Unter dem Flammenbaum - Nicola Vollkommer - ebook

Unter dem Flammenbaum ebook

Nicola Vollkommer

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Opis

Afrika: Das sind die Klänge und Düfte der Kindheit, die Nicola Vollkommer nie vergessen wird. Das ist die Geschichte einer Familie, die zwischen die Fronten eines Bürgerkriegs geriet. Vollkommer erzählt von ihrem Vater, der dazu beitrug, dass zahllosen Afrikanern das Leben gerettet wurde. Von ihrer Mutter, die ihren Kindern Lebensfreude und Glaubenszuversicht weitergab. Und von ihrem größten Trauma: der Trennung von Afrika und dem Leben in einem englischen Internat.

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ISBN 978-3-7751-7174-8 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5250-1 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

2. Auflage 2013

© der deutschen Ausgabe 2010SCM Hänssler im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Witten.Die englischen Bibelverse wurden entnommen aus: King James Version, Bibelübersetzung

Umschlaggestaltung: Jens Vogelsang, AachenTitelbild: istockphoto.com; shutterstock.comSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Inhalt

Vorwort

Prolog

»Nigeria? Wo ist denn das?«

Flamme des Waldes

Kinderparadies aus Staub und Sand

Mister Cheap-Cheap

Ein Pferd tanzt den Tango

Abschied: Spuren der Erinnerung

Briefmarken und Schildkröten

Deutsch- und Hundeschule auf Afrikanisch

Mrs Prescott's Academy

Gewitterwolken über Bukuru

Anarchie

Unter seinen Flügeln

Alltag unter Wolken

Abschied: Hochzeit unter Wolken

Ins Land der Bibel

Spuren des Kreuzes

Abschied: Kofferpacken für die Ewigkeit

Regen auf dürres Land

Die Welt der Lehrer und Missionare

Tränen auf dem Erntefeld

Nägel mit Köpfen

Zwischen Liebe und Hass

Abschied: Ein Albtraum, der nicht enden will

»Wo gesungen wird, lass dich nieder«

Zuwachs im Familienzoo

George, der Festtagsbraten

Weihnachten im Busch

Zerbrechlichkeit des Lebens

Krisenmanagement auf Afrikanisch

Veränderungen

Abschied: ein Gänseblümchen für so viel Liebe

Birtfield lässt grüßen

Ernst des Lebens

Alltag in einem Herrenhaus

Trennungsschmerz

Abschied: Versöhnung mit Birtfield

Warten

Omolara rächt sich

Licht am Ende des Tunnels

Zurück in die Dunkelheit

Zwei Welten und das dazwischen

Abschied: Eine Stimme aus der Vergangenheit

Teenager und Tanzflächen

Königshausfieber

Königlicher Besuch

Gott taucht wieder auf

Beten in Birtfield

Abschied: Und das Wunder geschieht nicht

Eine Zukunft wird geschmiedet

Krokodile und Staudämme

Es wird ernst

Umbruch

Abschied von Vom Road

Abschied: Zeugen einer vergangenen Welt

Nachklapp

Abschied: Jenseits von Schmerz und Zeit

Quellenverzeichnis der Lieder

Bildteil

Anmerkungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Vorwort

Es sind die Widrigkeiten – nicht die Höhenflüge – des Lebens, die aus Menschen Helden machen. Meine Mutter hatte nicht wenige Widrigkeiten in ihrem Leben. Kurz vor ihrem Begräbnis Anfang September 1988 saß ich an ihrem Schreibtisch, umgeben von diversen Überbleibseln eines bis zum Schluss bewegten Lebens – ihren abgestumpften Bleistiften, Erinnerungszetteln in verschiedenen Größen und Formaten, Zeichnungen und Aufschrieben. Ich überflog die zahlreichen Karten und Beileidsbezeugungen, die seit der Nachricht ihres Todes täglich durch die Tür meines Elternhauses geschoben worden waren. Erst in diesen Augenblicken wurde es mir klar, zu welch außerordentlicher Frau ich 29 Jahre lang »Mummy« sagen durfte.

Diese Geschichte ist eigentlich ihre Geschichte, und auch die meines Vaters, an dessen Seite meine Mutter mitten im moralisch trüben Zwielicht des postkolonialen Westafrikas mit einer Tapferkeit und Integrität lebte, die für sie persönlich nicht immer vorteilhaft war. Nach dem eigenen Vorteil zu suchen war aber nie ihr Ziel. Die gleiche Standhaftigkeit kennzeichnete sie im Laufe des fünfjährigen Krebsleidens, das ihrem Leben nach der Rückkehr von Afrika ein viel zu frühes Ende setzte. In den 19 Afrikajahren, wie in den acht kurzen Jahren danach, war es meinen Eltern nicht bewusst, wie genau drei junge Augenpaare jede ihrer Bewegungen verfolgten und im Gedächtnis speicherten, und wie sehr sie unser Leben auch über lange Trennungen hinweg prägten. Manches, was diese Augen gesehen haben, ist in diesem Buch in einer Reihe von Momentaufnahmen dokumentiert. Einige Namen von noch lebenden Personen und den Namen des englischen Internats habe ich geändert.

Fehlerfrei war meine Mutter natürlich nicht, auch nicht ohne Widersprüche. Aber authentisch war sie immer, eine Frau, die ihr Leben an klaren christlichen Werten und nicht an Lustprinzipien entlangführte.

Dieses Buch ist meiner Mutter in großer Liebe und Wertschätzung gewidmet und auch meinem Vater, dessen Gedächtnis und Memoiren ich für vieles, vor allem in den Anfangskapiteln der Geschichte, ausgiebig plündern durfte. Momentaufnahmen von der Zeit des Abschieds von meiner Mutter bilden einen roten Faden durch die Geschichte hindurch. Mein Dank gilt auch Tanya und Andrea, die mich mit einer Fülle lustiger Anekdoten aus unserer ungewöhnlichen Kindheit versorgten und die nicht nur geliebte Schwestern sind, sondern auch meine besten Freundinnen.

Reutlingen8.3.2010

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Prolog

Vier spindeldürre Beine, von der Sonne dunkel gebräunt, hingen nebeneinander von einem hohen Stein herunter. Der Stein lag unter einem Palasabaum, von den Engländern dank seiner spektakulären roten Blütenpracht »Flame of the Forest« genannt, und er bot in der sengenden Hitze eines afrikanischen Nachmittags den einzigen Schatten weit und breit. Vier Füße, die, verstaubt und dreckig wie sie waren, noch wenig Bekanntschaft mit Schuhen gemacht hatten, baumelten hin und her gegen den Stein. Eine einsame Fliege zog ihre Kreise und bewegte sich schläfrig von Blatt zu Blatt zwischen den roten Blüten des Baumes. Eine Eidechse, perfekt getarnt auf dem grauen Hintergrund eines Felsbrockens und nur aus der Nähe sichtbar, blickte schlaftrunken durch einen Augenschlitz, während sie sich sonnte. Sie lag absolut still. Nur ein leichtes Pulsieren unter der hauchdünnen, befleckten Haut auf ihrem Rücken verriet, dass sie lebte.

»Wie wär's mit ›Fliegen nach England‹?«

»Nein, das haben wir schon so oft gespielt. Ich will nicht nach Engelant fliegen.«

»England heißt es, Nicky. Baby schläft und ich soll schauen, dass du nicht zu viel Lärm machst.«

Das kleinere der beiden Mädchen sprang vom Stein herunter.

»Ich weiß! Spielen wir ›afrikanische Mamas‹. Das ist ruhig. Ich bin Mama Lossofa und du machst mich schwarz und meinen Kopf kringelig!«

Das zweite Mädchen sprang auch herunter.

»Ja, aber dieses Mal dürfen wir dein Gesicht nicht mit Blumenerde afrikanisch machen. Das letzte Mal gab es Ärger mit Mummy!«

»Aber nicht, weil mein Gesicht dreckig war. Nur weil wir ihre Blumenerde geklaut hatten. Wir waschen sie nachher ab und kippen sie zurück in die Blumen!«

Die zwei kicherten und rasten in die Seitentür des nahegelegenen Bungalows. Nach kurzer Zeit erschienen sie wieder an der Haupttür auf der anderen Seite des Hauses, mit großen Handtüchern und Puppen unter dem Arm. Bald darauf blickten sich zwei mit Blumenerde verschmierte Gesichter – die allerdings nur wenig afrikanisch aussahen – vergnügt an. Zwei Puppen wurden auf zwei Rücken gehievt und mit einer Decke um den Bauch der jeweiligen »Mama« festgebunden.

»Reib doch Blumenerde in meine Haare hinein, Tanya! Sie müssen noch schwarz werden!«

»Willst du wirklich? Dann gibt es aber eine Sauerei. Komm, ich binde dir lieber ein Tuch um den Kopf. Das sieht auch wie Mama Lossofa aus.«

»Egal. Hauptsache, ich muss nicht nach Engelant fliegen.«

»Es heißt England, Nicky!«

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

»Nigeria? Wo ist denn das?«

Es sind oft die zufälligen Augenblicke des Alltags, die die Düfte und Klänge Afrikas zurückholen und zu neuem Leben erwecken. Dann öffnen sich unaufhaltsam ganze Panoramen, eine afrikanische Sinfonie, die auch nach all den Jahren nie aus meinem Bewusstsein gewichen ist. Das Zirpen von Grillen an einem lauen Sommerabend, der schwüle Duft von Regen auf ausgedörrtem Boden, der Klang einer geliebten Melodie, das laute Hupen eines Autos, das sich den Weg durch Menschenmassen bahnt: Dies alles ist fest eingebrannt in meinen Erinnerungen, abrufbar wann immer das Leben Gelegenheit dazu bietet. Und dann, unvermeidlich, das plötzliche, instinktive Bedürfnis, mit meiner Mutter zu reden. Doch sie ist nicht mehr da, seit 21 Jahren schon nicht mehr.

»Willst du denn nicht wieder zurück?«, fragte mich neulich eine Freundin.

»Ich glaube, ich würde es nicht ertragen«, sagte ich nachdenklich.

»Und warum nicht? Du schwärmst doch so sehr von Afrika!«

Für das »Warum nicht« war es schwer, eine Antwort zu finden. Es ging hier um viel mehr als nur um einen Ort. Afrika bleibt in meinem Gedächtnis mit ihr, meiner Mutter, untrennbar verbunden. Nigeria war ihre Welt. Ein einziger Blick auf die elegante Oleanderallee neben der Pferdekoppel, auf die blühenden Frangipani- und Hibiskus-Büsche, umgeben von Lantanenhecken, deren winzige Blüten wir ineinandersteckten, um Blumengirlanden für unsere Puppen zu machen – und ich würde unwillkürlich ihr schallendes, fröhliches Lachen wieder vernehmen, das zu dieser Umgebung einfach dazugehörte. Oder ich würde darauf warten, dass sie jeden Augenblick mit einem Pferd am Halfter um die Ecke kommt, oder mit einer riesigen Gießkanne in der Hand auf einen der farbenfrohen Dahlientöpfe zugeht.

»Und schließlich hat sich auch Bukuru verändert«, seufzte ich, »und gehört jetzt einer neuen Generation. Ich will es aber als das in Erinnerung behalten, was es für uns Kinder damals war: So etwas wie ein Paradies.«

Und dies, obwohl sich die Kleinstadt Bukuru in Nordnigeria auf den ersten Blick kaum als romantische Kulisse für ein tropisches Abenteuer eignen würde. Elefanten und Löwen gab es nur in einem entfernten Safaripark. Das Interessanteste, was die trockene, spärlich bewachsene Savannen-Landschaft zu bieten hatte, war eine gelegentliche Kobra, eine Menge abgemagerter Kühe, ein Rudel verwahrloster Hunde, massenweise Eidechsen, Autowracks, die an den Straßenrändern vor sich hin rosteten und nie entsorgt wurden, und vor allem Müll. Müll und Gestank ohne Ende. Sonst nur lehmiger, steiniger Boden. Mit Recht behielt meine Mutter ihre kostbare Blumenerde scharf im Blick mit dem Eifer eines Schatzmeisters, der ein unbezahlbares Wertobjekt bewacht. Guter Boden war Kapital, auf das sie nicht verzichten wollte.

Für meinen englischen Vater war diese Afrikareise ursprünglich nicht wesentlich mehr als eine vielversprechende Station auf der Karriereleiter als Finanzberater. In England herrschte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Aufbruchstimmung. Meine Großeltern, die sich durch Fleiß, Geschick und mit einer Portion Glück aus den Armenvierteln Leicesters im industriellen Mittelengland emporgearbeitet und es zu einem wohlhabenden Leben im bürgerlichen Vorort gebracht hatten, gehörten zu den glücklichen Eltern, die zwei erwachsene Söhne unversehrt von den Schlachtfeldern Europas und Asiens in der Heimat zurückempfangen durften. Ihr ältester Sohn, John, von uns »Uncle Jack« genannt, hatte während des Krieges als Marinesoldat auf verschiedenen Schiffen der »Royal Navy« gedient. Nach seiner Rückkehr bereitete er sich auf eine neue Auslandsreise vor, die die Erfüllung seines Jugendtraums bedeutete: In den Schneewüsten Nordkanadas wollte er als Missionar unter den Eskimos leben.

Mein Vater Roy war als junger Infanterist nach Japan gesandt worden – spät genug allerdings, um nicht in die Kampfhandlungen hineingezogen zu werden, in denen Tausende britische Soldaten ihr Leben verloren hatten. Heimatverbunden wie er war und ohne irgendeinen Hang zu Abenteuern richtete sich »Roy-Boy«, wie er von seiner Mutter – die ihn über alles verehrte – genannt wurde, sein Leben in Leicester ein. Zunächst deutete nichts darauf hin, dass er sein Glück jemals in der Fremde suchen könnte. Nicht ohne einen gewissen Argwohn nahm es sein Umfeld auf, als er sich Hals über Kopf in eine junge Krankenschwester aus Deutschland verliebte, die nach Leicester gekommen war, um in der dortigen renommierten Klinik eine Zusatzausbildung zu absolvieren. Alles, was irgendwie Deutsch anmutete – wie auch die eindeutigen deutschen Untertöne in Hella Tauchers englischer Sprache – löste in der britischen Seele der 50er-Jahre eine sofortige Reaktion von Abscheu aus.

Hella hatte die Strapazen des Krieges auf der deutschen Seite als junges Mädchen heil überstanden. Sie war lebhaft, hübsch, und für eine Fluchtmöglichkeit aus dem tristen Nachkriegs-Deutschland mehr als offen. Nachdem sie in der Kirchengemeinde, zu der beide gehörten, den jungen, attraktiven Roy getroffen hatte, war Deutschland bald Vergangenheit – außer für die Hochzeit, die im April 1957 im malerischen Sankt-Goarshausen am Rhein im Kreis der deutschen Verwandtschaft stattfand. Als sich das Paar schließlich in ein Häuschen in einer von hohen Linden überschatteten Allee im kleinen Dorf Bushby am Rande Leicesters niederließ und eine kleine Familie gründete, atmete die Verwandtschaft auf: Das britische Durchschnitts-Bürgertum schien auch im Leben des jungen Paares Fuß zu fassen.

Allerdings nicht für lange Zeit.

Meine Mutter hatte die Kriegsjahre ganz anders als ihr Ehemann erlebt. Sie war in der abgelegenen Küstenidylle Ostpommerns aufgewachsen, im Gutshaus »Palzwitz«, das ihre Familie seit Generationen als Domäne von den preußischen Königen gepachtet hatte und in deren Auftrag bewirtschaftete. Dort züchtete man seit Generationen Pferde und Rinder, schlachtete Schweine und bestellte Felder, ohne viel von den politischen Ereignissen des deutschen Reiches mitzubekommen. Aber auch Palzwitz wurde im Frühling 1944 von den Rachezügen plündernder russischer Truppen heimgesucht. Für Millionen folgten in dieser Zeit Flucht oder Tod oder beides. Für meine Mutter, die mit ihren 14 Jahren zusammen mit ihren Geschwistern auf eines der letzten Schiffe gesetzt wurde, das vor dem Zusammenbruch Ostpommerns gen Westen ablegte, bedeutete dies den Verlust der geliebten Heimat, den grausamen Abbruch einer glücklichen Kindheit, und – am allerschlimmsten – den Abschied von einem vielgeliebten Vater, der das Arbeitslager der Russen nicht überleben sollte. Sie stand für eine ganze Generation, die nach dieser kollektiven Tragödie nicht in den Genuss von Trauma-Behandlungen, psychologischer Begleitung oder großen Entschädigungssummen kam, sondern auch nach Ende des Krieges mit großer Mühe um eine gesicherte Existenz ringen musste.

Meine Mutter gab später zu, dass sich die Sehnsucht zurück nach ihrer verlorenen Heimat wie ein roter Faden durch den Rest ihres Lebens zog. Palzwitz stand für den nie endenden blauen Himmel, Sand so fein wie Puder an langen, breiten Ostseestränden, endlose Weite, Naturverbundenheit, Pferdekoppel und Wildnis. Die graue, einengende Mittelmäßigkeit eines Lebens in einem städtischen Vorort Großbritanniens konnte deshalb höchstens eine Zwischenstation in ihrem Leben sein. Ihre Seele drängte sie in die große Weite zurück.

Schon kurz nach der Geburt seines zweiten Kindes hatte mein Vater begonnen, Stellenanzeigen für Tätigkeiten im Ausland aus der Zeitung auszuschneiden. Was ihn dazu trieb – ob es der Einfluss meiner Mutter war oder doch ein Rest von Fernweh, durch die Kriegsjahre ausgelöst – wusste er selber nicht so recht. Als er schließlich ein lukratives Angebot eines Finanzmaklers in Leicester ausschlug, um sich für zwei Jahre nach Afrika zu verpflichten, waren meine Großeltern zutiefst entsetzt.

»Nigeria? Nie davon gehört! Wo in aller Welt ist das?«

An diesen Satz mussten sich meine Eltern schnell gewöhnen. Die meisten Briten kannten Kenia und Südafrika, aber das war es dann.

»Stell dir eine Karte von Afrika vor, ok?« So fing die Standardantwort an. »Oben hast du die bekannte Küstenreihe zum Mittelmeer – Marokko, Tunesien, Libyen, und ganz rechts Ägypten.«

Bis dahin war meistens alles klar.

»Darunter gibt es nur Wüste, die Sahara, im Atlas meist gelb. Und unter dieser Wüste gibt es noch eine Reihe mit einer südlichen Küste, von links nach rechts. Und eine Einbuchtung. Fangen wir links an. Liberia, Ghana, Togo, Benin (das damals allerdings noch Dahomy hieß und später umbenannt wurde – Anm. der Autorin) und dann Nigeria. Dann kommt so etwas wie ein Knick auf der Landkarte, die Küste wendet sich nach Süden, bis nach unten – und da haben wir Südafrika. Links an diesem Knick findest du Nigeria.«

Bukuru liegt auf einer großflächigen Hochebene (»Jos Plateau« genannt) in der Nähe der Landeshauptstadt Jos in Nordnigeria, in jüngsten Jahren mehr für blutige Ausschreitungen zwischen Muslimen und Christen als für ihre angenehme Landschaft bekannt. In den 60er-Jahren behielten die Briten trotz Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1960 – zumindest in der Handels- und Geschäftswelt – das Kommando. Eine ihrer Errungenschaften war es, die schöne Landschaft des »Plateau«-Staats mit ihren Zinnbergwerken zu zerschneiden. Die schweren Maschinen der weißen Einwanderer rissen mit einem ohrenbetäubenden Dauerlärm klaffende Gräben durch die Wüstenlandschaft und ließen sie dadurch noch unwirtlicher und skurriler erscheinen, als sie es ohnehin war. Für die Einwohner des Plateaus bedeuteten diese unansehnlichen Wunden in der Landschaft allerdings Brot. Dort, wo sich Europäer mit ihrem Wissen und ihrer modernen Technik niederließen, gab es auch für die örtliche Bevölkerung Arbeit. Menschen, die um ihr blankes Überleben kämpfen müssen, haben wenig für saubere Luft, Öko-Wälder, Bio-Wiesen und friedliche Naturpfade übrig.

Für das kleine Unternehmen, das den Strom für die Bergwerke erzeugte, sollte mein Vater nun zwei Jahre lang die Finanzen bestellen. Nicht nur das Zinngeschäft profitierte von der zuverlässigen Stromerzeugung der »Nigeria Electricity Supply Corporation GmbH« – abgekürzt »Nesco«. Das ganze Jos-Plateau wurde nach und nach, dank dieser Firma, zum einzigen Teil Nigerias, vielleicht sogar ganz Afrikas, in dem man auch mitten in der Nacht den Lichtschalter betätigen oder den Kühlschrank aufmachen und mit einem positiven Ergebnis rechnen konnte.

Im Frühjahr 1960 reiste mein Vater voraus, um zu prüfen, ob wir so etwas wie ein normales Familienleben in dieser nicht gerade einladenden Ecke Afrikas würden führen können.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Flamme des Waldes

»Ich hoffe, Liebling, du bist nicht schockiert, wenn du hier ankommst. Denn wir haben es hier ganz bestimmt nicht mit der Afrikaromantik aus den Bilderbüchern zu tun. Die Landschaft ist wenig spektakulär, eher spröde und wüst, die Luft ist aber trocken und angenehm – deswegen machen viele Leute hier auf dem Plateau Urlaub. Eine Klimaanlage brauchen wir nicht.

Das Haus ist geräumig und bequem, mit einem großen eingezäunten Gelände draußen. Ideal für Kinder. Es wird dir gefallen, und der Garten ist ausbaufähig. Auf die Blütezeit des Palasabaumes (der direkt vor dem Haus steht) von Januar bis März können wir uns freuen. Der Baum soll ein richtiger Blickfang sein, ein Meer aus feurig-roten Blüten. Er wird ›Flamme des Waldes‹ genannt. Man kann frisches Gemüse auf dem Markt kaufen, und du kannst jederzeit einen Dienstwagen samt Fahrer von der Firma haben, wenn du nach Jos in das europäische Einkaufsviertel fahren willst. Ich schaue nach guten Hausangestellten. Musa, der sich jetzt um mich kümmert, ist von der Firma provisorisch ›ausgeliehen‹. Jede weiße Familie hat einen ›Houseboy‹ und einen ›Cook‹, auch die Missionare – gerade die Haushaltsstellen sind bei den Afrikanern sehr begehrt.«

Der erste Brief meines Vaters hörte sich vielversprechend an. Er erzählte auch von dem Missionarsehepaar, das er in der kleinen afrikanischen Gemeinde in Bukuru kennengelernt hatte, und das ihn sofort zu sich nach Hause eingeladen hatte. Und natürlich von der Arbeit in der Firma, in der er am Anfang nur mit Büroarbeit und Gehälteraufsicht beschäftigt war, aber bald immer mehr Verantwortung übernehmen durfte.

»Eigentlich sind wir hier fast in der Wüste, da Bukuru in den südlichen Ausläufern der Sahara liegt. Selbst aus dieser harten Erde holen die Menschen genug Nahrung für Maisplantagen, und davon leben die meisten Dorfleute – gerade noch. Eine Maissorte mit dem Namen ›Acha‹ ist das Grundnahrungsmittel.

Gefährlich wird es hier nicht sein. Der Übergang läuft friedlich und politisch scheint alles in bester Ordnung zu sein. Ich bin, ehrlich gesagt, erleichtert. Hier werden wir ein ruhiges und geordnetes Familienleben aufbauen können, ähnlich wie in England – nur viel mehr Freiheit, viel mehr Platz.«

Es sollte nur noch sechs Monate dauern, bis Nigeria 1960 seine Unabhängigkeit von der britischen Krone und damit von der Kolonialherrschaft endgültig vollziehen würde. Und dieser Prozess war, anders als in anderen afrikanischen Ländern, bisher ohne Blutvergießen verlaufen. Die ausscheidenden Kolonialpolitiker Nigerias klopften sich mit pompöser Genugtuung gegenseitig auf die Schulter und ernteten auch in der Heimat eine Menge Beifall.

Mein Vater erzählte von den verschiedenen Volksgruppen Nigerias. Etwa 300 gab es insgesamt. Die Haussas und Birom waren die Hauptstämme des muslimisch geprägten Nordens Nigerias. Dazu kamen die Fulanis, ein Nomadenstamm, der mit seinem Vieh von Ort zu Ort wanderte. Diese abgehärteten Tiere meisterten mit Bravour die mühsame Kunst, sich an den stacheligen, ausgetrockneten Weideplätzen zu ernähren und sogar Milch zu produzieren, die von den Fulanis auf den örtlichen Märkten verkauft wurde. Auf diese Weise bestritten die zähen, witterungsresistenten Nomaden ihre magere Existenz. Afrika war eben der Kontinent, auf dem man lernte, aus dem Nichts etwas zu machen.

Aus der Sahara zogen immer wieder Gruppen von Tuareg-Migranten nach Süden. Diese dunkelhäutigen Araber mit ihrer imposanten Gestalt eigneten sich perfekt als Wächter für die Produktionsgelände, Siedlungen und Häuser der Europäer. Das Knirschen der schweren, langsamen Schritte dieser furchterregenden Männer auf den Kieselsteinen gehörte, zusammen mit den Schreien der verwaisten Straßenhunde, zu den unvergesslichen Geräuschen einer stockfinsteren afrikanischen Nacht. Wir haben diese Männer nie reden oder lachen gehört.

Südnigeria war hauptsächlich vom uralten Stamm der Yorubas bewohnt, berühmt für seine Kampfkünste und durch Einflüsse aus Europa und Amerika christlich geprägt. Aus Ostnigeria wanderten immer mehr Gruppen von ebenso westlich orientierten Ibos in die nördlichen Gebiete ein, auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand. Wie viele andere afrikanische Länder war auch Nigeria ein künstliches Gebilde, dessen Konturen von britischen Kolonialfunktionären um den »Tea Table« herum oder – noch wahrscheinlicher – bei einer lockeren Gin-and-Tonic- oder Sherryrunde anhand einer Landkarte willkürlich umrissen wurden – ohne Rücksicht auf religiöse, sprachliche oder kulturelle Unterschiede der verschiedenen Volksgruppen. Weil es dazu noch das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas war, war Nigeria schon zur Kolonialzeit ein potenzieller Unruheherd von brodelnden ethnischen Spannungen.

Nach all diesen vielversprechenden Beschreibungen meines Vaters musste meine Mutter nicht lange überredet werden, nach der ausgemachten dreimonatigen Probezeit ihres Mannes die Koffer zu packen, das Haus im englischen Bushby zur Miete freizugeben, mit zwei kleinen Kindern an der Hand ins Flugzeug zu steigen und in die unbekannte Ferne zu fliegen.

»Flamme des Waldes«, flüsterte sie, als sie von ihrem Fensterplatz im Flugzeug auf die schwindenden Lichter Londons herniederblickte, während zwei kleine Mädchen in den Sitzen neben ihr schon fest schliefen, »wenn das nicht verlockend klingt …«

Ende Juli 1960 begann unser Afrikaabenteuer.

[Zum Inhaltsverzeichnis]

Kinderparadies aus Staub und Sand

Von den landeskundlichen Hintergründen und Erfahrungsberichten, die unser Vater sammelte, bekamen wir Kinder erst einmal nichts mit. Auch nichts von den folgenschweren Hinterlassenschaften eines hemdsärmeligen britischen Kolonialismus, in den wir als Familie mit blauäugiger Naivität hineinspazierten. Wir Kinder, das waren meine zweijährige Schwester Tanya und ich, gerade mal 15 Monate alt. Eigentlich hätten wir Zwillinge sein können, so eng war die Verbundenheit, mit der wir uns aufmachten, unsere neue Umgebung im untrennbaren Doppelpack auszukundschaften. An ein Leben vor Nigeria erinnerten wir uns bald nicht mehr. Es hatte ja lediglich aus den wenigen Monaten bestanden, die wir in Bushby verbracht hatten und die auf ein paar unscharfen schwarz-weißen Babybildern dokumentiert waren. Es war eine Art graue Vorzeit, in der man unter regenbedeckten Himmeln Wollmützen, dicke kratzige Strümpfe und Schuhe getragen hatte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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