Venustransit - Lucas Edel - ebook

Venustransit ebook

Lucas Edel

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Opis

Dezember 2117. Der alternde Agent Gus Hayden muss am Vorabend der Liveübertragung des Venustransits zusammen mit der Exo-Biologin FangFang Lee den Mord an seinem Freund Dimitri aufklären. Je mehr er herausfindet, umso klarer wird ihm, dass das Opfer von allen auf der Venusstation „Ariel“ gehasst wurde. Ein wettsüchtiger Kommandant, eine liebestolle Biochemikerin und eine kettenrauchende Ärztin sind nur Teile eines Rätsels, das sich vor Agent Hayden langsam entfaltet. Schon bald wird ihm klar: Entweder er tut den Tod als Unfall ab und wahrt das Andenken an seinen Lebensretter oder er klärt das Verbrechen auf und lebt mit einer schrecklichen Wahrheit. Zwischen veruntreuten Geldern, Medikamentenmissbrauch und einer Jahrtausendentdeckung sucht Gus Hayden den Mörder.

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 Lucas Edel

Venustransit

© 2012 Begedia Verlag © 2012 Lucas Edel ISBN: 978-3-943795-06-6 Umschlagbild: Sammy Hall (USA) Covergestaltung: Lucas Edel/Manuela Führer/Begedia Verlag Lektorat und Korrektur: Begedia Verlag Satz: Manuela Führer eBook-Bearbeitung: Lucas Edel/Manuela Führer Besuchen Sie unsere Webseite http://verlag.begedia.de

Stimmen zu »Venustransit«

»Man legt es nicht mehr aus der Hand! Unglaublich fesselnd!«

Dr. Gernot Grömer, Präsident des Österreichischen Weltraumforums

»Die Geschichte hat einen schönen Spannungsbogen, der kontinuierlich bestehen bleibt […] klasse Arbeit […]«

Tanja Bugislaus, Niceats Bücherblog

»Mir hat es gut gefallen. Wirklich etwas Neues und Ungewöhnliches!«

Elena S., »Meine-Welt-Lenchen«-Blog

»Weit draußen im All klärt Gus Hayden den Mord an seinem Freund und findet zu sich selbst. Unprätentiös und literarisch schlank. L’eleganza nuova!«

Dott.essa Elisa-Maria Carlatti, Literatuswissenschafterin

Schnellzugriff Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – 6

Kapitel 7 - 12

Kapitel 13 – 18

Kapitel 19 – 24

Kapitel 25 – 30

Kapitel 31 – 36

Kapitel 37 – 42

Kapitel 43 - 48

Bonus-Story

»Der Tag der Zikade«

Extra Begedia-Verlag

Extras Lucas Edel

Kapitel 1

Gus Hayden saß eingepfercht zwischen einem Dutzend Reportern in einem Atmosphärenshuttle und starrte aus dem Fenster. Unter ihnen wölbte sich die Oberfläche der Venus. Weiß wie eine Perle schwebte sie gemächlich ins Blickfeld. Zu Gus’ Rechten ragten die Parabolantennen der Raumstation Shackleton ins All. Eine gigantische Relaisstation, deren einziger Zweck darin bestand, die Bezwingung der Venus zu verfolgen und live zur Erde zu übertragen.

In der Enge der Passagierkabine stank es nach der langen Reise wie in einem Schulbus. Der Ellenbogen von Gus’ Nebenmann bahnte sich konsequent einen Weg in seine Rippen. Wie der feiste Spanier mit seinen verklebten Haaren in diesen Sitzen Luft bekam, war Gus ein Rätsel. Als das Shuttle von der Gravitation erfasst wurde und absackte, spürte er, wie sein Magen langsam von unten gegen das Herz drückte. Ihm wurde übel. Er zwang sich, wieder aus dem Bullauge zu sehen. Mit steigender Geschwindigkeit stürzten sie auf die dichte Wolkendecke der Atmosphäre zu.

»Muss ich mir das mit 52 wirklich noch antun?«, dachte er und schloss die Augen.

38 Millionen Kilometer von der Erde entfernt war die letzte Erinnerung an seine Heimat der hautenge Coverall, der ihm die Luft abschnürte.

Er sollte auf eine Horde Journalisten achten, die vom größten Ereignis der Geschichte der Menschheit berichten wollten. Eine Live-Übertragung während des Venustransits. Gus rieb sich mit den Handballen die Stirn und zog die Oberlippe hoch. Dann schüttelte er den Kopf. Er hasste es, nicht zu Hause zu sein. Er hasste es, auf seine Ruhe verzichten zu müssen.

Erneut bohrte sich der Ellbogen des Spaniers in seine Seite. Gus brummte ärgerlich.

»Halten Sie mal ihre Ecken bei sich, Kollege.« Das Doppelkinn des Mannes schwabbelte, als er sich zu ihm drehte. Mit feuchten Augen sah er ihn erstaunt an.

»Perdón. Wenn ich gewusst hätte, wie eng es hier ist, hätte ich eine Diät angefangen.« Er lachte dümmlich.

Gus rollte innerlich mit den Augen und drückte sich mit seinen Unterarmen etwas aus dem Sitz. Sein Hintern war schon taub und das Blut, das jetzt wieder fließen konnte, verursachte ein Kribbeln.

Sein Sitznachbar hakte nach.

»Für wen berichten Sie?«

»Ich berichte nicht, ich passe auf«, sagte er knapp.

Der Spanier nickte wissend: »Ah, ein Unabhängiger.« Er gluckste.

Gus sah den Mann finster an.

Ich passe auf Euch auf. 

Die Wangen des Dicken erschlafften.

»Dann sind Sie der Mensch von den Hutständern?« Gus drehte die Augen nun wirklich nach oben. Mitglieder der planetaren Sicherheitsabteilung als Hutständer zu bezeichnen, war in etwa so taktlos, wie Nonnen Pinguine zu nennen.

»Wieso wurden Sie uns nicht auf der Station vorgestellt? Sind wohl Undercover unterwegs, was? Gibt es Probleme? Haben Sie ... «

Was wollte der Typ? Es war üblich, dass immer jemand von der Sicherheit dabei war. Gus fuhr den Journalisten an: »Es reicht. Sehe ich aus, als wäre ich Tante Jenny bei einer Klassenfahrt? Wenn ich meine Pension erhalten will, muss ich einmal im Jahr in den Außendienst, klar? Das können Sie meinetwegen schreiben.«

In Gedanken fügte er genervt hinzu: »Fünfzigjährige tun die Arbeit von Kadetten im ersten Jahr.«

Gus rückte seinen Hintern zurecht und sah wieder aus dem Fenster. Er mühte sich, den aufwallenden Zorn zu kontrollieren. Die ersten Blicke richteten sich auf die beiden.

Der Spanier fixierte ihn überrascht, doch Gus konnte sich nicht zurückhalten: »Und jetzt frage ich Sie etwas: Wieso vergeudet die Menschheit wertvolle Zeit und Ressourcen für Live-Übertragungen von irgendwelchen Planeten des Sonnensystems?«

Der Spanier antwortete: »Venustransit«, als wäre dies die Erklärung.

»Das ist alles, was Ihnen einfällt?« Gus’ Blick setzte sich zwischen den Augen des Korrespondenten fest.

»Als Reporter sollten Sie ein wenig mehr dazu zu sagen haben als die offizielle Variante. Dieser ganze Zirkus ist ein gut getarntes Milliardengeschäft. Denken Sie doch mal nach. Jeder schneidet ein wenig mit, da rollt der Rubel, aber hallo. Seit wann ist der Sender Project Horizon ein Menschenfreund, der den Erdenbewohnern ein paar schöne Bilder liefern will?«

Gus merkte, wie er sich in Rage redete. Er riss sich zusammen und sah nun das erste Mal einen verdutzten Mann vor sich. Gus klopfte ihm mit schlechtem Gewissen auf die Schulter und lehnte sich in seinem Sitz zurück. Beschwichtigende Worte wollten nicht über seine Lippen kommen, stattdessen seufzte er.

Durch die Lautsprecher tönte die Stimme des Piloten.

»Meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie auf dem letzten Flug von Shackleton zur Station Ariel. Es wird voraussichtlich etwas holprig werden. Kotztüten finden Sie wie immer unter ihrem Sitz. Danke.« Damit brach die Ankündigung ab.

Gus spürte, wie sich Ärger und Magen gegen ihn verschworen. Er hatte in einer der historischen Abhandlungen gelesen, dass die Venussonden der Russen und Amerikaner immer wieder mit überraschenden elektrischen Entladungen in der oberen Atmosphäre zu tun hatten, die die Elektronik zerstörten. Vor seinem geistigen Auge sah er das Shuttle in einer Feuerblume verglühen und als abgebrannten Streichholzkopf zu Boden gehen. Der Knoten in seinem Magen wurde gordisch.

Von Technik hielt er noch weniger als vom Raumflug, und da das eine mit dem anderen zwingend verbunden war, wollte er nur eines. Umgehend Lichtjahre zwischen sich und seine jetzige Position bringen.

Um sich abzulenken, nestelte er eine Broschüre aus der Brusttasche seines Coveralls und begann zu sinnieren. Was man mit dem Geld, das in dieses Projekt gesteckt worden war, wohl alles auf der Erde hätte machen können, statt einer TV-Live-Übertragung vom höchsten Berg der Venus dem Maxwell Montes, am Tag des Venustransits, dem 11. Dezember 2117.

Er biss sich auf die Zunge, um nicht zu fluchen. Verdammte Menschheit. Mit solchen Aktionen raste sie auf ihren Untergang zu und gab noch lachend Gas dabei.

Der Gleiter drang in die oberste Exosphäre ein. Durch die Druckveränderung wurde der Metallrumpf durchgerüttelt, was zu Würgen unter einigen der Passagiere führte.

Unwillkürlich musste Gus an Simon Blei denken, dem ersten Todesopfer der Marsbesiedelung. Er war betrunken einen Abhang hinuntergestürzt. Siebzehn Jahre war das her. Blei hatte sich den Helm zerschlagen. Besoffen gestürzt. Gehörte zur Pioniergeschichte der Menschheit praktisch dazu.

»Welche Verschwendung«, grollte Gus erneut.

Der Shuttle glitt kontinuierlich tiefer, durchstieß erst die Thermo- und Mesospähre, trat dann in die Troposphäre ein. Ihr Ziel rückte beständig näher, versteckt in den dichten Wolkentürmen.

Die Außentemperatur stieg und der Spanier neben Gus sah es als seine Pflicht an, ihn darüber zu informieren.

»Hunderte, vielleicht tausende von Grad. Spüren Sie’s auch?«

Er sah aus, als hätte man ihm einen Eimer Wasser über den Kopf geleert.

Gus roch den salzigen Schweiß. Fast meinte er sogar, ihn zu schmecken. Er versuchte, nicht hinzuhören und schob die versteckte Abdeckung über das Fenster. Er war nicht erpicht darauf, diese unwirtliche Welt da draußen anzustarren.

Die Lautsprecher knackten erneut.

»Wenn Sie nun nach rechts aus den Fenstern sehen, können Sie die Umrisse der Station erkennen.«

Sämtliche Hälse reckten sich und versuchten den besten Ausblick auf Ariel zu ergattern. Einzig Gus blieb unbewegt und ignorierte den allgemeinen Aufruhr. Der Flug des Gleiters beruhigte sich, denn in 55 Kilometern Höhe war der Druck weitestgehend identisch mit dem der Erde. Man könnte im T-Shirt rumspazieren, wäre nicht die aggressive Schwefelsäure in den Wolken versteckt.

Einige Minuten später riskierte Gus doch einen Blick. Was da in der Atmosphäre der Venus schwebte, glich mehr einer Qualle als einer Raumstation. Grau schimmernd trieb sie im Wind. Ein Bündel Kabel hing aus der Unterseite und wehte wie Tentakel hinter dem Konstrukt her.

»Sieht schlampig aus. Wozu ist das gut?«, fragte sich Gus und bereute zum ersten Mal, dass er praktisch informationslos von der Erde aufgebrochen war. Jetzt verwünschte er den Gus von vor drei Tagen. Hätte der die Versuche des Einschulungspersonals, ihm Informationen zu vermitteln, nicht erfolgreich abgelehnt, stünde der Gus von jetzt nicht da wie ein Ochs vor dem Tor. Er spürte ein Kribbeln im Gaumenzäpfchen.

»Auch das noch«, durchfuhr es ihn. Hektisch holte er eine Packung Aspirin aus seiner Oberschenkeltasche. Er drückte zwei Tabletten in seine Hand und würgte sie mit dem bisschen Speichel, den er hervorbringen konnte, hinunter. Den ganzen weiten Weg von der Erde zur Venus hatte er sich geschworen, nicht krank zu werden.

Die Kälte des Alls wirkte sich verlässlich verheerend auf seine Atemwege aus. Es hatte in seiner langen Dienstzeit nur eine Reise gegeben, in der er nicht auf irgendeine Weise erkrankte. Daher kannte er die Anzeichen. Ein Kribbeln im Hals, eine leicht verlegte Nase, und wenn er dann nicht aufpasste, konnte nichts den Ausbruch einer schweren Erkältung verhindern.

Kapitel 2

Das Shuttle glitt langsam an der Seite der Station entlang und näherte sich einem Ausleger. Ein kleiner in die Wolken gestreckter Finger. Der Gleiter rumpelte kaum hörbar, als er anlegte. Die Aufregung unter den Reportern war deutlich zu spüren. Gus war nicht sonderlich beeindruckt. Alles lief glatt und war innerhalb von Minuten vorbei.

»Das war schon alles?«, dachte er halb beruhigt, halb enttäuscht.

Der spanische Korrespondent quälte sich aus seinem Sitz. Gus konnte einen kurzen Blick auf das Namensschild werfen. Gustavo Manteca. Das spanische Wort für Butter.

Gus grinste in sich hinein. Vielleicht würde die Reise doch noch amüsant werden. Eilig stellte sich Butterkugel, wie er ihn nun im Stillen nannte, hinter einem schmächtigen Griechen an. Gus drückte seine Knie gegen den Vordersitz. Seine Wirbel knackten, als er den Rücken straffte. Er hatte Zeit.

Eine halbe Stunde später schälte er sich aus dem Sitz und spazierte durch das leere Shuttle zur Luftschleuse. Seine Sachen, die er in einen Seesack gepackt hatte, lagen verstreut in der Ablage.

Gus schüttelte den Kopf.

»Den letzten trifft’s doch immer.« Er zog seine alte Lederjacke über den Coverall. Konzentriert verstaute er seine Unterhosen, Hemden und das Rasiertäschchen wieder im Sack, verschnürte ihn und stapfte durch den Anleger in die Station. Er schob sich durch die Journalisten, musste sich den einen oder anderen Rüffel anhören und platzierte sich zur Rechten, der im Halbkreis stehenden Meute.

Die Anwesenden badeten in hellblauem Licht, das ihre Haut in zarte Leichenblässe tauchte. Gus musste lächeln. Der Lichtdesigner hatte Humor. An den Wänden hingen gedruckte Diagramme und Bilder. Energie war kostbar. Wozu also für Monitore an die paar Besucher verschwenden. Der üble Geruch von faulen Eiern dampfte empor. Schwefel.

Gus bemerkte ein Lampe über einem Schott, die beständig rot blinkte. Neben ihm tauchten die Gleiter-Piloten auf und tippten einen Code in ein kleines Tastenfeld neben dem Tor. Das Blinken der Lampe erlosch. Einer der Piloten bemerkte, dass ihn Gus beobachtete. Er tippte sich mit ausgestrecktem Zeigefinger gegen die Lippen und flüsterte: »Override-Code, Mr. Hayden«. Gus nickte kurz. Kein Mensch hatte ihm etwas von einem Code gesagt, was seinen Groll wieder aufflackern ließ.

Das Schott zischte, wälzte sich langsam nach außen und ein breitschultriger Mann erschien. Sein Kopf war kahl rasiert und seine blauen Augen blitzten. Er betrachtete die murmelnden Leute vor sich wie eine Herde Lämmer und lächelte verschmitzt. Seine riesenhafte Gestalt beugte sich durch die Öffnung, und als er sich aufrichtete, überragte er jeden um einen halben Kopf. Er holte Luft und dröhnte mit gewaltigem Bass: »Bitte um Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren. Mein Name ist Dimitri Andrejewitsch. Willkommen auf Ariel.«

Andrejewitschs Blick traf Gus, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

»Der Mann hier zu meiner Linken ist Augustus Hayden.« Der Hüne griff nach Gus’ Schulter und zog ihn sanft in eine repräsentative Position. Gus freute sich, seinen alten Freund wiederzusehen, der ergänzte: »Er wird Ihnen als Sicherheitsberater zur Verfügung stehen. Bei Fragen wenden Sie sich vertrauensvoll an ihn. Nicht an mich.«

Die Presseleute räusperten sich zweifelnd. Der Russe sprach weiter: »Bitte folgen Sie Ihren Piloten zu den Unterkünften. Um 14 Uhr treffen wir uns im Hauptraum wieder. Folgen Sie dazu einfach der gelben Linie am Boden.«

Die Journalisten marschierten im Gänsemarsch mit gesenkten Köpfen an Dimitri vorbei. Der Russe nickte jedem freundlich zu. Als der letzte Passagier durch die Tür verschwunden war, trat er an Gus heran. Er musterte ihn von oben herab.

»Was bei allen Wodka saufenden Popen Leningrads machst du auf meiner Station?« Gus senkte den Kopf und ließ seinen Seesack fallen. Mit einem Ruck schnellte seine linke Faust nach vorne und hielt wenige Millimeter unter dem Kinn des Russen still. Dimitris riesige Pranken waren zu langsam gewesen. Er hatte seine Hände während dieses kurzen Augenblicks gerade auf Höhe des Bauchnabels gebracht.

»Immer noch so ein flinkes Wiesel«, lachte Dimitri.

»Und du bist noch so schreckhaft wie ein Gaul«, konterte Gus. Die beiden Männer umarmten sich herzlich und klopften sich gegenseitig auf die Schultern.

»Was für eine Freude dich zu sehen, Brüderchen. Bist du jetzt zum Wachhund degradiert worden?«

Gus schluckte. Das Kratzen in seinem Hals war stärker geworden.

Kapitel 3

Dimitri legte seinen Arm um Haydens Schultern und schritt mit ihm den Korridor entlang Richtung Zentralmodul. Der Boden war von moosiger Konsistenz und so makellos grün, dass sich Gus jetzt schon um die Natur betrogen fühlte.

»Fühlt sich an wie Gras«, sagte Gus. Der Russe antwortete: »Soll die Leute an zu Hause erinnern. Ist so eine Kopfsache.«

Dimitri öffnete die dritte Schleuse. Ein Schott nach dem anderen war in die Wände eingelassen und alle zwanzig Meter lief eine Leiter nach unten und nach oben zu den Mannschaftsunterkünften. Wären Raufasertapeten an den Wänden gewesen, hätte man die Umgebung mit einem Hotel verwechseln können.

Nach fünf Minuten erreichten sie ihr Ziel. Das Zentralmodul war ein sechseckiger Raum, von dem aus langläufige Korridore abgingen. In der Mitte stand eine große Blondine mit verschränkten Armen. Ihr Fuß tippte rhythmisch. Sie blies eine Lockensträhne aus der Stirn.

Dimitri flüsterte aus dem Mundwinkel: »Verdammt, das ist Natascha. Warte hier einen Augenblick.«

Er verließ Gus und schritt mit ausgebreiteten Armen auf die Frau zu. Der Agent staunte nicht schlecht, als die rechte Hand wie eine Peitsche durch Dimitris Gesicht klatschte. Wieder war der Hüne zu langsam gewesen. Mit einem Ohr fing Gus ein paar Wortfetzen auf. Die Frau drehte mit erhobenem Kinn auf der Ferse um und schritt davon. Der Russe kam mit einer roten Wange zurück. Er deutete mit dem Daumen auf eine kleine Küchennische, in der ein Ecktisch aus Plastik und zwei Stühle standen. Dimitri öffnete einen Kühlschrank, fischte eine Flasche Wodka und zwei Gläser heraus. Gus dankte.

»Manchmal habe ich das Gefühl, ihr Russen habt die Raumfahrt nur deswegen entwickelt, um zu testen, wo man überall saufen kann. Was war da eben los?«

Dimitri tippte freundlich mit seinem dicken Zeigefinger gegen Haydens Stirn.

»Mund halten und trinken.«

Nach dem dritten Glas wurde Dimitri nachdenklich. Sein Daumen streichelte immer wieder über sein Kinn.

»Du hast dir keinen guten Zeitpunkt ausgesucht, um hier herzukommen.«

Gus sah seinen alten Freund ernst an.

»Hat die Walküre vorhin nicht was von schwanger gesagt?«

Der Russe grinste.

»Natascha? Nein, das sind ihre Spielchen, um mich zurück zu bekommen. Vergiss das. Ich meine etwas wirklich Ernstes.«

Dimitri schaute sich kurz um, als wollte er sich vergewissern, dass sie nach wie vor allein waren.

»Ich habe den Verdacht, dass mit diesem Projekt etwas nicht stimmt.«

Gus spitzte die Ohren.

»Betrug?«

Dimitri zog die Mundwinkel verkniffen nach oben, beugte sich nach vorne und sagte halblaut: »Es geht um Geld, das hier nicht angekommen ist. Fotos für Versicherungen, die wir nie abgeschlossen haben. Ich bin zwar nur ein einfacher Professor für Astronomie, aber mit großen Zahlen kenne ich mich aus.«

Gus zuckte die Schultern.

»Bei Projekten wie diesem hier gibt es immer jemanden, der etwas abzweigt.«

Dimitri nickte zustimmend.

»Das ist mir klar, aber nicht, wenn diejenigen, die abzweigen, hier drinnen auf dem Präsentierteller sitzen.«

Gus war wieder ganz Agent und stellte sein Glas auf den Tisch.

»Hast du Angst, dass bei der Live-Übertragung etwas schiefgeht?«

Dimitri wiegte sich hin und her.

»Keine Ahnung.« Er trank sein Glas leer und danach das von Gus. Sein verschmitztes Lächeln kehrte zurück.

»Ach weißt du, vergiss einfach, was ich gesagt habe. Es ist sicher die allgemeine Aufregung vor dem großen Tag morgen.«

Dimitri wechselte das Thema, bevor Gus weiter darüber nachdenken konnte:

»Hey, du wirst nie erraten, wer noch hier ist. Kannst du dich an FangFang erinnern? Die kleine Biologin, die wir bei der Überwinterung im Polareis dabeihatten? Vor fünf Jahren war das, nicht?«

Gus’ Gesicht wurde länger. Natürlich konnte er sich erinnern. Vor seinem geistigen Auge zogen ein paar heiße Szenen vorbei, die er im kalten Eis erlebt hatte. Sie hatten sich gut verstanden, ein paar Mal miteinander geschlafen und naturgemäß versprochen, in Kontakt zu bleiben. Eine ganz normale Affäre eben, die aus der Zweckgemeinschaft entstanden war. Aber insgeheim war sie nie aus seinen Träumen verschwunden. Natürlich, er hegte  Gefühle für FangFang, doch es gab dieses Problem. Sie war ihm einfach zu ähnlich. Eitel, eingebildet und dazu noch stur. Daher wollten nur die Worte »Sieh mal einer an« über seine Lippen kommen. Genau wie der Raumflug waren Gus Frauen nicht geheuer. Beide benötigten perfekte Logistik, ansonsten bargen sie unkontrollierbare Risiken.

Dimitri boxte seinem Freund leicht gegen die Schulter. »Willst du mal was richtig Cooles sehen?«

Gus’ Augen leuchteten, denn wenn der Russe dieses Wort verwendete, dann bedeutete es etwas Großes. Als Dimitri ihm damals auf dem Mars das Leben gerettet hatte, waren die ersten Worte, die Gus nach dem Aufwachen vernahm: »Brüderchen, jetzt hast du eine richtig coole Geschichte zu erzählen.« Er dehnte den Satz damals ins schier Unendliche. Gus konnte ihm nicht böse sein. Nie. Auch heute nicht. Daher nickte er aufgeregt wie ein Schuljunge, der erfahren hatte, dass es in den Ferien auf einen Trekking-Trip zum Mond ging.

Kapitel 4

Sie verstauten Gus‘ Gepäck in einer kleinen Kammer, die nach Sake stank. Dimitri zog das Türschild »Yamamoto Kame, Ingenieur« ab und steckte »Augustus Hayden, Sicherheit« an. Die beiden Männer krochen über eine Leiter drei Decks nach unten, vorbei an weiteren endlosen Gängen.

»Sag mal, wie groß ist diese Station eigentlich?«

Dimitri, der unter ihm hallend auf jede Stufe trat, antwortete:

»Keine Ahnung. Seit ich hier bin, wurde daran nicht mehr weiter gearbeitet. Ich nehme mal an, dass du hier an die dreihundert Leute unterbringen und versorgen kannst. Soll einmal eine fliegende Stadt werden.«

Gus brummte sichtlich beeindruckt, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie das quallenartige Gebilde zu einer Stadt ausgebaut werden sollte.

Sie kamen in einen Raum, der nach allen Seiten hin mit Glas verschalt war. Der Gestank nach Schwefel war hier stärker, doch der atemberaubende Ausblick machte das wett. Durch den gläsernen Boden sah Gus, wie die Wolkendecke in Wirbeln vorbeizog. Wie ein Fluss mit weißem Schlamm. Kleine elektrische Entladungen, Mikro-Blitze, färbten die Wolkenwände ständig neu ein.

»Als stünde man in einem Regenbogen«, flüsterte Dimitri ehrfürchtig. Gus stimmte nickend zu.

In der Mitte des Raumes standen zwei gewaltige Druckanzüge auf Podesten. Ihre Bauart und das Gewicht hielten sie ohne Hilfsmittel aufrecht. Dimitri lehnte sich an einen der beiden, und obwohl der Russe mit seinem Gardemaß ein Riese war, so war er um ein gutes Stück kleiner als diese Raumanzüge.

»Das hier ist Alice«, sagte er schmunzelnd, während er mit der Faust auf die metallene Brustfläche klopfte.

Gus lachte: »Lass mich raten. Du bist der weiße Hase.«

Dimitri öffnete ein paar Verschlüsse und drehte an einem halbkugelförmigen Glasvisier. Das Ganze wirkte wie ein Druckanzug für Tiefseetaucher. Die Gelenke waren kugelförmig und an den Armen waren Greifscheren angebracht.

»Pass auf, hier in 55 Kilometern Höhe ist der Druck so hoch wie auf der Erde, also etwa ein Bar. Unten auf der Oberfläche ist er ungefähr so hoch wie einen Kilometer unter der Meeresoberfläche, also etwa 96 Bar.« Dimitri machte eine Faust.

»Das zerquetscht dich innerhalb einer Sekunde.« Er schnippte mit den Fingern und lachte.

Dimitri machte sich wieder an Alice zu schaffen. Gus sah ihm interessiert zu und lauschte, als er weiter dozierte.

»