keinerlei Veranlassung bestand. Seine Zeugnisse und Beurteilungen waren gut, also konnte nichts schiefgehen.

Die Sekretärin würde schon in wenigen Tagen seine Arbeitskollegin sein und das repräsentative Hochhaus, in dessen 17. Etage er sich jetzt befand, seine künftige Wirkungsstätte.

Dennoch hatte er heiße, schwitzige Hände, und zum wiederholten Male wischte er sich die Rechte an seinem Hosenbein ab. Es schien ihm gewiss, dass Henry Mattau, der Staatssekretär, ihm die Hand drücken würde, vielleicht weil er einer alten Unsitte huldigte, vielleicht auch als Beweis eines gewissen Vertrauens.

Thomas hatte sich in verschiedenen Stockwerken des Gebäudes umgeschaut und immer wieder bestätigt gefunden, dass er die richtige Wahl getroffen hatte. Seine Mühe, während des Studiums darauf zu achten, angesehen zu sein, sich mit niemandem anzulegen, hatte sich offenbar durchaus gelohnt. Auch die Referenzen und Beurteilungen, die er nicht kannte, mussten ausgezeichnet sein, und das war schließlich die Vorbedingung für diesen Start.

Monig verwünschte im Stillen seine Befangenheit, von der er meinte, dass sie ihm anzusehen sei.

Endlich ein Summton auf dem Schreibtisch.

„Bitte, Sie können hineingehen“, sagte die Sekretärin.

Thomas stand auf, wischte mit der Rechten noch einmal über die Hose, überlegte kurz, ob er klopfen müsse, fand aber nichts, was an der gepolsterten Tür ein solches Bemühen hörbar gemacht hätte. So trat er betont forsch ein.

Ein mittelgroßes Zimmer, ein Tisch, daneben die Tastatur eines Videofons beachtlicher Größe, ein zusätzlicher Bildschirm, freundlich helle Gardinen, viel Grün - und eine gewisse, sich Monig augenblicklich mitteilende Unnahbarkeit, die von dem Mann hinter dem Schreibtisch ausging. Er war groß, schlank, hatte volles, fast weißes Haar. Die Haltung, vor allem aber sein Gesichtsausdruck, als er kurz aufstand, waren unpersönlich.

„Kollege Monig?“, fragte er. Und ohne eine Antwort abzuwarten, wies er auf einen Sessel: „Bitte, nimm Platz.“

Thomas setzte sich und kam irgendwie aus dem Konzept, als er feststellen musste, dass Henry Mattau keine Anstalten machte, hinter seinem Schreibtisch hervorzukommen. Er hatte sich wieder gesetzt und lehnte sich in seinem bequemen Drehstuhl zurück. Er schien auch keine Erklärungen zu erwarten, denn er begann sofort in einem, wie es Monig schien, frostigen Ton: „Du hast, Kollege Monig, unserem Schreiben entnommen, dass wir dich für fähig halten, in unserem Kombinat mitzuarbeiten. Wir erachten es aber für notwendig - und eine Aussprache mit deinem Mentor hat uns darin bestärkt -, dass du ein Intensivpraktikum absolvierst. Aus zwei Gründen: Für deine charakterliche Festigung und für die Vertiefung deines Wissens. Du wirst in diesem Praktikum bei der Vorbereitung und beim Aufschluss bergbaulicher Großvorhaben mitwirken, und zwar etwa ein halbes Jahr beim Titanaufschluss in der Antarktis, dann in der Meeresversuchsstation bei Manihiki, und schließlich wirst du am Vorhaben Erg In Asaken teilnehmen. Ein entsprechender Vertrag ist vorbereitet. Die in unserem ersten Schreiben genannten Bedingungen bleiben bestehen. Bei Erfüllung der Leistungskennzahlen erhältst du während der zwei Jahre - so lange wird es insgesamt sicher dauern - die für ein Intensivpraktikum festgelegten Leistungsbons. Abreise zu deiner ersten Station, der Antarktis, ist am Dienstag mit dem Vierzehnuhrflug nach Moskau.“

Mattau erläuterte noch einige Aufgaben, sagte etwas über die Bedingungen in der Antarktis und in den übrigen Objekten. Aber Thomas hörte kaum noch zu. Ihm war eine Welt eingestürzt.

In die Wüste schicken sie mich, sagte er sich, zur Erlangung charakterlicher Reife, wie Mattau sich ausgedrückt hat. Dieser Staatssekretär in seiner ruhigen, überlegenen Art brachte ihn auf. Du hast leicht reden hinter deinem Schreibtisch, dachte Thomas. Er war sich zwar im nächsten Augenblick bewusst, dass es jener Henry Mattau war, der vier Jahre lang unter schwersten Bedingungen die Station Mars I mit errichtet hatte. Aber das zählte jetzt nicht, jetzt sollte er in die Antarktis, und jetzt saß Henry Mattau gepflegt in einem behaglichen Zimmer und hatte, solange er sich auf seine Mitarbeiter verlassen konnte, nicht viel auszustehen. Und dem Kombinat wurde nachgesagt, dass man sich auf die Mitarbeiter verlassen könne. Der Mars war weit und Mattaus Tätigkeit dort vor Jahren für Monig Geschichte. Schließlich ist die Zeit nicht stehen geblieben, und die Lebensbedingungen haben sich verbessert. Informationen konnte man auch anders erhalten als an Ort und Stelle, als im Eis, auf den Wellen oder direkt im Wüstensand. Es gab darüber Berichte, die auch in Berlin nachzulesen waren.

Thomas wusste nicht, was er sagen sollte. Er dachte an Evelyn, mit der er, bevor er anfing zu arbeiten, ein paar unbeschwerte Urlaubstage verbringen wollte. Und er dachte an die zwei Jahre Trennung, die diese Entscheidung bedeutete.

Er versuchte sich zu fangen. Wo hatte er Fehler gemacht? Bei Professor Meinert? Den hatte Mattau sicher gar nicht kennengelernt, aber er berief sich schließlich auf ihn als Mentor.

Thomas gab sich einen Ruck. Hier wirken gewisse physikalische Gesetze, sagte er sich in einem Anflug von Galgenhumor, die Hebelgesetze, und du sitzt am kürzeren Ende. Die beiden dagegen - Thomas lächelte sarkastisch - am längeren.

Plötzlich wurde er sich bewusst, dass er möglicherweise ungerecht urteilte. Schließlich konnten es beide ehrlich mit ihm meinen, Meinert, na ja, aber Mattau, auf dessen Entscheidung es ankam ... Vielleicht war das Praktikum wirklich vernünftig.

Er musste etwas sagen, Mattau sah ihn abwartend an. „Keine Fragen“, sagte er und fühlte, dass das nicht die geeignete Antwort war.

Mattau lächelte, warf einen Blick in seine Papiere und fragte dann: „Hattest du dir etwas anderes vorgestellt?“

„Nnnein“, antwortete Thomas zögernd. „Es kann auf keinen Fall schaden, Erfahrungen zu sammeln, und ich stelle mir ...“ - er schluckte und wunderte sich, wie gut es über die Lippen ging - gerade diese drei Aufgaben außerordentlich interessant vor.“

„Es freut mich“, sagte Mattau. Er kam um den Schreibtisch herum und trat auf Thomas zu.

Thomas stand auf.

„Es freut mich“, wiederholte Mattau, „dass wir hierin übereinstimmen. Wir werden von dir hören, selbstverständlich stehen wir dir jederzeit zu Konsultationen zur Verfügung.“ Mattau deutete einen Gruß an. „Gute Reise - und viel Erfolg!“

Als Thomas das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Mattau an seinen Tisch und strich sich mit der Linken über Stirn und Augen. Es schien, als habe ihn die Unterredung angestrengt.

Dann beugte er sich zu seiner Sprechanlage, drückte die Taste und sagte: „Theres, bitte mache das Antwortschreiben an Meinert fertig. Inhalt: Wir stimmen mit seinem Vorschlag überein. Monig nimmt nächste Woche das Praktikum auf.

Ein zweites Schreiben geht an ...“, Mattau blätterte in einem Verzeichnis, das auf seinem Schreibtisch lag, „... Lewrow, den Leiter der Abteilung GEOMESS in TITANGORA. Wir geben diesem Schreiben eine Abschrift der Mitteilung Meinerts bei und bitten, Monig tüchtig ranzunehmen und uns im üblichen Turnus Bericht über den Verlauf des Praktikums zu geben.

Ich empfehle, das Schreiben für die Antarktis über TELEDAT abzusetzen. Danke!“

Thomas Monig wanderte durch den sonnigen Berliner Herbsttag. Er hatte nicht das Gefühl, das ihn sonst befiel, wenn er sich in der Hauptstadt befand, ein Gefühl des Losgelöstseins vom Alltag und einer gewissen Unternehmungslust.

Er wusste nicht, ob es Wut war oder Ärger, Niedergeschlagenheit wie nach einem schweren Misserfolg oder einfach Trauer um seine Wunschträume.

Er ließ sich treiben von dem bunten Völkchen der Touristen, von den Passanten, den Schaufensterbummlern und den Eiligen oder auch Nichteiligen, die auf den breiten, tartanbelegten Wegen unterwegs waren. Er sah sich nicht einmal um, wenn ein besonders gut gewachsenes Mädchen an ihm vorüberging, er sah eigentlich überhaupt nichts, hatte die Hände in seinem Überwurf vergraben und wich zerstreut den Menschen aus.

Auf dem Alexanderplatz fand er sich wieder - vor einem historischen Bauwerk aus den siebziger Jahren, der Weltzeituhr, die sich, unmittelbar am modernen kunststoffverkleideten Trakt der Vakuumschnellbahn, ein wenig vorsintflutlich ausnahm.

Hier blieb Thomas stehen. Er betrachtete die Kontinente, die auf der Uhr abgebildet waren, suchte die Antarktis. Dann ärgerte er sich, dass die Uhr noch den Vierundzwanzigstundentag und nicht den Zwanzigstundentag anzeigte, und rechnete sich trotzdem aus, wie spät es jetzt ungefähr in TITANGORA sein mochte.

Dann setzte er sich auf eine Bank, immer noch die Hände in den Taschen, stierte erst auf seine Schuhspitzen und sah dann dem unbekümmerten Treiben dreier Spatzen zu, die, der vielen Vorbeieilenden kaum achtend, vom Plastebelag des Weges die Krümel einer Eiswaffel aufpickten, die ihnen zwei halbwüchsige Mädchen zuwarfen.

Thomas spürte die Wärme der Herbstsonne. Er legte seinen Kopf in den Nacken, sah seitlich, hoch oben, die silberne Kugel des Fernsehturms, deren Reflexkreuz ihn blendete, und er dachte daran, dass ihn bald, falls er Glück hatte und das Wetter danach war, Eis blenden könnte, das Eis der Antarktis. Tief verärgert murmelte er selbstvergessen, aber so laut, dass sich zwei schreiend bunt angezogene ältliche Ausländerinnen erstaunt nach ihm umdrehten: „Scheiße!“

Später schlenderte er zum Hotel, das ihn ebenfalls plötzlich mit seiner neuen, glitzernden Glasfassade aufdringlich an Eis erinnerte. Er bekam in dieser frühen Abendstunde im Restaurant einen Platz, tippte sich Bons für ein sehr reichhaltiges Mahl, aß übermäßig und trank mehrere Gläser Bier. Allmählich stellte sich mit dem Gefühl, gegen Mattaus Entscheidung nichts ausrichten zu können, eine gewisse Gleichgültigkeit ein, aber auch die Gewissheit, die ihm eigentlich immer eigen war, dass er es auch unter diesen Bedingungen irgendwie schaffen werde. Er hatte bisher mit einem Minimum an Aufwand alles geschafft, was er sich vorgenommen hatte. So würde auch dieses Praktikum zu überstehen sein.

Und Evelyn? Evelyn wird es schon einsehen. Jetzt hieß es, aus den verbleibenden wenigen Tagen so viel wie möglich zu machen, bevor es ab in die Wüste ging.

Thomas beschloss, ohne Verzug damit zu beginnen. Er ging zum Büfett, weil der Tischwähler den Code für Kognak nicht auswies, und bestellte sich hundert Gramm des gehaltvollen Getränks zur nicht geringen Verwunderung der anderen Gäste am Tisch, zweier blauhaariger, auf die moderne Zwillingsmasche getrimmter junger Damen und eines blassen, neben ihnen völlig unscheinbar wirkenden jungen Mannes. Thomas trank genießerisch in kleinen Schlucken. Danach fuhr er nach oben, ging in sein Zimmer, bestellte beim Zimmerservice einen Gesellschaftsanzug und stellte fest, dass er ihm vorzüglich passte. Zunächst aber ließ er sich von den Frottierbürsten im Bad ordentlich durchwalken und erfrischen, ehe er sich sorgfältig anzog und die Bar aufsuchte.

II. Kapitel

Im Grunde genommen war es wieder mal meine verflixte, gelinde gesagt, Schwäche, nicht nein sagen zu können, ärgerte sich Thomas. Er saß im Flugzeug und hatte Zeit, erneut seine Lage zu bedenken.

Er hat mich ganz schön abfahren lassen, der Kollege Staatssekretär Mattau, seines Zeichens Direktor für Technik.

Thomas gestand sich ein, dass er den Schlag mit dem Praktikum noch nicht überwunden hatte. Im Gegenteil!

Evelyns Reaktion, ihr Verständnis für die Ansichten Mattaus, hatte ihn derart geschockt, dass er mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt hatte, seine Zusage zu widerrufen.

Er hätte sich nie träumen lassen, dass Evelyn ihn so einschätzte. Sie urteilte härter als Mattau. Was jener zurückhaltend als charakterliche Festigung bezeichnete, präzisierte sie als notwendige Überwindung von „Arroganz“, „Überheblichkeit“ und „Egoismus“. Und mit dieser Frau wollte ich mich ein Leben lang zusammentun! Tja, mein lieber Tom, da dachtest du: eine bequeme Stelle in der Berliner Kombinatsleitung, täglich ein paar Stunden arbeiten, Exkursionen, dazu eine Wohnung in wasserreicher Umgebung …

Nun, wenn Mattau meine Nase nicht passt, ist nichts zu machen. Zugegeben, sie ist ein wenig kartoffelig ... Bei dem Gedanken lächelte Thomas unwillkürlich. Und dann sah er auf wie ertappt. Schließlich war es mit der Würde eines angehenden Wissenschaftlers in einer Mission wie der seinen unvereinbar, einfältig vor sich hin zu lächeln.

Alle Wetter, wirklich hübsch! Endlich ein Lichtblick.

Der Anblick seines Gegenübers versöhnte ihn mit seinem Platz. Gleich nach dem Einsteigen hatte er sich geärgert, weil er über der Tragfläche sitzen musste. Bei seinem Pech hatte er eigentlich einen mürrisch dreinschauenden Reisegefährten erwartet, um in dem Gefühl, alle Welt habe sich gegen ihn verschworen, richtig weiterschwelgen zu können.

Er schaute scheinbar gleichgültig auf die Tragfläche, nahm, angeregt durch die blendenden Reflexe des blanken Metalls, seine dunkle Brille, pustete ein Stäubchen von den Gläsern, schob sie auf die Nase und blickte wieder verstohlen zu seiner Reisegefährtin. Sie hatte unterdessen eine satirische Zeitschrift aufgeschlagen und verdeckte damit die Partien, denen Monig jetzt, im Schutze der Sonnenbrille, mit Ruhe seine Aufmerksamkeit widmen wollte.

Er kannte das Heft und fand die meisten Beiträge ziemlich fad. Also würde ihre Lektüre, hatte sie einen ähnlichen Geschmack, nicht von langer Dauer sein.

Der Automat kam Thomas zu Hilfe. Er warf die unvermeidlichen Bonbons in die Schalen am Sitz, und der Bildschirm mahnte in vier Sprachen mit einem aufdringlichen Summton, sich auf den Start vorzubereiten. Altmodische Angelegenheit, dachte Thomas.

Die Zeitschrift sank, und bei Monigs Gegenüber zeigten sich glücklicherweise Schwierigkeiten beim Schließen des Sicherheitsgurts. Der automatische Verschluss hatte einen überdimensionalen Zierknopf ihres Kleides eingeklemmt.

Er ergriff die Gelegenheit. „Darf ich?“, fragte er und fasste schon zu.

„Das ist in jedem Flugzeug anders“, sagte sie, ihr Ungeschick gleichsam entschuldigend.

Aha, so oft ist sie noch nicht geflogen, folgerte Thomas. „Ja“, sagte er klug, „es wäre an der Zeit, auch solche Kleinigkeiten international zu standardisieren.“

Der Bordfunk flüsterte den Reisenden den Wetterbericht ins Ohr und wies darauf hin, dass ausnahmsweise heute der Flug länger in unteren Atmosphärenschichten erfolgen müsse. Der Sprecher gab einen diskreten Hinweis, dass sich die imprägnierten Tüten in den Seitentaschen der Sitze befänden.

„Die brauche ich nicht“, sagte Thomas erhaben zu seinem Gegenüber.

Sie lächelte besserwissend, hatte er den Eindruck. Aber was sie sicher nicht wusste war, dass er vor dem Einsteigen verstohlen zwei Pillen geschluckt hatte - gegen die Flugkrankheit.

Thomas schien, sie war blasser geworden. „Haben Sie Bedenken?“, fragte er.

„Leider Erfahrungen“, antwortete sie.

Thomas wurde großmütig und vertraute ihr neben seinem Geheimnis zwei seiner kostbaren Pillen an. Sie nahm sie skeptisch und schluckte sie hoffend.

Das Eis war gebrochen.

„Thomas Monig“, stellte er sich vor.

„Kavor, Evelyn“, erwiderte sie zögernd.

Zweimal in meiner Umgebung dieser schrecklich antiquierte Vorname, dachte er belustigt. Ev, was wird sie jetzt machen? Der Abschied war kühl gewesen. Kein Wunder, nach der Auseinandersetzung. Warum war sie auch so heftig? Sie musste doch merken, dass ich eingelenkt habe - schon allein, weil ich nun zur Antarktis fliege, auch wenn ich nicht überzeugt bin, dass das Praktikum für mich so unbedingt notwendig ist.

Ich werde ihr schreiben, sobald sich eine Gelegenheit ergibt, nahm Thomas sich vor.

„Bleiben Sie in Moskau?“, fragte er.

„Nein, ich fliege weiter nach dem Süden, übermorgen.“

„Darf ich fragen, wohin?“ Thomas wurde hellhörig.

„Erst nach Kapstadt“, antwortete sie bereitwillig. „Mir graust vor der Fliegerei.“

„Das finde ich aber merkwürdig“, rief Thomas. „Dorthin muss ich nämlich auch, offenbar mit der gleichen Maschine. Die Linie wird doch nur zweimal in der Woche beflogen. Nun sagen sie bloß noch, Sie wollen nach Mirny!“

„Ja“, bestätigte sie überrascht.

Thomas brauchte einige Augenblicke der Sammlung und lehnte sich kopfschüttelnd zurück. Da glaubte er, ihr mit seinem Flug in die Antarktis mächtig imponieren zu können, und nun das!

Aber näher betrachtet, ist der Zufall nicht so groß, überlegte er. Wer nach Mirny will und in Moskau noch die üblichen Formalitäten zu erledigen hat, der muss dieser Tage fliegen, um in Kapstadt den planmäßigen Anschluss zu bekommen. Zufall ist, dass wir im gleichen Flugzeug sind und uns gegenübersitzen. Sicher werden sich in Moskau noch einige Antarktisfahrer zu uns gesellen.

Im Augenblick war er mit seinem Geschick zufrieden. Die „andere Evelyn“, wie er sie bei sich zu nennen beschloss, gefiel ihm. Sie hatte eine angenehme dunkle Stimme und sehr ebenmäßige weiße Zähne, Merkmale, die bei ihm immer Sympathie auslösten. Sie war groß, trug die Haare extrem kurz geschnitten.

Thomas sah so unauffällig wie möglich nach ihren Augen. Richtig. Sie gaben dem Gesicht diesen eigenartigen Reiz. Sie waren hellgraublau, ein seltener Kontrast zum fast schwarzen Haar. Ihr Gesicht war nicht eigentlich hübsch. Die Nase vielleicht eine Idee zu kurz, die Jochbeine ein wenig zu ausgeprägt. Aber der Reiz, der von diesen Augen ausging ...

Hier hast du keine Chance, Tom, sagte er sich. Er gab sich dennoch einen innerlichen Ruck und zog seinen Bauch ein, der als zwar kleine, aber immerhin sichtbare Wulst über der Hose unter dem hochgeschobenen Jumper hervorlugte. Der Gedanke an seine im Anfangsstadium stehende natürliche Tonsur und die chronischen Augenschatten war auch nicht gerade erfreulich. Sie ist fast ein Jahrzehnt jünger als ich, neunzehn bis zweiundzwanzig, schätzte er. Also, mein Lieber, nicht die geringsten Chancen.

Eine angenehme, sehr angenehme Reisegesellschaft, stellte er fest. Und das Bedürfnis, gleich nach der Ankunft Ev zu schreiben, war gar nicht mehr so dringlich. Aus seinen Gedanken gerissen wurde er durch das Aufdonnern der Strahltriebwerke.

„Es geht los“, rief er überflüssigerweise.

Das Flugzeug rollte langsam, erschütterungsfrei in die Startposition. Die andere Evelyn bemühte sich von ihrem Platz aus, der genauso ungünstig war wie der seine, etwas von draußen zu sehen.

Es hat sie keiner zum Flugplatz begleitet, stellte Monig befriedigt fest, als er andere Passagiere beobachtete, die zu den Fenstern drängten, um ihren Angehörigen oder Freunden zu winken.

Mich hat ja auch niemand gebracht, dämpfte er seinen Optimismus, obwohl es Ev gibt. Also will das nichts besagen.

Die Maschine hielt. Sie hatte den Anfang der Startbahn erreicht. Die Triebwerke brüllten auf, liefen auf vollen Touren.

Und da rollten sie schon. Wie so oft nahm Thomas sich vor, genau auf den Zeitpunkt zu achten, an dem sich das Flugzeug vom Boden hob. Doch er merkte erst, als sich die Tragfläche bereits in die Ausflugkurve neigte, dass sie flogen.

Thomas rutschte, soweit es der umgelegte Gurt zuließ, näher zum Fenster, um einen Blick zurück auf Berlin zu werfen.

Er bildete sich ein, den Duft des Haares seiner Reisegefährtin zu verspüren, deren Gesicht sich einen Fingerbreit neben dem seinen befand. Er wich ein paar Dezimeter zurück und betrachtete dieses Gesicht aus der Nähe. Irgendwie, das spürte er, schienen seine Chancen zu steigen.

Thomas wollte nicht, dass sie ihn beim Anstarren ertappte, und rückte wieder näher ans Fenster. Entfernt war die Stadt zu sehen, modellhaft, wie hingetupft die großen Gebäude im Zentrum, überragt vom Fernsehturm, der wie zum Abschied mit den Reflexen auf der Kugel blinkte.

Neben dem Alexhotel wirkten das Pressezentrum - das ehemalige Springergebäude - und die anderen Hochhäuser klein.

Unwillkürlich dachte Monig fünf Jahre zurück. Wie schnell die Zeit vergangen war! Damals, als die sogenannten westlichen Alliierten die Stadt verließen und kurz danach die paritätische Verwaltungskommission gebildet wurde, stand ich kurz vor dem Diplom, überlegte er. War ein ganz schönes Durcheinander auf den Behörden damals, kein Mensch hatte Sinn für einen wissbegierigen Diplomanden.

Die Maschine hatte ihren Kurs eingeschlagen. Sie flog Richtung Vilnius, eine Strecke, die Thomas bekannt war. Er rückte vom Fenster weg. Seine Begleiterin, der die Tragfläche den Blick nach unten jetzt ebenfalls völlig verwehrte, lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

„Ich werde immer noch nicht damit fertig“, sagte Thomas, „dass Sie auch nach Mirny fliegen. Welche Aufgabe haben Sie?“

„Gesundheitswesen“, antwortete sie. „Ich mache dort mein ärztliches Praktikum.“

„Den Sommer über?“, fragte er.

„Nein“, entgegnete sie, „für uns ist es gerade der antarktische Winter, der Probleme bringt. Wir wollen feststellen, wie die Menschen die extremen Temperaturen vertragen und wie den dort auftretenden Krankheiten beizukommen ist.“

„Wird es nicht zu anstrengend für Sie werden? Der Winter in Mirny soll trotz allem Komfort sehr langweilig sein.“

Sie sah Thomas erstaunt an und sagte: „Ich habe doch eine Aufgabe! In meiner Seminargruppe wären viele froh gewesen, hätten sie die gleiche Möglichkeit wie ich gehabt.“

Das ist ja eine, dachte Thomas, spricht wie Mattau. - Er beugte sich etwas vor und sagte leichthin: „Ich mache auch eine Art Praktikum, aber mir genügt der Sommer.“

Sie ging auf seine Bemerkung nicht ein und fragte: „Von welcher Fachrichtung sind Sie?“

„Bergbauwissenschaften - mit vermessungstechnischen Spezialkenntnissen.“

„Da werden Sie ja direkt unter Tage eingesetzt?“, fragte sie.

„Ja sicher“, antwortete er wenig begeistert. „Unter Eis, könnte man vielleicht besser sagen, in TITANGORA, tausend Kilometer südlich von Mirny.“

Sie lächelte. „Das stelle ich mir sehr schwierig vor“, sagte sie.

„Na ja“, antwortete er. „Aber vom Bergbaulichen her wird es kaum anders als überall sein.“

„Aber die extremen Bedingungen!“, warf sie ein. „Und die Menschen unter diesen Bedingungen, das muss doch auch für Sie eine völlig neue Aufgabe sein.“

Thomas schaute sie an. Eigenartige Vorstellungen, dachte er. Was soll das schon für eine besondere Aufgabe sein? Ein Bergbau wie jeder andere. Na gut, die Strecken werden im Eis vorgetrieben und sollen wohl auch einen größeren Querschnitt haben. Und sicher wird das Eis selbst einige Probleme bringen. Aber so schrecklich neu stelle ich mir das nicht vor.

„Ich weiß nicht“, sagte er. „Ich habe mit einem Bekannten gesprochen, der zur Exkursion dort war. Er fand die Bedingungen im Vergleich zu anderen Bergwerken nicht so unterschiedlich. Und die Menschen“, redete er weiter, „warum sollen die anders sein? Ein großer Teil, die ehemaligen Armee-Einheiten, hat seinen Befehl und arbeitet. Mit ihnen müsste daher ein wesentlich leichteres Auskommen sein als mit den Werktätigen in unseren Betrieben hier.“

Sie schaute ihn zweifelnd an, und er hatte den Eindruck, als zucke sie kaum merklich mit den Schultern.

Sie wechselte das Thema. „Was müssen Sie in Moskau noch erledigen?“, fragte sie.

„Das übliche, Kontrollen und den internationalen Pass ausstellen lassen. Nicht allzu viel. Ich denke, dass in einem Vormittag alles geregelt sein könnte, wenn die Kollegen im Büro in Stimmung sind.“

„Meinen Sie“, fragte sie weiter, „dass wir Gelegenheit haben, uns die Stadt ein wenig anzuschaun? Ich bin das erste Mal in Moskau.“

„Ganz bestimmt“, sagte Thomas obenhin. „Wir haben doch drei Tage Zeit. Sicher ergibt sich auch die Gelegenheit, ein Theater zu besuchen oder so was.“

„Meinen Sie, dass man da ohne Vorbestellung hineinkommt?“

„Warum nicht?“, sagte er und fühlte eine gewisse Überlegenheit in sich aufsteigen, die ihm beim vorigen Thema abhandengekommen war. „Ich habe eine Bekannte in Moskau - eine Kommilitonin“, fügte er eilfertig erklärend hinzu. „Sie hat mit mir zusammen studiert.“

Quatsch, dachte er. Muss sie ja wohl, wenn sie eine Kommilitonin ist. Er sprach rasch weiter: „Und immer wenn ich in Moskau war ...“, hier betonte er das „immer“, sie wusste ja nicht, dass er auch erst das zweite Mal nach Moskau reiste, „... hat sie mir Eintrittskarten besorgt. Ich habe ihr vorsichtshalber geschrieben, dass ich drei Tage dort bin.“

„Da sind Sie besser dran als ich“, stellte sie fest.

„Keine Angst“, sagte Thomas, „das arrangiere ich schon. Wie ich Walja kenne, ist sie froh, sich nicht drei Tage lang mit mir beschäftigen zu müssen, und gibt Ihnen gern ihre Karten ab, falls sie wirklich welche besorgt hat. Es sei denn, Sie sind in Russisch genauso schlecht wie ich, dann könnten wir sie als Dolmetscher brauchen.“

„Da habe ich nun wieder keine Bedenken“, sagte sie lächelnd, „es geht leidlich.“

Thomas frischte sein Prestige wieder auf und sagte: „Ja, lesen und Fachtexte übersetzen, das kann ich schon, aber sprechen? Hemmungen, Sie verstehen …“

Sie sah ihn komisch-zweifelnd an.

„... die erst bei zweihundert Gramm Kognak vergehen“, setzte er witzelnd fort, worauf sie die Nase rümpfte.

Er wollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. „Englisch geht es besser“, fügte er deshalb hinzu. „Und wahrscheinlich werde ich es in TITANGORA mehr brauchen als Russisch. Es sollen ja zu achtzig Prozent Amerikaner im Schacht arbeiten.“

Er bereute diese Worte gleich, nachdem er sie ausgesprochen hatte, weil er wegen der dummen Angeberei das Gespräch wieder auf das leidige Bergbauthema lenkte.

„Wie geht nach dem Praktikum in Mirny Ihre Ausbildung weiter?“, fragte er deshalb schnell.

„Vielleicht reicht das Material, das ich dort sammeln soll, um eine Dissertation daraus zu machen.“

„Im Staatssekretariat, in dem ich vor dem Abflug war“, erklärte Thomas, „hat man mir mitgeteilt, dass ich nach TITANGORA noch in mindestens zwei Objekten unseres Kombinates praktizieren muss.“

Er stellte befriedigt fest, dass sie sich aufmerksam vorbeugte.

„Wir stecken jetzt in der ganzen Welt“, ergänzte er.

„Ich habe davon gelesen“, antwortete sie, „das ist doch das Kombinat INTERGAN?“

„Ja“, sagte Thomas. „Normalerweise geht es bei uns Technikern nicht so vornehm zu“, spöttelte er unsachlich. „Wenn wir ein so interessantes Praktikum ableisten dürfen, dann muss schon etwas dahinterstecken. Und bei mir ist es das Kombinat für Internationale Gewinnung und Aufbereitung von Naturstoffen. Ansonsten scheinen Objekte wie die Antarktis den Medizinern vorbehalten zu sein.“

Ohne auf seine Anspielung einzugehen, fragte sie: „Sie nehmen dort eine leitende Stelle ein?“

Würde ich gern, dachte er. „Das ist zuviel gesagt“, bemerkte er bescheiden, „ich soll da hineinqualifiziert werden - in die wissenschaftliche Arbeit.“

„Da werden Sie sich in Zukunft öfter mit solchen Objekten wie das in TITANGORA zu befassen haben? Ich habe da neulich gelesen, dass im Ozean eine Station zur Wasserverhüttung …“

„- enterzung und anderes“, unterbrach er sie.

„... ja richtig, Enterzung, eingerichtet wird. Und auf dem Mond spielt Ihr Kombinat doch auch eine Rolle?“ Sie hatte schnell gesprochen, saß nur noch auf der Kante des Sessels, so weit war sie an Thomas herangerutscht.

Er freute sich über ihre Anteilnahme und legte sich zurecht, was er ihr wohl alles sagen und welche Rolle er sich dabei zuordnen könnte. Ich werde ihr natürlich verschweigen, nahm er sich vor, dass es im Kombinat auch Tätigkeiten gibt, die sich zwar irgendwie mit diesen Objekten befassen, aber von einem Berliner Schreibtisch aus, und dass die Bearbeiter die Objekte ihr Leben lang nicht zu sehen bekommen. Nicht sagen werde ich ihr auch, dass ich mir gerade so eine Tätigkeit gewünscht habe.

„In die Ozeanstation muss ich übrigens während meiner zweiten Praktikumsetappe ...“ Und Thomas begann zu erzählen von allem, was er wusste und nicht wusste im Zusammenhang mit diesen Objekten. Sehr eingehend informiert war er nicht, da er annahm, er habe für derartiges nach Antritt seiner Tätigkeit genügend Zeit. Und er wunderte sich, wie begeistert er von seinem Praktikum sprach. Am Ende glaube ich noch selber, dass es eine wunderbare Sache ist, dachte er.

Der Automat schickte entlang der Versorgungsschiene einen Imbiss.

Während des Essens plauderten sie weiter. Thomas erfuhr, freimütig von der anderen Evelyn erzählt, dass ihr Vater Vorsitzender einer landwirtschaftlichen Kooperation sei, dass sie zwei jüngere Schwestern habe und einen älteren Bruder.

Von ihrer Aufgeschlossenheit wurde Monig angesteckt. Er erzählte Geschichten aus seiner Studentenzeit, darauf bedacht, sich ein wenig in den Vordergrund zu spielen. Und er übernahm freizügig studentische Anekdoten in seine Erlebnisberichte.

Sie lachte, zeigte dabei ihre schönen Zähne, und Thomas wuchs als Unterhalter über sich selbst hinaus. Sie waren beide erstaunt, als der Automat zu surren begann und ihnen die Gurte umlegte. Das Flugzeug setzte zur Landung in Scheremetjewo an.

III. Kapitel

Bei seiner Ankunft in TITANGORA beschlich Thomas Monig doch ein eigenartiges Gefühl. Er hatte wirklich geglaubt: Was kann an einer solchen Grube schon Besonderes sein. An die hundert Bergwerke hatte er gesehen, Erz-, Salz- und Kohlegruben, feuchtkalt oder heiß und staubig. Nur weil hier ein überdimensionaler Stollen im Eis vorgetrieben wurde, sollte es anders sein? Und doch wirkte die ganze Atmosphäre auf Thomas unwirklich:

Die Landung auf der glitzernden Schneefläche, das unwahrscheinliche, für Thomas völlig neue Farbenspiel in den Zirruswolken, stechendes Weiß, vermummte Gestalten. Die nächste Umgebung verschwamm in den Frosttränen, die ihm in die Augen stiegen. Sein Gesichtsfeld war durch den Pelzkragen eingeengt. Dennoch suchte er mit den Blicken am Rande des Flugfeldes nach etwas Gewaltigem, Einzigartigem, nach etwas, das den Mühen entsprach, die das Praktikum ihm brachte. Weil er es nicht sah, überfiel ihn Angst, Angst vor künftigem Alleinsein, trotz der etwa dreißig Menschen um ihn, der neu angekommenen und der, die zur Begrüßung zum Flugzeug gekommen waren.

Er schritt mit den anderen im Gänsemarsch auf einige Hügel zu. Über schwarzen, aus dem Schnee ragenden Röhren, verankert mit Stahlseilen, stand Dampf, unbeweglich in der kristallenen Windstille. Irgendwo, weit, brummten schwere Motoren. Neben dem Trampelpfad ein eisüberkrustetes Seil, ehemals als Geländer gedacht, gehalten von Pfählen, jetzt kaum mehr als einen halben Meter über dem Schnee. Sie gingen schweigend, nur der Schnee sang unter den Tritten. Die Wangen begannen zu spannen, an den Wimpern bildete sich Reif.

Als Thomas gerade anfing, den Komfort auf den internationalen Flughäfen mit der Karg- und Kahlheit dieses Flugplatzes zu vergleichen, der zu einem der fortschrittlichsten Vorhaben der Menschheit gehörte, kamen sie in einen merklich wärmeren Luftstrom. Der Vordermann verschwand in einem in Schnee und Eis gehauenen Hohlweg und gleich darauf in einer Einfahrt. Ringsum angebrachte Düsen bliesen ihnen die warme Luft entgegen. So blieb der Zugang eisfrei.

Thomas gab seine unerfreulichen Gedanken auf und beschloss, mit Kritik nicht zu voreilig zu sein.

Ja, und dann gab es eine Überraschung nach der anderen: In einem im Eis schwimmenden Betonhohlkörper von den Ausmaßen eines zehngeschossigen Hochhauses präsentierte sich den Neuankömmlingen eine Art Mehrzweckbau, den sie unter den leicht spöttischen Blicken der „Alteingesessenen“ nach und nach erkundeten.

Zunächst wurde ihnen ihre Unterkunft zugewiesen. Nach einem Empfangsraum, von Lumineszenz-Leuchtplatten strahlend erhellt, ging es durch eine Flügeltür in einen langen Korridor, von dem die Zimmer zu erreichen waren. Einfach, zweckvoll eingerichtet, mit Dusche, Radio, Wechselvideophon und, was Thomas hier nie erwartet hätte, einem automatischen Versorgungssystem. Dass eine derartige Unterkunft für drei Personen gedacht war, nahm er großzügig hin.

Als Thomas eintrat, rekelte sich jemand in einer der Bettnischen. Ein zerzauster Kopf tauchte auf, ein schmales Gesicht, schon fast ausgemergelt, rasiert, mit schwärzlichem Schimmer, zwei dunkle Augen.

Thomas grüßte: „Guten Tag.“

Neben dem Gesicht schob sich eine sehnige Hand aus dem Vorhangschlitz, hob sich in Ohrhöhe, der Zeigefinger tippte grüßend an die Schläfe.

„Glück auf!“ Die Stimme klang dunkel, mit einem Akzent.

„Ich heiße Pjotr. Du bist Deutscher? - Gut, wir werden miteinander in Deutsch reden. Möchte ich perfekt werden in dieser Sprache.“

„Ja, Deutsche Demokratische Republik“, sagte Monig. „Mir täte Nachhilfe in Russisch gut.“

Das Gesicht verschwand; Rascheln, dann tauchten zwei hagere, lange, behaarte Beine auf. Mit einem Schwung stand Pjotr, bekleidet mit Turnhemd und Sporthose, vor Thomas und hielt ihm die Hand hin. Obgleich Thomas diese veraltete Sitte nicht mochte, schlug er ein.

„Thomas Monig“, murmelte er.

„Sokolov, Pjotr, Bulgare“, sagte sein Zimmergefährte.

Thomas schluckte. Pjotr schien es jedoch nicht zu bemerken, sondern wies auf einen Vorhang und fuhr fort: „Dein Bett. - Das dort gehört Andrzej, Pole.“

Wenn Pjotr Maßstab ist, ist die Verpflegung nicht besonders, dachte Thomas. Durch und durch Knochen, der Mensch, kein Gramm Fett.

Thomas begann sich einzurichten. Pjotr weihte ihn, Beine schaukelnd, in das - wie er meinte - Wissenswerteste ein. Er sei Maschineningenieur und im Vortrieb des Leitstollens tätig, beaufsichtige die „Eisfresser“, wie die Laserschrämen scherzhaft genannt wurden. Andrzej, ein Pumpenfachmann, arbeite mit ihm im gleichen Abschnitt, habe zurzeit jedoch Jahresurlaub, Im Leitstollen werde nämlich alles Eis geschmolzen und das Wasser abgepumpt. In der Hauptstrecke sei Stückförderung, aber das werde er ja sehr bald sehen. Die Station sei sehr gut eingerichtet, eine Bibliothek, ein Kino, ein Kasino - zweimal wöchentlich Tanz. Von der Leitung werde darauf geachtet, dass etwa gleichviel Frauen und Männer in TITANGORA seien.

Während er das sagte, zwinkerte er Thomas auffällig zu. Dabei verzog sich sein Gesicht, als sei die Haut zu knapp. Es wurde zu einer listig-komischen Grimasse und schien auszudrücken: Vorsicht, Freund, jetzt nehme ich dich auf den Arm. Sehr viele Ehepaare seien hier, setzte er in Gedanken fort. Ja, die Leitung - es sei besser, sich mit dem Direktor Pajew nicht anzulegen. Er sei streng, gegen Schlendrian, Disziplinarverstöße und andere Unregelmäßigkeiten sehr unduldsam. Er versuche gerecht zu sein, habe aber - nach Pjotrs Meinung - zu wenig Kontakt zu den Mitarbeitern.

„Knapp siebenhundert Menschen sind hier“, antwortete Pjotr auf eine Frage von Thomas. „Davon arbeiten etwa vierhundert im Stollen - in vier Schichten, versteht sich. Hundert sind ständig draußen.“ Dabei deutete er mit dem Daumen gegen die Zimmerdecke. „Kein Vergnügen“, fuhr er fort, „bis minus sechzig Grad und Stürme. Aber die Arbeiten müssen gemacht werden.“ Auf Thomas’ Bemerkung, dass er sicher auch einige Zeit im Freien werde arbeiten müssen, erwiderte Pjotr so etwas wie „armer Hund“, und Monig fand, dass er sicher recht damit hatte. „Draußen“, setzte Pjotr tröstend hinzu, „passieren auch die meisten Unfälle. - Die anderen zweihundert Menschen besorgen die Verwaltung und arbeiten für die Betreuung: Gesundheitswesen, Dienstleistungen, Gastronomie, Handel und so weiter.“ Luxus gäbe es nicht. Der Transport sei trotz der modernsten Großraumschiffe kompliziert. Der Nachschub an Maschinen, Ersatzteilen, Treib- und Baustoffen verschlänge erhebliche Mittel. Dazu die Personenbeförderung und die Dinge des täglichen Bedarfs.

Es gäbe immer noch Winter, in denen auch für die modernsten Flugzeuge und Schiffe zwei Monate lang eine Landung ausgeschlossen sei. Vielleicht ändere sich das, wenn der U-Hafen in Mirny seine Arbeit aufgenommen habe ... Pjotr redete, als sei Thomas einer von jenen, die wie er schon zwei Jahre hier waren.

Nachdem Thomas seine Sachen verstaut hatte, machte er sich auf den Weg zur Abteilung GEOMESS, unter deren Regie er diesen Teil des Intensivpraktikums ableisten sollte. Durch eine Schleuse verließ er den Wohntrakt. Ein Gang nahm ihn auf, kühl, anstelle der Betonwände eine graue, wie es schien, flexible Plasteverkleidung, dahinter das Eis.

Sicher mussten auch innerhalb der Trakte Bedingungen geschaffen werden, die den einzelnen Blöcken gestatteten, sich gegeneinander zu bewegen. Die ungeheure Kraft, die das Eis entwickelte, würde auch nicht vor Eisenbeton kapitulieren.

Thomas Monig wurde es ein wenig unheimlich. Er erinnerte sich an Berichte, in denen es hieß, dass auch das antarktische Inlandeis einige Dutzend Meter im Jahr zu wandern vermochte. Das musste beim Bau des Objektes ebenso berücksichtigt worden sein wie das verhältnismäßig hohe Wärmeabstrahlvermögen der Gebäude, das das thermische Gleichgewicht beeinflusste.

Einen Augenblick lang wurde sich Thomas des Abenteuerlichen der Situation bewusst. Das war schon etwas, was sie sich hier vorgenommen hatten!

Dann sagte er sich, mal sehen, was sie für mich haben, sicher irgendeine Hilfsarbeit wie öfter in solchen Praktika.

Am Ende des etwa fünfzig Meter langen Ganges betrat er, ebenfalls durch eine Schleuse, den Verwaltungstrakt, der nüchterner, funktionell wirkte. Er fragte eine junge Frau, die aus einer der vielen Türen trat, nach den Zimmernummern der Abteilung, in die er wollte. Sie wies ihm eine Treppe nach oben.

„Leiter der Abteilung GEOMESS, Dr. Lewrow, Organisator Nina Soredse“ stand an der Tür. Thomas fingerte nach seinem Ankehrschreiben, klopfte und trat ein.

„Guten Tag“, brachte er russisch hervor.

„Mein Name ist Monig. Ich absolviere hier ein Praktikum und möchte mich bei Kollegen Dr. Lewrow melden.“ Wie meist in dieser Sprache ging es langsam und hörte sich sicher furchtbar an.

„Deutsche Demokratische Republik?“, fragte sie. Und schon die Aussprache der drei Wörter verriet, dass sie gut Deutsch konnte.

Sie legte das Mikrofon ihres Phonodiktors beiseite, schwenkte mit ihrem Sessel herum und sagte: „Moment.“ Dann drückte sie am Seitenpult eine Dispotaste und entnahm dem Ausgabeschlitz eine Lochkarte.

Thomas betrachtete seine neue Umgebung mit der gleichen Skepsis und dem gleichen Misstrauen wie das gesamte Praktikum.

Aus der Kürze des Summtons des Computers glaubte Thomas schließen zu können, dass sie entweder ein mustergültiges, ausgeklügeltes Ordnungssystem hatten oder sehr wenig Praktikanten. Er neigte dazu, das letztere anzunehmen.

Sie war hübsch, die Nina, und wie es schien, sich dessen bewusst. Perlmuttfarbene Haare, ebensolche Finger- und Zehennägel, allerdings mit roten Tupfen, modern gekleidet. Das asymmetrische Dekolleté gewährte einen relativ tiefen Einblick. Sie ertappte Thomas beim Hinschauen, veränderte jedoch ihre Haltung nicht.

„Ja, Kollege Lewrow erwartet dich“, sagte sie fließend deutsch und warf Monig über die Schmuckbrille hinweg aus ihren wasserblauen Augen einen Blick zu. „Für organisatorische Fragen und Dinge, die deine persönlichen Belange betreffen, bin ich zuständig, ebenso für Beschwerden. Ich bin Leiterin der Brigade. Kurzversammlung ist am Freitag, vierzehn Uhr. Ich würde dich bitten, dich dort vorzustellen.“

Lewrow - etwa in meinem Alter, schätzte Monig - war klein und trug einen Vollbart.

„Ich begrüße dich“, sagte er schnarrend, hinter seinem Schreibtisch stehend. Er bot Thomas keinen Platz an, hatte also nicht die Absicht, sich lange mit ihm zu befassen.

„Freiberger?“, fragte Lewrow und fuhr gleich fort: „Ich war zu einigen Tagungen dort - hübsche alte Innenstadt.“ Er machte eine Pause, wickelte einige Haare seines Bartes um den linken Zeigefinger, sah Thomas mit zwei listigen, kleinen Augen an, die als einziges aus diesem Bartgestrüpp hervorlugten, und bemerkte: „Es trifft sich gut, dass du kommst. Unser Kollege Kramer geht übermorgen in Urlaub. Heute und morgen wird er dir seine Aufgaben übertragen. Ein wenig kurz, die Übergabezeit, aber wenn du Freiberger bist ...“

Dort, wo Thomas Lewrows Mund vermutete, sträubten sich Haare. Da sich gleichzeitig die Augen verengten, vermutete er, dass Lewrow lächelte. Er lächelte süßsauer zurück, da er nicht wusste, wie er Lewrows Bemerkung aufzufassen habe - ihm klang sie ein wenig ironisch.

Lewrow trat zum Wechselvideo, drückte die Taste und sagte leise, aber bestimmt: „Kollege Kramer zu mir, bitte.“

Wenige Augenblicke später trat Kramer ein.

„Dein Praktikant, Kollege Kramer“, kam es aus dem Bart hervor, so obenhin, als seien die Gedanken bereits anderwärts.

Thomas wurde bewusst, dass er außer einer gemurmelten Begrüßung kein Wort gesprochen hatte. Sogleich nagte an ihm Auflehnung. - Geht man so mit Leuten wie mir um? Sachte, sachte, Tom. Was hast du erwartet? Soll er dir um den Hals fallen? - Schließlich ist er schon vier Jahre hier - die Ankunft eines Neulings ist eine gewohnte Sache, nur, du bist diesmal jener Neuling, und wie für dich alles hier neu ist, erwartest du auch von den Menschen etwas Besonderes.

Trotzdem, ein wenig persönlicher hätte er sein können, der Herr Chefmarkscheider.

Am nächsten Morgen stampfte Thomas hinter Kramer her. In seiner Synthetex-Arbeitsjacke sah dieser breitschultrige, untersetzte Mann noch wuchtiger aus.

Kramer wollte zu Fuß gehen, zumindest hinwärts. Angeblich sähe man da mehr. Obgleich Thomas kein Freund von langen Märschen, vor allem nicht in behindernder Polarkleidung war, beschlich ihn ein Gefühl der Erwartung von etwas Großartigem.

Vom Verwaltungstrakt aus gelangten sie durch eine Schleuse in einen mit Folie verkleideten Gang. Eine weitere Schleusentür, und sie standen im Eis.

Eine Laufstrecke, in Dimensionen, wie sie Thomas aus Grubenbauen in Kalibergwerken kannte, hier jedoch mitten im Eis.

Vor ihnen dumpfes Rumoren, auf- und abschwellend.

Die Strecke machte einen Bogen; sie mündete in eine andere, der sie nach rechts, dem Gefälle nach, folgten. Diese Strecke hatte einen kreisrunden Querschnitt. Sie liefen auf einem Plastesteg, der etwa einen halben Meter über dem Eis die Sohle bildete. Rechts neben dem Steg verlief ein Schmalspurgleis, darunter lagen zwei beachtliche Rohre. Es war, trotz der nun deutlicheren Motorengeräusche, als plätschere es rhythmisch in diesen Leitungen.

Sie schalteten ihre Tragelampen ein. Der Abstand der installierten Firstleuchten war hier sehr groß, etwa dreihundert Meter. Das linke obere Viertel der Strecke, so ab Brusthöhe, bestand nicht aus Eis, sondern aus einem starren Kunststoffbeschlag, der, schräg von rechts oben nach links unten verlaufend, der Rundung der Strecke angepasst und oben und unten in Leisten eingespannt war.

„Hier“, sagte Kramer stehenbleibend, „ist die Sohle der Hauptstrecke.“ Dabei legte er die Rechte auf die untere Verschlagleiste. „Diese Strecke hier, der Leitstollen, liegt mit ihrer Sohle knapp zwei Meter unter der Hauptstrecke, die damit gleichsam aufgeschlitzt ist - der Länge nach. Die Verkleidung hier verdeckt den Durchbruch; sie ist für die Wetterführung notwendig.“ Die letzten Worte schrie Kramer fast; das Motorengeräusch hatte zugenommen.

Der Stoß, das Geläuf, alles begann zu beben. Metallenes Rasseln mit schwerem Dieselgedröhn war jetzt unmittelbar neben ihnen. Hinter der unteren Halteleiste der Verkleidung rieselten Eisstückchen hervor. Ein schwaches polterndes Gleitgeräusch mischte sich in das Lärmen. Wenn wir als Kinder Eisbrocken über den Teich schlittern ließen, klang das ähnlich, dachte Monig.

Das Gedröhn ließ fast schlagartig nach, als ob sich zwischen die beiden Menschen und die Schallquelle eine Wand geschoben hätte.

„Unsere Pferdchen“, sagte Kramer lächelnd. Er machte eine Kopfbewegung zur Hauptstrecke hin.

Als er Monigs verständnislosen Blick bemerkte, fühlte er sich bemüßigt, doch noch hinzuzufügen: „Haben sie dir nicht erzählt, wie wir hier die Vortriebsmassen fördern?“

Nein, Pjotr hatte Thomas nichts davon erzählt - hatte es wohl wie vieles vorausgesetzt.

„T dreiundsiebzig“, erklärte Kramer, „Panzer.“

Nun hatte Thomas gehört und auch vielfach gesehen, dass ehemalige Militärfahrzeuge in allen möglichen Zweigen der Wirtschaft eingesetzt wurden. Dass er nun auch hier, ausgerechnet hier, damit konfrontiert werden würde, hatte er nicht erwartet. Schließlich dürfte es keine Kleinigkeit sein, Panzer in die Antarktis zu transportieren.

„Bewährt sich das?“, fragte er.

„Bestens.“

Thomas hätte gern mehr darüber erfahren. Kramer ließ es jedoch bei seinem „bestens“ bewenden. Er ging bereits wieder stolleneinwärts. Sein Schatten, erzeugt von Monigs Lampe, tanzte grotesk vor ihm her.

Die Stöße schimmerten bald grünblau, bald stechendweiß. Hier und da hingen Eiszapfen, auch Eiswucherungen standen klobig auf den Einbauten. Die Strecke führte schnurgerade stetig abwärts. Rechts am Stoß begleitete sie ein armdickes Kabel, in Schellen direkt an das Eis genagelt.

Es näherten sich abermals Motorengeräusche, diesmal von hinten. Die „Pferdchen“, dachte Monig belustigt. Sie dröhnten jenseits der Verkleidung an ihnen vorbei. Diesmal waren sie noch lange zu hören.

Jetzt fragte Thomas: „Wie viel sind es?“

„Fünfzehn haben wir hier“, sagte Kramer. Seine Stimme hallte hohl. „Davon sind zwölf ständig im Einsatz, zurzeit jedenfalls.“

Kramer drehte sich im Gehen halb zu ihm um.

„Sie fahren immer paarweise“, sagte er. „Zwei nebeneinander und jeweils drei Paare in eine Richtung, drei leer hinunter, drei voll nach oben. Pro fünfhundert Meter Strecke kommt ein neues Paar hinzu, sonst würde sich die Förderzeit verlängern.“

„Wie kommen sie aneinander vorbei?“ Thomas ärgerte sich sogleich über seine Frage. Natürlich müssen sie aneinander vorbei, und da er wusste, dass die Strecke neun Meter breit war, ging das sicher nur über Ausweichstellen.

„Ausweichstellen“, sagte Kramer. „Das Förderspiel wird von einem Prozessrechner gesteuert.“

„Die Förderwagen“, fragte Thomas, „gleislos?“

Jetzt verhielt Kramer den Schritt. Er sah Thomas kurz an, prüfend, wie ihm schien, und sagte: „Ja, gleislos.“

Thomas hatte das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man meint, sich nicht richtig verhalten zu haben, ohne dass einem klar ist, weshalb.

Kramer sprach schon weiter. „Also hier“, er deutete nach oben, „beginnt der Zug, den du für die Kurvenangabe brauchst.“

In der Firste befand sich die Vermarkung eines Festpunktes mit einer Schutzkappe. Es war ein blauer, im Eis befestigter Ring und eine Kunststofftafel mit der eingravierten Nummer 27.

Die Bedenken, die Thomas tags zuvor schon gekommen waren, als er seinen Arbeitsauftrag erhalten hatte, stellten sich wieder ein. Genau genommen war es Angst vor der Verantwortung. - So viel Praxis, wie man hier glaubt, habe ich nicht, dachte er. Aber das kann ich doch niemandem sagen. Bislang sind sie schön geradeaus gefahren, fast vier Kilometer. Ausgerechnet jetzt geht dieser Kramer in Urlaub, jetzt, wo die erste Kurve angelegt wird, und ausgerechnet ich muss sie angeben.

„Du kommst mit drei Aufstellungen hin“, fuhr Kramer fort. „Allerdings musst du das Auffahren der Kurve täglich kontrollieren. Das Eis arbeitet, und dann die Erschütterungen.“

Kramer machte Thomas auf die nächsten Festpunkte aufmerksam, gab ihm, ein wenig von oben herab, diesen und jenen Rat. Allmählich ging er Thomas auf die Nerven.

Vor ihnen wurde es heller. Scheinwerfer ließen das Eis glitzern. Im Näherkommen sah Thomas zwei Schatten hin und her huschen. Ein zischendes Geräusch nahm zu. Schwere Motoren tuckerten im Leerlauf.

Die Verkleidung war plötzlich zu Ende. Ein Durchbruch von einem Meter Höhe gab nun links den Blick in die Hauptstrecke frei.

Thomas war beeindruckt. Neun Meter breit und drei Meter hoch - im Halbdunkel. Das ist beeindruckend. Vorn vier auf sie gerichtete Scheinwerfer, trübe in Dunst und Dampf. Dort tat sich was - sie waren vor Ort.

Plötzlich donnerten Motoren auf, die vier Scheinwerfer rückten heran, wurden klarer.

Thomas blieb stehen.

Aus dem Dunst lösten sich zwei Kolosse, Panzer, die schwersten, zugleich schnellsten und zuverlässigsten ihrer Art. Sie waren aber nicht mehr panzertypisch: Der sonst so bedrohlich wirkende Kanonenturm fehlte, die überschwere Panzerung ebenfalls. Zwei durch einen flachen Quader verbundene Raupenketten waren übriggeblieben. Die Piacrylhaube, die den Kopf des Fahrers schützte, wirkte wie eine Blase.

Eisbruch und Wasser spritzten. Thomas wich bis an das Geländer zurück - auch weil er erschrocken war: Hinter den Ungetümen kam die Ortsbrust in seine Richtung. Deutlich, sich aus dem Wrasen lösend, rückte das Eis, durch die roten Rücklichter der Fahrzeuge gespenstisch funkelnd, auf ihn zu.

Das Geländer presste sich ihm in die Rippen. Knapp zwei Meter neben ihm zermalmten die Panzer das Eis. Deutlich fühlte er Spritzer im Gesicht. Auspuffgase trafen ihn. Und dann kam knirschend in noch geringerer Entfernung eine Eiswand vorbei, glänzend, blank geschmolzen, weißgrün, durchscheinend.

Etwa vier Meter Eis glitten an Thomas vorbei, dann herrschte wieder Halbdunkel. Dumpf klangen die Motoren. Die Neugierde verdrängte seine Beklemmung. Er trat vor und beugte sich in die Hauptstrecke. Rechts im Dunst bewegten sich einige Schatten, schwankten Lichter.

Thomas wandte den Kopf nach links, richtete seinen Handstrahler dorthin. Die Hauptstrecke war im gesamten Querschnitt ausgefüllt. Auf zwei Blechstreifen glitt langsam ein Eispfropf von ihm weg. Nur ein etwa zwanzig bis dreißig Zentimeter breiter Streifen blieb an den Stößen und der Firste.

Es dauerte Sekunden, bis Thomas zu begreifen begann: Sie schrämen Blöcke aus dem Eis, riesige Blöcke, und die „Pferdchen“ ziehen sie nach über Tage.

Er überschlug: Rund neun Meter breit, drei Meter hoch und vier Meter lang. Das sind ungefähr hundert Kubikmeter oder fast ebenso viele Tonnen.

Es gab ihm einen Ruck. Sein Selbstbewusstsein wurde gestärkt. Ein Gefühl, an etwas Bedeutendem teilzuhaben und selbst dabei an Bedeutung zu gewinnen, befiel ihn. Im nächsten Augenblick jedoch dachte er an die Aufgabe, die er schon ab morgen selbstständig, eigenverantwortlich zu übernehmen hatte, und ihm wurde mulmig. Ein zu größer Kurvenradius ließe sich korrigieren, aber ein zu kleiner? Wenn ich einen Fehler mache, verklemmen sich beim Transport die Blöcke. Jeder merkt es, sinnierte Thomas. Er beschloss, fortan so sorgfältig wie möglich zu arbeiten.

Vor Ort war es verhältnismäßig ruhig. Verhaltenes Klappern, Zischen, rollendes Mahlen wie von Kugellagern, Plätschern, Elektromotorengesumm.

Sie gingen weiter. Noch trennten sie etwa dreißig Meter vom Ortsstoß.

„Wie viel solcher Blöcke kommen pro Schicht raus?“, fragte Monig Kramer.

„Wenn es gut geht, sechs.“

Sie waren vorn angelangt.

„Grüß dich!“ Pjotr winkte. Er stand an einem Aggregat, das den gesamten Querschnitt des Leitstollens ausfüllte. Es zog einen Wagen hinter sich her, der der Ortsbelegschaft offenbar als Frühstücksraum diente. Dorthinein steuerte Kramer. Thomas zwängte sich zu Pjotr auf eine Art Leitstand, der hinten an der etwa fünf Meter langen Maschine angebracht war. Pjotr erläuterte ihm seine Tätigkeit: Knöpfe drücken, kontrollieren.

„Warum bedient ihr sie nicht fern?“, fragte Monig.

„Es ist eine völlig neue Konstruktion, hat noch ihre Kinderkrankheiten. Fernbedienung ist vorgesehen. Dann wirst auch du hier arbeitslos“, sagte er lächelnd. „Hier der Kursweiser - vorläufig noch nach euren Angaben eingerichtet - wird dich ersetzen.“

„Eine Justierung wird er ab und an schon brauchen“, sagte Thomas, sich gleichsam selbst tröstend. Es hätte mir noch gefehlt, am Anfang meiner Laufbahn an meiner Berufswahl zu zweifeln, dachte er.

Vorn rauschten an einer starren, kreisrunden Scheibe, die den gesamten Stollenquerschnitt ausfüllte, etwa zehn Plasma-Flächenstrahler. Sie schmolzen das Eis gleichmäßig. Das Wasser sog die Maschine schmatzend in sich hinein, unter ihnen gluckerte es in dem dicken Rohr.

Pjotr zeigte Thomas, wo das Antigefriermittel zugesetzt, wie das Rohr automatisch verlängert und der Laufsteg verlegt wurde. Nur einmal am Tag musste Material antransportiert werden.

Mehr als auf die Bedienungsknöpfe, deren Funktion Monig im Einzelnen bei Pjotrs voraussetzender Erklärart ohnehin nicht verstand, achtete Monig auf Pjotrs Gesicht.

Thomas wusste, dass Pjotr die Maschine mit konstruiert hatte, als Forschungsstudent, ausgewählt aus einer Vielzahl von Bewerbern, als Auszeichnung für gute Studienleistungen. Pjotr war stolz darauf. Sein Großvater, so hatte er ihm am Abend erzählt, war noch Schafhirte gewesen in den Rhodopen. Er hatte Touristen billige Uhren abgekauft. Pjotr hatte gelacht, als er das erzählte. Großvater würde nicht begreifen, dass heute niemand mehr Uhren kauft, dass er sie bekommt, wenn er sie braucht.

An diesen Großvater musste Thomas jetzt denken, als er Pjotr an seiner Maschine sah. Er war auf den Besitz einer Uhr sicher genauso stolz damals wie Pjotr auf die Maschine, die ihm für fünf Stunden am Tag anvertraut war, die er mit gebaut hatte.

Kramer trat aus dem Frühstücksraum und winkte. Pjotr kam mit. Seine Hand glitt über das Pult, als streichele er es.

Schließlich ging alles viel zu schnell.

Am Tag seiner Abreise war Kramer früh nicht im Büro, obwohl, so wusste Thomas, das Flugzeug erst am Nachmittag startete.

„Er packt“, antwortete Nina, der Organisator, auf seine Frage. Man musste, Thomas hatte es schon bei seinem Antrittsbesuch bemerkt, durch ihr Zimmer, wenn man in das eigentliche Büro wollte.

Sie trug diesmal Kniehosen und eine aus sehr wenig Folie gefertigte hautenge Bluse - sehr im Kontrast zur Anzeige des an der Wand hängenden Thermometers: Minus 31 ° C - draußen.

Kramer hatte Thomas das Wesentliche mitgeteilt und übergeben. Aber seine beiden Gehilfen, die heute mit ihm im Büro sein sollten, musste Thomas selbst einweisen.

Einer war da, ein blasser, hoch aufgeschossener Jüngling, Vorpraktikant, wie er Thomas eilfertig mitteilte. Er wollte Glaziologie studieren und hatte vom Messwesen keinen Schimmer. Kramer hatte ihm gesagt, mit Monig würde er viel ins Eis kommen.

Bei den Aussichten mit dem einen war Thomas auf den anderen gespannt. Da dieser nicht kam und er keine Lust verspürte, die Aufgaben zweimal zu erläutern, rief er Kramer an.

Kramer meldete sich mürrisch.

So viel Monig neben Kramers breitem Kopf auf dem Bildschirm vom Zimmer sehen konnte, herrschte dort ein ziemliches Durcheinander.

„Ein Gehilfe ist nicht gekommen“, sagte Thomas.

„Sicher der Deland wieder“, brummte Kramer unwirsch. „Ich regle das!“

Thomas wartete. Er schlenderte von Tisch zu Tisch, sah den Kollegen bei der Arbeit zu, hatte die Vorgänge bald erfasst.

Eigentlich wenig Leute, dachte er. Es waren drei Männer und zwei Frauen. Von Pjotr wusste er, dass die gesamte Abteilung, einschließlich Lewrow, aus elf Mitarbeitern bestand, aus vorwiegend im Kombinat ausgebildeten GEOMESS-Facharbeitern. Der Raum war vorzüglich nach der neuesten Technik ausgerüstet. Keine Kunst, mit so wenig Personal auszukommen, dachte Thomas.

Sie gaben sich alle freundlich und nett. Fragen wie: „Wie bist du untergekommen?“, „Gefällt dir unser Maulwurfsbau?“, „Wie war das Wetter in Berlin?“, beantwortete er ebenso heiter und obenhin, wie sie gestellt waren.

Nach einer halben Stunde kam Deland.

Irgendwie wusste Thomas, dass er es war, ohne dass es ihm jemand sagte. Deland saß plötzlich auf einem Stuhl neben der Tür, ohne gegrüßt, geschweige denn sich entschuldigt zu haben, und tat so, als warte er auf jemanden.

Er sah gut aus, stämmig, groß. Seine blonden Haare trug er bürstenartig kurz, das Gesicht war scharf geschnitten, mit hervorstehenden Backenknochen und einem schmalen Mund. Offenbar hatte er eine schlechte Nacht verbracht. Er hatte Ringe um die Augen, sah müde aus und ein wenig gelbgrau - der Teint eines starken Rauchers.

Noch bevor Thomas mit seiner Überlegung, ob er Delands Zuspätkommen irgendwie erwähnen müsse, zu Ende war, kam Kramer.

Monig hatte den Eindruck, als sei er gerade von seiner Packerei weggelaufen, grantiger als vorhin, beinahe wütend.

Er grüßte nicht, stürzte auf Deland zu.

Thomas fürchtete, er wolle ihn packen.

Wut stand in seinem Gesicht, eine Tatsache, die Thomas erstaunt feststellte, nahm er doch an, dass den kompakten Kramer so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte.

Unmittelbar vor Deland blieb er stehen und belferte los.

Thomas hätte nicht gedacht, dass heute ein Mensch - wie vielleicht vor einem halben Jahrhundert - so unbeherrscht seiner augenblicklichen Regung Luft verschaffte.

Kramer schrie. Selbst die Kollegen im Büro, die ihn ja kennen mussten, blickten von ihrer Arbeit hoch, verfolgten den unerfreulichen Auftritt.

Kramer schrie Vorwürfe, aus denen Thomas schloss, dass das Verhalten Delands nicht zum ersten Mal Ärgernis erregte, brüllte etwas von „Subjekt“, von „Abschaum“ und ähnliches.

Thomas war wie die anderen peinlich berührt. Nur der, um den sich das Ganze drehte, Deland, blieb scheinbar unbeteiligt. Er schaute an Kramer vorbei, starr, ließ die Tirade auf sich herniederprasseln.

Als Kramer die Luft ausgegangen war, er keine weiteren Anwürfe fand und sich fluchtartig, überstürzt, wie er gekommen war, mit den Worten: „Falls ähnliches sich wiederholt, werde ich andere Maßnahmen einleiten“, zurückzog, schlenderte Deland auf den Tisch zu, auf dem Monig seine Unterlagen ausgebreitet hatte, ließ sich leger auf einen Stuhl fallen und wartete offenbar die Weisungen ab.

Thomas beobachtete ihn noch einen Augenblick von der Seite und glaubte feststellen zu können, dass unter der starren Maske die schweren Vorwürfe Kramers doch Regungen hervorgerufen hatten. Er glaubte es Delands Gesicht anzumerken, in dem die Kaumuskeln verborgen zitterten, wohl ein Zeichen, dass die Zähne fest aufeinanderbissen.

Es war Thomas peinlich, das Donnerwetter heraufbeschworen zu haben und jetzt mit Deland reden zu müssen. Aber in sein Bewusstsein drängte sich die Aufgabe, die Kurve, die er gedanklich schon abgesteckt hatte. Und dann Leute wie Deland und der blasse Student, ein Renitenter und ein Ahnungsloser - das kann heiter werden, dachte er.

Mit diesen Befürchtungen aber wuchs in Thomas gleichzeitig Neugierde. Wer ist Deland? Was ist das für einer, wie kommt er ausgerechnet in die Antarktis? - Zumal ihm bislang der Eindruck vermittelt wurde, die Möglichkeit, in der Antarktis zu praktizieren, sei eine Art Auszeichnung. - Wie kommt er, der als „Abschaum“ bezeichnet wird, nach TITANGORA? Das offenbar wiederholte disziplinwidrige Betragen Delands passte nicht in das Bild, das Monig sich von einem machte, der ausgezeichnet wurde.

Während Thomas die Aufgabe erläuterte, beobachtete er Deland. Thomas sprach leise, auch aus Furcht, die Fachkollegen im Büro könnten an seinen Darlegungen etwas Kritikwürdiges finden, zwang jedoch damit seine Helfer, ihm mit voller Aufmerksamkeit zu folgen.

Der Vorpraktikant tat es mit sichtlichem Eifer, stellte viele, mitunter gesuchte Fragen.

Anders Deland. Kein Anzeichen, dass er verstand, was Thomas sagte. Ihn zu examinieren scheute er sich, denn Deland war, so schätzte er, sicher fast ein Jahrzehnt älter als er.

Thomas wies besonders auf die Fehlermöglichkeiten während der Messung hin, versuchte demonstrativ darzulegen, was der Gehilfe nicht machen durfte. Das gleiche: Hier beinahe lästiger Übereifer des einen, dort aufreizender Gleichmut des anderen. Nur zum Schluss ließ sich Deland auf die Frage, ob alles klar sei, ein undeutliches o. k. abringen.

Gleich als die beiden das Büro verlassen hatten, ging Thomas ins Vorzimmer und erkundigte sich bei Nina: „Was ist das für einer, dieser Deland?“

Sie schaute hoch. „Na ja“, antwortete sie zögernd. „Er hat wohl eine leichte Störung im vegetativen Nervensystem, ist deshalb nicht schichttauglich und GEOMESS als Gehilfe zugeteilt worden. Er schlägt manchmal ein bisschen über die Stränge.“

„Aber das rechtfertigt doch Kramers Verhalten nicht“, warf Thomas ein.

„Die beiden können sich nicht riechen“, sagte Nina. „Wahrscheinlich befürchtet Kramer, dass sich Deland dir gegenüber renitent verhalten könnte. Und das würde ja kein besonderes Licht auf unsere Abteilung ...“, Nina lächelte, „und die Mitarbeiter werfen.“ Dann sah sie ihn ziemlich lange an. Sie zog die Mundwinkel - ein wenig verächtlich, wie es Thomas schien - nach unten. „Angst?“, fragte sie.

Thomas schüttelte den Kopf. „Nur verlassen möchte ich mich auf die Leute können. Wo kommt er denn her, der Deland? Ich denke, es sind nur Auserwählte hier?“

„Er gehört zu den Amerikanern“, sagte Nina. „Wir haben hier Leute einer Division, die sich freiwillig verpflichtet hat, als militärische Einheit drei Jahre in der Antarktis zu arbeiten. In der Zwischenzeit macht man sich Gedanken, diese Leute irgendwie einzugliedern. Einige werden sicher auch hier bleiben.“

„Na und?“, fragte Thomas geringschätzig, „kann man da nicht solche Leute, die nicht spuren, abschieben? Hier stören sie doch nur.“

Das hätte er wohl lieber nicht sagen sollen. Nina schaute ihn an, kalt. „Wohin schieben?“, fragte sie. „So einer geht woanders erst recht vor die Hunde. Seine Leute haben mit sich zu tun.“

Thomas biss sich auf die Unterlippe und sagte dann, sich ein Lächeln abquälend: „Ich werde schon auskommen mit ihm.“ Überzeugt davon war er nicht. Vor allem, wenn er an die Kurve dachte, war ihm gar nicht wohl, solch einen Mitarbeiter wie Deland zu haben.

Die Messung verlief besser, als Thomas es sich vorgestellt hatte. Deland arbeitete leger, aber nicht unwillig. Der Student sprang hin und her, versuchte den Arbeitsanweisungen zuvorzukommen. Oft musste Thomas seinen Eifer bremsen, oft ihm aber für beinahe Selbstverständliches Hinweise geben. Bei Deland war zu spüren, dass er schon öfter an derartigen Messungen teilgenommen hatte. Er reagierte gut auf Thomas’ Lichtsignale, wusste, worauf es ankam.

An den Krach der „Pferdchen“ hatten sie sich gewöhnt. Vor Ort arbeiteten sieben oder acht Leute. Pjotr, der immer noch Frühschicht hatte, unterstützte Thomas nach Kräften. Er hielt sogar seine Maschine an und meinte lachend, dass sein Soll bereits geschafft sei.

Während der Messung ergaben sich zwangsweise Pausen. Thomas sah den Kumpeln vor Ort ausgiebig zu. Bald hatte er ihre Arbeit begriffen: Wenn ein Block seine Reise angetreten hatte, wurden die Rahmen, auf denen die Laser umliefen, an den Ortsstoß gezogen, die Kabel neu verlegt, durch Schnellkopplungen verbunden. Eine leichte Arbeit. Während des Schneidens bestand ihre Tätigkeit hauptsächlich aus Kontrollen.

„Kommt rein!“, rief Pjotr vom Frühstücksraum her. „Die Pferdchen rasten jetzt unterwegs auch.“

Pjotr deutete, als Thomas an ihm vorbei in den Raum trat, mit dem Kopf auf Deland und die Männer, die um den Tisch herum saßen, und raunte ihm zu: „Von seiner Truppe.“ Thomas sah sie sich an, in ihren leichten, warmen, wasserdichten Arbeitskombinationen. Nicht einer von den sieben, der ihm unsympathisch gewesen wäre. Sie warfen die Overalls ab und holten sich aus dem Automaten ihr Frühstück.

Sie taten es ihnen gleich.

Thomas versuchte, so gut es ging, einiges von ihrer Unterhaltung mitzubekommen. Er hatte Mühe, die Pointen ihrer Neckereien und ihres Spöttelns zu begreifen. Sie lachten, aßen so, wie man eben unter Tage in provisorisch eingerichteten Frühstücksräumen isst.

Auch Deland war etwas aufgetaut. Aber Thomas hatte den Eindruck, als sondere er sich von seinen Kameraden ab. Er beteiligte sich kaum am Gespräch und lachte selten.

Draußen schrillte das Streckentelefon. Pjotr ging. Thomas nutzte die Gelegenheit und folgte ihm.

Pjotr bekam die Mitteilung, dass wegen einer Störung im Reaktor in wenigen Minuten der Arbeitsstrom abgeschaltet werde.

„Sag mal, Pjotr, kennst du den Deland?“, fragte Thomas.

„Nicht so richtig. Er war ein paar Schichten bei mir - als Hilfsmaschinist. In einer Nachtschicht hat er schlappgemacht. Danach bekam er bei euch den Schonplatz.“

„Das weiß ich“, sagte Thomas. „Ich meine - was ist er für ein Mensch?“