Wie weit die Liebe geht - Glenn Stirling - ebook

Wie weit die Liebe geht ebook

Glenn Stirling

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Opis

Dr. Lothar Hartmann ist ein begnadeter Chirurg, der dies auch selbst weiß und mit diesem Wissen nicht hinter dem Berg hält. Vor allem seine Verlobte, die junge Ärztin Rita Schönauer, leidet unter seinen Allüren. Als die Klinik eine neue Verwaltungschefin bekommt, lässt sich Lothar nur allzu bereitwillig auf eine Affäre mit ihr ein. Für Rita stürzt eine Welt ein. Dann begeht Lothar bei einer Gehirnoperation einen folgenschweren Fehler: Ein kleines Mädchen erwacht nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit. Der Vater des Mädchens lässt seinen Einfluss spielen und verlangt eine Untersuchung. Das Gutachten soll Prof. Harry Schachtner erstellen, den Rita aus ihrem Studium kennt. Schachtner soll das Gutachten zu Lothars Gunsten ausfallen lassen. Doch Schachtner fordert einen Preis: Rita. Wie weit wird Rita für Lothar zu gehen bereit sein?

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Glenn Stirling

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Inhaltsverzeichnis

WIE WEIT DIE LIEBE GEHT

Klappentext:

Roman:

WIE WEIT DIE LIEBE GEHT

Roman

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, 2017

(ehem. Titel: DA NAHM SIE ALLE SCHULD AUF SICH)

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Klappentext:

Dr. Lothar Hartmann ist ein begnadeter Chirurg, der dies auch selbst weiß und mit diesem Wissen nicht hinter dem Berg hält. Vor allem seine Verlobte, die junge Ärztin Rita Schönauer, leidet unter seinen Allüren. Als die Klinik eine neue Verwaltungschefin bekommt, lässt sich Lothar nur allzu bereitwillig auf eine Affäre mit ihr ein. Für Rita stürzt eine Welt ein. Dann begeht Lothar bei einer Gehirnoperation einen folgenschweren Fehler: Ein kleines Mädchen erwacht nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit. Der Vater des Mädchens lässt seinen Einfluss spielen und verlangt eine Untersuchung. Das Gutachten soll Prof. Harry Schachtner erstellen, den Rita aus ihrem Studium kennt. Schachtner soll das Gutachten zu Lothars Gunsten ausfallen lassen. Doch Schachtner fordert einen Preis: Rita. Wie weit wird Rita für Lothar zu gehen bereit sein?

Männer wie aus Zigarettenwerbungen, sündhaft teure Ferngespräche innerhalb Deutschlands. Glenn Stirlings Roman aus dem Jahr 1976 ist tief durchdrungen vom (Zeit)Geist der ersten Jahrzehnte der heranwachsenden Bundesrepublik. Und genau das macht aus „Wie weit die Liebe geht“ ein überaus interessantes Stück Zeitgeschichte. In loser Folge veröffentlicht die Edition Bärenklau Heftromane aus den 60er‑ und 70er‑Jahren und gibt dem Leser die Möglichkeit, diese Zeit in sich aufzunehmen.

Roman:

Als sie hörte, wie sich der Schlüssel in der Wohnungstür umdrehte, schaltete Rita den Kaffeeautomaten an. Sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Wie immer zu spät, dachte sie.

Auf dem Korridor hörte sie Lothar sagen:

„ Ich habe die Röntgenaufnahmen mitgebracht. Ich nehme an, dich interessiert das auch.“

„ Ja, sehr“, antwortete sie und nahm das Tablett mit den Tassen, um es aus der kleinen Küche in das Wohnzimmer des Apartments zu tragen.

Als sie die Tür erreicht hatte, blieb sie stehen. Die Tür war mit Spiegelkacheln versehen, und Rita warf einen prüfenden Blick hinein. Sie schüttelte sich ihr brünettes, bis zu den Schultern reichendes Haar zurecht, wischte sich eine Strähne aus der Stirn und schnippte dann ein paar Fusseln von ihrem marineblauen Kleid, dessen eigenwillige weiße Stickereien sie selbst gefertigt hatte. Sie wusste, dass Lothar dieses Kleid liebte, und für ihn hatte sie es angezogen.

Rita war schlank, wirkte sportlich und besaß mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch eine ungeheuer starke jugendliche Ausstrahlung.

Sie ging weiter. In dem gleichen Augenblick betrat Lothar vom Korridor her das Zimmer durch die zweite Tür. Sie sahen sich an, nickten sich kurz zu, und Lothar ließ sich in den Sessel fallen, der neben dem gläsernen Couchtisch stand.

Einen Augenblick lang, als sie die Kaffeetassen absetzte, blickte sie zu ihm hin, während er eine Röntgenaufnahme nach der anderen hochhielt, um sie durchs Licht besser zu erkennen.

Lothar war kein schöner Mann. Er hatte in seiner Jugend viel geboxt, und davon waren die Spuren nicht zu übersehen. Seine Nase hatte diese typische Form, wie sie bei Boxern die Regel ist. Auch die Augenbrauen waren etwas wulstiger als bei anderen Menschen. Und von einem Unfall her hatte er eine Narbe vom Kinn bis zur Wange. Aber es ging etwas von ihm aus, dem sich eine Frau so leicht nicht entziehen konnte. Aber zugleich bedrückte sie seine Selbstsicherheit, seine Überlegenheit in jeder Hinsicht. Er kramte seine Pfeife aus der Tasche seines hellgrauen Jacketts, stopfte sie sich und zündete sie an. Während die ersten Wolken dem Pfeifenkopf entstiegen, blinzelte er zu Rita hinauf und fragte:

„ Ist was?“

„ Eigentlich nichts“, entgegnete sie. „Es ist nur alles so … Ich würde sagen, so alltäglich bei uns, so angepasst. Es gibt nichts Neues. Wir bewegen uns schon wie Leute, die zehn, zwanzig Jahre lang verheiratet sind“, meinte sie und sah ihn betrübt an. „Früher“, fuhr sie fort, „da bist du nicht hereingekommen, ohne mir einen Kuss zu geben oder zumindest ein paar nette Worte zu rufen. Jetzt sagst du nur: „Ich habe die Röntgenaufnahmen mitgebracht.“ Das ist alles.“

„ Na und?“, fragte er. „Was muss ich denn noch alles sagen? Wir kennen uns nun doch schon eine ganze Weile. Da braucht man doch nicht immer so zu tun, als sähe man sich zum ersten Mal im Leben.“

„ Ach!“, rief sie entrüstet. „Ist es denn überflüssig, zueinander nett zu sein, wenn man sich länger kennt? Du bist ja gut!“

,Ach, nun sei doch nicht so gereizt“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Bring den Kaffee, und anschließend werden wir uns über die Operation morgen unterhalten! Das ist schließlich kein Pappenstiel.“

Als sie hinausging, entdeckte er das Buch, das auf dem Glastisch lag, nahm es und schlug es auf. Vorn stand eine Widmung drin. „Fräulein Dr. Rita Schönauer als Dank für die aufopfernde Pflege unseres kleinen Hans. Familie Renner.“

Er hielt das Buch noch in der Hand, als sie mit dem Kaffee hereinkam.

„ Hast du das heute bekommen?“, fragte er.

Sie nickte.

„ Das war der Kleine mit dem Verkehrsunfall, weißt du?“

„ Ach ja, ich erinnere mich. Der hieß ja Hans. Mit dem komplizierten Bruch, rechter Oberschenkel, nicht wahr?“

Sie nickte und goss Kaffee ein.

Er nahm seine Tasse und warf Rita einen abschätzenden Blick zu.

„ Ich habe das Operationsteam für morgen zusammengestellt.“

Sie hielt inne und blickte ihn fragend an.

„ Ich bin dabei?“

Er nickte.

„ Obgleich du in letzter Zeit ein paar Fehler gemacht hast. Du bist nicht sehr sicher, finde ich. Und bei einer derartigen Operation müssen wir sehr, sehr sichere Hände haben.“

„ Ich bin sicher. Aber wenn du mich vor allen anderen anbrüllst“, erwiderte sie heftig, „dann fördert das nicht gerade meine Sicherheit. Ich weiß nicht, warum du das tust. Wenn Fräulein Hoymel einen Fehler macht oder Herr Frenzel, dann sagst du keinen Ton. Und mich schreist du an.“

„ Du bist meine Verlobte. Von dir erwarte ich Perfektion. Jeder erwartet von dem anderen, den er gern hat, perfekte Arbeit. Ich lasse mich, wie alle Menschen, viel lieber von einem Fremden, von einer mir nichtssagenden Persönlichkeit enttäuschen als von jemandem, der mir nahesteht.“

Sie schüttelte den Kopf.

„ Ich habe eher den Eindruck, dass du vor mir keinen Respekt mehr hast. Denn früher bist du nicht so zu mir gewesen. Da warst du freundlich, zuvorkommend. Und wenn ich wirklich einmal unsicher war, hast du mir Mut gemacht oder mir genau erklärt, wie die Dinge zusammenhängen. Ich habe bei dir sehr viel gelernt. Aber all das habe ich früher gelernt, nicht im letzten Vierteljahr. Ich frage mich manchmal, ob es noch so ist, wie es war. Ich meine so zwischen uns.“

Er sah sie forschend an.

„ Wie meinst du das?“

Sie stellte die Kaffeetasse hin und setzte sich ihm gegenüber auf die Couch. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und blickte darauf.

„ Es ist vieles anders zwischen uns. Ich weiß nicht, fängt so das Ende an? Das Ende unserer Liebe?“

Er tat sich Zucker in den Kaffee und rührte um.

„ Ich weiß nicht, was du meinst. Aber natürlich gerät man in einer Beziehung, die lange anhält, in einen gewissen Trott, kommt es zu Selbstverständlichkeiten. Man spricht nicht mehr über alles. Das ist ja auch bei Ehepaaren so. Und wir sind ja schon lange verlobt. Vielleicht liegt es daran.“

Sie sah plötzlich auf, blickte ihn anklagend an und sagte:

„ Warum gibst du es nicht zu, dass es aus ist? Oder hast du nicht den Mut, es mir zu sagen? Denkst du, ich fürchte mich davor? Glaubst du, ich könnte zusammenbrechen? Mich wirft das nicht um. Aber ich Hasse es, wenn um den heißen Brei herumgeredet wird. Glaubst du denn, ich wäre blind, ich hätte dich heute nicht beobachtet?“

„ Beobachtet, wobei?“, erwiderte er gereizt.

„ Als uns die neue Verwaltungsdirektorin vorgestellt wurde. Diese Frau Meier‑Westphal.“

Er lehnte sich zurück und lachte.

„ Aha, dahin geht also die Reise. Mein Gott, Rita! Sie ist eine attraktive Frau. Und den Mann möchte ich kennenlernen, der an ihr einfach vorbeisieht. Und das hast du wohl von mir erwartet, dass ich an ihr vorbeisehe.“

„ Es ist nicht, wie lange du sie angesehen hast, sondern wie du sie angesehen hast. Ich kenne deinen Blick!“, fauchte sie ihn an.

Er lachte wieder und hob beschwörend die Hände.

„ Ich bitte dich, mach doch hier keine Szene! Willst du alles zerstören?“

„ Ich möchte nur Klarheit, weiter nichts“, konterte sie.

Er nahm wieder die Tasse, trank und erklärte lächelnd:

„ Der Kaffee ist dieses Mal phantastisch.“

Sie ging nicht darauf ein.

„ Lenke jetzt nicht ab, bitte!“, verlangte sie. „Ich will wissen, was los ist. Ich will wissen, woran ich bin. So, wie du mich die letzte Zeit behandelt hast, das kann ja so nicht weitergehen. Dann nimm dir bitte eine andere in dein Team, da möchte ich nicht dabei sein.“

„ Das ist genau das Stichwort, nämlich die Operation morgen. Sie ist sehr wichtig, und sie ist auch schwierig. Wir müssen uns darauf konzentrieren. Diese Querelen, die wir uns hier leisten, sind überflüssig. Du hast keinen Grund, an meiner Treue zu zweifeln, und du hast auch keinen Grund, dich über Kleinigkeiten zu beschweren. Mein Gott, glaubst du denn, bei einem Ehepaar, das eine Zeitlang verheiratet ist, käme das nicht vor?“

„ Dann möchte ich kein Ehepartner sein“, entgegnete sie. „Ich möchte, dass mein Mann mich liebt. Nicht, dass er mich so behandelt wie den letzten Dreck. Und im Augenblick fühle ich mich von dir wie der letzte Dreck behandelt. Jede Schwester, selbst die Lehrschwester, behandelst du mit Zuvorkommenheit, die geradezu ein Hohn ist, wenn du anschließend mit mir sprichst. Ich kann machen, was ich will, alles ist falsch, alles ist verkehrt. Und immer fauchst du mich an. Besonders vor anderen Leuten.“

Er hob abwehrend die Hände und rief:

„ Rita, das ist ja schon Verfolgungswahn. Nun hör doch mit diesen Anklagen auf! Sie treffen nicht zu. Es kann ja sein, dass ich etwas heftig bin. Es tut mir leid.“

„ Es tut dir leid?“, fragte sie spöttisch. „Das glaubst du doch selbst nicht. Mir machst du nichts vor. Ich habe gesehen, wie zuckersüß du mit dieser Frau Meier‑Westphal gesprochen hast.“

„ Du liebe Güte! Nun sei doch vernünftig, Rita! Diese Frau ist die neue Verwaltungsdirektorin. Und sie ist nicht irgendeine Frau Meier‑Westphal. Sie ist die Enkelin vom Gründer dieser Klinik. Der Name genießt ja einigen Ruf. Das weißt du auch ganz genau. Mehr ist da nicht dahinter. Wir haben mit ihr zu tun. Das ist nun mal so. In einem Krankenhaus wie diesem und auch in jedem anderen ist der Verwaltungsdirektor eine Persönlichkeit, an der man nicht vorbeigehen kann. Ob das nun ein Mann oder eine Frau ist, das hat damit überhaupt nichts zu tun.“

„ Rede doch nicht um den heißen Brei herum!“, rief sie aufgebracht. „Sie gefällt dir, das ist alles. Ich weiß genau, wie du eine Frau ansiehst, wenn sie dir gefällt.“

„ Wirklich, weißt du das?“, erkundigte er sich ironisch. „Du scheinst mich ziemlich genau zu beobachten.“

„ Ja, das tue ich. In letzter Zeit jedenfalls, seit mir aufgefallen ist, wie du mich behandelst.“

„ Vielleicht ist diese Art“, entgegnete er, „von dir beobachtet zu werden, auch für mich nicht gerade sehr reizvoll. Vielleicht stört mich das. Vielleicht ist das die Ursache für die, wie du sagst, ausfallende Heftigkeit meinerseits.“

„ O nein. Du machst es dir reichlich einfach. Ich bin nicht blind. Ich hab' doch gesehen, wie du um diese Meier‑Westphal herumscharwenzelt bist. Dabei ist diese Frau älter als du.“

„ Du lieber Himmel. Sie ist vierzig. Da kann eine Frau so jung und so dynamisch sein, jünger und dynamischer vom Naturell her als manche Zwanzigjährige“, erwiderte Lothar.

„ Das scheint überhaupt eine Altersgruppe zu sein, die dich anspricht“, behauptete Rita.

Er lachte.

„ Nun fang bloß nicht wieder das Theater mit der Schwester Thekla an. Die Platte ist ja nun wirklich abgelaufen.“

„ Vielleicht bei dir“, erwiderte sie. „Aber nicht bei Schwester Thekla. Für die bist du immer noch der Größte. Die hat nicht aufgegeben. Wird nie aufgeben. Es sei denn, ihre Leidenschaft für dich schlägt um in Hass. Das kann auch sein.“

„ Du siehst Gespenster!“

Er schlug sich auf den Schenkel und sagte in plötzlichem Ernst:

„ Wollen wir uns nicht wie Erwachsene unterhalten? Unser bisheriges Gespräch war einfach kindisch. Wir sollten uns, das habe ich schon einmal gesagt, auf die Operation dieses Kindes konzentrieren.“

Er hob die Röntgenaufnahmen hoch, reichte eine davon Rita hinüber und sagte:

„ Der Junge ist fünf Jahre alt. Sie ist nahezu klassisch, diese Mitralinsuffizienz. Sieh es dir hier auf diesen beiden Aufnahmen an. Da ist die Herzklappe offen, hier ist sie, oder sollte sie geschlossen sein. Da siehst du ganz deutlich, dass sie nicht schließt. Wir werden den Klappenbasisring einengen und die Klappensegel restaurieren. Durch diese Wiederherstellung der Klappensegel müsste die Schlussfähigkeit der Klappen sicher sein.“

Über den medizinischen Fall vergaß Rita zunächst ihre eigenen Probleme. Sie war eine begeisterte Ärztin, und alles, was damit zusammenhing, ging ihr vor, so sehr sie auch im

Augenblick die eigenen Probleme berührten.

Sie hielt die Aufnahmen gegen das Licht und verglich beide miteinander.

„ Könnte es nicht sein?“, fragte sie, „dass die Klappe rechts schon weitgehend geschrumpft ist?“

„ Nein, das ist nicht der Fall. Das siehst du doch.“

„ Es sieht aber so aus, als wäre sie schon zerstört. Da müsste man ja eine künstliche Herzklappe einsetzen.“

„ Unsinn, das Kind ist fünf Jahre alt!“, widersprach er heftig. „Da ist noch nichts geschrumpft. Dafür ist das Kind viel zu jung. Du redest manchmal einen Blödsinn!“, rief er heftig.

Sie sah ihn erschrocken an.

„ Warum schreist du denn so? Jetzt tust du es schon wieder.“

„ Kannst aber nicht behaupten, dass hier Publikum dabei ist. Wenn wir unter uns sind, können wir doch wenigstens noch so reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist, oder?“

Sie verbiss es sich, noch etwas zu sagen, blickte auf die Aufnahmen, nahm sie dann die nächsten und verglich sie miteinander.

In Wirklichkeit hatte sie etwas angesprochen, das er schon längst befürchtete, was aber aus den Röntgenaufnahmen nicht ersichtlich gewesen war, nämlich den Zustand der Herzklappen. Seine Sorge, sie könnten derartig deformiert sein, dass sie nicht mehr wiederherzustellen waren, bedeutete nicht nur eine sehr schwere Operation, sondern darüber hinaus die große Gefahr des tödlichen Ausgangs oder zumindest möglicher Spätkomplikationen, die dann zum Tode führen würden.

„ Also gut“, entschied er, „wenn du nicht dabei sein willst, kann ich ja auf deine Mitwirkung verzichten. Ich müsste es nur jetzt wissen, dann werde ich Fräulein Hoymel an deiner Stelle einsetzen. Sie wird sich sicher freuen.“

Rita schwieg. Noch vor einem Vierteljahr hätte sie gelacht, weil sie wusste, dass Dr. Elsbeth Hoymel keine sehr talentierte Chirurgin war und es auch möglicherweise nie werden würde. Und sie wusste von sich selbst, dass sie Dr. Hoymel weit überlegen war. Aber jetzt fühlte sie sich so verunsichert, dass sie den Vergleich noch nicht einmal mehr in Betracht zog und auch nichts sagte.

Auch Lothar wusste natürlich, dass Dr. Hoymel Rita nicht das Wasser reichen konnte. Er wusste es und wartete auf Ritas Reaktion. Er blickte sie an. Aber sie hielt den Kopf gesenkt, und er spürte ihre Unsicherheit.

Etwas an ihrem Verhalten reizte ihn geradezu, sie erneut herauszufordern.

„ Wenn du also nicht operierst“, erklärte er, „kannst du die Voruntersuchung für die Operation von morgen leiten. Ich möchte, dass du den Tumor untersuchst bei diesem neunjährigen Mädchen und diese Gallengeschichte von dem zwölfjährigen Jungen. Weißt du, was ich meine?“

Sie nickte.

„ Natürlich, sie liegen ja auf meiner Station. Aber sag mal, das Mädchen mit dem Tumor, wie du sagst, bist du sicher, dass das ein Tumor ist?“

Er sah sie groß an.

„ Was heißt denn nun hier: „Bist du sicher?“ Was soll das bedeuten?“

„ Weil ich weiß, dass dieses Mädchen“, erklärte sie ihm, „vor einem halben Jahr einen Unfall hatte. Sie ist auf einem Kinderspielplatz auf einer Rutschbahn mit einem Jungen zusammengeprallt. Beide mit den Köpfen. Und wie mir der Vater erzählte, ist sie wohl anschließend auch besinnungslos gewesen, also eine Commotio. Vielleicht“, fuhr sie fort, „hat es infolge dieser Gehirnerschütterung einen Bluterguss gegeben.“

Diesmal antwortete er nicht so unbeherrscht, sondern erwiderte:

„ Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Der Röntgenaufnahme nach sah es einem Tumor verteufelt ähnlich. Ich will nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass es ein Tumor ist. Aber mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit, würde ich behaupten. Denn wäre es so, wie du sagst, hätten die Beschwerden, Bewusstlosigkeit in letzter Zeit die Hirndruckerscheinung und das alles wesentlich früher einsetzen müssen.“

Sie wusste, dass er ein hervorragender Arzt war, ein erstklassiger Operateur, bei dem sie noch nie einen Fehler erlebt hatte. Und gerade das, seine Perfektion nämlich, seine Vollkommenheit in dieser Hinsicht, verstärkte ihre Unsicherheit. Deshalb hielt sie sich selbst für untalentiert und unzulänglich. Und dieser Komplex nahm ständig zu, zumal er ihr das kleinste Versehen wie einen schweren Fehler ankreidete.

„ Also, wenn du morgen nicht dabei bist“, erwiderte er ziemlich heftig, „dann muss ich jetzt gehen. Ich muss sehen, dass ich die Hoymel auftreibe, und der noch ein paar passende Worte zu dem sagen, was morgen zu tun ist.“

Er war aufgestanden, und sie erhob sich jetzt ebenfalls, blickte ihn an in der Hoffnung, er würde noch eine nette Geste, ein freundliches Wort finden. Aber so, wie sie ihn da stehen sah, wurde ihr klar, dass sie darauf nicht zu hoffen brauchte.

Geschäftig, wie auf einer normalen Routinebesprechung, sagte er:

„ Es ist also so weit alles klar. Ich will sehen, dass ich jetzt wegkomme. Wir sehen uns dann morgen in der Mittagspause.“

Sie streckte die Hände vor, so als wollte sie ihn halten, und meinte:

„ Willst du so gehen?“

Er sah sie an, machte große Augen und fragte überrascht:

„ Was heißt ,so gehen'?“

Er blickte an sich herunter.

„ Ist denn was mit meinem Anzug?“

„ Unsinn, das meine ich doch nicht! Du weißt doch ganz genau …“

Er machte ein verständnisloses Gesicht.

„ Was soll ich denn wissen? Ich muss jetzt gehen. Ich muss die Hoymel auftreiben, mit ihr reden. Das weißt du doch. Also, Zeit ist Geld. Mach es gut. Bis morgen also.“