Todesformel - Verena Wyss - ebook

Todesformel ebook

Verena Wyss

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Opis

Die Anwältin Jennifer Bach lebt in Basel. Oft fährt sie nach Hochberg, einem beschaulichen Dorf in den schweizerischen Jurahöhen, um ihre mütterliche Freundin Alja Berken zu besuchen und die Natur zu genießen. Doch die idyllische Landschaft trügt, denn längst hat das Böse auch hier sein Netz gespannt. Nach und nach erkennen die Frauen die Gefahren, die auf sie lauern. Zunächst findet Alja eine mysteriöse CD-ROM in einem toten Briefkasten, dann wird nachts in Jennifers Haus eingebrochen. In einem Garten taucht eine Hand auf, ein Mann wird erschossen. Immer tiefer geraten die Frauen in das Räderwerk von Wirtschaft, Politik und Verbrechen. Bis sie schließlich erkennen, dass sie einen Schlüssel besitzen, der mehr ist als eine bloße Formel.

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Titel

Verena Wyss

Todesformel

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

www.verena-wyss.ch

© 2008 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2008

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von sxc.hu

Gesetzt aus der 9,4/13,3 Punkt GV Garamond

ISBN 978-3-8392-3086-2

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Zitat

HEXEN - EINMALEINS

Du musst verstehn!

Aus Eins mach Zehn,

Und Zwei laß gehn,

Und Drei mach gleich,

So bist du reich.

Verlier die Vier!

Aus Fünf und Sechs,

So sagt die Hex,

Mach Sieben und Acht,

So ist’s vollbracht:

Und Neun ist Eins,

Und Zehn ist keins.

Das ist das Hexen-Einmaleins!

Johann Wolfgang Goethe, Faust I

1966 ERSTER VORSPANN

ALJA

AUS ALJAS GARTEN: Es ist richtig, einige der länglichen schwarz glänzenden Maulbeeren weit über die Reife hängen zu lassen, bis sie ins weiche Gras und auf die Erde unter dem Baum fallen. Das zieht Käfer an, Insekten, die Blindschleiche, Igel. Es sind säuerlich süße, große, weiche Beeren, viele, sie verfaulen, werden Erde, der Boden zieht sie vor ihren Augen geradezu ein – der Baum holt sich seine Früchte zur eigenen Nahrung, unheimlich.

Die Frau schlief jetzt, das schlafende Baby hielt sie fest an sich gedrückt. Alja zog ihr die leichte Decke zurecht. Vorher hatte sie beide gewaschen, hatte das winzige Mädchen gewickelt, genau, wie es im Handbuch beschrieben war: die Gazewindel doppelt gefaltet, der Länge nach auf die dreieckig gefaltete und umgeschlagene Normalwindel gelegt, dann um das Körperlein gewickelt, behutsam auf das breite, fest klebende Nabelpflaster achtend. Sie hatte ihm die bereitliegenden Babykleidchen angezogen, ganz sorgfältig, es war ja so püppchenklein – hatte die zu langen Ärmelchen umgeschlagen. Das Baby nuckelte im Schlaf, seufzte. Die schlafende Frau schmiegte die Wange an das flaumige Köpfchen mit den auffällig eingebuchteten Schläfen.

Alja sammelte die Wäsche und steckte sie in die Wäschetrommel, startete den Wäschegang ›extra stark beschmutzte Kochwäsche mit Vorwäsche‹. Dann putzte, fegte, schrubbte und spülte sie. Schließlich war da noch der Plastikeimer mit dem blutigen Schwabbelzeug, Nabelschnur und Nachgeburt.

Den Spaten hatte sie bei der hinteren Tür zum Garten bereitgestellt. Die junge Frau hatte sie darum gebeten. Unter den ausladenden, sparrigen, bis zum Boden reichenden Ästen des Maulbeerbaums war die Erde feucht, schwer und weich. Dort grub sie, sicher einen halben Meter tief. Jetzt konnte sie das jäh nach Waldwurzeln riechende Geschlabber hineinkippen, Erde darauf schaufeln, Schaufel um Schaufel auf wabbelnde Erde, alles mit Erde zugedeckt. Den Eimer spülte sie gleich im Bach. Es war eine spontane Idee, ihn mit großen Bachkieseln zu füllen, zum Baum zurückzutragen. Alja kippte die Steine auf die frische Erde, schichtete sie sorgfältig, dass kein Tier hier graben sollte, fertig.

2001 ZWEITER VORSPANN

Samstag vor Palmsonntag, 15 Uhr

Höhenweg auf der Jurakrete oberhalb Hochberg

Der Mann auf dem Fahrrad war im grauweißen Schleier von Nebel und einsetzendem Schneefall verschwunden, Fred Roos machte sich auf den Rückweg. Unvermutet hörte er Frauenstimmen, Lachen, da kam von weiter unten noch jemand. Es war besser, sich seitwärts hinter Buschwerk zu verziehen. Der Schnee haftete zwar unregelmäßig hier und dort schon am Boden, doch seine Spuren waren noch nicht auszumachen. Schon tauchten im Nieselgrau zwei Gestalten auf, mit Hund; es waren Frauen, die eine groß, die andere kleiner. Um ein Haar wäre er mit ihnen kollidiert. Der Hund schien dumm zu sein, schien ihn nicht zu wittern. Bei diesem Wetter hatte er hier oben nicht mit Spaziergängern gerechnet! Jetzt musste er ihnen nachgehen, sie im Auge behalten, musste wissen, sie gingen keinen Schritt von diesem schmalen Pfad ab. Aber genau dort vorn, wo der Mann sein Fahrrad zurückgelassen hatte, nahm doch dieser Hund die Spur auf, schwenkte rechtwinklig vom Pfad ab ins Geröll, verschwand zielgenau oberhalb der großen Felsnase. Die Frauen riefen in allen Tönen nach ihm, »Moshe, Moshe!« – Was für ein Name!

Fred Roos stand an den Stamm einer Birke gepresst, holte sein Präzisionsgewehr aus dem Halfter, stabilisierte den Lauf, spähte durchs Visier.

Durch das Glas konnte er unter der Pelzmütze das Gesicht dieser kleinen Alten von der Mühle erkennen, deren unverwechselbare Nase; Berken oder ähnlich hieß sie. Himmel, jetzt ging sie noch dem Hund nach. Falls sie das Päckchen fand, würde er schießen. Er entsicherte. Beim Klicken des Gewehrverschlusses drehte ihm die andere im hellen, langen Steppmantel ebenfalls das Gesicht zu; jetzt konnte er sie trotz der hochgeschlagenen Kapuze erkennen: Jennifer Bach, die Anwältin – Knuts Tochter. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Und da war die Alte ja wieder, mit dem verdammten Hund, sie hielt ihn jetzt angeleint. Den Hund hatte er noch nie gesehen, definitiv kein Boxer. Fred Roos spähte in höchster Konzentration durch das leichte Schneegestöber. Die Berken schien nichts in den Händen zu halten, so sah es zumindest aus. Sie bewegte sich ruhig, fuchtelte nicht, wies nicht in Richtung der Felsnase. Auch Jennifer Bach zeigte keine besondere Reaktion, übernahm jetzt den angeleinten Hund, ließ ihn vor sich hergehen. Alle drei bewegten sich in Richtung der kleinen Passhöhe, die Berken zuhinterst bückte sich hin und wieder. Was sammelt die nur, es schneit doch, der Boden ist ja schon ganz weiß. Noch zielte er auf ihren Rücken, wobei er sich sicher war, sie hatte nichts entdeckt, ein Hundespaziergang. Ein Glück für beide wie für ihn, er hätte sie erschießen müssen. – Es hätte ein unsinniges Aufsehen gegeben, der falsche Moment, der falsche Ort. Bloß keine Aufmerksamkeit in diese Gegend lenken. Fred Roos zerlegte das Gewehr, steckte es in das Halfter, schloss den Allwettermantel darüber. Bisher war alles exakt nach Plan gelaufen. Wenn etwas schiefginge, es wäre sein Fehler. Wegen dieses Köters muss er jetzt noch einmal hoch, zur Kontrolle.

DRITTER VORSPANN

Samstag vor Palmsonntag, nachts zehn Uhr

Alja schleppte das Bike die Kellertreppe hoch. Kontrollierend befingerte sie die Ventile – nach dem Winterstand waren die Reifen weich, sie pumpte. Vor dem Eingangsspiegel zog sie das orangerote Stirnband tief in die Stirn. Ihr Gesicht wirkte dadurch rund wie ein Vollmond, die weichen Wangen konturlos, die schmale Nase noch spitzer, die sonst grünen Augen groß und dunkel, der Mund seltsam klein. Energisch schloss sie die Reißverschlüsse ihres schwarzen Regenanzugs, der etwas satt über ihren runden Hüften lag, die glänzenden Silberstreifen waren vor allem in der Dunkelheit gut sichtbar. Sie schnürte die festen Schuhe, schlüpfte in die dicken schwarzen Lederhandschuhe, steckte den Pfefferspray ein – alte Frau Rad fahrend, sie kann nicht anders – der Mund verzog sich, um ein Haar hätte sie sich zugelacht: eine Clownin, nicht ernst zu nehmen. Man musste es einfach so sehen.

Schon schob sie das Rad über die geschotterte Zufahrt, klickte den Dynamo ein, stieg auf. Der Lichtkegel zuckelte vor ihr her über nassglänzende Steine des Feldwegs, dann radelte sie auf der schmalen geteerten Straße den Berg hoch; nicht aus der Puste kommen, nicht so heftig treten. Was hätte sie zu verlieren – ein eher altes Leben, salopp ausgedrückt, alt ist relativ, je nachdem. Gut, den Garten, das Denken, da sollte sie noch länger dran sein, dass es sinnvoll würde, dass sie zu diesem bestimmten Punkt gelangte, sie fühlte sich dem so nah, Durchblick, Einsicht, ›was die Welt im Innersten zusammenhält‹. Sie argumentierte, wie sie das immer tat, wenn sie etwas tat, das sie nicht tun sollte, oder wenn es gefährlich wurde. Oder wenn sie etwas tat, dessen Gefährlichkeit sie nicht abschätzen konnte. Sie konnte es offensichtlich nicht lassen.

Sie hustete, keuchte, wie anstrengend es war. Sie wiederholte, Dauer und Kraftaufwand waren relative Größen, kürzer als auf der Bergstraße war der Waldweg auf jeden Fall, schneller würde es ganz sicher auf der Rückfahrt sein. Hier, in der Kurve bog sie in einen schmalen Pfad ein, klinkte den Dynamo aus, holperte in die Schwärze des Waldes, ohne Licht, ihre Augen waren noch immer nachttauglich, als hätte sie Katzen- oder Pilotenaugen. Wenn man immer wüsste, was einen treibt, etwas zu tun – da ließe sich das Schicksal erkennen.

Kein Nicht-Ortskundiger wäre nachts hier unterwegs, auch kein Ortskundiger. Für andere wäre es viel zu heikel, die Stelle zu finden, und um diese Zeit hier oben zu sein, wäre bei jedem verdächtig, viel zu auffällig. Für sie galt das nicht. Sie streifte doch gern in der Gegend umher, war im Sommer oft mit dem Rad unterwegs, das wusste jeder. Auf der Krete war sie nachts noch nie gewesen, eben.

Die letzten fünfzig Meter ohne Rad waren die dümmsten. Sie fühlte sich schutzlos. Rennen, hineingreifen, zupacken, ein Karton. Was immer das war, sie schob es unter den Pullover, wieder rennen und hopp auf das Rad und ruckend und holpernd in der Nacht verschwinden. Da war niemand. Die Rückfahrt auf dem schmalen Waldweg war gefährlich, nur nicht stürzen, bei alten Knochen war der Oberschenkelhals gefährdet, das Schlüsselbein zwar auch, doch wer fiel schon auf das Schlüsselbein – nur niemandem begegnen. Jetzt war sie wieder auf der richtigen Straße. Krampfhaft dachte sie: vorbeisausen, bevor jemand merkt, dass da jemand kommt. Sie orientierte sich an der Helligkeitsschneise des Himmels zwischen dunklen Waldbäumen. Nur kein Reh über den Haufen fahren. Sie ließ den Wald hinter sich. Unten am Hang die Scheinwerfer eines Autos. Alja stoppte, wartete, trotz der großen Distanz. Das Auto fuhr auf dem Feldweg von den oberen Häusern von Feldisberg weg, bog in die Hauptstraße, zweigte gleich wieder ab, die Scheinwerfer glitten über den Hang, reichten unglaublich weit in ihre Richtung, wurden von der Hangneigung aufgefangen. Jene Lichter da schräg unter ihr, das war schon die Villa ›Holsten‹, das Auto bog in die Zufahrt ein. Das eine Licht schien aus dem Waschhaus, das andere leuchtete in der Orangerie, Meret Platens Atelierfenster. Die Autoscheinwerfer erloschen beim Haupthaus. Alja fuhr jetzt wieder mit Beleuchtung durch den Feldweg, an Felix’ Bienenhaus vorbei. Die letzte Strecke durch den Wald wollte nicht enden. Endlich die Mühle. Keuchend schob sie das Rad ins Glashaus, schlängelte sich am Kaktus vorbei zur hinteren Kellertür, sie hatte den Schlüssel. Erschöpft schob sie den großen Riegel vor, drehte den Schlüssel doppelt. Im Spiegel entsetzte sie ihr Clownsgesicht, sie riss das Haarband weg, löste auch das Gummiband, fuhr mit den Fingern durch den karottenrot gefärbten Haarschopf. Was sie jetzt brauchte, war eine heiße Dusche.

Es war ein unadressiertes Päckchen in wasserfestem Papier. Die braunen breiten Klebebänder löste Alja über Dampf. Sie hatte es doch gewusst! Befriedigt zog sie die Plastikhülle für CD-ROMs heraus, auch hier das Klebeband. Wie erwartet war darin eine ganz ordinäre CD-ROM, unbeschriftet. Alja schluckte, zog die Schultern hoch und fürchtete sich. Sie fühlte sich noch immer durchfroren, holte ihren roten Wollponcho; ›Armagnac‹ oder heiße Schokolade? Also goss sie einen Schluck ›Baileys‹ in die Milch. Sie hatte A gesagt, Hals über Kopf, es interessierte sie. Wenn die CD-ROM sich öffnen ließe, machte sie sich eine Kopie, brächte sie noch heute Nacht zurück, wäre sie gleich wieder los. Wusste sie dann, was es war, konnte sie sich immer noch überlegen, ob sie überhaupt etwas damit zu tun haben wollte – reine Lust auf Abenteuer.

Es konnte ein Virus drin sein, der bei unbefugtem Öffnen aktiv würde. Nun gut, ihr Computer war nicht das neuste Modell, und die Reinschriften ihrer Gartentexte war das Einzige, das ihr wichtig war, die ließen sich irgendwo wieder auftreiben. Einmal musste sie sich sowieso einen neuen Laptop leisten.

Sie kopierte. Es dauert länger, als sie gedacht hatte, da waren auch Bilder oder so, zwei volle Minuten. Sie folgte dem Messingzeiger der Standuhr auf dem Kaminsims; da kam noch etwas und noch etwas und noch etwas, fertig. Jetzt nicht abspeichern. Schon legte sie einen Rohling ein, lud, was immer es war, hinüber, lauschte auf das leise Klopfen und Rattern im Computer, löschte die Zwischenstufe auf ihrem PC, fertig. Natürlich konnte sie nicht wissen, ob sie alles mitgekriegt hatte. Sorgfältig wischte sie mit einem Papiertaschentuch über die fremde CD-ROM, steckte sie zurück in den Karton. Mit genau dem gleichen glatten, braunen Klebeband aus dem Supermarkt verklebte sie kunstgerecht, zuletzt rieb sie auch den Karton sauber. Es war gleich zehn Uhr. Sie fühlte sich hundemüde, es wäre sogar für jemand Jüngeren anstrengend gewesen. Keinesfalls wollte sie sich damit einen Schaden holen. Es wäre besser, morgen bei Tageslicht noch einmal ganz harmlos Osterkraut zu suchen. Sie war niemandem begegnet, und falls doch, hatte man höchstens einen großen durchflitzenden Schatten gesehen. Ein zweites Mal in dieser Nacht noch wäre so etwas durchaus leichtsinnig.

Es war die Neugierde, die sie auch jetzt trieb, doch es war umsonst. Die CD-ROM ließ sich zwar öffnen, aber nicht lesen. Bis fast um Mitternacht suchte sie im Benutzerhandbuch nach brauchbaren Anweisungen, fand sogar die Anleitung, wie Codes mehrfach verschlüsselt werden können und wie ein einfacher Code zu knacken war, doch sie gab es auf, das würde sie nie begreifen. Frustriert steckte sie ihre Kopie in einen festen gelben Briefumschlag.

Der beste Aufbewahrungsort für eine CD-ROM, die nicht bei ihr sein sollte, war der geräumige Boden auf der Tenne, ihre Rumpelkammer. Das Nieseln hatte jetzt aufgehört, ein großer Sternenhimmel wölbte sich über den ›Höhen‹. Die Nacht war kalt. Alja machte Licht, kletterte die Leiter hoch, musste in der hintersten dunklen Ecke die Taschenlampe benutzen. Hier, diese breite Spalte zwischen zwei Balken des Dachstocks war geeignet. Das Kuvert glitt hinein, würde sich nur mit einem Schraubenzieher wieder herausangeln lassen.

Bei den gestapelten Gegenständen schimmerte im Licht der Taschenlampe die alte Puddingform – Karamellpudding mit geschlagenem Rahm, das Richtige für Kaffee und Kuchen am Ostersonntag.

Alja legte das betriebsbereite Handy auf den Nachttisch, Nummer eins war Knut. Er war ein wirklicher Freund, er wohnte nah, und was im Moment das Beste war an ihm: Er arbeitete bei der Polizei.

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ICH, JENNIFER BACH

AUS ALJAS GARTEN: Es ist wichtig, die immergrünen Sträucher wie Buchs, Eibe oder Kirschlorbeer zu kompakten Formen zu schneiden, immer wieder – wachsen lassen und abrunden, abgrenzen. Der Wind vermag die dichten Büsche nicht so stark zu zausen, die Vögel finden einen sicheren Unterschlupf. Gartenvögel lassen sich auch gern in der Stadt nieder, wenn sie im Winter genügend dichte, belaubte Büsche vorfinden. Wir alle warten auf den Frühling, der sich in diesem Jahr besonders lange Zeit lässt: andauernd kaltes West- oder Nordwestwindwetter mit Regen, Graupelschauern und Schnee, der kurz liegen bleibt. Wir warten noch immer auf die ersten Märzbecher und Winterlinge.

Aljas Gartenkolumnen erscheinen im ›Lifestyle‹ der Samstagszeitung. Schon bevor Alja und ich uns befreundeten, habe ich sie jedes Mal gelesen – Heimat. Wenn sie mir besonders nahegehen, schneide ich sie aus, klebe sie in das gelbe Heft, das ich mir einzig zu diesem Zweck gekauft habe. Ich liebe Vögel und ich träume davon, irgendeinmal einen eigenen Garten zu haben mit Büschen und Spalieren, in denen Vögel nisten können, einen Garten für mich und meinen achtjährigen Noël. Ich liebe diesen Traum. Er ist wie ein Einatmen zwischen den täglichen Pflichten, dass ich bewusst hin und wieder an etwas anderes denke als an Noëls schlechten Schlaf, den Wocheneinkauf oder die Prozesse meiner Klienten – Kind, Küche, Karriere. Aljas Kolumnen bringen dieses leise Lachen in mein Leben – wissen, gewusst, bewusst, selbstbewusst. Mit Alja kann ich auch von Noëls immer wieder hartnäckigem Husten reden. In meinem jetzigen Umfeld in der Stadt gelte ich damit als nicht mehr ernst zu nehmen: geschieden und, weil kein Gesprächspartner da ist, immer von ihrem Kind quasselnd, in ewiger Fürsorge um dieses Kind. Ich will als Anwältin ernst genommen werden.

Ich bin ein wacher Mensch, einer, der sich selbst nichts vormacht. Also stelle ich fest, dass ich mich meist dann nach Natur sehne, wenn ich mich mies fühle oder überfordert. Meistens klappt es und ich lache.

In diesen Wochen vor Ostern kommt der Druck wieder einmal von allen Seiten, ich halte es gerade noch aus. Am Samstag vor Palmsonntag ist Noël schon wieder bei Benno, der zeitlich doch immer im Rückstand ist, sein Sorgerecht auszuüben; ich flüchte zu Alja. Wir färben Ostereier, was mir guttut. Wir bringen Moshe an die frische Luft und machen einen Spaziergang über die Krete, teilweise folgen wir dem Europawanderweg, ganz oben über den Berg. Es ist etwas leichtsinnig, Moshe von der Leine zu lassen. Prompt läuft er weg, stöbert einen Kaninchenbau auf.

Die Einbrecher kommen zwei Tage später, in der Karwoche in der Nacht von Montag auf Dienstag.

Es ist einer jener seltsamen Zufälle. Hätte Knut diesen knuddeligen Welpen, den wir als kleinen Findling Moshe nennen, nicht vor vier Wochen bei uns untergebracht und wollte ich diesen kleinen Pinkler nicht um vier Uhr nachts Gassi führen, niemand hätte bemerkt, dass Einbrecher im Haus waren. Sie hätten ihre Arbeit ungehindert verrichtet, womöglich wüsste ich heute noch nicht, dass sie hier waren. Das wäre vielleicht nicht einmal schlimm, zumindest müsste ich mich jetzt nicht sorgen.

Die Wohnung, in der Noël und ich seit meiner Scheidung vor zwei Jahren wohnen, liegt über meiner Kanzlei in diesem geräumigen Stadthaus, einem Altbau. Wie windig und nass die Terrasse ist, fällt erst so richtig auf, wenn Noël oder ich oder wir beide zusammen Moshe aus dem Wohnzimmer auf diese Terrasse befördern in der Hoffnung, Moshe könnte hier sein Pipi machen. Da lässt sich dann hinuntergucken auf den kahlen Zugang zum Haus, die immer noch kahlen Platanen unserer Straße. Vorher wäre mir nie im Traum eingefallen, einzelne Anwohner beim Autoparken und bei ihrem Kommen und Gehen zu beobachten – wobei es hier nicht allzu viel zu sehen gibt, wir leben in einem bevorzugten Wohnquartier. Es wäre überaus praktisch, Moshe benutzte die Terrasse, zumindest solange er noch so klein ist, zumindest bei diesem kalten Regenwetter. Doch er lässt sich mit nichts dazu bringen. Dann heißt es eben, in Eile mit bloßen Füßen in die sich kalt anfühlenden Winterstiefel, Mantel über den Pyjama, Schirmmütze auf und die Locken rundum hineinstecken, da sie sich andernfalls anschließend im Bett so klamm anfühlen, die Leine packen – wo sind die Hundesäckchen –, Moshe zur Sicherheit hochheben, damit er es nicht im Treppenhaus tut, denn junge Hunde pinkeln nur in der Hocke, und schon trample ich mit diesem von Tag zu Tag immer schwereren Bordeaux-Welpen auf dem Arm die Treppe hinunter und durch den Vorgarten. Andererseits passt sich Moshe mehr oder weniger problemlos in unser Leben ein. Sein neuer Flechtkorb ist mit einem Hundekissen und mit meinem rot-schwarzen ausgelatschten Pullover gepolstert und steht nun tagsüber in meinem Büro unter meinem Pult. Moshe liebt es, am Pullover-Etikett lutschend zu schlafen.

Sie müssen durch die Hintertür hereingekommen sein: Als ich um vier Uhr schläfrig mit dem noch immer süßlich nach Baby duftenden Moshe im Arm ins Treppenhaus trete und mit dem einen Ellenbogen den Lichtschalter drücke, geht das Licht einfach nicht an. Moshe versucht sich zusammenzurollen, reckt sich, sodass ich ihn nur mit Mühe zu halten vermag. Ich meine, ein Geräusch zu hören, von unten, mein Steppmantel raschelt, ich stehe ganz still, lausche. Ich rufe ins Dunkle: »Frau Kockels, sind Sie das?« – Keine Antwort. Das ist ja seltsam. Jetzt bin ich mir sicher, da ist jemand. Rasch trete ich einen Schritt vor, wieder mein Rascheln, spähe über das Treppengeländer. In der Dunkelheit ist kaum etwas zu sehen, schräg unten das matt schimmernde Viereck der verglasten Hintertür. Doch dort, ganz deutlich ein dunkler Schatten, eine sich in die Ecke des Ausgangs drückende Gestalt. Das Geräusch hingegen ist aus dem Hausinnern gekommen, aus der Kanzlei oder vom Keller. Schon bin ich zurück in der Wohnung, schließe mit dem Schlüssel, schiebe den Riegel, stelle Moshe zu Boden, sein Pipi ist jetzt zweitrangig. Nun erlischt auch im Korridor und im Bad das Licht. Die ganze Wohnung liegt im Dunkel, jemand muss in diesem Moment den Strom ausgeschaltet haben. Irgendwo hier im schwarzen Korridor Moshes Winseln. Noël schläft in seinem Zimmer. Die Wohnungstür ist stark, Sperrverriegelung und zwei zusätzliche Extrariegel. Ich habe Knut verspottet, wie er mir diese Vorsichtsmaßnahmen aufgedrängt hat, Polizisten leiden unter Verfolgungswahn. Jetzt bin ich ihm dankbar dafür. Ich schlüpfe aus dem Mantel und lasse ihn fallen, taste mich an der einen Wand in mein Schlafzimmer vor, immer gewärtig, mindestens über Moshe zu stolpern. Hier in der Schublade die Taschenlampe. Ich eile durch alle Zimmer, schließe die Fenster, lasse die Sicherheitsriegel einschnappen, lasse an der Terrassentür den Rollladen herunter. Rasch das Telefon, den Polizeinotruf. Das Telefon ist tot. Mein Mund ist ganz trocken, die Innenflächen der Hände fühlen sich feucht an. Nein, natürlich weine ich nicht. Das Handy muss in der Tasche beim Notebook stecken. Die Tasche nehme ich nachts immer mit nach oben. Mit der Taschenlampe ist sie zu finden. Die Polizei meldet sich: Name, Adresse.

»Jemand ist im Haus und hat im Keller das Elektrische ausgeschaltet, das Telefon unterbrochen. Noch jemand steht vor der Hintertür. Ich bin hier allein mit einem Achtjährigen, oben wohnt eine Frau. Das Parterregeschoss ist meine Kanzlei, Anwaltskanzlei Dr. jur. Jennifer D. Bach.«

Sie schicken die nächste Streife. Ich soll den Kopf nicht verlieren, die Wohnungstür verriegeln.

In meiner Tasche steckt auch der Pfefferspray. Besser ist der Baseballschläger, ein Hochzeitsgeschenk, das die Scheidung überdauert hat. Hier herein kommt mir keiner.

Auf Strümpfen und noch immer im sehr unbequem in die rote, weite Fitnessschlabberhose gestopften Nachtshirt eile ich wieder durch den Korridor. Moshe steht im Kegel meiner Taschenlampe geduldig da, wo ich ihn auf den Boden gestellt habe. Ich schiebe ihn in seinen Korb, schleiche mich in Noëls Zimmer, bin froh, über nichts zu stolpern, decke Noël bis ans schmale Kinn mit seiner Decke zu. Dann spähe ich vorsichtig zum Küchenfenster hinaus in den Hinterhof des gegenüberliegenden Mehrfamilienhauses. Worauf warte ich? Die sind doch längst weg. Doch da, Intuition: Vom Haus weg huschen einer, zwei, drei Schatten. Drei Männer laufen über den Hinterhof, setzen über den Maschendrahtzaun. Sie tun dies mit Leichtigkeit, sind schlank. Jetzt rennen sie den Rain hinunter, sind weg.

Per Handy rufe ich Knut an, wecke ihn. Es ist beruhigend, seine befehlsgewohnte Stimme zu hören. Ich habe sie weglaufen sehen, also sind sie weg. Knut kommt sofort.

Es sind dreiundzwanzig Kilometer von Feldisberg hierher. Dort in den ›Höhen‹ bin ich aufgewachsen.

Ich wage es nicht, die Wohnungstür zu öffnen, um ins Treppenhaus zu lauschen, ziehe mich an, schwarze Cordhose, Schottenbluse und schwarze Weste, binde die Haare im Nacken zusammen, Lippenstift und Wimperntusche, warte. Wie das dauert, bis zwei Polizisten unten klingeln, in der Zwischenzeit hätte wer weiß was geschehen können. Sie durchsuchen das ganze Haus. Im Keller ist die Tür zum Heizraum, in dem alle Installationen untergebracht sind, nicht verschlossen. Offensichtlich wurde wer auch immer durch mich gestört. An einem Schaltkasten des Telefons hängt der abgeschraubte Deckel an einem Kabel herab.

Ein früher Tagesbeginn, wir haben schon Sommerzeit, nachtdunkel.

Um sieben Uhr trifft Knut ein, bringt einen Schwall kühle Luft mit, hängt seinen nassen Ledermantel in die Garderobe. Unter dem Sportsakko trägt er einen dünnen Pullover, Hemd und Krawatte. Er stellt eine Papiertüte mit noch warmen Butterhörnchen auf den Tisch, zum Frühstück. Er legt seinen Arm um mich, drückt mich an sich: »Was machst du für Geschichten, Mädchen!« Wie vertraut sind die hellbraunen Augen, die gerade Nase mit den schmalen Flügeln, die scharf gezeichnete Oberlippe, die jetzt grau gesprenkelten Haare. Ich liebe seinen Morgengeruch nach Duschgel und Aftershave. Wenn ich wie jetzt am Morgen ganz flache Pumps trage, scheine ich immer kleiner zu werden, kleiner als er sowieso, trotz meiner 1,73 Meter. »Puh, Dad«, ich atme hörbar aus, ziehe eine Grimasse. Wir trinken Kaffee. Noël kommt schlaftrunken, wird wach, schiebt seinen Stuhl ganz nah an Knuts Stuhl. Wie gut, dass Opa Polizist ist. Seine Kollegen werden die Einbrecher finden. Heute bringt Knut Noël ausnahmsweise per Auto zur Schule, weil er gleich nochmals herkommen wird. Noël strahlt, nicht jeder wird mit einem schwarz glänzenden ›Saab‹ bis vors Schulhaus gefahren.

Zuoberst im Haus wohnt Erna Kockels, eine sehr zurückhaltende Frau, Einkaufsleiterin in einer Modehauskette, geht am Morgen, kommt am Abend, wir grüßen einander freundlich. Für Noël interessiert sie sich nicht. Die Wochenenden verbringt sie mit ihrem Freund. Wir sind uns beide sicher, das Schnappschloss der Hintertür nicht entriegelt zu haben. Es spielt auch keine Rolle. Knut entdeckt fluchend, dass sich das eine Kellerfenster von außen mühelos herausheben lässt, einfach so, mitsamt dem Rahmen. Es wurde ebenso glatt wieder eingepasst. Knut scheint sich zu sorgen.

Später am Tag erscheinen zwei Spezialisten der Kriminaltechnik und bestätigen, was die Streife schon oberflächlich festgestellt hat: Im Keller wurde die eine Telefonleitung zu meiner Privatwohnung abgehängt und unterbrochen. Die Überprüfung der anderen Leitungen ergibt, dass jene zur Kanzlei schon mit einem Abhörsender ausgerüstet ist. Wahrscheinlich wollten sie auch meine Privatleitung anzapfen. Wäre dies abgeschlossen gewesen, niemand hätte eine Manipulation bemerkt. Es müssen absolute Spezialisten gewesen sein, auch was ihre Kondition betrifft, man muss es sich erst einmal zutrauen, in einer Flanke über einen doch recht hohen Zaun zu setzen.

Wir rätseln herum. Knut, ganz Polizist, auch wenn sein Bereich die Verkehrsabteilung ist, ist nicht davon abzubringen, das Ganze habe etwas mit einem meiner Klienten zu tun. Da Polizisten generell unter ›Déformation professionelle‹ leiden – sie sammeln wahllos Informationen, ähnlich selbsttätigen Computern, zur unpassenden Zeit spucken sie sie in originellen Kombinationen wieder aus –, kann ich mit ihm diese unwahrscheinlichen Möglichkeiten nicht besprechen; es gibt schließlich ein Anwaltsgeheimnis. Natürlich bin ich überzeugt, dass bei mir ausschließlich harmlose Klienten mit eher langweiligen Angelegenheiten aus und ein gehen. Etwas anderes anzunehmen wäre absurd. Das sind nicht Menschen mit illegalen Geschäften, also keine internationalen Schieber oder Steuerbetrüger. Was sonst würde jemanden interessieren? Ich ertappe mich beim Gedanken, Mafiosi oder was auch immer wären zumindest reich und bezahlten für Ratschläge am Rand der Legalität schöne Honorare. Selbstverständlich nur am Rand der Legalität, denn diesen Rand würde ich nie verletzen. Und Italiener müssten sie sein. Das wirklich kriminelle Milieu ist brutal, Mafiaseilschaften nach Nationalitäten, tödlich. Obwohl sich Dorothy, meine Mam, früher, als sie noch bei uns war, immer über Knuts Job eher belustigte, habe ich doch ganz früh schon einiges mitgekriegt. Auch habe ich geradezu überdeutlich die mahnende Stimme unseres Strafrechtsprofessors im Ohr, aus der Illegalität führt kein Weg zurück.

Dass Knut richtig besorgt ist, gefällt mir am allerwenigsten. Als er weg ist, hole ich meinen geladenen Revolver aus der Schublade in der Kanzlei. Von jetzt an werde ich ihn in der Tasche bei mir tragen. Ein geladener Revolver in einer Schublade ist ebenso für die Hasen wie ein ungeladener Revolver in einer Tasche. In diesem kleinen Punkt muss ein denkender Mensch gegen das Waffengesetz verstoßen. Nicht umsonst bin ich Knuts Tochter.

Später am Tag erst wird mir mulmig. Da sind Eindringlinge im Keller gewesen, wie weit im Haus bleibt offen. Sie können jederzeit zurückkommen, die Treppe hoch, ich habe sie gesehen, durchtrainiert, schnell; riesig erscheinen sie mir in der Erinnerung. Sie können vor der Wohnungstür stehen, können ebenso gut einen Weg finden, in die Wohnung zu gelangen, wenn sie denn wollten. Das Schlimmste war, dass sie zu dritt waren. Das macht es so professionell. Warum mein Telefonanschluss?

So ein Einbruch bringt das ganze Umfeld ins Schwingen.

Erna Kockels reagiert, wie Frauen eben meinen reagieren zu müssen, allmählich kokett hysterisch den Kopf verlierend, ganz das Mädchen, das zu beschützen ist. Natürlich fürchtet sie sich. Ich mahne mich zur Besonnenheit, zu viele Krimis am Fernsehen verschieben das Realitätsempfinden: Übersteigerungen, Straffungen, Vereinfachungen. Da lasse ich mich keinesfalls anstecken.

Lukas, mein Praktikant mit KV-Abschluss, streicht sich andauernd mit der einen Hand über seinen kurz geschorenen Kopf, kann vor Aufregung nicht mehr ruhig sitzen, findet den Einbruch mit sich überschlagender Stimme ›affengeil‹; in einem der Fernsehkrimis hat er gesehen, wie das gemacht wird, doch es waren jene vom Staat, die Guten, die die Wanzen anbrachten, das muss man sich doch auch überlegen, das tun die doch andauernd. Ich widerspreche, es gibt dafür ein paar gesetzliche Grenzen. In meiner Kanzlei gibt es dazu nicht den geringsten Hauch eines Hauchs eines Grundes, also tun sie es nicht. – Mich nervt sein Vokabular. Als Mitarbeiter einer Anwaltskanzlei soll er sich etwas zurückhaltend ausdrücken. Er begeistert sich für hochtechnische Sicherheitsanlagen mit Wärmesensoren, er nervt. Es kann doch nicht meine Aufgabe sein, meinem Praktikanten Kinderstube beizubringen, das ist nicht nur eine Frage der zur Verfügung stehenden Zeit.

Noël dagegen scheint den Einbruch mit einer Geschichte zu verwechseln, es hat mit ihm nichts zu tun, interessiert ihn offensichtlich technisch – Wie funktioniert eine Abhöranlage? –, der Enkel seines Opas. Sollte ich ihn nun warnen, ihm Angst einjagen, ihn noch mehr verunsichern? Andererseits habe ich mir doch vorgenommen, in seiner Erziehung nichts zu tabuisieren. So weit zu akademischen Vorsätzen.

Uschi, Knuts Freundin, schaltet sich telefonisch ein, wiegelt ab mit heller Stimme, was mich insgeheim ärgert. Sie führt die Wirtschaft ›Zum Halbmond‹ in Feldisberg, die früher meiner Tante Lisa gehört hatte. Nach ihrer Meinung muss ein Irrtum vorliegen. Ich solle es mir doch überlegen, jemand solle diesen Aufwand meinetwegen tun? Bei mir sei doch nichts Wichtiges zu finden. Ist das nun die Einschätzung der Lage nach gesundem Menschenverstand oder hängt es mit dem geringen Stellenwert zusammen, den Uschi meiner Arbeit gibt? Erst neulich bemerkte sie spitz, fünfunddreißig und noch nicht wieder auf eigenen Füßen. Knut hätte ihr nicht erzählen müssen, dass immer noch Benno die Miete für die Kanzlei und Dorothy jene für unsere Wohnung bezahlt. Bei Benno ist es Teil der Scheidungsvereinbarung, und Dorothy hätschelt mich eben. Auf diese Weise kann ich mir ein kleines finanzielles Polster schaffen. Uschi zieht nicht einmal in Erwägung, dass ich immerhin ein Berufsgeheimnis habe, dass sogar ich kleine Anwältin Dinge erfahre, die man früher nicht einmal mit dem Beichtvater besprochen hat, nicht nur, weil die Gesetze so komplex sind.

Alja, die ich anrufe, reagiert aufmerksam und tönt irgendwie besorgt, jedes Detail und jedes mögliche Verdachtsmoment will sie genau wissen. Anschließend ruft sie Knut an und erkundigt sich eingehend über Tür- und Fenstersicherungssysteme. Sie scheint ängstlich zu werden, auf sich bezogen, ist doch nicht mehr die Jüngste.

Insgeheim teile ich jetzt Knuts Besorgnis, suche in den Geschichten meiner Klienten systematisch nach dunklen Spuren. Andererseits muss ich mit meinen Energien haushälterisch umgehen, mich soll ein derartiger Einbruch, der genau besehen kein richtiger Einbruch ist, nicht erschrecken. Die Meinung der Polizei geht dahin, dass sich die Einbrecher in der Hausnummer oder der Straße oder gar im Ort geirrt haben. Alles andere ergibt für sie keinen Sinn.

Ich werde ein neues Halbjahresabo für den Fitnessclub lösen. Zudem werde ich wieder regelmäßig schießen gehen, was Knut sicher freut.

Knut selbst wird jetzt öfter rasch hereinschauen, er werde kontrollieren, wie es Moshe gehe. Seiner Taille würden Spaziergänge zu uns nur guttun, er sitze momentan zu viel im Büro.

2

AUS ALJAS GARTEN: Karwoche. Die Erde ist ein großes lebendiges Wesen, entsprechend unserem Organismus ein Teil des kosmischen Zusammenwirkens der Planetenkräfte in unserem Sonnensystem; mit dem Neigungswinkel der Erdachse wechseln im Umlauf um die Sonne die Jahreszeiten rhythmisch über sie hinweg. Das menschliche Bewusstsein gehört in eine reale Dimension dieses Weltganzen. Deshalb ist es sinnvoll, die Jahresfeste bewusst zu erleben.

Das Sich-Zurückziehen und das Wiedererwachen der Natur umfasst Pflanzen, Tiere und Menschen. Hildegard von Bingen sprach von ›viriditas‹, der ›Grünkraft‹.

In der Eisenwarenhandlung habe ich einen handlichen Fuchsschwanz gekauft, was ich schon längst tun wollte, doch Benno hat dies für Mieter einer Stadtwohnung als geradezu lächerlich bezeichnet. Als Noël in der Schule ist, säge ich damit im Vorgarten rasch und unauffällig an der einen dieser Eiben den seitwärts strebenden, dünnen Ast ab. Der große Busch wird die Lücke im Lauf des Sommers schließen, dann werde ich ihn nachstutzen. Er wird kompakter wachsen. Den Ast zerkleinere ich in der Küche und bündele die Stücke, ich werde ihn zu Knut oder zu Alja mitnehmen – hier fehlt ein Schwedenofen. Doch was in der Stadt vor allem fehlt, ist ein Kompost.

In Feldisberg auf den ›Höhen‹ werden auf Palmsonntag Stechpalmen, Lorbeer, Thuja und Buchs geschnitten und die Zweige in die Ställe wie auch in die Wohnräume gehängt, als Schutz vor Blitz und Krankheit, vor bösen Geistern und vor dem bösen Blick. Heute basteln sie im Religionsunterricht Osterbäume, tragen sie am Palmsonntag über den Friedhof und stecken sie in die Vorgärten. Doch jene, die die Zweige zu Hause in die Zimmer hängen, lassen sie heute kaum mehr in der Kirche segnen, offensichtlich reicht der eigene fromme Wunsch.

Wie schon im vergangenen Jahr gehe ich speziell über den Gemüsemarkt, kaufe Stechpalmzweige und Buchs – ein Brauch. Ich hänge sie im Wohnzimmer und in Noëls Zimmer über die Tür und an die Wand. Alja hat es irgendeinmal erwähnt, Buchszweige im Zimmer sollen einen ruhigen Schlaf bewirken; Noël erwachte heute Nacht schon wieder weinend. Ich werde mit ihm reden, werde ihm sagen, dass die Zweige gute Träume bringen.

Karfreitag. Ich erwache froh, heute ist Feiertag, keine Schule, keine Termine. Christentum, Bewusstsein und Wachstumskräfte – Aljas Osterkolumne findet in mir ihren Widerhall. Gerade weil Dorothy mich eher New-Age-heidnisch erzogen hat, wurde ich in die Jahresfeste geradezu eingebettet. Übermorgen ist Ostern, wir werden bei Alja in der Mühle Ostereier suchen. Frohgestimmt trete ich im Badezimmer in eine Lache von rostig braunem Wasser – meine Mokassin-Slipper, ein Geschenk von Dorothy, saften in Nässe. Von der Badewanne bis zur Tür steht schmutzig braunes Wasser, ein See, eine Überschwemmung. Von oben tropft es bräunlich, die Decke glänzt stellenweise schwarz, rinnt! Ich könnte schreien, anscheinend soll ich nicht einmal an einem Karfreitag festlich gestimmt sein dürfen, sondern ich werde irgendwelchen Rohrbrüchen nachrennen. Mein Job heute muss aber das Schreiben einer Fristerstreckung, die Eingabe einer Klage bei der Vormundschaftsbehörde und das Verfassen einer Scheidungsunterlage sein, mein Job heute ist ganz sicher nicht das Klempnern eines Wasserrohrs.

Schon stehe ich vor der Tür der oberen Wohnung und klingle relativ ausdauernd, 7.30 Uhr. Anstelle von Erna Kockels öffnet ein verschlafener, halb nackter Mann; seine einzige Bekleidung sind eng anliegende graue Boxershorts. Ich schaue direkt auf einen nackten Waschbrettbauch, eine hell behaarte Männerbrust; schaue nach weiter oben, braune weiche Haare fallen ins dreieckige Gesicht, schaue in verschlafene Mandelaugen, sehe einen dunklen Dreitagebart. Er ist etwa so groß wie ich, etwas älter als ich, bodygebildet. Bewusst schaue ich neben seiner Brust vorbei, goldene Härchen, will auch die muskulösen Oberarme nicht sehen, schaue ganz sicher nicht nach weiter unten, trete einen Schritt zurück. Hätte ich mich doch wenigstens gekämmt, der meint, ich sei eine Jugendliche, ich fühle mich unförmig im ziegelroten Schlabberpullover über den Leggins, und erst die Ringelsocken. – Erna Kockels macht eine Weiterbildung in London, er ist der Untermieter, Claas Ranke, Schriftsteller. – Den Namen habe ich nie gehört, was nichts heißt. Er weiß von keiner Überschwemmung, kann sich nicht denken, dass da etwas undicht sein sollte. – Er nervt, es muss ein Rohrbruch sein, zumindest muss man schleunigst die Zuleitung unterbrechen, wie kann er einfach so dastehen! – Er verschwindet, kommt wieder, hat sich einen schwarzen, viel zu engen Pullover übergezogen. – Es ist das Rohr, eine Naht rinnt. Er wird sie dichten, okay? – Wie sind seine Abmachungen, wer haftet, wenn er Untermieter ist, die Decke in meinem Bad ist ruiniert und möglicherweise ist es auch schon die Stuckdecke unten in meiner Kanzlei. Überhaupt hat Erna Kockels mir nichts von Veränderungen gesagt. – Dann soll ich erst wieder kommen, wenn alles trocken ist. – Wir sind voneinander nicht erbaut. Ich bin auch von Erna Kockels nicht erbaut. Der Einbruch vor vier Tagen mag sie ja durcheinandergebracht haben, doch ich arbeite in diesem Haus, sie hätte klingeln können, hätte mich orientieren, sich verabschieden können. Es gibt Leute, die haben nicht den geringsten Anstand.

Doch dann renne ich zurück in mein Bad, mit dem Eimer und der Kehrichtschaufel schöpfe ich das Wasser direkt in die Badewanne, helfe dann mit meinen so wunderbar saugfähigen Frotteetüchern nach, ausbreiten, aufsaugen lassen und über der Wanne auswringen, diese Brühe muss weg, bevor sie auch die Decke zum unteren Stockwerk durchtränkt.

Ostersamstag fliegt Benno auf Fotosafari nach Kenia, wird mit Ines, seiner neuen Freundin, den Kilimandscharo besteigen. Sie ist groß wie ich, blond wie ich, wobei ich die Echtheit ihres Blondtons bezweifle, Unternehmensberaterin, also geschäftstüchtig. Zusätzlich ist sie fünf Jahre jünger als ich und nimmt Ballettstunden. Das schlägt auf die Stimmung. Benno ist Ende dreißig. Ich muss mich darauf einstellen, dass sie heiraten werden, sobald die Fristen vorbei sind. Es betrifft mich zwar gar nicht, es ist bloß irgendwie beleidigend. Sie wird schwanger werden.

Ich vergrabe mich in meine Arbeit.

Nachmittags fällt mir auf, wie lange ich Noël schon nicht gesehen habe und wo ist Moshe? Ich finde sie beide oben beim Schriftsteller, muss noch einmal seinen Namen erfragen. Mein Gott, ich weiß nichts von diesem Menschen, und Noël sitzt zufrieden in der Wohnung auf Erna Kockels schwefelgelbem Sofa, hat Sirup getrunken, das leere Glas steht auf dem niederen Sofatisch, und schaut sich ein Geo-Hochglanzheft an, schon wieder Afrika.

»Ich bin keine Glucke und rege mich nicht gleich auf, ich sollte bloß jeweils wissen, wo mein Junge und der Hund stecken, ob sie im Haus sind oder außerhalb. Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, Herr Ranke. Hat Frau Kockels denn nichts davon gesagt, dass hier eingebrochen wurde? Und seit wann wussten Sie denn, dass diese Wohnung an Ostern frei wird? – Im Internet sei die Wohnung kurzfristig ausgeschrieben gewesen? Für Sie eine Gelegenheit, in der Stadt zu arbeiten?«

Noël hört aufmerksam zu, entspannt und zufrieden. Er hat offensichtlich einen Freund gefunden. Benehme ich mich wie eine Glucke, fühle ich mich als Glucke? Noël lacht über das ganze Gesicht, wie dieser Ranke ihn auffordert, bald wieder zu kommen, er dürfe jederzeit klingeln. Er könne mir jeweils doch einen Zettel schreiben, damit ich mich nicht aufregen müsse. Ich werde angelächelt, er findet Noël einen ganz patenten Jungen. Beinah hätte ich mich verschluckt. Diese Augen, fast magnetisch oder was?

* * *

Ostern feiern wir auf den ›Höhen‹ bei Alja in der Mühle. Knut feiert mit Uschis Familie, was mich noch immer eigenartig berührt. Dorothy feiert natürlich mit ihren Freunden in New York, Susanne, meine Exschwiegermutter, feiert mit einer Freundin, deren Familie es ebenfalls nicht für nötig hält, die Feste mit einer alleinstehenden Mutter zu feiern. Diese hadernden alternden Frauen, sie könnten sich ja einmal fragen, warum das so ist, aber ehrlich.

Beim Erwachen am Ostermorgen ist es draußen hell, als scheine endlich die Sonne, doch das ist Schneelicht. Es schneit sogar hier in der Stadt in großen Fetzen. Ich habe es mir so schön vorgestellt, mit Noël und Moshe in Aljas Frühlingsgarten die Osternester mit den Eiern und den Süßigkeiten zu suchen, und nun das! Weiße Ostern gehen mir ganz gehörig auf die Nerven, doch Noëls Freude über den Schnee ist ansteckend. Also steigen wir auf den Estrich und holen die indianischen Mokassinstiefel und Winterjacken, meinen Trapperhut und Noëls lederne Finnenkappe wieder herunter.

Es ist eine verschneite Landschaft, in die wir fahren, surreal weiß blendend, in den Obstbäumen hängt blauer Schnee in Packen in den Ästen. Das sieht aus wie jene einmal mit so viel Ignoranz zu Kunstwerken ›verpackten‹ Bäume, die im Winter in ihrer eigenen Wärme austrieben – Wattewolken, schwebende Segel. Ich kann nur immer wieder ungläubig den Kopf schütteln, das Licht stimmt doch einfach nicht, entspricht nicht meiner inneren Uhr, nach welcher jetzt Frühling sein sollte. Noël hat mit ›Fehlern‹ in den Jahreszeiten keine Probleme, ihn freut der Schnee. Ich schaue in sein lachendes Gesicht, das Grübchen in seiner Wange, zause rasch durch seine Locken. Es ist das pure Glück, mit seinem Kind in eine verschneite Landschaft zu fahren, ich beginne laut zu singen – ausgerechnet ein Landsknechtlied, frühkindliche Prägung durch Dad und Festhalten daran. Der Rhythmus entspricht meiner Stimmung, eher trotzig, »zwei Sechser auf den Tisch!« Noël singt hell und lauthals mit »das Leben ist ein Würfelspiel«, wir lachen. Die Straße nach Feldisberg ist bei der Brücke sogar schneebedeckt, ich fahre aufmerksam, dann ist sie wieder aper und ich liebe es, den ›Jeep‹ so richtig in die Kurven zu ziehen.

Nach der Eiersuche, die sich wegen des wieder einsetzenden Schneetreibens auf das Haus und um das Haus beschränkt, sitzen wir am festlich gedeckten Ostertisch, Tee und kalte Platte und die mit Zwiebelschalen braun gefärbten Eier, heiße Schokolade mit Rahm, Törtchen und Plätzchen, der karamellisierte Osterpudding, ein Glas Wein und Quittenlikör.

Alja blickt zum Fenster hinaus, findet bemerkenswert, Meret Platen scheint in letzter Zeit zweimal zu laufen, erinnert mehr denn je an eine scheue Katze, eine verlauste, struppige Katze, man vermutet das bei ihr nicht, dieser gepflegten, gestylten Frau Platen. Genau so war Tiger, wie er damals auftauchte. Tiger, der nun seit Wochen verschwunden ist. Seit das Wetter etwas milder ist, sitzt Meret Platen wieder auf der Bank am oberen Ende der Wiese. Meist sitzt sie einfach, schaut vor sich hin oder schaut möglicherweise hier zur Mühle herunter. Blickt Alja dann ein zweites und drittes Mal zu ihr hin, ist sie unvermittelt schon wieder im Wald verschwunden. Ab und zu kommt sie ja den Weg heruntergelaufen, hinter dem Maulbeerbaum zwischen den Hecken durch und quer durch den Obstgarten zum Haus. Alja lädt sie jeweils zu einer Tasse Tee ein. Seit Alja herausgefunden hat, dass Meret Platen die knusprigen ›Honey Snaps‹ liebt, hat sie einen Vorrat davon in der Büchse, was tut man nicht alles für streunende Katzen. Alja lacht belustigt, leicht entschuldigend. Sie muss im Reformhaus in der Stadt wieder den goldenen Weizensirup kaufen; mit den richtigen Zutaten ist Backen ein Kinderspiel. Bei so vielen Vorräten muss sie einzig auf Küchenschaben achten. Die waren in Massen da, als Alja einzog.

Meret Platen klopft an die Küchentür, lässt sich hereinbitten mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre sie auch heute eingeladen: Sie beeindruckt mich mit ihrer Eleganz, Tweed der gehobenen Klasse, mit der elastisch geraden Haltung, der Art, wie sie redet, dem strahlenden Lächeln im gepflegten Gesicht. Sie sieht überhaupt nicht aus wie eine Joggerin, schon gar nicht wie eine zerzauste, verlauste Katze. Sie ist ›vorbeigekommen‹, weil Ostern ist, weil sie hofft, eine Tasse Tee zu kriegen, weil sie für Alja ein kleines Ostergeschenk mitgebracht hat. Wie sehr sie sich freut, endlich Aljas Freunde kennenzulernen, damit meint sie uns. Sie lächelt mich hin und wieder an, lacht mit Noël, krault Moshe. Wir plaudern, wir trinken Tee, essen Törtchen mit Rahm, sie ist faszinierend. Irgendetwas im Klang ihrer Stimme macht mich sehr aufmerksam, sie wirkt so beherrscht. Auf jeden Fall hat sie meinen ›Jeep‹ draußen unter dem noch kahlen Kastanienbaum stehen sehen, hat gewusst, dass Besuch da ist, ist speziell hereingekommen.

Sie interessiert sich ehrlich für uns, für meinen Beruf, für die Art, wie wir wohnen. Sie geht ausführlich auf ihren Beruf als Biozeichnerin ein, Noël schaut sie an, als sähe er ein Wunder, hört gebannt zu, wie ich ihn noch selten gesehen habe. Sie redet zu mir und zu ihm, Alja muss dies alles ja kennen, von ihren Organismen, die sie nach dem Mikroskop malt, weil das viel optischer herauszubringen ist als bei einer Lithografie oder als bei einer noch so guten Fotografie, dass auch Computertechnik es so umfassend noch nicht hinkriegt. Noël strahlt mit ihr. Sie arbeitet seit einiger Zeit auch rein künstlerisch. Sie hat für eine Wohltätigkeitsaktion damit angefangen. Ich bin überrascht, sie ist die Designerin der noblen Seidenschals, die sogar ich kenne, jene mit den Insekten oder Lurchen oder Pilzen oder Schmetterlingen oder Käfern; bürgerliche Politikerinnen drapieren sich damit bei ihren Fernsehauftritten.

Jetzt, da ihr Gesicht so entspannt ist, ist sie sehr schön, ein Oval mit hoher Stirn, schräg gestellte, helle Augen, schmale Nase, herzförmige Oberlippe.

Die elegante Meret Platen holt in der Garderobe ihr Ostergeschenk, zwei kleine Bilder in breitem Altgold-Rahmen. Sie hat sie extra für Alja gemalt, weil sie Alja nun schon seit Jahren so sympathisch findet, weil sie doch ab und zu miteinander reden, weil sie glücklich ist, eine so nette Nachbarin zu haben – es tönt plausibel.

Auf dem einen auf hellgrünem Grund eine quadratische Anordnung von Maulbeeren, sechzehn Maulbeeren, eine exakt neben der anderen, schwarze Beeren mit unterschiedlichen roten Färbungen. »Dass du mir die Maulbeeren gemalt hast!«, Alja ist berührt von diesem Bild. In unserer Gegend sind Maulbeerbäume selten. Der Baum im oberen Garten hat diese schwarzen Beeren, die essbaren. Die Seidenraupenbäume sind gerade die anderen, jene mit den weißlichen Beeren. Aljas Baum müsste mindestens fünfhundert Jahre alt sein, ohne zu übertreiben. Damals wurden sie in Europa richtig eingeführt, bis sich herausstellte, dass man die falschen gekriegt hatte, nicht jene für die Raupen. Und jetzt hat Meret Platen ihr die Beeren gemalt, nennt es lächelnd ein Nebenprodukt ihrer Fronarbeit. Diesmal ist es ihr nicht darum gegangen, irgendwelche Mutationen aufzureihen. Das hier ist ein Bild um des Bildes willen.

Beim zweiten Bild ruft Alja überrascht und entzückt aus: »Du hast mir den ›Petit-Duc‹ gemalt, ganz wie er leibt und lebt!« Eine weiße Eule auf himbeerziegelrotem Grund. Mit weit ausgebreiteten Schwingen segelt sie genau auf dich zu, etwas über dir. Die dunklen runden Eulenaugen starren dich direkt an, funkeln, ähneln fast ein bisschen Meret Platens eigenen Augen. Die Maltechnik ist hier noch ausgefeilter als auf dem Maulbeerenbild, mit einer Lupe ließen sich die Federstrichlein unterscheiden, die Brust ist mit winzigen Goldtüpfelchen übersät.

»Ist er wieder hier?« – Ich weiß sofort, Meret Platen fragt nach dem ›Petit- Duc‹, jener Eule, die Alja vor Jahren als Jungvogel gerettet und durchgefüttert hat. »Nein, ich weiß nicht, ab und zu höre ich nachts drüben im Wald eine Eule rufen, doch gesehen habe ich ihn in diesem Frühjahr noch nicht. Der ›Petit-Duc‹ kommt bis nah ans Haus, sitzt oft im Nussbaum. Er wird ganz sicher wieder kommen, Eulen sind Streifvögel.«

Noël kennt die Geschichte, die halbe Geschichte. ›Le Grand-Duc‹, das ist eigentlich der Uhu. Alja hatte den ›Petit-Duc‹ gefunden, eine junge weiße Eule, auf der oberen Lichtung, angekettet auf einem Pfahl, von Jägern – das nennt sich Krähenjagd. Krähen fielen ihn an, auf und nieder, sie hätten ihn zerhackt, wäre Alja nicht dazugerannt; Alja war damals natürlich jünger, konnte schnell rennen. Der Vogel blutete, war schwer verletzt, sein linker Flügel hing gebrochen herunter. Alja hat mit den Männern gestritten, dann hat sie ihn in ihren Pullover gewickelt mit nach Hause genommen, hat seinen Flügel mit Karton geschient und hat ihn wieder aufgepäppelt. Noël staunt mit großen Augen: Alja hat für ihn auf dem Feld Mäuse gefangen, mit einer richtigen Mausefalle für Feldmäuse, einem ›Klemmer‹. Die Mäuse hat sie gehackt und ihm zu fressen gegeben, nachts im Schuppen, wo sie ihm aus Kisten einen Verschlag gebaut hat. Nach ein paar Tagen ließ sie nachts die Schuppentür offen, damit er sich daran gewöhnte, wegzufliegen und zurückzukommen. Er war noch ganz jung, wie Moshe, als Knut ihn brachte.

Die Bilder stellen wir provisorisch auf den Kaminsims, vom Sofa aus gut zu sehen. Alja ist hingerissen von diesem Überraschungsgeschenk.

Wir reden dies und das. Unzusammenhängend, fast etwas zerstreut, fragt Meret Platen nach Dorothy, nach ihrer Tätigkeit als Astropsychologin, nach der astrologischen Verwandtschaft zwischen Mutter und Kind, nach ererbten Ähnlichkeiten. Ich habe keine große Ahnung von Astrologie. Die Spezialistin war immer Dorothy, später eben Alja. Solange ich nicht nachvollziehen kann, wie es funktioniert, kann ich mich nicht auf so etwas einlassen.

Alja lacht, hierher gehört die lustige Geschichte, die Felix Gamba, der Wegmacher, erzählt. Wir waren damals frisch zugezogen in Feldisberg, Dorothy, Knut und ich, also war ich etwas älter als Noël jetzt, erkundete offensichtlich den Friedhof von Hochberg. Dort traf ich auf Felix, der die Wege harkte. Er fragte, wer ich sei, wie ich heiße, wo ich wohne, wie alt ich sei, in welche Klasse ich gehe, was man ein Kind so fragt. Auf die Frage nach dem Alter habe ich ihn offensichtlich vergnügt und lebhaft erschrecken wollen, ich soll die Hände mit gespreizten Fingern wie eine Mähne an mein Gesicht gelegt haben, habe die Augen rund aufgerissen, die Unterlippe vorgeschoben und tief knurrend gesagt: »Ich bin der dumme August und ein Löwe, die machen gern Theater.« Ich hätte einen wirklich echten Brülllaut ausgestoßen und sei davongerannt. Noël schaut begeistert, Meret Platen gespannt, ich fühle, wie rot ich werde. Ich kann mich nicht erinnern, ein übermütiges freches Kind gewesen zu sein, ich kannte Felix noch nicht einmal. Woran ich mich erinnere ist, wie froh ich war, hier auf dem Land so viel rennen zu können.

Noël braucht frische Luft, also rennt er mit Moshe dreimal um Mühle und Tenne. Mit einem Schwall kühler Luft stürmen sie wieder herein. Sie haben Felix angetroffen, unten am Bach, ihr Lauf führte also etwas weiter als um Mühle und Tenne. Felix war unterwegs hierher, eigentlich wollte er auch Tee trinken. Wie er hörte, es sei schon Besuch da, habe er gemeint, so komme er morgen wieder.

Meret Platen streicht zu meinem Erstaunen über Noëls Locken, stellt fest, wie weich sie sind. Er lässt es andächtig geschehen. Sie erzählt ihm und uns, dass der gleiche Felix sie aus dem Weiher gezogen hat, als sie ein Kind war. Ohne ihn wäre sie ertrunken. Leise sagt sie, und den gleichen Felix habe ich nicht wiedererkannt, als ich nach ein paar Jahren im Ausland wieder hierher gekommen bin. Ich hatte nicht gewusst, dass der Wegmacher auch der Friedhofsgärtner ist, hatte nicht auf sein Gesicht geachtet, hatte nur den Hut und die Windjacke gesehen, als gehörten sie zu einer Vogelscheuche.

Von der Seite ist ihr Profil jetzt klassische Renaissance, die gewölbte Stirn, die ganz leicht gebogene Nase, das feine Kinn. Ich sehe das Kind vor mir, von dem Alja schon gesprochen hat, auch das hatte sie von Felix gehört. Damals, nach dem Tod ihres Vaters, sei sie oft wie ein Geist zwischen den Grabsteinen durchgehuscht, hätte ihn immer im Auge gehabt, doch getan habe sie, als sehe sie ihn nicht, immer auf der Flucht. Er habe sie mit einem wachsamen Reh verglichen. Nie habe sie Blumen auf das Grab ihres Vaters mitgebracht. Jedes Jahr einmal, am Ostersamstag, kam sie in Begleitung der Mutter Charlotte Platen, legte jedes Mal eine weiße Rose hin, ein Ritual. Die Platens waren eben anders.

Merets Verabschiedung ist herzlich. Es ist für sie der schönste Ostertee gewesen, den sie je erlebt hat. Aljas Ostertafel war beeindruckend und die Gastfreundschaft lieb. Besonders gefreut hat es sie, mich und Noël kennenzulernen. Sie werde sich freuen, uns beide wiederzusehen. Wir seien ›Mutter, Kind und Hund‹, fast wie aus dem Bilderbuch. Wenn ich nächstens wieder nach New York fliege, ich gehe sicher ab und zu meine Mutter besuchen, müsse ich auf jeden Fall die Sammlung Frick besichtigen, ich kenne sie doch. Ich solle dort das wundervolle Porträt von Thomas Morus grüßen, Holbein habe es gemalt. Es hänge in einem der letzten Zimmer des Rundgangs über einer Kommode. Es sei reiner Kunstgenuss, dieses eine Bild anzusehen. Ich solle unbedingt die ›Utopia‹ von Morus lesen. Es lese sich wie der Entwurf zu Amerika, erstaunlich. Der Morus sei eine von Meret Platens Lieblingsgestalten. Weil er die Utopie erfunden habe und weil er sich für seine Überzeugung hat die Eingeweide herausreißen lassen. Holbein war ja einer der großen Künstler vom Oberrhein. Ob ich die Pflanzenbilder der Anna Maria Sybilla Merian kenne? Sie, Meret Platen, male ja nicht die gesunden Pflanzen, eher die Variationen, auch das sei Schicksal. Ihre Stimme ist wieder leise. Sie denke, wer seine Arbeit hingebungsvoll tue und das tue, was das Leben ihm bringe, trage zum Fortbestand der Erde bei. Unvermittelt redet sie von der weißen Eule auf dem kleinen Bild, Geistervogel, Traumgesicht, die Erleuchtung komme immer aus den Träumen.

Das alles sagt sie rasch, in einem gar leichten Plauderton, so nebenbei, es fällt gar nicht direkt als absonderlich auf und ist schon vorbei, eine frohe, nette Verabschiedung von einem Ostertee und von neuen Bekannten eben.