Wyatt Earp Classic 29 – Western - William Mark - ebook

Wyatt Earp Classic 29 – Western ebook

William Mark

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Opis

"Vor seinem Colt hatte selbst der Teufel Respekt!" (Mark Twain) Der Lieblingssatz des berühmten US Marshals: "Abenteuer? Ich habe sie nie gesucht. Weiß der Teufel wie es kam, dass sie immer dort waren, wohin ich ritt." Diese Romane müssen Sie als Western-Fan einfach lesen! Tombstone. Flimmernde Hitze lastete über der Stadt. Die Konturen der berühmten Blauen Berge verschwammen im Bleigrau des Himmels. Die breite Allenstreet lag wie ausgestorben in der Mittagsstunde. Am Zügelholm vorm Palace Saloon stand ein einzelnes Pferd in der prallen Sonnenglut. Ein gesattelter und aufgezäumter Grauschimmel. Obgleich ihm die Hitze fürchterlich zusetzen mußte, ließ der Hengst seinen Kopf nicht hängen. Sein Herr war schon seit zwei Stunden im Saloon. Es war ein untersetzter Mann mit kantigem Schädel, der halslos auf dem wuchtigen Rumpf zu sitzen schien. Er trug gestreifte Yearninghosen, ein graues Hemd und eine gelblederne Weste. Tief auf seinem linken Oberschenkel hing im offenen Halfter seines patronengespickten Waffengurtes ein übergroßer Smith & Wesson-Revolver. Der breitrandige Melbahut saß dem Mann weit im Genick und gab eine niedrige, von tiefen Falten zerschnittene Stirn frei. Das struppige flachsgelbe Haar schien sein Gesicht einzurahmen. Hart stachen unter dichten schwarzen Brauen zwei schiefergraue Augen hervor. Die Nase war kurz und breit, der Mund aufgeworfen und an den Winkeln scharf nach unten gezogen. Das Kinn sprang weit vor und war in der Mitte gespalten. Der Mann hatte sich wenigstens drei Tage nicht rasiert. Sein Anzug war vom weißgelben Sandstaub der Arizonaerde wie gepudert. Der Wirt, ein schmalbrüstiger kleiner Mann, lehnte mit müden Augen am Flaschenbord, gähnte, fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel und verwünschte den Gast in die Hölle. "Noch einen Firepoint"

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Wyatt Earp Classic – 29 –

Silver-City

William Mark

Tombstone.

Flimmernde Hitze lastete über der Stadt. Die Konturen der berühmten Blauen Berge verschwammen im Bleigrau des Himmels.

Die breite Allenstreet lag wie ausgestorben in der Mittagsstunde.

Am Zügelholm vorm Palace Saloon stand ein einzelnes Pferd in der prallen Sonnenglut. Ein gesattelter und aufgezäumter Grauschimmel. Obgleich ihm die Hitze fürchterlich zusetzen mußte, ließ der Hengst seinen Kopf nicht hängen.

Sein Herr war schon seit zwei Stunden im Saloon. Es war ein untersetzter Mann mit kantigem Schädel, der halslos auf dem wuchtigen Rumpf zu sitzen schien.

Er trug gestreifte Yearninghosen, ein graues Hemd und eine gelblederne Weste. Tief auf seinem linken Oberschenkel hing im offenen Halfter seines patronengespickten Waffengurtes ein übergroßer Smith & Wesson-Revolver.

Der breitrandige Melbahut saß dem Mann weit im Genick und gab eine niedrige, von tiefen Falten zerschnittene Stirn frei. Das struppige flachsgelbe Haar schien sein Gesicht einzurahmen. Hart stachen unter dichten schwarzen Brauen zwei schiefergraue Augen hervor. Die Nase war kurz und breit, der Mund aufgeworfen und an den Winkeln scharf nach unten gezogen. Das Kinn sprang weit vor und war in der Mitte gespalten.

Der Mann hatte sich wenigstens drei Tage nicht rasiert. Sein Anzug war vom weißgelben Sandstaub der Arizonaerde wie gepudert.

Der Wirt, ein schmalbrüstiger kleiner Mann, lehnte mit müden Augen am Flaschenbord, gähnte, fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel und verwünschte den Gast in die Hölle.

»Noch einen Firepoint«, schnarrte der Fremde.

Bunch Norton nickte und langte mit einer trägen Bewegung nach einer dickbauchigen Flasche.

Die rubinrote Flüssigkeit floß in das dicke Glas.

Der Fremde kippte den Inhalt auf einen Zug hinunter.

Dann stützte er sich mit den Ellenbogen auf das Thekenblech und blickte starr in das Gesicht des Salooners. Wie seit zwei Stunden.

Wenn der Kerl doch nur ginge, dachte Norton.

In diesem Augenblick öffnete der Fremde die Lippen und fragte mit rauher Stimme: »Wo wohnt der Sheriff?«

Norton war sofort hellwach. »Der Sheriff? Ein paar Häuser weiter.«

»Wie heißt er?«

»Behan.«

»Kenne ich nicht. Gehört er zu Shibells Leuten?«

»Yeah, so ungefähr. Charles Shibell ist Sheriff von Pima County. Und Johnny Behan ist hier der Deputy.«

»Was ist das für ein Kerl?«

Norton zog lässig die Schultern hoch. »Was soll ich da sagen, Mister? Es ist ein mittelgroßer Bursche mit schmalen Schultern und einem schwarzen Kinnbart. Das ist eigentlich alles, was man von ihm sagen kann.«

»Das ist nicht viel.«

Norton feixte: »Nein, nicht viel. Yeah, seine Stiefel sind immer blank.«

Der Fremde grinste. »Er sitzt also meistens in seinem Office?«

»Yeah.«

Das Grinsen auf dem Gesicht des Fremden wurde breiter und wirkte direkt zufrieden.

»Er überläßt dem Marshal die ganze Arbeit«, fügte Norton hinzu.

Das Lachen aus dem Gesicht des Fremden verschwand. »Ihr habt auch noch einen Marshal in diesem Nest?«

»Yeah.« Der Ärger in dem Gesicht des Fremden machte Norton plötzlich Spaß. Er hatte ohnehin einen Zorn auf den Mann. Wie kam der dazu, sich über zwei Stunden mit zwei Glas Firepoint hier an die Theke zu stellen.

Der Fremde blickte den Wirt forschend an. »Wie heißt er?« fragte er nach einer Weile des Schweigens.

Norton rieb sich das Kinn. Er ließ den Fremden jetzt nicht mehr aus den Augen. »Earp.«

Der Mann schob das kleine dicke Glas über den Tresen. »Noch einen Firepoint.«

Der Feuerpunkt vermochte seine Stimmung auch nicht zu heben.

»Sagten Sie Earp?«

»Yeah, Earp.«

Norton wischte mit dem Ellbogen einen Tropfen von der Theke.

»Wyatt Earp?« fragte der Fremde.

»Nein, Virgil Earp. U.S. Deputy Marshal Virgil Earp.«

»Ist der Bursche mit dem anderen, mit dem Dodger Marshal, irgendwie entfernt verwandt?«

»Nicht irgendwie entfernt, Mister, Wyatt ist sein Bruder.«

Das schien dem Mann absolut nicht zu gefallen. »Ich war ein paar Jahre drüben in Mexiko. Hat sich etwas geändert hier? Ist Wyatt Earp noch oben in Dodge?«

»Yeah.«

Sofort verschwanden die Falten von der Stirn des Fremden. »Noch einen Firepoint.«

Er kippte ihn hinunter, warf ein silbernes Geldstück auf den Tisch und wandte sich um.

»Wo ist sein Office?« fragte er, ohne sich umzuwenden.

Norton knurrte: »Drüben, aber Sie können sich den Weg sparen. Er steht draußen bei dem Gaul.«

Der Fremde stieß die Pendeltür auf und blickte geblendet auf die vom gleißenden Sonnenlicht überflutete Straße.

Eben war ein großer, breitschultriger Mann damit beschäftigt, den Grauschimmel in den Schatten neben dem Vorbau zu führen.

Der Fremde schnarrte: »He, bleiben Sie stehen!«

Der Mann mit dem Pferd blieb stehen. Er hatte ein braunes energisches Gesicht, aus dem ein graublaues, hartes Augenpaar blickte. Links auf seiner Brust blinkte ein Marshalstern.

Der Mann oben auf dem Vorbau des Palace Saloons hatte den Revolver in der vorgestreckten Linken.

Jetzt verzog sich sein breiter Mund zu einem wenig angenehmen Grinsen. »Ach, Sie sind es, Marshal. Ich hätte Sie glatt für einen Pferdedieb gehalten. Sie können von Glück sagen, daß ich erst nach Anruf ziele und erst dann schieße, wenn der andere den Colt in der Hand hat.«

»Dann sind Sie ja direkt ein Gentleman«, versetzte der Deputy-Marshal spöttisch. »Schade nur, daß der Gaul nichts davon merkt.«

Virgil warf die Zügelleine um den kleinen Querholm, der zwischen dem Palace Saloon und Henry Dofeos Sattlerei angebracht war.

Der Fremde schob den Colt ins Halfter, stemmte die Hände in den Rücken und musterte den Sternträger mit engen Augen.

»Sie sind Virgil Earp, nicht wahr?«

Der Deputy nickte, schob sich den Hut aus der Stirn und schickte sich an, die Straße zu überqueren.

»Nicht so eilig, Earp«, rief der Fremde ihm nach.

Virgil blieb stehen und wandte den Kopf. »Was gibt’s noch?«

Der Fremde trat langsam vom Vorbau und kam auf den Deputy zu. Einen Yard vor ihm blieb er stehen. »Wer

wird’s denn so eilig haben in dieser Hitze?«

»Ich habe es eilig, Mister.« Er wollte weiter, aber der Fremde verstellte ihm den Weg.

»Ich bin Jeff Rattler.«

Virgil schob die Hände in die Hüften und musterte das bärtige Gesicht Rattlers. »Hübscher Name.«

»Unbedingt.«

Urplötzlich verschwand das Feixen aus dem Gesicht Rattlers. »Wenn Sie der kleine Bruder des großen Wyatt sind, Freund, werden Sie vernünftig sein.«

Diese Unverschämtheit mußte der langmütige Mann aus Missouri erst einmal hinunterschlucken. »Hören Sie, Mister Rattler, ich bin ein gemütlicher Kerl, aber leider habe ich hier in Arizona einen Job. Drüben im Office wartet Arbeit auf mich.«

»Was Sie nicht sagen!« höhnte Rattler. »Ich wette, daß wir beide jetzt hier im Saloon zusammen einen Drink nehmen werden.«

In den Augenwinkeln des Deputys blitzte es. »Da würde ich doch vorsichtig sein, Rattler.«

»Weshalb?« fragte der andere lauernd.

»Weil es sich gegen einen Earp immer schlecht wetten läßt.«

Rattler stutzte, nahm den Kopf zurück und beobachtete den Sternträger scharf. Ärger und Verwunderung kämpften miteinander in seinem breiten Gesicht.

Plötzlich lachte er. Erst langsam und leise, dann schnell, hart, laut und dröhnend. »Du bist ein Spaßvogel, Junge. Vorwärts, wir nehmen drin im Saloon einen Drink. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.«

Mit einem Ruck senkte der Deputy den Kopf. »Ich schlage Ihnen den Drink ab, Rattler«, entgegnete er schroff.

»Was soll das heißen, Earp?«

Virgil senkte den Blick in die Augen Rattlers und ging dann vorwärts, hart an dem Mann vorbei.

»Bleib stehen, Boy!« pfiff er hinter dem Marshal her.

Virgil ging weiter.

Als er die Straßenmitte erreicht hatte, bellte ein Schuß hinter ihm auf.

Er bekam einen Schlag gegen den linken Absatz, daß der Fuß sicher nach vorn gestoßen worden wäre, wenn er nicht gerade das ganze Körpergewicht darauf verlagert hätte.

Langsam wandte Virgil sich um.

Mit gesenktem Kopf blickte er durch die kleine graue Pulverwolke, die auf ihn zuflog, in das Gesicht des Schützen.

Rattler stand breitbeinig da, feixend, mit dem rauchenden Colt in der immer noch erhobenen Linken.

»Yeah, der Absatz ist hin, Earp. Das kommt davon, wenn kleine Boys einem Rattler einen Drink abschlagen.«

Virgil zog den Colt. »Laß den Revolver fallen, Rattler«, kam es rauh von seinen Lippen.

Statt diesem Befehl Folge zu leisten, riß der mit dem linken Daumen den Hahn zurück.

Aber ehe sein Zeigefinger den Stecher durchziehen konnte, brüllte Virgils Revolver auf.

Rattler bekam einen Stoß in die linke Hand. Der Colt wurde zur Seite geschleudert und landete einen Yard neben Rattler im Straßenstaub.

Von der Hand des Getroffenen rann Blut.

Rattler starrte fassungslos und steif vor Verblüffung auf den Deputy. Dann sah er auf die Hand.

Sein Gesicht war plötzlich olivfarben geworden.

Virgil behielt den Colt in der Hand. »Hören Sie zu, Rattler. Ich gebe Ihnen genau fünf Minuten Zeit. Wenn ich Sie dann noch in der Stadt sehe, stecke ich Sie ins Jail.«

Rattlers Gesicht war eine Studie der Verblüffung. »Das – das kann doch nicht wahr sein«, brach es aus ihm hervor. »Der kleine, lausige Earp hat mich angeschossen.«

»Gehen Sie zu Ihrem Gaul und reiten Sie aus der Stadt.« Virgils Gesicht war hart wie Stein.

Rattler rührte sich nicht. Die Linke hielt er noch so vorgestreckt, als hielte er den Revolver darin.

Virgil spannte den Hahn. Das metallische Geräusch drang wie ein Peitschenschlag an Rattlers Ohr.

Da verzog er den Mund.

Er wandte sich langsam um und blickte auf seinen Colt – einen Augenblick nur. Dann ging er auf ovalen Reiterbeinen mit staksigem Schritt zu seinem Grauen hinüber.

Mit der Rechten zog er sich in den Sattel.

Virgil ging zu Rattlers Colt, hob ihn auf, leerte die Trommel und warf die Waffe dem Reiter zu.

Rattler fing den Revolver auf und ritt dann auf den Deputy zu. Zwei Yards vor ihm hielt er an.

Seine Augen waren jetzt eng und schmal wie Schießscharten. »Ich komme wieder, Earp. Und dann rechnen wir ab.«

*

In einer Bergschlucht nahe der mexikanischen Grenze, in den Bisbee-Hills, stand die Herde.

Zweitausend braunweißgescheckte Rinder.

Neun Cowboys hielten die Tiere, die immer wieder einen flachen Hang hinauf ausbrechen wollten, zusammen.

Vorn am Schluchteingang hockte ein Mann auf einem großen grauen Felsstein.

Es war ein Mann in den Dreißigern. Groß, breitschultrig, mit tiefbraunem Gesicht, grünen Augen und weit vorgeschobenem Kinn.

Den mißfarbenen Stetson hatte er tief in die Stirn gezogen. Sein Hemd war grau und verwaschen, die helle Weste stach nicht eben harmonisch davon ab. Seine ledernen Chaps waren zerschlissen wie auch seine texanisch besteppten hochhackigen Stiefel, die große mexikanische Radsporen trugen.

Mit seinen klobigen Händen drehte sich der Mann eine Zigarette.

Als sie zwischen seinen gelben Zähnen steckte und dünne Rauchfetzen in den tiefblauen Arizonahimmel schickte, blickte der Mann wieder starr wie vorher in das Land hinaus.

Plötzlich zog er die Brauen zusammen.

In der Ferne hoch oben im Nordwesten, hatte er einen winzigen Punkt entdeckt, der sich zu bewegen schien und langsam größer wurde.

Nach wenigen Minuten war er so nahe, daß der Beobachter den Reiter zu erkennen schien.

Er erhob sich, zertrat die Zigarette, wandte sich um und stieß einen scharfen Pfiff durch die Zähne.

Einer der Cowboys kam herangeprescht.

Es war ein kleiner, drahtiger, hartgesichtiger Bursche mit hellen Falkenaugen und strähnigem grauem Haar.

»Was gibt’s, Hal?«

»Da hinten kommt Jeff, Carter. Macht euch fertig. Es geht gleich los.«

Carter nickte, riß seinen Fuchs herum und sprengte davon.

Jeff Rattler kam heran.

Sein älterer Bruder Hal sah ihm entgegen.

Als Jeff vom Pferd stieg, knurrte Hal: »Das hat lange gedauert.«

Jeff ließ die Zügelleinen fallen und kam auf den Bruder zu.

Der sah das blutgetränkte Taschentuch um die Linke des anderen. »Was ist das? Von einem Sturz?«

Jeff schüttelte den Kopf. »Von einer Kugel«, sagte er, nahm mit der Rechten seinen Tabaksbeutel aus der Brusttasche, riß mit den Zähnen die Verschnürung auf, angelte ein braunes Papierchen aus der Hosentasche und füllte sich eine Prise der feingestoßenen Tabakblätter auf.

Dann ließ er den Beutel wieder in der Brusttasche verschwinden und drehte sich mit der einen Hand geschickt eine Zigarette.

Hal reichte ihm Feuer. »Von einer Kugel?« fragte er heiser. »Bist du überfallen worden?«

Jeff lachte rauh auf. »No, es war etwas anderes.«

»Erzähl’ endlich«, knurrte Hal befehlsgewohnt. »Was ist denn mit der Hand?«

»Was soll sein? Eine Schießerei natürlich.«

»Natürlich nennst du das? Ich finde es absolut nicht natürlich. Ich habe dir doch gesagt, daß du nur nachsehen sollst, ob die Luft rein ist. Wenn man zweitausend gestohlene Rinder durch eine Stadt bringen will, kann man sich nicht benehmen, wie man will.«

Jeff begehrte auf. »Ich weiß nicht, was du willst, Hal. Was soll in Tombstone schon sein? Wir bringen die Herde durch. Das ist schließlich die Hauptsache.«

»Wer ist Sheriff?«

»Behan.«

»Kenne ich nicht. Hast du ihn gesehen?«

»Nein.«

»Nicht? Hast du dich wenigstens nach ihm erkundigt.«

»Ja, es ist ein Gentleman-Sternträger. Es ist ein mittelgroßer Bursche und trägt einen Kinnbart. Mehr gibt es über ihn nicht zu sagen.«

»Und sonst?«

»Was sonst? Die Allenstreet ist leer.«

»Yeah, um Mittag sind die Straßen hier in allen Städten leer. Hast du die Crew irgendeiner Ranch gesehen? Du solltest doch in die Saloons gehen. Hast du Soldaten gesehen oder sonst eine Ansammlung von Männern? Minenarbeiter zum Beispiel können uns gefährlich werden, wenn sie hinter dem Sheriff stehen.«

»Nichts da, die Stadt ist ruhig wie ein Friedhof.«

Hal drehte sich eine neue Zigarette. »Was war mit der Hand?«

»Ein Bursche schlug mir einen Drink aus.«

»Ich hoffe, daß wir dadurch keinen Ärger kriegen.«

Jeff schüttelte den Kopf. »Müssen wir denn unbedingt durch Tombstone? Ich finde, die Stadt hat einen verdammt üblen Namen. Grabstein. Wie kann man eine Stadt nur Grabstein nennen. Das ist doch das letzte und hinterste.«

»Rede keinen Unsinn. Wir müssen durch die Stadt. Wer hier durchs County nach Norden oder Nordwesten will, muß durch Tombstone. Tut er das nicht, fällt er erst recht auf.«

*

Der Rustler Hal Rattler trieb die gestohlene Herde auf die Stadt zu.

Es war später Nachmittag, zwischen fünf und sechs Uhr, als er die Herde in die Allenstreet führte.

Schießend, mit den Bullpeitschen klatschend und schreiend, trieben die Cowboys die Rinder vorwärts.

Es waren nur wenige Menschen auf den Vorbauten und an den Fenstern zu sehen. Eine Rinderherde war schließlich nichts Besonderes.

Well, die Zeit war vielleicht etwas ungewohnt, denn die großen Trecks waren eigentlich vorüber. Aber wußte der Teufel, was diesen Trail hier so lange aufgehalten hatte.

Hal Rattlers Rechnung ging nicht auf. Jedenfalls nicht so, wie er sich das gedacht hatte. Auf der Höhe des Palace Hotels stand plötzlich ein Mann auf der Straße.

Links auf seiner Brust blitzte in der sinkenden Sonne ein Stern.

Hal warf einen kurzen Blick auf Jeff. »Wer ist das?«

»Ein Deputy.«

»Was will er?«

Jeff blickte den Bruder nicht an. »Er hat den Drink ausgeschlagen.«

Hals Kopf flog herum. »Bist du wahnsinnig?« zischte er. »Du schießt dich mit einem Polizisten?«

»Yeah, es ging nicht anders.«

»Darüber sprechen wir noch«, knurrte Hal. »Sieh dir den Kerl an. Der hat dich erkannt. Nur deinetwegen steht er jetzt da mitten auf der Straße.«

»Unsinn«, gab Jeff gelassen zurück, »der würde dich auch anhalten, wenn du mich nicht bei dir hättest.«

Hal hatte unwillkürlich seinen Rappen angehalten. »Was soll das heißen?« stieß er heiser hervor.

»Frag ihn selbst. Übrigens, er heißt Earp.«

»Deputy«, kam es fast tonlos von seinen Lippen. »Was faselst du da?«

»Yeah, Virgil Earp.«

Hals Brust hob und senkte sich. Er schien sichtlich erleichtert.

Da versetzte Jeff den nächsten Stich. »Wyatt Earp ist sein Bruder.«

Hal preßte die Lippen zusammen, senkte den Kopf und ritt weiter.

Als er bis auf zehn Yards vor dem Deputy angekommen war, hob der die Hand.

Hal brachte sein Pferd zum Stehen. »Was gibt’s?«

Virgil kam ein paar Schritte näher. »Ist das Ihre Herde?«

»Yeah.«

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Hal Rattler!« Es klang sehr sicher und sehr selbstbewußt. Der Rustler hatte sich gefangen. Er wußte, daß er jetzt keinen Fuß Boden preisgeben durfte, wenn er nicht alles aufs Spiel setzen wollte.

»Well, Mr. Rattler. Ich muß Sie fragen, woher die Herde kommt.«

Da zuckte die Hand des Rustlers zum Colt. Auch er trug ihn wie der Bruder links.

Hal richtete die Waffe auf den Deputy. »Geh aus dem Weg, Junge. Ich habe keine Zeit.« Virgils heißes Blut ließ ihn nicht warten. Wieder handelte er anders, als der Bruder gehandelt hätte.

Er warf sich zur Seite und zog im Fallen den Colt.

Hal schoß, traf ihn nicht.

Virgil schoß zurück.

Er traf Hal mit einem Streifschuß am Unterarm.

Jeff wirbelte den längst geladenen Revolver hoch und schoß.

Die Kugel traf den Deputy.

Hal sprang vom Pferd und schleppte den am Boden liegenden Sternträger von der Straße.

Dann ging der Treck weiter.

Brüllend und stampfend schob sich die Herde durch die Stadt.

Als Virgil zu sich kam, waren Stunden vergangen.

Er lag in einem sauber eingerichteten Zimmer und sah in das faltenzerfurchte bärtige Gesicht von Doc Hellmers.

»So, Mrs. Earp, Sie können sich beruhigen. Er ist bereits wieder munter. Es war wirklich nur ein Streifschuß, der die Schläfe berührt hat.«

Virgil wollte sich aufrichten.

Der alte Arzt drückte ihn zurück. »Sie müssen liegenbleiben, Mr. Earp. Es war zwar nur ein Streifschuß, aber Ruhe brauchen Sie doch. Die Wunde ist nun glücklich geschlossen. Auf keinen Fall aber dürfen Sie jetzt schon aufstehen.«

Virgil schloß die Augen und öffnete sie dann wieder.

Er sah das sorgenvolle Gesicht seiner jungen Frau vor sich. Neben ihr tauchte der Wuschelkopf seines Jungen auf.

»Vater…«

Virgil mühte ein Lächeln auf sein bleiches Gesicht.

»Du wirst es ihm geben, Vater«, sagte der Junge. Dabei standen ihm Tränen in den Augen.

*

Mit dumpfem, schmerzendem Schädel ritt Virgil nach Nordwesten aus der Stadt.

Erst drei Tage später kam er zurück.

Blaß, abgemagert und hohläugig, als habe er eine monatelange Strapaze hinter sich.

Vor seinem Office rutschte er aus dem Sattel.

Jim McCoy, sein Stellvertreter, kam ihm entgegen.