Toni der Hüttenwirt Classic 29 – Heimatroman - Friederike von Buchner - ebook

Toni der Hüttenwirt Classic 29 – Heimatroman ebook

Friederike von Buchner

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Opis

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Erfolgreiche Romantitel wie "Wenn das Herz befiehlt", "Tausche Brautkleid gegen Liebe" oder besonders auch "Irrgarten der Gefühle" sprechen für sich – denn sie sprechen eine ganz eigene, eine unverwechselbare Sprache. Meta und Xaver Baumberger begleiteten ihren Sohn Toni zum Auto. "Sebastian! Franziska! Nun kommt! Wir müssen los! Die Anna wartet auf uns." Die Bichler Kinder, die seit dem Unglückstod ihrer Eltern beim Hüttenwirt und seiner Frau Anna ein Zuhause gefunden hatten, stiegen ins Auto. Tonis Eltern, die in Waldkogel eine kleine Pension mit einer Gaststätte hatten, waren die Ersatzgroßeltern. Meta winkte mit dem Taschentuch, als das Auto davonfuhr. Ihr Mann schwenkte seinen alten Filzhut, den er während der Woche trug. "Grüß Gott, Meta! Grüß dich, Xaver!" "Mei, die Lisbeth! Des is auch schon eine Zeitlang her, daß wir uns gesehen haben. Hast ein bissel Zeit, willst reinkommen, Betty?" fragte Meta Baumberger. Ihr Mann begrüßte die Ertlbäuerin und ging in den Garten. Er hatte seiner Frau versprochen, ein Beet umzugraben. "Naa, Meta! Ich habe keine Zeit!"

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Toni der Hüttenwirt Classic – 29 –

Der Erbhof

Das liebe Geld und die Liebe

Friederike von Buchner

Meta und Xaver Baumberger begleiteten ihren Sohn Toni zum Auto.

»Sebastian! Franziska! Nun kommt! Wir müssen los! Die Anna wartet auf uns.«

Die Bichler Kinder, die seit dem Unglückstod ihrer Eltern beim Hüttenwirt und seiner Frau Anna ein Zuhause gefunden hatten, stiegen ins Auto. Tonis Eltern, die in Waldkogel eine kleine Pension mit einer Gaststätte hatten, waren die Ersatzgroßeltern. Meta winkte mit dem Taschentuch, als das Auto davonfuhr. Ihr Mann schwenkte seinen alten Filzhut, den er während der Woche trug.

»Grüß Gott, Meta! Grüß dich, Xaver!«

»Mei, die Lisbeth! Des is auch schon eine Zeitlang her, daß wir uns gesehen haben. Hast ein bissel Zeit, willst reinkommen, Betty?« fragte Meta Baumberger.

Ihr Mann begrüßte die Ertlbäuerin und ging in den Garten. Er hatte seiner Frau versprochen, ein Beet umzugraben.

»Naa, Meta! Ich habe keine Zeit!«

»Immer mußt hetzen, Betty! Des is doch kein Leben.«

»Wem sagst du das, Meta! Jeder muß eben seinen Preis im Leben bezahlen. Ich wollte den Ertlerben als Mann – und ich habe ihn bekommen. Der alte Ertlbauer war schon geizig. Ich hab’ die Hoffnung gehabt, daß mein Clemens mal net so wird. Aber er wird seinem alten Vater immer ähnlicher. Nur schaffen und Geld scheffeln! Wir haben doch genug, Clemens, sage ich immer. Laß uns ein paar Hilfen einstellen. Aber davon will er nix wissen. So hängt jeden Tag, den mir unser Herrgott auf der Erde schenkt, mehr Arbeit an mir. Es ist alles nur noch eine Hetze. Ach, Meta, wo soll des alles noch hinführen?«

Meta Baumberger wunderte sich nicht, daß Lisbeth Ertl so offen mit ihr sprach und ihr Herz ausschüttete. Meta und Lisbeth waren zusammen in die Schule gegangen und Freundinnen gewesen. Sie hatten auch noch heute eine Vertrautheit, auch wenn sie sich nicht oft sahen.

»Ich muß noch zur Post und dann will ich sehen, ob ich bei den Bollers eine neue Trachtenbluse bekomme. Die sollen des Lager räumen von der letzten Saison. Du weißt ja, wie kurz mich mein Mann halten tut. Es ist schon eine Schande. Aber was soll ich machen?«

»Was ist mit deinem Bub, Betty?«

»Der Kurt, der ist ein fleißiger Bursch. Der Bauer setzt ihn unter Druck, daß er endlich eine Jungbäuerin auf den Hof bringen soll. Aber des ist net so einfach. Der Kurt war schon oft verliebt. Es waren liebe einfache Madln, aber sie waren meinem Clemens alle net vermögend genug. Da hat er jedes Mal einen Keil dazwischen getrieben. Ich habe eben net so viel Glück, wie du mit deinem Xaver! Dein Toni und deine Tochter sind gut geraten. Beide sind glücklich verheiratet. Es herrscht Harmonie in eurer Familie. Da kannst dem Himmel dankbar dafür sein, Meta!«

»Des bin ich! Ja, wirklich, des bin ich, Betty! Und du, du sollst die Hoffnung auch net aufgeben, daß dein Bub doch noch einmal ein Madl trifft, des sich net abschrecken läßt und zu der er steht. Ich wünsche dir von Herzen eine liebe Schwiegertochter, damit du nimmer so allein bist. Dann hast jemanden, mit der du den Kummer und die Sorgen bereden kannst. Der Himmel wird dir schon die Richtige schicken. Da mußt nur fest daran glauben. Ich bete für dich, Betty, und zünde eine Kerze für dich an.«

»Du bist immer noch die liebe Freundin, Meta!«

»Du mußt auch ein bissel an dich denken! Dein Mann kommt jeden Sonntag zum Stammtisch! Dafür nimmt er sich Zeit. Nimm du dir auch Zeit und tu mich öfter besuchen, Betty!«

»Des tät ich gern, aber die Arbeit!« seufzte Betty.

Meta Baumberger hatte Mitleid.

»Dann machen wir des anders: Ich besuche dich öfter.«

»Des is eine gute Idee! Ich freue mich schon drauf. Jetzt muß ich aber los. Grüß Gott, Meta! Grüß mir deinen Xaver und grüß’ mir den Toni und seine Familie.«

Meta Baumberger verabschiedete sich von ihrer Freundin und schaute ihr nach, wie sie mit dem Fahrrad weiterfuhr.

Der Ertl Hof lag etwas außerhalb. Es war schon ein mühsamer Weg ins Dorf. Aber der Ertlbauer erlaubte seiner Frau nicht, das Auto zu nehmen. Dazu war er zu geizig.

Meta dachte an diesem Tag noch oft an ihre Freundin. Sie nahm sich vor, mit Toni zu sprechen. Vielleicht könnte er einmal mit Kurt reden, damit wenigstens er dafür sorgte, daß das Leben seiner Mutter etwas leichter wurde. Geld war doch genug da, und Geld konnte auch der Ertlbauer nicht mit ins Jenseits nehmen.

*

Pfarrer Zandler saß in seiner Studierstube und schrieb an seiner Predigt für den Sonntag. Er hörte die Haustür gehen. Seine Haushälterin, Helene Träutlein, kam zurück. Der Besuch beim alten Schwaningerbauern hatte länger gedauert.

»Wie geht es ihm heute?« rief Pfarrer Zandler.

Die Haushälterin blieb im Türrahmen stehen.

»Net gut geht’s ihm, Herr Pfarrer! Des wird immer schlimmer mit ihm. Versorgen tun wir ihn ja gut. Sie wissen ja, daß alle Frauen des Kaffeekränzchens sich stundenweise beteiligen. Er kann nimmer aufstehen und liegt schwach und elend im Bett. Ganz weiß tut er ausschauen im Gesicht. So gläsern, als hätte der Gevatter Tod schon die Hand nach ihm ausgestreckt. Schlimm ist es mit ihm, und sagen läßt er sich nichts, auch net vom Dr. Engler. Der Martin war heute da. Er wollte ihm ein paar Spritzen geben. Aber der Sturkopf, der will net. Sieht fast so aus, als wollte er mit dem Leben abschließen. Es ist so, als hätte er allen Lebensmut verloren. Sie sollten noch einmal mit ihm reden, Herr Pfarrer. Vielleicht tut er auf Sie hören. Der Egon Schwaninger ist doch noch net so alt. Der ist erst sechzig Jahr! Des ist wirklich kein Alter, um sich ins Bett zu legen und drauf zu warten, bis der Herrgott ihn rufen tut.«

»Es scheint mir, als wärst du ein bissel ärgerlich auf den alten Egon?«

»Ja, des bin ich! Der Martin ist ein guter Arzt. Einen besseren, den können wir uns in Waldkogel net wünschen. Aber zaubern kann der auch net. Wenn der Egon net endlich ins Krankenhaus gehen tut, dann ist es bald mit ihm vorbei.«

»Ich will sehen, was ich tun kann!«

Pfarrer Zandler drehte seinen Füllhalter zu, denn er schrieb all seine Notizen für die Predigten mit Tinte.

»Ich gehe mal gleich zu ihm. Bin bald wieder da«, rief er seiner Haushälterin zu.

Der Schwaninger Hof lag am Orts­ende von Waldkogel, dort wo die Gemarkung zu dem kleinen Nachbarort Markwasen verlief. Es war ein schöner und sehr gepflegter Hof. Pfarrer Zandler blieb davor stehen und schaute sich um. Ein Knecht kam über den Hof und begrüßte den Geistlichen.

»Grüß Gott, Herr Pfarrer! Gut, daß da sind! Mit dem Bauern ist es kaum noch auszuhalten. Er tut nimmer mit uns reden. Net, daß wir eine Anweisung von ihm bräuchten. Wir alle, die wir hier arbeiten, wissen, was wir zu tun haben. Aber er liegt da oben in der Schlafstube und starrt an die Decke. Er kann seit gestern kaum noch was essen und trinken, so schwach ist er.«

Der alte Knecht, der schon viele Jahre auf dem Schwaninger Hof war, bekam Tränen in die Augen. Pfarrer Zandler legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Ich werde mit ihm reden!«

Die Stufen der Holztreppe ächzten, als der Pfarrer hinaufstieg. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Pfarrer Zandler trat ein. Er erschrak, so sehr hatte sich Egon Schwaninger seit dem letzten Besuch verändert.

Der Kranke öffnete die Lider und versuchte zu lächeln:

»Es geht langsam zu Ende. Gib mir die letzte Ölung!«

»Die kann ich dir net verweigern. Aber noch lieber würde ich dich über des Knie legen und dir etwas anderes geben!«

Pfarrer Zandler wußte, wie er mit seinen Schäfchen umzugehen hatte.

»Willst wohl mit aller Gewalt unseren Herrgott zwingen, dich zu holen? Du, Schwaninger, des ist eigentlich eine Sünd’!«

Der Bauer winkte mit einer schwachen Handbewegung ab.

»Der Herrgott, der weiß schon, daß des kein Leben mehr ist. Es ist net schön, so allein zu sein. Des Leben war net gut zu mir. Erst spät habe ich meine liebe Frau getroffen. Dann bin bald Witwer geworden. Solange man jung ist, da macht einem des net so viel aus. Aber im Alter ist es einsam. Was soll ich noch auf der Welt? Ist niemand da, für den sich des Leben lohnt. Ich habe keine Kinder, keine Verwandte. Niemand ist da! Was soll ich also weitermachen?«

Pfarrer Zandler schaute sein Schäfchen an. Er verstand ihn. Das Schicksal hatte ihm seine junge Frau genommen und ihr ungeborenes Kind. Egon Schwaninger hatte den Verlust mit großer Fassung getragen. Niemals hatte er geklagt. Jetzt nach einem langen arbeitsreichen Leben sprach er zum ersten Mal über die Leere in seinem Herzen und seinem Leben. Diese Leere schien ihm allen Lebensmut zu nehmen.

»Ich hab’s bald hinter mir, Herr Pfarrer! Nur was mit dem Hof werden soll, des macht mir Kummer und schlaflose Nächte. Ich habe ihn der Gemeinde vererbt. Soll sich der Fell­bacher darum kümmern. Geld ist genug da. Dem Fritz wird schon was Sinnvolles einfallen, was er damit machen kann. Ich habe dem Fellbacher auch einen Brief geschrieben. Vielleicht könnte er ein Kinderheim daraus machen. Des würde mir gefallen. Als Bürgermeister weiß der Fellbacher, was da zu tun ist.«

Egon Schwaningers Stimme klang schwach.

»Des ist zwar lobenswert, daß du die Gemeinde bedenken willst, aber des kann doch net sein, daß du gar keine Verwandte hast! Daß du keine nahe Verwandtschaft hast, des weiß ich ja. Aber vielleicht gibt’s jemanden, der entfernt verwandt ist, vielleicht jemanden aus der Linie von deiner lieben Frau?«

»Da tue ich niemand kennen! Und wenn schon. Die sind alle weit fort und fremd. Glaubst denn, daß da jemand her will? Es ist eben so, daß ich mich längst damit abgefunden habe, daß ich der letzte Bauer auf dem Schwaninger Hof bin, der letzte Bauer seit vielen hundert Jahren. Des tut schon weh, daß ich niemand hab, an den ich den Hof weitergeben kann.«

Pfarrer Zandler war auf der einen Seite voller Mitleid, auf der anderen Seite wurde er immer ärgerlicher. Es war eine Sünde, daß jemand sein Leben so wenig liebte, daß er es wegwarf und sich nach dem Tode sehnte.

»Schwaninger, ich tue mir des jetzt net länger anhören und auch net ansehen! Der Martin hat gesagt, daß du ins Krankenhaus mußt. Des veranlasse ich jetzt. Ich dulde keinen Widerspruch! Ich laß dich jetzt nach Kirchwalden bringen – und du tust dich fügen. Basta!«

Der Schwaningerbauer wehrte sich und beschimpfte den Pfarrer mit dünner kraftloser Stimme.

»Du gibst jetzt Ruhe!« brüllte Pfarrer Zandler, bei dem es selten vorkam, daß er eines seiner Schäfchen so anherrschte.

Normalerweise war der Geistliche die Geduld und Güte in Person. Er verkörperte wirklich den guten Hirten. Aber wenn seine Geduld einmal zu Ende war, dann war sie zu Ende. Und dies war so ein Fall. Er ging hinunter in die Küche. Dort stand das Telefon. Er rief Dr. Martin Engler an. Eine Stunde später kam der Krankenwagen aus Kirchwalden und holte Egon Schwaninger ab. Der hatte kein Wort mehr gesprochen, mehr als Trotz gegenüber dem Pfarrer, als aus Schwäche. Fast hatte es den Geistlichen gefreut. Zeigte ihm diese Sturheit doch, daß noch ein Funken Lebenswillen vorhanden war.

Wieder im Pfarrhaus angekommen, wälzte Pfarrer Zandler die alten Tagebücher seiner Vorgänger. Wie in einem Geschichtsbuch hatten sie Ereignisse und Vorkommisse notiert, die man in die Kirchenbücher nicht schreiben konnte. Dort wurden ja nur die offiziellen Daten von Taufen, Hochzeiten und Todesfällen aufgeschrieben.

Fast die ganze kommende Nacht durchwühlte Pfarrer Zandler die Truhen auf dem Speicher des Pfarrhauses. Dann fand er endlich, was er suchte.

Es war ein Bericht über die Beerdigung der jungen Schwaningerbäuerin. Zu ihrer Beerdigung war ihre Zwillingsschwester gekommen, als einzige ihrer Verwandten. Bei der Hochzeit ein Jahr zuvor war niemand von der Familie der Braut dagewesen.

»Wenn es eine Zwillingsschwester gab, dann gibt es vielleicht noch andere Verwandte?« sagte Pfarrer Zandler leise vor sich hin.

Er klemmte das Tagebuch seines Vorgängers unter den Arm und stieg die Speichertreppe hinunter. Müde legte sich Pfarrer Zandler nach Mitternacht schlafen.

*

Nach der Frühmesse am nächsten Morgen suchte Pfarrer Heiner Zandler Dr. Martin Engler auf. Die Praxis war so früh am Morgen noch geschlossen. Der Geistliche wählte den Hintereingang durch den Garten. Er fand den jungen Arzt, der noch Junggeselle war, beim Frühstück.

»Grüß Gott, Pfarrer Zandler! Wenn Sie gekommen sind, sich nach dem Schwaninger zu erkundigen, dann kann ich Ihnen net viel sagen. Ich habe gestern abend noch einmal mit dem Kollegen im Krankenhaus telefoniert. Er bekommt jetzt Infusionen. Es scheint doch eine Herzbeutelentzündung zu sein, ganz wie ich es vermutet habe. Aber er wollte sich von mir ja weder untersuchen noch behandeln lassen!«

»Wird er wieder werden, Martin?«

Dr. Martin Engler rieb sich das Kinn.

»Ich hoffe doch! Medizinisch kann man da viel tun. Aber Sie wissen ja selbst wie des war. Zuerst hatte er die Sommergrippe net behandeln lassen, darauf hat er die schwere Bronchitis bekommen und dann, in Folge davon, die Herzbeutelentzündung. Ein Sturkopf ist er schon, der gute Schwaninger. Eigentlich ist er ein lieber Mensch, aber als Patient ist er schwieriger als alle anderen Dickköpfe in Waldkogel zusammengenommen.«

»Er glaubte, er hätte eben keinen Grund mehr zu leben.«

»Wie meinen Sie des jetzt?«

»Der Schwaninger ist Witwer, hat keine unmittelbaren Erben. Er hat sich immer in sein Schicksal gefügt. Alles ertragen! Nie geklagt über all die Jahre! Die ganze Verzweiflung ist jetzt erst rausgekommen. Er hat sich gefragt, was des alles soll. Wo doch niemand da ist. Es hat sich eben in seinem Herzen viel angestaut.«

»Des kann gut sein! Aber deshalb so mit seinem Leben zu spielen? Wenn er net leben will, dann können die Kollegen in der Stadt so viel therapieren wie sie wollen. Richtig aufwärts wird es nicht gehen, wenn der Patient keinen Lebenswillen mehr hat.«

»Dann müssen wir ihm einen verschaffen, Martin!«

Der Arzt sah den Geistlichen verwundert an.

»Wie soll das gehen?«

Während Dr. Martin Engler noch einmal Kaffee kochte, hörte er dem Pfarrer zu. Es war interessant, was dieser in den alten Aufzeichnungen gefunden hatte. Pfarrer Zandlers Vorgänger hatte sogar einmal ein Gespräch mit der Zwillingsschwester der jungen Schwaningerbäuerin. Sie hatte ihm einiges erzählt. Ihre Eltern waren gegen die Heirat der Schwester gewesen, weil der Schwaningerbauer um viele Jahre älter war. Außerdem hatten sie ein gutgehendes Geschäft und hätten gerne gesehen, wenn eine ihrer Töchter den Buchhalter geheiratet hätte. Aber keine der beiden Mädchen wollte das tun. Es war zum Bruch mit den Eltern gekommen.

Pfarrer Zandlers Vorgänger hatte außerdem notiert, daß die Schwester sich in einen Förster verliebt hatte. Sie wollte ihn heiraten und hatte ebenfalls mit den Eltern gebrochen.

»Es müßte doch herauszubekommen sein, wo die Schwester wohnt. Laß mich rechnen, Martin! Der Schwaningerbauer ist jetzt sechzig! Er war vierzig, als er heiratete. Seine junge Frau war fünfundzwanzig. Ihre Schwester müßte jetzt fünfundvierzig sein. Die müssen wir finden! Vielleicht hat sie Kinder? Dann wären doch Erben da für den Schwaninger Hof.«

»Wir müssen sie finden?« wiederholte Dr. Martin Engler. »Wie soll des gehen?«

»Ich habe mir gedacht, daß du des vielleicht herausbringen könntest, über des Internet. Ich kann so einen modernen Kram net bedienen.«

Pfarrer Zandler schob dem Arzt einen Zettel über den Frühstückstisch.

»Des sind die Angaben, die ich habe: Vorname, Mädchenname und Geburtsdatum. Es ist ja des gleiche, weil des ja Zwillingsschwestern gewesen sind.«

»Ganz so einfach ist des net. Warum fragen Sie net den Bürgermeister? Der Fellbacher kann da bestimmt helfen.«

Pfarrer Zandler schüttelte den Kopf. Er wollte das auf keinen Fall. Vielleicht wußte Fellbacher, daß der Schwaningerbauer nach seinem Ableben den Hof der Gemeinde Waldkogel vermacht hatte. Pfarrer Zandler traute zwar seinem Freund, er wollte aber kein Risiko eingehen.

»Geistliche unterliegen der Schweigepflicht genauso wie Ärzte! Es ist besser, wenn alles erst unter uns bleibt. Tust mir jetzt helfen, Martin?«

»Ich kann es ja mal versuchen! Außerdem kann ich als Arzt auch beim Standesamt in Kirchwalden nachfragen. Ein passender medizinischer Grund fällt mir dazu schon ein. Es kann aber etwas dauern!«

»Viel Zeit haben wir nicht, Martin! Du mußt dich schon ein bissel ins Zeug legen. Daß es da vielleicht einen Erben für den Hof gibt, des tut dem Egon bestimmt gut. Meinst net auch, Martin?«

Dr. Martin Engler schmunzelte.

»Von der Therapie habe ich noch nix gehört. Aber versuchen wir es!«

Pfarrer Zandler machte sich zufrieden auf den Heimweg. Er war müde, denn die Nacht war kurz gewesen. Er legte sich in seinem Arbeitszimmer auf das Sofa, um ein kleines Nickerchen zu machen.

*

Als Pfarrer Zandler am späten Nachmittag aufwachte, berichtete ihm Helene Träutlein, daß Dr. Engler angerufen hatte.

Nach einem kurzen Telefongespräch mit dem Doktor war Pfarrer Zandler sehr zufrieden. Er ging in die Kirche und zündete vor der Mutter Gottes eine besonders große Kerze an.

»Heilige Mutter Gottes«, betete der Pfarrer, »ich weiß, daß ich mich da in etwas einmische und ein bissel Schicksal spiele. Ich bitte dich, hilf mir, daß ich dem Egon Schwaninger helfen kann. Es war der Wille des Allerhöchsten, daß er ein so einsames Leben führen mußte. Es wäre doch schön, wenn er auf seine alten Tage noch ein bissel Glück erfahren würde. Es ist doch gar zu traurig, niemanden zu haben. Vielleicht hab’ ich da jemanden gefunden. Heilige Mutter Gottes, ich gebe zu, daß ich ein bissel Herzklopfen habe. Mußt mir ein wenig beistehen!«

Pfarrer Zandler blieb noch eine Weile auf der Kirchenbank sitzen und bedachte seine Vorgehensweise. Dann ging er zurück ins Pfarrhaus und aß eine kräftige Brotzeit.

Geist und Körper gestärkt, machte er sich auf zu seiner schwierigen Mission.

Er fuhr nach Kirchwalden.

*

Pfarrer Zander las die Klingelschilder des älteren Mehrfamilienhauses. Neben einem Klingelknopf standen zwei Namen:

Hanna Drechsel

Anja Ziegler

Er läutete. Kurz darauf summte der Türöffner und die Tür sprang auf. Die Wohnung lag ganz oben unter dem Dach.

»Grüß Gott! Ich bin Pfarrer Zandler aus Waldkogel! Ich suche eine Hanna Drechsel«, stellte er sich vor.

Die beiden jungen Frauen schauten sich an.

»Ich bin Hanna Drechsel! Grüß Gott!« sagte die junge Frau unsicher und trat zur Seite.

»Bitte kommen Sie herein, Hochwürden!«