Vergoogelt! - Julia K. Stein - ebook

Vergoogelt! ebook

Julia K. Stein

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Opis

Lena könnte nicht glücklicher sein. Sie ist mit ihrem Traummann zusammen und betreibt einen beliebten Blog. Doch wie viel Facebook, Twitter und Selfies verträgt eine Beziehung? Und warum verwirrt sie der attraktive Blogger David mehr als sie zugeben will? Als eine alte Rivalin und die viel zu junge Freundin ihres Vaters auf der Bildfläche erscheinen, gerät alles in Gefahr, was Lena sich hart erkämpft hat. Muss Lena sich zwischen Liebe und Karriere (und Smartphone!) entscheiden?

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Julia K. Stein

Vergoogelt!

Roman

Impressum

Ausgewählt durch Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Lektorat: Sven Lang

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © aleksander1 – Fotolia.com

und © eringii – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4714-3

Bin ich internetsüchtig? Der ultimative Test!

1. Wenn der Computer kaputt ist, …

a) nehme ich eben den Ersatzcomputer, kein Problem.

b) AHHH! UUUUHHUAAAA. BOOM. BOOM.

c) Wurscht, ich gehe an die frische Luft und mache einen Spaziergang.

2. Im Restaurant

a) Ich kann gerade nicht, ich muss meinen Blaubeer-Pfannkuchen fotografieren.

b) Ich bestelle den Quinoa-Salat, den ich gerade auf Instagram gesehen habe.

c) Was war jetzt noch mal Instagram?

3. Die besten Freunde, die ich habe, …

a) sind no_microrwave12 und pustekuchenxx. Keine Ahnung, ob sie männlich oder weiblich sind. Wir abonnieren die gleichen Channel! Wir sind seelenverwandt.

b) erkennt man daran, dass sie ein @-Zeichen vor dem Namen haben.

c) beschweren sich, dass ich nie auf ihre E-Mails antworte.

4. Vor dir passiert ein Autounfall

a) Ich drehe schnell einen Film mit der Handycam.

b) Ich nutze die Zeit, in der ich nicht weiterfahren kann, um nachzusehen, ob jemand neue Kommentare auf meiner Seite hinterlassen hat.

c) Mist. Stau. Und im Radio läuft gerade nix.

5. Wenn sich ein wunderschöner Mann unbekleidet in deinem riesigen Hotelbett räkelt, möchtest du …

a)gefällt mir klicken.

b) einen Blogeintrag zum Thema Boxspring-Betten schreiben.

c) dass er endlich aufwacht. Ich geh mal schnell rüber.

6. Wenn ich auf eine Party komme, …

a) sende ich 20 Leuten , XOXO und .

b) muss ich erst mal mein Phone checken, wer gerade von Tinder da ist.

c) Wo ist denn diese Party? Ich habe mal wieder nichts mitgekriegt!

7. Ich bin auch online …

a) während der Toilettenpause.

b) während ich Bachelor sehe, um Kommentare zu twittern.

c) Während der Toilettenpause? Das ist ja ekelhaft!

8. Du bist in einer Bar, dein Gesprächspartner holt einen Drink. Wie lange dauert es, bis du neue E-Mails im Smartphone checkst?

a) Zwei Sekunden.

b) Ich googele ihn nur kurz, bevor er zurückkommt.

c) Wo gibt es diese Funktion auf meinem Nokia 7650?

9. Wie oft bist du jeden Tag auf Facebook?

a) Nur morgens und abends. Und dazwischen.

b) Ich habe 499 Freunde, alle lieben mich.

c) Ein Buch mit Gesichtern? Nennt sich das nicht Fotoalbum?

10. In der Nacht

a) Warum lese ich gerade auf Wikipedia über Quantenelektronik?

b) Ich träume von Sternen, die auf einer Leiste sind. Ich vergebe 5.

c) Nachts schlafe ich.

Bonusfrage: Dein Handy lässt du beim Zubettgehen

a) zur Vorsicht an. Es liegt aber unter dem Kopfkissen, wegen der Strahlung.

b) aus oder im Flugmodus wegen der Strahlung.

Und jetzt die Auflösung!

Du bekommst jeweils

2 Punkte für Antwort a).

1 Punkt für Antwort b).

0 Punkte für Antwort c).

Bonusfrage: 10 Punkte zusätzlich für Antwort a).

Wenn du 21 bis 30 Punkte erreicht hast: Du bist offiziell internetsüchtig. Es gibt auch nette Menschen im wirklichen Leben, geh doch mal raus! Wem das zu unheimlich ist: Besuche unser Online-Forum, dort gibt’s heute virtuelle Cocktails und Lachsschnittchen – alles auf Bildern in hoher Auflösung.

Wenn du 11 bis 20 Punkte erreicht hast: Du liebst deinen Computer. Und dein Telefon. Aber das ist schon in Ordnung. Halte dich am besten von Menschen mit mehr als 20 Punkten fern.

10 Punkte oder weniger: Du bist definitiv nicht internetsüchtig. Wer bist du und woher kommst du? Bisschen unheimlich ist das schon. Du solltest ein wenig mehr googeln, um nicht ganz den Anschluss an die Realität zu verlieren.

Willkommen auf Lenas Blog

Hallo zusammen!

Gerade habe ich bei diesem Test zu Internetsucht 36 Punkte erreicht, obwohl die Höchstpunktezahl 30 ist. Ich hoffe, das bedeutet nur, dass ich mich verzählt habe und nicht, dass bei mir jede Hilfe zu spät kommt. Ich habe lange nur beruflich über Marketing gebloggt, nun starte ich wieder einen kleinen persönlichen Blog: Einige Dinge müssen einfach raus. Allerdings benutze ich teilweise geänderte Namen, damit niemand der betroffenen Personen durch das zufällige Googeln des eigenen Namens auf den Blog stoßen kann. Denn wenn auch die meisten Menschen es abstreiten: Fast jeder googelt sich selbst. Zudem googeln sie auch alle anderen Personen, die sie kennenlernen, sobald diese außer Sichtweite sind, weil sie zum Beispiel kurz zur Toilette gegangen sind. Es würde zu vielen Komplikationen führen, wenn die Betroffenen diesen Blog finden, wie ich aus Erfahrung weiß. Es klingt verrückt, aber manchmal kann man seine tiefsten Geheimnisse leichter wildfremden Leuten anvertrauen als Menschen, die einem nahestehen. Man kann seinen Freunden im Internet alles mitteilen, ohne dass das reale Leben belastet wird. Falls dieser Blog jemals ein Buch werden sollte, wird es selbstverständlich unter falschem Namen erscheinen. Im Moment schwebt mir Julia vor, so hieß mein Girl-Crush im Kindergarten. Julia hatte dunkle Haare, die bis zu ihrem kleinen Popo reichten. Sie trug rote Lackschuhe und hatte Ohrlöcher, in denen gefälschte Diamanten steckten, was mir beides verboten war, da dies laut meiner Mutter ordinär sei. Ich trug unförmige Kickers mit Fußbett.

3. September, 7:42 Uhr

Freunde auf Facebook: 412. Twitter Followers: 6.300. Instagram: 14.012. YouTube-Abonnenten: 12.986

Eine warme Herbstsonne strahlt wohlig durchs Fenster und neben mir liegt ein perfekt geformter, wenn auch etwas blasser, männlicher Arm auf der Bettdecke. Unbeweglich zwar, aber glücklicherweise nicht tot, was weniger schön wäre, sondern warm, weil noch ein ganzer Männerkörper dranhängt. Einen Kopf gibt es natürlich auch. Momentan sieht man allerdings nur den Hinterkopf mit dunkelblonden Haaren, das Gesicht ist zur Hälfte durch ein Kissen verdeckt. Ein Mann im Tiefschlaf hat eine wundervoll beruhigende Ausstrahlung. Insbesondere wenn er nur teilweise durch eine Bettdecke verhüllt wird und eine wohlige Hitze abstrahlt, an der man sich aufwärmen kann. Ich kann mir absolut vorstellen, dass man länger lebt, wenn man einen Partner hat, wie diese wissenschaftlichen Studien immer wieder bestätigen. Wobei ein freundlicher Cavalier King Charles Spaniel mit flauschigen Schlappohren im Bett wahrscheinlich einen ähnlichen Effekt hätte und sogar noch blutdrucksenkend wirkt (ich lese viele Studien im Internet). Ich wäre auch mit einem verregneten Wochenende zufrieden gewesen, dann hätte man gar nicht rausgemusst, um die Umgebung des Hotels zu erkunden und Sportangebote auszuprobieren. Wir hätten mit gutem Gewissen den ganzen Tag im Bett verbringen können. Ich habe gerade eine Anfrage für ein Interview erhalten und eine weitere, ob ich bei einem Seminar mitwirken möchte. Die beste Entscheidung des letzen Jahres war, meinen privaten Blog aufzugeben und einen echten Marketing-Blog anzufangen, um andere an meinen Erfahrungen über das Bloggen teilhaben zu lassen, alle Tipps und Tricks. Moment, werdet ihr euch fragen, und was ist das hier? Dies ist doch definitiv kein Marketing-Blog? Es ist so: Diese ganzen privaten Dinge, die man einfach loswerdenmuss, habe ich eine Weile einfach in ein Tagebuch geschrieben, beziehungsweise, da die Fingermuskeln, die ich für das Schreiben mit Stift benötige, verkümmert sind, in eine unauffällige Computerdatei mit dem Namen: Abrechnungen 2012. Eine Datei mit uralten Rechnungen will niemand öffnen. Aber dann habe ich so viele Rückmeldungen zu meinem Marketing-Blog bekommen und viele Leser sind so dankbar, dass ich alles teile, dass ich mich entschlossen habe, ganz leise wieder online zu gehen und auch meine sonstigen Erfahrungen zu teilen. Hier auf meinem persönlichen Blog aber ohne Kommentare, das mache ich auf meinem Marketing-Blog, sondern einfach so. Ich habe es niemandem im Offline-Leben erzählt, auch nicht meiner besten Freundin Charlotte, um mir Leser wie Françoise (Björns Exfreundin) zu ersparen, die mit dem Wissen aus meinem Blog in der Vergangenheit mit großer Freude mein Leben zur Hölle gemacht hat. Gleichzeitig profitiere ich durch den Blog von der reinigenden Wirkung, die laut verschiedener Gurus das Schreiben für das eigene Leben haben soll. Wobei ich eine Sache gelernt habe, seit ich mit Björn zusammen bin: Ich könnte mein Tagebuch überall herumliegen lassen. Er würde es nicht lesen. Er hat letztes Jahr, obwohl er den Zugang zu meinem alten, privaten Blog hatte, nur einen Bruchteil der Seiten gelesen. Er meinte, wenn er etwas wissen wolle, würde er mich fragen. Diese Feststellung hat mich völlig verblüfft. Wahrscheinlich nimmt man sich zu wichtig, wenn man glaubt, dass jemanden das eigene Tagebuch interessiert. Schließlich bin ich nicht Virginia Woolf oder Goethe oder Ryan Gosling. Ich bin aber ein wenig enttäuscht, wie wenig ihn interessiert, was mein Innerstes bewegt, wenn es nicht in eine für Männer verständliche, also eindimensionale Sprache gebracht ist. Er war allerdings erstaunt, wie viele Gedanken ich gleichzeitig beziehungsweise übereinander in meinem Kopf balanciere. Aber ich möchte ihm keine Ignoranz vorwerfen, schließlich sind alle Männer so und ich liebe ihn natürlich.

Ich konnte gerade nicht mehr schlafen, weil ich meine Statistiken checken wollte. Das mache ich morgens als Erstes, aber immerhin stehe ich nachts nicht mehrmals auf, wie Chocolategirl mir das bei unserem letzten Chat gestanden hat. Außerdem habe ich Björn versprechen müssen, am Wochenende das Internet nur für das Allernötigste zu nutzen. Daran halte ich mich natürlich, aber Statistiken checken ist ja nicht wahlloses Zeug googeln, wie zum Beispiel, wie teuer die Weinflasche von gestern wäre, wenn man sie nicht im Luxushotel, sondern im Internet bestellt hätte. Das mache ich jetzt nicht. Ich will Björn natürlich auf keinen Fall enttäuschen. Vor allem nicht, nachdem es so wahnsinnig mühselig war, ihn für mich zu gewinnen. Aber ich blogge ja nicht mehr zum Spaß, dies ist schließlich ein Job, mit dem ich Geld verdiene.

7:59 Uhr

Ah, jetzt bewegt er seinen Fuß! Ich bin in so einem Moment immer versucht, sofort ›gefällt mir‹ zu klicken und ›Daumen hoch‹ zu vergeben. Oder ein Foto zu machen und auf Instagram zu posten. Oder einen Blogeintrag zu schreiben wie diesen hier. Vielleicht bin ich doch zu viel im Internet. Björn hat sehr viele Vorteile, eben auch zum Beispiel sehr schöne Füße. Seine Füße sind wesentlich zarter als meine, weil er nie Billig-Schuhe mit hohen Absätzen getragen hat und entsprechende Hornhaut ausbilden musste. Außerdem sind sie nicht von Fußpilz befallen, wofür Männerfüße ja besonders anfällig zu sein scheinen. Und jetzt mal ehrlich: Von welchen Männerfüßen kann man behaupten, dass sie schön sind? Na? Genau.

8:12 Uhr

»Das ist jetzt nicht dein Ernst.«

Ich ließ mein iPhone schnell hinter meinem Rücken verschwinden und aufs Bett gleiten.

»Was jetzt?«

»Dass du sogar im Bett im Internet rumdaddelst. Das Bett ist laut unserer Abmachung bildschirmfreie Zone!« Björn richtete sich auf und schob ein Kissen hinter seinen Rücken. Er winkelte ein Bein an, das andere war lang ausgestreckt. Seine Arme verschränkte er hinter dem Kopf, was seine Schultern noch breiter wirken ließ. Es störte ihn überhaupt nicht, dass er nichts anhatte. Er bemühte sich auch nicht, irgendetwas zu verstecken. Muss er auch nicht, aber wenn ich nichts anhabe, liege ich nie selbstbewusst ohne Decke im hellen Tageslicht, ohne mir Gedanken zu machen, wie ich wirke. Ich denke immer daran, wie ich aussehe und ob ich vielleicht doch lieber den Bauch einziehen, den Oberschenkel anspannen, den Oberarm leicht vom Körper abstehen lassen (dann wirkt er schmaler) oder zumindest den Pickel abdecken soll.

Ich zog mein Handy hervor. »Das ist ein Telefon.«

Es stimmte. Ich hatte gerade versucht, Karsten, meinem Exfreund, eine SMS zu schicken.

»Ein Telefon hat auch einen Bildschirm. Du machst mich fertig.«

Björn ist noch nicht so richtig in diesem Jahrhundert angekommen. Jeder benutzt schließlich ein Smartphone. Die meisten Leute, die ich kenne, sitzen den ganzen Tag vor dem Bildschirm, um die Welt überhaupt am Laufen zu halten, und ich reduziere mich dieses Wochenende auf ein Minimum. Aber ich hatte keine Lust auf eine Diskussion, während Björn neben mir lag. Außerdem war er gerade kurz aufgestanden und hatte sich die Zähne geputzt, was wahrscheinlich ein Zeichen sein sollte. Sein Atem roch einladend nach Pfefferminze. Also lehnte ich mich nach vorn und legte mich so hin, dass mein Dekolleté vorteilhaft zur Geltung kam. Es klappte.

9:12 Uhr

Es ist einfach unfassbar, dass ich seit fast einem Jahr einen Freund habe. Eine funktionierende Beziehung und nicht eine aus Verzweiflung mit einem Typen, der nur durch ständige Selbst-Suggestion mit zusammengekniffenen Augen und leichtem Schwips zu ertragen ist, sondern mit jemandem, den ich wirklich großartig finde. Jemandem, der sich sogar meinetwegen dauerhaft eine Wohnung in München genommen hat – also auch wegen Grace natürlich, dem Magazin, das er durch eine neue Verlagsstrategie retten soll. Wir sind das Ganze sehr erwachsen angegangen und nicht direkt zusammengezogen. Wir schlafen zwar meist in seiner Wohnung, aber ich habe noch meine eigene und bin unabhängig. Ich finde das wichtig. Man muss auch seinen eigenen Bereich haben. Vor allem haben wir ja beide schon vorher mit unseren Beziehungen zusammengewohnt und man weiß ja, wie das geendet ist. Außerdem hat er mich noch nicht gefragt. Warum eigentlich nicht?

Wir werden auch nicht die gleichen Fehler machen wie beim ersten Mal. Zum Beispiel waren die Eltern der Exfreundin und seine Eltern ganz dicke Freunde. Und deshalb war seine Mutter natürlich doppelt gegen die Trennung, weil sie schon jede Menge Sektchen auf das süße Paar mit den piekfeinen französischen Schwiegereltern gesüffelt hatten. Und sich mit ihnen immer mit Küsschen, Küsschen begrüßt hatten. Oder sogar mit Küsschen, Küsschen, Küsschen. Die Pariser hören ja gar nicht mehr auf mit den Küsschen, wenn sie einmal in Fahrt gekommen sind. Die Familie von Françoise war das ideale französische Gegenstück zu Björns alteingesessener Hamburger Familie mit Medienimperium aus Blankenese. Angesiedelt im sechsten Arrondissement in Paris mit Wochenend-Landsitz in der Nähe von Vaux-le-Vicomte, statt einem Haus auf Sylt und kleinen Kusinen, die ausschließlich Dunkelblau trugen. Woher ich über dieses Wissen verfüge? Ein paar Infos habe ich – ganz beiläufig – aus Björn herausgekitzelt. Na ja, und dann kann man ja mit Google Earth ziemlich viel Fernspionage betreiben. Dann habe ich noch google.fr durchstöbert und die entsprechenden Seiten in Google-Übersetzer eingespeist – das funktioniert ziemlich gut. Durch das Shoppen von Chanel-Accessoires auf ebay.fr (dort sind Produkte von Chanel viel billiger als bei Ebay-Deutschland) bin ich schließlich schon gut trainiert. Gleich kommt Björn aus dem Bad, muss aufhören. Ich drapiere noch mal kurz verführerisch das Laken. Schließlich ist das der Sinn eines romantischen Wochenendes und dann kommt Björn nicht so schnell auf die Idee, einen anstrengenden Ausflug vorzuschlagen.

9:55 Uhr

Als wir gerade noch kurz umschlungen im Bett lagen und verträumt an die Decke starrten in perfekter Ruhe und Zufriedenheit, klingelte Björns Telefon. Er blickte aufs Display und nahm ohne zu zögern ab. Das tut er nur selten. Die bildschirmfreie Zone erwähnte ich netterweise nicht.

»Hallo, Mama«, sagte Björn. Ich zuckte zusammen. Irgendwie war es komisch, dass er Mama sagte. Es war immerhin weniger komisch als Mutti – so nennt Karsten seine Mutter. Es ist albern, aber bei dem Wort läuft mir ein Schauer über den Rücken. Meistens nennt Björn seine Mutter allerdings beim Vornamen, was genauso merkwürdig ist.

»Ja, wir sind in Elmau.« Björn spielte geistesabwesend mit einer langen Haarsträhne von mir, drapierte sie um meinen Hals und streichelte meinen Nacken.

»Genau … ja, der Karl. Als er in den See gesprungen ist … Ja, es ist immer noch traumhaft. Zum Ferchensee gehen wir bestimmt auch noch.« Er hörte auf, mich zu streicheln.

Ich horchte auf und wandte ihm meinen Blick zu, der durchbohrend wirken sollte. Er schien ihn allerdings nicht wahrzunehmen. Seine Augen streiften über mich hinweg, weil er in Gedanken bei dem Telefonat war. Es folgte eine lange Stille, in der er zuhörte. Die Stille zog sich. Björns Mutter sprach viel. Björns und mein Blick trafen sich, er lächelte, als würde ich auch lächeln, statt ihn zu durchbohren. Ich versuchte noch stärker zu bohren. Er war sich dessen nicht bewusst, aber hier fand gerade ein unsichtbarer Kampf zwischen mir und seiner Mutter statt.

»Gut, Solveig, wir sehen uns ja am Geburtstag von Oma Emmi.« Endlich legte er auf.

Er lächelte immer noch, legte seine Hand auf meinen Bauch und ließ sich auf das Bett zurückfallen, ohne mich anzusehen. Er streichelt am liebsten meinen Bauch, obwohl sich dort die Frühstücks-Croissants absetzen oder vielleicht genau deshalb. Ich zog jedenfalls wie immer unwillkürlich leicht den Bauch ein und bin mir nicht sicher, ob Björn das eigentlich merkt oder tatsächlich denkt, der Bauch sei eine Konfektionsgröße kleiner als in Wirklichkeit. Ich wünschte, er würde mehr meine Rippen oder Handgelenke streicheln, dort setzt sich nie Fett an.

»Mütter«, sagte er und seufzte. Ich sagte nichts, sondern starrte weiter zu ihm hin. Solche Blicke muss man einfach spüren, auch wenn man in eine andere Richtung schaut. Er fuhr weiter mit seinen Fingern über meinen Bauch.

Endlich blickte er zu mir. »Ist was?«

Ich räusperte mich. »Du warst schon einmal in Elmau?«

Björn wich meinem Blick nicht aus. Seine Augen wirken auch ohne Anstrengung durchdringend, weil seine braun-grünen Augen von schwarzen Wimpern umrahmt sind, die zudem länger sind als meine, obwohl er weder Wimperntusche, noch Wimpernwachstumsmittel benutzt und ansonsten dunkelblonde Haare hat. Wenn er mich fixiert, fühle ich mich immer direkt durchschaut. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem ganz leicht mitleidigen Ausdruck. »Ach, Lena, ja, war ich. Mit meiner Familie.«

Ich blickte ihn weiter unablässig an.

»Nein, Françoise war nicht dabei«, sagte er und wandte den Blick demonstrativ in Richtung Zimmerdecke. Das kam etwas genervter raus.

»Das meinte ich doch gar nicht«, sagte ich empört.

»Natürlich meintest du das«, erwiderte Björn.

Er hatte recht. Er kannte mich. Warum konnte ich diese bescheuerte Eifersucht eigentlich nicht abstellen?

»Meine Güte, Lena, kannst du mir nicht mal glauben, dass ich gar nicht mehr an Françoise denke? Nur du denkst an Françoise.« Er hatte schon wieder recht. Ich konnte sie leider noch nicht vergessen. Sie hatte so deutliche Spuren in Björns Leben hinterlassen, die in diesem einen läppischen Jahr, wo wir noch nicht einmal zusammengewohnt und sogar sehr viel Zeit in unterschiedlichen Städten verbracht hatten, nicht ausgetilgt waren. Trotzdem wollte ich nicht als eifersüchtige Schnepfe dastehen. »Ich denke auch nicht an Françoise. Es ist was anderes.«

»Was anderes?« Björn schob seine Unterlippe in einer Imitation – einer schlechten Imitation – meiner Schmolllippe nach vorn und lächelte mich amüsiert an. Dabei zog er mich zu sich ins Bett und umfasste meinen Brustkorb von hinten. Ich schüttelte ihn ab und richtete mich auf.

»Es stört mich, dass ich deine Eltern immer noch nicht kenne und so wenig über dein Zuhause weiß.« Das war mir einfach in den Sinn gekommen. Schließlich brauchte ich einen Grund, der nicht Françoise war. Ich hatte gar nicht gewusst, dass ich das sagen würde, als ich zum Widerspruch ansetzte.

Björn fixierte abwechselnd meine Augen, als wollte er herausfinden, wie ernst es mir war. »Wir hatten doch gesagt, wir wollten unsere Familien nicht so schnell da reinziehen. Das war dein Wunsch.« Er begann wieder, langsam über meinen Arm zu streichen, und wie immer liefen kleine elektrische Wellen durch meinen Körper, als er das tat. Sie strömten durch meine Arme nach oben und breiteten sich von da abwärts durch den ganzen Körper aus, bis er zu summen schien. War das nach zehn Jahren Ehe eigentlich auch noch so oder stumpfte man ab? Vielleicht sollte ich mich einfach nach hinten fallen lassen und das Gespräch vergessen. Sein Tonfall war nüchtern, aber warm. Ohne jede Dramatik. So war Björn immer. Auch wenn es um aufwühlende Themen ging, behielt er die Ruhe und betrachtete alles sachlich. Jedes Drama wurde im Keim erstickt. Und ich bin wirklich keine Drama-Queen wie meine beste Freundin Charlotte zum Beispiel, aber Björn bleibt manchmal auch nüchtern, wenn man sich eine Gefühlsregung erhoffen würde. Typisch nordischer Typ eben.

»Ja, schon«, sagte ich. Jetzt hatte ich einmal damit angefangen und konnte nicht so schnell davon lassen. »Aber es ist ja nicht mehr sooo frisch. Ich kann dir natürlich nicht so eine Eins-a-Upperclass-Familie bieten.«

Es war verrückt. Ohne, dass ich es wollte, hatte ich jetzt mit diesem Thema angefangen.

»Du denkst dir manchmal so einen Quatsch aus.« Er strich mir über den Kopf. Dann schob er meine Haare von den Schultern in den Nacken und ließ seine Hand auf meinem Hals liegen. »Wandern oder Radfahren?«, fragte Björn.

Ich schwankte einen Moment zwischen Beleidigt-Sein, dass er meine Bedenken nicht ernst nahm, und Erleichtert-Sein, dass er meine Bedenken nicht ernst nahm.

»Radfahren? Man kommt mit gleichem Kraftaufwand ein bisschen weiter«, schlug ich vor. Was ich nicht sagte, war, dass ich gelesen hatte, dass Elmau auch Elektroräder vermietet. Ich kann vielleicht angeben, dass die anderen alle ausgebucht sind? Björns Tempo bei Fahrradtouren ist verbrecherisch. Und da rundherum Berge sind, die man höchstwahrscheinlich hochfahren muss, ist ein frühes Ende des Ausflugs sonst vorprogrammiert.

»Vielleicht keine schlechte Idee«, er blickte kurz demonstrativ auf seine Armbanduhr, während seine rechte Hand noch an meinem Hals verblieb. »Wenn man bedenkt, wie hoch dein Puls schon ist, obwohl du nur still im Bett sitzt.« Er grinste.

»Du machst mich verrückt«, rief ich und schob seine Hand von meiner Halsschlagader.

»Oh, danke. Ich habe auch den Eindruck …« Er lehnte sich nach vorn und küsste mich auf die gleiche Stelle am Hals.

»Du bist sooo eingebildet.« Ich schlug mit einem Kissen nach ihm.

»Was soll ich sagen – die Zahlen sprechen für sich.« Er tippte auf seine Armbanduhr. »Aber irgendwann sollten wir vielleicht trotzdem dieses Bett verlassen. Sonst verpassen wir die traumhafte Sonne.«

»Ich kümmere mich schon mal um die Räder«, brummte ich. Ich erhob mich und suchte nach der Mappe mit den Telefonnummern. Es half nichts, am besten den sportlichen Teil des Tages schnell hinter mich bringen.

Wenige Minuten später stand Björn im glatt gebügelten Hemd vor mir. »Ich gehe kurz vor und frage nach einer Zeitung, okay?«, sagte er.

Nicht nur, dass Björn nie länger als 20 Minuten braucht, um einen Koffer zu packen, egal ob für einen zweitägigen oder einen zweiwöchigen Aufenthalt, benötige ich immer ewig und habe nie das Richtige dabei, von glatt gebügelt ganz zu schweigen.

Sobald er aus dem Zimmer war, habe ich schnell den Computer aufgeklappt. Ein paar Leute auf Twitter und Instagram haben mich ›entfolgt‹. Bin ich nicht mehr interessant genug? Habe ich zu wenig gepostet? Außerdem hat mein letztes YouTube-Video weniger Likes als das vorherige, obwohl das Thema super war. Habe also schnell getwittert und in Windeseile einen Mini-Blogeintrag verfasst, Thema: Bloggen im Urlaub. Dann habe ich ein Bild von mir aus dem Hotelzimmer hochgeladen, als Beweis, dass ich quasi vor Ort investigativ recherchiere.

Inzwischen beurteile ich jeden Moment danach, ob man darüber etwas Sinnvolles bloggen kann oder nicht. 36 neue Mails, 35 Nachrichten auf Twitter. Ich muss eigentlich noch einen Vlog drehen. Ich darf auf keinen Fall mehr Follower verlieren, gerade auf Twitter. Wie kann ich über Popularität im Internet reden, wenn ich selbst nur ein paar lächerliche Follower habe! Halt, ich muss mich fertigmachen, Björn wartet schon beim Frühstück. Ich habe noch mal versucht, Karsten anzurufen. Eigentlich hatte ich seine Nummer gelöscht, aber ich habe ihm letztens in einer Angelegenheit geholfen und jetzt ist er wieder drin. Ich muss ihn dringend sprechen. Ich beantworte nur noch schnell drei E-Mails. Und jetzt mal ehrlich: Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass ich mal Geld verdienen würde mit meinen eigenen Vorträgen und Artikeln über Online-Marketing? Dass ich mir ohne schlechtes Gewissen sogar ein paar teure Glitzerschuhe leisten kann? Ich nicht. Apropos Glitzerschuhe: Ich muss noch mal ganz, ganz kurz bei Outnet vorbeischauen. Dort ist immer Ausverkauf!

10:42 Uhr

Gerade durch ein heftiges Klopfen an der Tür aufgeschreckt. Bildschirm zugeklappt und zur Tür gerannt. Davor stand Björn in seinem graublauen Hemd und einer ausgelesenen Zeitung unter dem Arm.

»Wo bleibst du denn so lange? Du bist noch nicht angezogen?« Er blickte mich zweifelnd an. »Sag mal, du surfst doch nicht schon wieder, oder?« Sein Blick fiel auf den Computer auf meinem Bett.

»Ich musste nur zwei Fragen beantworten. Die klangen wirklich verzweifelt. Die konnte ich nicht so lange warten lassen. Warte, eine Sekunde.« Ich sprang ins Bad, zog mich in Windeseile an, drehte die Haare nach oben und aß einen Klecks Zahnpasta.

»Ach, ich freue mich echt total auf die Tour. Es ist so schönes Wetter. Super.« Ich wollte definitiv nicht darüber reden, dass ich zu viel Zeit online verschwendete. Das ist ein empfindliches Thema. Nicht erst nachdem ich Björn einmal eine E-Mail geschickt hat, ob er den Müll runtertragen könne, als er neben mir auf dem Sofa saß. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Dabei liest Björn jeden Tag die FAZ und ist dann unansprechbar. Darüber rege ich mich schließlich auch nicht auf.

Wir haben im Speisesaal zwischen indischen Elefanten gefrühstückt, die erstaunlicherweise nicht fehl am Platze wirkten, wenn man bedenkt, dass wir im Karwendelgebirge und nicht in Nepal sind. Das nennt sich gelungenes Design, wenn man so was hinbekommt.

Es gab hauchdünne Pfannkuchen mit Marmelade, Würstchen, würzige Bohnen in Tomatensoße, Kräuterrührei mit Speck und frische Säfte in allen Farben. Das Problem bei Buffets ist, dass man mit jedem Bissen das Gefühl hat, man würde sparen. Und Sparen ist ja immer gut. Auch wenn ich das gerade nicht so nötig habe wie vor einem Jahr. Ich habe in letzter Zeit so viel verdient, dass ich sogar Karsten, mit dem ich jetzt eine leidenschaftslose, kumpelhafte Bekanntschaft pflege, gerade aus der finanziellen Patsche helfen konnte. Als ich das Gefühl hatte, ich könnte mich nicht mehr bewegen, sagte Björn: »Lass uns losradeln!«

Er holt gerade die Räder. Zum Glück habe ich die Leute an der Rezeption schon wegen der Elektroräder gebrieft.

13:12 Uhr, blogged via iPhone

Liegen gerade auf der Wiese am Ferchensee und Björn scheint eingenickt. Sind vorher im Affenzahn den Berg heraufgedüst – völlig schweißfrei. Ich habe sogar eine Gruppe schwitzender, keuchender Radfahrer auf Mountainbikes in stinkender Synthetik-Ausrüstung locker überholt und dabei gesungen.

»EEEEEEYYYYY!«, hat mir der eine hinterhergerufen. Ich wäre auch sauer an seiner Stelle, wenn ich auf einem schweineteuren Profi-Mountainbike den Berg hochächze, während eine Frau mit untrainierten Waden und strahlendem Lächeln ein Liedchen pfeifend auf einem geborgten Fahrrad an mir vorbeidüst. Ich dachte früher, Elektrofahrräder wären langsame Mopeds. Weit gefehlt, sie sind viel besser! Elektrofahrräder haben zwar einen Motor, aber man muss immer noch treten, je nach Einstellung mehr oder weniger. Aber niemand kann sehen, welche Schwierigkeitsstufe man eingestellt hat. Björn hat vorgeschlagen Stufe drei einzustellen, damit das ganze noch als Aktivurlaub durchgeht. Ich habe zugestimmt, aber da ich als Frau biologisch benachteiligt bin (sonst könnten Männer und Frauen ja auch bei der Olympiade gegeneinander antreten), habe ich entsprechend auf Stufe sechs gestellt, damit es fair ist. Beim Golf gibt es schließlich auch ein Handicap, damit gute und schlechte Sportler gegeneinander antreten können. Beim Regatta-Sport nennt sich das Rating. Da müssen Boote, die besser ausgerüstet sind, auch schneller sein, sonst gewinnt das langsamere mit der schlechteren Ausrüstung. Solche Dinge lernt man, wenn man mit einem Mann zusammen ist, der von Kindesbeinen an seinen Eltern auf dem Golfplatz hinterhergetrottet und auf exklusiven Regatta-Schiffen gesegelt ist. Es gibt so ein geheimes Upperclass Wissen: Die Leading Hotels of the World, die schönsten Strände und eben Begriffe aus Golf, Segel- und Reitsport. Über diese Themen redet Björn mit einer Selbstverständlichkeit, die man nur entwickeln kann, wenn man im Dunstkreis solcher Sportarten aufgewachsen ist, statt im Kegelclub in Duisburg-Marxloh. Werde jetzt noch mal versuchen, Karsten zu erreichen. Schließlich habe ich Björn versprochen, das Geld für seine neue Stiftung UrbanHockey nächste Woche zu überweisen, damit sie für die Wintersaison gerüstet sind. Vielleicht versuche ich es mal mit unterdrückter Rufnummer? Björn ist fest eingeschlafen.

20:18 Uhr

Björn wartet in der Lobby auf mich fürs Abendessen. Hier eine neue Lebensweisheit für euch: Es ist grundsätzlich keine gute Idee, mit unterdrückter Rufnummer seinen Exfreund anzurufen, während der aktuelle Freund im eigenen Schoß eingeschlafen zu seinscheint. Heute Mittag hatte Björn also die Augen fest geschlossen, sein Atem war ruhig und ich vermeinte sogar, ein Schnarchen gehört zu haben. Karsten ging ans Telefon, als ich mit unterdrückter Rufnummer anrief.

»Karsten?«

Schweigen.

»Karsten, ich bin’s.«

»Hallo? Die Verbindung ist so schlecht.«

Karstens Stimme am anderen Ende klang sehr weit weg. Dann fiel mir etwas ein.

»Sag mal, Karsten, du benutzt aber nicht gerade deine billige Abwimmeltechnik von wegen ›Leitung unterbrochen‹ bei mir?«

Schweigen. Dann ein Seufzen. »Hallo, Lena.« Jetzt klang die Stimme einigermaßen normal mit einem resignierten Unterton. »Endlich erreiche ich dich mal.«

»Ich war eigentlich die ganze Zeit zu erreichen, ich konnte dich nicht erreichen. Also, alles in Ordnung? Ich hatte dir die Kontonummer schon geschickt, damit du mir das Geld zurücküberweisen kannst.«

»Ah, ja, genau deshalb wollte ich mit dir sprechen«, sagte er, ohne den Eindruck zu machen, wirklich mit mir sprechen zu wollen.

»Aha. Warum genau?« Björn lag immer noch regungslos in meinem Schoß. Ich streichelte über seine Haare, die ganz leichte Locken hatten und mit hellen Strähnen durchsetzt waren. Dazu hat er eine makellose Haut, die im Gesicht leicht gebräunt war. Sein Gesicht blieb regungslos. Er hatte sich nicht rasiert. Das macht mir nichts. Er bekommt zwar schnell kratzige Wangen, aber bei Männerwangen wirkt das aufregend. Seine Wangen sind zudem weniger kratzig als meine Beine, wenn sie zwei Tage lang nicht rasiert wurden. Leider habe ich die Werte unserer sexistischen Gesellschaft schon zu sehr verinnerlicht, als dass ich meinen Haarwuchs ebenfalls aufregend finden würde.

»Also, die haben immer noch nicht bezahlt. Man, das ist so eine Regierungs-Mischpoke. Aber es kommt in den nächsten Tagen. Ich habe gerade noch mal angerufen, brauchst dir also gar keine Sorgen zu machen. Nächste Woche ist alles wieder zurück. Aber du brauchst es doch im Moment eh nicht so dringend, oder? Lena, tut mir leid. Du hast echt was ganz Großes gut bei mir, dass du mir in der Situation geholfen hast.«

»Also, es ist schon einigermaßen dringend. Du wolltest es mir ja vor zwei Wochen zurückgeben.« Ich verschwieg, dass ich wirklich keinerlei Reserve mehr hatte, denn dann würde er sich noch schlechter fühlen. Karsten hat sich mit einem Callcenter selbstständig gemacht und es lief anfangs super, aber sein größter Kunde, die australische Botschaft, zahlte nicht pünktlich. Damit hatte er wirklich nicht rechnen können. Er war so verzweifelt gewesen, weil er Angst hatte, dass sein Mietvertrag gekündigt wird, und die teure Ausstattung wäre weg gewesen. Ich hatte ihm gerade stolz erzählt, wie gut es bei mir im letzten Jahr gelaufen war. Er brauchte 4.000 Euro.

Sooo gut war es bei mir ja nicht gelaufen, dass ich das im Ärmel hätte, aber ich hatte tatsächlich ein paar Tausend gespart. Und damit hatte ich etwas ziemlich Besonderes vor: Ich würde damit Björns Projekt UrbanHockey unterstützen. Karstens Eltern hatten schon ihre Altersversorgung in die Existenzgründung gebuttert, da hatte ich ihm geholfen. Er war völlig aufgelöst gewesen und es ging ja nur um zwei Wochen. Das war vor fünf Wochen gewesen …

»Mach dir keine Sorgen, Lena, okay?«

»Okay. Du dir auch nicht. Das wird schon«, tröstete ich ihn. Jetzt musste ich wiederum Björn hinhalten mit dem Geld. Aber Björn hatte reiche Eltern, bei Karsten fraß die Krankheit des Vaters ohnehin langsam das Vermögen auf.

»Bis bald, Lena.«

Wir legten auf. Dabei fiel mir ein, dass heute Samstag war und dass das ein eher ungewöhnlicher Arbeitstag für eine Botschaft war. Aber ich wischte den Gedanken beiseite. Ich musste ihm vertrauen. Ein Betrüger ist Karsten schließlich nicht.

Als ich von meinem Handy hochblickte, sah ich direkt in die Augen von Björn, der mit seinem Kopf in meinem Schoß lag und mich anstarrte. Das Licht fiel direkt in seine Augen, was ihnen ein besonders durchdringendes Leuchten verlieh.

»Dringendes Gespräch?«, sagte Björn leicht ironisch.

Die Ironie wurmte mich. Schließlich konnte ich auch mal ein dringendes Gespräch haben. Björn hatte ständig dringende Gespräche.

»Wer war’s denn?«

»Also«, ich druckste einen Moment herum. »Karsten.«

»Karsten? Aber nicht der Karsten, oder?«, fragte Björn. Er hob seinen Kopf an und in seinen Worten war Unwillen zu hören. Von Eifersucht konnte nicht die Rede sein, aber Unwillen. Mir gefiel das. Björn gab sich derart wenig eifersüchtig, dass ich über das kleine bisschen froh war. Nein, ich wünsche mir keinen Italiener mit Mafia-Hintergrund, der meinen Exfreunden Betonschuhe verpasst. Ab und zu ein wenig Eifersucht, dass es ihm einen Stich in den Magen versetzt, wenn ich nicht da bin, so wie es mir einen Stich in den Magen gibt, wenn ich an vergangene oder zukünftige Freundinnen oder Flirt-Objekte denke. Ich reiße mich natürlich zusammen. Aber immerhin muss ich mich zusammenreißen. Und das ist genau die richtige Mischung. Wenn man sich gar nicht beherrschen muss, weil es einem in der Tat egal ist, kann das doch auch nicht richtig sein.

»Jaaaa«, sagte ich lang gezogen.

»Das war der wichtige Anruf?« Er zog die Brauen zusammen. Es passte ihm nicht. Sehr gut.

»Es geht um Geld. Er hat doch dieses Callcenter und bearbeitet die Anfragen für die australische Regierung. Aber die zahlen nicht pünktlich …«

»Da ruft der Typ dich an? Erst hat er dich betrogen. Jetzt will er Mitleid?« Björn hielt inne und sah mich forschend an. »Warte, am Schluss will er dich noch anpumpen. Spinnt der?«

Ich zuckte mit den Schultern und sagte nichts. Er mag nicht, wenn ich schlecht über seine Ex spreche. Ich mag es auch nicht, wenn er schlecht über Karsten spricht. Ich mag hingegen, wenn er schlecht über seine Ex spricht, aber das tut er nicht. Nach dieser Reaktion konnte ich ihm nicht sagen, dass ich Karsten das Geld schon geliehen hatte. Das hätte ihn nur noch mehr aufgeregt. Man kann über Karsten sagen, was man will: Als Freund war er sehr unaufregend gewesen. Ich hatte mich definitiv viel zu spät von ihm getrennt. Trotzdem lasse ich ihn jetzt nicht hängen. Elf Jahre waren wir zusammen. Karsten war etwas feige und hatte mich in seiner schlumpfigen Art sogar betrogen. Aber ich hege keinen Groll mehr. Er hat eine neue Ische, die ihm ständig Szenen macht, das ist Strafe genug. Ich fand’s toll, dass er sich selbstständig gemacht hat. Das hätte ich ihm nie zugetraut, und jetzt lief alles wie geschmiert. Die australische Botschaft als Kunden muss man erst mal bekommen.

4. September, 1:12 Uhr

Schloss Elmau ist ein wahnsinnig relaxter Ort, trotz der Sterne im Logo. Man kann sich sowohl im Abendkleid als auch in Jeans rumlümmeln. Alles ist egal, solange man die Rechnung ebenso relaxed weglächeln beziehungsweise bezahlen kann. In unserem Fall heißt das: Ich lächele, Björn bezahlt. So ganz tief drinnen fühlt sich das falsch an. Führt das nicht zu der gleichen Abhängigkeit, in der sich Frauen seit Jahrhunderten befinden? Björn sagt, ihm mache das nichts. Aber hat das nicht unweigerlich zur Folge, dass er Erwartungen an mich hat, die ich nicht erfüllen kann? Ich verdiene okay, wirklich, ich brauche nicht ständig ein 5-Sterne Hotel und insgeheim hoffe ich, dass ich irgendwann noch etwas mehr verdiene, muss ja nicht gleich eine Million Dollar sein, was Star-YouTuber Michelle Phan schätzungsweise mit ihren Werbeverträgen und Produkten letztes Jahr verdient hat.

Björn schläft, ich bin hellwach, weil ich nach dem Essen einen Espresso getrunken habe, obwohl ich es besser weiß. Aber was Kaffee angeht, bin ich wie ein Alki, der sich ständig selbst überzeugt, dass ein Schlückchen nicht soooo schlimm sein kann und der dann doch wieder in der Notaufnahme endet oder in meinem Fall in der Schlaflosigkeit. Immerhin hat mein Sucht-Gen die Abhängigkeit auf Espresso umgeleitet und nicht auf Crack. Aber wenn ich viel Kaffee trinke, werde ich erst aufgedreht und dann aggressiv. Dank Internet kenne ich jetzt auch den Namen zu diesen Symptomen: Coffee Rage. Ich bin nicht die Einzige. Hugh Grant hat zugegeben unter Coffee Rage zu leiden, wenn er Nescafé trinkt, und Robbie Williams war wegen einer täglichen Dosis von 36 Tassen Espresso schon in der Entzugsklinik. So schlimm ist es bei mir noch nicht, aber Coffee Rage erklärt vielleicht auch die ganzen aggressiven Autofahrer, die mit einem Becher von Starbucks, Coffee Fellows oder McCafé im Becherhalter umherfahren, sich gegenseitig anbrüllen und den Stinkefinger zeigen.

Vorhin saßen wir in der lauen Spätsommer-/Frühherbst-Nacht, die es in den Alpen so selten gibt, auf der Terrasse. Eine weiche Decke umhüllte unsere Beine, während weiß uniformierte Köche saftige Steaks, edle Filets aus Freilandhaltung, Bio-Würstchen und Fisch aus delfinfreundlichem Fischfang auf den überdimensionierten Holzkohlegrill warfen. Zum Glück bin ich momentan nur Teilzeit-Vegetarier und konnte zuschlagen. Hinter dem Grill war die dunkle Silhouette der Berge zu erkennen, die vor einem tiefblauen Himmel emporragten. Über uns glänzten die Sterne ungestört durch Lichter einer Stadt. Die Kinder, die tagsüber Golf gelernt oder mit Privatlehrern wissenschaftliche Experimente durchgeführt hatten, holten sich Gourmet-Mousse-au-Chocolat vom Buffet. Einige von ihnen trugen Tracht und wechselten problemlos zwischen deutscher und englischer Sprache oder redeten sogar chinesisch mit dem Kindermädchen, trugen philosophische Bücher aus der Hotelbibliothek unter dem Arm und verschwanden mit einer Violine im Musikzimmer. So war Björn wahrscheinlich auch aufgewachsen. Ich hatte währenddessen im stonewashed Rock in einer günstigen Tui-Ferienanlage zu Dirty Dancing getanzt. Das wäre diesen Premium-Kindern, die später mal auf die Harvard Business School gehen sollen, als Unterhaltungsprogramm zu popelig. Björn war ausgepowert vom Tag. Er hatte anscheinend nicht gemerkt, dass ich etwas weniger ausgepowert war, weil ich doch den leichteren Gang an meinem E-Bike benutzt habe. Unsere Finger lagen auf der gestärkten Tischdecke. Wir tranken ein Glas Wein und blickten auf die Berge.

»Ich glaube, wir ändern das einfach«, sagte Björn, während er meine Finger entlangstrich.

»Was ändern wir einfach?«, fragte ich. Plötzlich kroch eine altbekannte Panik in mir hoch. Wir haben doch einen wunderschönen Tag gehabt. Es konnte doch nicht sein, dass Björn wegen dem E-Bike so enttäuscht von mir war? Hatte er herausgefunden, dass ich einen anderen Gang eingelegt hatte, als ursprünglich abgemacht? Meine Batterie war bei Abgabe fast leer gewesen. Solche Zweifel kannte ich zu gut. So ganz war ich noch nicht darüber hinweggekommen, dass ich einen großartigen, gut aussehenden, unterhaltsamen, leidenschaftlichen Freund abbekommen habe. Mussten sich nicht alle insgeheim fragen: Warum interessiert sich dieser Mann für diese Frau? Tja, dazu habe ich eine eigene Theorie entwickelt. Björn ist nämlich in einer Richtung unterentwickelt: im Reden über seine Gefühle. Man könnte ihn sogar in gewisser Hinsicht als steif bezeichnen. Ich hingegen rede zu viel über meine Gefühle und interpretiere ständig die Gefühle anderer. Und obwohl ich oft unsicher bin, gebe ich in den ungünstigsten Situationen geradezu zwanghaft meine Geheimnisse preis (deshalb wahrscheinlich dieser Blog), als wäre dies mein persönliches Tourette-Syndrom: Ich kann einfach nicht anders. Meine Theorie ist, dass er sich nach weniger Steifheit sehnt, mehr Improvisation und, sagen wir mal, vielleicht sogar mehr Chaos? Eine gewagte Theorie, aber so lässt sich seine Anziehung zu mir am ehesten erklären. Außerdem mag er meinen Busen. Da möchte ich nicht weiter drauf eingehen, aber es muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass es neben den inneren Werten natürlich noch eher banale äußere Werte gibt.

»Also, das ist wahrscheinlich zufällig passiert mit den Fahrradgängen«, murmelte ich, als Björn nichts sagte, sondern fortfuhr, meine Hand zu streicheln.

»Mit den Fahrradgängen?« Er blickte mich prüfend an.

»Ich glaube, die Batterien waren kaputt, deshalb waren sie plötzlich leer.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.«

Oh.

»Ach, so.« Ein Ausdruck des Verstehens erhellte sein Gesicht. Seine Mundwinkel kräuselten sich zu einem Lächeln.

Oh nein. Jetzt hatte ich ihn drauf gebracht. Jetzt schnell weiterreden. »Ach, ich dachte, die hätten sich beschwert, dass das Fahrrad kaputt sei.« Ich hielt inne. Björn hatte sich nach vorn gelehnt, seinen Arm vollständig auf meinen Arm gelegt und hielt mich mit leichtem Druck in Position.

»Ich meinte nicht die Fahrradbatterie oder dass du, ich muss sagen, nicht völlig überraschenderweise, wahrscheinlich einen Gang leichter geschaltet hast, als verabredet.«

Ich verstummte. Ich suchte seine Augen ab, aber konnte nichts darin lesen. Er lehnte sich vor, küsste mich leicht auf den Mund. Was wollte er ändern? Schluss machen wollte er auf jeden Fall nicht, dazu war sein Blick zu warm. Oder mich heiraten? Meine Güte. Die Rowes waren ja eine internationale Familie, wenn ich das richtig verstanden habe, ist sein Opa sogar ziemlich viel übers Meer gesegelt und das ganze Programm. Und war es in den USA nicht zum Beispiel üblich, sich nach einem Jahr zu verloben? Ich setzte mich aufrecht und blickte ihn erwartungsvoll an.

»Natürlich sollst du meine Familie besser kennenlernen, wenn du das gern möchtest. Ich hätte dich schon lange ausgiebiger vorgestellt.«

»Ich möchte nicht, dass du das machst, weil ich das möchte. Ich möchte, dass du das möchtest.« Meine Stimme klang etwas enttäuschter als angemessen, weil mir gerade diese Verlobungsgedanken durch den Kopf gegangen waren, und im Vergleich dazu war das Angebot, die Familie kennenzulernen, natürlich enttäuschend. Björn blickte mich verwirrt an.

»Aber es war doch dein Vorschlag, die Familien erst mal rauszuhalten?« Zwischen seinen Augen erschien eine Falte und er nahm die Hand von meiner und strich sich damit durch die Haare. Sobald sie weg war, kam er mir so weit weg vor.

»Ja, aber nur, weil ich dachte, dass du das so möchtest.«

Björn atmete tief ein und zog eine Augenbraue nach oben. »Manchmal ist es schwer zu verstehen, was du willst. Du hast so eine eigene Logik. Oder Nicht-Logik.«

»Ich hatte den Eindruck, dass du meine Eltern zum Beispiel auch nicht kennenlernen möchtest.«

Björn zuckte mit den Schultern. »Schon, aber du wolltest das doch nicht.«

»Ja, ich dachte nur, dass es dich vielleicht interessiert und du mich fragen würdest.« Ich blickte zur Seite und mir schossen die Tränen in die Augen, was mich selbst am meisten überraschte. Vielleicht war es noch immer die Enttäuschung über die ausbleibende Verlobung. Es hatte mich meines Wissens noch nie gestört, dass er nicht daran interessiert war, meine Eltern kennenzulernen. Im Gegenteil, eigentlich bin ich bisher froh darüber gewesen, weil meine Eltern sich getrennt haben, mein Vater eine viel jüngere, asiatische Freundin hat und meine Mutter höchstwahrscheinlich inzwischen lesbisch ist. Dem gegenüber stand Björns Vorzeige-Upperclass-Familie. Zwei Familien, die nicht sonderlich gut zusammenpassen würden. Also musste ich schnell diese merkwürdigen Tränen unterdrücken. Anscheinend gibt es da etwas in meinem Unterbewusstsein, das wahnsinnig traurig ist. Dieses Unterbewusstsein birgt ja bekanntermaßen eine Menge Überraschungen. Vielleicht bin ich unbewusst sogar traumatisiert und weiß nichts mehr davon! Man kann sich nicht einmal auf die eigenen Gefühle verlassen. Selbst wenn man sich fröhlich fühlt, ist man eigentlich todtraurig, weiß es jedoch nicht. Niemandem kann man trauen und am wenigsten sich selbst.

»Lena, es ist ganz schön anstrengend, wenn man immer raten muss, was du denkst, obwohl du ständig darüber redest, was du denkst und fühlst. Aber dann ist trotzdem alles anders, als das, was du sagst.«

»Das stimmt. Aber ich muss auch immer raten, was ich wirklich fühle. Kannst du dir vorstellen, wie kompliziert es ist, ich zu sein? Ich weiß noch weniger als du.«

Björn gluckste. »Stimmt, in deiner Haut will ich erst recht nicht stecken.«

Dabei weiß Björn gar nicht, dass ich schon viel besser geworden bin. Ich bin ja nicht nur unsicher, was meine Gefühle angeht, obwohl ich massenhaft davon besitze, sondern habe Unsicherheiten ungefähr jedes Körperteil betreffend. Bei Karsten war ich weniger unsicher gewesen, aber vielleicht auch, weil Karsten selbst so unperfekt war. Bei Björn glaube ich immer, dass ich ihn beeindrucken muss. Aber es ist unmöglich, auch weiterhin bei jeder Berührung den Bauch einzuziehen und sich im Liegen durchzustrecken, um einen muskulösen, festen Eindruck zu machen. Das kann niemand auf Dauer durchhalten. Insbesondere, weil Björn sich einen Spaß daraus machte, in meinen Bauch zu pieksen, nachdem ich Zwiebeln und Bohnen gegessen habe und nachlässig mit eingefallen Schultern auf dem Stuhl sitze. Dann lacht er jedes Mal los, wie schnell ich zusammenzucke und wegspringe, als hätte er mich mit einem glühenden Eisen berührt.

»Okay. Oma Emmi wird 75. Du hast es so gewollt.« Björn haute demonstrativ mit der Faust auf den Tisch.

»Oma Emmi?«

»Die Mutter meiner Mutter. Die ganze Verwandtschaft kommt. Es dürfte interessant werden.« Björn seufzte. »Falls du dir das wirklich antun willst.«

»Du willst sagen, ich soll mit?«

»Du sollst nicht mit, aber du kannst gern mitkommen.«

»Willst du, dass ich mitkomme?« Aufdrängen wollte ich mich natürlich nicht.

»Lena, du machst mich verrückt. Also gut: Ich will, dass du mitkommst. Reicht dir das?«

In meinem Bauch begann es sofort vor Vorfreude und Aufregung zu kribbeln. Hamburg. Björns ganze Familie. Hirschparkweg. Was zieht man da eigentlich an?

»Wann ist die Feier?«

»Nächstes Wochenende.«

»Nächstes Wochenende?«, kreischte ich.

»Na ja ich wusste vorher nicht, dass du dir das antun möchtest. Das hast du jetzt davon. Danach weißt du genau, worauf du dich einlässt.« Er lächelte schräg. »Und dann stellst du mich deinen Eltern endlich vor.«

»Meinen Eltern?« Mir blieb fast die Luft weg.

»Deinen Eltern. Ich will schließlich auch wissen, worauf ich mich einlasse.« Er nahm meine Hand vom Tisch und küsste sie. »Und dann legen wir die Namen für unser Erstgeborenes fest.«

»Wir legen was?« Meine Stimme versagte mir. Ich konnte Björn kaum in die Augen schauen. Das Blut schoss mir in die Wangen und mein Herz schlug so laut, dass ich ihn doch ansehen musste, ob er es womöglich hören konnte. Björn grinste breit, seine Augen schimmerten im Licht.

»Na ja, wir können doch nicht mehr ewig warten in deinem gehobenen Alter. Du willst doch Kinder, nicht wahr? Ich möchte mindestens drei.«

Ich schnappte nach Luft. Aber Björn war völlig entspannt, während er das sagte. Er lachte gut gelaunt. Es war beeindruckend und schockierend, wie unverkrampft er mit dem Thema umging. Es schien ihn überhaupt nicht zu schrecken. War das jetzt ein Heiratsantrag?

»Und nach dem Geburtstag zeige dir meine Hockey-Jungs.«

Ich schluckte und musste erst mal meine Fassung wiedergewinnen. Wieso sprach Björn so wenig über Gefühle, war aber in solchen Momenten völlig geradeheraus, wo ich ein einziger Krampf war? Er dachte gar nicht weiter über seine Bemerkung nach. Entweder weil sie ihm ganz natürlich kam, oder weil sie nichts bedeutete? Aber jetzt hatte er das Thema wieder gewechselt, ich musste mich fangen.

»Deine alten Hamburger Hockey-Jungs?« Ich sah vor mir eine Reihe Jungs in Poloshirts, die mit Hockeyschlägern Spalier standen, während ich im weißen Kleid vorbeischritt. Machte man das so wie bei Ruderern, wenn die heirateten? Björn wusste so was bestimmt. Aaahh, Hochzeit, weg jetzt mit diesen Gedanken!

»Die Jungs vom UrbanHockey-Projekt in München meine ich. Damit du weißt, dass es sich lohnt, sie zu unterstützen. Sag mal, hast du das Geld schon überwiesen? Das wäre super, ich habe das jetzt so einkalkuliert.«

»Überweisung mache ich sofort, wenn wir zurück sind. Auf den Besuch freue ich mich schon.« Björn ist so glücklich über das Projekt. Er investiert dafür viel Freizeit. Und deshalb habe ich gern gesagt, dass ich ihn unterstützen würde und die Ausrüstung für die Wintersaison besorge. Es waren jetzt keine Unsummen, für mich war es viel, aber mit Sicherheit kein Vergleich zu dem, was seine Familie da reinbutterte. Aber dafür, dass ich vor nicht langer Zeit nur Schulden hatte, war es gut, dass ich überhaupt was übrig hatte. Und ich habe gemerkt: Etwas weggeben macht glücklich. Geld kann wirklich glücklich machen, insbesondere wenn man es für andere ausgibt. Glück ist also käuflich. Dazu habe ich mal Michael Norton bei einem dieser inspirierenden TED-Talks im Internet zugeschaut. Es hat mit Karsten funktioniert (auch wenn ich jetzt deswegen Probleme habe) und in dem Moment, wo ich Björn versprochen habe, ihm zu helfen, bin ich auch sofort beglückt gewesen. Reflexartig nahm ich mein Handy vom Tisch, um nachzuschauen, ob ich Nachrichten oder Tweets bekommen hatte, vielleicht doch noch die erlösende Botschaft von Karsten. Björn umfasste mein Handgelenk. »Sag mal, meinst du, das bringt was?«

»Was jetzt?« Ich wusste natürlich, was er meinte.

»Dieses ständige Nachrichten-Checken und Updates machen.«

»Das geht leider nicht anders. Mein Job ist eben nicht von nine to five oder nine to seven oder was auch immer. Du hast deinen Job, den ich dich lassen mache, ohne mich zu beschweren, und ich habe meinen. Warte mal, guck mal dort!«

Björn folgte meinem Blick. Vor der Terrassentür Richtung Buffet stand ein großer, schlanker Mann mit weißen Turnschuhen, vielleicht Mitte 50. Er hatte kurzes, etwas borstiges graues Haar, aber einen sportlichen Körper mit einer jugendlichen Ausstrahlung. Seine Jeans waren ein wenig zu weit und in einer Hand hielt er eine Baseballkappe – ganz klar ein Amerikaner. Björn blickte wieder zu mir und zuckte mit den Schultern.

»Ja? Du siehst aus, als stünde Leo DiCaprio vor dir, ich sehe nur einen Ami mittleren Alters.«

»Das ist SableJohn«, flüsterte ich. Mein Hals war plötzlich trocken, so aufgeregt war ich.

»SableJohn?« Björn sah mich verständnislos an.

»Er ist eine Art Gott. Absoluter Twitter-Guru. Er hat 230.000 Follower auf Twitter. Echte, keine gekauften, solche Zahlen haben sonst nur Rockstars. Von ihm habe ich alles gelernt.«

»Was gelernt?«

»Über Bloggen, Twittern, Online-Marketing und so weiter. Er lebt in Michigan, in den USA.«

Ich konnte mein Glück nicht fassen. Wie hypnotisiert stand ich auf und folgte SableJohn in den Innenraum. Ich erspähte ihn beim Suppenbuffet, eilte hin, stellte mich dicht neben ihn und betrachtete die Auswahl. Er schenkte sich Kartoffel-Knoblauchsuppe ein. Ich ging näher ran, als würde ich auch auf die Suppe warten. Wie erhofft, drehte er sich zu mir um.

»Ah, Entschuldigung«, ich trat einen Schritt zurück und strahlte ihn an.

»No problem«, sagt er und lächelte. Er hatte sehr gerade, übergleichmäßig weiße Zähne, sodass sie gebleicht, verblendet oder falsch sein mussten, aber nicht echt.

»Oh, sorry«, sagte ich in gespielter Überraschung und wechselte ins Englische. »Entschuldigen Sie, dass ich frage, aber Sie sind doch SableJohn?«