Was wird morgen sein? - Elisabeth Eckerl - ebook

Was wird morgen sein? ebook

Elisabeth Eckerl

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Opis

Drei Kinder, schwanger und plötzlich Witwe. Das ist das Schicksal von Tanja Cordes, die trotz vieler Verhängnisse immer wieder neuen Mut fasst. Eine willensstarke Frau, die manchmal der Verzweiflung nahe ist aber ihr Leben dennoch mit Entschlossenheit und Optimismus meistert.

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Inhalt

Titelseite

Impressum

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Elisabeth Eckerl

Was wird morgen sein?

Engelsdorfer Verlag 2007

Bibliografische Information durch Die Deutsche Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright (2007) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

www.engelsdorfer-verlag.de

eISBN: 978-3-86901-291-9

Wo ist denn nur wieder Tobis Badehose – wenn doch diese lästige Packerei nicht wäre. Aber so ist das nun mal, wenn man mit einem dreijährigen Sohn was unternehmen will. Ach, da liegt sie ja – nun noch Handtücher, was zu trinken und los geht’s. Die Hitze, die nun schon seit Wochen anhält, ist nur schwer erträglich. Im Schwimmbad ist es berstend voll. Jeder sucht Abkühlung im erfrischenden Wasser. Ich bin schon froh, dass Tobi und Sarah einen Platz im Kinderbecken haben. Während die beiden Kinder planschen klagt Laura, meine Freundin, mir ihr Leid. Sie hat mal wieder mit Holger gestritten. Die beiden liegen sich in letzter Zeit ständig in den Haaren. Meist geht es um Sarah, ihre Tochter. Holger kann sich einfach nicht mit Sarahs Behinderung abfinden. Dabei hat das inzwischen vierjährige Mädchen bereits Fortschritte gemacht. Sie kann selbständig essen und mit Hilfestellung auch gehen. Sarah muss nicht mehr überallhin mit dem Rollstuhl gefahren werden. Inzwischen kann sie sich auch mit Gesten und einigen unartikulierten Lauten verständlich machen. Richtig sprechen wird sie jedoch nie lernen. Die Ärzte behaupten, dass Sarah auch keine hohe Lebenserwartung hat. Davon will Laura jedoch nichts wissen. Sie lebt nur noch für ihr Kind. Und Holger – er isoliert sich immer mehr von seiner Familie, will die Verantwortung für das Kind nicht übernehmen. Väter sind eben nicht so emotional an ihre Kinder gebunden wie Mütter. Eine Tatsache, die Laura jedoch nicht weiterhilft. Holger verdient als Ingenieur für Straßenbau gutes Geld, so dass für seine Familie finanziell gesorgt ist. Aber in den letzten Wochen kam es immer häufiger vor, dass er erst spät abends nach Hause kam, wenn Laura und Sarah bereits schliefen.

»Denkst du, er hat eine Geliebte?«, fragt mich Laura. »Sogar an den Wochenenden geht er noch ins Büro. Wochentags muss er die Baustellen beaufsichtigen, sagt Holger, darum bleibt für den Schreibkram sonst keine Zeit. Ich kann das einfach nicht glauben. Früher hatte er ja auch Zeit für mich – trotz Arbeit.«

Ich bin ratlos. Was soll ich meiner besten Freundin antworten? ‘Wahrscheinlich hast du recht – Holger ist ein mieser Kerl, der sich einfach vor der Verantwortung drückt?’ Nein, ich werde Laura besser aufmuntern.

»Mach dir nicht zu viele Sorgen. In jeder Ehe kriselt es mal. Holger braucht etwas Abstand, um mit der Situation besser fertig zu werden. Und vielleicht hat er ja wirklich zurzeit mehr Arbeit. Du musst einen günstigen Moment abwarten und mit ihm in aller Ruhe reden. Dann werden sich die Wogen schon wieder glätten«, rate ich Laura. »Wenn du willst, kann Sarah am Sonntagnachmittag zu uns kommen, dann kannst du dich mit Holger aussprechen.«

Laura sieht mich dankbar an. Wir wenden uns den Kindern zu und spielen mit ihnen.

Am späten Nachmittag, wieder zu Hause, denke ich über meine Situation nach. In fünf Monaten wird mein zweites Kind zur Welt kommen. Wie würde wohl Werner reagieren, wenn es nicht gesund wäre? Werner ist ein liebevoller Ehemann. Er hat sich vor kurzem selbständig gemacht und eine kleine Kfz-Werkstatt eingerichtet. Die benötigte Halle konnte er zwei Strassen von uns entfernt mieten. Ein kleines Zimmer unseres gemieteten Hauses haben wir als Büro ausgestattet.

Durch ein freundliches »Hallo« werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich spüre einen flüchtigen Kuss auf meinem Nacken. Werner ist nach Hause gekommen.

»Na, wo waren deine Gedanken denn gerade?«

»Oh, hallo Schatz, ich war in Gedanken gerade bei dir. Heute hab ich mich mit Laura und Sarah im Schwimmbad getroffen. Holger kann es einfach nicht wegstecken, dass Sarah behindert ist. Nun musste ich an unser Baby denken. Ich hoffe inständig, dass alles gut geht.«

»Ach, mach dir da mal keine Sorgen. Unser Tobi ist doch auch gesund.«

In dem Moment hören wir lautes Gepolter aus Tobis Zimmer. Er sitzt weinend inmitten seiner Bauklötze. Sein mühsam errichteter Holzturm ist krachend umgefallen. Die Bausteine liegen weit im Zimmer verstreut. Werner hebt seinen Sprössling hoch.

»Na, kleiner Mann, hast dich wohl ordentlich erschreckt, was? Wir bringen das wieder in Ordnung, aber erst krieg ich einen Kuss.«

Werner setzt sich mit Tobi auf den Boden und sie bauen gemeinsam einen neuen Turm. Ich beobachte die beiden eine Weile. Tobias hat dieselben rötlichblonden Locken wie Werner. Auch das schmale Gesicht mit der lustigen Stupsnase hat er von Werner geerbt. Nur die dunkelbraunen Augen, sowie die langen dunklen Wimpern, die hat er von mir. Beide sind sehr in ihr Spiel vertieft. Ich mach mich inzwischen daran, Abendbrot zu richten.

* * *

Bald ist Weihnachten und bis zum Entbindungstermin sind es nur noch 10 Tage. Ich spüre schon manchmal ein leichtes Ziehen im Rücken. Vielleicht kommt das Baby ja etwas früher. Mein Gynäkologe meint, es sei alles in Ordnung. Gut, dass Tobi ein verständiger Junge ist. Er liebt es, wenn ich ihm aus seinen Büchern vorlese, fühlt aber auch, dass ich nun etwas mehr Ruhe brauche und spielt viel alleine. Werner hat seinem Mitarbeiter mehr Aufgaben übertragen, damit er öfter bei mir zu Hause sein kann. Wir haben alles organisiert. Wenn es so weit ist, dass ich ins Krankenhaus gehe, kommt meine Mutter und kümmert sich um Tobi. Wir sitzen in der Küche und essen gerade Pizza, da spüre ich die ersten Wehen.

»Du Werner, ich glaube unser Baby meldet sich an. Wir müssen meiner Mutter bescheid sagen.«

Werner ist ganz nervös. Am Telefon höre ich ihn sagen:

»Bitte Marianne, komm schnell, wir müssen ins Krankenhaus.«

Kurz darauf ist Oma bei uns, wünscht mir alles Gute und ich mache mich mit Werner auf den Weg in die Klinik. Meine Wehen kommen in immer kürzeren Abständen.

»Kannst du nicht schneller fahren? Ich hab Angst, das Kind im Auto zu kriegen.«

Werner drückt aufs Gaspedal. Oh Mann, mir ist noch nie so bewusst geworden, wie holperig diese Straße ist. Und der Weg zum Krankenhaus scheint auch viel länger zu sein als sonst. Wenn sich das Baby doch nur etwas mehr gedulden würde. – Das Krankenhaus ist in Sicht, endlich! Ein Parkplatz ist auch frei. Gott sei Dank. Der Weg zur Aufnahme fällt mir sehr schwer. Immer wieder muss ich stehen bleiben und eine weitere Wehe abwarten. Dann geht alles sehr schnell. Ich werde sofort in den Kreißsaal gebracht und untersucht. Die Herztöne des Babys werden überprüft. Die besorgte Hebamme lässt den Arzt holen.

»Die Herztöne sind sehr unregelmäßig«, höre ich sie zum Gynäkologen sagen. Wieder eine heftige Wehe.

»Ist es schlimm?«, frage ich.

Der Arzt macht ein sorgenvolles Gesicht.

»Das Herz ihres Sohnes scheint nicht in Ordnung zu sein. Es wäre besser einen Kaiserschnitt zu machen, um das Baby zu schonen.«

Ich schaue sorgenvoll zu Werner.

»Wenn es für das Kind das Beste ist, solltest du das machen lassen.«

Ich habe Angst. Angst um mein Baby und Angst vor einem Kaiserschnitt. Bis die Wunde wieder gut verheilt ist, das dauert Wochen. Aber gut, wenn’s denn sein soll. Ich erhalte eine leichte Narkose und als ich wieder erwache, liegt mein kleiner Andreas in einem Säuglingsbettchen neben mir. Er sieht so süß aus mit seinem dunklen Haarschopf. Friedlich schlafend nuckelt er an seiner kleinen Faust. Am rechten Ärmchen ist ein blaues Namensbändchen befestigt. An meinem rechten Arm ist ein Infusionsschlauch angeschlossen.

»Wie geht’s dem Kleinen?«

»Sein Herz ist nicht in Ordnung. In einer Spezialklinik wird man besser für ihn sorgen, als wir es hier können. Wir brauchen nur noch ihre Einverständniserklärung.«

Sorgenvoll blicken Werner und ich uns an.

»Kann ich denn mit in die Herzklinik kommen?«, frage ich besorgt.

Dr. Bauer nickt und meint es sei alles schon organisiert und ein Bett für mich bereitgestellt. Warum musste das passieren? Ich hab doch wirklich während der ganzen Schwangerschaft nichts gemacht, was meinem Baby geschadet haben könnte. Auch bei den Vorsorgeuntersuchungen war immer alles in Ordnung. Wie konnte das geschehen? All meine Gedanken kreisen um mein Baby. Kurze Zeit später werden wir beide mit dem Krankenwagen in die neue Klinik gebracht. Andreas wird noch mal gründlich untersucht und ständig überwacht. Ich darf ihn nur durch eine Glasscheibe sehen, darf nicht mal stillen, das wäre zu anstrengend für ihn. Meine Milch pumpe ich ab und gebe sie ihm mit einem Fläschchen. Die kurze Zeit des Beisammenseins genieße ich, so gut ich kann. Danach kommt er wieder ins Überwachungszimmer, während ich nur untätig warten kann, bis wieder Zeit zum Stillen ist. Eine vorher nie gekannte Traurigkeit überkommt mich. Die nächsten Tage sind mit bangem Warten ausgefüllt. Gott sei Dank kommt Werner mich besuchen, so oft er kann. Einmal bringt er auch Tobi mit. Der kleine Wirbelwind bringt mich auf andere Gedanken.

»Opa war mit mir im Zoo«, erzählt er stolz. »Wir haben ein soo großes Krokodil gesehen«, plappert er weiter und spannt dabei seine Arme weit auseinander, um die Größe des Krokodils zu zeigen. Er kuschelt sich an mich, so dass mich seine Locken kitzeln. Dann gibt er mir einen lauten Schmatz.

»Tschüss Mami«, ruft er zum Abschied. Dann bin ich wieder alleine.

Des Nachts liege ich oft wach in meinem Bett und muss an Sarah denken. Hoffentlich wird mein kleiner Schatz gesund. Nach sechs Tagen können mir die Ärzte nur die Auskunft geben, dass Andreas’ Herzrhythmus sich langsam stabilisiert, er aber noch weiterhin beobachtet werden muss. Ich darf meinen Sohn nur kurze Zeit in den Arm nehmen. Das ist besonders schwer für eine Mutter. Ich sehne mich danach, ihn lange in meinem Arm zu wiegen und zu liebkosen, ihn auch mal neben mich zu legen und gemeinsam mit ihm zu träumen. Meine Mutter meint:

»Das kann für ein so kleines Kind doch nicht gut sein. Es braucht die Nähe der Mutter.« Energisch spricht sie mit dem behandelnden Arzt und da inzwischen die Weihnachtsfeiertage vor der Tür stehen und momentan keine direkte Behandlung nötig ist, darf ich mit meinem Baby das Krankenhaus verlassen. Ich bin überglücklich. Endlich darf ich mich richtig um Andreas kümmern. Werner holt uns mit dem Auto ab. Zuhause an der Eingangstür warten schon Tobi und meine Mutter.

»Hurra, Mami ist da!«

Stürmisch begrüßt mich Tobi.

»Na, nicht so wild«, ermahnt ihn Werner. »Mami braucht noch Ruhe.«

Aber nun hat Tobi seinen kleinen Bruder entdeckt und steht staunend vor dem Baby. Liebevoll fasst er seine kleinen Händchen an.

»Hallo Andreas«, begrüßt er ihn. Nach einer kurzen Weile fragt er aber: »Warum sagt er denn nichts?«

Ich erkläre ihm, dass so kleine Babys noch nicht sprechen können.

»Als du so klein warst, konntest du auch nichts sagen. Wenn du mich gebraucht hast, hast du geweint oder gejammert, und ich hab mich dann um dich gekümmert.«

»Och, das ist ja doof«, bemerkt er und wendet sich seinen Spielzeugautos zu.

Ich muss schmunzeln. Werner öffnet die Kinderzimmertür und lacht mich munter an.

»Na, was sagst du dazu?«

»Ah, wie wunderschön!«

In meiner Abwesenheit hat Werner das Kinderzimmer neu gestrichen, in leuchtendem Gelb mit orangefarbenen Streifen, und Andreas’ Wiege aufgestellt. Die Sonne scheint durchs Fenster herein und taucht das Zimmer in ein helles Licht. Meine Mutter nähte die passenden Vorhänge und Tobias hat mit Opa ein lustiges Mobile aus lauter bunten Papierschmetterlingen gebastelt. Nun darf unser kleiner Spatz das neue Zimmer beziehen. Aber erst will ich ihn noch etwas im Arm halten.

»Na, kleiner Mann, nun bist du endlich zu Hause. Wurde auch langsam Zeit. Du wirst es hier sehr schön haben«, flüsterte ich ihm zu.

* * *

Der Frühling meldet sich an. Langsam schmilzt der Schnee im Garten und ich höre ab und zu schon einen Vogel singen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Frühlingsblumen hervorspitzen. Ich liebe es, um diese Zeit im Garten herumzuspazieren und freue mich über jedes kleine Zeichen, das den Frühling ankündigt. Heute will ich mit Andreas im Kinderwagen spazieren gehen. »Tobi, kommst du? Wir wollen rausgehen.«

Tobi kommt angerannt.

»Zum Rodeln?«, fragt er.

Eigentlich möchte ich mit dem Winter nichts mehr zu tun haben. Aber Tobi zuliebe gebe ich mir einen Ruck und antworte: »Gut, zum rodeln.«

Wir nehmen den Schlitten mit und los geht’s. Am Rodelhang tummeln sich schon viele Kinder. Das letzte bisschen Schnee wird noch mal voll ausgekostet. Die Kinder johlen und juchzen. Auch Tobi ist lautstark dabei wenn er den Berg heruntersaust. Andreas lässt sich von dem Lärm nicht stören. Er schläft seelenruhig in seinem Kinderwagen und schmunzelt manchmal im Schlaf. Selbst als Tobi weinend ankommt und schimpft:

»Jan ist mir drauf gefahren!«

lässt er sich nicht stören. Tröstend nehme ich Tobi in den Arm.

»Hast du dir wehgetan? Komm, lass mal sehen.«

Sorgfältig suche ich seinen Kopf nach Verletzungen ab. Ich kann nichts Schlimmes entdecken.

»Los, lauf ruhig wieder zu den anderen. Du hast dich wohl nur gehörig erschreckt. Jan wird jetzt bestimmt besser aufpassen.«

Tobi stürmt wieder davon und macht sich auf, den Rodelberg zu erklimmen. Ich beobachte meinen kleinen Andreas wieder. Was für ein Glück, dass er jetzt vollkommen gesund ist. Die Ärzte konnten bei den folgenden Untersuchungen keinen Schaden mehr feststellen. Werner und ich hatten uns große Sorgen gemacht, ob die Herzgeschichte wohl Folgen für ihn haben wird, doch es ist alles noch mal gut gegangen. Andreas entwickelt sich prächtig. Selbst Tobi hat erkannt, dass es auch Vorteile hat, wenn ein kleines Brüderchen im Haus ist, auch wenn man nicht richtig mit ihm spielen kann. Während ich mich um das Baby kümmere, darf er mit Werner im Büro am Computer sitzen und fühlt sich dabei sichtlich wohl und groß.

Bald wird er seinen vierten Geburtstag feiern und dann darf er vormittags in den Kindergarten gehen. Tobi freut sich schon drauf. Seine Freundin Kathi, die in der Nachbarschaft wohnt geht schon in den Kindergarten und schwärmt ihm oft vor, wie »cool« es da sei und was für tolle Spiele man dort machen kann.

* * *

Heute ist Tobis Geburtstag. Er hat viele Freunde eingeladen und ich hab für ihn ein richtiges Kinderfest organisiert mit Clown und vielen Spielen. Die Kinder toben im Garten herum, essen Würstchen, spielen und lachen, den ganzen Nachmittag lang. Clown Olli sorgt dafür, dass die Rasselbande sich tüchtig amüsiert. Oma schenkt Tobi einen Rucksack für den Kindergarten.

»Oh, toll, mit Dinosauriern.«

Die vielen Geschenke, die seine Freunde mitgebracht haben, verstaut er alle im neuen Rucksack und saust dann gleich wieder zu seinen Spielkameraden.

Nach diesem Geburtstagsfest fällt Tobi müde und glücklich in sein Bett und schläft sofort ein.

Zwei Tage später darf er zum ersten mal zum Kindergarten. Wir haben nicht weit und können zu Fuß hingehen. Werner hat sich heute frei genommen und kümmert sich um Andreas, während ich mich mit Tobi auf den Weg mache. Hand in Hand marschieren wir beide los. Im Kindergarten angekommen meint Tobi:

»Und wenn es mir hier nicht gefällt, nimmst du mich dann wieder mit heim?«

»Wirst sehen, es ist sehr schön hier. Du kannst mit Kathi und den anderen Kindern spielen und viel Spaß haben.«

Eine der Kindergärtnerinnen stellt sich vor:

»Ich bin Marion, und du bist sicher Tobias, stimmts?«

Tobi nickt ganz schüchtern und mustert Marion. Ihre schulterlangen braunen Locken gefallen ihm sehr. Er fasst schnell Vertrauen zu ihr, gibt mir noch einen kurzen Abschiedskuss, nimmt Marion an der Hand und sie gehen gemeinsam ins Spielzimmer. Türe zu – aus. Das ist also der Anfang vom Großwerden denke ich beim Heimweg. Ich habe das Gefühl, dass mir der Abschied viel schwerer fällt als Tobi. Es ist das erste mal, dass ich ihn zu fremden Leuten in Obhut gebe. Aber es ist eben auch wichtig, dass die Kinder lernen, sich in fremder Umgebung zurechtfinden.

Zuhause wartet Werner mit einem zweiten Frühstück auf mich. Er hat liebevoll den Tisch gedeckt mit Frühstückseiern, Schinken, Marmelade und Kaffee. Andreas liegt auf seiner Krabbeldecke am Boden und spielt mit einem Quietschschweinchen. Wie gut wir es doch haben, denke ich.

»Wie wars denn?«, will Werner wissen und schenkt Kaffee ein.

»Oh, Tobi war anfangs etwas schüchtern. Dann kam Marion und holte ihn mit rein. Er hat nicht protestiert. Mal sehen, was er heute Mittag alles erzählen wird. Um 12.00 Uhr kann ich ihn wieder abholen. Musst du heute noch in die Werkstatt?«

»Wäre schon besser, wenn ich mal vorbeischauen würde. Zur Zeit haben wir sehr viele Blechschäden. Im Frühling fahren alle wie die Verrückten. Glaubst du, du kommst ohne mich zurecht?«

»Ich werde Andreas im Kinderwagen mitnehmen wenn ich Tobi abhole. Das wird schon gehen. Du kannst ja schlecht jeden Morgen zu Hause bleiben – obwohl ich mich daran schon gewöhnen könnte«, schmeichle ich und gebe Werner einen flüchtigen Kuss auf seinen Marmeladenmund.

Er grinst. »Das würde mir schon auch gefallen«, lacht er »aber wer soll dann das Geld verdienen?«

»Ach, das liebe Geld. Können wir nicht auf eine einsame Insel auswandern, Fische fangen, Gemüse und Salat im Garten ziehen und die übrige Zeit in der Sonne liegen?«

»Das wäre wunderschön. Kennst du so eine Insel?«

»Spinner, das war doch nicht ernst gemeint. Du würdest dich bestimmt langweilen, wenn du deine Skatbrüder nicht treffen könntest.«

Wir schäkern noch eine Weile herum.

»Nun muss ich aber wirklich los«, beschließt Werner und macht sich auf den Weg zur Werkstatt. Andreas hat inzwischen Hunger bekommen. Ich mache ihm ein Fläschchen zurecht. Dann wird es Zeit für ihn zu schlafen. Während ich den Tisch abräume muss ich noch schmunzelnd an die einsame Insel denken.

Es dauert einige Tage bis unser Tagesablauf wieder in geregelten Bahnen verläuft. Ich bringe Tobi zum Kindergarten, während Andreas noch schläft. Manchmal, wenn er etwas früher aufwacht, nehme ich ihn im Kinderwagen mit. Mittags noch mal dasselbe Spiel. Vormittags aufräumen und kochen, nachmittags mit den Kindern spielen. Abends, wenn Werner von der Arbeit nach Hause kommt bin ich meist hundemüde und gehe schon früh zu Bett. Werner wird manchmal mürrisch, aber ich bringe einfach nicht genug Kraft auf um abends die Augen noch offen zu halten. In letzter Zeit geht Werner öfters noch auf ein Bier in seine Stammkneipe. Wahrscheinlich, weil er zu Hause auch allein vor dem Fernseher sitzen würde. Er hat auch damit begonnen die Schülermannschaft im Fußball zu trainieren. Somit gehen viele gemeinsame Stunden an den Wochenenden verloren. Schade – aber es scheint ihm Spaß zu machen mit den Kindern zu arbeiten.

Heute Nachmittag kommt Laura mit Sarah vorbei. Laura sieht verweint aus.

»Holger ist ein Mistkerl. Er hält es zu Hause nicht mehr aus – muss mal raus – behauptet er. Aber ich kenne den wahren Grund. Letzte Woche hab ich ihn gesehen, wie er mit seiner Sekretärin das Büro verlassen hat, den Arm um ihre Schultern gelegt und fröhlich lachend. So eine aufgedonnerte Ziege, die bestimmt nichts vom wahren Leben weiß. Und heute hat er mir erklärt, dass es für uns das Beste sei, eine Weile getrennt zu leben. Ich bin sicher, er zieht bei diesem Flittchen ein. Tanja, was soll ich bloß tun?«

Laura weint schon wieder und hält schluchzend die Hände vors Gesicht.

»Willst du eure Beziehung aufrecht erhalten oder wäre es dir lieber, Holger würde euch in Ruhe lassen?«

»So genau weiß ich das gar nicht. Wenn ich mir alles recht überlege führen Holger und ich schon lange kein richtiges Eheleben mehr. Ich muss den ganzen Tag für Sarah da sein. Wenn Holger heimkommt bin ich nur noch müde und gereizt. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann wir beide das letzte mal was gemeinsam unternommen haben. Geschweige denn im Bett – da läuft bei uns schon lange nichts mehr.«

»Weißt du, bei uns ist auch nicht immer alles rosig. Wir haben uns zur Zeit auch wenig zu sagen. Ich denke, man muss eine Beziehung immer wieder aufpeppen, sonst wird alles zur Routine und man langweilt sich nur noch«,

»Den Zeitpunkt habe ich wohl schon versäumt«, klagt Laura.

Sie tut mir leid. Was ist Holger nur für ein Egoist. Lässt seine Frau mit der behinderten Tochter einfach im Stich und macht sich selbst ein süßes Leben. Ich koche für uns beide starken Kaffee.

»Der wird dir gut tun«, ermuntere ich sie.

Laura und Tobi bauen gemeinsam eine Legoeisenbahn und sind total in ihr Spiel vertieft. Andreas sitzt auf meinem Schoß und kräht vergnügt vor sich hin.

»Sicher würde bei uns auch manches anders laufen, wenn Sarah nicht behindert wäre. Holger kann sich einfach nicht damit abfinden. Du hast schon Glück, dass deine Kinder beide gesund sind.«

»Ja, das weiß ich auch zu schätzen. Die beiden sind mein Sonnenschein. Aber abends bin ich auch immer ganz ausgelaugt. Werner beschwert sich oft, dass ich für ihn kein Interesse mehr zeige, aber wenn die Kinder im Bett sind, sehne ich mich nur noch nach Schlaf. Und an den Wochenenden sind ständig meine Eltern da. Da haben wir auch keine Zeit für uns beide. Um dem zu entgehen hat Werner nun begonnen, samstags die Schülerfußballmannschaft zu trainieren.

Doch du weißt ja, wie sehr mein Vater es genießt an den Wochenenden der Stadt zu entfliehen und in unserem Garten zu werkeln. Und meine Mutter ist ganz glücklich wenn sie ihre Enkelkinder verwöhnen darf. Ich kann und will nicht verlangen, dass sie zu Hause bleiben sollen.«

Wir trinken unseren Kaffee und sinnieren still vor uns hin. »Komm, lass uns über was anderes reden. Wie geht’s Tobi denn im Kindergarten?«

»Na ja, er ist mit Begeisterung dabei, wenn es ums Herumtoben geht. Auch hört er gerne beim Geschichtenerzählen zu. Aber wenn er malen oder basteln soll, sträubt er sich. Da macht er immer ein fürchterliches Theater und versteckt sich. Alles will eben erst mal gelernt sein.«

»Mami, ich habe Hunger«, meldet sich Tobi.

»Dann komm, willst du ein Stück Kuchen?«

Tobi und auch Sarah lassen sich den Apfelkuchen schmecken und spielen dann frisch gestärkt wieder weiter. Inzwischen hat auch Andreas Hunger bekommen. Nachdem er seinen Brei gegessen hat, lege ich ihn ins Bettchen. Er schläft sogleich friedlich ein. Ich sehe ihm noch eine Weile zu, wie er seine kleinen Fäuste ballt und immer wieder im Schlaf schmunzelt. In diesen Augenblicken bin ich überaus glücklich. Ich wünschte, ich könnte Laura etwas davon abgeben.

* * *

Die Zeit vergeht wie im Fluge und aus meinem Kindergartenkind wird morgen ein Schulkind. Im Kindergarten haben wir Eltern, gemeinsam mit den Kindern, eine Schultüte gebastelt. Tobi wünschte sich eine Tüte mit Dschungeltieren. So haben wir einen Tiger, zwei Affen und einen Elefanten aus Tonpapier ausgeschnitten und aufgeklebt und die Freiräume mit Palmen und Lianen ausgeschmückt. Sieht abenteuerlich aus. Tobi ist ganz stolz auf »unser« Werk. Dem ersten Schultag sieht er allerdings mit Skepsis entgegen, wie das wohl bei den meisten Schulanfängern ist. Viel zu früh am Morgen weckt er Werner und mich.

»Müssen wir nicht schon zur Schule?«, fragt er.

Schlaftrunken schau ich auf meinen Wecker. 5.00 Uhr morgens.

»Komm Tobi leg dich noch zu uns ins Bett. Wir haben noch viel Zeit.«

Tobi ist auch im Nu wieder eingeschlafen. Aber nun ist es mit meiner Ruhe vorbei. Wie wird es ihm wohl ergehen? Werde ich viel mit ihm lernen müssen, oder wird er ein Schüler, der selbständig arbeitet? Wird er gerne zur Schule gehen und wird er sich mit seinen Mitschülern vertragen? Fragen über Fragen. Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr und erlöst mich von meinen Grübeleien. Tobi zieht seine neue schwarze Jeans und das rote Sweatshirt mit der Aufschrift ‘we are the champions’ an, das wir extra für den Schulanfang gekauft haben. Nach einem gemeinsamen Frühstück machen wir uns auf den Weg zur Schule. Werner hat sich freigenommen, damit er am ersten Schultag dabei sein kann. Tobias trägt stolz seine DschungelSchultüte und ist bestimmt auch schon gespannt, womit wir sie gefüllt haben. Im Klassenzimmer sucht er sich einen Platz in der letzten Reihe neben Kathi. Die Lehrerin, Frau Kaiser, begrüßt erst die Kinder und dann uns und nach ein paar einführenden Worten entlässt sie uns Eltern. Schulschluss ist an diesem Tag um 11.00 Uhr. Dann können wir unsere Kinder wieder abholen. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, als ich das Klassenzimmer verlasse. Eine Mischung aus Wehmut und Stolz.

Tobi ist ganz aufgewühlt als wir ihn abholen. Es sprudelt alles aus ihm heraus.

»Wir haben ein Lied gelernt übers Schreiben, Rechnen, Lesen«, erzählt er und singt auch schon munter drauf los. Zu Hause zeigt er uns ein DIN A 4 Blatt mit einer Schultüte drauf. Als erste Hausaufgabe müssen die Kinder diese Schultüte anmalen. Tobias geht gleich mit Eifer an seine Aufgabe. Im Laufe seiner Kindergartenzeit hat er sich doch noch mit Malen und Basteln angefreundet. Er freut sich schon auf den nächsten Schultag. Ich bin sehr erleichtert. Es stellt sich heraus, dass Tobias’ Eifer zwar im Laufe der Zeit etwas nachlässt, er aber nach wie vor gern zur Schule geht und auch meistens fleißig lernt. Vor allem Mathematik macht ihm viel Spaß. Seine Hausaufgaben macht er bei mir in der Küche und wenn es Fragen gibt bin ich immer für ihn erreichbar. Abends erzählt er Werner das Neueste aus der Schule und liest eifrig aus seinem Lesebuch vor. Es ist schön zu beobachten, wie sich die beiden verstehen.

Heute feiern wir Andreas’ dritten Geburtstag. Oma und Opa sind natürlich dabei. Ebenso meine zwei großen Brüder Anton und Franz mit ihren Freundinnen Monika und Hannah – volles Haus also. Andreas genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Alle wollen mit ihm spielen. Aber seine Entwicklung macht mir Sorgen. Er ist zwar körperlich gut entwickelt und stellt sich motorisch ganz geschickt an, aber er spricht noch kein Wort. Nicht mal Mama oder Papa.

»Du musst mit ihm zum Arzt«, rät meine Mutter »Da stimmt doch was nicht.«

»Ich weiß, mein Kinderarzt hat mir schon einen Termin bei einer Psychotherapeutin beschafft, am Dienstag nächster Woche.«

Ich sehe dem Termin schon mit Sorge entgegen. Wieso sagt Andreas nichts? Vielleicht ist er nur sprechfaul, so was soll es ja auch geben. Ich versuche mich selber zu beruhigen. Werner meint: »Wir müssen der Sache auf den Grund gehen. Normal kann das ja nicht sein, dass ein Kind mit drei Jahren keinerlei Anzeichen zeigt zu sprechen.«

In der Nacht vor dem Termin schlafe ich furchtbar schlecht. Ich habe regelrechte Albträume. Am Dienstagmorgen bringt Werner Tobi zur Schule, damit ich pünktlich um 8.00 Uhr mit Andreas bei der Psychotherapeutin, Frau Reindl, sein kann. Sie begrüßt uns freundlich und beschäftigt sich erst mal gründlich mit Andreas. Außer etwas Geplapper lässt er nichts aus sich rauslocken. Ich erzähle Frau Reindl, welche Probleme es bei Andreas’ Geburt gab.

»Das könnte durchaus die Ursache sein. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Entwicklungsstörungen einstellen, wenn das Baby in den ersten Tagen wenig Kontakt mit der Mutter hatte.«

Ich starre sie entsetzt an.

»Soll das heißen, Andreas kann nicht sprechen, weil ich mich zu wenig um ihn gekümmert hab?«

»Nein, nun beruhigen Sie sich doch«, redet Frau Reindl sanft auf mich ein. »Sie können doch nichts dafür. Aber jetzt liegt viel an Ihnen, dass Ihr Sohn zu sprechen beginnt. Sie müssen so oft wie möglich mit ihm reden, ihn immer wieder ermuntern, Dinge beim Namen zu nennen. Sie dürfen nicht darauf eingehen, wenn er versucht sich mit Gesten verständlich zu machen, sondern er muss lernen, dass er nur etwas erreicht, wenn er versucht zu sprechen. Dabei müssen Sie viel Geduld aufbringen.«

»Das wird bestimmt nicht einfach. Ich habe noch einen schulpflichtigen Sohn. Er braucht auch viel Aufmerksamkeit. Wie soll ich das schaffen?«

»Ich werde Sie natürlich unterstützen. Sie kommen jeden zweiten Dienstag zu mir in die Praxis und ich werde sorgfältig mit Andreas arbeiten. Sie werden sehen, wir kriegen das Problem schon in den Griff.«

Aufgewühlt mache ich mich auf den Heimweg. Andreas sitzt auf der Rückbank im Kindersitz. Immer wieder beobachte ich ihn im Rückspiegel. Er sitzt quietschvergnügt da und spielt mit seinem MatchboxAuto, lächelt mich unschuldig an und ahnt nichts von meinen Sorgen. Zu Hause erwartet Werner uns bereits.

»Na, wie war es?«, empfängt er mich ungeduldig.

Ich berichte ihm von Frau Reindl und Werner meint:

»Wenn Frau Reindl da zuversichtlich ist, dann müssen wir es auch sein. Gemeinsam schaffen wir das schon.«

Tröstend streicht er mir eine Locke aus meinem Gesicht und umarmt mich zärtlich.

Aber aus dem »Wir« wird nicht viel. Werner ist viel zu beschäftigt. Es bleibt alles an mir hängen. Abends wenn er von der Werkstatt heimkommt ist Andreas meist schon im Bett. Ich gebe mir wirklich alle Mühe und versuche Frau Reindls Ratschläge zu befolgen. Aber Andreas bleibt stur. Bei der nächsten Sitzung mit Frau Reindl werde ich hinausgeschickt. Sie meint: »Es ist besser, wenn ich mit Andreas alleine arbeite, damit er nicht abgelenkt wird und wir uns besser aufeinander konzentrieren können. Bitte holen Sie ihn in einer Stunde wieder ab.«

Nach dieser Stunde kann ich noch keine Besserung feststellen. Wäre wohl auch zu viel verlangt.

»Wir sehen uns dann wieder in vierzehn Tagen um die selbe Zeit. Sie können stolz sein auf ihren Jungen, er ist wirklich ein lieber Kerl«, sagt Frau Reindl zum Abschied. Über ihre Therapiemethode spricht sie nicht mit mir. Was sie auch immer mit Andreas gemacht hat, nach zwei Monaten beginnt er plötzlich zu sprechen. Ich sitze mit ihm und Tobi am Mittagstisch und Andreas sagt plötzlich: »Will Nudeln haben!«

Mir bleibt vor Staunen der Mund offen.

»Was hast du gesagt?«, stammle ich »Sag das noch mal!«

»Will Nudeln haben!«, fordert Andreas energisch.

»Oh Schatz, das ist ja wunderbar, du sprichst ja«, stammle ich, mit Freudentränen in meinen Augen.

Schnell lege ich noch einen Nachschub an Nudeln auf seinen Teller.

»Mami, du weinst ja!«, ruft Tobias aus.

»Ja, aber nur vor Glück, weil Andreas zum ersten mal gesprochen hat.«

Ungläubig sieht Tobias mich an und kann nicht begreifen, wie gerührt ich bin. Ich renne zum Telefon und rufe Werner in der Werkstatt an.

»Werner, Andreas kann sprechen!«, rufe ich ins Telefon.

»Nein, wirklich? Das ist ja super.«

Gleich darauf rufe ich bei Frau Reindl an und erzähle ihr von ihrem Erfolg. Sie meint: »Ich war überzeugt, dass wir Andreas zum Sprechen bringen, aber dass es so schnell geht, das überrascht mich selber. Herzlichen Glückwunsch. Ich freu mich schon auf die nächste Sitzung. Bis bald Frau Cordes und richten Sie bitte Andreas liebe Grüsse von mir aus.«

Den ganzen Nachmittag rufe ich Verwandte und Freunde an und erzähle ihnen von unserem Glück. Abends darf Andreas aufbleiben bis Werner heimkommt. Werner strahlt uns an und hat für Andreas einen neuen Spielzeugtraktor mitgebracht, zur Belohnung und für mich einen wunderschönen Rosenstrauß. An diesem Abend sind Werner und ich uns so nahe wie schon lange nicht mehr. Das Glücksgefühl, das wir beide haben macht uns wieder offen füreinander. Wir lieben uns in dieser Nacht, genauso wie früher, als wir noch jung verheiratet waren. Ich hab schon gedacht, dass ich nie mehr so glücklich sein könnte. Aber jetzt spüren wir beide, dass wir füreinander geschaffen sind. Am nächsten Morgen – einem Samstag – ruft Werner in der Werkstatt an:

»Ich nehme mir heute frei. Ihr werdet bestimmt ohne mich klar kommen. Also dann, bis zum Montag.« Dann holt er beim Bäcker frische Semmeln, bereitet das Frühstück und verkündet anschließend: »Heute machen wir einen Ausflug!«

»Hurra!«, jubelt Tobias und veranstaltet einen Freudentanz, in den Andreas johlend mit einfällt.

Mit dem Auto geht’s ab zum Zoo. Die vielen Tiere animieren Andreas zu weiterem Sprechen.

»Ist das?«, will er wissen und zeigt mit dem Finger auf einen Seehund, der gerade vergnügt im eiskalten Wasser planscht.

»Das ist ein Seehund, ein hervorragender Schwimmer. Der fühlt sich hier im kalten Wasser so wohl, wie du, wenn du in der Badewanne sitzt«, erklärt Werner.

»Seund« plappert Andreas nach.

Tobi läuft inzwischen schon weiter zum Paviangehege. Diese Affen sind lustig anzusehen. Ständig sind sie in Bewegung, klettern am Gerüst oder auf den Steinen herum, oder sitzen in kurzen Reihen hintereinander und entlausen sich gegenseitig. Fast den ganzen Tag verbringen wir im Zoo bei den verschiedensten Tieren. Die dicken Elefanten mit ihren großen Ohren hinterlassen bei Andreas großen Eindruck. Weniger interessant sind die Löwen, die leider nur gähnend in irgendeiner Ecke liegen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Tobias ist fasziniert von der Unterwasserwelt. Die Aquarien mit den vielen bunten Fischen ziehen ihn in seinen Bann. Wir sind alle vergnügt, müde und ziemlich hungrig als wir den Zoo wieder verlassen.

»Heute wird nicht gekocht«, verkündet Werner, »wir gehen zum Pizzaessen.«

Ich freue mich. So ausgelassen habe ich Werner schon lange nicht mehr gesehen. Verliebt geben wir uns einen Kuss. Die Pizza bei »Giovanni« schmeckt herrlich. Tobi und Andreas werden noch mit einer Portion Eis verwöhnt, bevor wir wieder nach Hause fahren. Die Kinder fallen todmüde in ihre Betten.

»Das war herrlich heute. Wir haben schon lange nicht mehr so viel Spaß miteinander gehabt.«

Werner nimmt mich in den Arm.

»Ich bin so glücklich«, erwidert er »wir müssen unbedingt wieder öfter was unternehmen. Das tut nicht nur den Kindern gut, sondern auch uns beiden. Vor lauter Arbeit vergisst man ja fast die schönsten Seiten des Lebens.«

Auch in dieser Nacht lieben wir uns und spüren unsere Sehnsucht zueinander.

* * *

So nach und nach redet Andreas immer mehr. Allerdings spricht er ziemlich undeutlich, was dazu führt, dass seine Spielkameraden ihn oftmals hänseln. Frau Reindl meinte bei einer ihrer letzten Sitzungen:

»Sie sollten mit Andreas zum Logopäden gehen, damit seine Aussprache besser wird.« Auch das noch. Wir stolpern von einer Arztpraxis in die nächste. Das ist ziemlich nervig. Zumal ich Tobi relativ oft allein lassen muss. Zudem blieben unsere Liebesnächte nicht ohne Folgen. Ich bin wieder schwanger. Diesmal bin ich etwas beunruhigt. Die Untersuchungen zeigen zwar jedes Mal, dass alles mit dem Baby in Ordnung ist, aber die Erinnerung an Andreas’ Geburt macht mir Sorgen. Wenn ich mit Werner darüber rede, meint er jedes Mal:

»Es ist doch sinnlos, wenn du dich damit verrückt machst. Wir müssen abwarten. Es ist bestimmt nicht gut für das Baby, wenn du dich so aufregst.«

Um mich abzulenken hält Werner sein Versprechen und wir machen noch den einen oder anderen Ausflug in diesem Frühjahr und Sommer. Es ist eine schöne Zeit, die uns alle fest aneinander bindet. Andreas kommt im Herbst in den Kindergarten. Er hat dieselbe Kindergärtnerin wie Tobi damals. Doch Andreas hat es schwer, sich bei den anderen Kindern zu behaupten. Seine Spielkameraden zeigen nur wenig Geduld wenn er versucht, Sätze zu formulieren. Sie lachen ihn aus und drehen ihm den Rücken zu. Andreas ist, obwohl er von Kindern umringt ist, einsam. Das führt dazu, dass er aggressiv reagiert. Er beschimpft und schlägt seine Spielkameraden des Öfteren. Nur wenige wollen überhaupt noch mit ihm spielen. Zu Hause langweilt er sich oft und verbringt seine Zeit am liebsten vor dem Fernseher. Ich versuche, ihn zum Spielen zu überreden aber er blockt meistens ab:

»Nö, hab keine Lust.«

Bei einer Sitzung bei Frau Reindl berichte ich von seinen Problemen. Sie gibt mir den Rat:

»Es wäre gut, wenn Andreas ein Tier hätte. Am besten wäre ein Hund.«

»Was, ein Hund?«, braust Werner auf, als ich ihm davon erzähle. »Hast du nicht schon genug zu tun mit den beiden, und bald auch mit dem Baby? Wer soll sich da um den Hund kümmern. Du glaubst doch nicht ernsthaft, Andreas könnte das tun. Oder vielleicht Tobias?«

Ich hab schon so eine Reaktion befürchtet. Aber im Grunde finde ich die Idee mit dem Hund gar nicht schlecht. Immerhin bewohnen wir ein Haus mit Garten, am Dorfrand gelegen, ideal für einen Hund. Außerdem wäre dann tagsüber ein Beschützer im Haus. Man weiß ja nie, wer an der Haustüre ist. An einem ruhigen Sonntag besprechen wir vier gemeinsam die Hundefrage. Tobi und Andreas sind sofort begeistert. Tobi, inzwischen schon in der zweiten Klasse und in der Schule ganz gut, verspricht auch mit dem Hund Gassi zu gehen, wenn ich wegen dem Baby mal verhindert bin.

»Außerdem kommen in letzter Zeit immer mehr Zeitungsvertreter an die Haustür und lassen sich nur schwer abwimmeln. Da wäre ein Hund zur Abschreckung bestimmt hilfreich«, argumentiere ich.

Nach langem Hin und Her entschließen wir uns, doch einen zu kaufen. In der nächsten Woche fahren wir gemeinsam zum Tierheim und suchen unseren »Boomer«