Zwischen Schule, Disko und Babywindeln - Wenn Mädchen zu Müttern werden - Doris Kölbl - ebook

Zwischen Schule, Disko und Babywindeln - Wenn Mädchen zu Müttern werden ebook

Doris Kölbl

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Opis

Jedes zehnte Kind weltweit wird von einer Mutter geboren, die selbst noch keine 20 Jahre alt ist. Auch in Deutschland sind Teenagerschwangerschaften ein Thema - eines, das bisher in der sozialpädagogischen Fachdiskussion nur wenig Beachtung gefunden hat. Vor allem die Lebenslagen von jungen Mädchen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, wurden vernachlässigt. Dabei wurden allein im Jahr 2003 über 7000 minderjährige Mädchen in Deutschland selbst Mutter eines Kindes. Um diesen weißen Fleck zu füllen, befasst sich Doris Kölbl mit der frühen Mutterschaft - speziell mit der komplexen Lebenslage, in der sich minderjährige Mütter befinden. Sie durchleben einen Spagat: Die eigene Entwicklung zum Erwachsenen und die Anforderungen an eine versorgende und erziehende Mutter fordern besondere Anpassungsleistungen. Werden die bisherigen Hilfeangebote für die Mädchen dieser Herausforderung gerecht? Das vorliegende Buch gibt Anregungen, wie sozialpädagogi-sche Hilfen für junge Mütter gestaltet werden können, um auf die Lebenssituation minderjähriger Mütter als Jugendliche und Mütter adäquat einzugehen.

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Doris Kölbl

Zwischen Schule, Disko und Babywindeln – Wenn Mädchen zu Müttern werden. Eine sozialpädagogische Betrachtung

© Tectum Verlag Marburg, 2007

ISBN 978-3-8288-5627-1

Bildnachweis Cover: © glachica: www.photocase.com

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-9308-5 im Tectum Verlag erschienen.)

Besuchen Sie uns im Internet unter www.tectum-verlag.de

www.facebook.com/Tectum.Verlag

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

wheresoeveryou go,go with allyour heart.

CONFUCIUS

Danksagung

Am Ende eines Arbeitsprozesses, eines Lernprozesses, in dem sich Phasen der Mutlosigkeit und Erschöpfung mit Freude über und Stolz auf die eigene Arbeit abwechseln, möchte ich mich bei den Menschen bedanken, ohne deren Unterstützung und Beistand sich diese Diplomarbeit nur schwieriger hätte realisieren lassen können.

An erster Stelle möchte ich Frau Viola Malanowsky danken, die als meine Anleiterin im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst ein wesentlicher Motor für die vorliegende Arbeit gewesen ist und die mir in ihrer Tätigkeit als Diplom-Sozialpädagogin in vielerlei Hinsicht Vorbild war.

Mein herzlicher Dank gilt Herrn Prof. Dr. Bodo Hildebrand für die durchweg engagierte Betreuung meiner Diplomarbeit und die fachliche und menschliche Begleitung durch mein Studium an der Evangelischen Fachhochschule Berlin. Ihm verdanke ich wichtige Impulse, die meinen Weg geprägt haben.

Ebenso gilt mein Dank Frau Dr. Talibe Süzen, die mich mit wichtigen Anregungen hinsichtlich der Gestaltung der Interviews und der anschließenden Auswertung unterstützt hat, was wesentlich dazu beigetragen hat, mich gerade zu Beginn der Arbeit im Dickicht der empirischen Forschung zurechtzufinden.

Herrn Franz Heinzel danke ich von ganzem Herzen für die vielen Stunden, die er in Layout, Gestaltung und Design der vorliegenden Arbeit gesteckt hat und Herrn Harald Schmidt für seine großzügige Unterstützung während der Endphase der Arbeit.

Des Weiteren danke ich all den mutigen jungen Frauen, die sich auf das Wagnis des Interviews eingelassen haben und mir durch ihre Offenheit und ihren Mut einen wichtigen und sehr persönlichen Einblick in ihr Leben ermöglicht haben. Ihnen ist diese Diplomarbeit gewidmet.

Doris Kölbl

Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DAS JUGENDALTER

2.1   Einleitende Überlegungen

2.2   Körperliche Veränderungen und psychosexuelle Entwicklung im Jugendalter

2.2.1 Körperliche Veränderungen

2.2.2 Hormonelle Veränderungen

2.2.3 Fokus: Bedeutung der Veränderungen für heranwachsende Mädchen

2.2.4 Säkulare Akzeleration

2.3   Entwicklungsaufgaben des Jugendaltersnach Robert J. Havighurst

2.4   Identität als zentrale Thematik des Jugendalters

2.4.1 Vom Egozentrismus in der Adoleszenz

2.4.2 "Identität versus Rollendiffusion" – Erik Erikson

2.4.3 Vier Typen des Identitätsstatus nach James Marcia

2.5   Lebenswelten Jugendlicher

2.5.1 Gesellschaftlicher Kontext

2.5.2 Eltern

2.5.3 Peers

2.5.4 Schule

2.5.5 Beruf

2.6   Zusammenfassung

3 SCHWANGER-, MUTTER- UND ELTERNSCHAFT

3.1   Elternschaft als zentrales Thema des Erwachsenenalters

3.1.1 "Intimität versus Isolierung" – Erik Erikson

3.1.2 Elternschaft als Entwicklungsaufgabe

3.2   Veränderungen durch Elternschaft

3.2.1 Komplexe Veränderungsprozesse

3.2.2 Biologische und psychische Ebene

3.2.3 Paarbeziehung

3.2.4 Soziale Beziehungen

3.3   Übergang zur Elternschaft

3.3.1 Das Phasenmodell nach Gabriele Gloger-Tippelt

3.3.2 Verunsicherung (bis zur 12. SSW)

3.3.3 Anpassung (ca. 12. - 20. SSW)

3.3.4 Konkretisierung (ca. 20. - 32. SSW)

3.3.5 Antizipation und Vorbereitung (ca. 32. SSW - Geburt)

3.3.6 Geburt

3.3.7 Überwältigung und Erschöpfung (ca. 4 - 8 Wochen nach der Geburt)

3.3.8 Herausforderung und Umstellung (ca. 2 - 6 Monate nach der Geburt)

3.3.9 Gewöhnung (ca. 6 - 12 Monate nach der Geburt)

3.4   Beeinflussende Faktoren für die Bewältigung der Elternschaft

3.5   Fokus: Alleinerziehende

3.5.1 Alleinige Erziehungsverantwortung

3.5.2 Ökonomische Belastungen

3.5.3 Partnerschaft

3.5.4 Unterstützung durch Familie, Verwandte und Freunde

3.6   Zusammenfassung

4   KRITISCHE LEBENSEREIGNISSE, ENTWICKLUNGSAUFGABEN UND KRISEN

4.1   Kritische Lebensereignisse

4.2   Normative Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben

4.3   Non-normative Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben

4.4   Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

4.5   Zusammenfassung

5   MINDERJÄHRIGE MÜTTER – SCHWANGER- UND MUTTERSCHAFT IM JUGENDALTER

5.1   Daten – Zahlen – Fakten

5.2   EXKURS: Ursachen, Hintergründe, Motive und Erklärungsansätze

5.2.1 Verhütung und Schwangerschaft

5.2.2 Sozialisationserfahrungen und Schwangerschaft

5.2.3 Loslösungsprozess der Adoleszenz und Schwangerschaft

5.2.4 Unbefriedigende Lebenssituation und Schwangerschaft

5.2.5 Mangelnde berufliche Perspektiven und Schwangerschaft

5.2.6 Partnerschaft und Schwangerschaft

5.3   Ausgewählte Aspekte der Lebenslagen adoleszenter Mütter

5.3.1 Frühe Mutterschaft – ein komprimierter Lernprozess

5.3.2 Kollision von Entwicklungsaufgaben

5.3.3 Das Moratorium geht zu Ende

5.3.4 Egozentrismus des Jugendalters versus bedingungslose Fürsorge für das Kind

5.3.5 Kontakt zu den Eltern

5.3.6 Kontakt zum Kindesvater

5.3.7 ‚Zwischen den Stühlen‘

5.3.8 Berufliche Lebensplanung

5.3.9 Soziale Lage und finanzielle Situation

5.4   Rechtliche Rahmenbedingungen

5.4.1 Mutterschaft und Vaterschaft

5.4.2 Elterliche Sorge

5.4.3 Gesetzliche Amtsvormundschaft nach § 1791c BGB

5.4.4 Ehefähigkeit

5.4.5 Beistandschaft

5.4.6 Umgangsrecht

5.4.7 Unterhalt

5.5   Zusammenfassung

6   HILFEANGEBOTE FÜR MINDERJÄHRIGE MÜTTER

6.1   Grundlegende rechtliche Ansprüche

6.1.1 Mutterschutz

6.1.2 Elternzeit

6.1.3 Befreiung von der Schulpflicht

6.1.4 Freistellung bei Krankheit des Kindes

6.2   Finanzielle Hilfen

6.2.1 Mutterschaftsgeld

6.2.2 Erziehungsgeld

6.2.3 Kindergeld

6.2.4 Unterhaltsvorschuss

6.2.5 Zuschuss zur Kinderbetreuung

6.2.6 Bundesstiftung ‚Mutter und Kind‘

6.2.7 Spezielle Leistungen nach SGB II bei Schwanger- und Mutterschaft

6.2.8 Wohngeld

6.2.9 Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen

6.2.10 Berufsausbildungsbeihilfe

6.3   Sozialpädagogische Unterstützung

6.3.1 Schwangerenberatung

6.3.2 Öffentlicher Kinder- und Jugendgesundheitsdienst

6.3.3 Jugendamt

6.4   Ausgewählte Leistungen der Jugendhilfenach dem SGB VIII

6.4.1 Beratung hinsichtlich Partnerschaft, Trennung und Scheidung – § 17 SGB VIII

6.4.2 Beratung und Unterstützung zur Ausübung der Personensorge – § 18 SGB VIII

6.4.3 Gemeinsame Wohnform für Mutter und Kind –§ 19 SGB VIII

6.4.4 Tagespflege – § 23 SGB VIII

6.4.5 Tageseinrichtungen – § 24 SGB VIII

6.4.6 Hilfen zur Erziehung – § 27 SGB VIII

6.5   Zusammenfassung und Diskussion der Hilfen

7 ZUSAMMENFASSUNG

8 METHODIK

8.1   Problemstellung und Untersuchungsziel

8.2   Darstellung des Forschungsdesigns

8.2.1 Qualitative Forschung

8.2.2 Verfahren der Datenerhebung: Problemzentriertes Interview nach Witzel

8.3   Vorbereitung der Befragung

8.3.1 Entwicklung des Kurzfragebogens

8.3.2 Entwicklung des Interviewleitfadens

8.4   Zielgruppenbestimmung und Auswahlkriterien

8.4.1 Zugang zum Interviewfeld

8.4.2 Auswahl der Interviewpartnerinnen

8.5   Datenerhebung

8.5.1 Kontaktaufnahme

8.5.2 Pretest

8.5.3 Tonbandaufzeichnung

8.5.4 Durchführung der Interviews / Setting

8.5.5 Postskript

8.6   Auswertung der Interviews

8.6.1 Transkription der Interviews

8.6.2 Verfahren der Datenauswertung: Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

9 DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE

9.1   Darstellung und Auswertung der Daten des Kurzfragebogens

9.1.1 Grundlegende Daten zu den Befragten

9.1.2 Auswertung der Kurzfragebögen

9.2   Ergebnisse der Interviewauswertung

9.2.1 Eigene Reaktion auf die Schwangerschaft

9.2.2 Reaktionen anderer auf die Schwangerschaft

9.2.3 Veränderungen in einzelnen Lebensbereichen

9.2.4 Erhaltene private Unterstützung

9.2.5 Inanspruchnahme professioneller Hilfsangebote

9.2.6 Kontakte zu anderen jungen Müttern

9.2.7 Konfrontation mit Vorurteilen

9.2.8 Besondere Belastungen

9.2.9 Zukunftsvorstellungen

9.3   Interpretation und Schlussfolgerungen

9.4   Zusammenfassung

10 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN FÜR DIE ARBEIT MIT MINDERJÄHRIGEN MÜTTERN IN DER SOZIALPÄDAGOGISCHEN PRAXIS

10.1 Art und Qualität der Beratung und Begleitung

10.1.1 Notwendigkeit zielgruppenspezifische Angebote

10.1.2 Grundsätzliche Beratungshaltung

10.1.3 Hilfen müssen schon vor der Geburt ansetzen

10.1.4 Beratung und Begleitung auch nach der Volljährigkeit

10.1.5 Geh-Struktur der Angebote

10.1.6 Ambulante Hilfeformen schaffen

10.1.7 Niedrigschwellige und sozialraumorientierte Angebote

10.1.8 Kostengünstige und kostenfreie Angebote

10.2 Inhalte der Beratung und Begleitung

10.2.1 Information und Beratung zu vorhandenen Angeboten

10.2.2 Praktische Anleitung im Alltag mit dem Kind

10.2.3 Soziale Kontakte stärken

10.2.4 Entlastung schaffen

10.2.5 Selbstständigkeit fördern

10.2.6 Schulabschluss, Ausbildung und Qualifikation ermöglichen

11 FAZIT

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

BGB

Bürgerliches Gesetzbuch

BZgA

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

K

Kategorie

SGB I

Sozialgesetzbuch Erstes Buch, Allgemeiner Teil

SGB II

Sozialgesetzbuch Zweites Buch, Grundsicherung für Arbeitssuchende

SBG VIII

Sozialgesetzbuch Achtes Buch, Kinder- und Jugendhilfe

SBG XII

Sozialgesetzbuch Zwölftes Buch, Sozialhilfe

SSW

Schwangerschaftswoche

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit möchte einen Beitrag zur sozialpädagogischen Praxis hinsichtlich der Arbeit mit minderjährigen Müttern leisten. Die Idee hierzu entstand im Rahmen meines praktischen Studiensemesters im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Berlin-Neukölln. Während der täglichen Beratungspraxis erlebte ich Mütter, für die sich durch die Geburt des Kindes viele Fragen aufwarfen und die sich neuen Anforderungen in vielen Bereichen des Lebens stellen mussten. Durch den Säugling hatte sich ihr Leben regelhaft völlig verändert, sie mussten sich neu organisieren, sowohl im persönlichen, partnerschaftlichen und familiären Umfeld als auch innerhalb der sozialen Umwelt. Vor allem Mütter, die zum ersten Mal ein Kind bekommen hatten, waren angesichts dieser Anforderungen häufig verunsichert oder gar überfordert. Hin und wieder kamen auch sehr junge Mütter, Mütter unter 18 Jahren, zum Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Angesichts der Kenntnisse über den Stress und die Belastungen, die die Geburt eines Kindes bei vielen mir bis dahin bekannten Müttern ausgelöst hatte, und des Wissens darüber, wie einschneidend die Geburt eines Kindes und die daraus resultierende Verantwortung für das eigene Leben sein können, fragte ich mich, was es wohl für diese Mädchen bedeuten muss, inmitten ihrer Jugend ein Kind zu bekommen, und ich entschied mich dafür, diese Fragestellung zum Thema meiner Diplomarbeit zu machen und mich intensiver mit der Schwanger- und Mutterschaft im Jugendalter zu beschäftigen.

Obwohl das Thema der frühen Mutterschaft von Zeit zu Zeit die Seiten der Bildzeitung oder die Sendeminuten von Boulevardmagazinen im Fernsehen füllt, wird bei der Suche nach geeigneter Fachliteratur schnell klar, dass das Thema der adoleszenten Mutterschaft innerhalb der Fachdiskussion bisher nur einen sehr geringen Stellenwert eingenommen hat und es nur ganz wenige Forschungsarbeiten über minderjährige Mütter gibt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Lebenssituation minderjähriger Mütter. Mein besonderes Interesse gilt der Herausarbeitung ihrer komplexen Lebenslage, die sich im Wesentlichen aus der Kollision von Entwicklungsaufgaben und damit verbundenen Anforderungen, die jeweils mit dem Jugendalter und der Mutterschaft einhergehen, zusammensetzt.

Darüber hinaus richtet sich die Aufmerksamkeit auf die möglichen professionellen Hilfsangebote, die den Mädchen zur Bewältigung ihrer Lebenssituation zur Verfügung stehen. Hierbei werden vor allem die Hilfen ins Blickfeld der Betrachtung genommen, die minderjährigen Müttern zur Verfügung stehen, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen in einer eigenen Wohnung oder noch bei der Herkunftsfamilie leben. Ihre spezifische Situation und die Diskussion möglicher ambulanter Hilfsangebote wurden in der Forschungsdiskussion bisher vernachlässigt, da viele Arbeiten sich mit denjenigen jungen Müttern beschäftigen, die das stationäre Jugendhilfeangebot der Mutter-Kind-Häuser nach § 19 SGB VIII in Anspruch nehmen.

Grundsätzlich besteht die Diplomarbeit aus drei großen Hauptteilen, einem theoretischen und einem empirischen Teil und den daraus resultierenden, für die sozialpädagogische Praxis konzipierten Handlungsempfehlungen.

Im ersten Teil, dem theoretischen Teil der Arbeit, soll anhand der vorhandenen Fachliteratur das Thema der komplexen Lebenslage adoleszenter Mütter näher erörtert werden und aktuell zur Verfügung stehende Hilfeangebote diskutiert werden. Die Grundlage für die Erarbeitung der Themenstellung bilden drei Hauptthesen, die im Folgenden dargestellt werden:

Minderjährige Mütter befinden sich in einer Lebenssituation, die sich schwierig gestaltet, weil die komplexen Anforderungen des Jugendalters mit den Anforderungen der Elternschaft zusammentreffen.Minderjährige Mütter benötigten zur Bewältigung ihrer Lebenssituation spezielle, zielgruppenspezifische professionelle Hilfen und Beratungsangebote.Vorhandene Angebote reichen nicht aus und müssen weiterentwickelt werden.

Im Zusammenhang mit der Überprüfung dieser Thesen sind folgende Fragestellungen von besonderem Interesse:

•  Mit welchen Entwicklungsaufgaben und Anforderungen sind Jugendliche, speziell Mädchen, im Jugendalter konfrontiert?

•  Welche spezifischen Herausforderungen sind mit der Schwangerschaft und Mutterschaft verbunden?

•  Wie gestaltet sich die Lage alleinerziehender Mütter im Besonderen?

•  Was ist ein kritisches Lebensereignis und wodurch unterscheidet es sich von anderen Lebensereignissen?

•  Inwieweit kollidieren bei der Mutterschaft in der Adoleszenz Anforderungen und Aufgaben des Jugendalters mit denen der Mutterschaft und welche besonderen Belastungen und Schwierigkeiten ergeben sich daraus für die Lebenssituation junger Mütter?

•  Wie stellt sich die rechtliche Lage minderjähriger Mütter dar?

•  Welche spezifischen professionellen Angebote und Hilfen gibt es?

Um diese Fragen beantworten zu können, wird der Blick zu Beginn der vorliegenden Arbeit im Kapitel 2 auf das Jugendalter mit seinen spezifischen Besonderheiten gelenkt. Hier wird speziell auf den komplexen Veränderungsprozess und die damit verbundenen Anforderungen und Entwicklungsaufgaben eingegangen, die das Jugendalter an junge Menschen – und speziell an junge Mädchen – stellt. Darüber hinaus werden die Lebenswelten thematisiert, in denen sich Jugendliche bewegen, um besser zu verstehen, was es bedeutet, inmitten dieser Phase Mutter zu werden.

Anschließend werden im Kapitel 3 die Veränderungsprozesse, die sich durch Schwanger-, Mutter- und Elternschaft – alles typische Entwicklungsaufgaben des Erwachsenenalters – in der Lebenswelt der Mutter beziehungsweise Eltern auf individueller, partnerbezogener, kindzentrierter und sozialer Ebene ereignen, näher untersucht. Das besondere Augenmerk richtet sich hier speziell auf die Aufgaben und Anforderungen, die sowohl an die werdende Mutter als auch an die werdenden Eltern im Laufe der Schwanger-, Mutter- beziehungsweise Elternschaft gestellt werden, um diese Anforderungen im Kapitel 5 den Anforderungen des Jugendalters gegenüberstellen zu können und damit eine differenzierte Vorstellung von den besonderen Herausforderungen zu bekommen, die die Mutterschaft an Mädchen inmitten ihrer Adoleszenz stellt. Abgerundet wird dieses Kapitel mit einem speziellen Fokus auf die Situation alleinerziehender Mütter, die diesen Anforderungs- und Aufgabenkatalog allein bewältigen und darüber hinaus spezifischen Risiken gegenüberstehen, die aus ihrer Situation als Alleinerziehende resultieren.

Das nächste Kapitel – Kapitel 4 – bildet den Übergang zum zentralen Thema der Mutterschaft im Jugendalter, indem es ganz allgemein erklärt, was kritische Lebensereignisse sind. Es wird in diesem Kapitel aufgezeigt, was es bedeutet, wenn Lebensereignisse völlig unerwartet und außerhalb des Lebensalters auftreten, in denen sie normalerweise regelhaft stattfinden und den Einzelnen vor Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben stellen, auf die er sich im Gegensatz zu normativen Lebensereignissen und Entwicklungsaufgaben, die mit einem bestimmten Lebensalter verbunden und damit vorhersehbar sind, nicht vorbereiten konnte. Dieses Kapitel erörtert darüber hinaus die Ressourcen, die für die Bewältigung dieser non-normativen kritischen Lebensereignisse und den daraus erwachsenden Entwicklungsaufgaben von Bedeutung sind und diese besser gelingen lassen.

Nach den Überlegungen zum Jugendalter, zu Schwanger- und Mutterschaft und der Reflexion über kritische Lebensereignisse wird im 5. Kapitel der Fokus auf die komplexe Situation der Mutterschaft im Jugendalter gelenkt. Hier werden einleitend Daten, Fakten und Zahlen zu minderjährigen Schwangeren und Müttern in Deutschland dargestellt. Darüber hinaus wird es in diesem Kaptitel einen Exkurs zu den Ursachen, Hintergründen und Motiven für die frühe Schwangerschaft geben. Dieses Thema wird deswegen als Exkurs in die Diplomarbeit eingeschoben, weil es zwar nicht zwingend zur Beantwortung der oben genannten Thesen und zur Darstellung der komplexen Lebenssituation minderjähriger Mütter notwendig ist, für den Leser dennoch dahingehend bereichernd sein kann, als dass er einen Einblick in mögliche Erklärungsansätze für Schwangerschaft in der Adoleszenz bekommt. Darüber hinaus beschäftigt sich das 5. Kapitel jedoch hauptsächlich intensiv mit der komplexen Anforderungssituation, mit der minderjährige Mütter konfrontiert sind, indem die in Kapitel 2 und 3 erarbeiteten Entwicklungsaufgaben und Anforderungen, die jeweils mit dem Jugendalter und der Elternschaft verbunden sind, hier einander gegenübergestellt werden. Am Ende rundet ein Blick auf die rechtliche Situation der Mutter, die ja selbst nach dem Gesetz noch minderjährig ist, dieses zentrale Kapitel der Arbeit ab.

Das letzte Kapitel der theoretischen Auseinandersetzung mit der Mutterschaft im Jugendalter umfasst eine Analyse grundlegender Hilfeangebote, die minderjährige Mütter vor, während und nach der Geburt beanspruchen können. Hierbei werden sowohl rechtliche Ansprüche berücksichtigt als auch finanzielle Hilfen und sozialpädagogische Beratungsangebote diskutiert. Die Auseinandersetzung mit den Hilfeangeboten für minderjährige Mütter soll nicht zuletzt dazu dienen, die Anforderungen, die die Mutterschaft im Jugendalter an die jungen Mädchen stellt, den tatsächlich vorhandenen Angeboten zur Bewältigung dieser Anforderungssituation gegenüberzustellen, um daraus Erkenntnisse über die Angemessenheit und Qualität der Angebote zu gewinnen, die Ergebnisse in die sozialpädagogische Praxis zu transportieren und mögliche Verbesserungen und neue Ansätze und Ideen dort umzusetzen.

Im zweiten, dem empirischen Teil der Diplomarbeit, wird mit der Auswertung von persönlichen Face-to-face-Interviews, die mit fünf minderjährigen Müttern aus dem Berliner Bezirk Neukölln geführt wurden, die außerhalb von Mutter-Kind-Einrichtungen leben, ein Beitrag dazu geliefert, die Mutterschaft im Jugendalter aus der Sicht von betroffenen Minderjährigen darzustellen.

Es wird hier zum einen der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die frühe Mutterschaft im Leben der Mädchen hat. Des Weiteren wird untersucht, welche neuen Aufgaben und einschneidenden Veränderungen sich aus Sicht der jungen Mütter durch die Mutterschaft ergeben haben. Darüber hinaus liegt das Erkenntnisinteresse darin, herauszufinden, welche Art der privaten Unterstützung die Befragten erhalten haben und welche professionellen Hilfeangebote sie als junge Mütter, die nicht in einer stationären Wohnform für Mutter und Kind nach § 19 SGB VIII leben, in Anspruch genommen haben, um ihre Lebenssituation und die damit verbundenen Anforderungen besser bewältigen zu können.

Die folgenden Themenkomplexe werden deshalb in den Interviews näher erörtert:

•  Leben und Lebenssituation vor der Schwangerschaft

•  Subjektive Bedeutung der Schwanger- und Mutterschaft

•  Neue Aufgaben und einschneidende Veränderungen, die sich durch die Mutterschaft ergeben haben

•  Reaktionen auf die Schwangerschaft

•  Private Unterstützung

•  Professionelle Hilfeangebote

•  Zukunftsvorstellungen der jungen Mutter

Im dritten Teil der Diplomarbeit werden auf der Grundlage der theoretischen Reflexion und der Ergebnisse der empirischen Untersuchung Handlungsempfehlungen für die sozialpädagogische Praxis mit minderjährigen Müttern erarbeitet, die die komplexe Anforderungssituation der Mutterschaft im Jugendalter und die Lebenswelten minderjähriger Mütter im Blickfeld haben und einen adäquaten Umgang mit früher Mutterschaft in Beratung, Begleitung und bei der Konzeption neuer Angebote ermöglichen sollen.

Diese Arbeit ist für alle geschrieben, die ein grundlegendes Interesse für das Thema minderjährige Mütter mitbringen, für Fachkräfte, die in diesem spezifischen Feld der Sozialpädagogik tätig sind oder immer wieder damit in Berührung kommen oder künftig kommen möchten.

2 Das Jugendalter

2.1 Einleitende Überlegungen

Jung sein und Mutter werden – zwei Lebenslagen, die sich konträrer nicht gegenüberstehen könnten. Die vorliegende Diplomarbeit untersucht genau dieses Spannungsfeld: die Mutterschaft in der Adoleszenz. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, am Beginn das Jugendalter, zentrale Themen und spezifische Entwicklungsanforderungen, die in dieser Lebensphase an den Jugendlichen gestellt werden, genauer zu betrachten, um zu verstehen, in welcher Lebens- und Entwicklungsphase sich minderjährige Mädchen befinden, die Mutter werden. Die Ausführungen zum Jugendalter dienen nicht zuletzt dazu, zentrale Aspekte des Jugendalters im Kapitel 5.3.2 den zentralen Anforderungen der Elternschaft gegenüberzustellen und damit eine Übersicht von der komplexen Anforderungssituation, der junge Mütter in vielen Bereichen ihres Lebens gegenüberstehen und der schwierigen Lebenssituation in der sie sich befinden, zu entwickeln.

Das Jugendalter ist in biologischer, physiologischer, psychischer, intellektueller und sozialer Hinsicht geprägt von Veränderungen und neuen Erfahrungen, die sowohl positiv als auch problematisch erlebt werden können. Nicht selten kommt es in dieser Zeit zu Auseinandersetzungen, Spannungen und Konflikten in Beziehungen zu Freunden, der Familie oder innerhalb des sozialen Umfeldes. Während ‚adolescere‘ – als Wortstamm für die Adoleszenz – mit ‚heranwachsen‘ oder ‚aufwachsen‘ übersetzt werden kann, charakterisiert der Begriff Pubertät vornehmlich die körperlichen und biologischen Veränderungen, und das Jugendalter bezeichnet die Zeit des ‚Erwachsen-Werdens‘.1

Die Begriffe ‚Adoleszenz‘, ‚Jugend‘ und ‚Pubertät‘ werden je nach Wissenschaftsdisziplin – und auch hier nicht immer einheitlich – in unterschiedlicher Art und Weise verwendet. Des Weiteren herrscht innerhalb der Fachdiskussion keine Übereinstimmung bezüglich der zeitlichen Abgrenzung des Jugendalters einerseits und seiner Unterteilung in einzelne Abschnitte andererseits.2

Hurrelmann beispielsweise betrachtet die zeitliche Unterteilung des Jugendalters als schwieriges Unterfangen, denn während sich seiner Meinung nach das Ende der Kindheit mit der beginnenden Geschlechtsreife, die in der Regel im Alter zwischen 12 und 14 Jahren eintritt, noch relativ einfach markieren lässt, gestaltet sich die Abgrenzung zwischen dem Ende der Adoleszenz und dem Eintritt in das Erwachsenenalter erheblich schwieriger.3

Weitgehende Einigkeit herrscht hinsichtlich des Phänomens, dass die körperliche Entwicklung des Jugendlichen heute viel früher einsetzt und Jugendliche andererseits mit einer verlängerten Übergangsphase in das Erwachsenenalter konfrontiert sind.4

Rechtlich gesehen tritt mit dem 18. Geburtstag eines Menschen die Volljährigkeit ein, die mit neuen Rechten wie dem freien Niederlassungsrecht, der Geschäftsfähigkeit, der Ehemündigkeit und dem Wahlrecht einhergeht.5

Aber während bis vor wenigen Jahrzehnten das Ende der Jugend durch den Berufseinstieg oder die Gründung einer Familie, das heißt durch das Erreichen finanzieller und familiärer Unabhängigkeit klar gekennzeichnet war, wird diese Eindeutigkeit heute durch verlängerte Ausbildungs- und Studienzeiten, den damit verbundenen Abhängigkeiten und sich immer stärker individualisierenden Lebensläufen aufgeweicht.6

Mietzel unterscheidet zwischen früher und später Adoleszenz. Er datiert den Beginn der frühen Adoleszenz mit den ersten körperlichen Anzeichen der geschlechtlichen Reifeentwicklung, das Ende der frühen Adoleszenz sieht er mit etwa 13 Jahren gegeben. Die frühe Adoleszenz zeichnet sich nach Mietzel vor allem durch die körperliche Entwicklung des Jugendlichen aus. Darüber hinaus wandeln sich auch die Beziehungen des Heranwachsenden zu Eltern und Peers. Die späte Adoleszenz findet nach Mietzel im Alter zwischen 14 und 18 Jahren statt. Die Unabhängigkeitsbestrebungen des Jugendlichen werden immer stärker, und die Eigenständigkeit des jungen Menschen nimmt zu.7

Osthoff unterscheidet ebenfalls zwischen früher und später Adoleszenz, wobei er die frühe Adoleszenz im Alter zwischen 11 und 15 Jahren, die späte Adoleszenz im Lebensalter zwischen 15 und 18 Jahren ansiedelt.8

Bei Schäfers findet sich eine völlig andere Art der Einteilung des Jugendalters:

"die 13–18jährigen ("pubertäre Phase"): Jugendliche im engeren Sinne;

die 18–21jährigen ("nachpubertäre Phase"): die jugendlichen Heranwachsenden;

die 21–25jährigen ("Nachjugendphase"): die jungen Erwachsenen, die aber ihrem sozialen Status und ihrem Verhalten nach, noch als Jugendliche anzusehen sind"9.

Göppel unternimmt eine, wie er es selbst formuliert, pragmatische Abgrenzung: Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf die 13- bis 18-Jährigen, wenn er von Jugendlichen spricht, wobei er hierbei nochmals die Phase der Pubertät (13 - 15 Jahre) mit dem Schwerpunkt der körperlichen Veränderungen und die Phase der Adoleszenz (16 - 18 Jahre) mit dem Schwerpunkt der innerseelischen Konflikte und Auseinandersetzungen unterscheidet. Göppel sieht die Einheit dieser Altersgruppe nicht zuletzt in den körperlichen Veränderungen, neuen Verhaltensweisen, den Konflikten zwischen Eltern und Heranwachsenden, der Verweigerungshaltung gegenüber der Schule und dem veränderten Umgang mit Gleichaltrigen begründet.10

Den Fokus auf die Gruppe der 13- bis 18-Jährigen zu lenken, ist auch für die folgende Arbeit sinnvoll, da sie exakt das Alter der Zielgruppe beschreibt, auf die das Hauptaugenmerk dieser Arbeit gerichtet ist, nämlich minderjährige Mütter: Mütter, die das 18. Lebensjahr bei Geburt des Kindes noch nicht vollendet haben. Da es weder Gegenstand noch Ziel der vorliegenden Arbeit ist, sich in einer detaillierten Abhandlung hinsichtlich möglicher Definitions- und Abgrenzungsunterschiede, die innerhalb der Forschung über das Jugendalter existieren, zu verlieren, soll im Folgenden vielmehr gezeigt werden, welches Lebensgefühl, welche Schwierigkeiten, Freuden und Entwicklungsaufgaben das Jugendalter in der Lebensphase vor dem 19. Lebensjahr mit sich bringt, welche Entwicklungsprozesse und -probleme ein junger Mensch in dieser Phase seines Lebens idealtypischerweise durchlebt, um diese später im Kapitel 5.3.2 der Arbeit kontrastierend den Aufgaben von Mutter- und Elternschaft gegenüberzustellen.

2.2 Körperliche Veränderungen und psychosexuelle Entwicklung im Jugendalter

2.2.1 Körperliche Veränderungen

Die körperlichen Veränderungen sind die sichtbarsten Zeichen der Adoleszenz. Diese äußeren Signale weisen auf das Ende der Kindheit hin. Grundlegende Veränderungen ereignen sich im Bereich der Anatomie. Der Wachstumsschub, den Jugendliche erleben, wirkt sich auf die Größe, das Gewicht und die Körperproportionen aus. Während sich bei den Jungen vermehrt Muskelgewebe herausbildet, lagert sich bei den Mädchen mehr Fettgewebe an Hüften, Gesäß und Oberschenkeln an.11

Etwa im Alter zwischen 18 und 20 Jahren erreicht der Jugendliche dann seine finale Körpergröße. Dass sich nicht alle Körperteile synchron entwickeln und das Körperwachstum des Jugendlichen ungleich verläuft, spiegelt sich in vorübergehenden Disproportionen und motorisch ungelenken Bewegungen wider.12

2.2.2 Hormonelle Veränderungen

Bedeutender als das Größen- und Breitenwachstum sind die hormonellen Veränderungen im Jugendalter, die die Grundlage für die Geschlechtsreifung darstellen. Die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zeigt bei Mädchen und Jungen korrespondierende Entwicklungsabschnitte auf, die bei den Mädchen in der Regel etwa zwei Jahre früher beginnen als bei den Jungen, was auch die folgende Übersicht deutlich zeigt:13

Tabelle 1 – Reifung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale

(Quelle: Rice; 1975; S. 64, zit. nach Oerter & Dreher; 1998; S. 333)

Die körperlichen Reifegrade der Entwicklung können im Jugendalter nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch innerhalb eines Geschlechts enorm voneinander abweichen. Es gibt Jungen und Mädchen, bei denen das Wachstum und die Reifung früher – das heißt akzeleriert – oder später – das heißt retardiert – zur Normalentwicklung stattfinden.14

2.2.3 Fokus: Bedeutung der Veränderungen für heranwachsende Mädchen

Die Brüste der Mädchen wachsen, die Schambehaarung setzt ein und die Mädchenfigur entwickelt sich zunehmend zur weiblichen Frauenfigur. Darüber hinaus verändern sich Uterus, Vagina, und die Schamlippen.15

Das Einsetzen der Menstruation kennzeichnet als Zeichen für die einsetzende Fruchtbarkeit und die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, einen deutlichen Einschnitt im Leben der heranwachsenden Mädchen und kann unterschiedliche Gefühle auslösen. Manchmal werden damit verbundene Schmerzen oder die in Folge der Blutung verstärkte Einschränkung der Bewegungsfreiheit beim Schwimmen und Sport als lästig erlebt. Die Menstruation ist trotz der allseits präsenten Werbung über entsprechende Hygieneartikel in vielen Familien ein Tabuthema geblieben, das häufig mit Scham oder Peinlichkeit besetzt ist: ‚Da redet man nicht drüber‘.16

Für Heranwachsende kann die erste Periode, die Menarche, unabhängig davon, wie alt sie zu diesem Zeitpunkt sind, als dramatisch oder völlig unproblematisch erlebt und in Erinnerung behalten werden. Häufig begleiten Unsicherheit, Unwissenheit, Gefühle der Scham und Ambivalenz dieses einschneidende Erlebnis in der Reifeentwicklung der Mädchen. Dies ist vermehrt der Fall, wenn sie unwissend in diese Situation gelangen und zuvor nicht ausreichend aufgeklärt worden sind. Je besser Mädchen informiert und in Gesprächen darauf vorbereitet wurden, dass sie zur Frau und damit fruchtbar werden, umso leichter und positiver kann ein heranwachsendes Mädchen dieses Ereignis integrieren.17 Mit den Veränderungen des Körpers entsteht auch ein neues Gefühl und Bewusstsein für den Körper. Die Veränderungen müssen von der Heranwachsenden akzeptiert und in ihr bisheriges Körperkonzept und die Persönlichkeit integriert werden. Hieran wird deutlich, dass die Geschlechtsreifung und die psychische Entwicklung stark zusammenhängen.18

Die zunehmende Weiblichkeit wird von Mädchen unterschiedlich erlebt. Während der Adoleszenz wächst das Interesse am eigenen Aussehen. Die Gedanken des Jugendlichen kreisen verstärkt um den eigenen Körper, jede Veränderung wird akribisch im Spiegel beobachtet. Gefühle von Unsicherheit und Scham, Unzufriedenheit und Befremdlichkeit, aber auch Stolz vermischen sich und müssen sortiert werden. Der eigene Körper wird kritisch begutachtet und Vergleichen mit Altersgenossen unterzogen, die wiederum Rückwirkung auf das eigene Lebensgefühl haben können. Vor allem in Anbetracht der in der Medienwelt propagierten weiblichen Schönheiten und der Orientierung an fraglichen Idealen aus der Reklame neigen Mädchen dazu, ihren Körper abzuwerten, sie können häufig die eigenen weiblichen Rundungen nur schwer akzeptieren und sind unzufrieden mit sich selbst. Ein positives Gefühl zum eigenen Körper mit all seinen Schönheitsfehlern aufzubauen und sich den überperfekten Idealen aus Werbung und Fernsehen zu entziehen, ist keine leichte Aufgabe. Häufig steht die eigene körperliche Attraktivität in direktem Zusammenhang mit dem Selbstbild und dem Selbstwertgefühl des Jugendlichen, vor allem bei den Mädchen. Heranwachsende erleben darüber hinaus zum ersten Mal, welche Wirkung ihr Körper auf das andere Geschlecht hat. Für Mädchen mit positivem Körperbild kann die weibliche Figur mit einer Steigerung der Attraktivität gegenüber Jungen verbunden sein.19

Barbara Sichtermann beschreibt dies folgendermaßen:

"Urplötzlich sind sie im Stande, einen Raum voller Menschen zum Verstummen zu bringen, wenn sie eintreten. Blicke zu zwingen, ihnen zu folgen, wenn sie vorbeigehen. Aufmerksamkeiten auf sich zu ziehen mit der Macht eines Magneten. Natürlich besitzen sie nicht alle diese Macht in voller Stärke. Aber die meisten verfügen über ein gutes Stück. Und zu Beginn, während der Pubertät, ist ihnen ihre neu gewonneneMacht sowohl unerklärlich als auch unheimlich und manchmal sogar peinlich"20.

2.2.4 Säkulare Akzeleration

Feststellbar ist darüber hinaus, dass sich die körperliche und geschlechtliche Entwicklung von Jugendlichen innerhalb unserer Gesellschaft nach vorne verlagert hat und heute früher beginnt. Es lässt sich hier eine säkulare Akzeleration hinsichtlich der Entwicklung im Jugendalter erkennen. Mädchen bekommen beispielsweise ihre Menarche heute durchschnittlich mit 13 Jahren deutlich früher als noch vor 120 Jahren, als die erste Regelblutung erst mit durchschnittlich 17 Jahren eintrat. Dies ergaben Forschungen in Europa und den USA.Gründe hierfür sind nicht zuletzt die verbesserte medizinische Versorgung und die besseren Lebensbedingungen.21

2.3 Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nach Robert J. Havighurst

Die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters der Postmoderne zeichnen sich durch Komplexität aus. Während in anderen Kulturen feierliche Zeremonien den Übergang vom Kind zum Erwachsenen einleiten, die dem Heranwachsenden nach Durchlaufen des Initiationsritus innerhalb von Stunden, Tagen oder Wochen den vollständigen Status eines Erwachsenen zubilligen, ist der Jugendliche in unserer Gesellschaft in verstärktem Maße selbst aufgefordert, Lösungswege für die persönlichen, sozialen oder beruflichen Anforderungen zu generieren und wächst erst allmählich durch den Erwerb von immer mehr Kompetenzen in das Erwachsenenalter hinein.22

Der amerikanische Pädagoge Robert Havighurst beschreibt Entwicklungsaufgaben als Lernaufgaben und den gesamten Entwicklungsprozess als Lernprozess, bei dem fortlaufend neue Kompetenzen erworben werden, um die Anforderungen des Lebens bewältigen zu können:23

"Eine ‚Entwicklungsaufgabe‘ ist eine Aufgabe, die in oder zumindest ungefähr zu einem bestimmten Lebensabschnitt des Individuums entsteht, deren erfolgreiche Bewältigung zu dessen Glück und Erfolg bei späteren Aufgaben führt, während ein Mißlingen zu Unglücklichsein, zu Mißbilligung durch die Gesellschaft und zu Schwierigkeiten mit späteren Aufgaben führt"24.

Havighurst unterscheidet als Motor für die Entwicklungsaufgaben im Jugendalter drei verschiedene Quellen. Sowohl physische Reifeprozesse mit körperlichen und biologischen Veränderungen, die neue Möglichkeiten der Erfahrung und Entfaltung mit sich bringen, als auch die gesellschaftliche Erwartungshaltung an die Fähigkeiten, Kompetenzen und das Verhalten des Heranwachsenden und die eigenen, persönlichen und individuell unterschiedlichen Wünsche, Bestrebungen, Träume und Ideen von Werten und Zielen können treibende Kraft für die eigene Entwicklung 25.

Folgende Entwicklungsaufgaben müssen nach Havighurst im Laufe der Adoleszenz, im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, der Übergangsphase zwischen Kindheit und frühem Erwachsenenalter, bewältigt werden:

"1. Neue und reifere Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts aufbauen.

2. Übernahme der männlichen / weiblichen Geschlechtsrolle.

3. Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers.

4. Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern und von anderen Erwachsenen.

5. Vorbereitung auf Ehe und Familienleben.

6. Vorbereitung auf eine berufliche Karriere.

7. Werte und ein ethisches System erlangen, das als Leitfaden für Verhalten dient, Entwicklung einer Ideologie.

8. Sozial verantwortliches Verhalten erstreben und erreichen"26.

Die einzelnen Entwicklungsaufgaben können nicht isoliert voneinander betrachtet werden, da sie in Beziehung zueinander stehen und sich die Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe auch auf andere Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung auswirkt.27

Entwicklungsaufgaben müssen darüber hinaus immer im Kontext der jeweiligen Gesellschaft, Kultur und im historischen Wandel betrachtet werden. Da Havighurst die Entwicklungsaufgaben für die amerikanische Gesellschaft seiner Zeit entworfen hat, wurden diese beispielsweise von Dreher und Dreher im Jahr 1985 in modifizierter Weise dargestellt, wobei die wesentlichen Inhalte von Havighurst nicht gänzlich verändert wurden, sondern allenfalls aktuellen Entwicklungen angepasst worden sind:

"- Aufbau eines Freundeskreises: Zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts werden neue, tiefere Beziehungen hergestellt.

- Sich das Verhalten aneignen, das man in unserer Gesellschaft von einem Mann bzw. von einer Frau erwartet.

- Von den Eltern unabhängig werden bzw. sich vom Elternhaus loslösen.

- Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung: Veränderungen des Körpers und des eigenen Aussehens annehmen.

- Wissen, was man werden will und was man dafür können (lernen) muss.

- Aufnahme intimer Beziehungen zum Partner (Freund / Freundin).

- Vorstellungen entwickeln, wie der Ehepartner und die künftige Familie sein sollen.

- Über sich selbst im Bilde sein: Wissen, wer man ist und was man will.

- Entwicklung einer eigenen Weltanschauung: sich darüber klar werden, welche Werte man hoch hält und als Richtschnur für sein eigenes Verhalten akzeptiert.

- Entwicklung einer Zukunftsperspektive: Sein Leben planen und Zeile ansteuern, von denen man glaubt, dass man sie erreichen kann"28.

Um Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, müssen bisher angewandte Verhaltensmuster und Lebensgewohnheiten verändert werden, der Jugendliche muss sich neu organisieren und erhält die Chance, Neues zu lernen. Entwicklungsaufgaben stellen für den Jugendlichen eine Herausforderung dar, deren Bewältigung als enorm bereichernd erlebt werden kann und die weitere Entwicklung vorantreibt. Scheitert jemand an einer Entwicklungsaufgabe oder bewältigt er sie nicht hinreichend genug, dann kann dies zu schmerzhaften Erfahrungen und Rückschlägen führen, die die weitere Entwicklung behindern.29

2.4 Identität als zentrale Thematik des Jugendalters

2.4.1 Vom Egozentrismus in der Adoleszenz

Im Jugendalter entwickelt sich das abstrakte Denken des Jugendlichen, der dadurch zunehmend die Möglichkeit bekommt, sich selbst differenzierter wahrzunehmen und sich selbst als soziale und personale Identität zu begreifen.30 Im Jugendalter drehen sich die Gedanken des Jugendlichen vornehmlich um sich selbst. Für den Heranwachsenden ist es von entscheidender Bedeutung, seine Persönlichkeit selbst zu definieren und eine Vorstellung davon zu entwickeln, wer und wie man selbst sein möchte und was das eigene Selbst, den eigenen Charakter ausmacht. Der Jugendliche beginnt seine Individualität zu erforschen und stellt die eigene Person, seine Gefühle, Gedanken und Ideen in den Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit.31

Die Suche nach der eigenen Identität geht nicht selten mit Selbstzweifeln, starker Verunsicherung, Empfindlichkeit und Verletzbarkeit und Gefühlen von Orientierungslosigkeit, Widersprüchlichkeit und Überforderung einher.32

2.4.2 "Identität versus Rollendiffusion"33– Erik Erikson

Erikson beschreibt das Jugendalter als eine Zeit, in der sich der Heranwachsende zunehmend mit seiner eigenen Identität beschäftigt, denn

"Ein gefestigtes Identitätsgefühl ist der wichtigste Grundstock für eine seelisch gesunde Entwicklung im Erwachsenenalter"34.

Nach Erikson besteht die Aufgabe des Jugendlichen darin, innerhalb der bestehenden Sozialordnung seine wahre Ich-Identität zu finden, sein individuelles Selbst zu entdecken und ein stabiles Selbstbild zu entwickeln, zu fragen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Was unterscheidet mich von anderen? Was möchte ich zukünftig machen? Wofür möchte ich mich einsetzen? Diese intensive Beschäftigung mit der eigenen Identität gipfelt nach Erikson in der Adoleszenz in einer Identitätskrise, in der die eigene Identität als unsicher und fraglich erlebt wird. Erikson hat diese Krise innerhalb der Adoleszenz jedoch immer im Kontext der lebenslangen Identitätsarbeit des Menschen betrachtet, die nie als völlig abgeschlossen gesehen werden kann. Seine Charakterisierung des Jugendalters als "Psychosoziales Moratorium"