Totenruhe - Hans-Jörg Hennecke - ebook

Totenruhe ebook

Hans Jörg Hennecke

0,0

Opis

Wiedereröffnung des Lindener Bergfriedhofs in Hannover – darunter verstehen bodenständige Bürger Anderes als zwielichtige Zeitgenossen. Das Tauwetter gibt auf besagtem Friedhof eine Leiche frei, und das Rätselraten ist groß. Unheimliche Kreuze tauchen auf dem Friedhof auf, und hinter vorgehaltener Hand wird von schwarzen Messen getuschelt. Der pensionierte Pastor Sauerbier und sein Freund Lindemann drohen bei ihren Erkundungen in einem Dickicht aus Lügen und Intrigen zu versinken. Geht es um mehr als gestörte Totenruhe? Sind größere Geldbeträge im Spiel? Und ist da womöglich ein Schatz aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs vergraben?

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 223

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



www.zuklampen.de

Informationen zum Buch

Unheimliche Ereignisse tauchen den Lindener Bergfriedhof in fahles Zwielicht.

Informationen zum Autor

Hans-Jörg Hennecke, Jahrgang 1942, lebt in Hannover-Linden. Er ist Journalist und schreibt Satiren sowie Kurzgeschichten für Zeitungen und Zeitschriften. Neben diversen Büchern, in denen der hannoversche Stadtteil Linden im Mittelpunkt steht, hat er Theaterstücke verfasst und bestreitet regelmäßig gemeinsam mit Kersten Flenter Leseprogramme im Theater am Küchengarten in Hannover. Seine Lindemann-Geschichten erscheinen monatlich im »Lindenspiegel«.

Hans Jörg Hennecke

Totenruhe

Kriminalroman

Impressum

©2011 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

[email protected] ·www.zuklampen.de

Herausgegeben von Susanne Mischke

Umschlaggestaltung: Stefan Hilden, München

www.hildendesign.de

Umschlagabbildung: © HildenDesign unter Verwendung zweier Fotos von Ralf Hansen, Hannover, und shutterstock.com

Konvertierung:Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN 978-3-86674-126-3

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über‹http://dnb.ddb.de›abrufbar.

1.

Lindemann drehte sich aus dem Bett und fühlte Gliederschmerzen. ›Und ewig grüßt das Murmeltier‹, hämmerte es in seinem Kopf. Diesen Traum vom Bergfriedhof hatte er seit Wochen, mindestens jede dritte Nacht trug ein unsichtbarer Erzähler unaufgefordert die gleiche Geschichte vor. Vielleicht hatten er und Pastor Sebastian Sauerbier in den vergangenen Monaten zu intensiv um die Wiedereröffnung des Bergfriedhofs gerungen und nun spielte ihm seine Phantasie einen Streich:

Plötzlich war es also geschehen, das Unwiderrufliche warf einen schweren Schatten auf Lindemanns Familienleben. Eben hatte der rüstige Vater noch seinen 90. Geburtstag gefeiert, begann er nun Grundsatzerklärungen abzugeben. Das sei es nun also gewesen, er habe keine Lust mehr, Hannover 96 mache auch nicht immer Spaß und im Übrigen passe ihm die ganze Richtung nicht. Welche Richtung er meinte, blieb im Verborgenen, denn drei Wochen später starb der Vater ohne nennenswertes Aufheben.

Allerdings hatte er ein Vermächtnis hinterlassen. Er wolle auf dem Lindener Bergfriedhof beigesetzt werden, nur dort und unter keinen Umständen irgendwo anders. Den Einwand, das landeshauptstädtische Friedhofsamt habe seine sterbliche Hülle fest für den großen Stadt-Friedhof im benachbarten Stadtteil Ricklingen verplant, weil sich das kostengünstigerrechne, wies er unwillig zurück. Wenn Ausland, dann könne man ihn auch gleich in Tschechien vergraben, das sei noch billiger, wie er seinem Leib- und Magenblatt entnommen habe. Das brachte Lindemann nun in arge Verlegenheit, denn das Friedhofsamt hatte in seiner rechnerischen Argumentation noch einen Zahn zugelegt. Wenn der Bergfriedhof wieder eröffnet werden müsste, verlautete aus den Amtsstuben, sei das dermaßen teuer, dass man auch gleich goldene Särge im Boden versenken könnte. Lindemann ging es allerdings gar nicht um einen Sarg. Der Vater hatte seine Einäscherung verfügt und so verblieb von ihm nur eine handliche Urne, die in einer geräumigen Manteltasche Platz hatte.

Lindemann fühlte sich eingeklemmt zwischen der amtlichen Verfügung einer städtischen Verwaltung und dem letzten Willen seines Erzeugers. Was wiegt mehr? Natürlich die amtliche Verfügung, dachte Lindemann, denn immerhin war er selbst Beamter. Daraufhin verbrachte Lindemann eine schlaflose Nacht, in der er schmerzhaft seine kulturellen Wurzeln spürte und als Lindener Urgestein versuchte, über den eigenen Schatten zu springen. Das gelang nicht.

Da Lindemann keinen offenen Affront gegen die Friedhofsamtler wagte, blieb ihm nur eine individuelle Lösung des verzwickten Problems. Freie Fläche gab es auf dem Bergfriedhof reichlich und man musste für eine Beisetzung auch keine frühblühende Scilla-Pflanze bemühen. Sein Plan verhärtete sich, nahm Form an und ließ schließlich keinen anderen Ausweg als seine Verwirklichung. Lindemann bemerkte zudem nicht unfroh: Diese Lösung war noch kostengünstiger als die Verschickung der Vorfahren nach Tschechien.

Ihre Umsetzung in die Praxis barg allerdings noch einkleines Problem. Ungesetzliches Tun scheut üblicherweise das Licht des Tages. Allerdings lief Lindemann ein Schauer über den Rücken, wenn er an nächtliches Eindringen in die Totenstatt dachte. Sämtliche Gestalten des fernsehüblichen Nachtprogramms schienen zum Leben zu erwachen. Lindemann fühlte sich umzingelt von diversen Figuren aus dem Gruselkabinett.

Also nahm er einen Tag Urlaub und zog am späten Vormittag los. Die Urne unter dem Mantel, einen Klappspaten im Gürtel, den Hut auffällig unauffällig tief ins Gesicht gezogen.

Unweit der Integrierten Gesamtschule nahm das erste Verhängnis seinen Lauf. War es reiner Zufall oder hatte man Lindemanns Plan bereits höheren Ortes durchschaut?

Jedenfalls traf er zwei Kontaktbeamte der Polizei. Gemeinhin pflegte er ein freundschaftliches Verhältnis zu beiden, da seine kriminellen Neigungen gegen Null tendierten und er beflissen sogar das Rotlicht der Ampeln bei nächtlicher Verkehrslosigkeit achtete.

Schauten die Uniformträger diesmal nicht etwas misstrauisch, trotz des freundlichen Grußes? Verfügten sie vielleicht über unsichtbare Sichtgeräte, die ihn wie Fluggepäck durchleuchteten und dann auch das letzte am Körper verborgene Gramm Asche durch eigens trainierte Spürhunde zu Tage förderten?

Allerdings, atmete er auf, hatten die Polizisten keinen Hund dabei. Nicht einmal eine Katze, die Lindemann mit ihrem durchdringenden Blick hätte verunsichern können. Und immerhin standen die beiden auch nicht mit ihrer staatseigenen Schusswaffe vor dem Friedhofstor, um dort Sarg- und Urnenschmuggler gebieterisch den Zugang zu verweigern.

Wie das Ganze schließlich ausging? Nur gut. Lindemanns Vater durfte mit Genugtuung vom Himmel aus seine erwünschte Grabstätte in Augenschein nehmen. Sein Sohn und die Verwandtschaft konnten von Mal zu Mal weniger heimlich an einer ganz bestimmten Stelle des Bergfriedhofs Blumen niederlegen, und der heimische Bildhauer Wolfgang Supper arbeitete bereits an einem gediegenen Grabstein. Doch den wollte Lindemann erst an seinen Standort bringen, wenn er den Urlaubsplan der Kontaktbeamten kannte. Sicher ist sicher, dachte er, und umsonst ist nicht einmal der Tod.

Lindemann fühlte sich unwohl. Vielleicht war er krank, möglicherweise hatte die Psyche seinen Körper vergiftet und der reagierte nun mit Ausfallerscheinungen?

Bisher hatte niemand von seinem Albtraum erfahren, aber Verschweigen war nun auch keine Lösung mehr. Als der Pastor gegen Abend bei ihm auftauchte, erzählte er seinen Traum in allen Details.

Ehrliche Empörung schlug Sauerbier markante Falten ins Gesicht. In seinem abgetragenen schwarzen Anzug wirkte der pensionierte Pastor wie ein unheimlicher Bote des Himmels, der schwer an der Aufgabe trug, das nahende Jüngste Gericht anzukündigen. Lindemann wusste, dass es um seine abendlichen Mußestunden geschehen war und nur einige Flaschen Bier das Schlimmste verhüten konnten.

»Anmaßende Unverschämtheit. Der einzige Friedhof in Linden, unser wunderbarer Bergfriedhof ist stillgelegt, weil Massenbeisetzungen auf Großfriedhöfen billiger sind. Warum nicht gleich Massengräber? Die sind noch billiger. Hat diese Friedhofsverwaltung keine Achtung mehr vor dem letzten Weg des Menschen, vor dem direkten Übergang zu Gott? Muss dieser Weg mit Euro und Cent ausgemessen werden? Vielleicht sollte man ihn gar an der Börse handeln?«

Sauerbier nahm mit entschlossenem Griff das dargebotene Bier und seine Mimik entspannte sich zusehends. Er studierte das Etikett, als sähe er es zum ersten Mal.

»Herri, das reine Wort Gottes«, hieß sein knappes Credo und dann genoss er es aus der braunen Pfandflasche der Herrenhäuser Brauerei, ohne das dazu gehörende Bierglas zu beachten.

Die Männer tranken schweigend und Lindemann wusste, dass die Sache damit nicht erledigt war. Immerhin lag der Friedhof zentral auf dem Lindener Berg, der mit seinen 89 Metern über Normal Null das Filetstück der Stadt war, ein beliebtes Freizeitgelände für die ganze Gegend.

»Was tun wir gegen die Anmaßung?«

»Eine Kampagne muss her. Nur so bekommen Sie Ihre Träume in den Griff. Wir brauchen eine Vielzahl von Protesten. Wir müssen kämpfen, müssen den Gegner lächerlich machen, ganz Linden muss wie ein Mann hinter der Sache stehen.«

»Und die Frauen?«, grinste Lindemann fragend.

»Die natürlich auch.«

»Die Frauen – wie ein Mann?«

»Ja, oder so ähnlich.«

»Man könnte mit einer kleinen Geschichte beginnen, einer Art Anstiftung zu massenhaftem Zuwiderhandeln. Der Lindenkurier würde sie wohl bringen. Ihre Geschichte, lieber Lindemann. Ihr Traum ist wunderbar.«

»Meine Geschichte, mein Traum? Sie sind von Sinnen.«

»Ihre Geschichte ist Gold wert, Lindemann. Und sie stimmt. Ich habe Ihren Herrn Vater mehrfach im Seniorenzentrum Ihmestrand befragt: Er besteht auf dem Bergfriedhof. Also bringen wir sie in den Lindenkurier.«

»Sie sind der unverschämteste Gottesmann, den die Kirche je auf ihre Gläubigen losgelassen hat. Das kommt natürlich nicht in den Lindenkurier. Sie sind ein Weltmeister in Pietätlosigkeit. Mein Vater lebt schließlich noch, Sie haben ihn doch gerade selbst getroffen.«

Sebastian Sauerbier wog bedenklich das Haupt. »Ja, er lebt, aber er trinkt kaum noch Bier. Ein ganz schlechtes Zeichen. Dennoch ist er längst nicht 90. Das ist eine Zukunftsgeschichte, ich glaube, man nennt es science fiction.«

»Quatsch. Der Alte hat seine Lebensleistung in Sachen Bier mehr als erfüllt. Irgendwann ist das Fass voll. Und überhaupt, ich bin Beamter. Wollen Sie mich um meine Pension bringen?«

Der pensionierte Prediger wog sein Haupt mit einer Leidensmiene. Er suchte nach einem Kompromiss, der nicht hälftig konträre Interessen abgrenzte, sondern seinen Teil des Kuchens möglichst groß beließ.

»Man könnte statt Ihres Namens das Kürzel L. verwenden. Jedenfalls dürfen Sie sich der Sache nicht ganz entziehen, denn Ihr Vater will den Bergfriedhof als Bestattungsort. Die Geschichte könnte Auftakt eines beispiellosen Aufbäumens unserer Bevölkerung gegen eine gewissenlose Verwaltung sein. Sie ist immerhin freundlich und bringt alle Sympathien sofort auf unsere Seite. Bedenken Sie das.«

Lindemann wusste nicht, ob er wütend sein oder das alles einfach nur zum Lachen finden sollte. Sauerbier setzte nach. »Der Tod muss seine Würde wieder erlangen. Denken Sie an die Antike. Bei den alten Griechen gab es eine komplette Mythologie um das Totenreich, den Hades.«

Lindemann wurde unwillig. »Ja, ja, ja. Ich weiß schon. Aber warum muss mein Vater dafür herhalten?«

Der Pastor hob die Arme, als würde er den Alten segnen. »Weil Ihr Vater weiß, dass es für Lindener nur über den Bergfriedhof einen Weg in den Hades gibt. Also bitte ich ihn um Zustimmung zur Veröffentlichung.«

Lindemann atmete hörbar. »Der Alte soll sich nicht unterstehen …«

Der Pastor unterbrach ihn: »Du sollst Vater und Mutter ehren, dass es Dir wohl gehe …«.

»Aber es ist alles nur ein schlechter Traum. Ehrlich währt am längsten.«

»Nein. Ewig währt am längsten.«

»Bla, bla, bla.«

»Oh, Herrgott vergib ihm, denn er weiß nicht, was er blaat.«

»Mit Verlaub, lieber Pastor, Sie gehen zu weit. Und Sie sind ein übles Schlitzohr. Im Übrigen: Sind Sie nicht neuerdings im Kriminalpsychologischen Dienst der Polizei?«

»Nun ja, in einer Art Beraterstab. Wir sind das Kriseninterventionsteam. Ich vertrete da gewissermaßen die Kirche.«

»Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie ein so hohes Ansehen bei der Polizei genießen …«

»Woran Sie, lieber Lindemann, nicht ganz unschuldig waren. Aber das ist Schnee von gestern.« Lindemann blieb skeptisch. »Und wie sind Sie zu der Ehre gekommen, unsere Polizei beraten zu dürfen?«

»Ich war wohl der Geeignetste in Kirchenkreisen. Außerdem hat niemand von den jungen Kolleginnen und Kollegen mehr Zeit für scheinbar amtsfremde Aufgaben. Stellenabbau nagt auch an der Personalstruktur der Kirche.« Lindemanns Zweifel blieben. »Und die Polizei hat Sie so einfach akzeptiert?«

Der Pastor strahlte. »Der neue Stellvertretende Polizeipräsident hat mich gern genommen.«

»Ich nehme an, der möchte unbedingt von Ihnen beerdigt werden, um ganz sicher ins Himmelreich zu gelangen.«

»Vielleicht auch das. Jedenfalls ist er einer aus der großen Schar, die durch mich und meinen Konfirmandenunterricht den Weg ins Leben gefunden haben.«

2.

Lindemann wohnt in einer verkehrsberuhigten Zone, die an zahllosen Tempo-30-Schildern erkennbar ist. Die meisten Autofahrer stöhnten über diese Gebote zum Schleichen und ließen es gut und gern schon mal 30 km/h mehr sein. Die innere Sicherheit werde dadurch zwar nicht überdurchschnittlich gefährdet, meinte Lindemann, dafür lernen spielende Kinder früh den Ernst des Lebens kennen. Ganz anders im ersten Quartal dieses Jahres, als Schneelawinen das Tempo auf 5 km/h begrenzten. Ein durchschnittlich trainiertes Großstadtkind hatte da durchaus die Chance, mit einem blauen Auge davon zu kommen. Und der ortsübliche Sommerreifen schmerzte bei Körperkontakt auch weniger als schwerprofilierte Winterreifen oder gar Schneeketten. So dachte offensichtlich die streupflichtige Verwaltung, die ihre Tätigkeit eingestellt hatte.

Oma Kasten aus dem ersten Stock verließ die Wohnung nur noch am frühen Montag, um die nötigsten Nahrungsreserven aufzufüllen. Sie bediente sich dabei eines Marktrollers, der allerdings durch seine Sommerbereifung einem handelsüblichen Schlitten deutlich unterlegen war. Nachbar Stokelfranz brachte das Kunststück fertig, seinen Biernachschub auf dem Fahrrad-Gepäckträger durch verkrustete Schneewülste zu navigieren. »Wo bleibt die verdammte Erderwärmung?«, wollte er wissen, um sogleich irdische Institutionen haftbar zu machen: »Und was ist mit dem Räumdienst der Stadt, Meister Lindemann? Schaffen Sie den Schnee zum Nordpol, wo er gebraucht wird.« Der konterte: »Die Stadt hat kein Geld für Räumdienste und Streusalz ist ausverkauft. Die Bürger müssen aktiv werden. Den Schnee platt trampeln und dann eine Schaufel Split drüber.« Geflissentlich übersah er, dass Bürger Stokelfranz ihm einen Vogel zeigte. Danach schaffte Lindemann keuchend eine Wanderung auf den 89 Meter hohen Lindener Berg, wo eben noch das Schild der Kleingarten-Kolonie »Lindener Alpen« aus der weißen Pracht ragte. Hier unmittelbar vor der Backsteinmauer des Bergfriedhofs gab es strahlend gute Laune. Schlitten, Schneebretter, Skier – alles kam zum Einsatz, was Einwohner unter 25 Jahren bisher nur vom Hörensagen gekannt hatten. Die Geräte fanden sich in verstaubten Winkeln elterlicher Keller. Mit ihnen wurde platt gefahren, was als Flocken vom Himmel regnete. Künstlerische Wunderwerke entstanden. Am historisch benannten Platz »Schwarzer Bär« erblickte ein Bär aus Schnee das Licht der Welt. Und alle warteten darauf, den Betonklotz der Bausünde Ihme-Zentrum aus Schnee zu erleben. Die Hoffnung war einfach zu verlockend, das ganze bauliche Elend beim nächsten Tauwetter einfach in der Kanalisation verschwinden zu sehen.

Aber auch lange Winter müssen schließlich weichen, und die Lindener bemerkten das mit Erleichterung. Wintersport beglückt eben nur kurzzeitig. Selbst die Ihme, Grenzfluss zur benachbarten Landeshauptstadt, hatte sich allmählich vom Eise befreit. Allerdings kam dabei einiges zum Vorschein, das dem Image einer sauberen Stadt wenig entsprach. Zahlreiche Pappreste von Silvesterböllern blockierten Abflüsse der Kanalisation. Das Ergebnis waren wasserreiche Pfützen und konzentrierter Müll. Schockierender war allerdings, was auf dem Bergfriedhof entdeckt wurde. Eine Schneewehe hatte über Wochen die Leiche eines alten Mannes überdeckt. Eine Vermisstenmeldung gab es nicht. Die Polizei vermutete einen Obdachlosen, der offensichtlich in der Friedhofskapelle hatte Zuflucht suchen wollen. Am Eingang wurden ein Schlafsack und zwei Wolldecken sichergestellt. Unklar blieb, warum sich der Mann danach im Freien aufgehalten hatte und dort erfroren war. Gegenüber war auf einem Grabstein zu lesen:

»Dort in jenen lichten Höhen erhoffen wir ein Wiedersehen.«

Fremdeinwirkungen konnten an der Leiche nicht festgestellt werden. Der Blutalkoholgehalt von 1,7 Promille erregte bei einem Angehörigen der nichtsesshaften Personengruppe keinen polizeilichen Verdacht. Allerdings gab die Identität des Mannes Rätsel auf. Weitere Informationen gingen aus dem Polizeibericht für die Presse nicht hervor. Als Pastor Sauerbier den zur Kenntnis nahm, ahnte er, dass damit die Sache nicht aus der Welt war.

3.

Am nächsten Tag brachten alle Zeitungen eine Zeichnung, die den Toten vom Bergfriedhof so zeigte, wie er mutmaßlich zu Lebzeiten ausgesehen hatte. Wer war der alte Mann, wer kannte ihn, wer konnte Näheres mitteilen? Ausführlich wurde über Zahl und Schicksal von Obdachlosen berichtet, die angebotene städtische Schlafplätze verschmähten. »Da herrscht aggressive Stimmung, da wird gestohlen, da werden wir in der Nacht eingeschlossen« – so oder ähnlich lauteten die zitierten Aussagen der Betroffenen.

Die Berichte verwunderten Sauerbier und er rief bei der Polizei die für seinen Arbeitskreis zuständige Beamtin an. »Warum fragen Sie die normale Bevölkerung? Hier geht es um Außenseiter, die leben in einer Parallelwelt auf Parkbänken und Kinderspielplätzen. Die sieht sich doch keiner genauer an. Da können Sie bestenfalls erfahren, welche Art Alkoholika die bevorzugen.«

Die Beamtin seufzte hörbar. »Herr Pastor Sauerbier, das wissen wir auch so. Was sollen wir also Ihrer Meinung nach tun?«

»Besser ich kümmere mich darum. Sie haben sicherlich Wichtigeres zu tun.« Sauerbier verabschiedete die Frau mühsam höflich und freute sich, seine Einsatzbereitschaft nicht der ignoranten Behörde ausgeliefert zu haben. Er schnitt sich das Porträt des Toten aus der Zeitung und klebte es auf eine Postkarte. Ein Avatar, so nennt man das wohl neudeutsch, dachte er voller Stolz. Ein Menschenbild aus dem Computer, noch moderner konnte man gar nicht sein. Seit sich der Pastor nach jahrelangem Drängen nun sogar ein Mobiltelefon zugelegt hatte, fühlte er sich auf der Woge des Zeitgeistes.

Das Bild war gut. Man müsste es jetzt nur jenen vorlegen, die im Volksmund als Penner bezeichnet wurden. Sauerbier verwandte diesen Begriff nicht, das Wort war ein Zündfunke für vermeidbaren Streit. Wo sollte er mit seiner Recherche beginnen? Linden-Süd erschien ihm erfolgsträchtig. Der Pastor wohnte im Lindener Norden, geprägt von der politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft, inzwischen ergänzt durch zahlreiche Zuwanderung aus der Türkei. Linden war traditionell dreigeteilt. Der Lindener Marktplatz markierte das leicht bürgerlich getönte Linden-Mitte. Ein Stück weit hinter der Post begann schließlich Linden-Süd, ein traditioneller sozialer Brennpunkt. Und dort am Eingang zum Von-Alten-Park hatte er bei einem seiner seltenen Besuche in dieser Gegend Bänke gesehen, auf denen Menschen fröhlich und streitbar beisammen saßen, die den anonymen Toten unter Umständen identifizieren könnten. Ein Spaziergang von vielleicht einer guten halben Stunde, dachte der Pastor und machte sich auf den Weg. Über den Küchengarten erreichte er den Lindener Markt. Der Weg führte an jenem Grund vorbei, wo bis vor Jahren die Lindener Brauerei ihr Domizil hatte. Sie war restlos verschwunden, aber Bier gab es schließlich immer noch, tröstete sich Sauerbier. Wo früher kupferne Braukessel standen, duckten sich inzwischen Eigenheime unter der Wucht des verfallenden Ihmezentrums nebenan.

Jenseits des Marktes fühlte sich Sauerbier gänzlich in der Fremde. Aber das ist immer noch Linden, wenn auch Linden-Süd, redete er sich ein.

Zumal ihm die noch spärlichen Sonnenstrahlen genau aus jener Richtung erreichten. Kam der Frühling aus Linden-Süd ins Land? Man sollte keine Vorurteile pflegen, entschied er kategorisch. Aber wie sollte er sich den zechenden Männern annähern, bei denen sich zuweilen auch eine verblühte Frau aufhielt? Wie sprach man diese Leute an? Hallo allerseits? Guten Tag im Namen des Herrn? Quatsch, einfach in die Nähe setzen und die Leute kommen lassen. Die waren alles Mögliche, aber nicht kontaktscheu. Mit etwas flauem Gefühl im Magen verlangsamte Sauerbier die letzten Schritte in der Posthornstraße. Kaum hatte er den Platz im Eingangsbereich des Parks erreicht, sah er drei Männer, alle mit einer Bierflasche in der Hand. Sie saßen gleich auf der ersten Bank am schmiedeeisernen Gitter, das ein Nachbargrundstück mit Villa hermetisch abriegelte. Einer der Männer schaute direkt in seine Richtung und seine Miene hellte sich auf.

»Wenn das nicht Hochwürden Sauerbier ist, der Hüter der Himmelsleiter im Lindener Norden. Kennen Sie mich noch, Herr Pastor? Wir haben hier einen Platz für Sie freigehalten, seien Sie so nett.«

Sauerbier, obwohl evangelisch, wurde in bestimmten Kreisen gern als »Hochwürden« tituliert, was allgemeines Grinsen zur Folge hatte.

Der Pastor schaute in das rotglänzende Gesicht des Mannes, das längst eine Rasur vertragen hätte. Immerhin trug er einen Anzug, nicht der letzte Schrei, eher einen, wie ihn die Kleiderkammern der Sozialdienste an Bedürftige verteilten. Der Mann schien ihm gänzlich unbekannt, aber als Pastor verfügte Sauerbier natürlich über einen gewissen Bekanntheitsgrad.

»Guten Tag, die Herren. Wenn Sie mich so freundlich bitten.« Die Männer rutschten artig beiseite.

»Nun, Herr Pastor, was gibt es Neues zwischen Himmel und Erde? Ich erinnere mich gern an unsere Osterfeuer, immerhin war ich der erste Heizer am Platz.« Der Rotgesichtige sonnte sich in selbstverliehenem Ansehen: ›Ich kenne Herrn Pastor persönlich, schaut mal her.‹

Sauerbier setzte sich und es entstand ein unsicheres Schweigen. Entschlossen holte er sein Atavar aus der Brieftasche und gab es dem Osterfeuer-Bekannten. »Kennen Sie den Mann?«

Begierig drängten die Männer zum Bild. »Der war in der Zeitung, stimmt’s?« Einer mit knallgrünem Schal schaute Sauerbier frohlockend an. »Stimmt«, bestätigte der. »Und, kennt den einer von Ihnen?« Der mit dem Schal grinste verschmitzt. »Na klar kenne ich den.« Seine Kumpane schauten erstaunt.

Der Schalträger reagierte zufrieden. »Das kostet aber eine Lage, Herr Pastor.« Sauerbier nickte. »Daran soll es nicht scheitern. Was trinken die Herren?« Der Wortführer deutete auf den gegenüberliegenden Kiosk und meinte: »Da gibt es Bier und eine kleine Dröhnung dazu. Das ist die Sache doch wert, oder?« Seine Freunde nickten eifrig und der Pastor machte sich auf den kurzen Weg über die Posthornstraße. Nach wenigen Minuten zeigte er den wartenden strahlenden Gesichtern je eine Flasche Bier und eine Miniflasche Korn, der Kiosker hatte ihn präzise beraten. Doch ehe er die Wohltaten verteilte, fragte er fordernd: »Nun, wie heißt er?«

Der mit dem grünen Schal antwortete ohne zu zögern: »Ernst Korte. Ich kannte den mal. Ist aber lange her. Mehr weiß ich auch nicht über ihn. Nun ist er ja auch tot, was soll es also.« Sauerbier verteilte die Alkoholika und schrieb auf die Rückseite seines Atavars »Ernst Korte«. »Letzte Adresse, Alter, Beruf?« Die Männer schüttelten den Kopf und kümmerten sich um ihre frischen Getränke.

Der Name ist schon eine ganze Menge, dachte Sauerbier. Über den Namen wird man auch alles Übrige herausbekommen können. Er bedankte sich, wünschte einen schönen Tag und machte sich eilig auf den Rückweg in den doch behaglicheren Lindener Norden. Die Sonne hatte ihre Aktivitäten für diesen Tag inzwischen eingestellt.

4.

Pastor Sauerbier hatte im Rahmen einer Instruktion des Kriminalpsychologischen Beraterkreises eine statistische Ziffer erfahren. Er konfrontierte seinen Freund Lindemann mit dem Fakt.

»80000 Menschen sitzen in Deutschland im Knast. Das ist ungefähr einer von tausend. Linden hat 40000 Einwohner. Statistisch befinden sich also 40 Lindener hinter schwedischen Gardinen. Können Sie sich das vorstellen?«

Lindemann ging im Kopf seinen weitesten Bekanntenkreis durch und wurde nicht fündig. »Persönlich kenne ich keinen. Aber wenn ich die Zeitung lese, wundere ich mich, dass es nur 40 sind.«

»Das liegt an zuweilen schlampiger Polizeiarbeit, sage ich Ihnen.« Sauerbier war grimmig. »Wenn die Menschen glaubensstärker wären, bräuchten wir keine Polizei.«

Lindemann grinste verständnisvoll. »Sind Ihre Dienste bei der Polizei mal wieder nicht gefragt?«

Der Pastor explodierte förmlich. »Die Polizei kann den Toten vom Bergfriedhof nicht identifizieren. Schön und gut. Aber ich kann das nach meinen persönlichen Recherchen, ganz ohne polizeiliche Unterstützung. Und wissen Sie, was die mir sagen?« Sauerbier machte eine Kunstpause und schaute Lindemann lüstern an. Der zuckte mit den Achseln.

»Die sagen, hier gehe es nicht um eine Straftat und ich solle mich aus der Sache heraushalten. Ich! Ich soll mich heraushalten! Hat man so etwas schon gehört? Ich liefere den Namen frei Haus, aber ich soll mich heraushalten. Was sagen Sie nun?«

Lindemann sagte gar nichts, weil ihm nichts Sachdienliches einfiel.

»Der Mann hieß übrigens Ernst Korte.« Lindemann stutzte. »Wie hieß der Mann?« »Ernst Korte, was ist daran so ungewöhnlich?« Lindemann sah vor sich einen riesigen Fettnapf und den Pastor knietief mittendrin. »Und wo haben Sie das rausgekriegt?«

»Auf der Bank am Eingang des Von-Alten-Parks. Um genau zu sein: Es war gleich die erste Bank, wenn Sie von der Posthornstraße nach Süden gehen.«

Lindemann atmete schwer, als habe er einen Zentnersack zu tragen. »Mein Gott, Herr Pastor, haben Sie die Villa direkt daneben nicht gesehen?« »Natürlich habe ich die gesehen, ich bin ja nicht blind. Aber was hat die Villa mit dem Fall zu tun?«

Lindemann schüttelte verzweifelt den Kopf. »So ziemlich alles. Sie haben leider keine Ahnung vom Lindener Süden. Die Burschen haben Sie reingelegt. Vermutlich haben Sie ihnen dafür sogar eine Lage Bier geschmissen.« »Na und? Spesen fallen immer an.« »Ja, außer Spesen nichts gewesen. Die Villa gehörte Ernst Korte, einem früheren Direktor der Maschinenfabrik Hanomag. Ernst Korte, verstehen Sie? Der hat seine Villa der Stadt vererbt mit der Auflage, darin Seniorenarbeit zu leisten. Das tut inzwischen die Arbeiterwohlfahrt im Auftrage der Stadt und nennt die Einrichtung ›Ernst-Korte-Haus‹. Das steht da auch ziemlich deutlich am Gebäude.«

Der Pastor kniff die Augenbrauen zusammen und suchte zu retten, was nicht mehr zu retten war. »Ja, aber wenn doch …« »Nichts wenn und aber. Sie sind launigen Spesenrittern aus der Unterschicht zum Opfer gefallen. Ich fürchte, die haben sich über Sie fast totgelacht.«

Der Pastor fiel im Zeitlupentempo in sich zusammen. »Haben Sie ein Bier und einen Wodka zur Hand?« Lindemann hatte.

»Das heißt übrigens nicht mehr Unterschicht. Prekariat klingt weniger diskriminierend, weil es kaum jemand übersetzen kann. Denen werde ich die Leviten lesen, wer im Keller wohnt, sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster hängen. So – und jetzt müssen wir eine Mail an meine Polizei-Leitkuh schicken, von wegen Korte,« konstatierte der Pastor. »Wir?« »Nun ja, stellen Sie sich doch nicht so an.« »Bitte, da steht der PC, bedienen Sie sich.« Sauerbier bewegte sich wie in Zeitlupe. Das Klingeln seines Mobil-Telefons erlöste ihn nicht von dem Übel. Es war die Kommissarin.

»Ja«, stotterte Sauerbier, »Irrtum unterlaufen. Nicht Korte. Fehler. Entschuldigung. Ich denke, ich kann in der Sache nichts mehr tun. Na gut, umso besser. Tschüß.«

5.

Die Scilla ist ein sibirischer Blaustern und gehört zu den Hyazinthengewächsen und ist ein häufig anzutreffender Frühblüher in Parks und Gärten. Der Bergfriedhof hat für die Scilla den idealen nährstoffreichen, humosen, kalkhaltigen, feuchten, aber wasserdurchlässigen Boden in Sonne und Halbschatten. Dankbar breitet sich die beliebte Blume weitflächig auf dem Friedhof aus, jedes Jahr von Zigtausenden Besuchern im zeitigen Frühjahr begeistert gefeiert. Sogar die Tageszeitungen brachten dann regelmäßig ein Farbfoto von der blauen Pracht. Doch in diesem Jahr machten andere Schlagzeilen Furore. Irgendjemand meinte Spuren von schwarzen Messen an der Kapelle des Friedhofs entdeckt zu haben. Und der unbekannte Tote könnte somit Opfer einer rituellen Zeremonie schwarzer Kapuzenmänner gewesen sein. Satanisten auf dem Bergfriedhof? Pastor Sauerbier sprang wie elektrisiert auf, als er die Meldung in der Zeitung las. Als Zeuge wurde ein 79-jähriger Rentner benannt, der regelmäßige Spaziergänge auf dem Friedhof unternahm.

Sauerbier ließ seine Verbindungen über den Kriminalpsychologischen Dienst der Polizei spielen. Schwarze Messen seien sein Ressort, erklärte er aus fester Überzeugung. Die zuständige Beamtin nannte ihm den Namen des Rentners dennoch nur widerwillig, weil sie die Zeugenaussage im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen für wertlos hielt. »Nur geeignet für schlagzeilengeile Reporter. Aber wie Sie wollen. Der Mann heißt Rudolf Hirsch und wohnt in der Dieckbornstraße 78.« Zeuge ist Zeuge, dachte Sauerbier und machte sich auf den Weg. Er traf den Rentner in seiner Wohnung an. Der trug einen altmodischen Morgenmantel in Dunkelbraun, zerschlissene Pantoffeln und hatte den Gang ins Badezimmer wohl noch vor sich, ungekämmt wie die wenigen Haare waren, die er noch besaß.

»Sind Sie Herr Hirsch?« »Sieht man das nicht?«, blaffte der Mann, der kein Geweih trug, dafür aber eine schwere Hornbrille. Er zeigte vorwurfsvoll auf das Türschild mit seinem Namen.