WBG Deutsch-Französische Geschichte Bd. IV - Guido Braun - ebook

WBG Deutsch-Französische Geschichte Bd. IV ebook

Guido Braun

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Opis

Zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution erlebte Frankreich den beispiellosen Aufstieg zur europäischen Großmacht. Unter Ludwig XIV. war es die stärkste Militärmacht, kulturell das Vorbild Europas. Im 18. Jahrhundert aber folgte ein schleichender Machtverfall. Erfolglos in mehreren Kriegen, verlor Frankreich die meisten seiner überseeischen Besitzungen. Schließlich versank das Land im Staatsbankrott. Guido Braun zeichnet die vielfältigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nach. Während das politische Verhältnis durch zahlreiche Kriege geprägt wurde, war die kulturelle Anziehungskraft überragend. Französisch war die Sprache Europas, die Kultur des Hofes von Versailles prägte als Vor- und Gegenbild den europäischen Adel, die Aufklärung schließlich breitete sich über die meisten Kulturnationen aus. Aber der Kulturtransfer verlief auch in dieser Zeit keineswegs nur in west-östlicher Richtung. Höchst ambivalent also ist das Verhältnis der beiden Nachbarn, das Politik wie Kultur der damaligen Zeit prägte.

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WBGDeutsch-Französische Geschichte

Band 4

WBGDeutsch-Französische Geschichte

Im Namendes Deutschen Historischen Instituts Parisherausgegeben vonWerner ParaviciniundMichael Werner

 

Guido Braun

Von der politischen zur kulturellen Hegemonie Frankreichs 1648–1789

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Impressum

Einbandgestaltung: Peter Lohse, BüttelbornEinbandbild: „König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci“ (Ausschnitt).Gemälde von Adolph Menzel, 1850. Ehemals Berlin, Nationalgalerie(Kriegsverlust). Foto: picture-alliance

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung inund Verarbeitung durch elektronische Systeme.

© 2008 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitgliederder WBG ermöglicht.Satz: Janß GmbH, PfungstadtRedaktion: Christina Kruschwitz, BerlinKarten: Stephan Meyer, Dresden

Umschlagmotiv: König Friedrichs II. Tafelrunde in Sanssouci. Gemälde, 1850, von Adolph Menzel (Ausschnitt, Kriegsverlust). Ehemals Berlin,Nationalgalerie.

Foto: picture-alliance

Umschlaggestaltung: Peter Lohse, Büttelborn

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-darmstadt.de

eBook (epub) ISBN: 978-3-534-74559-3eBook (PDF) ISBN: 978-3-534-74558-6

Inhalt

Einleitung

I. Überblick

1. Krise und Neubeginn. Das Reich und Frankreich um 1650

Der Friedensschluss von Münster und seine zeitgenössische Rezeption

Divergenz der französischen und deutschen Verfassungswirklichkeit

2. Im Zeichen der bourbonischen „Universalmonarchie“. Die französisch-deutschen Beziehungen im Zeitalter der Vorherrschaft Ludwigs XIV. in Europa zwischen Tradition und Expansion (1648–1715)

Kontinuität und Wandel in den französisch-deutschen Beziehungen

Vom Westfälischen Frieden bis zum Ende des ersten Rheinbundes (1648–1668)

Französische Reichsstandschaft?

Die expansionistische Hegemonialpolitik Ludwigs XIV. oder der Beginn des „zweiten Dreißigjährigen Krieges“ (1667–1697)

Das Elsass und Straßburg nach 1681

Frankreichs führende kulturelle Stellung in Europa seit Ludwig XIV.

Die Krise der 1680er Jahre und das Ende der französischen Hegemonialstellung

Frankreichs Abstieg im reichsständischen Deutschland: das Beispiel Kurtrier

Das Edikt von Fontainebleau und die Immigration französischer Hugenotten ins Reich

Der Pfälzische Krieg

Der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1714)

Das Ende der Herrschaft Ludwigs XIV. (1714/15)

3. Das Wechselspiel der Allianzen. Frankreichs Verhältnis zu Kaiser, Reich und deutschen Territorien vom Tode Ludwigs XIV. bis zum Renversement des alliances (1715–1756)

Grundzüge der Epoche und ihres Bildes in der Historiographie

Grundzüge des französischen Verhältnisses zu den Reichsständen

Die Regentschaft Philipps von Orléans (1715–1723)

Wechselnde Allianzen und instabiles Mächtesystem (1723–1740)

Von der österreichischen Erbfolgekrise bis zum Frieden von Aachen (1740–1748)

Österreich und Frankreich im post-Aachener System

4. Der sukzessive Rückzug Frankreichs aus dem Reich. Vom Siebenjährigen Krieg bis zum Vorabend der Französischen Revolution (1756–1787)

Das Renversement des alliances und seine diplomatische Vorgeschichte (1748–1756)

Der Siebenjährige Krieg (1756–1763)

Abdankung des protecteur des libertés germaniques? Die französische Deutschlandpolitik vom Ende des Siebenjährigen Krieges bis zum Vorabend der Französischen Revolution (1763–1787)

5. Im Schatten der Bastille. Bilanz der französischen Beziehungen zum Reich am Vorabend der Französischen Revolution (1787–1789)

II. Fragen und Perspektiven

1. Die Bezeichnungen des Zeitalters

Absolutismus

Siècle de Louis XIV, siècle de Frédéric II

Aufklärung/Lumières

Barock

2. Struktur und Zentren der deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen von 1648–1789

Die deutsch-französische Handelsbilanz

Die geographischen Zentren des deutsch-französischen Handels

Wirtschaftlich motivierte Migration

Die Sonderstellung des Elsass und Straßburgs im deutschfranzösischen Wirtschaftsleben

Handelsrecht und merkantilistische Wirtschaftstheorie im französischen Handel mit den deutschen Territorien

Technologie- und Wissenstransfer

3. Kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen

Versailles als Modell höfischer Kultur und seine Adaptationen an deutschen Fürstenhöfen

Das deutsche Theater des 18. Jahrhunderts zwischen französischem Vor- und Gegenbild

Wissenschaftliche Beziehungen

Beziehungen und Transfer im Bereich der Musik

Abgrenzung von der „französischen“ Kultur? Die deutsche Nationalliteratur-Debatte

Auf dem Wege zu neuen Gemeinsamkeiten: Die Aufwertung der deutschen Literatur in Frankreich nach 1750

4. Die Sprachen in den deutsch-französischen Beziehungen und die kulturelle Vermittlung durch Übersetzen und Verlegen fremdsprachiger Schriften im Nachbarland

Die Rolle des Französischen in Deutschland

Die Rolle des Deutschen in Frankreich

Vom Lateinischen zum Französischen als Sprache der diplomatischen Beziehungen

Die französischsprachige Presse und der Vertrieb französischer Bücher im Reich

5. Identität und Alterität

Imagologie als deutsch-französische Forschungsaufgabe

Aspekte des französischen Deutschlandbildes

Aspekte des deutschen Frankreichbildes

Wechselspiel der Wahrnehmungen im Zeichen der Nationsbildungsprozesse

6. Schlussbetrachtung: Die Epoche in der Historiographie und in der Erinnerungskultur

III. Bibliographie

1. Quellen

1.1. Editionen internationaler Verträge, Gesetzestexte

1.2. Akten und politische Korrespondenzen

1.3. Allgemeine Quellen(-sammlungen), Memoiren, Tagebücher

1.4. Politische, staatsrechtliche und geographische Schriften

1.5. Quellen zu Fragen von Reisen und Mobilität

1.6. Quellen zur Wissenschafts-, Kultur-, Literaturgeschichte und zum Bild des Anderen

1.7. Wirtschaftsgeschichtliche Quellen

2. Literatur

2.1. Bibliographische/biographische Hilfsmittel, Nachschlagewerke

2.2. Handbücher und Überblicksdarstellungen

2.3. Grundlagenliteratur zur Innenpolitik, Rechts-, Finanzund Verfassungsgeschichte

2.4. Die Grenzen zwischen Frankreich und dem Reich: Konzepte und Realitäten

2.5. Epochengrenzen und Epochensignaturen: Grundlagenliteratur zu Absolutismus, Barock, Aufklärung

2.6. Wirtschaftsgeschichte

2.7. Bevölkerungs- und Sozialgeschichte, Migration

2.8. Kulturelle und wissenschaftliche Beziehungen

2.9. Verkehrssprachen und kulturelle Vermittlung durch Übersetzen und Verlegen fremdsprachiger Schriften im Nachbarland

2.10. Identität und Alterität

2.11. Historiographiegeschichte, Publizistik und Erinnerungskultur

2.12. Werke zur Geschichte der politischen Beziehungen

2.13. Die politischen Beziehungen im Lichte einer „neuen“ Diplomatiegeschichte

 

Abkürzungen

Zeittafel

Personenregister

 

Karten Vorsatz, 18

Einleitung

Voltaire bei der „Tafelrunde“ Friedrichs II. in Sanssouci: Das ist vielleicht eines der bekanntesten „Bilder“, die man mit der deutsch-französischen Geschichte im Zeitalter von Barock und Aufklärung beiderseits des Rheins verbindet1. Diese an deutsch-französischen Berührungspunkten in Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur so reichhaltigen anderthalb Jahrhunderte sind vielfach Gegenstand von Detailuntersuchungen gewesen, jedoch nur äußerst selten im Überblick behandelt worden.

Seit Bertrand Auerbachs Buch von 1912 über die deutsch-französischen Beziehungen zwischen 1648 und 1789 ist keine Synthese zur Gesamtepoche mehr vorgelegt worden. Ein solches Wagnis wird nach fast einem ganzen Jahrhundert nun im Rahmen der Reihe „Deutsch-Französische Geschichte“ wieder eingegangen2. Die hier vorgelegte Darstellung von eineinhalb Jahrhunderten deutschfranzösischer Geschichte auf knappstem Raum darf daher als ein ebensolches „Abenteuer“ gelten, wie es Heinz Duchhardt mit seiner europäischen Geschichte im Zeitalter des Barock und der Aufklärung unternahm3. Selbst wenn man sich wie Auerbach auf die diplomatischen Beziehungen beschränken würde, erscheinen die seit dem Vorabend des Ersten Weltkrieges von der Forschung erzielten Fortschritte unermesslich und die Verwertung ihrer wichtigsten Ergebnisse in einem nach Herausgeber- und Verlagsvorgabe schlanken Band geradezu unmöglich4. Zudem kann und darf die Geschichtsschreibung heute nicht mehr allein die politischen Aspekte untersuchen. Namentlich die gerade am deutsch-französischen Beispiel entwickelten innovativen Forschungskonzepte des Kulturtransfers und der histoire croisée ermöglichen neue Perspektiven und eine Ausweitung des Erkenntnisinteresses bei der Erforschung der deutsch-französischen Geschichte.

Trotz dieser Erweiterung ihres Gegenstandes sollte die Geschichtsschreibung die politische Geschichte jedoch nicht beiseite legen: „Es soll doch sehr deutlich zum Ausdruck kommen, daß zur Totalität der Geschichte eben auch konstitutive Elemente wie Krieg und Frieden, Diplomatie und Völkerrecht hinzugehören, denn auch durch sie ist Geschichte gestaltet – und mehr: bewegt – worden“5. Besonders im Kontext einer Kulturgeschichte des Politischen hat sich die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit Politik und Diplomatie im Übrigen in Deutschland und in Frankreich in einem Maße gewandelt, das längst nicht mehr erlaubt, sie als traditionalistische Grundhaltung Ranke’scher Geschichtsauffassung zu verdammen. Es erscheint daher legitim und notwendig, das Politische angemessen in der Darstellung zu berücksichtigen.

Sowohl im Hinblick auf die Koinzidenz mit dem bereits seit 2005 vorliegenden Band der „Deutsch-Französischen Geschichte“ zur ersten Hälfte der Frühen Neuzeit als auch zur besseren Orientierung des Lesers stellt der erste Hauptteil dieses Buches die Entwicklung der politischen Geschichte in den Mittelpunkt. Angesichts eines knappen Jahrhunderts ohne einschlägige Überblicksdarstellung erschien es angemessen und wünschenswert, der Politik zumindest so viel Raum zu bieten, dass kein Rückschritt gegenüber den Erkenntnissen der Forschung durch allzu weitgehende Verkürzung vollzogen wird.

Da sich jedoch die Dimensionen der deutsch-französischen Beziehungen in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit wandelten (es ist beispielsweise an die sich intensivierenden wissenschaftlichen Beziehungen im Zeitalter der Aufklärung zu denken), waren Unterschiede gegenüber dem vorhergehenden Band dieser Reihe unvermeidlich und werden bewusst in Kauf genommen. So kehrt der zweite Hauptteil der Politik ganz den Rücken und widmet sich ausschließlich den anderen Bereichen, in denen es zu intensiven Berührungspunkten im deutsch-französischen Verhältnis kam: Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft. Selbst der Weg zu einer deutschen „Kulturnation“ vollzog sich wesentlich in der Auseinandersetzung mit französischen Vor- und Gegenbildern. Diese Bereiche sind allerdings in vielerlei Hinsicht so rudimentär erforscht, dass die Darstellung bald an die Grenzen des Wissens stößt und in die Forschungsdiskussion vordringen muss. Daher werden diese Aspekte in der Form wissenschaftlicher Essays behandelt, die den Stand und die Perspektiven der Forschung darstellen.

Die Schwerpunktsetzung in Hauptteil II bedeutet nicht, dass die Forschungsprobleme und Perspektiven der Politikgeschichte in diesem Buch ganz vernachlässigt würden. Zwar wurde mit Blick auf die Raumökonomie auf ein ursprünglich geplantes Kapitel zu den politischen Beziehungen im Lichte einer „neuen“ Diplomatiegeschichte verzichtet. Einschlägige punktuelle Forschungsprobleme werden aber im Überblicksteil zumindest skizziert, und im Forschungsüberblick werden in anderen Zusammenhängen gerade diese neuen Ansätze – etwa hinsichtlich der Diplomaten als kulturelle Vermittler im Kulturtransfer – berücksichtigt. Auch bei „klassischeren“ Fragen der politischen Geschichte hätte ein profunderer Blick sich gelohnt: Nicht vergessen werden sollte beispielsweise, dass die Frage einer geplanten Kandidatur Ludwigs XIV. auf den Kaiserthron nach einer Kontroverse in der älteren Forschung unerledigt zur Seite gelegt wurde. Für das herrscherliche Selbstverständnis des als „Sonnenkönig“ titulierten französischen Monarchen wäre die bessere Kenntnis dieser Zusammenhänge keineswegs unerheblich. Zudem gibt es bislang noch keinen Überblick über die „diplomatische Durchdringung“ des Reiches durch französische Gesandtschaften, was nicht nur in politik-, sondern auch in perzeptionsgeschichtlicher Hinsicht hilfreich wäre. Auch die Erforschung der Vertretungen der Reichsstände und insbesondere die Mehrfachvertretungen (mehrerer Reichsstände durch denselben Gesandten) in Frankreich bilden ein Desiderat der Forschung. Der vorliegende Band verwertet in dieser Hinsicht die einschlägigen Forschungsergebnisse, muss aber auf ihre systematische Weiterführung zugunsten der Ausgewogenheit der zu berücksichtigenden anderen Themenbereiche deutsch-französischer Kontakte in der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit verzichten.

Obwohl der Historismus im 19. Jahrhundert die Erforschung der europäischen Mächtepolitik des Ancien Régime zur vornehmsten Aufgabe der Geschichtsschreibung erkor, sind wichtige Aspekte der deutsch-französischen politischen Beziehungen der Frühen Neuzeit bis heute nicht gut erforscht. Die Gründe für diesen defizitären Forschungsstand können hier nur kurz skizziert werden: Es liegt im Wesentlichen zum einen an der teleologisch auf den nationalen Anstalts- und politisch-militärischen Machtstaat hin orientierten Geschichtskonzeption dieser Epoche, die vielfältige Probleme der „neuen“ Geschichte der internationalen Beziehungen ausblendete. Zum anderen wurde die Relevanz politikgeschichtlicher Themen von den 1960er Jahren an in Frage gestellt, weshalb die Forschungen auf diesem Gebiet seither bis um 1990 seltener wurden.

Das vorliegende Buch verbindet, wie der Titel bereits andeutet, eine politische Geschichte mit einer neuen Kulturgeschichte im umfassenderen Sinne. Die Benutzung des Terminus „Hegemonie“ im Titel geht nicht auf den Verfasser zurück. Nach anfänglichen Bedenken verzichtete er jedoch auf eine Änderung. Sicherlich wäre der gewählte Titel dann unvertretbar, wenn man „Hegemonie“ im Sinne der älteren, reduktionistischen Einflussforschung verwenden und die von der jüngeren Kulturtransfer-Forschung geleisteten Fortschritte ignorieren wollte, welche das Import-Bedürfnis in der Aufnahmekultur und die Adaptationsprozesse in den Vordergrund stellen. Begriffe wie „Vorherrschaft“ und „Hegemonie“ erfordern ganz zweifellos einen vorsichtigen und reflektierten Umgang, zumal die Forschung klar gezeigt hat, dass Deutschland in mehreren Bereichen (verwiesen sei nur auf das bekannte Beispiel des Bergbauwesens) im Zeitraum von 1648 bis 1789 durchaus führend war. Die gängigen Vorstellungen von der kulturellen und wissenschaftlichen Vormachtstellung Frankreichs sind daher zu relativieren. Pallach konstatiert in Bezug auf Architektur und Handwerk zu Recht: „Zwischen Frankreich und Deutschland verliefen die Gefällelinien in Kenntnisstand und Produktionsmöglichkeiten unübersichtlicher und weniger eindeutig, als deutsche Frankreichgegner und französische Propagandisten der eigenen Überlegenheit es gerne sehen wollten.“6 Dennoch kann als These durchaus vertreten werden, dass die Impulse im Zeitraum von 1648 bis 1789 im französisch-deutschen Verhältnis im Ganzen eher von Frankreich ausgingen. Da dies keineswegs immer so war, muss dieser Umstand als Spezifikum des behandelten Zeitraumes herausgearbeitet werden; gleichzeitig ist den aus der Historiographie und der Erinnerungskultur bekannten Überzeichnungen durch eine differenzierende Darstellung entgegenzutreten. Im Zusammenhang mit Frankreichs kulturellem Aufstieg sprach Burkhardt kürzlich von „einer zunehmenden europäischen Sprach- und Geschmackshegemonie Frankreichs“7. Deutschland habe im Grand Siècle sogar unter dem Einfluss einer „französischen Leitkultur“ gestanden, von der es sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend abgegrenzt habe, wurde jüngst unter Benutzung des tagespolitischen Vokabulars terminologisch nicht unpassend formuliert8. Der Frage, inwieweit dieses Urteil zutrifft, geht die folgende Darstellung nach.

Welche Terminologie benutzten die Zeitgenossen für diese Phänomene? Während die Geschichtsschreibung die Expansionen Ludwigs XIV. traditionell mit den Begriffen französische Vorherrschaft oder Hegemonialpolitik bezeichnet9, befürchteten im 17. Jahrhundert viele Zeitgenossen die Errichtung einer neuen Universalmonarchie durch den französischen König. Dieses Konzept richtete sich ursprünglich gegen die habsburgische, spanisch-kaiserliche Universalmonarchie, wurde im Zeitalter Ludwigs XIV. und seiner Expansionspolitik dann aber gegen Frankreich gewendet. Der Begriff „Hegemonie“ stand in der politischen Sprache einem anderen politischen Grundbegriff der Frühen Neuzeit entgegen, dessen Bedeutung um 1648 in der Geschichtswissenschaft umstritten ist, der aber zumindest seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts zweifellos zum zentralen politischen Leitbegriff aufstieg: dem Konzept des „Gleichgewichts“. Um 1739 erlangte Fleurys Frankreich – wenn auch nur temporär – dennoch nochmals „eine ähnliche Dominanz und Schlüsselstellung [in den internationalen Beziehungen] wie zu den besten Zeiten Ludwigs XIV.10“.

Damit sind wir bei den Grundzügen der politischen Entwicklung der Epoche. Der alte dynastische Antagonismus zwischen Valois/Bourbon und Habsburg hatte sich zunächst auf die Auseinandersetzung mit Madrid, dann mit Wien konzentriert und führte dazu, dass sich die französische und die habsburgisch/deutsche Außenpolitik grundsätzlich aufeinander bezogen. An seine Stelle traten im 18. Jahrhundert sukzessiv ein neuer französisch-englischer Gegensatz mit weitreichenden, sowohl maritim-weltpolitischen als auch kontinentaleuropäischen Konsequenzen, und ein österreichisch-preußischer Dualismus, der erhebliche Rückwirkungen auf die deutsche und die ostmitteleuropäische Geschichte hatte. Ihren bündnispolitischen Ausdruck erfuhren diese Umwälzungen durch die „diplomatische Revolution“ des Jahres 1756. Das internationale Beziehungsgeflecht wurde im 18. Jahrhundert komplexer, als es in der Zeit der axiomatischen französisch-habsburgischen Frontstellung gewesen war. Die Freund- und Feindschaften zwischen den fünf Großmächten der „Pentarchie“ (Frankreich, Österreich, Preußen, England und Russland) deckten sich nicht immer mit den offiziellen Allianzen. Bis zur großen holländischen Krise im Jahre 1787, die mit einer Demütigung Frankreichs durch Preußen endete, verwickelte sich daher die europäische Diplomatie zu einem „für den Historiker fast nicht darstellbare[n] Durcheinander“, das sich erst zu Ende des Ancien Régime zugunsten klarerer bündnispolitischer Verhältnisse langsam wieder zu entwirren begann11.

Dem Gebot der Reihe entsprechend, aber auch unter bewusster Bewahrung analytischer Unabhängigkeit, verbindet dieser Band verschiedene methodische Ansätze wie die Historische Komparatistik, das Kulturtransfer-Paradigma, das Verflechtungs-Konzept oder die histoire croisée. Für theoretische Überlegungen bleibt angesichts der Dichte des zu behandelnden Inhalts kaum Raum. Dennoch werden gelegentlich Möglichkeiten und Grenzen dieser Konzepte anhand konkreter Probleme skizziert. Aus Gründen der Raumökonomie, der sachlichen Relevanz und je nach Forschungsstand auf dem entsprechenden Sachgebiet wurde der Schwerpunkt der Darstellung teils eher auf die deutsche, teils eher auf die französische Seite gelegt. Die Auswirkungen der Verbreitung der französischen Sprache in Deutschland dürfen zum Beispiel mehr Interesse beanspruchen als die vergleichsweise weitaus geringere Neigung, die man dem Deutschen in Frankreich entgegenbrachte. Selbstverständlich ist auch nach den Gründen für Desinteresse zu fragen. Den Kern müssen jedoch die für das betrachtete Zeitalter charakteristischsten oder im Rückblick folgenreichsten Entwicklungen und Zusammenhänge bilden.

Neben der Pflicht bleibt auch im zweiten Hauptteil nur begrenzter Raum für eine Kür12. Aufgrund der Umfangsvorgaben wurden im Benehmen mit den Herausgebern ein detaillierter Überblick und ein Forschungsbericht über die Migrationsproblematik ausgegliedert, die nun in der „Francia“ erscheinen13. Die Grundzüge der Migrationsgeschichte sind gleichwohl auch im vorliegenden Band in verschiedenen Kontexten präsent. Zwei individuelle Schwerpunkte werden dennoch gesetzt: Im Zusammenhang mit den kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich erscheint es sehr wichtig, auf einen Bereich einzugehen, der in allgemeinen historischen Darstellungen leider allzu oft stiefkindlich behandelt wird – die Musik. Sicherlich ist unser heutiges Verständnis der Musik als autonomer Kunst wesentlich von den Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts geprägt. Dabei wurden gerade im 18. Jahrhundert auf der Grundlage der aus dem 17. Jahrhundert überkommenen Traditionen die entscheidenden Weichen gestellt: „Die Art und Weise des Komponierens, Interpretierens und Hörens von Musik in der Gegenwart wurde im Prinzip bereits im 18. Jahrhundert nahezu vollständig ausgebildet“14. Welche deutsch-französischen Beziehungen und Transferprozesse auf dem Gebiet der Musik im 18. Jahrhundert am Anfang dieses modernen Musikverständnisses standen, ist daher eine uns heute unmittelbar angehende Frage. Die zweite Schwerpunktsetzung betrifft die Sprachen in den deutsch-französischen Beziehungen, insbesondere die Verbreitung des Französischen in Deutschland. Obwohl auch in dieser Hinsicht Relativierungen notwendig sind und im entsprechenden Kapitel angebracht werden, erscheint das Phänomen, dass ein Land die Sprache des Nachbarlandes so weitgehend zu seiner eigenen macht, wie dies in Deutschland im 18. Jahrhundert mit dem Französischen geschah, derart außergewöhnlich, dass dieser Komplex bewusst nicht im Kapitel zu den kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen, sondern separat abgehandelt wird. Weder vor 1648 noch nach 1789 gab es ein vergleichbares sprachliches Phänomen in der deutsch-französischen Geschichte15.

Während der Verfasser des Bandes zur ersten Hälfte der Frühen Neuzeit in der „Deutsch-Französischen Geschichte“ bewusst die französische Perspektive privilegierte, muss im vorliegenden Band gelegentlich ein Perspektivenwechsel vollzogen werden. Wie in Heinz Duchhardts Handbuchbeitrag zur Geschichte der internationalen Beziehungen16, wird auch in diesem Buch die Perspektive der hauptsächlich agierenden oder impulsgebenden Macht bzw. des in sozialer, wirt-schaflicher oder kultureller Hinsicht vorherrschenden Akteurs eingenommen. Ein besonderes Augenmerk soll im Sinne der histoire croisée dem Blick deutscher Zeitgenossen und Historiker auf die französische Geschichte (und vice versa) gelten. Nicht nur in der notwendigerweise knappen Schlussbetrachtung, sondern durch das ganze Buch hindurch soll damit auch die Frage nach der Bedeutung der behandelten Epoche in der Erinnerungskultur des jeweils anderen Landes gestellt werden. Neben der gegenseitigen Durchdringung deutsch-französischer Geschichte und ihren integrativen Impulsen werden dabei jedoch ganz bewusst auch die antagonistischen Kräfte und Entwicklungen berücksichtigt.

Nach den Inhalten und Methoden bleibt die Frage nach den chronologischen Grenzen. Die Herausgeber der Gesamtreihe entschieden sicherlich richtig, als sie die Eckdaten 1648 und 1789 festlegten. Dass sich lange kein Werk mit dem deutsch-französischen Verhältnis in diesem Gesamtzeitraum befasste, liegt sehr wahrscheinlich nicht daran, dass es nicht sinnvoll oder lohnend erschiene, sich des Themas in so umfassender Hinsicht anzunehmen, sondern wohl eher an der gewaltigen Stofffülle. Der vorliegende Band führt vom 24. Oktober 1648, dem Tag der Unterzeichnung der beiden Friedensverträge von Münster und Osnabrück in der Stadt Münster, bis zum Sommer des Revolutionsjahres 1789. Selbstverständlich muss gelegentlich, wo dies geboten oder notwendig erscheint, zurück- oder vorausgeblickt werden.

Der Westfälische Frieden gehört als internationales Friedensabkommen und zugleich als Reichsgrundgesetz zweifellos zu den deutschen Erinnerungsorten17. Vielleicht lässt sich sogar von einem „Grundgesetz für Europa“ sprechen18. In den deutsch-französischen diplomatischen Beziehungen bildete der Friedensvertrag von Münster jedenfalls eine Zäsur: Erstmals seit 1552 war der Kaiser völkerrechtlich nicht mehr im Kriegszustand mit dem König von Frankreich; fast alle folgenden deutsch-französischen Abkommen des Ancien Régime bezogen sich auf diesen „Vater aller Verträge“, welcher der französischen Historiographie des 18. und 19. Jahrhunderts als glänzendster Erfolg ihrer Diplomatie überhaupt galt. In allgemeinhistorischer Perspektive vielleicht noch schwerer wiegt die Tatsache, dass Deutschland und Frankreich die Zeit um 1650 auch in verfassungsrechtlicher, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht als Epoche des Umbruchs erlebten.

Damit ist der Beginn begründet, es bleibt die Erklärung für den Schluss. Die Forschung hat verschiedentlich die Frage aufgeworfen und zu beantworten versucht, warum 1789 in Deutschland keine Revolution ausbrach. Walter Demel hat zu Recht betont, dass diese Frage im Grunde genommen falsch gestellt sei, denn es sei vielmehr zu fragen, warum nur in Frankreich die radikale, revolutionäre Bewegung entstanden sei und die gesellschaftlichen und politischen Umstände in kurzer Zeit umgestürzt habe19. Diese Frage wäre im folgenden fünften Band der „Deutsch-Französischen Geschichte“ zu stellen und zu beantworten. Für uns ist die Triftigkeit der Epochengrenze 1789 im Hinblick auf beide Länder von Bedeutung. In Frankreich markierte dieses Jahr das Ende des Ancien Régime, der auf Privilegien fußenden, ständischen Gesellschaft und in mittelfristiger Perspektive eine erste wichtige Etappe auf dem Weg von der Monarchie zur Republik. Dass im Reich keine Revolution stattfand, bedeutet nicht die deutsche Teilnahmslosigkeit oder Unberührtheit von den französischen Ereignissen. Im Gegenteil war man im Reich in der ersten Revolutionsphase von den Vorgängen im westlichen Nachbarland trefflich unterrichtet, Presse und Intellektuelle verfolgten sie mit größter Aufmerksamkeit, und es entstand sogar ein „Revolutionstourismus“. Mehrere Reichsstände waren zudem unmittelbar oder mittelbar von der Revolution betroffen. Gerade durch die Welle französischer, zumeist adliger Emigranten und den auf deutschem Boden von ihnen entwickelten politischen Aktivismus wurde das deutsch-französische Verhältnis nachhaltig verändert, obwohl 1789 weder Frankreich noch die deutschen Fürstenhöfe und insbesondere nicht die Hofburg und Berlin einen grundlegenden außenpolitischen Paradigmenwechsel vollzogen. Bereits im Jahre 1780 beschrieb der ausgebildete Reichskammergerichts-Assessor Johann Wolfgang von Goethe das Alte Reich zwar als „überlebtes Welttheater“20, aber entscheidend für das Ende des Alten Reiches 1806 waren schließlich die in Frankreich seit 1789 eingeleiteten Umwälzungen, die auch auf Deutschland einwirkten.

Mit der Aufhebung der Feudal-Privilegien am 4. August 1789, die der deutsche Paris-Reisende Wilhelm von Humboldt in seinem Tagebuch verurteilte, weil „eine Zahl meistenteils armer Adeliger weggaben, was den Reichen gehörte“21, verließ Frankreich den bis dahin weitgehend geschlossenen Kreis der europäischen Mächte, deren gemeinsame Gesellschaftsstruktur ungeachtet aller politischen und verfassungsrechtlichen Differenzierungen ständisch geblieben war und damit auf rechtlicher Ungleichheit basierte, welche dem Prinzip der modernen Rechtsanschauungen diametral entgegensteht. Die ständische Gesellschaft, die trotz einer begrenzten Lockerung der ständischen Grundstrukturen und der Anfechtung des Exklusivitätsanspruchs des Adels im 18. Jahrhundert ständeübergreifende soziale Mobilität nur selten und dann meist graduell über mehrere Generationen hinweg erlaubte, war das gemeinsame soziale und politische Strukturmerkmal der deutschen und französischen Geschichte in der Frühen Neuzeit, von dem es auch im übrigen Europa nur wenige Ausnahmen gab. Sicherlich war Frankreich, wie neben französischen nicht zuletzt jüngere angelsächsische Forschungen belegen, schon seit der Herrschaftszeit Ludwigs XIV. durch eine große inner- und zwischenständische Mobilität geprägt, welche die Gesellschaft des französischen Ancien Régime deutlich von der strengen klassischen Ständeordnung in anderen Ländern – auch im „modernen“ Preußen des 18. Jahrhunderts – abhebt und eine ständeübergreifende am öffentlichen Finanzsystem des Landes partizipierende und davon profitierende, zumindest bis 1763 herrschaftsstabilisierende Elite kreierte. Aber grundsätzlich blieb diese Gesellschaft ungeachtet aller Flexibilität doch auf Privilegien und ständische Distinktion gegründet. Daher gewinnt der 4. August 1789 nicht nur für die Geschichte der Französischen Revolution eine vielleicht größere Bedeutung als der 14. Juli, sondern ließe sich zugespitzt auch als der eigentliche Endpunkt Alteuropas ausmachen.

Epochengrenzen müssen aus pragmatischen Gründen gezogen werden, sie dürfen jedoch die vorhandenen Kontinuitäten nicht verdecken. Der eigentliche Umschwung der französischen Außen- und Reichspolitik setzte beispielsweise nicht 1789, sondern erst 1792 ein. Bis dahin bestanden deutliche Kontinuitäten in Zielen und Methoden sowie auch beim Botschafter- und Gesandtenpersonal der diplomatischen Vertretungen, nicht zuletzt am Kaiserhof. Doch wenden wir zunächst den Blick auf den Beginn der Epoche: die Umbruchssituation in der deutsch-französischen Geschichte um 1650!

 

 

 

     1 Zu diesem Sujet vgl. MERVAUD 1985 [414].

     2 Zu danken ist für die kritische Lektüre des Manuskripts Frau Prof. Ute Daniel (Braunschweig), Herrn Prof. Heinz Duchhardt (Mainz), Herrn Prof. Olivier Chaline (Paris), meinen ehemaligen Kollegen Frau Dr. Sabine Ehrmann-Herfort (Musikgeschichtliche Abt. DHI Rom) und Herrn PD Rainer Babel (DHI Paris) sowie für die Begleitung in allen Phasen der Entstehung des Buches den Direktoren des DHI Paris, Herrn Prof. Werner Paravicini und Frau Prof. Gudrun Gersmann.

     3 Vgl. DUCHHARDT 2007 [93], Zitat S. XI (aus dem Vorwort zur ersten Aufl., 1987).

     4 MALETTKE 2001 [779] legte vor wenigen Jahren eine Gesamtdarstellung für die bilateralen Beziehungen von Richelieu bis zu Ludwig XIV. vor und hatte für diese Monographie 747 Seiten zur Disposition, ohne dass man dem Verfasser Langatmigkeit vorwerfen könnte.

     5 DUCHHARDT 1986 [808], S. 127.

     6 PALLACH 1992 [313], S. 93.

     7 BURKHARDT 2006 [90], S. 108.

     8 MEIER, Einleitung, in: HäSELER, MEIER 2005 [639], S. 9–12, Zitat S. 10.

     9 SAGNAC, SAINT-LEGER31949 [792] erschienen 1935 mit dem Obertitel „La prépondé-rance française“. Bereits die zweite Aufl. von 1944 verzichtete auf diesen Obertitel. Die Referenzen auf die französische politische Hegemonie in Europa, die ihren Zenit zwischen dem Frieden von Nimwegen (1678/79) und dem Jahr der Revokation des Ediktes von Nantes (1685) erlebt habe, blieben jedoch auch in der dritten Aufl. erhalten.

    10 DUCHHARDT 1997 [92], S. 300.

    11 HOCHEDLINGER 2000 [851], S. 163.

    12 Der ursprüngliche Entwurf des Buches musste für die vorliegende Druckfassung um zwei Fünftel gekürzt werden.

    13 Den Anlass dazu bot die reichhaltige jüngere Forschung gerade im Migrationsbereich (namentlich zur administrativen Kontrolle von Migrationsbewegungen in Frankreich), die einen separaten Forschungsbericht ohnehin sehr wünschenswert erscheinen ließ. Der Beitrag „Deutsche Präsenz in Frankreich, französische Präsenz in Deutschland von 1648–1789. Überblick und Probleme der Forschung“ ist in Francia 35 (2008), S. 381–430, erschienen. Vgl. zur Literaturlage im vorliegenden Buch Abschnitt 2.7 der Bibliographie.

    14 Vgl. BIMBERG 1997 [493], S. 1.

    15 Vergleichbar ist es allenfalls mit der heutigen Dominanz des Englischen.

    16 Vgl. DUCHHARDT 1997 [92], S. XVIf.

    17 Vgl. DERS. 1999 [687] und GANTET 2001 [694].

    18 Diese hier nicht näher zu erörternde Frage wurde zumindest gestellt; STEIGER 1996 [798].

    19 DEMEL 2005 [91], S. 295.

    20 Vgl. BEETZ 1995 [681].

    21 Zit. nach RUIZ 2001 [330], S. 155.

I.

Überblick

Ludwig XIV. vor Maastricht. Pierre Mignard, 1673.

1. Krise und Neubeginn. Das Reich und Frankreich um 1650

Der Friedensschluss von Münster und seine zeitgenössische Rezeption

Der Westfälische Frieden gilt heute als einer der bedeutendsten Friedensschlüsse der Neuzeit und als Zäsur in der europäischen Geschichte. Doch wie nahmen ihn die Zeitgenossen wahr? Aufschlussreich für diese Frage ist die zeitgenössische Presseberichterstattung. Nachdem kaiserliche, französische, schwedische und reichsständische Gesandte am 24. Oktober 1648 die beiden Westfälischen Friedensverträge unterfertigt und besiegelt hatten, veröffentlichte die regierungsnahe französische Wochenzeitung „Gazette“ (bekannter unter ihrem von 1762 an geführten Titel „Gazette de France“) zwischen dem 17. November und dem 2. Dezember französische Zusammenfassungen des lateinischen Friedens von Münster und des am 6. August 1648 von Kaiserlichen und Schweden durch Verlesung und Handschlag kongressöffentlich vereinbarten Friedens von Osnabrück1. Die Zusammenfassung (Sommaire) des kaiserlich-französischen Friedens wurde durch einen redaktionellen Kommentar erläutert, der sich jedoch einzig auf § 3 des Friedens von Münster bezieht, worin das Verbot einer Assistenz für Spanien und den Burgundischen Reichskreis durch Kaiser und Reich stipuliert wird2. Das Gleiche lässt sich mit Blick auf die Sonderausgabe der „Gazette“ vom 13. November 1648 feststellen, in der dem französischen Leser erstmals von der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens berichtet wurde3. Dort wird mit keinem Wort die Abtretung des Elsass und der drei lothringischen Hochstifte Metz, Toul und Verdun durch Kaiser und Reich an Frankreich erwähnt, die doch in der französischen und der deutschen Historiographie seit dem 19. Jahrhundert (nicht zu Unrecht) als einer der bedeutendsten Erfolge der französischen Diplomatie in der Frühen Neuzeit gilt und in territorialer Hinsicht das Hauptergebnis des Friedens von Münster darstellt – mit nachhaltigen Folgen für das französischdeutsche Verhältnis bis ins 20. Jahrhundert. Ebenso wenig wurden damals in der französischen Presseberichterstattung die Reichsverfassungs-Bestimmungen des Friedens reflektiert, auf die eine spätere, nationalgeschichtlich orientierte Historiographie (allerdings in diesem Falle nicht zu Recht) einen entscheidenden französischen Einfluss ausmachte. Im Bericht der „Gazette“ wird die eigentliche politische Bedeutung des Friedens in der vollzogenen Trennung zwischen Spanien und dem Kaiser bzw. dem Reich gesehen: Für Frankreich war eben 1648 noch kein Friede an allen Fronten, keine Ruhepause – der Krieg gegen Spanien ging weiter.

Der Westfälische Frieden von 1648 bildete in der französischen Geschichte daher einen weniger markanten Einschnitt als im Hinblick auf das Reich4. Auch im Reich wurden sich die Menschen dieser grundlegenden Zäsur in der deutschen Geschichte jedoch nicht überall umgehend nach dem 24. Oktober 1648 bewusst. Der Frieden wurde vielerorts erst nach dem Nürnberger Exekutionstag und nach der Abdankung der schwedischen Truppen, das heißt nach 1650, zu einer konkreten Erfahrung für den Großteil der deutschen Bevölkerung. Die nicht zuletzt von französischer Seite untersuchten Friedensfeiern im Reich belegen die zeitliche Verzögerung zwischen dem Friedensschluss in Münster und den von den städtischen Magistraten und lokalen Obrigkeiten inszenierten Gedenkfeiern5. Der Dreißigjährige Krieg hatte die verschiedenen Regionen des Reiches wirtschaftlich, sozial und kulturell zwar in sehr unterschiedlicher Weise betroffen; dabei differenziert die Forschungsterminologie nach so bezeichneten Schongebieten, Zerstörungsgebieten und Übergangsräumen. Er wirkte aber mit seinen zum Teil katastrophalen Ausmaßen und Konsequenzen (verbunden mit einem Bevölkerungsverlust von ca. einem Drittel in den urbanen Zentren und 40 % im ländlichen Raum) insgesamt traumatisch auf die deutsche Bevölkerung und galt in der Geschichtsschreibung lange Zeit als größte Katastrophe in der deutschen Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg.

Aus französischer Sicht bildete der Frieden, den Ludwig XIV. an der Seite Schwedens mit Kaiser und Reich schloss, in der Wahrnehmung durch die Zeitgenossen – wie zum Beispiel die Berichterstattung der „Gazette“ belegt – zunächst nur eine Etappe und einen Teilerfolg in der Auseinandersetzung mit dem Hauptkriegsgegner Spanien. Dieser für die französische Regierung vorrangige Konflikt wurde erst 1659 mit dem Pyrenäenfrieden abgeschlossen. Für Frankreich waren 1648 jedoch vier wichtige Kriegsziele erreicht: Trennung der Linien Wien und Madrid; territoriale Gewinne an der französischen Ostgrenze, die Frankreich beim weiteren Waffengang mit Spanien begünstigten; der Ausschluss des Burgundischen Reichskreises aus dem Friedensschluss6; die Sicherung der zuvor zum Teil umstrittenen, jedenfalls nicht kodifizierten reichsständischen (Mitbestimmungs-) Rechte auf Reichs- und Territorialebene, insbesondere ihrer Landeshoheit, ihres Bündnisrechts (ius foederis), ihrer rechtlich verbürgten Teilhabe an Friedensschluss und Kriegserklärung (ius pacis ac belli) und ihrer legislativen Funktion auf dem Reichstag. Diese Bestimmungen verankerten de jure die souveränitätsähnliche, aber nicht souveräne reichsständische Zwitterstellung zwischen Reichs- und Völkerrechtssubjekten, die auch von den Franzosen – von Ausnahmen abgesehen – nicht mit der vollen Souveränität verwechselt wurde7. Der Westfälische Frieden sicherte den Reichsständen damit die Grundlagen zum Ausbau der Staatlichkeit auf Territorialebene, wohingegen es in Frankreich im Ancien Régime nichts dem deutschen Territorialstaat Vergleichbares gab, auch wenn jüngere Forschungen für die französische Monarchie verstärkt die Bedeutung von Partikulargewalten in der Provinz belegen. Eine komparatistische Betrachtung der deutschen und der französischen Verfassungsverhältnisse in der Frühen Neuzeit existiert noch nicht, obwohl sie für das bessere Verständnis der Unterschiede, aber auch der Gemeinsamkeiten der politisch-administrativen und rechtlichen, ja sogar der sozialen Ordnung Deutschlands und Frankreichs von großem Interesse wäre8. Ansatzpunkte dazu finden sich bereits in zeitgenössischen historischen und juristischen Werken: Französischerseits unternahm Voltaire, deutscherseits Pufendorf den Versuch, die Verfassungen des Königreichs Frankreich und des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zu vergleichen.

Wie interpretierte nun die Nachwelt, das heißt die Politiker und die Historiker nach 1648, die Verfassungsordnung von Münster und Osnabrück? In den folgenden Jahrhunderten wurde sie in Deutschland und in Frankreich kontrovers diskutiert. Dabei eröffnen sich gerade in jüngster Zeit vielversprechende Perspektiven. Wo man in der älteren Geschichtsschreibung im Hinblick auf das Reich von „Kleinstaaterei“ sprach und der französischen Diplomatie unter Richelieu und Mazarin unterstellte, die politische Ohnmacht Deutschlands zugunsten einer dauernden französischen Interventionspolitik organisiert zu haben9, „erkennt die neuere Forschung plurale Partizipationschancen, eigenwertige symbolische Politikformen sowie wegweisende föderale und rechtsstaatliche Organisationsperspektiven“10. Es wird in der jüngeren deutschen Forschung auch die These vertreten, dass die Verfassung des Alten Reiches nach dem Westfälischen Frieden eine in der europäischen Staatenwelt einzigartige, territorial- und reichsstaatliche „deutsche Doppelstaatlichkeit“ generierte, die tendenziell „Rechtsstaatlichkeit“ mit „Friedensfähigkeit“ kombiniert habe11 und daher als durchaus positive Alternative zum französischen monarchischen Zentralismus zu sehen sei. Richtig und wichtig an dieser Revision ist jedenfalls die Aufwertung des Westfälischen Friedens, der gemäß dem alten „Dekadenzmodell“ der deutschen Geschichte als Tiefpunkt der deutschen Selbstbestimmung und Höhepunkt der Fremdsteuerung des Reiches durch fremde Mächte, insbesondere Frankreich galt12. De facto bot diese besondere Rechtsstellung der Reichsstände nach 1648 jedoch nur den größeren Territorialfürsten die Gelegenheit zu einer über den deutschen Raum hinauswirkenden politischen Aktivität (nicht zuletzt auf dem Wege von Bündnissen mit Frankreich). Diese trug um 1700, zum Teil im Zusammenspiel mit der engen dynastischen Vernetzung zwischen deutschen Fürsten- und außerdeutschen Herrscherhäusern, drei Kurfürsten den Königstitel für ihre außerdeutschen Territorien ein (Sachsen/Polen 1697, Brandenburg-Preußen 1701, Hannover/England 1714), während sich die mindermächtigen und besonders die kleinen Reichsstände unter der Obhut der Reichsinstitutionen und des Kaisers scharten, die ihre Existenz schützte. Wie in Deutschland, so prägten auch in Frankreich keineswegs die einzelnen Reichsstände und die Territorialstaaten die zeitgenössische Wahrnehmung und Repräsentation des Reiches: Das Reich wurde auf den politischen Landkarten kaum mit den inneren Territorialgrenzen dargestellt, die auf späteren Abbildungen, vor allem seit dem 19. Jahrhundert, nicht selten den irreführenden optischen Eindruck des „Flickenteppichs“ suggerierten; oftmals dienten (auch noch im späteren 18. Jahrhundert) die Reichskreisgrenzen der optischen Untergliederung13. Gerade die Rechtsstellung der um 1700 teilweise zu Königstiteln gelangten Kurfürsten war zwar im Westfälischen Frieden nachhaltiger beschnitten worden als die des Kaisers, dessen Reservatrechte im Friedensvertrag überhaupt nicht erwähnt wurden, und damit nur ex negativo durch die Aufzählung der zu den gesamt-reichsständischen iura comitialia zählenden Rechtsmaterien begrenzt waren14. Zuvor nämlich hatten die Reichsstände – besonders in der fast reichstagslosen Kriegsperiode – nicht kontinuierlich in Reichsangelegenheiten mitgewirkt. Das Reichsoberhaupt hatte oftmals allein die Kurfürsten konsultiert, die seit 1356 mit dem Vorrecht der römischen Königswahl ausgestattet waren und von daher eine Präeminenz in der Durchsetzung wichtiger allgemeiner Reichssachen besaßen. 1648 wurde die kurfürstliche Sonderstellung jedoch unterminiert und weitgehend auf das eigentliche Wahlrecht beschränkt. Für Frankreich, das sich mit seiner Forderung nach dem Verbot einer römischen Königswahl zu Lebzeiten des Kaisers (vivente Imperatore) auf dem Westfälischen Friedenskongress – namentlich gegen den kurfürstlichen Widerstand – nicht hatte durchsetzen können15, galten die Kurfürsten aber gerade aufgrund dieses Wahlrechts auch nach 1648 weiterhin als bevorzugte Ansprech- und Bündnispartner unter den Reichsfürsten. Die französische Publizistik bediente sich auch in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts weiterhin ihrer traditionellen Motive eines drohenden kaiserlichen Dominats im Reich und der angeblichen universalmonarchischen Bestrebungen des Kaisers, die er gemeinsam mit Spanien verfolge. Doch lässt sich im Rückblick konstatieren, dass der Weg zur monarchischen Ausgestaltung der Reichsverfassung seit 1648 verlegt war. Während in den ersten Jahrzehnten nach dem Westfälischen Frieden zahlreiche Reichsstände Friedenssicherung weiterhin nur durch Assoziationen untereinander und auch mit auswärtigen Mächten wie Frankreich betreiben konnten, erwies sich in der zweiten Jahrhunderthälfte und im 18. Jahrhundert das Reich institutionell zunehmend als tragfähiger Friedenswahrungs- und Rechtssicherungsverband mit Modellcharakter auch für eine europäische Friedenspolitik – eine Vorbildfunktion, die nicht zuletzt bei den Exponenten der französischen politischen Theorie ihre Verfechter fand (Rousseau, Saint-Pierre)16. Doch diese spätere Entwicklung war für die Zeitgenossen, deren Wahrnehmung zunächst durch die lebensnotwendige Überwindung der unmittelbaren Kriegsfolgen geprägt war, noch keineswegs absehbar; die Funktionstüchtigkeit der Reichsverfassung – durch den Westfälischen Frieden nur zum Teil und unter Aufschub wesentlicher reformbedürftiger Problembereiche (Reichsjustiz, Reichsdefensionswesen) modernisiert – hatte ihre Probe aufs Exempel in den Augen der zeitgenössischen deutschen und französischen Beobachter erst noch zu bestehen. Bei dem französischsprachigen Autor Du May, der in württembergischen Diensten stand und seit 1659 mehrere Auflagen seines französischen Abrisses über die Reichsverfassung publizierte, erhielt der Westfälische Friede noch nicht die ihm später in der Literatur eingeräumte, herausragende verfassungsgeschichtliche Rolle; in einer französischen Reichsgeschichte wird sie erst 1684, in Heiss’ „Histoire de l’Empire“, recht deutlich.

Das Assoziationswesen spielte im Reich bis in den Spanischen Erbfolgekrieg hinein immer wieder eine die Reichsdefension zumindest ergänzende Rolle in den föderativen Friedenssicherungskonzepten der Reichsstände – allen voran beim Kurfürsten von Mainz, an dessen Residenz Leibniz sein Sekuritätsgutachten verfasste17. Ludwig XIV. schlüpfte dabei allerdings zunehmend vom Rang der Schutzmacht in die Rolle des Aggressors.

Auch dass die ausgeklügelte und hochkomplexe paritätische Religionsverfassung zu einer dauerhaften Befriedung des konfessionellen Nebeneinanders im Reich führen würde, musste nach dem Westfälischen Frieden erst noch unter Beweis gestellt werden: Einer der französischen Unterhändler in Münster, der Graf d’Avaux, hatte wenige Monate vor dem Friedensschluss noch die Gefahr des baldigen Ausbruchs eines neuen Religionskrieges im Reich heraufbeschworen. Vermutlich war es nach seiner Abberufung im Frühjahr 1648 derselbe Graf, der beim Friedensschluss den dilatorischen Formelkompromiss, mit dem die kaiserlichen und französischen Friedensunterhändler die politische Entscheidung über den genauen Umfang der Abtretungen auf die Zukunft vertagt hatten, als Keim künftiger deutsch-französischer Kriege geißelte18. In guter Kenntnis der komplexen Rechtsverhältnisse hatten diese Gesandten aus politischem Kalkül die Zession habsburgischer Herrschaftsrechte und Territorien im Elsass in Vertragsartikeln vereinbart, die der Nachwelt einen weiten Interpretationsspielraum eröffneten.

In den ersten Friedensjahren standen zudem weiterhin französische und schwedische Truppen auf Reichsboden. Die eigentlichen Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück waren quasi nahtlos in die Verhandlungen über die Friedensexekution (das heißt über die Ausführung der Friedensbestimmungen) und über die Abdankung und die Abfindung der Soldateska übergegangen, deren Kosten auf die Reichskreise und damit letztlich auf die vielfach bereits überschuldeten und unter dem Zwang der Finanzierung des Wiederaufbaus stehenden Stände umzulegen waren. Zu diesem Zwecke tagte ein Exekutionstag in Nürnberg unter Beteiligung kaiserlicher, französischer und schwedischer Diplomaten sowie reichsständischer Deputierter, der 1649/50 die beiden Exekutionshauptrezesse mit Frankreich (unterzeichnet am 2. Juli 1650) bzw. mit Schweden (26. Juni 1650) aushandelte19. Die reichsrechtliche Verankerung des Friedens, der bereits in den beiden Vertragsinstrumenten zum Reichsgrundgesetz (pragmatica imperii sanctio und lex fundamentalis) deklariert worden war20, wurde auf dem Regensburger Reichstag 1653/54 dadurch abschließend komplettiert, dass der gesamte Friedensschluss wörtlich in den Reichsabschied – den letzten ordentlichen und daher so genannten „jüngsten“ Abschied des Alten Reiches – aufgenommen wurde.

Divergenz der französischen und deutschen Verfassungswirklichkeit

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts zählte Frankreich ca. 19 Mio. Einwohner, das Reich etwa 10 Mio., bei einer gesamteuropäischen Bevölkerungszahl von maximal 110 Mio. Der Lebens- und Erfahrungsraum von neun Zehnteln der europäischen Bevölkerung war das agrarisch geprägte Land, während nur eine kleine Minderheit in städtischen Ballungsräumen lebte. Diese urbanen Ballungsgebiete nahmen nun jedoch vor allen Dingen in Westeuropa und damit auch in Frankreich zu. Frankreich gehörte zum Kreis der europäischen Erbmonarchien und beanspruchte in diesem Rahmen auch eine gewisse Führungsposition, obgleich der französische Adel weder vollständig domestiziert noch der herrschenden Dynastie der Bourbonen gänzlich unterworfen war. Das Reich hatte anders als Frankreich einen doppelten, aber nicht vollendeten Staatsbildungsprozess durchlaufen, der sich auf Reichsebene zwar in einer Reihe funktionstüchtiger Reichsinstitutionen niederschlug, aber keinen kompakten und handlungsfähigen Bundesstaat geschaffen hatte, der zu einer aktiven Außenpolitik fähig gewesen wäre. Das Reich ließe sich daher nach einer von Heinz Duchhardt geprägten Dichotomie zu den „Status-quo-Staaten“ zählen, wenn man ihm denn die Eigenschaft eines Staates zugestehen wollte. Frankreich gehörte zweifellos zu den führenden „Veränderungs-Staaten“21, die sowohl den politischen Ehrgeiz zu einer Umgestaltung der Macht- und territorialen Besitzverhältnisse als auch die politisch-militärischen Voraussetzungen und Mittel zur Verwirklichung ihrer Ambitionen besaßen. Aber dieses Entwicklungspotential war 1648 für die Zeitgenossen kaum sichtbar.

Obwohl das Königreich Frankreich weitestgehend von den direkten militärischen Kriegseinwirkungen des Dreißijährigen Krieges verschont geblieben war – nicht aber von seinen indirekten Folgen wie der Staatsschuld und der Unterbrechung internationaler Handelsbeziehungen –, steht das Jahr 1648 auch in der französischen Geschichte für eine Krisen- und Umbruchssituation: Sie bahnte sich dort mit der Fronde zu einem Zeitpunkt an, als die deutsche Krise mit den Friedensschlüssen von Münster und Osnabrück gerade bewältigt worden war22. Während die Rechte der Stände und damit implizit auch des Kaisers in diesem Friedenswerk zwar nicht in jeder Hinsicht endgültig, so doch in recht umfassender Weise rechtsverbindlich und innenpolitisch mit unmittelbarer pazifikatorischer Wirkung geregelt worden waren, mussten im Königreich Frankreich die Kräfte- und Machtverhältnisse zwischen dem minderjährigen König und der Regentschaftsregierung unter der Königinmutter Anna von Österreich und dem Prinzipalminister Mazarin auf der einen Seite und den Parlamenten respektive dem Hochadel auf der anderen Seite neu austariert werden. Zur Zeit, als der französische Botschafter Abel Servien in Münster den Friedensvertrag abschließend aushandelte, standen in Paris Straßenbarrikaden23. Wenn die Zeitgenossen in Paris an den Tagen um den 24. Oktober 1648 vom „Frieden“ sprachen, war damit nicht der Westfälische Friede, sondern die Vereinbarung von Saint-Germain-en-Laye zwischen der Regierung und den Parlaments-Frondeuren gemeint24.Im 1648 eskalierenden Bürgerkrieg, der, von Bordeaux abgesehen25, insgesamt eher eine Adels- und Parlamentsrevolte denn ein Volksaufstand war, bündelten sich verschiedene, zum Teil seit den 1620er Jahren schwelende Krisensymptome zu einem Angriff auf den monarchischen Zentralismus. Die Voraussetzungen schienen dafür – angesichts der Minderjährigkeit des Königs und der Kriegssituation (Spanien gewann zeitweise deutlich die Oberhand, der hochadlige Condé paktierte mit dem Katholischen König, Mazarin musste in das kurkölnische Brühl fliehen) – durchaus günstig. So disparat wie die ökonomischen, sozialen, politischen, zum Teil konfessionellen Ursachen dieser Fronde waren, so uneinheitlich waren jedoch auch die Interessen der Frondeure. Gegen die Uneinigkeit ihrer Rädelsführer vermochte sich das Königtum letztlich durchzusetzen. Anders als im Reich spielte die Option einer stärkeren ständischen Partizipation angesichts des konsolidierten königlichen Zentralismus in der französischen Verfassungsgeschichte bis in die Regierungszeit Ludwigs XVI. (1774–1792) hinein keine Rolle mehr. Durch den Westfälischen Frieden auf der einen und den Ausgang der Fronde auf der anderen Seite wurde um 1650 somit eine unterschiedliche Entwicklung von monarchischer und ständischer Gewalt im Reich und in Frankreich festgeschrieben. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Forderung, die kaiserlicherseits wenige Jahre vor 1648 vorgetragen worden war, geradezu anachronistisch. Als Antwort auf den französischen Wunsch nach Bestätigung des künftigen Friedensvertrages durch die Reichsstände hatten die Kaiserlichen die Ratifizierung dieses Vertrages durch die französischen Generalstände gefordert26. Die Anwendung dieses Reziprozitätsprinzips hätte jedoch adäquate Verfassungsstrukturen auf beiden Seiten vorausgesetzt, die bereits vor 1648 nicht gegeben waren. Die Unterschiedlichkeit der Verfassungsentwicklungen im Reich und in Frankreich wurde durch den Sieg des Königtums über die Frondeure zusätzlich akzentuiert.

Kulturell konnte Frankreich aufgrund dieser inneren Krise bis um 1660 nicht in einer Weise auf Deutschland ausstrahlen, wie es in der als französische und europäische Blütezeit empfundenen persönlichen Regierungszeit des „Sonnenkönigs“ geschah. Die unmittelbare Nachkriegszeit galt in der europäischen Kultur vielmehr als „niederländisches Zeitalter“27; gerade dieses wirtschaftlich und kulturell führende republikanische Gemeinwesen der Vereinigten Provinzen oder „Generalstaaten“ hatte am 30. Januar 1648 durch seinen Separatfriedensschluss mit Spanien sein Bündnis mit Frankreich gebrochen und war aufgrund dieses Friedens endgültig aus dem Reichsverband ausgeschieden28.

 

 

 

     1 Gazette [de France] 1648 [21], nr. 174, S. 1541–1560 (Münster); ebd., nr. 177, S. 1585–1604 (Osnabrück, Proömium und Art.I–V); ebd., nr. 181, S. 1629–1644 (Osnabrück, Art. VI–XVII). Neuabdruck: Acta Pacis Westphalicae (APW), Bd. III B 1/2 2007 [1]. Vgl. BRAUN 1999 [590]. Es fehlt bislang eine komparatistische Untersuchung der deutschen und der französischen Presse; vgl. die knappen Hinweise bei BURKHARDT 2006 [90], S. 108f.

     2 Text des Friedens von Münster in APW, Bd. III B 1/1 1998 [1], S. 1–49, hier S. 5.

     3 Gazette [de France] 1648 [21], nr. 171, S. 1517–1528.

     4 Zur frühneuzeitlichen Staatenordnung zwischen den Friedensverträgen von 1648 und 1660 vgl. SCHILLING 2007 [97], S. 565–601.

     5 GANTET 2001 [693].

     6 Seine Reichszugehörigkeit und seine Inklusion nach dem Ende des französisch-spanischen Friedens wurden hingegen bestätigt.

     7 Auch wenn sie den Terminus „Landeshoheit“ z.T. mit „souveraineté“ übersetzten. Vgl. BRAUN 1996 [900]; zuletzt DERS., 2007 [902], passim (mit begriffs- und übersetzungsgeschichtlichen Nachweisen vom Westfälischen Friedenskongress bis zum Siebenjährigen Krieg); Zustimmung von BURKHARDT 2006 [90], S. 39 Anm. 39.

     8 Lediglich MALETTKE 1994 [730], S. 100–108, setzte sich in einer groben Skizze mit dieser Problematik in vergleichender Perspektive auseinander.

     9 Vgl. stellvertretend für viele HEINERMANN 1941 [699].

    10 BURKHARDT 2006 [90], S. XVI.

    11 Ebd., S. 29; zur Forschungskontroverse um die Staatlichkeit des Alten Reiches und Georg Schmidts These vom komplementären Reichs-Staat vgl. neben Burkhardt auch den in Bezug auf die Erforschung des Alten Reiches weitere Perspektiven eröffnenden, jüngst publizierten Essay von DUCHHARDT 2007 [93], S. 177–188.

    12 Zum Dekadenzmodell vgl. SCHMIDT 1999 [125], S. 40–44. Auch in der französischen Historiographie des 17. und 18. Jh. wurde z.T. die These des Niedergangs (décadence) von Kaisertum und Reich vertreten – im Grunde genommen ausgehend vom Ende der Karolingerherrschaft und verschärft seit dem großen Interregnum im 13. Jh. (Varillas und v.a. Maimbourg). Sie steht bisweilen in ungelöstem Widerspruch zur gleichzeitig vertretenen These einer drohenden habsburgischen Universalmonarchie unter Errichtung eines kaiserlichen Despotismus im Reich; vgl. LEFEBVRE 2001 [906]; DIES. 2003 [907], Bd. I, Teil 2, S. 375–401; BRAUN 2007 [902], Bd. II, S. 649–656 und passim (dort verzeichnet die frühere Literatur).

    13 Die Kreise sind noch beim Abbé de COURTALON 1774, 21798 [26] die bereits im Titel des Werkes zuerst genannte Gliederungsebene. Eine differenzierte Untersuchung zu den französischen politischen Deutschland-Karten der Frühneuzeit steht noch aus.

    14 Vgl. zur kaiserlichen Stellung in der Reichsverfassung von 1648–1740 PRESS 1997 [121].

    15 Zu diesem Problem der frühneuzeitlichen deutschen Verfassungsgeschichte und seiner Behandlung auf dem Westfälischen Friedenskongress vgl. NEUHAUS 1997 [118].

    16 Vgl. u.a. ASBACH 2002 [898]; DERS., 2005 [899].

    17 Zur Reichskriegsverfassung von 1681 vgl. unten.

    18 Zum bevorstehenden Religionskrieg: Memorandum d’Avaux’ für Ludwig XIV., Osnabrück 1647 März 4, in: APW, Bd. II B 5/1 2002 [6b2], nr. 157, S. 741–748, hier S. 743; zum Elsass die in der Literatur verschiedentlich d’Avaux zugeschriebene „Censure envoyée de Paris sur le traité de la paix de l’Empire“ [vor 1648 Oktober 27], ungedruckt, archivalische Kopie: Paris, Archives diplomatiques du Ministère des Affaires étrangères, Correspondance politique, Allemagne origine–1870 (AE, CP All.), Bd. 110, fol. 533–534.

    19 Vgl. OSCHMANN 1991 [783].

    21 Begriffe und Zuordnung Frankreichs nach DUCHHARDT 2007 [93], S. 2.

    22 Zur Fronde vgl. unter anderem RANUM 1993 [122]; PERNOT 1994 [119].

    23 Am 24. Oktober 1648 registrierte das Pariser Parlement eine königliche Erklärung, durch welche diese Institution zum Hauptmachtfaktor innerhalb des französischen Staates wurde. Voraufgegangen war unter anderem die berühmte „Journée des Barricades“ am 27. August. Vom 13. September bis 30. Oktober hatte der Hof aus Sicherheitsgründen Paris verlassen. Zur Erklärung vom 24. Oktober vgl. PERNOT 1994 [119], S. 93–95 (mit Resümee des Textes).

    24 So z.B. in den „Mémoires pour servir à l’histoire d’Anne d’Autriche“ aus der Feder der Madame de MOTTEVILLE, Françoise Bertaut, ediert von DELACOMPTÉ 2003 [24], hier S. 126f.

    25 Vgl. zu diesem Sonderfall KÖTTING 1983 [113]; BIRNSTIEL 1985 [102].

    26 Am 10. März 1645; vgl. DICKMANN 1959, 71998 [744], S. 175f. Zu frühneuzeitlichen Vergleichen zwischen Generalständen und Reichstag vgl. SKALWEIT 1984 [910].

    27 Treffende Epochensignatur nach DUCHHARDT 2007 [93], S. 7.

2. Im Zeichen der bourbonischen „Universalmonarchie“. Die französisch-deutschen Beziehungen im Zeitalter der Vorherrschaft LudwigsXIV. in Europa zwischen Tradition und Expansion (1648–1715)

Kontinuität und Wandel in den französisch-deutschen Beziehungen

Im Zeitalter Ludwigs XIV. (1648/61–1715) verschoben sich die Parameter der französischen Reichspolitik zunächst nicht wesentlich. Zu den Grundkonstanten des französischen Verhältnisses zum Reich und der europäischen Politik im Allgemeinen gehörte seit dem 16. Jahrhundert der dynastische Antagonismus zu den Habsburg-Lothringern, die bis 1700 in Madrid regierten und bis 1742 und dann wieder von 1745 bis zum Ende des Alten Reiches die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stellten. Sie residierten nach dem Tode Rudolfs II. gemeinhin in Wien. Das nordalpine Reich und Reichsitalien gehörten in diesem europäischen dynastischen Konflikt im 16. und 17. Jahrhundert zu den wichtigsten geographischen Zentren der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Valois- und Bourbonen-Königen auf der einen und den Habsburger-Kaisern und spanischen Königen auf der anderen Seite.

Die Leitung der französischen Politik oblag nach dem Westfälischen Frieden bis 1661 weiterhin dem französischen Prinzipalminister Kardinal Mazarin, der die Nachfolge des 1642 verstorbenen Kardinals Richelieu angetreten hatte. Seit 1643 war Ludwig XIV. französischer König; er erreichte 1651 die Volljährigkeit29, trat jedoch erst 1661 seine persönliche Regierung an, die eine Abkehr vom Regierungssystem der Prinzipalminister markierte. Auch im Reich regierte bis 1657 FerdinandIII., der Kaiser, der (nach seinem Regierungsantritt 1637) 1648 den Westfälischen Frieden abgeschlossen hatte. Ihm und seinem Nachfolger Leopold I. wurden von reichsständischer Seite einschließlich der traditionell kaisertreuen katholischen Fürstbischöfe bis in die 1670er Jahre hinein jedoch Absichten zur Revision der Westfälischen Friedens- und Verfassungsordnung unterstellt, was der französischen Diplomatie gerade im entscheidenden letzten Jahrzehnt des Krieges gegen Spanien wichtige Anknüpfungspunkte zur Eindämmung des habsburgischen Einflusses im Reich durch eine erfolgreiche eigene Bündnispolitik mit den Reichsständen bot.

Trotz personeller Kontinuitäten beim politischen Führungspersonal markierte 1648 zwar in völkerrechtlicher Hinsicht nicht den Beginn eines „Westfälischen Zeitalters“ oder eines „Westfälischen Systems“, das Interpreten des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in diesem Friedenswerk angelegt sehen wollten30, aber durchaus eine deutliche Zäsur in den deutsch-französischen Beziehungen: Seit einem Jahrhundert hatten der Kaiser und der französische König aufgrund des von 1552 an bestehenden völkerrechtlichen Kriegszustandes keine ordentlichen diplomatischen Beziehungen mehr zueinander unterhalten. Der Friedensvertrag bewirkte zwar keine dauerhafte Trennung der beiden Linien des Hauses Habsburg, zumal in Wien zwei Wochen nach Friedensschluss, am 8. November 1648, durch die Hochzeit zwischen Philipp IV. und der seinerzeit einzigen Kaisertochter Maria Anna ihre dynastischen Bande noch enger geknüpft wurden. Mazarin hatte jedoch erstmals einen Keil zwischen sie treiben können. 1659 gelang es den Franzosen dann im Pyrenäenfrieden, die französische Süd- und Ostgrenze auf Kosten des isolierten Spanien zu arrondieren31.

1648 wurde Frankreich neben Schweden darüber hinaus als Garantiemacht des Friedenswerkes von Münster und Osnabrück eingesetzt32. Die Durchsetzung der darin verbrieften reichsständischen Rechte war ein französisches Kriegsziel gewesen, doch die französische Diplomatie in Münster hatte das Feld der Verhandlungen über die gravamina politica et ecclesiastica weitgehend dem Kaiser, den Ständen selbst und Schweden überlassen. Frankreich legte seinen Garantiemachtstatus nach 1648 aber bis ins 18. Jahrhundert sehr extensiv als Wächteramt über die gesamte Reichsverfassung aus. Mit der Friedensgarantie erhielt die französische Politik ein Instrument an die Hand, mit dem sie Interventionen in die deutschen Verhältnisse legitimieren konnte, auch wenn dabei offenkundig genuin französische Interessen im Vordergrund standen. Diese Anwendung des Garantierechts diskreditierte es im Reich zunehmend. 1648 war für die Zeitgenossen jedoch noch nicht genau abzusehen, welche Möglichkeiten das Garantierecht bot33.

Seit dem Tode Mazarins 1661 betrachtete der Sonnenkönig die Außenpolitik als seine persönliche Domäne und als zentrales königliches Amtsgeschäft. Anders als die im Verlaufe seiner 54-jährigen Regierungszeit wechselnden politischen Konstellationen, Ziele und Minister, von denen nur wenige eine für die auswärtigen Beziehungen herausragende Rolle einnahmen, wie der Kriegsminister Louvois, war dieses königliche Reservat die eigentliche außenpolitische Grundkonstante zwischen 1661 und 1715. Seine Außenpolitik ließ durchaus nicht jede Kontinuität zur Politik Richelieus und seines Erziehers, des außenpolitischen Pragmatikers Mazarin, vermissen. Jedoch setzte der Sonnenkönig zweifellos eigene Akzente, die seiner Herrschaft trotz einer im Wesentlichen unveränderten politischen Grundkonstellation auch außenpolitisch ein unverwechselbares Gepräge gaben34. Charakterisiert wurden diese außenpolitischen Rahmenbedingungen durch den bourbonisch-habsburgischen Gegensatz, der seit der Erwerbung eines Großteils des burgundischen Erbes und der spanischen Königswürde durch die Habsburger den beherrschenden Faktor in der europäischen Politik bildete, sowie durch die drohende Personalunion zwischen dem spanischen Königs- und dem Kaiserthron, die bis zu den Friedensschlüssen von Utrecht, Rastatt und Baden nicht ausgeschlossen war. Die Außenpolitik genoss gegenüber ökonomischen und sozialen Erwägungen Priorität35. Die merkantilistische Wirtschafts- und Handelspolitik Colbert’scher Prägung hatte dafür die finanziellen Mittel bereitzustellen36. Die jüngere Forschung hat dennoch zu Recht betont, dass Ludwig XIV. die finanziellen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen seit dem Ende des Pfälzischen Krieges zunehmend in den außenpolitischen Erwägungen berücksichtigte und dass sie entscheidend zu seiner zunehmenden Friedensbereitschaft beitrugen37.

Unter Mazarin und Ludwig XIV. erfolgte zunächst keine grundsätzliche Abkehr von den klassischen französischen Methoden einer Bündnispolitik mit den Reichsständen, die auf einem konzilianten Grundton im beiderseitigen Einvernehmen beruhte. Richelieus Ansinnen, den wahlmonarchischen Charakter des Reiches verfassungsrechtlich durch ein Verbot der Wahl vivente Imperatore auszubauen, war Ausdruck einer Überschätzung des kaiserlich-reichsständischen Dualismus gewesen. Letztere blieb auch für die Deutschlandpolitik Mazarins und Ludwigs XIV. charakteristisch. Über den Interessen- und Rechtsstreitigkeiten zwischen dem Reichsoberhaupt und seinen Ständen drohte die französische Politik nicht selten die innerständischen Konflikte, im Umfeld von 1648 insbesondere die Divergenzen zwischen den Kurfürsten und den übrigen Ständen, aus dem Blick zu verlieren. Obwohl die französischen Kenntnisse über das politische System des Reiches und sein Verfassungsrecht sehr viel genauer waren, als es die Forschung bis in die 1980er Jahre annahm38, lag in der Überzeichnung des deutschen Dualismus zwischen Kaiser und Reichsständen sicherlich ein Grundproblem der französischen Perzeption des Reiches. Weder Richelieu noch die nachfolgenden französischen Staatsmänner und Könige planten jedoch bis zur Französischen Revolution eine Vernichtung des Kaisertums an sich. Überlegungen, die Kaiserwürde abzuschaffen, tauchten im 18. Jahrhundert im Umkreis der französischen Regierung nur punktuell auf und wurden niemals nachdrücklich verfolgt.

Vom Westfälischen Frieden bis zum Ende des ersten Rheinbundes (1648–1668)

In den ersten beiden Jahrzehnten der Herrschaftszeit Ludwigs XIV. intensivierte die französische Politik ihre zum Teil seit dem 16. Jahrhundert, besonders seit der Zeit Heinrichs II., traditionell guten Kontakte zu einer Reihe deutscher Reichsstände. Frankreich versuchte seither mit schwankender Intensität und wechselndem Erfolg, im Reich eine Fürstenopposition gegen die Habsburger zu konstituieren, um den kaiserlichen Einfluss in Deutschland einzudämmen und dem Haus Österreich damit eine seiner wichtigsten Machtgrundlagen in den europäischen Konflikten streitig zu machen. Seit den späteren 1660er Jahren vollzog sich ein Übergang von Formen der Schaffung kollektiver Sicherheit zu französischen Allianzen mit einzelnen mächtigen deutschen Fürsten in der Form bilateraler Vertragsverhältnisse.

Der Rheinbund von 1658, der nach dem Urteil Jean Bérengers das „diplomatische Meisterwerk“ Mazarins bildete39, stellte hingegen einen klassischen Versuch dar, die französischen Interessen im Rahmen einer kollektiven Sicherheitspolitik zu vertreten40, welche durchaus noch in der Tradition von Richelieus Plan einer deutschen Fürstenliga stand. Unter dem Eindruck des fortdauernden französisch-spanischen Krieges hatten sich im Reich bereits seit 1650 verschiedene Assoziationen gebildet. In den folgenden Jahren behielten die Einungsbestrebungen wie am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine konfessionelle Färbung bei. Mazarin war jedoch an einem überkonfessionellen Bündnis gelegen, weil bei einer konfessionellen Aufspaltung die katholische Vereinigung eventuell unter den Einfluss des Kaisers zu geraten drohte. Die Beteiligung wichtiger Reichsfürsten beider Konfessionen war die Voraussetzung dafür, dass Frankreich die Fürstenassoziation erfolgreich gegen den Kaiser wenden konnte. Der Fürstenbund vom August 1658 entsprach diesen französischen Erwartungen. In dem zunächst auf drei Jahre befristeten Abkommen verbanden sich die geistlichen Kurfürsten von Mainz und Köln sowie Pfalz-Neuburg mit den drei welfischen Herzögen von Braunschweig, mit Hessen-Kassel und mit Schweden in seiner Eigenschaft als Reichsstand für Bremen und Verden. Diese als erster Rheinbund bezeichnete Assoziation vom 14. August 165841, der Ludwig XIV. am folgenden Tag beitrat, hatte für Frankreich und die beteiligten Stände den doppelten Zweck, zum einen die politischen Ordnungsbestimmungen des Westfälischen Friedens zu sichern und zum anderen – im Zusammenspiel mit der Leopold I. auferlegten Wahlkapitulation – die kaiserliche Macht im Reich zu begrenzen. Die Kombination der Wahl eines habsburgischen Kaisers mit dem Abschluss des französischen Bündnisses hatte aus reichsständischer Sicht den Vorteil, dass sie die eigenen Freiheiten gegen beide Großmächte absicherte. Eine der wesentlichen Triebfedern bei den Verhandlungen war der Mainzer Kurfürst Johann Philipp von Schönborn gewesen, dessen Interessen sich im Hinblick auf den Wunsch, kaiserliche Hilfeleistungen für Spanien zu unterbinden, mit den Anliegen Mazarins deckten42. Der Rheinbund als Instrument der Friedensassekuration war für die beteiligten deutschen Fürsten von Vorteil, solange Frankreich im deutschen Grenzraum eine friedliche Politik verfolgte. Dies war unter Mazarin nach dem französisch-spanischen Ausgleich 1659 sicherlich der Fall. Das Bündnis wurde im August 1660 und dann im März 1663 mit Wirkung bis zum 15. August 1667 verlängert und richtete in Frankfurt ein Direktorium unter dem Vorsitz des Kurfürsten von Mainz ein. Die Truppenstärke belief sich auf fast 10.000 Mann. Weitere Stände schlossen sich an. Mit den Beitritten Kurtriers 1662 und schließlich Kurbrandenburgs 1665 gelangte der Rheinbund noch zu einer späten Blüte. Zudem war Ludwig XIV. in einem Sonderbündnis mit dem Kurfürsten von der Pfalz alliiert. Das deutsche Interesse am Rheinbund verminderte sich aber im Verlaufe der späteren 1660er Jahre, ebenso wie sich die französischen diplomatischen Prioritäten im Zuge der expansiveren Ausrichtung der Politik Ludwigs XIV. veränderten. 1668 wurde der Rheinbund daher nicht verlängert.

Ein weiteres zentrales politisches Anliegen der französischen Reichspolitik im Jahre 1658 war neben der Gründung des Rheinbundes die schließlich missglückte Verhinderung der Wahl eines neuen Römischen Königs aus dem Hause Habsburg. Im April 1657 hatte mit dem Tode Ferdinands III. ein Interregnum begonnen, das der französischen Regierung eine günstige Gelegenheit zur Verwirklichung eines ihrer Grundziele zu bieten schien: dem Hause Habsburg die Kaiserkrone zu entreißen und damit eine Verschiebung der europäischen Machtverhältnisse zu den eigenen Gunsten zu erwirken. Denn Ferdinands ältester, gleichnamiger Sohn war nach seiner Wahl zum Römischen König 1654 noch vor seinem Vater verstorben und der zweitälteste, Leopold, noch keine 18 Jahre alt. Nachdem bis September 1657 die Wahl des Erzherzogs Leopold Wilhelm, des Onkels des jungen Leopold, erwogen worden war, erschien seither Leopold selbst trotz seiner Jugend als der einzige aussichtsreiche Kandidat aus dem Hause Habsburg43. Mazarin favorisierte die Bewerbung des Pfalzgrafen von Neuburg und besonders des Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern, der sich jedoch letztlich nicht für eine Kandidatur gewinnen ließ und den Wiener Hof bereits im August 1657 schriftlich von seinem Verzicht auf die Bewerbung gegen einen Habsburger unterrichtete44. Zwischen Mai und Juli 1657 erwog der Kardinal zudem eine Kandidatur Ludwigs XIV. Die Ernsthaftigkeit dieser Überlegungen, die eine der schillerndsten Seiten der Beziehungen zwischen regnum und imperium seit der Kandidatur Franz’ I. 1519 darstellten, wurde in der Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert kontrovers diskutiert45. In der Praxis kam es jedenfalls weder zu einer förmlichen Kandidatur des französischen Königs noch zu ernsthaften Verhandlungen über seine eventuelle Bewerbung zwischen Frankreich und den Kurfürsten oder im Kurkolleg selbst46. Anders lagen die Dinge in der deutschen und französischen politischen Publizistik und in der reichsöffentlichen Diskussion. Dort spielte die Eventualität einer französischen Kandidatur durchaus eine gewichtige Rolle. Die Spezialisten des Staatsrechts stellten zum Teil die Wählbarkeit eines ausländischen Bewerbers in Frage47. Der internationale Druck veranlasste die in Frankfurt tagenden Kurfürsten zu dem Beschluss, ausländische Vertreter inskünftig von den Wahlverhandlungen fernzuhalten. Als die Kurfürsten am 18. Juli 1658 mit Leopold I. wieder einen Habsburger zum Kaiser wählten, scheiterte die französische Regierung in der Wahlfrage fast völlig. Allein das dem neuen Kaiser in seiner Wahlkapitulation nach einem Beschluss der Kurfürsten vom 15. Mai 1658 auferlegte Verbot, Madrid in seinem andauernden Krieg gegen Frankreich zu assistieren, konnte als französischer Erfolg verbucht werden. Diese Klausel lag jedoch auch im eigenen Interesse der Reichsstände zur Wahrung des Friedens48.

Französische Reichsstandschaft?

In den Kontext der französischen Wahlpolitik gehören die um 1658 erneut intensivierten französischen Überlegungen, Ludwig XIV. aufgrund seiner territorialen Erwerbungen im Westfälischen Frieden selbst den Status als Reichsstand zu verschaffen. Das implizierte jedoch ein Vasallitätsverhältnis des Königs zu Kaiser und Reich, dessen Zulässigkeit von französischen Juristen und Publizisten nicht uneingeschränkt akzeptiert wurde. Doch auch der König von Spanien und seit dem Westfälischen Frieden die Königin von Schweden hatten aufgrund ihrer deutschen Besitzungen die Reichsstandschaft inne. Die französische Haltung zu diesem Problem war starken konjunkturellen Entwicklungen unterworfen49. Die kaiserliche Offerte vom Mai 1646, die drei lothringischen Hochstifte Metz, Toul und Verdun und Teile des Elsass zu souveränem Besitz zu nehmen, hatte die über die verwickelte Rechtslage im Elsass seinerzeit bereits gut unterrichtete französische Regierung unvorbereitet getroffen und anfänglich Misstrauen erweckt, weil die Kaiserlichen die Souveränität von sich aus anboten. In den folgenden Jahren bis zum Friedensschluss wurde innerhalb der französischen Delegation in Münster und in den Pariser Regierungskreisen intensiv und kontrovers das Problem erörtert, ob Ludwig XIV. das Elsass und die lothringischen Diözesen50 lieber zu Lehen (feudum) oder zu einem der französischen Krondomäne inkorporierten Allodium nehmen sollte. Für die uneingeschränkte Souveränität und das vollständige Ausscheiden der betreffenden Territorien aus dem Reichsverband schien neben der höheren Reputation vor allem die größere Sicherheit zu sprechen, dass die Erwerbungen nicht eines Tages wieder ganz an das Reich verloren gingen. Für die Reichsstandschaft sprach dagegen die Möglichkeit, eine eigene Reichstagsvertretung durchzusetzen und damit dauerhaften Einfluss auf die Entscheidungsfindung dieses zentralen legislativen Reichsverfassungsorgans zu erhalten51, dessen Wert die Franzosen für die eigene Deutschlandpolitik im 17. Jahrhundert (anders als im 18. Jahrhundert) hoch veranschlagten52