Todesthemen in der Psychotherapie - Ralf T. Vogel - ebook

Todesthemen in der Psychotherapie ebook

Ralf T. Vogel

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Opis

"Tod und Sterben" ist in Psychotherapien und Beratungen ein wichtiges Thema. Dieses Handbuch liefert Therapeuten und Angehörigen verwandter Berufsgruppen zahlreiche Anregungen und Materialien zur eigenen Auseinandersetzung mit den entsprechenden Fragestellungen sowie zur praktischen Arbeit mit ihren Patienten. In einem gesonderten Kapitel werden konkrete Übungen für Selbsterfahrung und Therapie angeboten. Der Band stellt damit eine wertvolle Ergänzung gängiger psychotherapeutischer Standardwerke dar, die sich diesem schwierigen und doch so gewinnbringenden Themenbereich kaum zuwenden.

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'Tod und Sterben' ist in Psychotherapien und Beratungen ein wichtiges Thema. Dieses Handbuch liefert Therapeuten und Angehörigen verwandter Berufsgruppen zahlreiche Anregungen und Materialien zur eigenen Auseinandersetzung mit den entsprechenden Fragestellungen sowie zur praktischen Arbeit mit ihren Patienten. In einem gesonderten Kapitel werden konkrete Übungen für Selbsterfahrung und Therapie angeboten. Der Band stellt damit eine wertvolle Ergänzung gängiger psychotherapeutischer Standardwerke dar, die sich diesem schwierigen und doch so gewinnbringenden Themenbereich kaum zuwenden.

Prof. Dr. phil. Ralf T. Vogel arbeitet als Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut in privater Praxis. An verschiedenen psychodynamischen und verhaltenstherapeutischen Instituten ist er als Dozent, Supervisor und Lehrtherapeut tätig, an der Hochschule für Bildende Künste Dresden lehrt er als Honorarprofessor für Psychotherapie und Psychoanalyse.

Ralf T. Vogel

Todesthemen in der Psychotherapie

Ein integratives Handbuch zur Arbeit mit Sterben, Tod und Trauer

Mit einem Geleitwort von Eckhard Frick

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikrofilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen oder sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

1. Auflage 2012 Alle Rechte vorbehalten © 2012 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Umschlagabbildung: © Christiane Schwaderer: „Große weiße Lilie“ (Ausschnitt; im Original 80 x 90 cm) Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

ISBN 978-3-17-022401-8

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-023554-0

epub:

978-3-17-028242-1

mobi:

978-3-17-028243-8

Für Sabine

„Der große Tod in uns allen, das ist die Frucht, um die sich alles dreht.“ (R. M. Rilke)

„Der Mensch muss sich darüber ausweisen können, dass er sein Möglichstes getan hat, sich eine Auffassung über das Leben nach dem Tode zu bilden oder sich ein Bild zu machen – und sei es mit dem Eingeständnis seiner Ohnmacht. Wer das nicht tut, hat etwas verloren.“

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Einleitende Vorbemerkungen

1 Einführung: Der Tod heute

1.1 Der Begriff des Todes: Abgrenzungen und Entwicklungen

Exkurs: Tod des Körpers – Tod des Selbst?

1.2 Der moderne gesellschaftliche Umgang mit Tod und Sterben

Exkurs: Der Tod als Symbol

Exkurs: Der Friedhof

1.3 Die Schwierigkeit mit dem Tod: Historisch bedingte und bis heute wirksame „implizite Konzepte des Todes“

2 Grundlagen

2.1 Jenseitsvorstellungen, Mythologie und Todesverständnis

2.1.1 Mythos und Psychotherapie

2.1.1.1 Mythologie und wissenschaftliche Seelenbehandlung

2.1.1.2 Mythologie – Eine kurze Einführung

2.1.1.3 Die mythologischen Wurzeln der Psychotherapie

2.1.2 Mythologien des Todes

2.1.2.1 Der klassische hellenistische Mythos

2.1.2.2 Der christliche Mythos

2.1.2.3 Der jüdische Mythos

2.1.2.4 Der mohammedanische Mythos

2.1.2.5 Der altägyptische Mythos

2.1.2.6 Der buddhistische Mythos

2.1.2.7 Klassische chinesische Philosophie und Daoismus

2.1.2.8 Die Mystik

2.1.2.9 Die nordischen und keltischen Mythen

2.1.2.10 Sonstige Todesmythen

2.1.2.11 Zusammenfassung

2.1.2.12 Der Tod als die große Wandlung

2.1.3 Die abendländische Philosophie

Exkurs: Seele oder Seelen?

2.2 Ars moriendi – Die Kunst zu sterben als Kunst zu leben

2.2.1 Einführung

Exkurs: Memento mori

2.2.2 Finalität, Individuation und Jungs Konzept der Lebensmitte als Vorbereitung des Sterbens

2.2.3 Das Gute am Tod oder: Ich bin sterblich, und das ist gut so

3 Tod und Psychotherapie

3.1 Zur Formulierung einer dem Thema angemessenen Sicht der Psychotherapie

3.2 Die Psychotherapieschulen und das Todesthema

3.2.1 Zum Problem der Therapieschulen

Exkurs: Psychotherapie und Spiritualität

3.2.2 Therapeutische Theoriegebäude und der Tod

3.2.2.1 Die Psychoanalyse

3.2.2.2 Die Analytische Psychologie nach C. G. Jung

Exkurs: „Die Zeitlosigkeit der Seele“: C. G. Jungs Erkenntnisse über Leben und Tod und ihre Bedeutung für psychotherapeutisches Arbeiten

3.2.3 Testpsychologie

3.3 Todesthemen in der Psychotherapie

3.3.1 Gegenübertragung, Projektive Identifikation und das Todesthema

3.3.2 Tod und Narzissmus

3.3.3 Hohes Lebensalter: Zeit des Sterbens?

3.3.4 Angst- und Traumastörungen: In conspectu mortis

3.3.5 Menschen, die getötet haben

3.3.6 (Komplizierte) Trauer

3.3.6.1 Über Trauer

3.3.6.2 Phasen und Aufgaben

3.3.6.3 Trauer bei Tot- und Fehlgeburten

3.3.6.4 Trauer und Entwicklung

3.3.6.5 Trauer und psychische Störung

Exkurs: Nachtoderlebnisse

3.3.7 Suizidale Menschen: Die Sehnsucht nach dem Tode

Exkurs: Partnerschaft und Tod

3.3.8 Sterben und therapeutische Sterbebegleitung

Exkurs: Psychoonkologie

Exkurs: Nahtoderfahrungen

Exkurs: Team und Tod

4 Der Tod und der Psychotherapeut

5 Psychopathologie und Tod

6 Praktische Psychotherapie

6.1 Neutralität – Abstinenz – Setting

6.2 Techniken und Methoden

6.2.1 Allgemeines

6.2.2 Darstellung der therapeutischen Einzelmethoden

6.2.2.1 Die angemessene Gesprächsweise

6.2.2.2 Die Lebensgeschichte und der Lebensrückblick

6.2.2.3 Die Endphase der Psychotherapie

6.2.2.4 Amplifikation und bibliotherapeutisches Arbeiten

6.2.2.5 Ritualisierungen

6.2.2.6 Existenzielle Therapie

6.3 Kunst, Kreativität und Tod – Zur Einbeziehung kreativtherapeutischer Methoden in die Psychotherapie

6.3.1 Musik

6.3.2 Lyrik und Literatur

6.3.3 Schauspiel und Film

6.3.4 Malerei und Bildhauerei

Exkurs: Liebe, Sexualität und Tod

6.4 Traumarbeit und Tod

6.5 Arbeit mit Märchen und Mythen

6.5.1 Märchen und Mythen in der Therapie

6.5.2 Techniken der Märchenarbeit

6.6 Trost und Klage

6.7 Die „Gender“-Perspektive

7 Kinder und das Todesthema

7.1 Entwicklungspsychologie des Todes

7.2 Der Umgang mit Kindern in der Konfrontation mit dem Todesthema

7.3 Kinder und der Tod in der Familie

8 Übungen für Therapie und Selbsterfahrung

8.1 Konfrontationsübungen

8.2 Imaginationen

8.3 Loslass-Übungen

8.4 Meditationen

8.5 Die Autobiographie des Todes

9 Abschlussbemerkungen

10 Tod und Sterben im Internet

Literatur

Stichwortverzeichnis

Geleitwort

Ralf Vogels Buch behandelt das allgemeine Thema des menschlichen Sterbens und des Todes unter einem speziellen Blickwinkel. Er möchte nämlich praktizierende Psychotherapeuten einladen, sich von der einen oder anderen Sinndeutung des Todes inspirieren zu lassen und daran weiterzuarbeiten, „andere Gedanken als für sich persönlich unbrauchbar zu erachten, sich aber weiter damit zu beschäftigen, um sie den Patienten zur Verfügung stellen zu können“. Der Autor zielt also auf eine persönliche Auseinandersetzung, die nicht nur dem Psychotherapeuten selbst nutzt, sondern auch den ihm anvertrauten Patienten. „Psychotherapeutisches Handeln ist zu konzipieren als Handeln in Auseinandersetzung mit dem Tod.“ So formuliert Vogel die zentrale These dieses Buches. Es möchte das Spektrum von professionellen, mythologischen, religiösen, spirituellen und künstlerischen Formen des Umgangs mit Sterben und Tod für den Psychotherapeuten erschließen. Vogel zeigt aber nicht nur, wie die Psychotherapie mit der Thematik des Todes umgehen kann, sondern wie umgekehrt die Psychotherapie mehr oder minder bewusst von der Mentalisierung des Todes bestimmt ist. Insbesondere macht der Autor deutlich, dass viele Hauptbegriffe der Analytischen Psychologie Jungs (z. B. Selbst, Individuation, Ganzheit) im eigentlichen Sinne eschatologische Begriffe sind, die im Diesseits wohl nur in Grenzerfahrungen wirklich werden können. Er spricht klar aus, dass er die Psychoanalyse nach Jung für eine „spirituelle Disziplin“ hält und führt als anthropologischen Beleg, ungewöhnlich genug für einen Psychoanalytiker, Josef Ratzinger an: „Mit der Einstellung zum Tod ist die Einstellung zum Leben mitentschieden: Der Tod wird so zum Schlüssel für die Frage, was eigentlich der Mensch ist“. Sicher werden auch Nicht-Psychotherapeuten Vogels Buch gern zur Hand nehmen, gleichgültig, ob sie sich selbst in Psychotherapie befinden, befunden haben oder in anderer Weise an Fragen des Lebenssinns und der Lebensorientierung interessiert sind. Wie schon in früheren Publikationen erweist sich Vogel als ungewöhnlich breit ausgebildeter und in allem Menschlichen Gebildeter, der sich auf die Psychoanalyse der Fachrichtung Analytische Psychologie (nach C. G. Jung) ebenso stützen kann wie auf solide verhaltenstherapeutische Kenntnisse. Dass Vogels Werk ein „integratives Handbuch“ ist, zeigt sich vor allem an den zahlreichen Übungen, v. a. imaginativer Art, zu dem er die Leserinnen und Leser behutsam hinführt.

Das vorliegende Buch bietet darüber hinaus eine Orientierungshilfe angesichts eines schwer überschaubaren „Marktes“ von Sinndeutungen angesichts von Sterben und Tod. Da wir uns alle mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen, werden wir auch alle mit Gewinn zu Ralf Vogels Handbuch greifen.

Eckhard Frick, München, im März 2012

Einleitende Vorbemerkungen

Das vorliegende Buch ist eine korrigierte und erweiterte Neuauflage des im M&V-Verlag erschienenen Bands „Der Tod in der Psychotherapie“. Was mit einem „kleinen memento mori für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten“ begann, hat sich zu einem umfangreichen persönliche Projekt der psychotherapeutischen Auseinandersetzung mit dem Todesthema in all seinen Facetten ausgeweitet, in das Erfahrungen aus psychotherapeutischer Praxis und Seminartätigkeit ebenso eingeflossen sind wie theoretische Arbeit und empirische Untersuchungen. Das Ergebnis ist die vorliegende Schrift. Im Vergleich zu den Vorausgaben wurden einige Kapitel erweitert und einige neu hinzugefügt. Die neuere Literatur wurde in den Text integriert und die Lesbarkeit an manchen Stellen verbessert.

„Übe zu sterben“, meint Platon, „Wenn Du schon an etwas denken musst, dann an die Ungewissheit Deiner Todesstunde“, so ein tibetisches Sprichwort. Das memento mori, das Nachdenken über den Tod, ist für Psychotherapeutinnen und -therapeuten1 eine Schlüsselqualifikation ihres Tuns.

Der Bestatter und erfolgreiche Autor Fritz Roth nennt drei Weisen der Auseinandersetzung mit dem Todesthema: „In der ersten Person“ haben wir ihn „als persönliches und unvorhersehbares Schicksal, das jeden trifft“ zu betrachten. „In der zweiten Person“ geht es um das emotionale Geschehen, das der Tod eines anderen in uns auslöst. Drittens schließlich ist der Tod auch ein kulturellgesellschaftliches Thema (Roth 2011, S. 55). Alle drei Aspekte wirken oft in uns zu einem subjektiven „Todeskonzept“ zusammen, und alle drei Aspekte sollen in den nachfolgenden Kapiteln Beachtung finden.

Das vorliegende Buch will Ansätze dafür liefern, die als geisteswissenschaftliche Disziplin verstandene Psychotherapie in die große abendländische Tradition einer „contemplatio mortis“ einzureihen, in eine spätesten mit dem Römer Seneca (1–65 n. Chr.) beginnende Überzeugung, dass wir uns den Tod durch Nachdenken und Nachspüren „aneignen“ müssen, um ihn zu bewältigen. Es entstand aber auch in der Folge mehrerer Erfahrungen im persönlichen wie im beruflich-psychotherapeutischen Bereich. In der eigenen therapeutischen Arbeit und in der Tätigkeit als Supervisor stellte sich immer wieder heraus, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Psychotherapien früher oder später an existenziellen Themen rühren und dass unter diesen v. a. das Thema „Tod und Sterben“ eine herausragende und zunächst besonders schwierig zu handhabende Materie darstellt. In der Praxis wurde deutlich, bestätigt nunmehr auch durch eine aktuelle Befragung (Vogel 2011), dass auch nach Theorieausbildung und Lehranalyse bzw. Selbsterfahrung die Vorbereitung auf diese Themen als unzureichend wahrgenommen wird und eine permanente innere Auseinandersetzung des Therapeuten notwendig erscheint, um, zusammen mit den Patienten, die vielfältigen Erscheinungsweisen der Themen „Tod und Sterben“ in der psychotherapeutischen Arbeit adäquat bewältigen zu können. Dabei sind die Aussagen der therapeutischen Schulrichtungen nur bedingt brauchbar, zumindest aber in keiner Weise ausreichend.

Zur inneren Auseinandersetzung gehört die Rezeption der „Spezialisten“ auf dem Gebiet des Todes, und das waren bis vor nicht allzu langer Zeit nicht die Psychotherapeuten, sondern es waren die Priester, Mönche und Nonnen der unterschiedlichen Konfessionen, die spirituellen Lehrer und die Philosophen der Weltkulturen. Ohne sich von ihnen auf dem eigenen Weg inspirieren zu lassen, so schien mir, ist die Begegnung mit dem Todesthema unvollständig, und man beraubt sich wichtiger Erkenntnisquellen. So ist es verständlich, dass in dieser Schrift denn auch nicht nur und oft genug nicht einmal in erster Linie psychotherapeutische Ideen zu Wort kommen werden. Hierin unterscheidet sich das vorliegende Buch sicher deutlich von den Hauptstilrichtungen psychotherapeutischer Fachliteratur.

Das Buch ist als Handbuch konzipiert. Als solches ist ein möglichst breites Erfassen der im therapeutischen Arbeitsfeld relevanten „Erscheinungen“ des Todesthemas beabsichtigt. Das detaillierte Inhaltsverzeichnis ermöglicht ein rasches Auffinden des gerade interessierenden Themenbereichs, die Kapitel sind weitgehend unabhängig voneinander lesbar. Einige für das Verständnis der Todesthemen zentrale Begriffe, wie etwa die „Finalität“, treten auch in unterschiedlichen Kapiteln auf und werden jeweils unter der gerade anstehenden Thematik beleuchtet. So bildet sich im Laufe der Lektüre einerseits eine umfassende Gesamtsicht dieser Grundkonzepte, andererseits sind die Begriffe in jedem einzelnen Abschnitt auch so erläutert, dass sie für sich allein verständlich werden. Die zahlreichen „Exkurse“ vertiefen zugehörige Einzelthemen und sind für sich auch lexikalisch nutzbar. Die einzelnen Kapitel wollen allerdings nicht den Anspruch erheben, eine jeweils suffiziente Abhandlung der Themen um Tod und Sterben im Zusammenhang mit psychotherapeutischem Handeln darzustellen. Zwar werden alle relevanten Bereiche im Umkreis dieser Begriffe aufgeführt, jedoch im Einzelnen nicht erschöpfend behandelt. Nach meiner Meinung kann und soll dies durch eine einzige Schrift, wie umfangreich diese auch sein mag, auch gar nicht erstrebt werden. Vielmehr werden am Ende sämtlicher Abschnitte Anregungen zum Weitersuchen und Vertiefen gegeben, wenn gerade dieses Thema für den Leser von besonderer Relevanz ist. Es geht also zum einen um eine Sensibilisierung für das Thema, zum anderen aber, und dies in erster Linie, um eine Inspirationshilfe auf dem Weg des Psychotherapeuten hin zu einer eigenen, die psychotherapeutische Tätigkeit fundierenden Haltung. Sigmund Freud (1856–1939) bereits deutete eine gewisse „Unaufrichtigkeit“ in unserem Umgang mit dem Todesthema an (z. B. 1927). Psychotherapeutisch Tätige aber müssen sich „aufrichtig“ Rechenschaft ablegen können über ihren eigenen Standpunkt zu den existenziellen Themen des Lebens, sonst sind sie in den entscheidenden Augenblicken der Therapie erschrocken, hilflos und ängstlich oder weichen vor diesen Themen zurück und lassen ihre Patienten allein. Materialien zur Entwicklung eines solchen Standpunktes will diese Schrift bieten. Viele praktische Anregungen ergaben sich aus meinen Erfahrungen in den vergangenen Jahren: Sowohl in den inzwischen zahlreich veranstalteten Weiterbildungen als auch von meinen Patienten, die mit dem Kreis des Todesthemas angehörenden Problemen zu mir kamen, habe ich so viele neue Anregungen erhalten, dass ich diese einfach weitergeben wollte.

Schließlich zwingt die Begegnung mit Tod und Sterben auch zu mancher Revision theoretisch-psychotherapeutischer Standpunkte. Liebgewonnene Sicherheiten, was denn nun Psychotherapie sei und wie sie begründet werden könnte, lösen sich ebenso auf wie Forschungslogiken und Wissenschaftstheorien, wenn wir dem Tod im Gegenüber oder in uns selbst begegnen. In der Konfrontation mit den verschiedenen Facetten des Todes, den Todesthemen also, gibt es eben kein „falsch“ oder „richtig“, und wissenschaftliche Sichtweisen entlarven sich als wenig Gewissheit bringende, von Tradition und herrschenden Freiheitsgraden des Denkens abhängige Heurismen. Dieser Tatsache tragen einige Abschnitte zu möglichen Sichtweisen auf die Psychotherapie als Gesamtdisziplin Rechnung, die nicht mehr als den Charakter der Vorläufigkeit beanspruchen. Beim Schreiben wurde mir deutlich, wie schwierig es ist, Themen, über die ganze Kulturen während ihres gesamten Bestehens sinnierten, auf einige wenige Seiten zu bannen. Ich ging daher statt möglichst vollständig zu sein, den umgekehrten Weg und reduzierte mein Vorhaben auf eine Art „Hinweis-Schriftstück“, das den lesenden Psychotherapeuten einlädt, sich von einigen Ideen inspirieren zu lassen und daran weiterzuarbeiten, andere Gedanken als für sich persönlich unbrauchbar zu erachten, sich aber weiter damit zu beschäftigen, um sie den Patienten zur Verfügung stellen zu können, oder schließlich drittens manche Thesen ganz zu verwerfen und sich bewusst dafür zu entscheiden, sich nicht eingehender damit zu beschäftigen. Noch deutlicher als bei vielen anderen Grundthemen der Psychotherapie, so scheint mir, wird beim Todesthema die Notwendigkeit deutlich, Wissen und Weisheit der Menschheit zu Rate zu ziehen: Wissen durch die Berücksichtigung wissenschaftlicher Theorien und Studienergebnisse, Weisheit durch das verstärkte Befragen der großen Weisheitslehrer der Welt. Diese bipolare Notwendigkeit führt zu einem – wie ich hoffe – gewinnbringenden Neben- und Ineinander der Erkenntnisse wissenschaftlicher wie auch spiritueller Disziplinen. Natürlich ist sowohl die Auswahl als auch die Darstellung subjektiv, es kann im Bereich existenzieller Themen auch gar nicht anders sein. Doch dies tut dem „Inspirationsanliegen“ des Büchleins keinen Abbruch, im Gegenteil, auch der Widerspruch bedeutet den Einstieg in eine Auseinandersetzung mit den zur Diskussion stehenden Themen, und darauf kommt es mir an. An jedes Kapitel angehängt sind – z. T. kommentierte – Hinweise auf weiterführende Literatur, die eingehendere Beschäftigung erlauben.

Da der primäre Leserkreis für das Buch Psychotherapeuten sind, beinhaltet die Schrift auch einige konkrete Anregungen zur therapeutischen Arbeit mit verschiedenen, mit Tod und Sterben assoziierten Themenbereichen in der therapeutischen Praxis sowie Hinweise auf dazu nützliche Materialien.

Psychotherapeuten befinden sich in einer privilegierten Position: Sie üben den vielleicht einzigen Beruf aus, in dem tägliche Selbsterfahrung – und als solche ist Psychotherapie mit existenziellen Themen wegen unserer immer vorhandenen eigenen Betroffenheit zu werten – und Weiterentwicklung stattfinden und dies auch noch bezahlt wird! Da die Schrift auch als Lektüre zu Seminaren, die vom Autor in den letzten Jahren gehalten wurden, gedacht ist, tragen die verschiedenen Übungen einer vertieften Annäherung an das Thema Rechnung. Dabei ist allerdings dringend zu beachten, dass die beschriebenen und in der weiterführenden Literatur empfohlenen Übungen nicht zur unhinterfragten Selbstanwendung taugen. Vor ihrem Einsatz muss unbedingt geprüft werden, in welchem Rahmen dieser erfolgt, und nicht selten ist eine Gruppe oder eine Einzelselbsterfahrung mit einem erfahrenen therapeutischen Begleiter die Situation der Wahl!

1 Im weiteren Text werde ich der Einfachheit halber die männliche Form benutzen und hoffe, dadurch die weiblichen Leserinnen nicht zu sehr zu „verprellen“.

1 Einführung: Der Tod heute

1.1 Der Begriff des Todes: Abgrenzungen und Entwicklungen

Der Tod ist dem (Menschen-)Leben inhärent, er ist ein „Atropologicum“, eine „menschheitsdimensionierende Tatsache“ (Wils 2007, S. 119): 140 Menschen sterben pro Minute, ca. 200 000 täglich und ca. 70 Millionen Menschen im Jahr (Levine 2005)! 80 % der Deutschen sterben in Heimen oder Krankenhäusern, obwohl ebenfalls 80 % den Wunsch äußern, zu Hause zu sterben. Die Frage nach einer Definition des Todes, noch pointierter nach einer Bestimmung des Todeszeitpunktes, spitzt die immer noch und wieder aktuelle Kontroverse in den „Psych-Wissenschaften“ nach deren eigentlichem Gegenstand – Seele oder Gehirn – in dramatischer Weise zu (siehe dazu Kap. 3.1). Geht es für manche Kolleginnen und Kollegen noch an, den Patienten (und sich selbst) depressive Symptome oder Ängste als hirnorganische Fehlfunktion zu erklären und sie darauf zu reduzieren, so ist dies in der Arbeit mit dem Todesthema nicht mehr so einfach möglich. Die Sicht auf den Tod scheidet sowohl in der theoretischen Betrachtung wie auch in der konkreten Arbeit mit den Patienten diejenigen, die das Seelische mit dem mess- und beobachtbaren Psychischen gleichsetzen, von denjenigen, die darüber hinausgehen wollen.

Der Tod (griech. thanatos, lat. mors, abgeleitet vom germanischen „bewusstlos werden, dahinschwinden“) ist in heutiger Zeit nicht eindeutig definiert. Sowohl innerhalb der Spezialisierungen, die sich berufen fühlen, Aussagen zum Thema zu machen, wie auch zwischen diesen herrscht Uneinigkeit, ab wann wir vom „Zeitpunkt des Todes“ sprechen, ja, ob man denn überhaupt von so etwas sprechen könne (vgl. dazu auch Beinert 2000):

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