3 Top Sommer Thriller Juni 2018 - Alfred Bekker - ebook

3 Top Sommer Thriller Juni 2018 ebook

Alfred Bekker

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Opis

Krimis von Alfred Bekker, Holger Friedrichs, Wolf G. Rahn Dieses Buch enthält folgende Krimis: Alfred Bekker: Jesse Trevellian und der Polizistenmörder Horst Friedrichs: Mörderische Gang Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit Ohne es verhindern zu können, muss Mandy Munroe miterleben, wie ihr Bruder Ned auf offener Straße entführt wird. Ihr Vater Lawrence soll eine Viertelmillion Dollar für die Herausgabe seines Sohnes zahlen und die Polizei heraushalten. Mandy will einen Privatdetektiv beauftragen, aber Munroe traut den Schnüfflern nicht, was letztendlich beiden Kindern zum Verhängnis wird. Bei der Geldübergabe läuft etwas schief und Neds Leben ist keinen Pfifferling mehr wert. Daraufhin schaltet Mandy den New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger ein, damit er das Schlimmste verhindern kann – aber dafür ist es fast schon zu spät ...

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Alfred Bekker, Horst Friedrichs

3 Top Sommer Thriller Juni 2018

Cassiopeiapress Krimi Sammelband

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

3 Top Sommer Thriller Juni 2018

 

Krimis von Alfred Bekker, Holger Friedrichs, Wolf G. Rahn

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

 

Alfred Bekker: Jesse Trevellian und der Polizistenmörder

Horst Friedrichs: Mörderische Gang

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und der Wettlauf mit der Zeit

 

 

Ohne es verhindern zu können, muss Mandy Munroe miterleben, wie ihr Bruder Ned auf offener Straße entführt wird. Ihr Vater Lawrence soll eine Viertelmillion Dollar für die Herausgabe seines Sohnes zahlen und die Polizei heraushalten. Mandy will einen Privatdetektiv beauftragen, aber Munroe traut den Schnüfflern nicht, was letztendlich beiden Kindern zum Verhängnis wird. Bei der Geldübergabe läuft etwas schief und Neds Leben ist keinen Pfifferling mehr wert. Daraufhin schaltet Mandy den New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger ein, damit er das Schlimmste verhindern kann – aber dafür ist es fast schon zu spät ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Jesse Trevellian und der Polizistenmörder

Krimi von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Ein Police Lieutenant in Queens wird tot aus dem East River geborgen. Ermittler Jesse Trevellian und sein Kollege Milo Tucker ermitteln in diesem Fall. Die Kugeln, die ihren Kollegen niedergestreckt haben, stammen aus einer Waffe, die zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.Und dann wird plötzlich der nächste Polizist ermordet...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

Fredo’s Fish Bar in der 5th Street in Queens hatte 24 Stunden geöffnet. Man bekam dort die besten Fishburger des Big Apple. Lieutenant Brian O’Rourke, Detective bei der Homicide Squad, hatte eine anstrengende Nachtschicht hinter sich. Jetzt war es vier Uhr morgens und O’Rourke hatte den toten Punkt längst überwunden.

Er bestellte einen Kaffee, zwei Fishburger und eine Portion Chips. O’Rourke trank als Erstes den halben Kaffeebecher leer.

Sein Handy klingelte. O’Rourke nahm den Apparat ans Ohr.

„Was gibt es?“

„Hier spricht Harry Gonzales.“

„Verdammt, wo bleiben Sie?“

„Ich werde nicht zu Ihnen hereinkommen.“

„Was soll das Theater?“

„Kommen Sie raus an die Pier.“

2

O’Rourke blickte auf die Fishburger, verschlang einen davon mit ein paar Bissen und trank den Kaffee aus. Die Chips ließ er liegen. Er hatte sie probiert und festgestellt, dass sie ihm nicht knusprig genug waren.

Wenig später ging er in die Nacht hinaus. Das Kreischen der Möwen mischte sich mit dem Verkehrslärm des Big Apple.

Der East River wirkte wie ein breites, lichtloses Band. Dahinter waren die Lichter Manhattans. Es war eine klare Nacht. Das Hauptquartier der Vereinten Nationen war deutlich zu sehen.

Mitten im Wasser ragte der Delacorte Geyser empor, ein Leuchtturm am südlichen Ende der Franklin D. Roosevelt Island.

O’Rourke schlang auch den zweiten Fishburger herunter und wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab. Dann überprüfte er kurz den Sitz seiner Waffe. Sie steckte in seinem Schulterholster. Darüber trug er einen dunklen Blouson. Die Jacke war weit geschnitten, sodass sich die Waffe nicht abzeichnete.

O’Rourke ging auf die Pier zu, die ganz in der Nähe ein Stück in den East River hineinragte.

Ein dunkler Schatten hob sich gegen das Lichtermeer von Manhattan ab. O’Rourke zögerte einen Moment, dann betrat er die Pier. Von der Gestalt am Ende war nichts Näheres zu erkennen.

Das muss er sein!, dachte O’Rourke. Er sah auf die Uhr. Vier Uhr und zehn Minuten.

Die Gestalt bewegte sich nun und kam O’Rourke entgegen.

In einer Entfernung von ein paar Schritten blieb er stehen. Das Licht einer Laterne fiel auf seinen Körper vom Hals abwärts. Das Gesicht blieb im Dunkeln.

Die rechte Hand war tief in seiner Manteltasche vergraben.

„Lieutenant O’Rourke?“

„Ja?“

Der Mann zog eine Waffe mit Schalldämpfer unter seinem Mantel hervor. Der Strahl eines Laserpointers tanzte durch die Nacht. Der Schuss war kaum zu hören. Zweimal blitzte das Mündungsfeuer auf.

Die erste Kugel traf Lieutenant O’Rourke in die Brust und riss ein Loch in den Stoff seines Blousons. Die zweite Kugel traf ihn dicht darüber.

Das graue Kevlar einer kugelsicheren Weste kam darunter zum Vorschein.

O’Rourke taumelte zu Boden. Er griff unter den Blouson, um seine Dienstwaffe zu ziehen.

Erneut blitzte die Schalldämpferpistole in der Hand des Killers auf. Fünf Schüsse in rascher Folge ließen den Körper des Lieutenants zucken. Ein Schuss traf den Kopf, noch ehe er seine eigene Waffe abdrücken konnte.

Regungslos lag er in seiner Blutlache.

Der Killer trat aus dem Schatten.

Mit dem Fuß stieß er den regungslos daliegenden Körper an. Er steckte seine Waffe ein. O’Rourkes Pistole nahm er vom Boden auf und warf sie im hohen Bogen in den East River. Anschließend bückte er sich und packte die Leiche bei den Schultern. Dann schleifte er den Toten zur Kaimauer und ließ ihn ins Wasser rutschen. Der Killer atmete tief durch. Er streifte die Latexhandschuhe ab, mit denen er seine Hände vor Schmauchspuren geschützt hatte und warf sie hinterher.

3

Dr. Brent Claus führte uns in die Leichenhalle des gerichtsmedizinischen Instituts der Scientific Research Division. Dieser zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten hatte seine Labors in der Bronx.

Dr. Claus öffnete eins der Kühlfächer. Anschließend zog er das weiße Laken, das den Toten bedeckte, so weit zur Seite, dass man das Gesicht sehen konnte.

Es war bleich und aufgedunsen. Auf der Stirn war die Eintrittswunde eines Projektils zu sehen. Anhand der Fotos, die mein Kollege Milo Tucker und ich zuvor in unserem Field Office zu Gesicht bekommen hatten, hätte ich ihn nicht wieder erkennen können.

„Dies ist Lieutenant Brian O’Rourke von der Homicide Squad I des 54. Revier der City Police in Queens. Dass er etwas anders aussieht als auf den offiziellen Fotos in seiner Dienstakte, liegt einfach daran, dass er eine ganze Weile im Wasser gelegen hat. Captain Del Mar, sein Chief bei der Homicide Squad hätte ihn auch nicht wiedererkannt, obwohl er tagtäglich mit ihm zu tun hatte.“

„Was können Sie uns darüber sagen, was geschehen ist?“, fragte Milo.

„O’Rourke wurde von mehreren Kugeln getroffen. Er trug eine Kevlar-Weste, die einige davon auffing. Die Hämatome am Oberkörper sind deutlich zu sehen.“ Dr. Claus zog das Laken noch ein Stück zurück. Die Blutergüsse befanden sich in Herznähe und inzwischen so groß wie Untertassen. „Der Treffer in den Hals ging glatt durch. Dasselbe gilt für einen Streifschuss an der Schulter. Mindestens diese beiden Projektile müssten sich noch am Tatort befinden.“

„Bislang wissen wir noch nicht, wo der sein könnte, aber vielleicht sind Ihre Untersuchungsergebnisse das entscheidende Mosaikstein, das uns weiterhilft!“, sagte ich.

„Der tödliche Schuss ging in den Kopf, durchdrang mitten auf der Stirn die Schädeldecke und blieb an der Halswirbelsäule stecken.“

„Also wurde der Schuss von schräg oben geführt“, schloss ich.

„Ja“, nickte Dr. Claus. „Ich könnte mir vorstellen, dass Lieutenant O’Rourke durch die Wucht der Treffer, die von der Kevlar-Weste aufgehalten wurden, zu Boden taumelte, während der Killer weiter auf sein Opfer geschossen hat. Als der Kopftreffer ihn erwischte, muss er sich gekrümmt haben. Der ballistische Bericht liegt ja bereits vor und danach sind die Kugeln aus einer Entfernung von mindestens fünf Metern abgefeuert worden. Aber ich nehme an, Sie haben den Bericht bereits gelesen.“

„Er ist ein Grund dafür, dass wir den Fall übernehmen“, erklärte ich. „Der Abgleich des untersuchten Projektils hat nämlich ergeben, dass die verwendete Waffe zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.“

Dr. Claus zuckte die Schultern. „Die Kollegen von der Ballistik waren diesmal deutlich schneller als ich. Aber ich konnte ihnen leider auch nur ein einziges Projektil bieten – nämlich jenes, das in der Halswirbelsäule stecken geblieben ist. Sie können also von Glück sagen, dass der Täter zufällig aus diesem Winkel getroffen hat, sonst wäre die Kugel durch die hintere Schädelwand wieder ausgetreten und Sie könnten jetzt in der ganzen Stadt nach ein paar Kugeln suchen, an der vielleicht noch etwas DNA-testfähige Hirnmasse haftet.“ Dr. Claus deutete auf den Oberkörper. „Die Projektile, die von der Kevlar-Weste aufgefangen wurden, liegen wahrscheinlich auf dem Grund der Upper Bay. Das stundenlange Wasserbad, dem die Leiche ausgesetzt war, muss sie weggespült haben.“

Ich deutete auf die Achseln des Toten, um die herum dunkle Stellen zu sehen waren.

„Druckstellen eines zu eng geschnallten Schulterholsters und – Schleifspuren. Der Täter muss den Toten unter den Achseln angefasst und weggeschleift haben.“

„Dann war es nur eine Person“, schloss ich.

Dr. Claus nickte. „Sagen wir so: Es hat nur einer mit angepackt.“

„Gibt es Spuren, die darauf hindeuten, dass der Tote in einem Kofferraum transportiert wurde?“

„Nein. Wahrscheinlich geschah der Mord in der Nähe des Wassers. Der Täter musste ihn nur ein paar Meter weiter schleifen und hineinwerfen.“

„Wann war der Todeszeitpunkt?“

„Lieutenant O’Rourkes Leiche wurde gestern Mittag am Ufer des East River Parks angespült. Ich denke, dass der Tote mindestens sechs Stunden im Wasser war. Also würde ich schätzen, dass Lieutenant O’Rourke gestern zwischen drei und fünf in der Früh starb. Aber Sie bekommen natürlich noch meinen ausformulierten Bericht, wo Sie das alles nachlesen können.“

„Erst mal danken wir Ihnen, Dr. Claus“, sagte ich.

Der Gerichtsmediziner schob den Toten zurück in seine vorläufige Ruhestätte, nachdem er das Tuch wieder über sein Gesicht gebreitet hatte.

4

Von der Bronx aus machten wir uns zum 54. Revier in Queens auf. Dort waren wir mit Captain Nelson Del Mar, dem Leiter der Homicide Squad I sowie Captain Lucius J. Lantanaglia, dem Chief des Reviers verabredet.

Inzwischen lief die Suche nach dem möglichen Tatort längst auf Hochtouren. Die Hafenpolizei war alarmiert worden. Außerdem sollten sowohl Kollegen des FBI Field Office New York als auch der City Police sich in der Nähe der Piers umhören, ob jemand dort Lieutenant O’Rourke in der Nacht seines Todes gesehen hatte.

Wir fuhren über die Interstate 278 nach Queens und erreichten schließlich das Revier in dem O’Rourke zuletzt seinen Dienst verrichtet hatte.

Chief Lantanaglia empfing uns in seinem Büro. „Captain Del Mar ist noch nicht hier. Er wurde zwischenzeitlich zu einem Tatort gerufen, aber ich nehme an, dass Sie mit sprechen können, sobald wir hier fertig sind.“

„In Ordnung“, sagte ich. „Erzählen Sie uns am besten alles, was Ihnen zu O’Rourke einfällt. Wir stehen ganz am Anfang unserer Ermittlungen. Alles, was wir wissen ist, dass er in Ufernähe erschossen wurde, eine Kevlar-Weste trug und die Kugel, die ihn tötete, aus einer Waffe stammt, die bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet wurde.“

„Und das ‚Abraxas’ steht unter Kontrolle von Benny Vargas, einem der aufstrebenden Syndikatsbosse in der Bronx“, ergänzte Chief Lantanaglia. Er hatte sich offenbar gut informiert.

„Die genauen Hintergründe der Tat konnten nie wirklich aufgeklärt werden“, fuhr ich fort. „Tatsache ist, dass es damals fünf Tote und mehrere Schwerverletzte gab, darunter auch der Anführer einer Drogengang.“

„Sieht ganz nach geschäftlichen Differenzen aus, wenn man das so bezeichnen will“, sagte Chief Lantanaglia. „Aber was O’Rourke angeht, könnte es da noch eine alte Rechnung geben. Er war schließlich erst seit ein paar Monaten hier bei uns im Revier. Vorher gehörte er zu Drogenabteilung eines Reviers in der Bronx.“

„Bei uns sind die Akten noch nicht angekommen“, gab ich Auskunft. „Ich kenne nur die Kurzfassung, die uns Mister McKee gegeben hat.“

„Die Sache ist ganz einfach: O’Rourke wurde verdächtigt, kleine Drogendealer und Mitglieder von Gangs erpresst zu haben, indem er ihnen Drogen unterschob und Beweismittel manipulierte. Es lief ein Verfahren der Abteilung für Inneres gegen ihn. Dieses Verfahren ist inzwischen eingestellt worden, aber man hielt es für besser, O’Rourke trotzdem in ein anderes Revier zu versetzen.“

„Und in eine andere Abteilung!“, ergänzte ich.

„Ja, er sollte nichts mehr mit Drogen zu tun gaben.“

„Dann war seine Weste vielleicht doch nicht so rein, wie das eingestellte Verfahren vermuten lässt?“, fragte ich.

Lantanaglia zuckte die Schultern. „Jemand, der in der Drogenfahndung arbeitet, vollführt täglich einen Tanz auf der Rasierklinge. Man sieht wie die Dealer mit Millionen jonglieren und der Cop denkt an die Hypotheken für sein Haus und daran, dass sein Wagen noch nicht abgezahlt ist und sich seine Kinder beklagen, dass schon im zweiten Jahr nacheinander keine Urlaubsreise drinsitzt, während der Drogenboss mit dem Privatjet mal kurz nach Miami Beach hinüber fliegen kann. Da braucht man schon einen stabilen Charakter, um auf der richtigen Seite zu bleiben.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wem sagen Sie das!“

„Glauben Sie, O’Rourke besaß nicht den nötigen Charakter?“, mischte sich Milo ein.

„Wie gesagt – die Untersuchung konnte den Verdacht gegen ihn nicht erhärten.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Lantanaglia lächelte dünn. „Ja, Sie haben Recht. Aber wer von uns kann schon in den Schädel eines Kollegen hineinschauen?“ Lantanaglia machte eine kurze Pause, erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl und füllte seinen Kaffeebecher wieder auf. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, sagte er schließlich: „Ich will ehrlich sein. Am Anfang war ich sehr skeptisch, was O’Rourke anging. Dafür kann ich Ihnen noch nicht einmal einen greifbaren Grund angeben. Es war einfach mein Bauchgefühl – und in all den Jahren, in denen ich als Cop hier in Queens meinen Mann stehe, habe ich gelernt, dass es einem das Leben retten kann, wenn man sich auf dieses Gefühl verlässt. Aber was O’Rourke angeht, hat mich mein Instinkt wohl getrogen. Jedenfalls gab es keinen Ärger, so lange er hier war und soweit ich das beurteilen kann, hat er gute Arbeit geleistet.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit“, sagte ich.

Lantanaglia nickte. „Vielleicht kann Ihnen Captain Del Mar etwa mehr dazu sagen, schließlich arbeitete er mit O’Rourke direkt zusammen.“

5

Captain Del Mar ließ auf sich warten, so aßen wir eine Pizza, die vom Express Service für das ganze Revier geliefert wurde. Captain Del Mar, der Leiter der Homicide Squad I traf schließlich doch noch ein. Er bat uns in sein Büro.

„Tut mir Leid, dass es etwas später geworden ist, aber ich war bei einem Tatort und bin auf dem Rückweg leider in einen Stau geraten.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte ich.

„Sie sind Trevellian und Tucker, nicht wahr?“

„Ja – und wir suchen zurzeit den Mörder Ihres Kollegen Lieutenant Brian O’Rourke“, bestätigte Milo.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, weshalb der Fall nicht in unserer Zuständigkeit geblieben ist!“

„Weil die Tatwaffe im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität benutzt wurde“, gab ich Auskunft.

Del Mar zuckte mit den Schultern. „Meiner Ansicht nach sagt das nicht viel aus. Diese Waffen gehen doch von Hand zu Hand. Andererseits könnte da natürlich ein Zusammenhang bestehen. Über O’Rourkes Vergangenheit in der Drogenabteilung des 87.Reviers in der Bronx wissen Sie ja sicher inzwischen Bescheid oder?“

„In Ansätzen. Es gab da wohl mal einen Verdacht gegen O’Rourke, wonach er Verdächtige erpresst haben soll.“

„Deswegen war er auf unserem Revier. Die Sache ist niedergeschlagen worden, es kam nicht einmal zu einer offiziellen Anklage. Aber wie heißt es so schön? Es bleibt immer etwas hängen. Ganz besonders, wenn es um einen Cop geht. Der kleinste Flecken auf der weißen Weste kann schon dazu führen, dass man wie ein Paria behandelt und bei Beförderungen übergangen wird.“ Del Mar zuckte die Schultern. „So ist das nun einmal und bevor man sich auf das Spiel einlässt, informiert man sich am besten über die Regeln und akzeptiert sie.“

„Wollen Sie damit sagen, dass O’Rourke etwas angehängt wurde?“

„Mir gegenüber hat er in diese Richtung ein paar Andeutungen gemacht. Ist doch klar, wenn ich ein Drogenhändler wäre und hätte mit einem Cop eine Rechnung offen, kann ich ihm doch am besten schaden, in dem ich seine Gesetzestreue in Frage stelle!“

„Aber wenn das wirklich so gewesen ist, dann hatten diese Leute doch ihr Ziel erreicht. O’Rourke war kalt gestellt. Wozu ihn noch ermorden?“

„Das würde ich auch gerne wissen.“

„Was wissen Sie über O’Rourkes Privatleben?“, fragte Milo.

„Ehrlich gesagt, war er ein ausgeprägter Einzelgänger. Ihm fehlte der Teamgeist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn die Beamten einer Schicht zum Bowling gingen, fuhr er nach Hause, oben in Riverdale. Er hat mal erwähnt, dass er dort ein Haus hat. Und ich nehme an, dass er gar nicht daran dachte, hier in die Gegend zu ziehen. Vielleicht nahm er auch an, dass die Versetzung irgendwann zurück genommen werden würde.“

„Wie waren die Chancen dafür denn?“

„Gar nicht so schlecht. Wahrscheinlich hätte er hier noch ein halbes Jahr abreißen müssen und wäre dann wieder zurück in sein altes Revier gekommen, falls nicht zwischenzeitlich doch noch Beweise aufgetaucht wären, dass er irgendwie Dreck am Stecken hatte. Aber dafür gab es keine Hinweise.“

„Wir brauchen die Anruflisten seines Telefons hier im Revier“, sagte ich.

„Die können Sie haben“, versprach Captain Nelson Del Mar.

„Zeigen Sie uns bitte noch seinen Schreibtisch.“

„Ich führe Sie hin.“

„An was für einem Fall arbeitete er im Moment?“

„Denken Sie, dass seine Ermordung damit zusammenhängt?“

„Wir müssen allen Spuren nachgehen, Captain.“

„In der Crescent Street wurde eine Rentnerin von ein paar Jugendlichen ausgeraubt und niedergestochen. Sie ist an den Folgen der Verletzungen gestorben. O’Rourke bearbeitet den Fall zusammen mit Lieutenant Tomasino und Lieutenant Wolfe, die Sie beide gerne dazu befragen können.“

Del Mar führte uns zu O’Rourkes Schreibtisch. Das Dienstzimmer teilte er sich mit den Lieutenants Wolfe und Tomasino. Die beiden berichteten uns von dem Fall, an dem sie mit O’Rourke zuletzt gearbeitet hatten. Es schien sich um Routineermittlungen zu handeln.

„Er hat ziemlich viel mit seiner neuen Flamme telefoniert“, berichtete uns Lieutenant Tomasino noch.

„Wissen Sie, wer das war?“, hakte ich nach.

„Sie heißt Christine. Den Nachnamen kenne ich nicht, aber ich nehme an, dass sie die Telefonlisten überprüfen und anhand der Daten werden Sie das leicht herausfinden.“

6

Wir waren gerade in den Sportwagen eingestiegen, als uns ein Anruf aus dem Field Office erreichte. Mr Jonathan D. McKee, der Chef des New Yorker FBI, war am Apparat.

„Es hat sich jemand gemeldet, der O’Rourke in der Nacht seines Todes gesehen haben will“, berichtete uns Mr McKee. O’Rourkes Bild war mit der Frage an die Bevölkerung über die Medien verbreitet worden, wer den Lieutenant der Homicide Squad in der Mordnacht gesehen hatte, um auf diese Weise nach und nach rekonstruieren zu können, was sich vor der Tat ereignet hatte. Vor allem ging es uns natürlich um den Tatort, denn dort waren möglicherweise noch Spuren zu finden. „Der Mann heißt Jamie Fredo und betreibt eine 24-Stunden-Snack Bar mit Fischgerichten. Der Laden liegt an der 5th Street in Queens, das dürfte nicht allzu weit von Ihrer gegenwärtigen Position entfernt sein.“

„Wir sind schon so gut wie dort“, versprach ich. Von O’Rourkes Revier aus waren das maximal zehn Minuten.

7

Als wir Fredo’s Fish Bar in der 5th Street erreichten, waren dort bereits zwei Einsatzfahrzeuge des NYPD.

Wir stiegen aus. Möwen kreischten. Man hatte einen direkten Blick auf den East River und Franklin D. Roosevelt Island. Die lang gezogene Insel teilte den East River zwischen dem UNO-Hauptquartier und dem Carl Schurz Park in West Channel und East Channel. Etwas weiter südlich lag Belmont Island, eine unbewohnte Insel, auf der sich, abgesehen von einem Leuchtturm, keine Gebäude befanden.

Eine Pier ragte etwa hundert Meter weit ins Wasser hinein. Ein Frachter lag dort vor Anker.

Mehrere uniformierte Kollegen der City Police sahen sich dort bereits um.

Wir betraten Fredo’s Fish Bar.

Es herrschte kaum Betrieb.

Eine junge Polizistin saß zusammen mit einem Mann mit weißer Schürze und Matrosenmütze an einem der Tische. Wir traten hinzu.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker“, stellte ich uns vor.

„Sergeant Rebecca DeHunt“, nannte die junge Polizistin ihren Namen. „Mister Fredo hat uns angerufen und wir haben gleich Ihr Field Office verständigt.“

„Danke.“ Wir setzten uns dazu. „Sie haben Lieutenant O’Rourke wiedererkannt“, wandte ich mich an Jamie Fredo.

Der Besitzer von Fredo’s Fish Bar nickte. „Ja. Er aß regelmäßig hier. Fast täglich. Die Uhrzeit war wochenweise verschieden. Ich nehme an, dass er immer nach seiner Schicht hier vorbei kam. Zwei Fishburger und eine Tasse Kaffee, dazu Chips. Das war seine Standard-Bestellung.“ Jamie Fredo atmete tief und fuhr schließlich fort: „Sein Bild wurde im Lokalfernsehen gebracht. Ich habe ihn gleich wiedererkannt.“

„Schildern Sie uns, was geschehen ist.“

„Es war ungefähr vier Uhr morgens. Er saß am letzten Tisch dort hinten, in der Ecke. Dort ist er immer hingegangen. Er gähnte dauernd, weil er wohl eine Nachtschicht hinter sich hatte. Er hat seine Bestellung aufgeben, angefangen zu essen und wurde dann über das Handy angerufen.“

„Konnten Sie etwas verstehen?“

„Ja, er war der einzige Gast um die Zeit und ich habe mitbekommen, dass sich mit dem Typ am anderen Ende der Leitung verabredet hatte. Er war etwas ungehalten darüber, dass der Kerl noch nicht da war. Vielleicht sollte er auch in der Fish Bar auf ihn warten.“

„Woraus schließen Sie, dass es ein Mann war?“

Jamie Fredo zuckte mit den breiten Schultern und hob die Augenbrauen. „Also, wenn Sie mich so fragen…“

„Ja?“

„Ich habe das einfach nur angenommen. Jedenfalls verließ er kurz nach dem Anruf das Lokal und verschwand draußen in der Dunkelheit.“

„Sie haben nichts mehr gesehen oder gehört?“

„Nein. Wenn es dunkel ist, spiegeln die Scheiben. Man sieht fast nichts.“

„Wir danken sehr für Ihre Auskünfte“, mischte sich Milo ein.

Jamie Fredo schluckte. „Hoffentlich konnte ich Ihnen weiterhelfen. Ich verliere ungern Stammkunden auf diese Weise. Dass er ein Cop war, habe ich übrigens erst in den Nachrichten gehört.“

„Meine Kollegen suchen die Umgebung nach Hinweisen ab“, sagte Sergeant DeHunt.

„Ich hoffe, sie finden etwas“, antwortete ich. „Wenn man den Tatort nicht kennt, stochert man mit seinen Ermittlungen ziemlich im Nebel herum.“

Wir erhoben uns. Ich wandte mich noch einmal an Jamie Fredo, der ziemlich nervös wirkte und sich die schwitzigen Hände an seiner Schürze abwischte. „Eine Frage noch…“

„Ja, Sir?“

„Sie meinten, dass er jemanden hier erwartet hat.“

„Genau.“

„Hat er sich zuvor mal mit jemandem hier getroffen oder war er immer allein, wenn er seine Fishburger aß?“

„Er war eigentlich immer allein. Zumindest, wenn ich dabei war, aber ich muss gestehen, dass zwar meine Fish Bar 24 Stunden geöffnet hat, aber ich nicht rund um die Uhr hinter dem Tresen stehen kann.“

„Könnten wir Ihre Angestellten dazu befragen?“

„Sicher.“

Es stellte sich heraus, dass Jamie Fredo insgesamt fünf feste Angestellte hatte, dazu drei Aushilfskräfte, die stundenweise engagiert wurden. Von den fest angestellten fehlte eine und von den Aushilfskräften zwei Personen, deren Arbeitszeiten in der Fish Bar erst später begannen.

Eine als Aushilfskraft angestellte junge Frau namens Jessica Liao wollte gesehen haben, dass sich O’Rourke einmal mit einem Mann um die dreißig und einmal mit einer Blondine getroffen hatte. Die Blondine war auch noch einem anderen Angestellten aufgefallen, der Mann hingegen nicht.

„Der Mann, mit dem er sich traf, war ziemlich groß, schlaksig und hatte gelocktes, dunkles Haar“, berichtete uns Jessica Liao. „Er wurde wohl eingeladen. Jedenfalls ist er mir schon deswegen in Erinnerung geblieben, weil er vier Fishburger geschafft hat.“

„Haben Sie einen Namen oder irgendetwas von dem Gespräch der beiden mitbekommen?“, fragte ich.

Jessica Liao schüttelte den Kopf und strich eine Strähne ihrer schulterlangen, blauschwarzen Haare aus Gesicht. „Nein, tut mir leid. Aber es gab Streit zwischen den beiden, woraufhin der Mann mit dem gelockten Haar wutentbrannt hinausgelaufen ist. Er hätte mich fast umgerannt. Ach, übrigens, er trug ein Goldkettchen mit einem Kreuz auf der Brust.“

„Bis wann sind Sie hier in der Fish Bar?“

„Heute bis fünf Uhr am Nachmittag.“

„Dann wird vorher noch einer unserer Kollegen hier vorbeikommen und mit Ihnen zusammen ein Phantombild anfertigen. Er heißt Agent Prewitt.“

„Glauben Sie, dass dieser Lockenkopf den Mann umgebracht hat?“

„Er ist bislang nur ein Zeuge. Jeder, der in den letzten Tagen und Wochen mit ihm zu tun hatte, kann uns vielleicht wertvolle Informationen darüber geben, wer einen Grund gehabt haben könnte, O’Rourke umzubringen.“

„Und was können Sie uns über die Frau sagen?“, fragte Milo.

„Ich glaube, die beiden hatten was miteinander – so wie die sich angesehen haben“, lautete die Meinung von Jessica Liao. „Ihr Blond war nicht echt, die Brüste auch nicht und ich nehme an, sie hat sich auch die Lippen machen lassen. Ich frage mich, was sie mit ihrem Körper angestellt hat, dass Sie das in dem Alter schon nötig hatte!“

„Wie alt würden Sie sie schätzen?“

„Mitte zwanzig. Sie war so groß wie ich, also unter 1,70 m. Unter ihrem Mantel trug sie ein ziemlich edles, aber knappes Kleid. Irgendwie passte sie überhaupt nicht hier her. Dementsprechend war auch ihr Appetit. Sie hat eine Tasse Kaffee genommen, aber der war ihr wohl auch nicht recht. Jedenfalls hat sie ihn stehen lassen. Ach ja, am Arm, da trug sie ein Armband, das mir sofort aufgefallen ist.“

„So?“

„Es war geformt wie zwei kleine Schlangen, die sich um das Handgelenk winden. Sah schon aus wie was ganz Besonderes.“

„Agent Prewitt wird auch von ihr ein Bild anfertigen“, kündigte ich ihr an.

Über Funk meldete sich einer der NYPD-Cops vom Pier bei Sergeant Rebecca DeHunt.

8

Milo und ich gingen ins Freie. Zusammen mit Sergeant DeHunt liefen wir zur Pier. Auf der linken Seite passierten wir dabei ein kleines Lagerhaus und erreichten schließlich ganz am Ende des Piers die uniformierten Kollegen, die dort den Boden absuchten.

Einer von ihnen stellte sich mir als Sergeant Ernest Gollito vor und deutete auf einen dunklen Fleck auf dem Boden. „Das könnte Blut sein“, meinte er. „Genau kann man das natürlich nur sagen, wenn man einen Hämoglobin-Schnelltest oder Luminol zur Hand hat – in dem eingetrockneten Zustand. Aber fürs Erste können Sie meiner Erfahrung als Cop trauen – das hier ist meiner Meinung nach Blut.“ Er deutete zur Kaimauer, wo sich zwei weitere Kollegen auf dem Boden umsahen.

„Ich rufe unsere Spurensicherer an“, kündigte Milo an.

Sergeant Gollito deutete in Richtung seiner Kollegen. „Dort an der Mauer gibt es noch weitere Blutspuren.“

„Das könnte passen“, stellte ich fest. „O’Rourke wurde hier erschossen und dann zum Wasser geschleift! Dann fehlen uns eigentlich nur noch die Projektile.“

„Da sehe ich wenig Hoffnung“, meinte Gollito. „Wahrscheinlich sind die ins Wasser gefallen.“

9

Zur gleichen Zeit erreichten unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina O’Rourkes Eigenheim in Riverdale, Bronx. O’Rourke hatte sich einen schmucken Bungalow in der Jesper Street gekauft, einer breiten Allee mit Häusern, die der oberen Mittelklasse entsprachen.

Unsere Kollegen parkten ihren Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft am Straßenrand, gingen durch die offene Hofeinfahrt zur Garage und standen schließlich vor der Haustür.

Ein Team der Scientific Research Division war ebenso auf dem Weg hier her wie FBI-Agenten Fred LaRocca und Josy O'Leary, deren Aufgabe es sein würde, Clive und Orry bei der Hausdurchsuchung zu helfen.

Clive und Orry stutzten.

Das Haus war ziemlich bald, nachdem man O’Rourke am Ufer des East River Parks an Land geholt und identifiziert hatte, von Kollegen der City Police versiegelt worden.

Aber das Sigel war gebrochen.

Clive griff nach seiner Dienstwaffe. Orry folgte seinem Beispiel.

„Hier war offenbar jemand schneller als wir!“

„O’Rourke war unverheiratet und lebte allein. Eigentlich dürfte niemand hier gewesen sein!“

Clive holte den Schlüsselbund hervor, der mit einem Karabinerhaken an O’Rourkes Gürtel befestigt gewesen war. Er war zusammen mit dem Teil, der bei der Leiche gefundenen persönlichen Habe, der nicht mehr im Labor untersucht zu werden brauchte, am Morgen per Kurier ins FBI Field Office gesandt worden.

Clive öffnete die Tür.

Geräusche waren zu hören.

Orry ging mit der Waffe in der Hand voran, durchschritt beinahe lautlos den Empfangsraum und erreichte schließlich die halb geöffnete Tür zum Wohnzimmer. Clive folgte.

Mit einem Tritt öffnete Orry die Wohnzimmertür.

„Waffe weg! FBI!“, rief er.

Ein durchdringender Schrei ertönte.

Eine junge Frau stand mitten im Raum. Sie war blond, trug Jeans, T-Shirt und einen Blouson.

Das einzig auffällige an ihrem Outfit war das Armband mit den zwei das Handgelenk umschmeichelnden Schlangen.

Sie stand wie erstarrt da, in der Rechten hielt sie einen 22er Revolver und richtete ihn auf Orry.

„Die Waffe weg!“, wiederholte unser indianischer Kollege.

Sie schluckte und zitterte. Auf ihrer Stirn perlte der Angstschweiß.

„Okay!“, flüsterte sie schließlich. „Ich gebe auf! Wer immer Sie auch sind, tun Sie mir nichts!“

„Wir sagten, wer wir sind!“, hielt Clive ihr entgegen. Der flachsblonde Italoamerikaner machte ein paar schnelle Schritte nach vorn, nahm ihr die Waffe aus der Hand und legte ihr anschließend Handschellen an.

Sie setzte sich auf die Couch.

„Ich bin Agent Dillagio und dies ist mein Kollege Agent Medina. Wir kommen vom FBI Field Office New York und untersuchen den Tod von Police Lieutenant Brian O’Rourke. Und jetzt möchte ich gerne wissen, wer Sie sind!“

„Christine Vistano“, sagte sie.

„Und was tun Sie in Brian O’Rourkes Wohnung?“, fragte Clive.

„Brian und ich waren seit einiger Zeit ein Paar“, erklärte Christine Vistano. „Wenn Sie mal in meiner Jacke nachsehen, dann werden Sie feststellen, dass ich einen Wohnungsschlüssel besitze - so wie sich umgekehrt auch an Brians Schlüsselbund ein Schlüssel zu meiner Wohnung finden müsste.“

„Angenommen, es stimmt, was Sie sagen...“

„In seiner Brieftasche trug er ein Foto von mir mit sich herum. Brian war eben ein Romantiker.“

„Das können wir leider nicht mehr überprüfen“, bedauerte Clive. „Brian O’Rourkes Brieftasche befindet sich nämlich sehr wahrscheinlich auf dem Grund des East River, falls sie ihm nicht von seinem Mörder entwendet wurde.“

„Ihre Beziehung erklärt aber noch nicht, weshalb Sie das Siegel der Polizei ignoriert haben“, mischte sich Orry ein. „Was wollten Sie in der Wohnung?“

„Also, ich will ehrlich sein.“

„Darum möchte ich doch gebeten haben“, erwiderte Clive.

Sie nickte und blickte zur Seite. Den direkten Augenkontakt mit einem der beiden G-men mied sie.

„Wir hatten uns gestritten. Ziemlich heftig sogar. Also habe ich mich zunächst auch nicht gewundert, dass Brian nicht bei mir anrief. In dieser Hinsicht war er ohnehin ziemlich unzuverlässig. Aber dann habe ich die Meldung im Radio gehört.“

„Unseres Wissens haben Sie sich aber nicht bei der Polizei gemeldet“, hielt Orry ihr entgegen.

„Ich wollte zuerst ein paar Privatsachen aus der Wohnung holen. Das ist der Grund dafür, dass ich hier bin.“

„Um ein Polizeisiegel zu brechen, ist das trotzdem eine ziemlich dünne Erklärung“, meinte Clive.

„Ach wirklich? Sie sehen ja, was jetzt passiert ist. Ich sitze in Handschellen hier. Eigentlich wollte ich in diese Sache nicht hineingezogen werden.“

„Nach der großen Liebe hört sich das mit Ihnen und O’Rourke ja nicht an“, entgegnete Orry. „Es scheint Ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, wer Ihren Freund umgebracht hat.“

Wenig später trafen Josy und Fred ein. Etwa zeitgleich war auch das Team der SRD am Tatort.

Josy führte eine gründliche Durchsuchung bei ihr durch.

Außerdem wurden Fingerabdrücke genommen.

Christine Vistano protestierte dagegen zwar ziemlich lautstark, aber zwecklos. Als die irischstämmige Agentin Josy O'Leary Christine gegenüber klarmachte, dass die erkennungsdienstliche Behandlung auch im Bundesgebäude an der Federal Plaza durchgeführt werden könnte, ließ sie ihren Protest verstummen.

„Juristisch gesehen war das, was Sie getan haben, ein Einbruch und ein bewaffneter Angriff auf zwei FBI-Agenten. Hinzu kommt noch ein Verstoß gegen das Waffengesetz“, erklärte Josy.

„Ich habe den 22er, um mich verteidigen zu können!“

„Die Gesetze sind für alle gleich und verbieten in New York das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit! Sie werden sich auf einigen Ärger einstellen müssen und kümmern sich am besten schon mal um einen Anwalt. Aber vielleicht unterstützen Sie uns ja auch noch ein bisschen bei der Suche nach dem Mörder des Mannes, den Sie als Freund bezeichnet haben.“

„Vielleicht werden Sie und Ihre Kollegen für diese unrechtmäßige Festnahme sich auch noch vor einem Richter verantworten müssen!“, fauchte sie.

„Es steht Ihnen jederzeit frei, sich zu beschweren oder rechtliche Schritte einzuleiten. Aber ich empfehle Ihnen dringend, sich vorher juristisch beraten zu lassen“, lautete Josys ausgesprochen kühle Erwiderung.

Fred LaRocca führte in einem Nebenraum mit seinem Laptop eine Online-Abfrage über das Datenverbundsystem NYSIS durch.

Clive Caravaggio sah ihm dabei über die Schulter.

Josy kam herein, ging zu den beiden Agenten hin und fragte: „Was machen wir jetzt mit ihr?“

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihr“, meinte Clive. „NYSIS zeigt uns mehrere Verurteilungen wegen Prostitution an. Einmal hat sie einen Freier ausgeraubt und dafür auch eine Weile auf Rikers Island gesessen…“

„Es könnte sein, dass Habgier bei diesem Einbruch das Motiv war“, glaubte Fred LaRocca.

„Aber ich habe nichts bei ihr gefunden, das darauf hindeutet“, wandte Josy ein.

„Dann sind wir ihr eben zuvor gekommen“, entgegnete Clive. „Sie kommt mit auf das Field Office. Die Waffe wird beschlagnahmt und ballistisch überprüft. Durch das, was wir bei ihr an Vorstrafen haben, ist ihre Version, wonach sie O’Rourkes liebende Gefährtin war, wohl ziemlich zweifelhaft.“

10

Die Maschinenpistole ratterte. Harry Gonzales hob die Hände. Die Schüsse zischten über ihn hinweg und stanzten Löcher in die Wand. Ein Muster, das Ähnlichkeit mit einer Sinuskurve hatte.

Der MPi-Schütze riss das Magazin aus der zierlichen Waffe vom israelischen Typ Uzi heraus, warf es zur Seite und steckte ein neues hinein.

Harry Gonzales zitterte vor Angst. Er musste die Kiefer fest aufeinander pressen, um nicht mit den Zähnen zu klappern, so schlimm war es. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Kalter Angstschweiß perlte ihm über die Stirn.

Der MPi-Schütze stellte sich breitbeinig auf. Er trug eine Military-Hose und eine Lederjacke. Darunter ein T-Shirt mit V-förmigen Ausschnitt. Unterhalb des Halsansatzes war eine Tätowierung zu sehen. Drei ineinander greifende Ringe.

Der Kerl trat näher. Die kurze Mündung der Uzi war auf Harry Gonzales’ Kopf gerichtet.

„Schrei ruhig. Hier wird dich niemand hören, Harry! Die Polizei traut sich in dieses Viertel ohnehin nur in Mannschaftsstärke – und hier hat sie schon gar nichts zu suchen.“ Der MPi-Schütze lachte rau.

Harry Gonzales war nur zu gut bewusst, wie Recht sein Gegenüber hatte. Man hatte ihn auf eine abgelegene Industriebrache gebracht. Dieses Lagerhaus rottete seit Jahren vor sich hin. Der Untergrund war mit Giftmüll verseucht, die Firma war Bankrott gegangen und jetzt stritt man sich vor Gerichten darüber, wer für die Schäden aufzukommen hatte. Ein Ort, an dem man wahrscheinlich sogar seine Leiche erst nach Wochen finden würde.

Wenn überhaupt.

Der MPi-Schütze beugte sich zu Gonzales herab.

„Wie nennt man mich, Harry? Cómo?“

„El Rey… den König.“

„Muy Bien – und seinen König verrät man doch nicht oder?“

„Ich habe es nicht freiwillig getan!“

„Du hast es getan! Und das ist das Einzige, was zählt.“

„Erschieß mich nicht!“

„Deinetwegen sitzt mein Bruder auf Rikers Island!“

„Bitte! Ich tu alles, was du willst, El Rey!“

El Rey lachte zynisch. „Keine Sorge, Harry. Ich werde dich noch nicht erschießen. So einen Wurm wie dich, der sich vor Angst in die Hosen macht und innerlich ohnehin schon tot ist, weil er sich dauernd an seinem eigenen Stoff vergreift! Du bist ein Stück Dreck, Harry! Aber das ist dir nicht klar. Keine Sorge, ich werde dir das schon richtig beibringen.“ El Rey wandte sich um und brüllte: „Dónde está la chica, muchachos?“

Schritte waren zu hören.

Zwei maskierte Männer brachten eine junge Frau in den Raum. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt, die Augen verbunden.

„Maria!“, stieß Harry hervor. „Was habt ihr mit meiner Schwester vor?“

El Rey stieß sie vorwärts. Sie taumelte Harry entgegen. Die Uzi knatterte los. El Rey hielt die Waffe hoch, sodass Schultern und Kopf der jungen Frau getroffen wurden. Ihr Körper zuckte unter den Treffern. Sie fiel Harry Gonzales entgegen und landete direkt auf ihm. Sie lebte schon nicht mehr. Überall war Blut. Harry Gonzales war vollkommen damit besudelt. Völlig fassungslos nahm er Maria in die Arme.

Ein dicker Kloß saß ihm im Hals.

Harry Gonzales konnte noch nicht einmal schreien.

„Warum sie?“, flüsterte Harry.

„Jetzt bist du dran, Harry!“

El Rey warf einem seiner Leute die Uzi zu. Der Maskierte fing sie sicher auf. Dann griff El Rey unter seine Jacke und holte eine Automatik vom Kaliber 45 hervor und setzte sie Harry Gonzales an den Kopf. „Weißt du, was mit dem Gehirn geschieht, wenn ich den Stecher durchziehe?“, fragte er mit breitem Grinsen. Gonzales schloss die Augen.

El Rey drückte ab.

Es machte nur klick.

„Gar nichts geschieht!“, lachte El Rey. „Ich werde dich nicht töten, Harry. Noch nicht. Erst sollst du noch leiden. Deine Strafe ist es, vorerst weiter zu leben. Weiter zu leben in dem Bewusstsein, dass du an all dem Schuld bist. Maria hätte nicht sterben müssen, wenn du uns nicht verraten hättest. Und wenn du zufällig in nächster Zeit mal wieder deine Eltern besuchen solltest… Na ja, vielleicht hat man sie auch schon gefunden!“

„Nein!“, brüllte Harry.

„Du bist schuld daran, Harry! Nur du ganz allein – so wie du auch schuld daran bist, dass mein Bruder und fast alle Führungskräfte der ‚Matadores de la Bronx’ verhaftet wurden!“

„Nein!“, schrie Harry Gonzales noch einmal.

„Aber irgendwann werde ich zuschlagen und auch dein Leben ausknipsen. Aber vorher wird dich die Schuld innerlich aufgefressen haben. Wenn ich dich töte, wirst du innerlich längst tot sein.“

„Hey, was ist mit Ihnen los?“, drang eine Stimme wie aus weiter Ferne in Harry Gonzales’ Bewusstsein. Hände fassten ihn bei den Schultern. „Soll ich einen Arzt holen?“

Erst jetzt begriff Harry Gonzales, dass es nur eine Erinnerung gewesen war, die ihn so sehr in Beschlag genommen hatte, dass er sie für real hielt. Ein Flashback. Er blickte auf seine Hände und starrte sie ungläubig an. Von Marias Blut war nirgends etwas zu sehen. Stattdessen sah er auf dem Grab, das sich vor ihm befand, Marias Namen. Ihren und die seiner Eltern. Die Erinnerungen drohten ihn wieder zu übermannen. Er sah sich erneut die Wohnung seiner Eltern betreten. Sah das Blut an den Wänden. Den Geruch…

„Hören Sie, Sie sehen wirklich so aus, als wäre Ihnen nicht gut. Soll ich nicht doch besser den Emergency Service rufen?“, fragte der stämmige, grauhaarige Mann mit den wachen, dunkelbraunen Augen. Auf seiner hohen Stirn hatte sich eine tiefe Furche gebildet.

Harry Gonzales wandte den Kopf.

In dieser Sekunde nahm er den Grauhaarigen zum ersten Mal bewusst wahr.

„Es geht schon“, behauptete Gonzales.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Der Grauhaarige zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen.“ Irritiert ging er davon und drehte sich nach ein paar Dutzend Yards noch einmal um.

Harry Gonzales stand in sich versunken da und beachtete den Mann schon gar nicht mehr.

Die rechte Hand steckte in der tiefen Tasche seines Mantels und umfasste den Griff einer Pistole.

11

Am nächsten Tag fanden wir uns im Büro unseres Chefs zur Besprechung ein. Außer Milo und mir waren auch unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina sowie eine ganze Reihe weiterer Agenten unseres Field Office anwesend. Darunter auch Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung und Dave Oaktree, der Chefballistiker des FBI New York.

„Guten Morgen“, begrüßte uns Mr McKee, nachdem alle anwesend waren. Seine Sekretärin Mandy hatte uns Kaffee serviert und ich nippte an dem heißen, aber unvergleichlich guten Gebräu. „Wer von Ihnen Lokalnachrichten gehört hat oder schon dazu gekommen ist, eine Zeitung zu lesen, wird bemerkt haben, dass der Fall O’Rourke hohe Welle geschlagen hat. Einige Medien scheinen die Sache für ihre Zwecke ausnutzen zu wollen. Das Ganze geht etwa in die Richtung, dass man sich in der Stadt wohl nicht mehr sicher fühlen kann, wenn schon Polizisten umgebracht werden. Das ist natürlich Unsinn. Jeder weiß, dass die Verbrechensraten in New York seit Jahren konstant rückläufig sind. Ich fürchte nur, dass von dieser Wahrheit in der Öffentlichkeit kaum etwas durchdringen wird!“

„Andererseits hat uns der Gang an die Öffentlichkeit den Hinweis auf Fredo’s Fish Bar beschert“, hielt Max Carter dem entgegen.

Mr McKee nickte. „Ja, das ist richtig, Max“, räumte er ein. „Aber ich denke, auch Sie sind erschrocken darüber, welche Folgen dieser Gang an die Öffentlichkeit darüber hinaus hatte. Ich bin weit davon entfernt, die Maßnahme für falsch zu halten. Schließlich habe ich sie selbst nach reiflicher Überlegung angeordnet. Ich will nur, dass jedem von Ihnen klar ist, was für ein zweischneidiges Schwert es sein kann, die Öffentlichkeit in die Fahndungsarbeit mit einzubeziehen. Die Sache gleitet einem schneller aus der Hand, als einem lieb ist.“ Mr McKees Gesichtsausdruck wirkte sehr ernst, während er das sagte. Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille im Büro. Dann wandte er sich an Max. „Es liegen tatsächlich ein paar neue Erkenntnisse vor. Vielleicht fassen Sie den Kollegen kurz die Lage zusammen.“

„Ja, Sir. Auf jeden Fall ist die Pier an der 45th Street in Queens tatsächlich der Tatort. Erstens besteht kein Zweifel mehr daran, dass der Fleck auf dem Asphalt eine Blutlache war, zweitens, dass es so gut wie unmöglich wäre, allein diesen Blutverlust zu verkraften und dass drittens der Tote zum Wasser geschleift worden ist.“

„Außerdem konnte ein Projektil in der Uferböschung sichergestellt werden“, ergänzte Dave Oaktree. „Der Untersuchung nach stammt es aus derselben Waffe, mit der O’Rourke getötet wurde, sodass wir das Ergebnis der DNA-Analyse wohl nicht abwarten brauchen, um davon ausgehen zu können, dass wir tatsächlich den Tatort gefunden haben.“

„Was ist mit den Zeugenaussagen von Jamie Fredo und seinen Angestellten?“, hakte Mr McKee nach.

„Daraus sind Phantombilder hervorgegangen“, erläuterte Max Carter und präsentierte uns das erste dieser Bilder mit Hilfe eines Beamers in überdimensionaler Größe an der Wand. Es zeigte einen Mann mit gelocktem Haar. „Die haben wir mit Personen abgeglichen, die in irgendeinem Zusammenhang mit O’Rourke standen und sind bei beiden fündig geworden. Wir haben eine mindestens 85-prozentige Übereinstimmung zwischen dem Mann, mit dem sich O’Rourke einmal in der Fish Bar getroffen hat, einem gewissen Harry Gonzales. Gonzales war ein kleiner Dealer und Mitglied einer puertoricanischen Drogengang mit der Bezeichnung ‚Los Matadores de la Bronx’. Mit seiner Hilfe wurde Ethan Benitez, der Anführer der Gang zusammen mit dem Großteil seines Führungspersonals verhaftet.“

„Lass mich raten: Brian O’Rourke war maßgeblich an der Verhaftung beteiligt!“, glaubte Clive.

Max bestätigte dies. „So ist es. Angeblich versucht Benitez’ Bruder Langdon – genannt ‚El Rey’ – die Gang wieder aufzubauen. Tatsache ist, dass Harry Gonzales’ Eltern und seine Schwester kurz nach Ethan Benitez’ Verhaftung ermordet wurden.“

„Der Schluss liegt nahe, dass es sich da um einen Rachefeldzug handelt“, meinte Mr McKee. „Ist Harry Gonzales im Zeugenschutzprogramm?“

„Nein. Den Grund dafür müssen wir noch herausfinden.“

„Auf jeden Fall gehörte Gonzales nicht zu den Fällen, in denen O’Rourke wegen des Unterschiebens von Beweismaterial und Erpressung von Spitzeldiensten ins juristische Kreuzfeuer kam“, stellte Mr McKee mit Blick auf seine Unterlagen fest.

„Die Tatsache, dass Gonzales O’Rourke nicht angezeigt hat, heißt nicht, dass es in seinem Fall nicht auch so gewesen sein könnte“, gab Milo zu bedenken. „Vielleicht hatte Gonzales einfach nur kein Vertrauen in die Polizei.“

„In dem Fall hätte Gonzales ein erstklassiges Motiv, um O’Rourke umzubringen“, glaubte Orry. „Er könnte O’Rourke für den Tod seiner Eltern und Schwester verantwortlich gemacht haben.“

„Allerdings ist ja wohl noch nicht erwiesen, dass Gonzales tatsächlich die Person war, mit der O’Rourke an dem Abend telefonierte“, gab ich zu bedenken. „Sein Handy wurde ja leider nie aufgefunden.“

„Wir gehen der Spur auf jeden Fall weiter nach“, entschied Mr McKee. „Ist Gonzales Aufenthaltsort bekannt?“

„Leider nicht“, sagte Max. „Er scheint untergetaucht zu sein.“

„Er wird zur Fahndung ausgeschrieben, aber wir gehen nicht an die Öffentlichkeit damit“, bestimmte unser Chef. „Was ist mit der Frau?“

Max Carter projizierte ihr Phantombild an die Wand und überblendete es anschließend mit dem Foto, das anlässlich einer Festnahme gemacht worden war.

„Hier ergibt sich eine hohe Übereinstimmung mit Christine Vistano, einem mehrfach verurteiltem Callgirl.“

„Auf O’Rourkes Revier in Queens glaubte man, Christine sei seine Freundin“, ergänzte ich.

Clive Caravaggio zuckte mit den Schultern und warf ein: „Wer weiß, vielleicht glaubte O’Rourke das sogar selbst.“ In knappen Worten informierte er uns darüber, wie und unter welchen Umständen Christine Vistano in O’Rourkes Haus aufgegriffen worden war.

„Unsere Verhörspezialisten Dirk Baker und Mell Horster haben sich die halbe Nacht mit ihr befasst und versucht, etwas aus ihr herauszubekommen, das über ihre Standard-Aussage hinausging, mit der sie bereits uns abgespeist hatte. Heute Morgen ist ihre Kautionsverhandlung. Ihr Anwalt ist ein gewisser Mike Bandella, der zuvor häufiger mal für Benny Vargas tätig war.“

„Das ist ein interessantes Detail“, murmelte ich.

„Es kommt noch besser“, mischte sich nun Dave Oaktree ein. „Die konfiszierte Waffe vom Kaliber 22 wurde bei derselben Schießerei in Benny Vargas’ Club ‚El Abraxas’ benutzt, wie die 45er mit der O’Rourke ermordet wurde.“

„Dann wird es Zeit, dass wir Vargas mal näher auf den Zahn fühlen!“, meinte Milo.

Max zeigte uns ein Foto von ihm. Ein geckenhafter Mann mit dunklem Teint, feinem Oberlippenbart in schneeweißem Anzug. Am Revers trug er eine Rose. „Das ist Vargas! Ein Dutzend Clubs dürfte unter seiner Kontrolle stehen. Außerdem gilt er als einer der Großverteiler von Drogen in der Bronx“, erläuterte Max. „Die ‚Matadores’ sollen zu seinem Verteilernetz gehört haben, nur konnte man das im Prozess leider nicht nachweisen. Die Kollegen von der Drogenfahndung des zuständigen Reviers vermuteten, dass es damals zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Benny Vargas und den ‚Matadores’ kam. Vermutlich konnte man sich über Gewinnmargen nicht einig werden, woraufhin einige Mitglieder der ,Matadores’ mehrfach in Vargas Club ziemlich rustikal aufgetreten sind und die Gäste verscheucht haben. Es ist zu vermuten, dass dies der Hintergrund der Schießerei ist, die dann stattfand und bei der mindestens ein Mitglied der ‚Matadores’ ums Leben kam.“

12

Max Carter hatte uns alles, was er herausgefunden hatte, zu einem Datendossier zusammengestellt.

Milo und ich saßen im Anschluss an die Sitzung in unserem gemeinsamen Dienstzimmer und arbeiteten die Unterlagen durch. Ich sah mir vor allem die Liste der Personen an, die damals bei der Schießerei verdächtigt worden waren, daran beteiligt gewesen zu sein. Der Einzige, in dessen Fall es immerhin eine Anhörung vor der Grand Jury gekommen war, hieß Ray Barros. Er war mehrfach wegen Körperverletzung und illegalem Waffenbesitz vorbestraft und war damals Türsteher im ‚Abraxas’ gewesen. Inzwischen galt er als rechte Hand und Mann fürs Grobe in Benny Vargas’ Organisation. Da seine letzte Bewährung wegen einer Schlägerei erst in einem Monat auslief, war seine Adresse bekannt.

„Steht da irgendwo, weshalb es nicht zum Prozess gekommen ist?“, fragte Milo.

„Vermutlich reichten die Beweise einfach nicht aus“, erwiderte ich.

Gegen Mittag fuhren wir zu O’Rourkes ehemaligem Revier in der Bronx und besprachen uns mit seinem direkten Vorgesetzen Captain Rudy Cassavetes, dem Leiter der Drogenabteilung.

„Brian O’Rourke war ein hervorragender Polizist, der gute Erfolge verbuchen konnte“, sagte Cassavetes. „Es ist schade, dass seine Karriere diesen Knick bekam und man ihn nach Queens abschob. Aber da war er ja nicht allein betroffen.“

„Es wurde noch ein Lieutenant namens Sean McKenzie verdächtigt, Beweismittel manipuliert und Kleinkriminelle zu Spitzeldiensten erpresst zu haben“, sagte ich.

„Ja. McKenzie verrichtet heute in der Lower East Side seinen Dienst. Ich habe ihn neulich beim Schieß-Training getroffen. Er arbeitet jetzt im Innendienst. Und das, obwohl gegen keinen der beiden auch nur ein Prozess eröffnet worden ist!“

„Den Kollegen der Inneren Abteilung erschien es wohl besser, die beiden aus der Schusslinie zu nehmen.“

„Ja, so kann man das auch nennen!“, erwiderte er gallig.

„Die Innere Abteilung hatte bei Ihren Ermittlungen noch einen dritten Beamten im Visier“, stelle ich fest. „Sein Name war Lieutenant Tom Atkins.“

„Tom ist noch hier im Revier. Allerdings können Sie heute nicht mit ihm sprechen.“

„Warum nicht?“

„Er ist zu einer Fortbildung nach Quantico gefahren. Ihre Kollegen bringen da den Angehörigen von Drogenabteilungen im ganzen Land die Anwendung neuer Drogen-Schnelltests bei.“

„Dann ist er morgen wieder hier?“

„Er hat zwei Wochen Urlaub genommen. Ich glaube, der Tod von O’Rourke hat ihn sehr mitgenommen.“

„Die beiden standen sich nahe?“

„Ja, sie waren eng befreundet und arbeiteten im Dienst als Team zusammen, McKenzie, O’Rourke und Atkins. Und ich hatte selten ein so erfolgreiches Team in meiner Abteilung.“

„Sie haben dafür gesorgt, dass Ethan Benitez und die Führungsriege der ‚Matadores’ hinter Gitter kamen!“

Cassavetes machte einen etwas überraschten Eindruck. Sein Lächeln wirkte verkrampft. „Sie scheinen ja bereits gut informiert zu sein.“

„Ein Informant namens Harry Gonzales spielte dabei eine entscheidende Rolle.“

„Schon möglich!“, murmelte Cassavetes. „Worauf wollen Sie hinaus? Die Sache war sauber. Gonzales hat sich – im Gegensatz zu ein paar anderen, die sich erst bezahlen und nachher von Erpressung und Manipulation herumschwadronieren – nie an die Justiz gewandt.“

„Vielleicht, weil er gesehen hatte, dass die anderen Verfahren nicht einmal durch die Grand Jury gingen.“

„Verwundert es Sie, dass die Geschworenen, wenn sie auf der einen Seite die verworrene Aussage eines Junkies und Drogendealers haben, während auf der anderen Seite die Karriere eines Musterpolizisten auf dem Spiel steht, sich dafür entscheiden, letzterem zu glauben?“

„Ja, das könnte Gonzales auch gedacht haben.“

„Fangen Sie jetzt auch an, uns irgendetwas anzuhängen?“, fragte Cassavetes etwas ungehalten. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn.

„Ich frage mich, warum Sie sich angegriffen fühlen, es ging doch um O’Rourke – und nicht um Sie!“, erwiderte Milo.

„Und letztlich versuchen wir nur, die Sache aufzuklären, um seinen Mörder zu fassen. Daran sollte doch auch Ihnen gelegen sein – gleichgültig, was da vielleicht noch nachträglich über Ihren Musterpolizisten ans Tageslicht kommen mag“, ergänzte ich.

Cassavetes atmete tief durch.

„Wissen Sie, auf einem Revier wie diesem, können Sie nur zurechtkommen, wenn das Team zusammenhält“, sagte er dann.

„Ich hoffe, dass schließt nicht ein, Straftaten zu decken“, hielt ich ihm entgegen.

Er zögerte mit seiner Antwort und erklärte schließlich. „Sie können mir glauben, dass ich mindestens ebenso daran interessiert bin, O’Rourkes Mörder zu fassen wie Sie!“

„Kommen wir zu Harry Gonzales zurück. Hatten auch McKenzie und Atkins Kontakt zu ihm?“

„Soweit ich weiß, ja.“

„O’Rourke hat sich nachweislich nach seinem Ausscheiden aus diesem Revier noch mit Gonzales getroffen. Haben Sie dafür irgendeine Erklärung?“

Cassavetes runzelte die Stirn. „Nein, das wundert mich.“

„Weshalb?“

„Gonzales gilt sein ein paar Wochen als spurlos verschwunden. Glauben Sie, dass er was mit Brians Tod zu tun hat?“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden im Gefolge der Verhaftung von Ethan Benitez und seinen ‚Matadores’ umgebracht.“

„Die Morde konnten leider nicht aufgeklärt werden, sonst säße Ethans Bruder Langdon, der sich großspurig ‚El Rey’ – der König – nennen lässt, längst auf Rikers.“

„Aber wenn Gonzales für seine Dienste erpresst wurde, hätte er allen Grund, auch sauer auf O’Rourke zu sein.“

„Das ist allerdings wahr…“, murmelte Cassavetes nachdenklich.

„Warum ist Gonzales nicht ins Zeugenschutzprogramm gekommen?“, fragte jetzt Milo. „Eigentlich wäre das doch in seinem Fall üblich.“

Cassavetes vollführte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und sah erst Milo und dann mich einen Moment lang an. „O’Rourke meinte, er hätte ihm das angeboten, aber Gonzales wollte das nicht. Er würde der Polizei, der Staatsanwaltschaft und allen anderen, die mit dem Staat zu tun hätten, nicht trauen. Einem Puertoricaner würden die sowieso nicht helfen…“

„Und für dieses Gespräch gibt es keine Zeugen?“, fragte ich. „Oder waren Atkins und McKenzie dabei?“

„Es tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung.“

Ich holte ein paar zusammengefaltete Computerausdrucke aus der Innentasche meiner Jacke und reichte sie Cassavetes.

„Was ist das?“, fragte er, noch ehe er die Blätter auseinandergefaltet hatte.

„Die ausgedruckten Datenblätter jener Personen, auf deren Anzeige hin die Innere Abteilung ihre Ermittlungen eingeleitet hat. Vielleicht können Sie uns etwas dazu sagen. Schließlich sind alle wegen Drogendelikten vorbestraft und hatten verschiedentlich mit Beamten Ihrer Abteilung zu tun.“

Cassavetes warf einen Blick auf die Blätter. „Mickey Moreno war die treibende Kraft. Ein Kleindealer, der uns wiederholt ins Netz gegangen war. Ich erinnere mich genau an den Fall. O’Rourke und McKenzie haben ihn als Informanten angeworben, nachdem er mit einer kleinen Menge Crack verhaftet wurde. Später behauptete er, O’Rourke und McKenzie hätten ihm gedroht, sie könnten die Beweismittel so manipulieren, dass er für zwanzig Jahre in den Knast wandern würde. Nur deswegen habe er als Informant gedient!“

„Und die beiden anderen?“, fragte ich.

„Victor Beinhower und Benjamin Brown kamen erst aus ihren Löchern, als die Ermittlungen schon liefen. Zu einer Zeugenaussage vor der Grand Jury kam es nie.“

„Weshalb nicht?“

„Beinhower war plötzlich verschwunden und tauchte erst zwei Monate nach der Verhandlung wieder auf, als er nach einer Prügelei festgenommen wurde.“

„Könnte ihn jemand überzeugt haben, dass es besser für ihn wäre, nicht auszusagen?“, hakte ich nach.

„Das ist reine Spekulation, Agent Trevellian.“

„Aber möglich.“

Cassavetes zuckte die Schultern. „Vielleicht entsprach es auch einfach nicht der Wahrheit, was er behauptete und da hat er kalte Füße bekommen.“

„Und was ist mit Nummer drei?“

„Benjamin Brown? Der hat seine Aussage offiziell zurückgezogen. War eine ziemlich große Blamage für die Anklage vor der Grand Jury.“

„Wenn die Sache so eindeutig war, dann verstehe ich nicht, weshalb McKenzie und O’Rourke in andere Reviere versetzt wurden!“

Cassavetes lachte heiser auf. „Auf meinem Mist ist das nicht gewachsen, dass können Sie mir glauben. Das kam von ganz oben aus dem Rathaus. Man wollte wohl nicht den Anschein erwecken, dass wir die Augen zumachen, wenn einer von uns mal einen Fehltritt begeht.“

„Mal ganz ehrlich, Captain Cassavetes. Würden Sie denn die Augen in einem solchen Fall schließen?“, mischte sich jetzt Milo ein.

Cassavetes schluckte. Er stand von seinem Platz auf, ging zum Fenster, blickte kurz hinaus und kratzte sich am Kinn.

„Über allem steht immer noch das Gesetz“, sagte er schließlich. „Auch über einem Cop.“

„Es freut mich, dass Sie so denken, Captain“, erwiderte ich.

Er hob die Augenbrauen.

„War es das? Wir haben hier nämlich auf diesem Revier einen Job zu erledigen!“

Ich nickte. „Das war’s.“

Wir wandten uns zum Gehen. Kurz vor dem Ausgang von Cassavetes’ Büro fragte ich noch: „Hatte O’Rourke eigentlich eine Freundin?

„Nichts Festes. Jedenfalls nicht in den letzten zwei Jahren. Davor hatte er eine längere Beziehung und ich glaube, die beiden wollten auch heiraten. Ich glaube, der Job hat sie dann wohl auseinander gebracht. Es ist für eine Partnerin nicht unbedingt angenehm, mit einem Cop verheiratetet zu sein. Die Überstunden, die unregelmäßigen Arbeitszeiten, und die ständige Gefahr, dass man den geliebten Menschen nicht wieder sieht, weil irgendein Irrer ihm eine Kugel in den Kopf knallt…“

„Sagt Ihnen der Name Christine Vistano etwas?“

„Nein, tut mir leid, Agent Trevellian. Jedenfalls nicht aus dem Stegreif.“

13

Christine Vistano ging in Begleitung ihrs Anwaltes Mike Bandella die Stufen des Gerichtsgebäudes hinunter. Bandella war ein untersetzter Mann mit hoher Stirn und ziemlich beleibt. Sein Hals war so dick, dass er den obersten Hemdknopf stets offen und die Krawatte gelockert tragen musste. Aber vor Gericht pflegte Bandella äußerst überzeugend und sehr energisch aufzutreten.

„Eigentlich können Sie mit dem Verlauf zufrieden sein – und die Kaution bewegt sich doch in einem annehmbaren Bereich.“

„Wenn ich sie selbst bezahlen müsste, wäre ich ruiniert!“, erwiderte Christine.

Mike Bandella lächelte breit. „Jetzt übertreiben Sie aber, Christine! Ich soll Ihnen übrigens Grüße von Mister Vargas ausrichten.“

„Danke…“

Ein blauer Ford hielt vor dem Gerichtsgebäude. Zwei Männer stiegen aus. Einer von ihnen war flachsblond, der andere dunkelhaarig.

„Miss Christine Vistano?“

„Wer zum Teufel ist das denn?“, fragte Mike Bandella.

Die beiden Männer kamen auf Christine Vistano und ihren Anwalt zu.

„Clive Caravaggio, FBI“, sagte der Blonde und hielt seinen Ausweis sowohl Christine als auch Bandella entgegen.

„Sie wieder?“, schimpfte die junge Frau.

„Meinen Kollegen Medina kennen Sie bereits ebenfalls!“, sagte Clive.

„Das grenzt schon an Schikane, was Sie hier machen!“, ereiferte sich die junge Frau. „Erst nehmen Sie mich mit fragwürdiger Begründung fest, lassen mich eine Nacht in einer Ihrer Gewahrsamszellen schmoren und von penetranten Idioten verhören, ehe ich endlich vor einem Richter stehe, der mich freilässt – und jetzt tauchen Sie schon wieder auf! Soll das ganze Spiel vielleicht von vorne beginnen!“

„Beruhigen Sie sich, Miss Vistano. Den Grund dafür, dass Sie festgenommen wurden, kann Ihnen Ihr Anwalt erklären.“

„Ich bin Mike Bandella und möchte, dass Sie meine Mandantin bis zur Hauptverhandlung in Ruhe lassen. Sie hat alles, was es zur Sache zu sagen gibt, zu Protokoll gegeben. Im Übrigen tut es ihr ausdrücklich leid, Sie in irrtümlicher Notwehr attackiert zu haben, Agent Caravaggio, was ich hiermit im Auftrag meiner Mandantin vortragen möchte.“

„Wir möchten Miss Vistano ein paar Fragen stellen, die im Zuge neuer Ermittlungsergebnisse aufgetaucht sind.“

„Meine Mandantin braucht sich nicht selbst belasten und wird keine Aussage machen“, erklärte Mike Bandella.

„Ihre Mandantin behauptet, die Lebensgefährtin von Mister Brian O’Rourke gewesen zu sein, aber es scheint ihr ziemlich gleichgültig zu sein, was mit O’Rourke geschehen ist.“

„Ich beantworte Ihre Fragen, wenn Sie mich dann in Ruhe lassen!“, entschied Christine Vistano.

„Ich habe Ihnen davon abgeraten!“, stellte Bandella noch einmal klar. „Aber Sie müssen ja wissen, was Sie tun.“

„Der 22er Revolver, den wir Ihnen abgenommen haben, wurde bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet - genau wie die Waffe, mit der O’Rourke ermordet wurde.“

„Worauf wollen Sie hinaus? Dass meine Mandantin etwas mit dem Tod an O’Rourke zu tun hat? Es handelt sich um unterschiedliche Waffen, wenn ich das richtig verstanden habe und mir ist schleierhaft, wie Sie da einen Zusammenhang konstruieren können, Agent Caravaggio!“

„Zwei Waffen mit einer Gemeinsamkeit. Da glaube ich nicht an einen Zufall, Miss Vistano. Sie waren als Callgirl tätig und sind mehrfach deswegen vom Gericht verurteilt worden.“

„Das tut nichts zur Sache“, behauptete Bandella.

„Das tut sehr wohl etwas zur Sache“, widersprach Clive. „Es wäre nämlich denkbar, dass die Beziehung zwischen Ihrer Mandantin und O’Rourke keineswegs eine reine Liebesbeziehung war, sondern Miss Vistano auf O’Rourke angesetzt wurde.“

„Wer sollte so etwas tun? Und aus welchem Grund?“, ergriff nun Christine Vistano das Wort und verzog ihren Mund zu einem geschäftsmäßigen, kalten Lächeln. „Das ist doch alles vollkommen absurd, Agent Caravaggio. Ich habe einen Mann verloren, bei dem ich gerade geglaubt habe, die Liebe meines Lebens zu finden und Sie behandeln mich wie einen potentiellen Täter. Dabei bin ich ein Opfer.“ Sie schluckte. Ihr Gesicht wurde dunkelrot. Sie bedeckte kurz die Augen mit der Hand und fasste sich im nächsten Moment wieder.

„Wenn das der Wahrheit entspricht, dann gibt es doch keinen Grund, uns nicht zu sagen, von wem Sie die Waffe haben.“

Sie schluckte.

„Diese Waffen werden unter der Hand verkauft. Sie wissen doch, wie das ist.“

„Sagen Sie keinen Ton mehr, die wollen Sie nur herein legen!“, mischte sich Bandella ein. „Die haben nichts gegen Sie in der Hand!“

„Illegaler Waffenbesitz ist keine Kleinigkeit“, sagte Clive. „Wenn Sie uns weiterhelfen, dann wird sich das sicher günstig auswirken und Ihnen vielleicht eine Bewährung einbringen. Trotz Ihrer Vorstrafen!“

„Ich kann Ihnen dazu nichts sagen“, erklärte sie.

„Meine Mandantin hat alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt!“, fügte Bandella hinzu. Er hakte sich bei ihr unter und führte sie davon.

Clive atmete tief durch. Er wandte den Kopf in Orrys Richtung, der nur mit den Schultern zuckte.

„Einen Versuch war es wert“, meinte unser indianischer Kollege.

„Christine Vistano muss die Waffe von jemandem aus dem Umkreis von Benny Vargas bekommen haben. Jemandem, der irgendetwas mit der Schießerei damals zu tun hatte.“

„Ach, Clive, du weißt, über viele Ecken diese illegalen Schießeisen oft verkauft werden!“

14

Wir riefen auf dem Revier in der Lower East Side an, in das Sean McKenzie strafversetzt worden war, um mit ihm einen Gesprächtermin zu vereinbaren. Wir verabredeten uns für fünf Uhr in einem Coffee Shop an der Suffolk Street.

„Vorher kann ich leider nicht. Hier geht es mal wieder drunter und drüber!“, meinte er.

„In Ordnung. Wir werden pünktlich sein, Lieutenant McKenzie“, versprach ich und unterbrach die Verbindung.

„Große Worte, Jesse!“, lautete Milos Kommentar.

„Wieso?“

„Um die Zeit ist Rush Hour, da ist es fast unmöglich pünktlich zu sein, zumal wir einmal von Nord nach Süd durch den Big Apple fahren müssen!“

„Alles eine Frage der Planung, Milo. Wir fahren einfach früh genug los, dann stellt sich das Problem nicht. Außerdem wollte ich in erster Linie sicherstellen, dass er pünktlich ist.“

Ich sah auf die Uhr. „Wir könnten unterwegs Ray Barros einen Besuch abstatten. Seine Bewährung läuft noch und deswegen haben wir auch eine aktuelle Adresse von ihm in Yorkville.“

„Barros war damals der einzige Verdächtige bei der Schießerei im ‚Abraxas’. Soll er uns mal erklären, wie zwei Waffen, die damals eingesetzt wurden, plötzlich wieder in Gebrauch sind!“

15

Wir erreichten das Ende der East 85th Street, wo Ray Barros eine Traumetage mit Ausblick auf den Carl Schurz Park und den East River bewohnte.

„Barros’ Geschäfte scheinen nicht schlecht zu gehen“, meinte Milo. „Aber vom Türsteher zur rechten Hand von Benny Vargas, das ist ja auch eine steile Karriere.“

„Letzteres müssen wir ihm erst einmal nachweisen“, meinte ich.

„Das letzte Mal, dass ihm jemand was nachweisen konnte war, als er vor zwei Jahren wegen Körperverletzung angezeigt und verurteilt wurde.“

„Es wundert mich, dass er noch Bewährung bekommen hat!“

„Mit einem guten Anwalt. Wer hier wohnt, kann sich auch eine gute Verteidigung leisten.“

Ich hatte die dazu vorliegenden Unterlagen nur kurz überflogen. Offenbar war Barros vor zwei Jahren im Kampf um einen Parkplatz ausgerastet und hatte den Fahrer eines Lieferwagens aus dem Wagen gezerrt und verprügelt.

Die Bewährung endete in vier Wochen und seit seiner Verurteilung hatte er sein cholerisches Temperament offenbar besser unter Kontrolle gehabt.

Das Gebäude, in dem Barros residierte, hatte zwanzig Stockwerke. Der Sicherheitsstandard war hoch. Es gab überall Kameras und in der Eingangshalle musste man sich bei den Angehörigen eines privaten Sicherheitsdienstes anmelden, wenn man jemanden besuchen wollte.

Wir wandten uns an den diensthabenden Security Guard, der hinter einem Würfel aus Panzerglas seinen Platz hatte und zeigten ihm unsere Ausweise.

„Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Wir möchten mit Mister Ray Barros sprechen.“

„Einen Augenblick.“

Der Security Guard fragte über eine Sprechanlage bei Barros an. Die Antwort konnten wir nicht verstehen, da der Security Guard sie über einen Ohrhörer empfing.

Es folgte ein kleiner Wortwechsel.

„Ich verstehe“, sagte der Uniformierte schließlich und wandte sich anschließend an uns: „Es tut mir leid, Mister Barros ist nicht zu Hause. Wenn Sie weitergehende Befugnisse haben, stehen wir Ihnen gerne mit einem elektronischen Generalschlüssel zur Verfügung.“

„Mit weitergehenden Befugnissen meinen Sie wohl einen Durchsuchungsbefehl“, schloss ich.

„Zum Beispiel.“

„Nein, den haben wir leider nicht“, sagte ich.

„Mit wem haben Sie denn gerade gesprochen?“, fragte Milo.

„Mit Mister Barros’…“ Der Mann zögerte und schien nach dem passenden Begriff zu suchen. „…Dauerbesuch“, brachte er schließlich hervor.

„Eine Frau?“

„Ja, Mister Barros hat ihr einen eigenen elektronischen Schlüssel für seine Wohnung anfertigen lassen und sie kann hier ein- und ausgehen, als ob Sie eine Hausbewohnerin wäre.“

Ich zog ein Foto von Christine Vistano aus der Jackentasche und zeigte es meinem Gegenüber. „Ist sie das?“

„Das Gesicht stimmt. Sie ist übrigens gerade erst eingetroffen und in ihre Etage gefahren. So ungefähr vor zehn bis zwanzig Minuten. Warten Sie, ich schau mal nach, wie sie heißt…“

„Wir kennen sie als Christine Vistano“, sagte ich. „Und wir möchten jetzt mindestens ebenso gerne mit ihr sprechen wie mit Mister Barros.“

„Soll ich Miss Vistano noch mal anrufen?“

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Wir nahmen den Aufzug und fuhren in den sechzehnten Stock, wo sich Ray Barros’ Traumetage befand.

An der Tür klingelten wir.

Surrend suchte uns ein Kameraauge.

Eine Frauenstimme meldete sich an der Sprechanlage.

„Ja, bitte?“

„Jesse Trevellian, FBI - Miss Christine Vistano? Wir möchten mit Ihnen sprechen und wissen, dass Sie hier sind! Also machen Sie auf!“

Es machte klick in der Leitung.

Einige Augenblicke lang standen wir ziemlich dumm da. In wie fern es für uns überhaupt eine rechtliche Handhabe gab, in die Wohnung zu gelangen, wollten wir im Moment beide nicht erörtern. Schließlich meldete sich Miss Vistano noch einmal und verlangte von uns, die Ausweise so in die Kamera zu halten, dass sie diese sehen könnte.

Das taten wir.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet.

„Ich hatte bereits mit Ihren Kollegen Caravaggio und Medina zu tun. Vielleicht haben Sie beide ja bessere Manieren.“

Ich lächelte. „Ehrlich gesagt hat daran noch kaum jemand etwas auszusetzen gehabt“, erwiderte ich. „Dürfen wir hereinkommen? Es wird sicher nicht lange dauern.“