WBG Deutsch-Polnische Geschichte – Frühe Neuzeit - Hans-Jürgen Bömelburg - ebook

WBG Deutsch-Polnische Geschichte – Frühe Neuzeit ebook

Hans-Jürgen Bömelburg

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Opis

Der zweite Band der Deutsch-Polnischen Geschichte zeichnet die gemeinsame Entwicklung von 1500 bis 1806 nach, von der polnischen „Alten Republik“ und dem deutschen „Alten Reich" über die Zeit der sächsisch-polnischen Union, der Teilungen Polens bis hin zum Ende der älteren deutschen und polnischen Staatlichkeiten in den Napoleonischen Kriegen. Nach einer chronologischen Darstellung der historischen Entwicklung gehen in einem zweiten Teil thematische Kapitel vertieft auf einzelne Aspekte ein. Die jeweiligen Gesellschaften, wirtschaftliche und sprachliche Verflechtungen, Kultur und Hof, die konfessionelle Entwicklung, sächsisch-polnische und preußisch-polnische Beziehungen sowie ältere nationale Prägungen stehen im Zentrum vertiefter Betrachtungen. Insgesamt entsteht so ein eindrucksvolles Panorama von rund 300 Jahren eng verflochtener Geschichte.

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Hans-Jürgen Bömelburg, Edmund Kizik

Altes Reich und Alte Republik

Deutsch-polnische Beziehungenund Verflechtungen1500–1806

 

 

 

Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Gefördert aus Mitteln der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliographie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung inund Verarbeitung durch elektronische Systeme.

© 2014 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtCovergestaltung: Peter Lohse, BüttelbornLektorat: Lothar Quinkenstein, Berlin; Kristine Althöhn, MainzSatz: Wydawnictwo JAK Andrzej Choczewski, Krakau

Die Herausgabe des Werkes wurde durchdie Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.deISBN 978-3-534-24763-9

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-72540-3eBook (epub): 978-3-534-72541-0

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Inhalt

Einleitung

Eine Beziehungsgeschichte in der Frühen Neuzeit (1506–1806)

I. Überblick

1. Römisch-deutsches Reich und Polen-Litauen: Strukturelle Parallelen und nachbarschaftliche Beziehungen

2. Menschen und Migrationen

3. Wirtschaftssysteme und Handelskontakte

4. Reformation, katholische Reform und religiöse deutsch-polnische Verflechtungen

5. Dynastien, Adel und höfische Kulturen

6. Die sächsisch-polnische Union

7. Brandenburg-Preußen und die Teilungen Polens

II. Fragen und Perspektiven

1. Mobilität und Kulturtransfer

2. Sprachlich-literarisch-kulturelle Verflechtungen

3. Multikulturelle Austauschräume und regionale Entwicklungen

4. Juden in der deutsch-polnischen Verflechtungsgeschichte

5. Die Rolle und Relevanz des Nationalen

6. Finis Poloniae und Finis Germaniae (1772–1806)

Literaturverzeichnis

Register

Zur Deutsch-Polnischen Geschichte

Die deutsch-polnische Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte reicht mehr als 1000 Jahre zurück und spielt sich in einem eineinhalb Millionen km² umfassenden Raum zwischen Rhein und Dnjepr ab. Dabei beanspruchten „deutsche“ und „polnische“ Titularverbände und Nationen teils identische Räume und Zentren. Gnesen und Posen waren die Geburtsstätten des polnischen Staates, aber auch preußisch-deutsche Städte des 19. Jahrhunderts, Breslau war ein piastischer Herrschaftssitz, aber im frühen 20. Jahrhundert auch die viertgrößte Stadt Deutschlands. Danzig, im 16. und 17. Jahrhundert die größte deutschsprachige Stadt, gehörte zur Krone Polen. In Lemberg wurden im 16. Jahrhundert die polnischsprachigen Stadteliten Deutsche genannt. Juden waren oft Teile einer deutsch wie polnisch geprägten Kultur. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart wanderten Millionen Menschen von West nach Ost und von Ost nach West, wobei sie sich häufig an ihre neuen Nachbarn assimilierten. Dies zeigt, wie eng deutsche und polnische Geschichte miteinander verbunden sind.

Zugleich ist die deutsch-polnische Geschichte auch von Konflikten überlagert: Preußen und Österreich, zwei deutsche Staatsverbände, teilten Polen im späten 18. Jahrhundert auf – zusammen mit Russland. Die Fremdherrschaft durch Deutsche und wechselseitige territoriale Ansprüche vergifteten das Klima. Deutsche eroberten Polen im Zweiten Weltkrieg, entrechteten und ermordeten Millionen Menschen. Nach 1945 erhielt Polen die deutschen Ostgebiete und vertrieb einen Großteil der deutschen Bevölkerung. Trotzdem kam es einige Jahrzehnte später einer beispiellosen Annäherung zwischen beiden Nationen.

Die Reihe „WBG Deutsch-Polnische Geschichte“ geht davon aus, dass diese Verflechtungen ein zentraler Bestandteil der europäischen Geschichte sind. Sie beschreibt sowohl politische Geschichte als auch kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen und legt besonderen Wert auf Kontakt- und Austauschprozesse.

Die Herausgeber

Einleitung

Eine Beziehungsgeschichte in der Frühen Neuzeit (1500–1806)

Die deutsch-polnische Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte in der Frühen Neuzeit ist von besonderer Bedeutung und Intensität. Sie spielt sich erstmals zwischen zwei Reichsverbänden ab, die nun jeweils die Bezeichnung „deutsch“ und „polnisch“ in ihren Namen tragen: dem Heiligen Römischen Reich „deutscher Nation“ – der Zusatz trat im späten 15. Jahrhundert zu dem älteren Reichstitel hinzu, oft auch kurz als „Altes Reich“ oder „römischdeutsches Reich“ bezeichnet – und der „Krone Polen“ (Korona polska) bzw. der „Polnischen Respublica“ (Rzeczpospolita Polska). Das auch im deutschen Fall ergänzte nationale Attribut, das den sakralen wie imperialen Anspruch der Reichsidee unterhöhlte, macht deutlich, dass nationale Zuordnungen im Humanismus eine neue historisch-gruppenbezogene Grundierung erfuhren und von einem Teil der intellektuellen Eliten in Konkurrenz zueinander formuliert wurden.

Dabei war der jeweilige Herrschaftsraum beider Reiche strittig und wurde in konfliktreichen, aber friedlich ausgetragenen internationalen Diskussionen definiert: Deutschsprachige, in Krakau studierende Humanisten wie Konrad Celtis oder Heinrich Bebel konstruierten in Anlehnung an die antike Geographie des Ptolemäus eine Germania magna, die bis zur Weichsel reichte; polnische Gebildete wie der Posener Bischof Andrzej Krzycki oder Marcin Bielski entwickelten als Antwort eine polnische Nationalgeschichte, die alle Slawen umfasste und die Gebiete bis zur Oder, Elbe oder Weser beschrieb. Der frühneuzeitliche polnisch-litauische Verband reichte bis über den Dnjepr hinaus und gliederte sich große ostkirchliche orthodoxe Territorien ein, die als Teile eines angeblich indigen polnischen Herrschaftsverbandes mit antiker Legitimation angesehen wurden – die polnischen Adligen betrachteten sich als Erben der Sarmatia und Nachfahren der Sarmaten. Die polnisch-katholischen Herrschaftsansprüche in ostkirchlichen Territorien schufen latente Konflikte. So entstanden im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts nationale Argumentationen, die gedruckt wurden und somit zukünftig verfügbar waren.

Beide Staatsverbände – auch das Alte Reich kann mit Georg Schmidt als Reichsstaat bezeichnet werden – weisen in der Frühen Neuzeit eine prinzipielle Gleichberechtigung auf: Ältere Ansprüche einer hierarchisch höheren Stellung des römisch-deutschen Reichs wurden von polnischer Seite konsequent abgelehnt. Mit der Integration des Großfürstentums Litauen in einen immer stärker polnisch geprägten Verband erstreckte sich Polen-Litauen auf über 800.000 km² (1582) und umfasste Teile des heutigen Lettlands, ganz Litauen und Belarus sowie einen großen Teil der heutigen Ukraine und des heutigen Russlands. In beiden Verbänden hatten die Herrscher ähnliche Probleme mit der Durchdringung des Raums unter den schwierigen Bedingungen frühneuzeitlicher Kommunikation: Um von der im Südwesten Kleinpolens liegenden Residenzstadt Krakau bis nach Polock oder Smolensk im Nordosten zu reisen, benötigte man vier Wochen, eine ähnliche Zeit beanspruchte die Reise von Basel bis ins pommersche Stolp. Solche Verbände waren kaum kommunikativ erfassbar und nicht zentral regierbar. Insbesondere die Peripherien waren nur begrenzt beherrschbar und in lockeren Reichslehnverbänden organisiert (Oberitalien, Burgund, Böhmen und Schlesien im Fall des römisch-deutschen Reichs, Preußen, Kurland und Livland im Falle Polen-Litauens). Der deutsche Reichstag und der polnisch-litauische Sejm erfüllten als Nachrichten- und Aushandlungsforen eine vergleichbare Funktion, wobei in beiden zentralen Ständeversammlungen auch die Nachbarn vertreten waren: Der Reichstag wurde im 16. Jahrhundert intensiv von polnischen Delegationen besucht, am Sejm nahmen neben brandenburgischen und habsburgischen Beobachtern auch die deutschsprachigen Eliten des Preußenlandes teil.1

Um 1500 und um 1800 sind deutliche Zäsuren erkennbar. Im frühen 16. Jahrhundert setzten sich neue, dauerhaftere und beschleunigte Kommunikationsformen durch: Frühkapitalistische Handelsnetzwerke erfassten nun auch den deutsch-polnischen Austauschraum, etwa die Bergwerksindustrie im Karpatengebiet (Familien Fugger, Boner, Thurzó) oder die Organisation des Handels mit Agrarprodukten an der Ostsee. Aus den deutschen Gebieten kommend, verbreitete sich das Druckwesen in den großen polnischen Städten, vor allem in Krakau und Danzig. Ein regelmäßiges Postsystem verband Städte wie Wien und Krakau und ermöglichte einen schnelleren Informationsaustausch.

Die zentralen Ständeversammlungen gewannen bedeutende verfassungsrechtliche Kompetenzen: Der Sejm entstand seit 1493 und entwickelte sich zu einem periodischen Aushandlungsforum. Der frühneuzeitliche Reichstag formierte sich seit 1496 und definierte mit den Reichsständen die Machteliten. Die Jahre 1505/06 bilden keine Zäsur, können aber durch Thronwechsel mit dauerhaften Konsequenzen (die formale Übernahme der Herrschaft durch Maximilians Enkel Karl V. in den burgundischen Niederlanden, der Herrschaftsantritt Sigismunds I. in Litauen und Polen) und durch verfassungsrechtliche Festschreibungen (die Konstitution Nihil novi gab dem Sejm in Polen legislative Kompetenzen) die neue Ära symbolisieren.

Das Jahr 1806 dagegen kann sehr wohl als Zäsur betrachtet werden: Mit der Auflösung des Alten Reichs brach der letzte der frühneuzeitlichen Verbände Mitteleuropas zusammen, nachdem Polen-Litauen bereits kurz zuvor in drei Teilungen zwischen Preußen, Österreich und dem Russländischen Reich aufgeteilt worden war (1772, 1793, 1795). Damit verschwanden als „deutsch“ oder „polnisch“ bezeichnete Staatsverbände zugunsten eines preußischen, österreichischen oder russländischen Staates. Gerade die republikanische Öffentlichkeit in Deutschland und Polen sah hier Parallelen, beide Nationen definierten sich um 1800 als „ Kulturnationen“ mit einer Reichsvergangenheit, die auch zukünftig Europa prägen sollten.

Der Raum, in dem sich in der Frühen Neuzeit deutsch-polnische Geschichte abspielt, ist von erheblicher Größe und rechtfertigt den Ansatz einer verflochtenen Geschichte, denn deutsche und polnische Akteure bezogen sich nicht nur aufeinander, sondern agierten auch in den jeweils anderen Reichsgefügen. Der besagte Raum umfasst von Nord nach Süd:

Erstens das seit den 1560er Jahren zeitweise und in seinem südöstlichen Teil (Kurland, Lettgallen) dauerhaft zu Polen-Litauen gehörige südliche Livland mit der Großstadt Riga, das Herzogtum Kurland und Lettgallen, heute die Kernregionen Lettlands. Hier kam es zu umfangreichen Austauschprozessen zwischen deutsch- und polnischsprachigen Adligen, wobei teilweise eine deutsch-polnische Kultur entstand (Familiennamen, Sprachwechsel, Mehrsprachigkeit). Als attraktiv für den Übergang zum Polnischen erwiesen sich einerseits die Karrierechancen am Warschauer Hof, andererseits das Leitbild einer „polnischen Freiheit“, das dem Adel eine dauerhafte Privilegierung versprach (teilweise verbunden mit einem Konfessionswechsel zum Katholizismus). Erst im 18. Jahrhundert bezeichnete eine aufgeklärte Öffentlichkeit, die sich auf das Ideal des wohlgeordneten Staates berief, diese „Freiheit“ als „Unordnung“ oder, mit einer Übernahme aus dem Französischen, als „Anarchie“. Hier kam es zu einem folgenschweren Missverständnis: Während der polnische Adel diese „Freiheiten“ und die „Unordnung“ als unvermeidliche Begleiterscheinungen von Partizipation und Demokratie auffasste, sahen die deutschen Bürger nur „Anarchie“ und „Niedergang“ bis zur sprichwörtlichen „polnischen Wirtschaft “ (→ S. 104).

Zweitens zählten zu dem Austauschgebiet die litauischen Städte und ein Teil der Adels- und Gutsbesitzerfamilien, die intensive Kontakte nach Königsberg unterhielten. In den Städten im Großfürstentum Litauen lebten polnisch-, jiddisch- und deutschsprachige Bevölkerungen nebeneinander (Wilna/Vilnius, Kauen/Kaunas, auch in kleineren Städten wie Tauroggen/Tauragė oder Keidanen/Kėdainai). Hier kam es zu Transferprozessen, wobei sich die deutschsprachige Stadtbevölkerung schrittweise sprachlich polonisierte und staatsrechtlich lituanisierte.

Drittens bildete das Preußenland von Pommerellen bis zur Memel einen Kontakt- und Austauschraum. Die Region zerfiel in das „Preußen königlich polnischen Anteils“ (weiter „königliches“ oder „polnisches Preußen“, nach 1772 „Westpreußen“) und das östliche „Herzogtum“, ab 1701 „Königreich Preußen“. Die Stadtbevölkerung des Preußenlandes war mehrheitlich deutschsprachig, die bäuerliche und adlige Bevölkerung gemischt. In den Metropolen (Danzig, Elbing, Thorn) und kleinen Städten vollzogen sich wechselseitige Akkulturations- und Assimilationsprozesse. Insbesondere der Adel nahm die „polnischen Privilegien“ als ein attraktives Partizipationsmodell wahr und orientierte sich durch die Nähe der Hauptstadt Warschau stärker am polnischen Lebensstil.

Viertens lebte in Schlesien, Großpolen und Hinterpommern seit der mittelalterlichen Ostsiedlung eine gemischte deutsch-polnische Bevölkerung. In der Frühen Neuzeit kam es hier zu Assimilationsprozessen an die Mehrheit, in Oberschlesien an die polnischsprachige, an der mittleren Oder an die deutschsprachige Bevölkerung. Durch neue, auch konfessionell motivierte Migrationen – die Auswanderung protestantischer Bevölkerungen infolge der habsburgischen Bedrückung und die Gründung neuer Städte auf der großpolnischen Seite der Grenze wie Lissa und Unruhstadt, die Einwanderung der katholischen Bamberger – entstanden auch neue deutsch-polnische Verflechtungen.

Fünftens gab es in Kleinpolen und Rotreußen in den Städten und in einigen ländlichen Enklaven gemischte deutsch-polnische Bevölkerungen. Hier kam es in der Frühen Neuzeit auch aufgrund der fehlenden Konfessionsgrenze zu einer Assimilation der deutschen Minderheiten an die polnische Mehrheitsbevölkerung (Krakau, Lemberg, Kamieniec Podolski).

Sechstens besitzen Böhmen, Ungarn und Siebenbürgen in der Frühen Neuzeit Bedeutung für den deutsch-polnischen Kulturkontakt. In allen drei Regionen waren parallel deutsch- und polnischsprachige Eliten tätig, Polen etwa in Olmütz, wo sie Domkanoniker und Bischöfe stellten, oder in Ungarn und Siebenbürgen, wo Familien wie die Łaski im Gefolge der Jagiellonen sowie der Zápolyas und Báthorys bis ins späte 16. Jahrhundert Politik machten. Schließlich entstand durch die Teilungen Polens nach 1772 ein gänzlich neuer Kontaktraum, da nun deutschsprachige Beamte in preußischen und österreichischen Diensten nach Płock, Białystok oder Lemberg kamen. Die Tätigkeit deutschsprachiger Verwaltungen löste Konflikte sowie Exklusionsprozesse aus und mündete in eine Stereotypie langer Dauer.

Bei der Auswahl der zu behandelnden Themen sind Auswahl und Konzentration unumgänglich: Nach einem Strukturvergleich beider Staatsverbände und einem Blick auf die Beziehungsgeschichte mit dem Schwerpunkt im 16. Jahrhundert (Kap. 1) geht es um die migrationsgeschichtlich in der Frühen Neuzeit bedeutsamen deutsch-polnischen Kulturkontaktzonen (Kap. 2). Durch frühkapitalistische Handelskontakte zogen pfälzische und elsässische Kaufleute nach Krakau und Kleinpolen oder Deutsche und Polen nach Thorn und Danzig. Davon zu trennen ist eine bäuerliche Migration: Das östliche Preußenland wurde nach den großen Kriegen zwischen 1460 und 1560 von Polen aus Masowien neu besiedelt. Für diese Region und die Bevölkerung sollte in späterer Zeit die Bezeichnung „Masuren“ geprägt werden. Das nördliche Großpolen, der Warthe- und der Netzebruch, die pommerellisch-hinterpommersche Grenze wie auch der ostpreußisch-masowische Grenzraum wurden erst im 17. und 18. Jahrhundert dichter besiedelt, was im Zeitalter der „Peuplierung“ eine Konkurrenz zwischen deutschen und polnischen Eliten um ansiedlungswillige Bauern auslösen konnte. Dabei siedelten deutschsprachige Grundherren polnische Bauern ebenso an, wie deutschsprachige Bauern von polnischen Herren geholt wurden; Bedeutung besaß nur der konfessionelle, nicht der sprachliche Faktor. Historische Siedlungsgebiete wie Migrationen führten dazu, dass in der Frühen Neuzeit sowohl polnischsprachige Menschen im Alten Reich lebten – insbesondere in Schlesien und im östlichen Pommern – als auch deutschsprachige Menschen in Polen-Litauen, insbesondere im „polnischen Preußen“ und im südwestlichen Großpolen. Aktuelle vergleichende Untersuchungen europäischer Genome zeigen, dass gerade Deutsche und Polen genetisch eng miteinander verwandt sind, eine Ursache liegt, neben älterem und jüngerem Bevölkerungsaustausch, in diesen frühneuzeitlichen Migrationen.2

Anschließend werden die eng miteinander verflochtenen Wirtschaftssysteme in den Blick genommen (Kap. 3), wobei aus Gründen der europäischen Relevanz die Akzente auf den oberdeutsch-kleinpolnischen Handelsbeziehungen und dem Wirtschaftssystem Ostseeraum liegen. Auf eine nähere Behandlung etwa der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Schlesien bzw. Brandenburg und Großpolen musste leider verzichtet werden.

Auch religiöse Institutionen und Zentren müssen in ihrer Funktion als deutsch-polnische Begegnungsorte berücksichtigt werden (Kap. 4). Die Wittenberger Reformation strahlte früh nach Polen aus, da das Herzogtum Preußen sowie Livland rasch evangelisch wurden. Auch Angehörige polnischer Eliten traten zur neuen Kirche über, allerdings bremsten Verbote König Sigismunds I. die Bewegung. Eine herausragende Bedeutung besitzt Johannes a Lasco (Jan Łaski), der in Emden zum Reformator Ostfrieslands wurde und 1556 nach Polen zurückkehrte, um dort die Reformation zu verbreiten. Die entstehende reformierte Kirche Polens war stark von Schweizer Vorbildern geprägt, blieb allerdings eine Adelskirche. Kontakte zwischen deutschen und polnischen Calvinisten gab es an den protestantischen Gymnasien Danzigs, Elbings und Thorns, an der Universität Königsberg und an den schlesischen Gymnasien in Beuthen und Brieg. Durch die Ausstrahlung der Reformation in den deutschen Ländern und die wachsende Schwäche der polnischen Reformierten gewannen auch im polnischen Kontext die Lutheraner an Gewicht, der protestantische Klerus wurde an deutschsprachigen Universitäten ausgebildet und die evangelisch-lutherische Kirche immer stärker als „deutsche Konfession“ wahrgenommen.

Die katholische Reform entfaltete sich als eine supranationale Bewegung, an der auch italienische Eliten einigen Anteil hatten. Zugleich verbanden sich etwa im Jesuitenorden deutsche und polnische Milieus: Kardinal Stanislaus (Stanisław) Hosius, der selbst aus dem Krakauer deutsch-polnischen Milieu stammte, gründete das erste polnisch-litauische Jesuitenkolleg im deutschsprachigen Braunsberg an der Ostsee im Bistum Ermland; es beherbergte deutsche wie polnische Jesuiten und deren Schüler. Auch am polnischen Hof hatten wichtige Jesuiten einen deutsch-polnischen Hintergrund, waren zweisprachig und im ermländischen und polnischen Milieu verankert.

Durch herausragende Bischöfe und Domherren sowie als internationaler Karriereort spielte das sprachlich gemischte Bistum Ermland eine besondere Rolle. Ermländischer Domherr war der aus Thorn stammende Nicolaus Kopernikus, der das heliozentrische Weltbild entwickelte. Als Bischöfe waren im Ermland der Dichter und Diplomat Johannes Dantiscus, Stanislaus Hosius, der Historiker Martin (Marcin) Kromer oder im 18. Jahrhundert der bedeutende Aufklärungsschriftsteller Ignacy Krasicki tätig. All diese Persönlichkeiten förderten einen deutsch-polnischen Kulturaustausch. Ähnliche Wirkung entfaltete in Schlesien das Bistum Breslau mit dem Residenzort Neisse, an dem Mitglieder der Familie Thurzó sowie der polnischen Wasadynastie als Bischöfe tätig waren.

Die protestantischen und katholischen Milieus schufen spezifische Begegnungsorte und Austauschkanäle, über die deutsch- und polnischsprachige Eliten zusammenfanden. Die in den gemischtsprachigen Regionen tätigenprotestantischen Pastoren wie die in der Mission tätigen Jesuitenpatres sollten zweisprachig sein, da Seelsorge und Missionierung in der Muttersprache erfolgten. Dabei dürfen wir jedoch für die Frühe Neuzeit keinesfalls die in der Epoche des Nationalismus verbreiteten Zuschreibungen von „polnischen Katholiken“ (Polak-katolik) und „deutschen Protestanten“ übernehmen, Konfessions- und Sprachgrenzen deckten sich nicht.

Deutsch-polnische, gemischte Adelskulturen existierten in der Frühen Neuzeit in Kurland und Polnisch-Livland, im Preußenland, im südlichen Großpolen und in Schlesien (Kap. 5). Die schlesischen Piasten in Brieg und Liegnitz pflegten bis zu ihrem Aussterben 1675 auch ihre polnische Geschichte und polnische Traditionen – vielfach in deutscher Sprache.3 Kur- und livländische Familien wie die Denhof-Dönhofffs, die Hylzen-Hülsens, die Manteuffels, Platers und Tyzenhauz-Tiesenhausens spielten in der polnischen und deutschen Geschichte eine wichtige Rolle. Im litauisch-preußischen Kontext können ihnen die Baysen-Bażyńskis, die calvinistischen Radziwiłłs, die Hutten-Czapskis und Prebendow-Przebendowskis an die Seite gestellt werden. Auch die Landesherren der polnischen Lehnsherzogtümer, die Hohenzollern in Königsberg, die Kettler und Biron in Kurland zählten zu einer deutsch-polnischen adligen Hofkultur. Exilkönig Stanisław Leszczyński residierte in Lothringen, neben seinen Verbindungen nach Paris spielte er als Reichsfürst eine Rolle; sein Hof besaß für den pfälzischen und rheinischen Adel Ausstrahlungskraft. Hier wirderkennbar, dass sich das Netzwerk adliger Kontakte über das gesamte Territorium beider Reichsverbände erstreckte.

Ein besonderes und in der deutschen wie polnischen Historiographie vernachlässigtes Thema bildet die sächsisch-polnische Union 1697–1763 (Kap. 6). Die Personalunion intensivierte die Wirtschaftskontakte (hier wäre an Leipzig zu denken), verband die Hof- und Adelseliten und machte die beiden Residenzstädte Dresden und Warschau zu Orten einer deutsch-polnischen Soziabilität, zumeist übrigens in französischer Sprache. Polnische Adlige hielten sich in Dresden auf, ließen sich dort nieder und erwarben Ämter, sächsische Eliten bekleideten Positionen in Warschau. An den Residenzen mit ihrem internationalen Kunstgeschmack entstand ein Markt für Kunsthandwerker, Maler und Architekten. Die sächsisch-polnische kulturelle Verflechtung trug dazu bei, dass in der polnischen Verfassung vom 3. Mai 1791 das Haus Wettin als regierende Erbdynastie für den polnischen Thron festgeschrieben wurde.

Eine deutsch-polnische Geschichte wäre ohne eine Berücksichtigung der preußischen negativen Polenpolitik des 18. Jahrhunderts und der Teilungen

Polens nicht vorstellbar (Kap. 7). An den Teilungen waren auf preußischer, österreichischer, aber auch russländischer Seite (deutschbaltische Diplomaten und Militärs) deutschsprachige Eliten beteiligt. Die in die annektierten Territorien versetzten preußischen und habsburgischen Beamten besaßen oft keine Landes- und Sprachkenntnisse, verachteten die neuen Untertanen und entwickelten eine neue ausgrenzende Stereotypie. Viele der Beamten nutzten ihre privilegierte Position, um sich auf Kosten der polnischen Untertanen zu bereichern.

Insbesondere zwischen protestantischen preußischen Beamten und katholischen polnischen Eliten kam es zu Verteilungskämpfen und Schuldzuweisungen, ein Konflikt, dem das Stereotyp der „polnischen Wirtschaft “ für eine organisatorische und moralisch-hygienische Unordnung entsprang, während die „deutsche Wirtschaft “ als Vorbild dargestellt wurde. Auf polnischer Seite entstanden gegenüber Preußen und Österreichern Wahrnehmungen einer „Fremdherrschaft “, womit die nationalen Frontstellungen des 19. Jahrhunderts vor gezeichnet waren.

Der zweite Teil – „Fragen und Perspektiven“ – ermöglichte es, auch eher vernachlässigte Themen einer Beziehungsgeschichte zu behandeln. Gerade hier kann man über die Akzente streiten, so verzichteten die Autoren etwa auf ein Kapitel zu Wissen und Wissenschaftskontakten, weil dies für drei Jahrhunderte auf 15 Seiten nicht behandelbar schien, obwohl die Relevanz des Themas außer Frage steht. Auch fehlt ein eigener Abschnitt zu deutschen und polnischen Identitäten und Alteritäten. Beide Themen wurden in einzelne Abschnitte integriert und sind über das Register erschließbar.

Diskutiert werden Fragen und Probleme eines Kulturtransfers, der gerade in der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte durch ältere historiographische Hypotheken eines angeblichen „Kulturgefälles“ von West nach Ost belastet ist (Kap. 1). Neuere Forschungen relativieren dies stark, weisen auf das Süd-Nord-Gefälle hin, beschreiben inselhafte Kultur- und Wirtschaftszentren (für die Frühe Neuzeit in der Region Böhmen und Kleinpolen bzw. das Preußen polnischen Anteils) und innere Peripherien. Auch wird die Akteursperspektive betont, was neue Forschungsmöglichkeiten eröffnet.

Ein äußerst ergiebiges, aber durch ältere gesellschaftsgeschichtliche Traditionen zu Unrecht marginalisiertes Forschungsfeld bilden die frühneuzeitlichen deutsch-polnischen Verflechtungen in Sprache und Literatur (Kap. 2). Für die adligen wie städtischen Eliten spielten zum Erwerb von Bildung, Wissen und Sprachkenntnissen Reisen und Universitätsbesuche eine große Rolle. Die polnischen Eliten bereisten seit dem frühen 16. Jahrhundert im Rahmen der grand tour (später „Kavalierstour“ genannt) neben Italien, Frankreich und den Niederlanden vor allem das römisch-deutsche Reich. Reiseziele waren die Städte am Rhein, im Zuge der konfessionellen Aufspaltung besuchten protestantische Adlige die Universitäten Frankfurt an der Oder, Wittenberg und Leipzig sowie die reformierten Zentren Altdorf, Basel, Heidelberg und Herborn. Katholische Adlige lernten um 1600 an den Jesuitenkollegs in Dillingen, Ingolstadt, Regensburg und im habsburgischen Linz. Mit den teilweise mehrjährigen Aufenthalten junger Menschen an deutschen Bildungseinrichtungen und Höfen ging auch das Erlernen der Sprache einher, bis ca. 1640 war Deutsch nach dem Lateinischen die am häufigsten erlernte Bildungssprache in Polen, die dann durch das Französische als lingua franca verdrängt wurde. Auf der anderen Seite lernten deutschsprachige Preußen und Schlesier Polnisch, Danziger Bürgersöhne wurden zum Erlernen des Polnischen nach Bromberg oder Posen geschickt. Auch die Tätigkeit deutschsprachiger Handwerker am Königshof in Krakau oder Warschau ging oft mit dem Erlernen des Polnischen einher.

Die reichen literarischen Verflechtungen von der erstaunlichen polnischen Karriere des Till Eulenspiegel als Dyl Sowizdrzał (Sowiźrzał), über die Kochanowski- und Sarbiewski-Rezeption durch deutschsprachige Leser bis zu den deutsch-polnischen Lebensläufen eines Martin Opitz und Andreas Gryphius verdienen Beachtung. Zu selten wurde bisher von der deutschen Seite die Ausstrahlung einer frühneuzeitlichen polnischen Schrift- und Literatursprache auch auf deutschsprachige Leser wahrgenommen.

Multikulturellen Austauschregionen, die durch ein starkes Regionalbewusstsein bis hin zu abgebrochenen Nationsbildungen (Preußen) geprägt waren, ist ein eigener Abschnitt gewidmet (Kap. 3). Deutsch-polnische Stadtkulturen gab es zahlreich zwischen Ostsee und Karpaten. Die größten Städte des 16. und 17. Jahrhunderts, Danzig, Krakau, Elbing, Thorn, Posen und Lemberg, besaßen durchweg – in unterschiedlichem Mischungsverhältnis – eine deutschpolnische Rechtsstruktur und zweisprachige Bevölkerungen. Prägend waren die Zentren des Buchdrucks Krakau und Danzig, wo Werke in Deutsch und Polnisch, ebenso Sprachlehrbücher, Sprachführer und Lexika gedruckt wurden.

Die in der Frühen Neuzeit in Polen-Litauen an Bedeutung gewinnenden jüdischen Bevölkerungen müssen unter manchen Fragestellungen in eine deutsch-polnische Verflechtungsgeschichte integriert werden (Kap. 4). So besaßen jüdische Gemeinden eigene Kommunikationsnetze, die aus Zentren wie Krakau, Lublin oder Brody nach Prag, Frankfurt oder Worms reichten. Die zahlenmäßig kleinen Gemeinden im Alten Reich waren auf Ausbildungszentren in Polen-Litauen angewiesen: Die Vorfahren des Rabbi Judah Löw ben Bezalel stammten aus Worms, er wirkte als Rabbiner unter anderem in seiner Geburtsstadt Posen und in Prag, wo er 1609 starb. Es gibt viele solcher deutsch-polnischen rabbinischen Karrieren, wobei jüdische Bildung auch für die Eliten im Reich in Polen-Litauen erworben wurde, also ein Wissenstransfer von Ost nach West stattfand.

Während einerseits ein deutscher wie ein polnischer Staatsverband existierten, ist andererseits zu diskutieren, was „deutsch“ und „polnisch“ in den jeweiligen Dokumenten und Kontexten bedeuteten und in welchen Zusammenhängen national argumentiert wurde (Kap. 5). Hier werden bereits frühneuzeitliche Nationalisierungsprozesse nachgezeichnet, zugleich aber auch die Bedeutung regionaler Identitäten und deutsch-polnischer Symbiosen betont. Zwar sprechen auch Danziger Quellen um 1600 durchaus von der „deutschen“ und „polnischen Nation“,4 doch wird die eigene Geschichte als deutsch-polnische Symbiose aufgefasst. Zwar ist die deutsch-polnische Sprachgrenze aufgrund der Unterschiede zwischen beiden Sprachsystemen auch im europäischen Vergleich relativ hart, doch wird in der Frühen Neuzeit weder auf deutscher noch auf polnischer Seite der Sprache eine entscheidende Bedeutung für die Herausbildung einer Nation zugeschrieben. Ein „Preuße“ (Prusak) – gleich ob deutsch- oder polnischsprachig – konnte bis Ende des 18. Jahrhunderts sehr wohl Teil polnischer staatsbürgerlicher Eliten sein, so wie ein schlesischer Piast sich als aus „polnischem Stamm“ und Fürst des römischdeutschen Reichs fühlen konnte.

Am Ende steht schließlich ein vergleichender Blick auf die Auflösung und Aufteilung beider Staatsverbände (1772–1806), deren Parallelität bisher noch zu selten politisch beschrieben und kulturell gedeutet wurde (Kap. 6). Eine Erinnerungsgeschichte von Reich und polnisch-litauischer Republik wird nur angedeutet, da hier bereits neue Forschungsergebnisse vorliegen.5

Eine deutsch-polnische Beziehungs- und Verflechtungsgeschichte der Frühen Neuzeit hat so in räumlicher wie thematischer Hinsicht eine Fülle von Fragestellungen zu behandeln, die von der Alltagsgeschichte des Zusammenlebens in Städten und Dörfern über Nachbarschaft en und familiäre Beziehungen, ähnliche und doch abweichende kulturelle Praktiken, wenig stabile konfessionelle Mischungsverhältnisse und sprachliche Durchdringungsprozesse bis zur Eliten- und Verfassungsgeschichte zweier Staats verbände reichen. In der tausendjährigen deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte ist das Besondere der Epoche, dass politisch-pragmatisch eine Parität zwischen beiden Staatsverbänden existierte, die von den Zeitgenossen akzeptiert wurde. Der polnische Adel sah sich als gleichwertiger Partner der Reichseliten an, mehr noch, er unterstrich seine Überlegenheit aufgrund seiner besonderen Freiheiten. Obwohl das 17. Jahrhundert eine kriegerische Epoche war, blieb die Grenze zwischen Altem Reich und Polen bis zu den Teilungen unverändert, jadie deutsch-polnische Grenze kann in der Frühen Neuzeit als eine der friedlichsten Grenzen in ganz Europa gelten.

Die deutsch-polnischen Verflechtungen in diesem Zeitraum sind keinesfalls einzigartig, infolge der Verquickung von politischer Geschichte, Sprachbeziehungen und Kulturtransfer können sie in dieser Epoche mit den deutsch-französischen oder besser – wegen der besonderen Bedeutung des Konfessionellen in beiden Beziehungsgeschichten – mit den polnisch-russischen Beziehungen verglichen werden, die sich auf einem ähnlich großen Raum und ebenfalls mit besonderer Intensität abspielten.6 Wenn wir uns auf die deutschpolnischen Beziehungen konzentrieren, so tun wir dies deshalb, weil historiographisch, strukturell und sprachlich nach wie vor Rezeptionsbarrieren bestehen, die nicht leicht zu überwinden sind. Deutsche wie Polen haben hier Pfade vorgezeichnet – erinnert sei insbesondere an den Berliner Historiker Klaus Zernack mit seiner Konzeption der Beziehungsgeschichte und den Posener Germanisten Hubert Orłowski mit seiner Rezeptionsgeschichte. Dennoch ist das Vorhaben riskant, denn die doppelte Perspektive birgt auch Gefahren einer übermäßigen Parallelisierung. Gewonnen werden kann dabei aber ein neuer Blick auf die mitteleuropäische Geschichte, der für beide Nationalkulturen bereichernd ist und zu intensiveren vergleichenden Forschungen anregen sollte.

 

 

    1 Es gibt in deutscher und polnischer Sprache keine Überblicksdarstellung über die deutsch-polnischen Beziehungen der Frühen Neuzeit, sondern nur problemorientierte Studien. Für weiterführende Informationen zu Polen-Litauen: Polen in der europäischen Geschichte, Bd. 2 Frühe Neuzeit [im Druck]; außerdem WIJACZKA, Jacek: Stosunki polsko-niemieckie w XVI–XVIII wieku.

    2 „Genanalyse: Europäer sind eine große Familie“. Spiegel-online, 08.05.2013.

    3 BAHLCKE, Joachim: Deutsche Kultur mit polnischen Traditionen. Die Piastenherzöge Schlesiens in der Frühen Neuzeit, in: WEBER, Matthias (Hrsg.): Deutschlands Osten – Polens Westen, S. 83–112.

    4 BUES, Almut (Hrsg.): Die Aufzeichnungen des Dominikaners Martin Gruneweg.

    5 HAHN, Hans-Henning /TRABA, Robert (Hrsg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte.Band 3: Parallelen.

    6 ZERNACK, Klaus: Polen und Russland.

I.Überblick

1. Römisch-deutsches Reich und Polen-Litauen: Strukturelle Parallelen und nachbarschaftliche Beziehungen

Bereits ein Blick auf die geographische Ausdehnung beider Reichsverbände legt eine Parallelisierung der frühneuzeitlichen deutschen und polnischen Geschichte nahe: Mit ca. 800.000–1.000.000 km² (das frühneuzeitliche Frankreich umfasste ca. 400.000 km²) erreichten das Heilige Römische Reich deutscher Nation und Polen-Litauen eine ähnliche räumliche Ausdehnung, die erhebliche Probleme in der Kommunikation zwischen den Zentren, den Regionen und den Peripherien aufwarf und die unter den damaligen Verkehrsverhältnissen nur eine begrenzte machtpolitische Durchdringung des Raumes zuließ.

Manchmal wird eine Terminologie verwendet, die eine Entgegensetzung von deutschem „Reich“ und polnischer „Adelsrepublik“ suggeriert (die Folge einer Übersetzung des lat. respublica in die französische republique des nobles, aus der die deutsche Bezeichnung hervorging), diese Begrifflichkeit löst jedoch eher Missverständnisse aus. Bei beiden Staatsverbänden handelte es sich jeweils um eine konstitutionell begrenzte monarchia mixta mit einer gestuften ständischen Verfassung, in der insbesondere adlige Eliten, aber auch Geistlichkeit und städtisches Bürgertum Partizipationsmöglichkeiten besaßen.1

Terminologische Überschneidungen tauchten bereits zeitgenössisch gehäuft auf: So verwandten die deutschsprachigen Bevölkerungen im Preußen „königlich polnischen Anteils“ oder in Großpolen für den einheimischen Staatsverband ebenfalls die Bezeichnung „polnisches Reich“. Andererseits sprachen Verfassungstheoretiker bei beiden Verbänden von einer res publica (poln. rzeczpospolita) oder einer monarchia mixta. In der Korrespondenz der großen preußischen Städte Danzig, Thorn und Elbing wurden vielfältige Analogien zwischen dem Reich und Polen-Litauen beschworen, die Städte beanspruchten einen ähnlichen Status wie die Reichsstädte. In dieser Vielfalt und in den changierenden Bezeichnungen kommt der schwer klassifizierbare Charakter beider Verbände zum Ausdruck: Der Historiker Heinz Schilling spricht von einer „amöbenhaften, amorphen Gestalt“.2

Auch parallele politische Entwicklungen in der Frühen Neuzeit legen einen Vergleich nahe: Beide Verbände bildeten um 1500 gemischte Herrschaftsformen mit monarchisch-ständischen Institutionen politischer Entscheidungsfindung aus: Neben die gewählten Herrscher (König/Kaiser und König/Großfürst) traten regelmäßig tagende zentrale ständische Diskussions- und Aushandlungsforen in Form des Reichstags (1495) und des Sejms (1493). Beide Ständeversammlungen erhielten durch die Reichsreformen bzw. die polnisch-litauische Exekutionsbewegung neue Strukturen (Festlegung der Reichsstände und Reichskreise, Woiwodschaften entsandten jeweils zwei Landboten zum Sejm) und Verhandlungsformen (Abschiede). Dabei ist die parallele Entstehung beider zentraler Ständeversammlungen nicht zufällig: Politische Ereignisse (Türkengefahr) erzwangen die Ausbildung handlungsfähiger Gremien, die Beschlüsse treffen und Steuern erheben konnten. Polen galt als antemurale christianitatis, im Reich stilisierte sich vor allem Wien durch die zweimaligen Belagerungen zu einer „Vormauer der Christenheit“. Auch nahmen die habsburgischen und jagiellonischen Herrscher sehr wohl wahr, welche Modernisierungen beim Nachbarn stattfanden.

Deutlich ist diese wechselseitige Rezeption bei der Einrichtung von Institutionen der höheren Rechtsprechung sichtbar. Als in der Krone Polen in den 1540er Jahren eine höhere, vom nur schleppend tätigen König und Hof losgelöste Gerichtsbarkeit gefordert wurde, berief man sich in der Publizistik neben den französischen parlaments auf das 1495 eingerichtete Reichskammergericht. Andrzej Frycz Modrzewski (Modrevius) schlug öffentlich vor, dass die Besetzung des zukünftigen höchsten polnischen Gerichts ähnlich wie beim Reichskammergericht vorgenommen werden sollte. Letztendlich sah die Wahlordnung für das polnische Krontribunal jedoch die Wahl von rotierenden Deputierten vor, während am Reichskammergericht dauerhaft bestellte Assessoren Recht sprachen.3

Für beide Staatsverbände galt eine historische Multizentralität: Im Reich traten an die Stelle der alten Kerngebiete Rheinland und Schwaben zunächst Böhmen, später die habsburgischen Erblande, aber auch Frankfurt und Speyer bzw. Wetzlar (Sitzorte des Reichskammergerichts) oder Regensburg als Sitz des Immerwährenden Reichstags. In Polen-Litauen wurde die seit dem 14. Jahrhundert dominierende Region Kleinpolen mit der Metropole Krakau im 16. Jahrhundert von Masowien mit Warschau abgelöst, unter den letzten Jagiellonen erfüllte aber zeitweise auch der polnisch-litauische Grenzbereich in Podlachien und Hoch-Litauen (Aukštaiten) die Funktion einer königsnahen Region, während an der unteren Weichsel das Königliche Preußen mit Danzig zum wirtschaftlichen Zentrum wurde. Ein Dilemma in beiden Reichsverbänden blieb, dass die wirtschaftlichen, kommunikativen und geographischen Schlüsselregionen – Böhmen und das Königliche Preußen – sowie deren Metropolen – Prag und Danzig – aufgrund ihres Sonderstatus für politische Zentralfunktionen ungeeignet waren.

Der umfangreiche Grenzstreifen entlang der ca. 1000 km langen Grenze zwischen römisch-deutschem Reich und der Krone Polen besaß für beide Reichsgefüge eine besondere Bedeutung. Hier lagen – in beiden Reichsverbänden – „reichsferne“ Territorien, in denen lokale oder regionale Eigenentwicklungen stattfanden. Die hinterpommerschen Herzogtümer, die Herrschaft en Lauenburg und Bütow (polnische Territorien, aber in Lehnbesitz der pommerschen und brandenburgischen Fürsten), die Pfandherrschaft Draheim, die Neumark als Nebenterritorium Brandenburgs, die Herzogtümer Auschwitz und Zator und das bischöflich krakauische Fürstentum Sewerien/Siewierz bildeten jeweils Herrschaftsgebiete an der Grenze, in denen eigene deutsch-polnische Strukturen, eine Zweisprachigkeit und Mehrkonfessionalität sowie spezifische Lehnsverhältnisse und Rechtsstrukturen entstanden. Das galt auch für die oberschlesischen Herzogtümer Oppeln, Ratibor, Pless und Teschen, Teile des Reichs, die jedoch häufig von böhmischen Standesherren regiert und vielfach mehrsprachig organisiert waren. Noch die slawischen Sorben der Lausitz profitierten von der sächsisch-polnischen Verbindung.

Grundsätzlich gab dieser Grenzstreifen auch Untertanen, die mit der bisherigen Herrschaft und den eigenen Lebensperspektiven unzufrieden waren, neue Chancen: Zogen sie über die Grenze, war es kaum möglich, solche „entlaufenen Untertanen“ zurückzuführen. Da die Region dünn besiedelt war, boten Grundherren oft günstige Ansiedlungskonditionen entlang der Grenze mit langen Freijahren oder niedrigen Zinszahlungen. Anderskonfessionelle Minderheiten wie die schlesischen und böhmischen Protestanten nach 1620 oder die polnischen Antitrinitarier nach 1660 fanden hier Unterschlupf, für Handelsleute und Spezialisten besaß die Großstadt Danzig Anziehungskraft.4 Das bessere Recht und die größeren Freiheiten an der Grenze erklären, warum der Grenzstreifen in der Frühen Neuzeit dichter besiedelt wurde.

Insbesondere muss der friedliche, ja friedensstiftende Charakter dieser Grenze betont werden: Nach der Säkularisierung des Deutschen Ordens (1525) kam es – abgesehen von der brandenburgischen Beteiligung am schwedischen Einmarsch in Polen 1655–1657 – i n 250 Jahren zu keinen deutschpolnischen militärischen Konflikten; ein im kriegerischen Europa der Frühen Neuzeit beinahe einzigartiges Phänomen. Die Ursache ist in den in beiden Reichen defensiv ausgerichteten militärischen Strukturen zu sehen: Weder die Reichsarmee noch die polnische Kronarmee führten Angriffskriege; mit ihrer finanziellen und logistischen Ausstattung wären sie dazu gar nicht in der Lage gewesen. Dabei gab es durchaus sich überkreuzende territoriale Prätensionen: So beanspruchte das Reich nach der Säkularisierung des Deutschen Ordens in Preußen das 16. Jahrhundert hindurch die Zugehörigkeit des Preußenlandes zum Reich, was von der polnischen Krone abgelehnt wurde. Dem können von den polnischen Eliten wie der Öffentlichkeit erhobene Ansprüche auf Schlesien im 16. und 17. Jahrhundert gegenübergestellt werden. Obwohl die staatsrechtliche Zuordnung zur Krone Böhmen und zum römisch-deutschen Reich geklärt war, gab es einen tief sitzenden historiographischen Traditionalismus, der auch in der Frühen Neuzeit noch besondere Verbindungen Schlesiens zur Polonia postulierte. Trotz solcher wechselseitigen Ansprüche war das Verhältnis in der deutsch-polnischen Kontaktzone jedoch durchweg friedlich – Bruch- und Konfliktlinien verliefen in der Frühen Neuzeit anderswo in Europa.

Eine deutsch-polnische Diplomatiegeschichte lässt sich für die Spanne zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert schwerlich fassen, denn die Akteure wechseln in beiden Reichsgefügen und der Charakter von Diplomatie verändert sich nachhaltig. Kann man im 16. Jahrhundert zu Zeiten Karls V. und der Jagiellonen eine Diplomatiegeschichte zwischen den monarchischen Höfen und dem Reichstag bzw. Sejm schreiben, so verlagert sich im 17. Jahrhundert durch den Souveränitätsgewinn der deutschen Territorien nach 1648 das Gewicht stärker auf eine habsburgisch-polnische oder brandenburgisch-polnische Beziehungsgeschichte, wobei auch die polnischen Aristokraten (Familien wie die Radziwiłłs, Sobieskis oder Pac’) als Akteure berücksichtigt werden müssen. Im 18. Jahrhundert kann man von sächsisch-polnischen (→ Kap. 6) und preußisch-polnischen (→ Kap. 7) Beziehungen sprechen. Deshalb konzentriert sich der folgende Abschnitt auf die Beziehungen des 16. Jahrhunderts, wobei insbesondere Kanäle der Wissensvermittlung zwischen den beiden ständischen Arenen, zwischen Reichstag und Sejm, gewählt wurden. An diesen Kontakten waren nicht nur einzelne Diplomaten beteiligt, sondern auch ganze Gesandtschaften und größere Gruppen von Adligen, aber auch Bürgern, so dass sich hier ein breiteres Bild zeichnen lässt als bei der bloßen Analyse diplomatischer Berichte aus Wien, Prag, Krakau, Wilna oder Warschau.

Als Ausgangspunkt unserer Überlegungen kann der Besuch einer polnischen Gesandtschaftt auf dem Reichstag von 1486 in Frankfurt und Köln dienen. Dass dieser Auftritt für die Zeitgenossen eine Novität darstellte, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass in mehreren Berichten insbesondere die Kleidung der Gesandten beschrieben wurde. Auch die zunächst bestehenden Kommunikationsprobleme und zeremoniellen Unbestimmtheiten kamen deutlich zum Vorschein. Die polnische Gesandtschaft von 1486 trat in der Audienz vor Kaiser Friedrich III., König Maximilian und den anwesenden Kurfürsten und Fürsten in Köln in polnischer Sprache auf. Ihre Ansprache wurde von Johann Beckenschlager, dem aus Schlesien stammenden Erzbischof von Gran, konsekutiv ins Deutsche übersetzt. Anschließend bat man die Gesandten, den Versammlungsraum zu verlassen, um intern zu beraten, welche Antwort ihnen gegeben werden sollte. Dann rief man sie wieder herein, und der Bischof von Gran verkündete in „slawischer“ (es ist unklar, in welcher) Sprache den Bescheid der Versammlung. Diese komplizierte Prozedur der mehrfachen Übersetzung – mit allen Problemen, die dies für die Wiedergabe des zu Vermittelnden aufwarf – wäre überhaupt nicht erforderlich gewesen. Zur umfangreichen polnischen Gesandtschaft gehörten auch Personen, die das Deutsche oder Lateinische hervorragend beherrschten. Der Grund für die komplizierte Prozedur lag wohl darin, dass diese Gesandtschaft als etwas Neues und Unbekanntes wahrgenommen wurde.5

Die auch verwandtschaftlich verflochtenen habsburgischen und jagiellonischen Höfe waren an einer Verständigung interessiert, aber auch in Rivalität miteinander verbunden. Dabei konnte die osmanische Bedrohung als Argument für gemeinsame herrscherliche Anliegen dienen (Erhöhung des zentralen Steueraufkommens und Disziplinierung der Stände), hinter dem eventuell divergierende Interessen zurücktraten. Diese Konstellation – gemeinsame und/oder konkurrierende Interessen der Herrscherfamilien der Habsburger und Jagiellonen – sollte die politische Landschaft Ostmitteleuropas das 16. Jahr hundert hindurch bestimmen und stellte eine Rahmenbedingung für die Kontakte zwischen Altem Reich und Polen-Litauen dar.

Offizielle Gesandtschafttssprache war das Lateinische. Die Durchsetzung eines verbindlichen humanistischen Lateins in der habsburgischen und polnischen Kanzlei um 1500 erleichterte die Kommunikation. Die rhetorische Ausgangsbasis der polnischen Gesandtschaften bildete durchweg die Betonung des gemeinsamen Anliegens, pro bono Reipublicae christianae einzutreten. Inhaltlich fand dies Ausdruck in der wiederholten Hervorhebung der „Türkengefahr“ und den Versuchen, eine gemeinsame „Türkenabwehr“ zu lancieren. Im Einzelfall ist jedoch jeweils nachzufragen, ob sich hinter diesen Akzenten nicht eine taktische Betonung der Gemeinsamkeiten verbarg, um in der Verhandlung von Einzelfragen eine günstigere Position einzunehmen.

Das Problem der Verhandlungssprache tauchte in Zukunft in den Quellen nicht mehr auf. Der auf dem Freiburger Reichstag von 1498 als polnischer Gesandter (ein „großer Herr“) mit einem Hilfsersuchen gegen die Türken – nach dem Frankfurter Protokollanten ein „cleglich Anpringen“ – auftretende Mikołaj Rosenberg-Rozembarski fand durch die Form seiner lateinischen Ansprache, die in den nächsten Jahrhunderten in mehreren Kompendien mit Reichstagsreden gedruckt wurde, ein positives Echo.6

Allerdings gab es neben den besonderen Beziehungen zu den Habsburgern auch dynastische Faktoren, die die Jagiellonen mit mehreren Reichsständen verbanden: Insgesamt waren sechs Schwestern der vier 1492–1572 regierenden jagiellonischen Könige mit Reichsfürsten verheiratet, wodurch der polnische Hof insbesondere nach Sachsen, Ansbach, Brandenburg, Pommern und Braunschweig familiär-politische Beziehungen und Kommunikationskanäle besaß.7 Zwar fügten sich diese Verbindungen infolge der widerstreitenden Interessen der Reichsstände nicht zu einer „jagiellonischen Partei“ unter den Reichsständen zusammen, doch bot sich in einzelnen Situationen wiederholt die Chance, für politische Anliegen des polnischen Hofes auf dem Reichstag auch andere Reichsstände zu gewinnen, mit denen die Jagiellonen dynastisch verbunden waren. Anhand erhaltener Akten ist nachweisbar, dass der polnische Hof sowie einzelne Reichsstände versuchten, diese Kontakte zu einer informellen Zusammenarbeit auf dem Reichstag zu nutzen.

Ein Beispiel: Als 1532 in Regensburg die Reichssteuern diskutiert werden sollten, schrieb Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach in der Instruktion für seinen Gesandten Balthasar von Rechenberg, dieser solle in der Frage der Reichsanschläge eventuell den polnischen Gesandten Dantiscus als Vermittler vorschlagen.8 Georg, ein Neffe des polnischen Königs Sigismund I., war durch längere Aufenthalte am böhmischen und ungarischen jagiellonischen Hof, durch seine Rolle als Erzieher König Ludwigs II. und Vermittler bei der Umwandlung Preußens in ein protestantisches polnisches Lehen sowie durch seine schlesischen Besitzungen (Jägerndorf) eng mit der jagiellonischen Politik verbunden. Insbesondere bei der Verteidigung Herzog Albrechts nach dessen Übertritt zum Protestantismus arbeitete die ansbachische Diplomatie mit den polnischen Gesandten zusammen.

Grundsätzlich ist bei dem Besuch der Reichstage seit Anfang des 16. Jahrhunderts auch das Element der Gegenseitigkeit zu beachten: Kaiserliche oder königliche habsburgische Gesandtschaft en aus dem Reich nahmen in etwa gleichem Umfang an den polnischen ständischen Generalversammlungen teil. So besuchten die habsburgischen Diplomaten Sigismund von Herberstein und Georg von Lookschau 1527/28 den polnischen Sejm in Petrikau (Piotrków), während der polnische Gesandte Piotr Opaliński kurz darauf an dem Reichstag in Regensburg teilnehmen sollte.

Zwischen dem königlichen bzw. kaiserlichen Hof im Reich, den Tagungsorten der Reichstage und dem polnischen Hof bestanden vor der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts keine regelmäßigen Postverbindungen und Kommunikationswege. Keiner der Höfe hatte einen festen Sitz, auch erfolgte die Einberufung der Reichstage relativ kurzfristig. Bis diese Informationen über eine Entfernung von 1000 bis 2000 km nach Polen-Litauen oder an die habsburgischen Residenzen gelangten, konnten zwei bis drei Monate vergehen, zudem wurde der polnische Hof nicht unmittelbar von der Ausschreibung eines Reichstages unterrichtet, sondern erhielt die Einladungen oft aus zweiter Hand. Unter diesen Bedingungen hing die Nachrichtenübermittlung von den jeweiligen Aufenthaltsorten der Herrscher, der Organisation der Kanzlei und der Gesandtschaft en sowie nicht zuletzt auch von Zufällen ab.

Zwischen den 1480er Jahren und 1506 war der polnische Hof aus außenpolitischen Gründen wenig ortsfest und hielt sich häufig in Litauen auf. Dagegen ließen sich Hof und Kanzlei in der langen Regierungszeit Sigismunds I. (1507– 1547) in Krakau nieder. Nach 1547 nahm diese Präsenz in Krakau infolge persönlicher Vorlieben Sigismund Augusts wieder ab, und im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts pendelten Hof und Monarch zwischen Krakau, Warschau, den preußischen Städten und Litauen. Die Politik im Reich konzentrierte sich dagegen unter Maximilian I. am Oberrhein, später wegen des spanischen Engagements Karls V. in Brüssel.

Es liegt auf der Hand, dass diese Verlagerungen, die die Herrschaftszentren teilweise für mehr als 1000 km voneinander entfernten, die Kommunikation gewaltig erschwerten. Als besonders günstig für eine schnelle Nachrichtenübermittlung erwiesen sich Kontakte in der Residenzstadt Krakau, da die Metropole insbesondere über die Agenten und Informationsnetze am Ort ansässiger Kaufleute (Familien Thurzó-Fugger, Boner) bereits um die Wende zum 16. Jahrhundert an das internationale Nachrichtennetz angebunden war und die Entfernung nach Wien sowie zu den oberdeutschen Tagungsorten der Reichstage (Nürnberg, Regensburg, Augsburg) in ein bis zwei Wochen überwunden werden konnte.

Ein Aufenthalt in Warschau, in den bevorzugten Residenzen Sigismund Augusts im polnisch-litauischen Grenzbereich, verdoppelte und verdreifachte dagegen die Kommunikationswege und erschwerte insbesondere den Kontakt mit den Gesandtschaft en auf den Reichstagen. In Litauen versorgte zudem in erster Linie die litauische Kanzlei den Monarchen mit dem nötigen Personal, die allerdings für Fragen der Reichspolitik wenig kompetent war. Ein Beispiel: Als im Januar 1566 die Instruktion für den Gesandten Franciszek Krasiński zum Reichstag in der königlichen Residenz in Knyszyn (Podlachien) entworfen wurde, konnte diese nicht fertiggestellt werden, da vor Ort die nötigen Akten insbesondere in der Frage der preußischen Angelegenheiten nicht vorhanden waren. Am 10. März wurde deshalb aus Wilna ein Supplementum in negotio Prutenico nach Wien geschickt, das den Gesandten jedoch erst nach der Audienz beim Kaiser erreichte und nur noch für die Rede vor den Reichsständen (29. April) verwandt werden konnte.

Krakau erhielt seit 1558 einen Anschluss an das reguläre mitteleuropäische Postsystem durch die Einrichtung einer Postlinie über Wien und Graz nach Venedig, die, mit Stockungen und Unterbrechungen, zeitweise wöchentlich, später 14-tägig verkehrte. Seit 1583 wurde diese Postlinie auf Anordnung Stephan Báthorys bis an den jeweiligen Aufenthaltsort des königlichen Hofes verlängert, was die Nachrichtenverbindungen zum herrscherlichen Zentrum verbesserte.9 Allerdings sorgte diese Einrichtung regulärer Verbindungen nur phasenweise für Verbesserungen: Das 1596 zur königlichen Residenzstadt erhobene Warschau hatte bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts keinen regelmäßigen Anschluss an das internationale Postnetz. Eine Postlaufzeit von einem Monat aus den süd- und westdeutschen Regionen des Reichs bis an den polnischen Hof war für das ganze 16. Jahrhundert die Normalität.

Durchschnittliche Gesandtschaft en waren bescheiden und bestanden etwa bei Rosenberg-Rozembarski zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus sechs bis acht Personen. Allerdings nahmen diese Größenordnungen bereits Mitte des Jahrhunderts deutlich zu: Den Reichstag in Worms 1544/45 besuchte der Gesandte Jan Firlej mit einer 20 Personen zählenden adligen Gefolgschaft, wobei hier wohl auch die in der inneren Politik Polen-Litauens verbreitete Praxis zur Geltung kam, mit einem möglichst umfangreichen Gefolge (orszak) politische Bedeutung zu demonstrieren. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist bei speziell aus Polen zusammengestellten Gesandtschaft en von 20–60 Personen auszugehen. Diese Größe warf bei den hohen Lebenshaltungskosten an den Tagungsorten und der geringen finanziellen Ausstattung der Gesandtschaft en Probleme auf. Mehrere Gesandtschaft en gerieten in Geldnöte und mussten Ausrüstung und Pferde verkaufen, da die Versorgung nicht mehr gesichert war.

Dies änderte sich nach 1515, als humanistisch gebildete Berufsdiplomaten agierten, die sich längere Zeit am Hof aufhielten. Als Beispiel genannt sei Johannes Dantiscus, der zwischen 1518 und 1532 über zehn Jahre als polnischer Gesandter am kaiserlichen Hof Karls V. tätig war und in dieser Funktion an den Reichstagen 1530 in Augsburg und 1532 in Regensburg teilnahm. Erwähnt werden muss auch Martin Kromer, der 1558–1564 am Hofe Ferdinands I. ansässig war und mehrere Reichstage besuchte. Diese Persönlichkeiten besaßen eine sehr gute Kenntnis der Reichspolitik, wobei allerdings die Kontakte zum kaiserlichen Hof gegenüber den Kenntnissen der kurfürstlichen und fürstlichen Interessen überwogen.

Im Falle von Dantiscus, dessen gesamter Briefwechsel etwa 20.000 Dokumente umfasst, die inzwischen in Warschau in Kurzregesten erfasst sind (70 % Latein, 20 % Deutsch, 10 % sonstige Sprachen),10 sind auch quantitative Aussagen möglich: Erhalten sind etwa 60 Briefe von und an Dantiscus, in denen dieser über die in Augsburg und in Regensburg ablaufenden Ereignisse informierte beziehungsweise Anfragen und weitere Informationen erhielt. Die mitunter ausführlichen, bis zu 20 Seiten umfassenden Briefe gingen nach Polen an Sigismund I., die Königin Bona Sforza, ausgewählte Personen der Kronkanzlei sowie preußische Bekannte von Dantiscus, aber auch an die internationalen humanistischen Eliten. Die polnischen Eliten waren somit über diese Reichstage gut informiert; neben der Preußen-, Ungarn-, Türken- und Ostmitteleuropapolitik, für die man sich in Polen interessierte, wurde auch über allgemeine Fragen der Reichspolitik berichtet.

Zudem besaßen die Reichstage für die polnischen Eliten die Funktion von Nachrichtenbörsen. Der Königshof bat seine Gesandten zum Reichstag, im wöchentlichen Rhythmus ausführlich über alle in Erfahrung zu bringenden Neuigkeiten zu berichten und interessante Publikationen und Flugschriften nach Polen zu schicken. Sigismund August schrieb am 30. Mai 1566 an Franciszek Krasiński: „Die Nachrichten, die Ihr Uns übersandt habt, waren wir froh zu erhalten und Wir möchten, dass Ihr Uns oft und ausführlich schreibt.“11 Solange sich die Gesandten auf dem Reichstag aufhielten, wurde vielfach über diese die Post an die westeuropäischen Gesandtschaft en abgewickelt, da die polnische Kanzlei von der zutreffenden Einschätzung ausging, dass während der Reichstage diese Kommunikationswege besonders zügig bedient wurden. Erhaltene Berichtsammlungen – zum Beispiel des Gesandten Łukasz Podoski vom Reichstag in Speyer 1570 – belegen, dass über zahlreiche Details der Reichspolitik informiert wurde, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Bedeutung der Reichstage als Forum, auf dem dynastische Verbindungen sondiert werden konnten.12