Trümmerfrauen - Helmut Clahsen - ebook

Trümmerfrauen ebook

Helmut Clahsen

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Opis

Unvorstellbares Leid erlitten alle Frauen in den furchtbaren Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges. Auch in Aachen war der plötzliche Tod zu jeder Tages- und Nachtzeit allgegenwärtig. Angst, Hunger, Bespitzelung und Verrat, meist durch die eigenen "Volksgenossen", waren an der Tagesordnung. Nach dem Krieg waren es zuerst wieder die Frauen, die Straßen und Plätze in Schwerstarbeit von Kriegstrümmern befreiten, grausamen Hunger ertrugen, Kinder aufzogen und auf vielfach abenteuerliche Weise die grauenhafte Not zu überleben versuchten.

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Helmut Clahsen

Trümmerfrauen

Angst, Not, Leid und Tod in Aachenwährend und nach dem 2. Weltkrieg

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung

sowie das Recht der Übersetzungen, vorbehalten.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form - durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren - ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder durch Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, gespeichert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Titelillustration:

Trümmerfrauen Berlin, Jägerstraße

aus Wikipedia / Cürlis, Peter CC-BY-SA-3.0-de Bundesarchiv Bild 183-H29659

Impressum

© Copyright 2014 by

Helios Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft

Postfach 39 01 12, 52039 Aachen

Tel.: (02 41) 55 54 26; Fax: (02 41) 55 84 93

eMail: [email protected]

www.helios-verlag.de

Bitte fordern Sie beim Verlag aktuelle Informationen zu lieferbaren Titeln an.

Die Printversion erschien 2014 im Helios-Verlag, Aachen,unter der ISBN 978-3-86933-121-8

eISBN 978-3-86933-175-1

Inhalt

Trümmerfrauen

Nachwort

Trümmerfrauen

Seit Stunden saß Rosemarie am Fenster der Küche, die gleichzeitig auch Wohnraum war und stopfte zum xten Mal Hildes lange wollene Strümpfe. Dass sie das so oft machen musste lag an der allgemeinen Notlage.

Damit die Armut nicht so augenscheinlich wurde – kleine Mädchen sind eitel und laufen nicht gerne mit plump gestopften und geflickten Sachen herum –, stopfte Rosemarie sehr sorgsam, fast schon kunstvoll und stickte anschließendmit bunten Wollresten kleine Verzierungen auf die Stopfen. Kleine Blumen, Dreiecke, auch manchmal, meist auf die Kniepartie, kleine Gesichter.

Hilde, die recht still und für sich in ihrer ‚Puppenwohnung, der Nische zwischen Küchenschrank und der Wand zur Schlafkammer mit Lena, ihrer einzigen, geliebten, von Oma Erna gebastelten Damenstrumpf-Puppe gespielt hatte, kam zu Rosemarie und wollte kuscheln.

Rosemarie legte Nadel und Faden beiseite und Hilde legte sich bäuchlings auf Mamas Schoß. Hilde genoss Mamas Hand, die ihren Rücken streichelte.

Immer und immer wieder strich Rosemaries Hand über den mageren Rücken ihrer achtjährigen Tochter. Jede Rippe des Kindes fühlte sie. Sie ist zu klein geblieben, zu mager meine Kleine, dachte Rosemarie. Kein Wunder, bei der mangelhaften Ernährungslage.

Hilde richtete sich auf, kletterte auf Mamas Schoß, sah ihr in die Augen und fragte: „Was wünscht du dir am aller aller meisten, Mama?“

Erstaunt sah Rosemarie ihre Tochter an und drückte sie liebevoll an sich.

„Was soll ich sagen? Wie kommst du denn darauf?“

„Ist doch egal. Sag‘ schon Mama, komm, sag schon“, bettelte Hilde.

Rosemarie strich ihr zärtlich über die Haare und seufzte. Sie neigte den Kopfund legte ihre Wange auf die Haare des Kindes. Ganz leise sagte sie: „Ach, mein Schatz. Ich habe so viele ganz wichtige Wünsche, ich weiß gar nicht, was ich mir am aller meisten wünsche.“

„Sag doch“, forderte die Kleine und zappelte ungeduldig auf Rosemaries Schoß.

Sirenen ertönten und enthoben Rosemarie einer Antwort.

Fliegeralarm! Ein zigfach ausgeführtes, eingeübtes Programm, fast schon ein Ritual dieser Zeit begann.

Hilde zog ihren dicken roten Wintermantel an, den sie bei einer Kleiderkammer bekommen hatte, als sie das letzte Mal ausgebombt waren. Sie nahm eilig ihre Puppe aus dem Puppenbett – einem alten Schuhkarton, in dem einmal Papas Sonntagsschuhe verwahrt worden sind –, ergriff die Aktentasche, die immer auf einem Stuhl neben der Türe zur Wohnung bereit stand und wichtige Papiere enthielt, wie Mama ihr gesagt hatte.

Rosemarie war unterdessen in die Schlafkammer geeilt um Adolf zu wecken und anzukleiden. Der Vierjährige schlief mittags meistens eine, manchmal auch zwei Stunden.

Danach zog sie ihren Opossum-Mantel an. Hans hatte ihr den Pelzmantel 1940 aus Frankreich mitgebracht. Nach dem Westfeldzug hatte er acht Tage Urlaub bekommen und sie, neun Monate später Adolf. Damals hatten sie noch eine schöne große Wohnung in der Pontstraße. Aber seit Göring Meier hieß, war der Krieg nach Deutschland gekommen. Zweimal schon, hatten die feindlichen Bombengeschwader ihr alles genommen. Das nackte Leben und was sie auf dem Leib trugen hatten sie behalten.

Oma Erna war seit dem letzten Bombenangriff schlimmer dran. Sie hat auch noch ein Bein verloren.

Immer noch heulten die Sirenen. Hilde war schon die Treppe hinunter unterwegs. Rosemarie folgte ihr mit dem quengelnden, im Schlaf gestörten Adolf an der einen und einem kleinen festen Koffer mit Wäsche und ein paar anderen liebgewordenen Utensilien, der wie die Aktentasche auch, immer gepackt bereit stand und bei jedem Luftalarm mit in den Luftschutzkeller genommen wurde, in der anderen Hand.

Alle Hausbewohner drängten sich im Treppenhaus, um in den Luftschutzkeller zu gelangen. Alle, wie Rosemarie und Hilde, mit Taschen Rucksäcken und Koffern belastet. An der Kellertreppe stand der Hauswart Herr Funke in dunkler Uniform, ähnlich der, wie die Feuerwehr sie trug.

Er war immer im Dienst, für Führer, Volk und Vaterland. Besonders bei Luftalarm. Deshalb schützte er seinen schon alten Kopf, in dem alle zur Zeit wichtigen Verordnungen und Gesetze die er als Haus- und Blockwart zu befolgen hatte gespeichert waren, mit einem schwarzen Stahlhelm.

Ihm entging nichts. Er nahm jeden Hausbewohner der in den Keller wollte in Augenschein. Er war zwar schon sechzig, war im ersten Weltkrieg Soldat gewesen und ein Mann, auf den der Führer sich blind verlassen konnte. Herr Funke tat bloß seine Pflicht. In seine Luftschutzkeller kamen keine „ungebetenen Gäste“. Volksschädlinge, Juden, Zigeuner. Juden waren ja kaum noch da. Die meisten waren ja schon fort. Nach dem Osten.

Er wusste genau über jeden Bewohner der Häuser Bescheid, für die er als Blockwart verantwortlich war. Ihm konnte keiner etwas weismachen.

Vierzehn Frauen wohnten im Haus. Mit ihm, drei Männer. Alle nicht KV, nicht Kriegsverwendungsfähig. Fünf Kinder wohnten hier. Zwei Jungen, drei Mädchen.

Ursprünglich wohnten vier Familien in diesem Haus. Keine Kinder.

Aber dann kamen die Bombennächte, die Männer standen im Feld der Ehre. Irgendwo mussten die Überlebenden, die Ausgebombten untergebracht werden. Das Wohnraumbewirtschaftungsgesetz sorgte dafür, dass der vorhandene, immer weniger werdende Wohnraum restlos genutzt wurde.

Im Luftschutzkeller hatte jeder Bausbewohner seinen Platz. Extra Stützpfeiler verstärkten das Kellergewölbe.

Rosemarie hatte ihren Platz an einem der Stützpfeiler neben dem die hölzernen Pritschen standen. Liegestätten, auf denen meist die Kinder die Zeit verbrachten.

Herr Funke machte seinen Kontrollgang und blieb bei Rosemarie, die Adolf auf dem Schoß hatte stehen. Er grüßte militärisch mit der Hand am Helm.

„Heil Hitler.“ Dann gab er sich wohlwollend. „Na, junge Frau, wann kommt denn der Herr Gemahl mal wieder auf Urlaub? Will die Rußen wohl alleine besiegen, der Herr Oberst.“

Alter Leuteschinder, dachte Rosemarie, machte ein recht freundliches Gesicht und antwortete: „Das will ich nicht hoffen. Russland ist groß, Herr Funke. Für einen alleine zu groß.“

„Wohl war, Frau Winter. Aber bald ist unsere Wunderwaffe fertig und dann dauert es nicht mehr lange bis zum Endsieg.“

Endsieg, für wen, dachte Rosemarie, hütete sich aber sich zu äußern. Sie glaubte nicht mehr an den Endsieg für Deutschland. Nur, wer so etwas laut sagte verschwand sehr schnell für immer. Zwei Jahre hatte sie von ihrem Hans nichts mehr gehört. Kein Brief von ihm, keine amtliche Meldung. Nichts! Er war Offizier. Vielleicht durfte er nicht schreiben wegen der Geheimhaltung. Die absurdesten Gedanken jagten ihr manchmal durch den Kopf.

Funke war gegangen. Es war still im Keller. Alle lauschten nach draußen. Das dumpfe, wummernde Geräusch der Flugzeugmotoren drang sogar durch Kellerwände. Wer es einmal gehört hatte, vergisst es nie mehr. Alle hatten es schon oft gehört. Schon so oft. Mitunter zwei, drei Mal am Tag und auch noch in der Nacht. Und immer die Angst, ob alles gut geht. Ob das Haus stehen bleibt. Ob die Kellerdecke hält oder alle Menschen verschüttet. Die Flak feuerte aus allen Rohren. Bomben fielen keine. Die waren wohl diesmal für eine andere Stadt bestimmt. Frau Lauer, die ältere Dame die im Parterre rechts wohnte, Witwe war und drei Söhne für den Endsieg verloren hatte, beugte sich zu Rosemarie und flüsterte, mit einer Hand ein heimliches Zeichen nach oben machend: „Da fliegen des Reichsluftfahrtministers Herman Göring ungebetene Gäste. Die radieren jetzt unsere Städte aus undnicht umgekehrt, wie er den Engländern angedroht hatte.“ Sie schüttelte den Kopf, legte eine Hand an den Mund uns flüsterte noch leiser: „Er wollte Meier heißen, wenn je ein feindliches Flugzeug am Himmel über Deutschland erscheint.“ Sie seufzte. „Und jetzt? Wie sieht unsere schöne Stadt aus? Wo du hinschaust Trümmer und Bombentrichter.“

Es wurde ruhiger draußen. Nach einiger Zeit kam Funke in den Keller zurück. „Die Flak schießt nicht mehr. Wird wohl bald Entwarnung geben. Breitbeinig stand er da, der alte Mann, der sich so ungeheuer wichtig nahm. Der in vier Häusern in der Straße für Ordnung sorgte. Für Deutsche Ordnung. Nationalsozialistische Ordnung. Lebensgefährliche Ordnung für alle die sich nicht fügten oder nicht dazu gehörten, wie Untermenschen, Juden, Zigeuner, Subversive. Ein falsches Wort und das bisschen Freiheit dass die Menschen noch hatten, war verwirkt. „Wird wohl gleich Entwarnung geben“, hatte er gesagt und Rosemarie hatte gedacht: ‚wie oft schon in den letzten Jahren und wie oft noch?‘ Ihr war zum Heulen. Sie schaute um sich. Ein Luftschutzkeller voller Menschen. Die meisten hatten nichts Eigenes mehr. Ausgebombte des Krieges, wie sie auch. Kriegerwitwen und Mütter gefallener ‚Helden‘, wie Frau Lauer. Niemand in diesem, wie in jedem anderen Keller wusste, ob er diesen oder den nächsten Luftalarm überleben würde. So viele tote, verwundete, wie lebende Fackeln brennende Menschen hatte sie gesehen. Und immer mehr Tote, mehr Trümmer, mehr Obdachlose, mehr Kinder ohne Eltern kamen mit jedem Luftangriff hinzu. Und aus den kleinen schwarzen Bakalit Kästen, die in jeder Behausung zu finden waren, den Volksempfängern, vom Volk hinter vorgehaltener Hand spöttisch ‚Goebbels Schnauze‘ genannt, faselten die Propaganda Heinis von der Wunderwaffe, die bald zum Einsatz kommen würde und vom Endsieg. Wer glaubte das noch?

Rosemarie schaute zur Pritsche hin, auf der Hilde eingeschlafen war, die wichtige Aktentasche unter dem Kopf.

Adolf spielte mit einem gleichaltrigen Jungen auf einer anderen Pritsche.

Der anhaltende Sirenenton der jetzt zu hören war, bedeutete Entwarnung. Augenblicklich entstand Bewegung unter den Menschen. Alle wollten gleichzeitig in ihre Wohnungen zurück.

„Frauen und Kinder zuerst!“, rief Funke. Irgendein Parteibonze hatte es ihm, so und nicht anders, beigebracht. Er wusste aus Erfahrung, dass besonders kleinere Kinder im Treppenhaus meist ein Hindernis sind, bei akuter Gefahr von den Erwachsenen überrannt werden und zu Schaden kommen. Aber, Vorschrift ist Vorschrift und strikt zu befolgen.

Er war stolz darauf, seinem Vaterland und dem geliebten Führer – der es zurzeit nicht leicht hatte –, noch im Alter dienen zu dürfen. So, wie er dem Vaterland und seiner Heimatstadt Aachen, als Beamter ein Leben lang gedient hatte. Untadelig, aber kompromisslos und ohne Diskussion. Führer befiehl, wir folgen dir! Auch an der Luftschutzuniform trug er das goldene Parteiabzeichen, das ihm vom Führer durch den Gauleiter, für besondere Verdienste verliehen worden war. Darauf war er stolz.

Jetzt noch den Kontrollgang durch ‚seine Häuser‘, eventuelle Vorkommnisse notieren, die Einhaltung der Löschvorschriften kontrollieren, sich überzeugen, dass sich während des Fliegeralarms kein ‚Subjekt‘ irgendwo eingeschlichen hatte, dann konnte auch er nach Hause und in Ruhe seinen Tagesbericht schreiben.

Rosemarie war auch endlich im vierten Stock unter dem Dach angekommen. Adolf wollte nicht getragen werden, als sie aus dem Luftschutzkeller kamen. Eine stramme Leistung für den Vierjährigen, eine zeitraubende für Rosemarie. Hilde war schon eine Zeit vor den beiden oben gewesen. Saß am Tisch und machte ihre Schularbeiten.

Sie bewohnten zwei Mansardenzimmer, die während des Krieges hier eingebaut worden sind. Die winzige Wohnung hatte zwar eine Wasserleitung, aber keine Toilette. Die befand sich ein Stockwerk tiefer, auf dem Flur im Treppenhaus und wurde von sieben Personen benutzt. Ein Bad oder eine Dusche gab es im ganzen Haus nicht. Rosemaries Wohnung lag im Giebelraum des Hauses und in der Giebelwand war ein normal großes Fenster, von dem aus sie die nicht unerhebliche Trümmerwüste der Stadt überblicken und Dom und Rathaus, ungehindert durch andere Bauten, sehen konnte. Der letzte Bombenangriff hatte zwei große Gebäudekomplexe, die dieser Aussicht im Weg standen, dem Erdboden gleich gemacht.

Eine Frau, eine der wenigen Überlebenden aus diesen Gebäuden, wohnte jetzt in der überfüllten Wohnung 1. Etage links bei einer Cousine, deren Vater, der so eine Zitterkrankheit hatte, zwei älteren Tanten, auch ausgebombt und dem unehelichen Sohn der Cousine. Ein netter blonder Junge. elf Jahre alt und Hitlerjunge durch und durch.

Lustig war an diesen Menschen nur, dass sie alle Liebchen hießen. Auf anderen Schellenschildchen fand man zwei, drei oder gar noch mehr Namen. Bei Liebchen stand nur ein Name geschrieben.

Rosemarie öffnete das Fenster um die sonnigwarme Aprilluft gegen die bei sonnigem Wetter schnell stickig werdende Mansardenluft auszutauschen.

Es war 17 Uhr und die Sonne stand in ihrem nachmittaglichen Neigungswinkel so, dass sie die kleine Wohnküche mit ihren Strahlen in ein so goldenes Licht tauchte, dass selbst die ärmliche, notdürftige Möblierung heimelig anmutete.

Trotzdem. Es war Krieg. Auch das sonnigste Zimmer konnte Rosemarie nicht darüber hinweg täuschen. Jeder Luftangriff konnte für jeden Menschen, wo auch immer in Deutschland, das Ende des Lebens sein. Diese permanente Angst schleppte jeder mit, übertrug sich auf alles Handeln. Machte nervös, gereizt, zänkisch. Andere wieder machte diese Angst gleichgültig. Sie stumpften ab. Wozu etwas beginnen?

Die Bomben vernichten uns, unsere Kinder, Freunde und Verwandte, alles was uns lieb und Wert ist. Rosemarie hatte ihre beiden Kinder und fühlte sich trotzdem alleine und einsam. Zur Einsamkeit gesellte sich der Hunger, die Not, die genau so allgemein waren wie die ständige Angst. Sie war doch noch so jung. 28 Jahre, zwei Kinder und alleine. Verdammt. Es ist kein Trost, dass Millionen andere Frauen auch alleine sind. Sich wie sie mit Feldpostbriefen begnügen müssen. Nicht einmal das hatte sie. Zwei Jahre schon nicht. Zwei Jahre ohne die geringste Nachricht von Hans. Lebte er noch? Rosemarie wollte nicht an diese Möglichkeit denken, aber die Gedanken kamen von selbst. Ob sie wollte, oder nicht. Hans war Soldat. Soldaten sterben im Krieg.

Täglich konnte sie ganze Zeitungsseiten mit Anzeigen gefallener Soldaten aus der Region lesen. Auch Offiziere waren darunter. War Hans gefallen? Hatte ihn niemand gefunden? Ein frostiges Schütteln überkam sie. Sie erinnerte sich an so manches Haus in der Stadt, von dem nur noch ein riesiger Bombentrichter an die Stelle erinnerte, an dem das Haus gestanden hatte. Nichts von den Bewohnern war gefunden worden. Nicht einmal Knochensplitter.

Sie glaubte nicht mehr an den Endsieg. Von der Ostfront hörte sie nur noch Meldungen, die sich nach Rückzug anhörten.

„Was wünscht du dir am aller, aller meisten, Mama?“

Das Frieden wird, dachte Rosemarie. Denken und wünschen durfte sie das.

Aber, durfte sie das auch laut sagen? War das kein Defätismus, wenn sie es laut sagte? Keine die Kampfkraft zersetzende Äußerung, für die sie in ein KZ kommen konnte?

Dass es diese Lager gab und das niemand mehr zurückkam, der in ein KZ musste, war längst kein Geheimnis mehr. Auch Rosemarie kannte ein paar Leute die sehr plötzlich verschwunden waren und blieben. Gerüchte besagten, sie seien in ein KZ gebracht worden. Was geschah dort mit den Menschen?

Rosemarie hatte sich, als sie aus dem Keller kamen, an dem geöffneten Fenster in die Sonne gesetzt und auch ihr Dekolleté etwas frei gemacht für die Sonnenstrahlen. Allmählich senkte sich die Sonne um später hinter dem Aachener Wald, im Westen der Stadt zu verschwinden.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr, ein Hochzeitsgeschenk von Hans, eine goldene Junghans Uhr. Es wurde Zeit für die Abendmahlzeit. Mahlzeiten waren immer und für alle ein Problem. Was habe ich noch im Haus? Was gibt es noch zu kaufen? Reichen die Lebensmittelmärkchen noch für dies oder das? Egal wo Frauen sich unterhielten, tauschten sie Rezepte aus. Notrezepte. Aus fast nichts, etwas auf den Tisch bringen, was auch noch schmeckt. Frauen erfanden unglaubliche Rezepte und tauschten sie untereinander aus. Die meisten Rezepte hatte Rosemarie in Luftschutzkellern erfahren. Aber nur, wenn kein Bombenangriff stattfand. Wenn die feindlichen Bomber über Aachen hinweg flogen.

Rosemarie suchte im Küchenschrank nach Lebensmitteln, aus denen sich ein Abendbrot herrichten ließ. Eine Dose Kondensmilch fand sie, einen Rest Grießmehl, sogar noch ein Ei und Zucker. Zucker sogar noch reichlich. Es muss für uns alle reichen, dachte sie und vermehrte die Kondensmilch mit soviel Wasser, bis die Flüssigkeit für den Grießbrei ausreichend war. Zimt und Zucker sorgten bei den Kindern für begeisterten Zuspruch. Nichts blieb über. Rosemaries Anteil war auch in den Kindern verschwunden.

Als die Kinder im Bettwaren, aß sie eine trockene Scheibe Brot. ‚Trocken Brot macht Wangen rot‘. Auch so ein alter Spruch, dachte sie. Vermutlich für Menschen, die ohnehin nie satt wurden. An den Rest Kunsthonig wollte sie nicht gehen. Der sollte für Hildes Schulbrot bleiben, weil sie nicht wusste, wann sie wieder neuen kaufen konnte. Nicht einmal Kunsthonig war ausreichend zu haben, aber wehe dem, der meckerte.

„Wieder ein Tag vorüber“, sagte Rosemarie halblaut, als sie Funke die hölzerne Treppe zum Dachboden hoch stapfen hörte. Jeden Morgen und jeden Abend kam er zur gleichen Zeit hoch, wenn nicht gerade ‚Alarm‘ war. Er sah nach den Löschgeräten. Zwei große Eimer Wasser, eine Löschpumpe, eine Feuerpatsche, ein großer Eimer Sand und eine lange hölzerne Zange, etwa einen Meter lang. Mit dieser Zange sollten die Luftschutzhelfer Stabbrandbomben ergreifen und nach draußen werfen.

Lachhaft fand Rosemarie alle diese Vorkehrungen. Sie öffnete die Türe zu ihrer Wohnung und sah Funke, der schnaufend an der Speichertüre stand und sich an einem Dachbalken abstützte.

„Kann das nicht jemand anders machen, Herr Funke? Ich zum Beispiel. Ich wohne doch hier oben.

„Geht nicht, Frau Winter“, keuchte der Haus- und Blockwart und wedelte verneinend mit der Hand. „Vorschrift ist Vorschrift, Frau Winter. Ich bin dafür verantwortlich.“

„Na dann, Herr Funke, gutes Gelingen.“ Rosemarie schaute zu, wie Funke die Feuerlösch – Utensilien inspizierte. Kopfschüttelnd dachte sie an das Haus in der Pontstraße, in dem sie gewohnt hatte, das durch Brandbomben vernichtet worden war. Da hatte weder Wasser noch Sand, keine Feuerpatsche und auch keine Brandbombenzange genutzt. Vier Menschen sind bei lebendigem Leibe verbrannt. Darunter ein neugeborenes Mädchen. Vom Haus blieben nur noch Die Außenmauern und eine Menge Schutt, der noch zwei Tage qualmte. Phosphor ist in den Brandbomben. Der brennt bis nichts Brennbares mehr vorhanden ist. Ob Funke sich vorstellen konnte, wie Menschen zu Mute ist, wenn sie ihre Lieben brennen sehen und können nicht helfen? Weiß er, wie es ist, Hab und Gut zu verlieren? Ausgebombt! Ein Wort mit zehn Buchstaben. Wieviel Leid bedeutet dieses Wort für Millionen Menschen. Es gelang Rosemarie nicht, die Gedanken an die Bombennacht 1942 zu verdrängen. Sie hatte damals auf den Krieg geschimpft und war in Schwierigkeiten gekommen. Die Parteibonzen duldeten keinen Defätismus. Sie wurde scharfzurechtgewiesen und verwarnt.

Die Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, hatten still für sich zu leiden, junge wie alte. Trotz allen Leides, es waren Verräter unter ihnen. Miese Denunzianten, die Menschen schon für winzige Kleinigkeiten anschwärzten.

Niemandem konnte man vertrauen. Niemandem sich anvertrauen, wenn man im Elend zu ertrinken glaubte. Nicht einmal Geistlichen, weil etliche von denen auch in der Partei waren.

Funke hatte sein Werk vollbracht. Wandte sich zur Türe, wünschte eine gute Nacht, sagte „Heil Hitler“ und stieg die Treppe hinab.

Um einundzwanzig Uhr lag Rosemarie auch im Bett. Schlafen, bevor der nagende Hunger sich zurück meldete. Hungrig ins Bett zu gehen, mit dem Hunger zu leben, war seit Jahren für alle Gewohnheit. Gewohnheit, die schlapp und mutlos machte.

Das Sirenengeheul, das Luftalarm verkündete, riß die Bewohner der ganzen Stadt aus dem Schlaf. Raus aus den warmen Betten! Die Bekleidung lag bereit. Wurde zurechtgelegt, bevor man sich ins Bett legte. Rosemarie zog sich in Windeseile an. Danach Adolf, der absolut keine Lust dazu hatte. Hilde war so selbständig wie eine Erwachsene. Die drei waren schon auf dem Weg nach unten und die Sirenen heulten immer noch. Auch jetzt hatte Rosemarie den Opossum-Mantel an und mehrere Garnituren Unterwäsche. Für alle Fälle. Man weiß ja nie.

Wieder das Gedränge im Treppenhaus. Das Schleppen der wenigen, wichtigen, vorgeschriebenen Habseligkeiten, die nur dann aus Koffern und Taschen geholt wurden, wenn die Behörden sie sehen wollten.

Wie immer stand Funke an der Kellertreppe und musterte die längst bekannten Gesichter.

Während jeder Hausbewohner seinem Platz zustrebte, verebbten die Sirenen. Stille! Weil alle lauschten, herrschte keineswegs eine ‚Lauschige Stille‘.

In allen Kellern lauschten Menschen angstvoll nach draußen. Warteten auf das Brummen vieler hundert Flugzeugmotoren. Viele Menschen, auch Rosemarie, glaubte unterscheiden zu können, ob die Tod und Zerstörung bringenden Bomber hoch oder sehr hoch flogen. Flogen sie sehr hoch, war die Gefahr meist gering. Sie flogen dann über Aachen hinweg.

Es dauerte eine Weile, aber dann waren sie da. Ganz deutlich waren die Motoren zu hören und gleichzeitig feuerte die Flak aus allen Rohren. Es donnerte und Krachte von überall her. Die fliegen tief murmelte Rosemarie.

Sie hatte Angst. Große Angst.

Rums. Rums. Rums. Drei Einschläge. Drei gewaltige Detonationen ganz in der Nähe. Staub und Kalksand rieselte von der Kellerdecke. Neue Detonationen. Eine folgte der anderen. Mal nah, mal ferner.

Erst Hilde, danach Adolf waren auf Rosemaries Schoß geklettert, vergruben ihre Gesichter im Opossum, weinten laut, zitterten am ganzen Körper in ihrer Angst und zuckten bei jedem ‚Rums‘, bei jeder Detonation zusammen.

Frau Lauer und einige andere Frauen beteten laut, schluchzten, weinten, zitterten in Todesangst. ‚Rums‘! Und wieder rieselte Sand und Mörtel von der Decke. Die Stützbalken knirschten und bebten bei den heftigen, vermutlich nahen Detonationen. „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“

Auch die drei Männer und der kleine Hitlerjunge, der in Uniform im Keller saß, beteten laut mit. Krachen, Detonieren und Bersten, nah und fern‚unaufhörlich. Wie lange schon? Wie lange noch? Steht das Haus noch über uns? Wird das Kellergewölbe halten?

„Bitte für uns. Jetzt und in der Stunde unseres Todes!“

Und wieder eine furchtbare Detonation. Die Sandsäcke, die zum Schutz gegen Splitter und anderes mehr, außen vor den Kellerfenstern lagen, wurden samt Kellerfenster von der Druckwelle der explodierenden Bombe in den Luftschutzkeller geschleudert. Totenstille! Eine Sekunde? Zwei? Drei?Eine Frau schrie laut und schrill. Rosemarie sah hin. Es war die Kappes. Erste Etage rechts. Irgendetwas, das durch das Kellerfenster katapultiert worden war, hatte den Bruder der Kappes am Kopf getroffen. Der alte Mann lag blutend und an allen Gliedern zitternd auf dem Boden.

Funke kam mit dem ‚Erste Hilfe Kasten‘, sah nach der Kopfwunde und verband den Mann, der in einem Schockzustand war. Während draußen das Inferno weitere Druckwellen, Erdklumpen und Trümmerreste durch das offene Kellerloch auf die Bewohner des Hauses schleuderte. Alle sahen den gewaltigen Feuerschein der brennenden Stadt. Nach Phosphor riechender, in den Augen beißender, die Atemwege zum Husten reizender Luftzug drang in den Keller. Panik entstand. Schreiend stürmten fast alle, die nicht behindert waren zur Kellertreppe. Funke brüllte Befehle, stellte sich den Menschen in den Weg, redete auf sie ein. Ohne Erfolg. Sie hasteten an ihm vorbei. Trampelten sich beinahe gegenseitig über den Haufen, um möglichst schnell aus diesem Keller zu gelangen.

Mit Funkes Hilfe wuchtete Rosemarie eines der doppelstöckigen Pritschenbetten vor die Kellerfenster und dichtete sie mit nassen Wolldecken ab, um die furchtbare Luft, ‚den Atem des Infernos‘ von den im Keller gebliebenen Menschen fern zu halten.

„Alle, die sich meinen Befehlen widersetzt haben, werde ich zur Anzeige bringen“, tobte Funke, während draußen der Tod jede Sekunde vermutlich reiche Ernte hielt, bei Frauen, Kindern und meist alten Männern.

Rosemarie hatte sich und ihren Kindern unter der Treppe einen – wie sie glaubte – sicheren Platz zum Überleben eingerichtet. Angst, Angst, Angst. Jedes Mal, wenn die Sirenen heulten, kam auch gleich die Angst über sie. Außer ihr und den Kindern waren noch drei Frauen, der Verwundete und Funke im Keller. Funke war anscheinend in seiner Ehre als Haus- und Blockwart gekränkt. „Ihr seid meine Zeugen“, brüllte er die Frauen an. „Morgen werde ich bei der Kreisleitung Anzeige erstatten.“

Frau Mäuser, die so krank und dick war, dass sie sich nur schwerfällig bewegen konnte, lachte verächtlich. „Sie sind wohl der liebe Gott. Funke“, schimpfte sie. „Woher wollen Sie denn wissen, dass ausgerechnet Sie morgen noch leben? Schämen sollten Sie sich. Sie Leuteschinder. Menschen aushorchen, anzeigen und ab ins KZ. Pfui! Stets zu Diensten, Herr Hitler. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen mal einer den Hals umdreht? Oder mit einem beträchtlichen Bombensplitter den Schädel einschlägt?“ Sie spuckte auf den Boden. „Von mir und meiner Schwester haben Sie keinen Beistand zu erwarten!“ Verdammt mutig, fand Rosemarie.

Der Bombenterror hatte nachgelassen, aber es detonierten immer noch Bomben. Funke gab sich kleinlaut, drohte aber der Mäuser: „Sie werden schon noch sehen. Wir sind schon mit ganz anderen Subjekten fertig geworden.“ Danach ging er nach oben.

Der Bruder von der Kappes lag jetzt bewusstlos, aber ohne schütteln und zittern auf einem der Pritschenbetten.

Irgendwann heulten die Sirenen den minutenlangen Entwarnungston, den nur noch die Überlebenden, die Verwundeten, die ausgebombten Obdachlosen hörten.

Rosemarie war noch im Luftschutzkeller, als Frau Kappes mit zwei Sanitätern, die eine Trage mitbrachten, in den Keller kam.

Rosemarie, Adolf und Hilde kehrten in ihre Wohnung zurück. Taghell war die Stadt rundum von den Bränden erleuchtet. Zaghaft näherte Rosemarie sich dem Fenster. Es war offen. Zerfetzt wehte die Verdunkelung ins Zimmer. Scheibenreste lagen auf dem Küchenboden. Ungehindert drang auch der Brandgeruch in die Wohnung, der die Augen und die Atemwege reizte.

„Mama, Mama, guck mal da Oben“, rief Hilde und zeigte auf ein Loch in derZimmerdecke. Ein recht großes Loch.

Beinahe gleichzeitig sah Rosemarie das Loch und einen Bomben- oder Granatsplitter, der im Küchentisch steckte. Auf dem Tisch und auf dem Boden um den Tisch herum lagen quadratische, etwa zehn Zentimeter große, weiße Karten.

„Wir müssen raus“, rief Rosemarie aufgeregt, ergriff Adolfs Hand und den Koffer und spurtete mit den Kindern aus der Wohnung.

Im Treppenhaus kam ihnen Funke entgegen, „Wo wollt ihr hin?“, herrschte er die drei an.

„Raus! Raus aus dem Haus. Bei uns oben liegen jede Menge Brandplättchen und das Dach hat ein Loch“, berichtete Rosemarie, ohne stehen zu bleiben. Hastete die Treppe hinunter und raus auf die Straße. Für einen Moment stockte ihr der Atem. Die beiden Häuser nebenan waren weg. Die Trümmer versperrten die Straße. Über die Trümmer hinweg, weiter unten in der Straße, sah sie noch Häuser brennen. Mauern stürzten ein. Luftschutzhelfer waren dabei, Tote zu bergen. Sie legten die Leichen, wo Platz war, nebeneinander auf den Bürgersteig oder auf die Straße. Frauen, Frauen, Frauen, Kinder. Kleine Kinder. Säuglinge. Das nackte Grauen. Angekohlte und erstickte Menschen. Entstellte Menschen. Hilde vergrub ihr Gesicht in Rosemaries Mantel. Ihre Puppe fest im Arm, weinte sie jämmerlich und verlangte: „Ich will zu Oma Erna! Ich will zu meiner Oma Erna!“Rosemarie setzte sich auf den Koffer, umarmte beide Kinder und weinte. Weinte bis ein Luftschutzhelfer sie aufforderte, zu einer Sammelstelle im Luftschutzbunker in der Monheims-Allee zu gehen. Rosemarie ging. Ging ohne eine Frage zu stellen. Alles was ihr noch gehörte, hatte sie bei sich. Ihre beiden Kinder. Einen Koffer, nach Vorschrift gepackt, und eine Aktentasche mit Personal- Papieren. Auch vorschriftsmäßig zusammengestellt.

Über Trümmerberge, vorbei an so vielen Toten, suchte sie sich im heraufdämmernden neuen Tag einen Weg zu dem Bunker.

Je mehr sie sich dem Ziel näherten, umsomehr Menschen trafen zueinander, Die auch zu dem Bunker unterwegs waren. Meist Frauen. Frauen mit Kindern, junge Frauen, ältere und alte Frauen. Ein paar Männer waren zu sehen. Rosemarie fragte sich: War sie jetzt wieder obdachlos? Hatten die Brandplättchen sich entzündet, oder konnten sie entfernt werden ohne Schaden anzurichten? Was würde mit dem Loch im Dach geschehen? Würde sie, hoffentlich bald, wieder in die Wohnung zurück können?

Rosemarie war zum Umfallen müde und konnte trotzdem nicht einschlafen. Im Bunker waren sie registriert worden. Danach war ihnen diese Zelle zugewiesen worden. Zum ersten Mal lebte sie unterirdisch. Platanen wuchsen über ihr auf dem Bunker, die ganze Allee entlang.

Die Bunkerzelle war klein, schmal, niedrig. Natürlich auch ohne Fenster. Ein Hochbett, ein Tisch zum hochklappen, wenn er gebraucht wurde. Drei sehr stabile Holzschemel. Ein Lautsprecher, der zentral bedient wurde. Sie fühlte sich absolut nicht wohl hier, aber wo sollte sie sonst hin mit den Kindern? Zumindest hatten alle ein Dach über dem Kopf. Sie hatte das obere Bett für sich gewählt. Beide Kinder lagen im unteren. Bunker, dachte sie und befühlte die nackte weiße Wand neben sich. Beton! Stahlbeton!„Meterdick“, hatte der Bunkerwart gesagt. „Da können die Herrschaften schon einiges drauf schmeißen. Da geht nichts durch.“ Niemand hatte ihm auf seine Sicherheitspropaganda geantwortet. Rosemarie starrte die weiße Betondecke über sich an und dachte: Nichts auf der Welt ist mehr sicher. Luftminen hatten Ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt. Einfach hinweg gefegt. Was, wenn eine solche Bombe den Eingang zerstört oder verschüttet?

Sie mochte nicht daran denken. Fragen schon gar nicht. Fragen war gefährlich. Lebensgefährlich! Vor ein paar Jahren konnte man noch Fragen stellen. Da war die Armee noch siegreich unterwegs. Aber heute? Sie musste an ihren Nachbarn denken. Vor Jahren, als sie noch in der Pontstraße gewohnt hatten. Der hatte damals schon gesagt: „An Russland beißt er sich die Zähne aus, der Führer.“ Er hatte es zu laut gesagt. Der Verräter schläft nie und verschont niemanden. Schon am nächsten Tag haben sie ihn abgeholt. Ob er noch lebte? Neunundsechzig war er gewesen. War im ersten Weltkrieg Offizier und hoch ausgezeichnet worden. War ein netter hilfsbereiter Mensch.

Diese KZ. Was geschah dort mit den Menschen? Umerziehungslager! Wozu umerziehen, wenn doch niemand mehr zurück kam? Hinter vorgehaltener Hand wurde viel geredet. So viel Unglaubliches wurde geredet. Einmal, als sie zur Truppenbetreuung dienstverpflichtet gewesen war, hatte sie zwei Soldaten belauscht, die auf Heimaturlaub waren. Haarsträubende Geschichten erzählten die sich. Der eine, etwa dreißig Jahre war er alt, hatte behauptet, die Juden, die nach dem Osten deportiert worden sind, wären in einem KZ: in Polen – er hatte auch den Namen des KZ genannt – wie hieß der Ort denn noch? Egal. Der Soldat hatte behauptet: Die Juden würden dort alle vergast und danach verbrannt. Der Führer hätte befohlen, die Jüdische Rasse auszurotten. Der Andere, ein Älterer hatte gebrummt: „Nicht nur in Polen. In Russland werden sie zu Tausenden erschossen. Was hinter der Front geschieht, da kann sich keiner ein Bild von machen. Das glaubt einfach niemand. Ich kann nur sagen: Gute Nacht Deutschland, wenn wir den Krieg verlieren.“

Kurz nach Stalingrad war das gewesen. Sie erinnerte sich genau. Damals gab es noch drei Tage Fronturlaub, wenn die Familie ausgebombt worden war. 1943 gab es das nicht mehr. Die Soldaten erfuhren nur die neue Adresse. Per Feldpost erfuhren sie auch, wenn ein Angehöriger, ‚plötzlich und unerwartet verstorben‘ war. Wie erfuhren sie nicht. Jedenfalls nicht offiziell.

Rosemarie dachte an ihren Hans. Wo mochte er sein? Immer die gleichen Gedanken. Schloss sie die Augen, dann kamen die Bilder. Schreckliche Bilder! Brennende Menschen. Tote Menschen. Verstümmelte oder tote Kinder. Wenn die Sirenen sie nicht aus dem Schlaf rissen, dann waren es die Bilder die sie aufschreckten.

Eine Durchsage: „Die Insassen der Zellen drei bis zwanzig zum Essenfassen raustreten. Kennkarte bereithalten.“ Die erste Abwechslung seit sie hier waren. „Nehmen sie nur die Blechteller mit zur Essenausgabe.“ Festes Essen, dachte Rosemarie und lag damit richtig. Möhreneintopf und sogar eine Wurst wurde in reichlichen Portionen ausgegeben.

Erstaunlich, wie schnell und klaglos die Kinder sich in dem Bunker eingelebt hatten. Waren sie nicht traumatisiert? Sie hatten doch nach dem Angriff dasselbe gesehen wie sie auch. Außerdem interessierte sie, wann und wo Hilde zur Schule gehen sollte. Nach der Mittagspause wollte Rosemarie sich bei der Bunkerleitung erkundigen.

Essenfassen! Grässlich. So militärisch. Wie beim BDM. Rosemarie war Scharführerin in der Zeit, in der sie beim BDM war. „Raustreten zum Essenfassen!“ Sie schüttelte den Kopf. Gibt es etwas Unpersönlicheres, als diese Befehle und Vorschriften zur Beherrschung vieler Menschen? Im Mittelgang des Bunkers hatte sie mit den Kindern gestanden. Immer zwei und zwei neben einander. Wie sie es gelernt hatten. Das brauchte niemand zu befehlen. Alle waren ja im Jungvolk oder BDM gewesen und hatten gelernt, wie man sich aufstellte, wenn man sich anstellte.

Einige weinten noch immer über ihren Verlust in der vergangenen Nacht.

Leidensgenossen. Niemand redete darüber. Sie litten stumm. Alle, auch die Kinder. Überlebende in der Bunkergemeinschaft und trotzdem redeten sie nicht miteinander. Die Angst machte sie stumm. Reden war gefährlich! Lebensgefährlich! „Achtung! Feind hört mit!“ Überall. Nein, wo noch Wände aufrecht standen, konnte jeder diese roten Plakate mit der schwarzen Silhouette eines Mannes mit Hut sehen und die Warnung lesen: „Achtung! Feind hört mit!“ Sogar hier im Bunker, gleich am Eingang hing ein solches Plakat. Also schwiegen die Menschen, wenn sie nicht amtlich befragt wurden, gegen jedermann.

Der Feind ist überall, dachte Rosemarie. Jeder konnte der Feind sein. Auch hier im Bunker. Schrecklich. Jeder der Menschen, die in der vergangenen Nacht alles verloren hatten. Verwandte, Nachbarn, Hab und Gut. Trotzdem kam es immer wieder vor, dass irgendjemand dieser leidgeprüften Menschen zum Feind, zum Verräter wurde.

Als Hilde und Adolf aufgewacht waren, verließ Rosemarie mit ihnen den Bunker. Trümmer, Trümmer, Trümmer. Wo sie hinschaute, welchen Weg sie einschlug. Trümmer. Hildes Schule stand noch. Das Franzikanerkloster, Monheimsallee, Ecke Rochusstraße stand auch noch. Der Bunker in der Sandkaulstraße hatte einige Blessuren abbekommen. Bomben- oder Granatsplitter hatten Spuren im Beton hinterlassen, aber nirgendwo waren die Wände durchschlagen. Die meisten Wohnhäuser der Sandkaulstraße waren nur noch Ruinen Und Schutt.

In der Achterstraße standen nur noch ein paar Häuser. Auch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.

Rosemarie las die Namensschilder an den Schellen. Außer Mäuser wohnten noch alle im Haus. Hensel statt Mäuser stand auf der einen Schelle. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Hatte Funke die Frau tatsächlich angezeigt?

Sie wollte Funke fragen, ob sie wieder hier Wohnen könnte. Die Bunkerluft bekam ihr nicht. Unter der Erde leben. Kein Fenster, kein Tageslicht, Keine frische Luft. Sie hatte schon zum Hausgiebel hoch geschaut und gesehen, dass das Fenster im Dachgeschoss mit irgendwas vernagelt worden ist.

Funke ist der schlimmste nicht, dachte sie. Wer den Mund hält, die Vorschriften beachtete und ihm den nötigen Respekt erwies, den rechten Arm fleißig in der gebotenen Weise ausstreckte, hatte nichts zu befürchten. Ein Paragraphenreiter eben und dem Führer treu ergeben. Sie hatte den Finger schon an der Klingel, da wurde die Haustüre von innen geöffnet und Funke sah die Drei an, als sähe er Gespenster. „Frau Winter, Frau Winter“, rief er überrascht, „Wo haben Sie bloß gesteckt? Niemand wusste, wo Sie und die Kinder abgeblieben sind. Ich musste Sie ‚vermisst‘ melden.“ Er öffnete die Haustüre weit und sagte ungeduldig: „Nun kommen Sie schon herein und erzählen Sie.“

Nicht lange und Rosemarie ging alleine zum Bunker zurück, um sich und die Kinder dort abzumelden.

Das Loch im Dach der Mansardenwohnung war abgedichtet. Auf das Fensterglas musste sie noch warten. Das Loch im Tisch, das der Splitter gerissen hatte, verdeckte eine auf den Tisch aufgebrachte Holzplatte. Die Kinder verhielten sich, als wären sie nie fort gewesen. Der Schuhkarton, der Hilde als Puppenbett gedient hatte, stand noch an seinem Platz in der Ecke und Hilde bettete Lena hinein. Sie sah ihre Mama an und sagte: „Lena träumt so schlimme Sachen, Mama, und ich auch.“ Sie schmiegte sich an Rosemarie und bekannte mit leiser Stimme: „Wenn Alarm ist, hab ich ganz furchtbar Angst, Mama.“

Adolf suchte weinend sein Kuscheltier, aber der Teddybär war nicht zu finden und Adolf nicht zu trösten.

Schränke und Betten waren ausgeräumt worden. Nicht ein Brotkrümel, nicht ein Teller war geblieben. Funke organisierte das Nötigste für die Betten und ein paar Lebensmittel für ein kleines Abendbrot.

An den nächsten Tagen musste Rosemarie bei den Ämtern Anträge stellen. Anträge für Geschirr und Kleidung. Sie erhielt was nötig war. Gebraucht natürlich. Geschirr das Juden gehört hatte. Welches Juden vor ihrer Deportation abgenommen worden war und nun Bombengeschädigten überlassen wurde. Die Ämter und Dienststellen machten kein Geheimnis darum. Auch Rosemarie sah nichts Verwerfliches darin. Schließlich waren die Juden ja umgesiedelt worden. Vermutlich brauchten sie ihre alten Sachen gar nicht mehr.

Die Mäuser war tatsächlich schon am Morgen nach der Bombennacht in aller Frühe abgeholt worden.

Hensel wohnte jetzt in der Wohnung. Auch im Luftschutzkeller hatte er den Platz der Mäuser zugewiesen bekommen. Den hatte er aber mit Funkes Genehmigung, mit dem Platz von Frau Lauer getauscht und saß nun neben Rosemarie. Mit Vornamen hieß er Hans. Er war Soldat gewesen. Der linke Arm und der linke Unterschenke samt Fuß fehlten. Mit der Prothese am linken Bein kam er recht gut zurecht. Uniform trug er, weil er nichts anderes mehr hatte. Kriegsverwendungsfähig war er nicht mehr. Mit zweiunddreißig Jahren ein Krüppel. In Russland hatte ihn eine Granate erwischt.

Fliegeralarm war 1944 fast täglich. Auch zwei und drei Mal am Tag. An einen halbwegs normalen Tagesablauf war nicht zu denken. Ertönten die Sirenen, suchte jeder den nächstliegenden Luftschutzraum auf. Ob eigener Keller, fremder Keller oder Bunker, war abhängig davon, wo die Menschen sich zu der Zeit gerade befanden.

Bis Mittag war Hilde in der Schule. Wenn Alarm gegeben war, auch dort im Luftschutzkeller. Rosemarie und Adolf hatten schon oft in fremden Kellern Schutz suchen müssen, wenn der Alarm sie beim Einkaufen, bei Besuchen oder Besorgungen überrascht hatte. Nicht immer galt der Luftangriff Aachen.

Es fielen auch nicht immer Bomben. Aber da war die Angst! Tausende Flugzeugmotoren und die todsichere Bombenlast der englischen und amerikanischen Bomber versetzten jeden Menschen in Todesangst. Tag und Nacht Todesangst. Da liegen die Nerven blank. Schnell war ein falsches Wort gesagt, wenn die Wände beben, Putz und Mörtel von der Kellerdecke fallen, pausenlos Bomben detonieren, Kinder und Erwachsene vor Angst schreien, weinen, beten.

Irgendwann im Mai hatte Hensel zu Rosemarie im Luftschutzkeller gesagt: „Das hält ja kein Mensch aus. Wenn ich könnte, würde ich mich sofort an die Front zurück versetzen lassen.“ Rosemarie hatte ihn erstaunt angesehen, worauf er meinte: „Ja junge Frau, ich weiß. Da sterben auch Menschen. Aber ich habe mich sicherer gefühlt, als hier in der Heimat.“

Am 3. Juni hatte Rosemarie Geburtstag. 29 Jahre wurde sie. Alleine war sie.

Furchtbar alleine und einsam. Von ihrem Mann immer noch kein Lebenszeichen. Zwei Kinder hatte sie und sie liebte beide. Aber den Ehemann konnten sie nicht ersetzen. Die Sehnsucht nach Hans, nach männlicher Gegenwart, Liebe, Schutz und Beistand, war mitunter unerträglich. Besonders an so speziellen Gedenk- und Feiertagen.

Sie hatte sich eine kleine Flasche Zitronen-Eis-Likör gekauft, um am Abend, wenn die Kinder schliefen, ein zwei Gläschen zu sich zu nehmen. Mit Gratulanten rechnete sie nicht. Ihre Mutter, Oma Erna, wohnte in Burtscheid, kam jedoch wegen ihrer Behinderung so gut wie nie nach Aachen. Mit Krücken in die Straßenbahn steigen, war schon beschwerlich genug. Wenn dann unterwegs noch ein Luftalarm hinzukam, sie in irgendeinen Luftschutzraum musste, waren ihre Nerven überfordert.

Da war es besser und einfacher, Rosemarie besuchte ihre Mutter mit den Kindern.

Es war ein sonniger, warmer Tag, mit strahlend blauem Himmel. Der 3. Juni 1944. ‚Bombenwetter‘ dachte Rosemarie, als sie am Morgen das Fenster weit geöffnet hatte. Sie brachte Hilde zur Schule. Auf dem Heimweg wurde Hildegunde – Rosemaries Mann hatte auf diesem altgermanischen Namen bestanden –, von einem älteren Jungen aus dem aus begleitet.

Während Hilde in der Schule war, versuchte Rosemarie, die heute per Radio aufgerufenen Nähr- und Lebensmittel zu ergattern, was nicht einfach war und Stunden in Anspruch nahm. Mitunter eine Tortur für sie und auch für Adolf, den sie ja nicht alleine in der Wohnung lassen konnte.

Als die beiden nach Hause kamen, erlebten sie eine riesige Überraschung. In der Wohnung erwartete sie Oma Erna und ein selbst gebackener Schoko-Nuss-Kuchen. Als ganz besonderes Geburtstagsgeschenk, hatte sie noch ein Viertel Pfund echten Bohnenkaffee mitgebracht.

Rosemarie brauchte schon eine Weile, die Überraschung zu verkraften. „Wie bist du nur die vielen Treppen hoch gekommen?“

Erna winkte ab: „War gar nicht so schwer. Der Weg durch die zertrümmerte Stadt war schwerer. Ohne Hilfe, mit Krücken über Stock und Stein, vom Hansemann-Platz aus die Allee hoch, das hat schon gedauert.“

„Aber die Treppen hier im Haus, Mama?“

„Ach, der junge Soldat unten. Der mit dem einen Arm und der Beinprothese, der hat mich gestützt und mir geholfen. Sag mal, schließt du die Wohnung nicht ab, wenn du aus dem Haus gehst?“

„Warum soll ich abschließen, Mutter? Siehst du hier etwas, was sich zu stehlen lohnt? Wer es trotzdem versucht und erwischt wird, wird erschossen.

Funke, der Luftschutzwart, gibt schon Acht darauf, wer zu wem und wann ins Haus kommt.“

Nicht lange und Hilde kam aus der Schule. Vor Freude hüpfte sie gleich auf Oma Ernas Schoß.

„Das Kind ist ja federleicht“, rief Erna entrüstet. „Warst du schon zum Arzt mit ihr?“

„Mama!“, rief Rosemarie. Es klang wie eine Warnung. Aber Erna gab nicht nach. „Warst du, oder warst du nicht?“

„Nein Mama. Ich war nicht und ich werde nicht. Sind wir nicht alle zu mager? Leiden wir nicht alle an derselben Krankheit? Die ewige Angst ist unsere Krankheit. Angst, Mama. Der nächste Alarm kann unser letzter sein.

Ich bin 29. Was habe ich gehabt vom Leben? Die Kinder kennen nur Angst.

Bomben, Angst und tote Menschen, die auf der Straße abgelegt werden. Adolf kennt nicht einmal seinen Vater. Ich weiß nicht einmal, ob er noch lebt und wo?“

Erna hielt sich beide Ohren zu und rief: „Sei still Kind! Sei bloß still! Du redest dich um Kopf und Kragen. Wenn dich einer hört, holen sie dich ab. Und was wird dann aus deinen Kindern?“

Ganz leise, ganz traurig sagte Rosemarie und nahm Ernas Hände von deren Ohren: „Du fühlst sie doch auch, diese Angst, die immer und überall ist. Die unser ganzes Leben kaputt macht. Die uns fortwährend bedroht. Mit Tod bedroht. Spitzel bedrohen uns. Bomben bedrohen uns. Der Krieg nimmt uns die Kinder, die Väter, die Brüder und die Ehemänner. Wir leben unser Leben nur für Hitler und das Großdeutsche Reich.“ Rosemarie lachte sarkastisch und schüttelte wütend den Kopf.

Hilde saß unterdessen still an Oma Erna geschmiegt auf deren Schoß. Adolf spielte unter dem Tisch mit Adolf Hitler und ein paar anderen braun und schwarz uniformierten kleinen Spielfiguren, wie sie zurzeit üblich waren. Sein Teddy lag jedoch in Reichweite.

Rosemarie beugte sich zu Ernas Ohr und sagte leise: „Ziehe ich den Kleinen groß, damit er später irgendwo in der Welt andere Menschen erschießt, oder gar selber erschossen wird?“

„Hör auf Rosemarie! Bitte, höre jetzt auf. Mache lieber Kaffee und decke den Tisch, bevor die Amis kommen und uns das letzte Porzellan zerbomben.“

„Oma“, meldete sich Hilde, „da wo du wohnst, fallen da auch so viele Bomben?“

„Viele nicht, Kleines. Obwohl, einige Straßen sind auch da, wo ich wohne, zerbombt worden. Niemand kann wissen, was uns bevor steht.“

Liebevoll drückte sie Hilde an sich.

„Kann ich ein paar Tage bei dir schlafen, Oma?“

„Du musst doch zur Schule?“

„Morgen nicht und Sonntag auch nicht.“

„Wenn das so ist“, meinte Oma Erna, als sie von jämmerlichem Weinen unterbrochen wurde, das unter dem Tisch her kam. „Natürlich kommt Adolf auch mit“, tröstete sie den Kleinen und brachte mit dieser Zusage die Tränen Adolfs augenblicklich zum versiegen.

Von dem Schoko-Nuss-Kuchen blieb sogar noch ein großes Stück über, das Rosemarie morgen oder am Sonntag essen wollte. Sie hatte ihre Mutter und die Kinder zur Straßenbahn gebracht. Den Rest des warmen Tages, ihres Geburtstages, genoss sie am offenen Fenster sitzend. Die immer weiter sinkende Sonne spendete wohlige Wärme auf ihrer Haut. Den Zitronen-Eis-Likör hatte sie auch nicht vergessen. Vergessen hatte sie die Wirkung des Getränkes. Wie lange schon, hatte sie nichts Alkoholisches mehr getrunken? Es musste Jahre her sein. Ja, sie erinnerte sich. Es war am letzten Urlaubstag ihres Mannes vor vier Jahren. Es war die letzte Nacht mit ihm. Ihre Gedanken wanderten zurück, zu jenen glücklichen Stunden, von denen ihr nur die Erinnerung geblieben war und Adolf.

Es klopfte jemand an ihre Türe.

Hensel war mit einem großen Strauß Trümmerblumen zu ihr hochgekommen.

Eine bunte Pracht, die man um diese Jahreszeit überall in der Stadt finden und pflücken konnte.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Frau Winter.“

Rosemarie war völlig überrascht und ließ es sich anmerken. „Woher wussten Sie …?“

„Ihre Mutter hat mich informiert“, unterbrach Hensel sie.

Hätte ich mir denken können. Er hatte sie ja am Nachmittag hier herauf gebracht. Sie nahm ihm die Blumen ab und gab das Türgespann frei, damit er herein konnte. Eine Blumenvase besaß sie nicht, aber eine hohe Blechdose, die ihr vor zwei Jahren, als sie zum zweiten Mal ausgebombt war, von einer Essen-Ausgabestelle bekommen hatte. Jetzt diente sie eben als Blumenvase.

Die Blechdose.

Hensel tat sehr geheimnisvoll und wichtig. Zeigte auf den Blumenstrauß und sagte verschwörerisch: „Die habe ich im Englischen Garten geklaut. Sind die nicht wunderschön?“

„Das sind die, Herr Hensel. Aber wo bitte, haben wir in Aachen einen Englischen Garten?“

Hensel lachte. Er ging zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Ganz Aachen ist doch ein Englischer Garten, Frau Winter.“

Sie hatte längst begriffen, genoss aber die körperliche Nähe des Mannes, die ihr ganz plötzlich so eigenartig wohl tat. Weil sie diese Nähe noch nicht aufgeben wollte, fragte sie leise zurück. „Wie darf ich das verstehen?“

„Ganz einfach, wie ich es gesagt habe. Sie Geburtstagskind. Englische Bomber haben doch diesen Trümmergarten angelegt.“ Sarkastisch fügte er hinzu: „Ob wir, Sie und Ich, am Ende Dünger oder Gärtner sein werden, vermag niemand zu sagen. Sie sind jung, ich bin jung. Bisher hatten wir keine Gelegenheit zu leben. Und nach diesem Krieg wird uns niemand Gelegenheit dazu geben.“ Er humpelte zum Fenster und ließ seinen Blick auf der Trümmerwüste ruhen.

Der Moment der wohligen körperlichen Nähe war vorbei. Er stand am Fenster, der Mann. Der Verursacher dieses wohligen Gefühles. Ließ es sich wiederholen?

Seine Worte und die Aussichtslosigkeit, die darin zu hören war, klang ihr noch in den Ohren. Sie hatte einen Einfall. „Darf ich Ihnen ein Stück Schoko-Nuss-Kuchen anbieten? Echter Kaffee ist auch noch da.“

Er wandte sich ihr zu. „Schoko-Nuss-Kuchen und Kaffee“, murmelte er. „Winzige Momente des Glücks, in diesem freudlosen Leben.“