Was Sie dachten, NIEMALS über INDIEN wissen zu wollen - Andrea Glaubacker - ebook

Was Sie dachten, NIEMALS über INDIEN wissen zu wollen ebook

Andrea Glaubacker

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Indien – Himmel oder Hölle? Oder beides zugleich? Kaum glaubt man, Indien zu erfassen, zeigt sich an der nächsten Ecke bereits der Widerspruch. So vielschichtig präsentiert sich das Land seinen Besuchern, dass es sich der Einordnung entwindet wie ein glitschiger Aal. Nähern Sie sich diesem erstaunlichen Subkontinent an und erleben Sie so manche Überraschung. Oder wissen Sie bereits, dass Indien der Weltmeister im Aufstellen von Weltrekorden ist? Warum Inder Sie häufig in die falsche Richtung schicken? Oder wofür Maschendrahtzaun in Indien eingesetzt wird? In 55 erhellenden und erheiternden Kapiteln klärt Andrea Glaubacker darüber auf, was dem Besucher oft rätselhaft und unergründlich bleibt. Ein humorvolles Porträt und manchmal ein ernster Blick auf das schillernde Land.

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Was Sie dachten, NIEMALS über INDIEN wissen zu wollen

Indien – Himmel oder Hölle? Oder beides zugleich? Kaum glaubt man, Indien zu erfassen, zeigt sich an der nächsten Ecke bereits der Widerspruch. So vielschichtig präsentiert sich das Land seinen Besuchern, dass es sich der Einordnung entwindet wie ein glitschiger Aal.

Nähern Sie sich diesem erstaunlichen Subkontinent an und erleben Sie so manche Überraschung. Oder wissen Sie bereits, dass Indien der Weltmeister im Aufstellen von Weltrekorden ist? Warum Inder Sie häufig in die falsche Richtung schicken? Oder wofür Maschendrahtzaun in Indien eingesetzt wird?

In 55 erhellenden und erheiternden Kapiteln klärt Andrea Glaubacker darüber auf, was dem Besucher oft rätselhaft und unergründlich bleibt. Ein humorvolles Porträt und manchmal ein ernster Blick auf das schillernde Land.

Inhalt

1 – Indische Götter trinken Milch und der Glaube trägt ein fettes Aber vor sich her

2 – In Indien ist man mit dem Wunsch, alleine zu sein, ziemlich alleine

3 – In Indien bleibt ein Gott niemals allein

4 – Inder mögen Schmalz lieber aufs Auge als aufs Brot

5 – In Indien ist Armut berechenbar

6 – Indiens arme Erfinder laufen den Schwaben den Rang ab

7 – Indische Schüler und Lehrer pinkeln hinter Büsche

8 – In Indien werden Elefantenköpfe transplantiert

9 – Die spinnen, die Inder ... (würde Asterix dazu sagen)

10 – Tote Inder treiben im Ganges

11 – Inder sind die besten Lieferandos der Welt

12 – Der Inder wird beim Fast Food zum Maharadscha

13 – In Indien ist der Reisealltag nicht alltäglich

14 – In Indien ist ein Hotel selten ein Palast, aber ein Palast manchmal ein Hotel

15 – In Indien laufen die Tiere Amok

16 – In Indien steht das ganze Leben auf einem Palmblatt

17 – Der indische Ehemann wird wie ein Grashalm-Gott verehrt

18 – In Indien sind die Unberührbaren ungeschützt statt unberührbar

19 – In Indien bleibt man besser immer schön gesund

20 – Indian Toilets gegen Western Toilets – 0 : 0

21 – In Indien gehen überlebensgroße Snickers auf Jagd

22 – Der Inder kotzt gerne die Wand an

23 –Der indische Amtsschimmel schläft selig

24 – In Indien fängt bei -no problem- das Problem erst an

25 – In Indien zahlt man Bakschisch oder bleibt ewig Letzter

26 – Indische Mühlen mahlen langsam

27 – Indische Kinder sorgen für unsere letzten Ruhestätten

28 – Indien ist der Supermarkt für Erleuchtungswillige

29 – In Indien hilft der Guru auf dem Weg vom Gu ins Ru*

30 – In Indien wählen Abertausende Bauern den Selbstmord

31 – In Indien verdienen einarmige Bettler besser

32 – In Indien geht’s mit Dreizack und Shillum zur Erleuchtung

33 – Die indische Kuh wird instrumentalisiert

34 – An Modi scheiden sich die indischen Geister

35 – Inder organisieren sich

36 – In Indien leben Kinder auf Mittelstreifen

37 – Inder küssen gegen den Love-Jihad

38 – Indien hat ein einmaliges Transportwesen

39 – Inder halten den Weltrekord im Über- und Untertreiben

40 – Inder lassen ihren Müll einfach draußen

41 – Indiens dunkelste Seiten

42 – Indien ist bald geierlos

43 – In Indien kauft man Fahrkarten extra lange

44 – In Indien führen alle Wege zum Gandhi-Museum

45 – In Indien ist des einen Freud, des andren Leid

46 – Indiens Weltkulturerbe macht unhappy in Hampi

47 – In Indien hängen die Puppenspieler jetzt selbst an den Fäden

48 – Inder lieben Touristen – wirklich

49 – In Indien simulieren die Ärzte und nicht die Kranken

50 – Indien wird den Terror nicht los

51 – Indien pustet die Rieseneichhörnchen aus dem Land

52 – Indien geht der Sand aus

53 – In Indien geht der Kuh die Globalisierung sonst wo vorbei

54 – Inder treiben einen mit der Zeit in den Irrsinn

55 – Niemals Indien – oder doch?

***

Autorin Andrea Glaubacker

Impressum

1 – Indische Götter trinken Milch und der Glaube trägt ein fettes Aber vor sich her

Jede Indienreise verändert mich. Das Land berührt mich auch deshalb tief, weil ich offener für Dinge bin, für die es keine eindeutige Erklärung gibt. Überwiegt in der westlichen Welt der Rationalismus, so liegt in Indien theoretisch alles im Bereich des Möglichen. Nicht umsonst heißt der indische Leitspruch »Everything is possible in India«. Das kann neue Erfahrungen ermöglichen und gedanklich freier machen. Aber wo ist die Grenze zwischen Glaube und Aberglaube? Persönliche Abgrenzung ist dann einfach, wenn Willkür, Menschenverachtung und Unterdrückung die Oberhand gewinnen. Das ist leider in Indien immer noch Praxis.

Das Land gibt sich gerne als moderner und technologischer Staat, doch die Wirklichkeit ist weit komplexer. Zeitungen berichten über Verbrechen, bei denen Mädchen ermordet und ihre Innereien als Opfergaben für gute Ernten dargebracht werden. Oder von Hexenverfolgungen, bei denen Frauen aus den Häusern gezerrt, misshandelt, tagelang gefoltert und dann als Hexe erschlagen oder verbrannt werden. Zwischen den Jahren 2000 und 2012 wurden 2.100 Menschen, meist Frauen, der Hexerei bezichtigt, gefoltert und umgebracht. Zumindest offiziell, die Dunkelziffer dürfte leider weitaus höher liegen. Alleine im Bundesstaat Jharkhand wird die Zahl der ermordeten »Hexen« in den letzten zehn Jahren auf 1.000 geschätzt.

Gegen solche Grausamkeiten geht die Indian Rationalist Association vor, eine Vereinigung zur Bekämpfung von Aberglauben und für die Verbreitung eines wissenschaftlichen Skeptizismus. Der Präsident der Skeptikervereinigung ist Sanal Edamaruku, der sich seinen Vorsitz redlich verdient hat und teuer (mit Flucht ins skandinavische Exil) bezahlen musste. Seine aufsehenerregendste Tat war die Entlarvung des Wunders des tropfenden Jesus von Mumbai als leckes Toilettenrohr. Pilger- und Geldströme blieben aus, die örtliche katholische Kirche rächte sich mit Anzeigen gegen Edamaruku wegen »Verletzung religiöser Gefühle« und Blasphemie.

Ein schlimmeres Ende ereilte 2013 seinen Geistesbruder Narendra Dabholkar, den Vizepräsidenten der Föderation indischer Rationalisten. Er wurde von Hindufundamentalisten auf offener Straße erschossen, weil er sich für das Black Magic Bill einsetzte, ein Gesetz, das Menschen- und Tieropfer, ritualisierte sexuelle Ausbeutung und Hexenverfolgung unter Strafe stellen sollte. Einen Tag nach dem Mord wurde es per Notdekret erlassen.

Geändert hat dies allerdings wenig. Noch immer machen Zeitungsnotizen über Ritualmorde die Runde. Noch immer saust im Kali-Tempel in Kalkutta täglich ein Beil auf eine Ziege nieder. Noch immer verschwinden Kinder und verbrennen Frauen.

Es ist heikel, in einem von Religiosität bestimmten Land eine Grenze zwischen Glaube und Aberglaube zu ziehen, denn viele Praktiken und Rituale, denen sich leicht der Stempel »Aberglaube« aufdrücken ließe, gehören in Indien zum Alltag und schaden niemandem. So wird zum Beispiel jede Hinduhochzeit unter Berücksichtigung der Sternenkonstellation geschlossen. Geldspenden, um die Götter für ein besseres Leben oder männlichen Nachwuchs zu »bestechen«, sind Normalität. Auf den Straßen sitzen Handleser und Wahrsager, und viele Inder huldigen unzähligen Göttern mit Gebeten und Opfergaben.

Indien eilte lange Zeit der Ruf voraus, ein Land zu sein, in dem magere Fakire auf Seilen in die Luft klettern und im Himalaya levitieren. Diese Sehnsucht nach dem Unerklärlichen, nach einer Welt voll Wunder und Magie, zieht viele Menschen in das Land. Eine jeder Illusion beraubte Welt, die nur den Gesetzen der Wissenschaft folgt, ist nüchtern und kühl. Beweist die Wissenschaft dann, was Rationalisten lange verlacht haben und andere Kulturen seit Jahrtausenden praktizieren, dann besteht plötzlich die Bereitschaft, Erkenntnisse anzunehmen.

So z. B. bei der Meditation, die lange Zeit als Spinnerei für Eso-Freaks verlacht wurde. Als die Hirnforschung dann Beweise für die Zunahme der Hirnplastizität bei regelmäßiger Meditation lieferte, meditierten plötzlich ganze Management-Abteilungen und unzählige Führungskräfte – allerdings, eingebettet in unsere Kultur, eben nur der Selbstoptimierung wegen.

Davon mal ganz abgesehen: Das Leben in Indien ist für viele nicht einfach – und so braucht das oft harte Schicksal vieler Inder als Ausgleich eine Trost spendende Welt, bunt gefüllt mit Göttern, Ritualen und Mythen, wie Ganesh die Milch.

Harte Fakten (oder auch nicht)

Wir schreiben das Jahr 2008. Als ein Priester im täglichen Morgenritual dem rüsseligen Gott Ganesh spielerisch einen Löffel Milch hinhält und dieser Löffel sich lehrt, löst er damit einen Riesenwirbel aus. Als das Phänomen die Runde macht, trinkt Ganesh plötzlich im ganzen Land. Telefondrähte laufen heiß, die Börse bricht ein, der Verkehr in Delhi zusammen. Alleine dort machen sich sechs Millionen Menschen mit Milch bewaffnet auf den Weg, um dabei zu sein, wenn der Gott Milch trinkt. In ganz Indien sind schätzungsweise 50 Millionen Menschen unterwegs, die alle gesehen haben wollen, wie Ganesh, aber auch Shiva, Parvati und Lakshmi, Milch trinken. Ob in Großbritannien, Hongkong oder Kanada – auf der ganzen Welt stehen euphorische Hindus vor den Tempeln Schlange. Endlich kommt Ganesh auf die Erde, um die Probleme zu lösen, sagen sie, und dass heute ein Erlöser mit Elefantenkopf im Punjab geboren worden ist.

Sunil Edamaruku von der Indian Rationalist Association vermutet eine gezielt gesteuerte Massenhysterie, um vom Prozess gegen den halbseidenen Heiligen Chandraswami abzulenken, dem einflussreichen Ex-Guru des Sultans von Brunai und Liz Taylor. Andere sehen darin eine gesteuerte Aktion einer radikalen Hinduorganisation, um ihren Einfluss zu stärken.

Ein Jahr nach dem Wunder kommt vom indischen Institut für Wissenschaft, Technologie und Entwicklung endlich eine Erklärung. Durch eine Kombination aus Oberflächenspannung und Siphonwirkung sei die Milch aufgesaugt und am Körper der Statue herabgeleitet worden.

Kann es sein, dass Millionen Inder von einem physikalischen Phänomen in die Irre geleitet wurden und die herabfließende Milch einfach übersehen haben? Lassen Sie mich die Karten befragen ...

2 – In Indien ist man mit dem Wunsch, alleine zu sein, ziemlich alleine

»Hello, hello, hello.« Pause. »Hello, hello.«

Entnervt drehe ich um. Ich will in diesem Land nur einmal meine Ruhe haben. Hier oben auf der Bergspitze dachte ich, sie gefunden zu haben.

Aber so einfach ist das in Indien nicht. Selbst wenn Sie sich in Einsamkeit wähnen, irgendwo hinter dem nächsten Stein wird plötzlich ein Inder hervorspringen und loslegen: »Hello.«

Ihnen wird nichts anderes übrigbleiben: »Hello.«

Inder: »What is your country?«

Sie: »Germany.«

Er: »What is your name?«

Sie: »Harald.« (oder so)

Inder: »What is your örk?«

Sie: »What? Ah ... work. Engineer.« (oder so)

Inder: »Where is your wife?«

Sie: »I am not married.«

Er (betreten): »Alone? Oh. Thank you, good bye, my friend.«

Hinter dem nächsten Busch wird ein weiterer Inder hervorspringen.

Inder: »Hello.«

Sie werden ihn ignorieren, aber seine Blicke im Rücken spüren.

»Hello. Hello. HELLO.«

Sie (entnervt, aber gefasst): »Hello.«

Inder: »What is your name?«

Nicht nur Wiedergeburten, auch Gespräche dieser Art wiederholen sich endlos oft. Häufig gehen sie nicht über das oben beschriebene Maß hinaus, ihnen ist aber eines gemein: Man meint es gut mit Ihnen. Touristen werden gemocht. Man möchte sein Englisch unter Beweis stellen, ist einfach neugierig oder will Mitgefühl zeigen, weil Sie alleine unterwegs sind (für Inder unvorstellbar).

Der Inder hat wenig Scheu dem Fremden gegenüber. Hier ein gemeinsames Foto, dort Hände schütteln, Babys halten und immer wieder die gleichen Fragen beantworten. Manche Touristen tragen ein T-Shirt, mit dem sie hoffen, die Verkaufsgespräche zu reduzieren:

Natürlich geht die Rechnung nicht auf.

Praxistipp

Take it easy. Einen anderen Tipp kann Ihnen keiner geben. Sicherlich mag diese Art der Kontaktaufnahme befremdlich wirken, aber andererseits kommen wir auch aus einer eher distanzierten Kultur. Stellen Sie sich vor, Sie gehen auf die Straße, erblicken einen spanischen Touristen, stürmen auf ihn zu und fragen ihn mit Ihrem Urlaubsspanisch danach aus, wie er heißt und ob er verheiratet ist. Dann machen Sie ein Foto mit ihm – und weil sie sich schon mal so nett unterhalten, könnte er doch eigentlich auch gleich ins Restaurant ihres Cousins zweiten Grades gehen. Oder Ihnen sein T-Shirt schenken.

Der Tourist mag dann etwas unwillig reagieren. In diesem Gedankenspiel ignorieren Sie das aber einfach und fragen so lange weiter, bis Ihnen die Fragen ausgehen.

Keine Frage, so würde sich bei uns vermutlich niemand verhalten und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass einen indische Zwischenmenschlichkeit hin und wieder stresst. Aber erinnern Sie sich in solchen Momenten immer daran, dass es nett und freundlich gemeint ist, und reagieren Sie gelassen.

Alleine zu sein, diesen Wunsch kann in Indien keiner nachvollziehen. Vermutlich, weil ohnehin der Raum dafür fehlt, vor allem in den urbanen Zentren. Enge und übervolle Städte, von denen es allein 34 mit mehr als einer Million Einwohner gibt, stehen fast vor dem Kollaps. Die höchste Bevölkerungsdichte hat Delhi mit 37.346 Menschen pro Quadratkilometer. (In München, Deutschlands dichtest besiedelter Großstadt, sind es gerade mal 4.282 Bewohner.) Die Überbevölkerung ist in Indien plastisch erfahrbar. Raum ist Luxusgut. Oft bewohnen Großfamilien eine kleine Hütte oder ein einzelnes Zimmer. Rückzugsmöglichkeiten und Intimsphäre gibt es unter diesen Bedingungen nicht. Von den 1,3 Milliarden Indern haben die allerwenigsten ein eigenes Zimmer für sich. Im Slum teilen sich im Schnitt sieben Erwachsene und Kinder knapp zehn Quadratmeter. Die Männer schlafen auf Podesten, die Frauen darunter.

Übrigens

Auch auf Indiens Straßen ist schwer was los. Und hier zeigt sich: Kommunikation geht auch nonverbal. Der Straßenverkehr »funktioniert« weniger durch feste Regeln als durch Hupen. Eine Kakophonie von Huptönen aller Art ist in den Städten zu hören. Für den indischen Markt bauen deutsche Autohersteller extra laute Hupen ein, Schwerhörige haben es dort also richtig gut. Schreckhafte und Geräuschempfindliche erleben hingegen die persönliche Soundkulisse des Grauens.

3 – In Indien bleibt ein Gott niemals allein

Was machen Sie eigentlich direkt nach dem Aufstehen an einem typischen Morgen? Sitzen Sie erst einmal bei einer Tasse Kaffee müde am Tisch und lesen die Tageszeitung? Oder hetzen Sie durch die Wohnung, weil Sie nicht aus dem Bett gekommen sind, und holen sich einen Kaffee to go?

In Indien sieht das Spiel ganz anders aus: Hindus zieht es in der Früh zunächst zu ihren Göttern. Wer ein Haus hat, besitzt auch einen Hausaltar. Um die Götter zu erfreuen, verziert man diesen heimischen Altar als Erstes am Morgen mit frischen Blumen, zündet duftende Räucherstäbchen an und betet zu einem oder mehreren Göttern. Auf dem Arbeitsweg wird gerne noch ein Stopp im Tempel eingelegt, um sich priesterlichen Segen abzuholen. Am Ende der Gebete hält der Priester eine brennende Öllampe in die Menge. Ausgestreckte Hände nehmen zunächst symbolisch das Licht auf und streifen es als Segenszeichen über das Gesicht. Opfergaben liegen auf großen grünen Blättern bereit. Kokosnüsse, Blumen, glimmende Räucherstäbchen und natürlich Geld, das die Priester in ihren weißen Hüfttüchern besonders eifrig entgegennehmen.

Jede Stadt hat zahlreiche große und kleine Tempel und Kultstätten, die teilweise nur aus einem orangenen Stein (Symbol für den Affengott Hanuman) oder Schlangen auf Stein gemalt (das Symbol für das göttliche Prinzip Shiva und die Schöpferkraft Shakti) an einen Baum gelehnt bestehen. Hier zeigt sich der Hinduismus basisdemokratisch, denn jeder kann eine Verehrungsstätte anlegen. Einer beginnt und errichtet einen kleinen Schrein, andere legen Bilder oder Räucherstäbchen dazu – und fertig ist ein kleiner Tempel. An keinen Gott zu glauben, ist für fast alle Inder undenkbar. Für sie ist Gottes Ausdruck überall, in jedem Stein, jeder Pflanze und jedem Tier. Im Hinduismus, dem 80 Prozent der Inder angehören, gibt es allerdings nicht nur einen Gott. Es sind vielmehr zwischen 3.000 und 330 Millionen Götter! Wie viele es genau sind, weiß niemand.

Seinen Lieblingsgott kann sich allerdings jeder selbst aussuchen. Einige verehren Hanuman, den starken Affengott, andere den freundlichen Rama, den glücksbringenden elefantenköpfigen Ganesh oder den blauhäutigen Krishna. Auch beliebt sind die schlaue Saraswati, die liebreizende Lakshmi oder die Urmutter Durga. Eine Vielzahl an Sekten und Strömungen machen den Hinduismus unüberschaubar, der streng genommen keine Religion ist, sondern aus philosophischen Strömungen besteht.

Shivaiten etwa verehren den Gott Shiva in Form eines Lingams, eines stark vereinfachten Penis, der steil Richtung Himmel zeigt. Mir kam zu Ohren, dass es Shivaiten gibt, die Atomkraftwerke verehren, weil sie (entfernt) formähnlich sind und Energie produzieren. Diese Lingams (nicht die Atomkraftwerke, was aber in Indien auch nicht weiter verwunderlich wäre) werden mit Milch oder Wasser übergossen und reich mit Blumen geschmückt. Man sieht sie als Verkörperung Shivas – und nicht etwa als ein Abbild seines erigierten Geschlechtsteils. Den viktorianischen Kolonialdamen dürfte beim Anblick der Penisse, die das Land überzogen (und immer noch überziehen), das Blut in den Adern gefroren sein. Übrigens nicht nur beim Anblick der steinernen, sondern auch der echten Lingams, denn ein Teil der Anhänger trägt nichts außer Asche auf dem nackten Leib und einen furchteinflößenden Dreizack, um die Gefolgschaft zum asketischen Gott Shiva zu bezeugen. Die Asche auf dem Körper symbolisiert für sie wahren Reichtum, nämlich den spirituellen Wert. Außerdem erinnert sie an die Vergänglichkeit und die Unbeständigkeit aller Dinge.

Shiva-Lingams gibt es in unterschiedlichen Versionen und Materialien: von bis zu zwölf Meter hohen Lingams aus Eis im Himalaya bis zu kleineren, teils unscheinbaren Steinformen auf Wiesen, in Höhlen oder auch in Tempeln, die um die naturgeformten Steinlingams herum gebaut wurden. Wie unterschiedlich Form und Material auch sein mögen – sie sind immer Gegenstand kultischer Verehrung. Der handgefertigte Lingam steht häufig in einer Yoni, einer meist aus Stein gefertigten Platte, die der Vagina nachempfunden ist. Shiva und Shakti. Das männliche und das weibliche Prinzip, aus dem alles entsteht.

In einer Kultur, die Elefanten- und Affengötter verehrt, sind Feste und Riten folgerichtig bunt, laut und archaisch. Oft ein Anlass, die eigene Misere zu vergessen und ausgelassen zu feiern. Feste gibt es alle naselang, und je nach Region oder Grund wird ganz unterschiedlich gefeiert. Manche Feste ziehen sich über Tage hin, andere sind kurz und knackig. Fast immer jedoch untermalt von schriller Musik durch scheppernde Lautsprecher, Geknalle (indisches toppt polnisches Böllerformat ohne Probleme) und Feuerwerk. Männer tanzen sich zu wilden Trommelwirbeln in Trance, während 15 Meter hohe, mit Blumen geschmückte und bedrohlich wankende Gefährte über die Äcker geschoben werden. Bei Shivaratri bedröhnen sich Mann und Maus mit Bhanglassi (Marihuana Lassi) als Ausdruck der Verehrung Shivas. Wieder ganz anders geht es bei Thaipusam zu. Männer lassen sich Stahlhaken in Brust und Rücken treiben, um mit Blumen, Pfauenfedern und Götterbildern geschmückte Metallgestelle kilometerweit durch die Hitze zu tragen. Manche ziehen rollende Altäre hinter sich her oder Götterstatuen auf Rädern. Als sei das noch nicht Schmerz genug, gibt es für die ganz Harten Nagelsandalen und Spieße durch Zunge und Wangen.

Auch wenn es nur einige Beispiele aus der bunten Welt indischer Feste sind – wie unvergleichlich öde scheint dagegen unser fröhlichstes Fest, der Karneval, mit Menschen, die sich als Bienen, Frösche oder halbseidene Damen verkleiden.

Aber die Inder feiern ihre Gottheiten nicht nur bunt und skurril – sie verbindet gar eine heiße Liebe. Götter auf Aufklebern und Streichholzschachteln, als Bemalungen auf Lkw, Rikschas und Häuserwänden; die Zuneigung zu den Göttern drückt sich sehr bildhaft aus und ist überall präsent. So auch immer gerne beim Nachwuchs: unzählige kleine und große Rams, Durgas und Sitas sind im Land unterwegs, denn Götternamen sind nie out.

Auch indische Unternehmer sind in der Namensgebung oft götteraffin und neigen dabei zu maßloser Übertreibung. Das Hotel Shiva Palace hat mit einem Palast so viel zu tun wie Delhi mit Ruhpolding. Im Restaurant Rama sucht die Besucher nicht die Göttlichkeit, sondern eher »Montezumas Rache« heim. Und was die feine Göttin Lakshmi in der staubigen Zementfabrik Lakshmi Cement Ltd. zu suchen hat, erschließt sich auch nicht direkt. Der Kenner wittert allerdings eine Spur, denn Lakshmi wird durchaus häufig als Namensgeberin bemüht. Sie ist die Glücksgöttin, die für einen fetten Reibach sorgen soll, gleich den Darstellungen, in denen ihr ein endloser Geldregen aus der Hand fließt.

Manchmal gibt es sogar direkte Analogien. Weil Hanuman, der Affengott, für seine Stärke bekannt ist, heißt die Hydraulikpressenfirma folgerichtig Hanuman Machine Corporation.

Praxistipp

Sie sind Hindu, wohnen aber weit weg von den Tempeln Ihrer Lieblingsgottheit und den ihr bevorzugten Opfergaben? Wie gut, dass Ihnen www.onlineprasad.com helfen kann. Hier können Sie Opfergaben für alle möglichen Götter bestellen und dann an Ihrem Hausaltar in Dubai oder Westerland den Göttern darbringen.

Hängt der Haussegen schief, ist der Geldbeutel leer oder warten Sie schon lange auf eine Beförderung? Dann buchen Sie am besten gleich eine Puja mit, die laut Website in einem indischen Tempel von einem Priester durchgeführt wird. Dieses Verehrungsritual kostet bis zu 100 Euro. Als Beweis erhalten Sie einen vom Priester unterzeichneten Bericht, der ihnen die Durchführung der Zeremonie garantieren soll. Danach müssen Sie nur noch abwarten, bis die Puja wirkt.

Wie wäre es z. B. mit der Gaurishankar Puja? Die Top-3-Leistungen:

Räumt Heirat verzögernde Hindernisse aus dem WegGarantiert GeschäftserfolgBringt Harmonie in Beziehungen

oder mit der Hanuman Puja? Die Top-4-Leistungen:

Lässt Ängste und Sorgen verschwindenGarantiert Wohlstand für zukünftige Generationen Bringt beste GesundheitSchützt vor zukünftigem Ärger

Sollte es nicht fruchten, der Geldbeutel leer und die Beförderung oder der Ehemann ausbleiben, dann ist vielleicht eine Alternative, Mitglied bei der Föderation indischer Rationalisten (FIRA) zu werden, einer Organisation zur Förderung des Skeptizismus ...

Übrigens

Im indischen Götterhimmel herrscht Göttergewimmel. Unübersichtlich wurde es dort, weil sich die Götter inkarnieren und dann neue Namen tragen. Shiva etwa hat 108 Namen und Erscheinungsformen wie Nilakantha, Nataraja, Mahadeva oder Pashupati. Als Nataraja führt Shiva einen kosmischen Tanz auf und steht für den ewigen Prozess von Schöpfung, Zerstörung und Wiedererschaffung. Als Nilakantha hat er eine blaue Kehle, weil er das Gift des Urmeeres, alle Sünden und Leiden getrunken und so die Welt gerettet hat. Als Pashupati trägt er ein Tigerfell und ist der Beschützer der Tiere. Und obwohl er mit seiner Gemahlin Parvati und seinem Sohn Ganesh als Sinnbild für die heilige Familie steht, ist er gleichzeitig der Asket, der in tiefer Meditation auf dem Berg Kailash sitzt. Viele Sadhus, indische Mönche, sind Anhänger des Shiva. Ihre langen, in Dreadlocks getragenen Haare sehen sie als Referenz zu Shiva genauso wie das Rauchen von Ganja (Marihuana).

Die Ikonographie stellt den hohen Gott meist mit weißer oder grauer Haut dar. In den Händen hält er einen Dreizack und eine Trommel. Um seinen Hals schlingt sich eine Schlange, aus dem langen schwarzen Haar ragt eine Mondsichel. Manchmal fließt Wasser aus seinem Haar, ein Symbol für die Göttin Ganga, deren Verkörperung auf Erden der Ganges ist. Auf seine Stirn sind drei waagerechte Aschestreifen gemalt, wie man sie auch oft bei seinen Anhängern sieht. Sie können Unterschiedliches symbolisieren, wie etwa die drei Elemente des OM (AUM) oder den ewigen Kreislauf von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung.

Nochmal übrigens

Der rote Stirnpunkt, Bindi, wird traditionell von verheirateten Hindufrauen getragen. Das Wort Bindi stammt vom dem Sanskritwort »Bindu« ab und heißt »Tropfen«. Dieser soll Glück bringen und das Ehepaar schützen.

Heutzutage tragen auch unverheiratete Frauen und muslimische Inderinnen Bindis als Modeaccessoire. Ob aufgemalt oder als ornamentaler Sticker, mit Glitzersteinchen oder schlicht, entscheidend ist, dass er an der Stelle des Dritten Auges angebracht wird. Dieser Punkt gilt als Ajna Chakra, dem Sitz von Intuition und Weisheit. In Nordindien reiben sich Ehefrauen alternativ zinnoberrotes Pulver in den Scheitel über dem Haaransatz.

Haben Männer und Kinder einen Punkt oder ein Mal auf der Stirn, zeugt es vom Tempelbesuch, bei dem ein Priester es ihnen aus einer Kurkumamischung oder aus Sandelholzpaste auf die Stirn gemalt hat.

4 – Inder mögen Schmalz lieber aufs Auge als aufs Brot

Radhas Stirn ist in tiefe Falten gelegt. Dicke Tränen kullern ihr über die Wangen, als sie verzweifelt zu Ganesh betet. Wo ist nur Sudhir? Hat Karim, dessen Liebe sie verschmähte, ihm etwas angetan? Laut schluchzend schnieft sie ins weiße Stofftaschentuch, das Sudhir ihr gab, um sich den Regen von der Haut zu tupfen. Wie im Märchen war es doch mit ihnen gewesen, als sie sich im strömenden Regen an der Bushaltstelle trafen und, plötzlich in die Alpen katapultiert, über Schweizer Almen tollten und sich im Engtanz wiederfanden. Und wo nur ist Sudhir jetzt?

Da klopft es sacht am Fenster – es ist Sudhir, der sogleich ein romantisches Lied anstimmt. Radha läuft eilig hinaus und trifft auf gleich 50 Tänzerinnen, die sich drehen und schütteln, was zu schütteln ist. Alle tanzen und singen, Radha, Sudhir und die indischen Beauties. Schöner kann es eigentlich nicht mehr werden (wird es aber doch, denn der Film geht noch über zwei Stunden). Ihnen wird übel bei so viel Schmalz? Nicht doch ... das ist eben Bollywood.

Und Bollywood weiß, was die Inder wünschen, daher sind sich die Filme in der Machart oft sehr ähnlich. Es geht um die große Liebe, auf deren Weg zur Erfüllung die Protagonisten einige Hindernisse erwarten – in Form von ungleicher Kastenzugehörigkeit, bösem Nebenbuhler oder sonstigen Widrigkeiten. Der holprige Weg zur Zweisamkeit ist gesäumt von allerlei Tanz- und Gesangseinlagen. Am Ende ist Friede, Freude, Eierkuchen oder Hochzeit angesagt. Sollten Sie so lange durchgehalten haben, dürften Sie vermutlich ziemlich erledigt sein, denn das bunte Spektakel eines Bollywoodfilms, in dem sämtliche Genres verwurstet werden, dauert nicht selten drei Stunden. Das sind zwei Rosamunde-Pilcher-Filme, wobei Bollywood dann doch wesentlich mehr Unterhaltungswert liefert. Wie ich finde.

Da Filmkultur auch immer ein Spiegel der Gesellschaft ist, liefern die Helden des Bollywoodfilms durchaus Aufschlussreiches zutage. Doch aus welchem Muster sind Held und Heldin gestrickt?

Der Held ist ein ganz ein Lieber. Ein Mann, der weint, der liebt und lacht. Sein Glück hängt stark vom Befinden seiner Mutter ab. Er ist päpstlicher als der Papst. Einer, der das Gute verkörpert und gegen das Böse kämpft. Männlich wirkt er, wenn er mit seiner schwarzen Lederjacke auf dem Motorrad sitzt oder mindestens eine Tanzeinlage im Lederoutfit absolviert. Ach ja, nebenbei ist er gut im Nahkampf und kann Horden Krimineller im Alleingang besiegen. Im Vergleich zu raubeinigen Hollywoodhelden ist der indische Held also so etwas wie ein verweichlichter Barde mit Kampfqualitäten. Und wen umwirbt er?

Einige Jahrzehnte hatte es nur die treusorgende, ehrbare und leidensfähige Frau mit dem goldenen Herzen verdient, am Ende glücklich zu sein, so die Botschaft. In den letzten Jahrzehnten hat sich das allerdings verändert. Nicht, dass die Heldin eine Femme fatale oder allzu unabhängig sein darf, aber sie hat einen Wandel erlebt. Neben den traditionellen Verkörperungen gibt es jetzt auch modernere Darstellungen von Frauen. Manchmal finden gar gesellschaftliche Themen wie die Frauenbewegung oder das Hinterfragen alter hierarchischer Strukturen ihren Weg ins Drehbuch.

Neben den typischen Bollywoodfilmen gibt es eine Szene des alternativen Films. International Beachtung fand die Trilogie Fire (1996), Earth (1998) und Water (2005) von Deepa Metha. Die nach Kanada emigrierte Regisseurin bildet Tabuthemen ab wie das gesellschaftlich ausgrenzende Leben der Witwen in den 1930er-Jahren oder lesbische Liebe. Mira Nair ist eine weitere erfolgreiche Regisseurin, die Indien verließ und nun zwischen New York und Kampala (Uganda) pendelt. Ihr erfolgreichster Film Salaam Bombay!