Tod am Hochrhein - Petra Gabriel - ebook

Tod am Hochrhein ebook

Petra Gabriel

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Opis

Laufenburg am Vorabend der alemannischen Fasnacht: Iris Terheyde kann die Unbekannte nicht vergessen, die sich von der Laufenburger Brücke gestürzt hat. War es wirklich Selbstmord? Auch als die Kriminaloberkommissarin zur Mordkommission in Lörrach versetzt wird, lässt der Fall sie nicht los. Iris Terheyde ermittelt weiter und stößt dabei immer wieder auf einen Mann: Max Trautmann, Werbegrafiker, mäßig erfolgreich im Schreiben von Groschenromanen und leidenschaftlicher Verfasser von Haikus. Da erschüttert ein weiterer Todesfall die Hochrhein-Idylle – und der 'Selbstmord' erscheint plötzlich in einem völlig neuen Licht.

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Petra Gabriel wuchs in Stuttgart und am Bodensee auf. Seit 1982 lebt sie mit ihrer Familie am Hochrhein. Über fünfzehn Jahre lang war sie Redakteurin in der Lokalredaktion des SÜDKURIER in Bad Säckingen, die meiste Zeit als stellvertretende Leiterin. Seit 2004 arbeitet sie als freiberufliche Journalistin und Schriftstellerin. Petra Gabriel ist Autorin von vier historischen Romanen: »Zeit des Lavendels«, »Die Gefangene des Kardinals«, »Waldos Lied« und der Erfolgstitel »Der Kartograph«. Ihre Homepage: www.petra-gabriel.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-690-4 Der Badische Krimi 11 Originalausgabe

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Für meinen Mann und die Stadt,

die mir zur Heimat geworden ist

1

Bowie lächelte. Es würde leicht sein, zu ihr zu gelangen. Er passierte einfach Europas unbewachte Flanke. Dieser Ort war geradezu prädestiniert dafür, bildete eine Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Diesseits und jenseits des Rheins, sogar über eine Grenze hinweg. Für ihn. Für sie bedeuteten die Brücke, der Fluss den Unterschied zwischen Leben und Tod, so wie der Fluss Styx, der Fluss des Vergessens im Hades, der griechischen Unterwelt. Nur Charon, der Fährmann, konnte die Seelen hinübertransportieren. Er liebte diese Art der Symbolik. Vielleicht war sie sogar so etwas wie ein gutes Vorzeichen dafür, dass sein Vorhaben gelingen konnte. Er hatte noch niemals einen Menschen getötet, nicht in der Realität zumindest. Doch alles begann schließlich im Kopf, jeder Traum, jeder Plan. Auch dieser. Noch hatte er keine genaue Strategie. Er wusste nur, dass am Ende ihr Tod stand. Sie wussten es noch nicht, aber er würde ihnen beweisen, dass sie auf ihn zählen konnten.

Er spürte das bekannte Ziehen, das Gefühl der Dringlichkeit, die ersten Vorboten des Entzugs. Panik stieg in ihm auf. Sie durften ihn nicht fallen lassen. Er musste ihnen zeigen, dass er noch immer etwas wert war, dass sie Bowie, das Messer, nicht abschreiben durften, dass er noch immer ein guter Kurier war. Langsam, mahnte er sich, lass dir Zeit. Er brauchte einen Schuss, damit sein Kopf wieder klar wurde. Sein Vorhaben musste gelingen. Er hatte schon zu viele Fehler gemacht. Ein Schritt nach dem anderen. Zunächst einmal würde er über diese Brücke gehen.

Irgendwo bellte ein Hund, dunkel, heiser. Die Hauswände warfen das Bellen zurück. Es erinnerte ihn an Cerberus, den Höllenhund der griechischen Mythologie. Todesbote, dachte er, ich bin ein Todesbote der Götter, Herr über ein Schicksal. Das Gefühl, das dieser Gedanke auslöste, gefiel ihm. Es sackte gleich darauf wieder zusammen. Die Götter, die über sein Leben bestimmten, waren wütende, sehr menschliche Götter. Erinnerungen an seine Zeit als Philosophie- und Politikstudent an der Universität Basel stiegen in ihm auf, Bilder aus einem anderen Leben. Dann der Ausbruch, das Leben als Zirkusartist, als Messerwerfer. Von einem kleinen Zirkus zum anderen. Damals hatten sie ihm den Namen gegeben, Bowie, das Messer. Für einen verwöhnten Sohn aus gutem Hause war er einen weiten Weg gegangen.

Er beobachtete die Steinbrücke, die über den Rhein von der Schweiz nach Deutschland führte, seit einer Stunde. Immer wieder war er am Schweizer Zollhäuschen vorbeigeschlendert: nach außen hin ein harmloser Tourist, in den Anblick der mittelalterlichen Häuser und Gassen von Laufenburg versunken. Niemand beachtete ihn. Jetzt lehnte er am eckigen Brunnentrog in der Nähe des Zolls. Aus dem schmiedeeisernen Aufbau floss kein Wasser. Es war abgestellt, damit die Leitungen nicht einfroren.

Der Nebel über dem Fluss löste sich langsam in der Dämmerung auf. Es war klamm und kalt. Doch er spürte es nicht, seine Wahrnehmung war ganz auf das andere Ufer, das Jenseits, gerichtet. Er fingerte an seinem Gürtel unter dem abgetragenen Wintermantel herum, das Gefühl der Drogentütchen unter dem Leder der eingenähten Taschen beruhigte ihn etwas. Der Zwischenhändler wartete schon auf die Lieferung. Sie hatten ihn als Kurier geschickt. Es war wie ein Zeichen gewesen, dass ihre Stunde gekommen war. Einen Teil des Heroins durfte er selbst behalten, wenn die Übergabe klappte. Das war sein Lohn. Daneben enthielt der Gürtel ein Messer und Plastiksprengstoff. Es war sein Lieblingsmesser, eines der Marke Bowie. Er hatte es umgebaut, damit es besser flog. Nun konnte er die Drehung in der Luft genau kalkulieren, den Bogen, den es fliegen würde. Messer waren wie Menschen, sie hatten eine Persönlichkeit. Weitere Messer hatte er im Futter seines Koffers versteckt. Aber das hier war das beste. Sie würde nicht leiden müssen. Er hasste den Anblick von Blut. Doch wenn es sein musste, wenn er nicht nahe genug an sie herankam, würde er auch den Sprengstoff einsetzen, um sie zu bekommen. Um die fünfzehn Meter, das war die beste Wurfdistanz, seine Spezialstrecke sozusagen.

Bowie richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Brücke. Bald würde er hinüberkönnen. Ja, der Schweizer Zöllner kam aus dem kleinen Häuschen. Er hatte sein Cape übergestreift. Nun würde er heim zu seiner Frau und seinen Kindern gehen. Die Grenze war dann unbewacht, wuchtige Kübel, bepflanzt mit Zypressen, ersetzten den Schlagbaum.

Er machte sich bereit, die Brücke zu überqueren. Er hatte lange und geduldig gewartet. Die Kommissarin hatte die Angelegenheit sicher längst vergessen. Nach den Attentaten von London, nachdem die Franzosen das Abkommen von Schengen ausgesetzt hatten, war überall hektisch kontrolliert worden. An den Grenzen natürlich, aber auch weiter im Inland. Sogar in diesem verschlafenen Städtchen links und rechts einer Europa-Grenze, die eigentlich kaum noch jemand wahrnahm, seitdem weiter östlich für den Verkehr eine zweite Rheinbrücke zwischen Deutschland und der Schweiz gebaut worden war.

Inzwischen war die schläfrige Ruhe längst wieder eingekehrt. Hier war die Welt noch in Ordnung, die Männer für Kontrollen an wichtigeren Grenzübergängen längst abgezogen. Überall wurde am Personal gespart.

Es war so weit. Er schlenderte los, langsam, als habe er alle Zeit der Welt. An der Figur des Brückenheiligen lehnte eine Frau. Sie trug einen Pelz, der teuer aussah, auf dem Kopf eine fellverbrämte Mütze. Über ihren Rücken hing ein dicker Zopf bis fast zur Hüfte. Er konnte ihr Gesicht nicht richtig sehen. Sie starrte gebannt in den dunklen Fluss, der um die Brückenpfeiler wirbelte und kleine Schaumkronen bildete. Es hatte viel geregnet. Der Rhein hatte in diesem Februar eine starke Strömung.

Außer ihm war niemand mehr auf der Brücke. In den Fenstern der Altstadthäuser gingen nach und nach die Lampen an, der Lichtschein brach sich im Fluss. Die Frau beachtete ihn nicht, als er vorüberging. Er war erleichtert darüber, obwohl es nichts ausgemacht hätte. Keiner hier kannte ihn. Außerdem hatte er eine weiße Weste. Er war ein unbescholtener Bürger, ein Tourist, laut Pass aus der Innerschweiz, der einen Kurzausflug ins badische Laufenburg machte.

Während er die enge Hauptstraße mit dem Kopfsteinpflaster hinauf- und auf sein Hotel zuging, lächelte er erneut. Nicht mehr lange, und er konnte sich seinen Schuss setzen.

Morgen begann hier die hohe Zeit der alemannischen Fasnacht. Dann würde er nicht besonders auffallen, dann gab es an dieser Grenze zwischen Laufenburg-Baden und Laufenburg-Schweiz keinerlei Kontrollen mehr. Bei den Menschenmassen, die zur Städtlefasnacht in die Altstadt strömten, wäre es ohnehin illusorisch gewesen, auf Verbrechersuche zu gehen. Es war wie die Suche nach einer winzigen Nadel in einem Heuhaufen. Das hatte er selbst gesehen, er war zwei- oder dreimal mit einem Zirkus hier gewesen. Damals, als er noch Saisonverträge bekommen hatte. Tausende von Feiernden drängten sich zur Städtlefasnacht in diesen engen Kopfsteinpflastergassen auf beiden Seiten des Rheins und schoben einander über die Brücke. Dazwischen dröhnten die Trommeln, schmetterten die Trompeten von grellbunt aufgezäumten Guggen-Musiken, die von hüben nach drüben zogen. Mit ihnen pilgerten Pulks von Jugendlichen, manche mit Alcopops im Rucksack, die sie trotz der Kontrollen der Veranstalter an den beiden Eingängen der Altstädte von Laufenburg-Baden und Laufenburg-Schweiz in das Gewühl geschmuggelt hatten.

Diese Kontrollen störten ihn nicht weiter. Sein Hotel lag innerhalb der Altstadt. Er musste mit seiner Ware nur hinaus und nicht hinein. Sein Zimmer hatte noch einen weiteren großen Vorteil. Die Frau, die er töten würde, wohnte gleich nebenan. So konnte er von seinem Zimmer aus ihr Kommen und Gehen beobachten, ohne selbst entdeckt zu werden. Und wenn er sie getötet hatte, würde er einfach in den Menschenmassen untertauchen.

Überall waren schon die Buden und Stände aufgebaut, meist von Vereinen, die in diesen Tagen ihre Kasse aufzubessern hofften. Wieder lächelte er. Sie nannten es am Hochrhein die »fünfte Saison«, die Zeit der Narren.

Der Tag des großen Fasnachtsumzuges, der Sonntag, sollte der letzte ihres Lebens sein. Er hatte sich ein Kostüm mitgebracht, eine Maske, ein Clownskostüm mit großen Punkten. Ein bunter, tödlicher Clown. Er fand das passend. Es war sein altes Zirkuskostüm. Nun musste er sie an diesem Nachmittag nur noch in die Altstadt locken. Aber er wusste schon, wer ihm dabei helfen würde.

Falls es Ärger gab, war die Flucht einfach: Er würde sich vom Strom der Fasnächtler wieder über die Grenze treiben lassen. Im Zweifelsfall konnte er auch in Waldshut oder Rheinfelden über die Grenze gehen. Die Zugverbindungen waren gut, er hatte die Anschlüsse schon herausgesucht. Am Fasnachtssonntag gab es überall große Umzüge der Narren, die Waggons waren überfüllt mit Teilnehmern und Besuchern. Keinem Kontrolleur, keinem noch so aufmerksamen Polizisten würde in der Masse der Fasnachtsbegeisterten ein Clown auffallen.

Ein wenig weiter Richtung Waldshut lag der Laufenburger Ostbahnhof. Im Westen der deutschen Altstadt, etwa hundertfünfzig Meter von der Brücke entfernt, gab es zudem das Bahnhöfle. Bei beiden, dem Ost- und dem Westbahnhof, war das Personal schon lange abgezogen. Die Bahn sparte. Am Westbahnhof vorbei führte ein schmaler asphaltierter Fuß- und Radweg weiter gen Westen zur Zimmermannstraße, und diese wiederum mündete ebenfalls in die Bundesstraße. Außerdem waren da noch die Stadtausgänge im Schweizer Laufenburg. Der schweizerische Bahnhof lag ebenfalls ganz in der Nähe der Altstadt. Also kein Grund zur Sorge. Es standen ihm mehrere ideale Fluchtwege zur Verfügung, falls es so weit kam. Wer schnell von hier wegmusste, konnte das auch.

Er war in seinem Hotel angekommen. Es wirkte gemütlich, lag am Rhein, direkt neben dem Stadttor. Oberhalb des Torbogens war das Rathaus untergebracht. Die Hauptstraße führte darunter hindurch und mündete nach wenigen Metern in der B34.

Die Wirtin des Hotel Rebstock empfing ihn mit einem Lächeln. »Gefällt Ihnen Laufenburg? Sie werden sehen, die Städtlefasnacht ist ein ganz besonderes Erlebnis. Erschrecken Sie nicht, um fünf Uhr zieht hier morgen früh die Tschättermusik durch. Das müssen Sie sich auf jeden Fall anschauen, falls Sie so etwas nicht kennen. Die Narronen, das ist die Laufenburger Zunft, und ihr Gefolge ziehen mit Fackeln durch die Altstadt. Sie tragen große Sägeblätter, schlagen auf Topfdeckel, eben auf alles, was Krach macht. Da wird es recht laut. Es ist ein ziemlich schauriger Brauch. Anschließend gibt es Mehlsuppe bei uns, eine Spezialität dieser Gegend. Die müssen Sie unbedingt probieren.«

Er lächelte zurück, erwiderte aber nichts.

»Möchten Sie noch etwas essen? Unser Salm ist sehr zu empfehlen. Sie wissen doch sicher, dass im Rhein früher viel Lachs gefangen worden ist.«

»Ich bin müde, will vorschlafen für die nächsten Tage«, nuschelte er in schleppendem Berner Deutsch.

Sie nickte verständnisvoll.

Die steile hölzerne Treppe knarrte, als er in den ersten Stock hinaufstieg. Dort lag sein Zimmer. Er schaute von der Treppe hinunter in den Gang, bewunderte kurz den großen alten Spiegel im vergoldeten Stuckrahmen und die Marmorfiguren auf der Eichentruhe davor. Es war ein Reflex. Er wollte immer wissen, was sich hinter ihm tat. Der Gang war leer. Das Geländer der Treppe war rund und blank poliert von den Händen ganzer Generationen.

Er ging in sein Zimmer und setzte sich aufs Bett. Es knarrte ebenfalls ein wenig. Er wickelte den Gürtel ab. Aus der einen Tasche holte er sein Spritzbesteck, aus einer anderen das Heroin. Die Bewegungen waren so vertraut, dass sie mechanisch abliefen. Kurze Zeit später spürte er die Droge in seinen Blutbahnen. Das Glück kam zu ihm zurück. Alles wurde leicht. Morgen würde er die Reihenfolge festlegen, in der er handeln musste, den Plan hatte er schon. Diese Frau hatte der Organisation sehr geschadet. Sie musste sterben. Wäre sie nicht gewesen, die Kuriere hätten niemals gefasst werden können.

Durch seine Schuld hatte sie von dem geheimen Netz aus Schmuggelpfaden und Lieferungen über die grüne Grenze, aus toten Briefkästen und Kleindealern erfahren. Hunderttausend Ecstasy-Pillen, kiloweise Haschisch und Heroin waren bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmt worden, Ware für eine Million Euro.

Diese Kommissarin hatte die Lücke in der Mauer des Schweigens gefunden. Maria, mit der er hin und wieder schlief, hatte ihr davon erzählt. Er hatte ihr im Drogendelirium wohl zu viel verraten. Natürlich hatte er es ihnen gegenüber abgestritten, immer und immer wieder. Sie taten so, als würden sie ihm glauben. Als Maria bei diesem angeblichen Unfall starb, da hatte er gewusst, dass sie ihm nicht mehr trauten, dass er der Nächste sein würde, wenn er nichts unternahm. Nun würde er der Organisation beweisen, dass er kein Verräter war. Und Iris Terheyde töten. Iris Terheyde, die Kommissarin.

Bowie ging ans Fenster. Er konnte diesem Max Trautmann von seinem Zimmer aus fast in die Wohnstube schauen. Genau so hatte er es sich vorgestellt. Die Vorhänge waren zugezogen. Er legte sich ins Bett und dämmerte hinüber in den Schlaf, eingelullt vom Rauschen des Flusses.

Die Frau im Zobelmantel löste sich von der Figur des Brückenheiligen. In der Hand hielt sie eine Klarsichtfolie. Sie steckte sie in die Tasche ihres Mantels. Mit der fließenden Bewegung einer Katze glitt sie durch die Dunkelheit, zog sich an der steinernen Brüstung hoch. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Sie wollte es so. Es war Teil ihres Racheplans.

Ihr Körper schlug aufs Wasser, kämpfte gegen die Kälte an, wehrte sich. Doch sie war entschlossen, machte sich schwer. Der Pelzmantel saugte sich voll mit Wasser, zog sie wie Blei in die Tiefe. Sie verlor das Bewusstsein. Ihr Körper stieß gegen Felsen, wurde in Richtung Kraftwerk getrieben, prallte erneut gegen Stein. Ihre Kieferknochen brachen, ebenso ihr Schlüsselbein. Sie spürte es nicht mehr.

Der alte Mann am Fenster im Obergeschoss des Hauses bei der Brücke direkt gegenüber dem deutschen Zoll griff sich an die Brust. Eine eiserne Klammer presste sein Herz zusammen. Sie war zurückgekommen. Nach so vielen Jahren. Ein stechender Schmerz schoss durch seine Brust. Warum war sie gesprungen? Sie musste gewusst haben, dass er sie beobachtete, dass er seit Jahren jeden Tag beobachtete, was auf der Brücke geschah. Er hatte nichts anderes zu tun.

Der Alte wankte, stützte sich an der Fensterbank ab, versuchte das Telefon auf dem kleinen Tischchen neben dem Ohrensessel zu erreichen. Der Hörer fiel ihm aus der Hand. Er schaffte es, ihn aufzuheben und zu wählen:110. »Hilfe. Hauptraße Laufenburg, Zoll, oben, altes Zollamt«, krächzte er mit fast versagender Stimme. Er wusste nicht, ob ihn am anderen Ende der Leitung jemand verstanden hatte.

2

Sie hätte ihm am liebsten die Augen ausgekratzt. »Es muss sein«, beschwor er sie erneut, »zu deiner eigenen Sicherheit.«

Das kam ihr absurd vor, wie in einem falschen Film. In Fernsehkrimis schwebten Kommissarinnen ständig in Lebensgefahr, aber nicht im wirklichen Leben.

Aber das Leben von Iris Terheyde, Kriminaloberkommissarin der Mordkommission, war offenbar tatsächlich bedroht. Das behauptete jedenfalls Mathias Bleich, Leiter der Mordkommission der Polizeidirektion Waldshut-Tiengen, und wiederholte es gebetsmühlenartig immer wieder. Doch, die Anweisung aus dem Landeskriminalamt sei eindeutig gewesen, auf Anordnung des Bundeskriminalamtes übrigens, das wiederum einen Hinweis von den Schweizer Kollegen bekommen hatte: »Schaffen Sie die Kollegin aus der Schusslinie.«

Sie glaubte ihm nicht ein Wort. Sie wusste, dass er sie loswerden wollte, schon lange. Nun nutzte er einfach die günstige Gelegenheit, die Nachricht von diesem Mann, der es angeblich auf sie abgesehen hatte, ein Auftragskiller, vielleicht sogar ein Selbstmordattentäter. Selbst einen Terroranschlag auf ein Ziel irgendwo in Baden-Württemberg wollte das LKA nicht ausschließen.

Das Mittagessen klumpte sich in ihrem Magen zusammen. Nicht aus Angst. Er hielt sie wohl für blöd, ihr solch ein Märchen aufzutischen. Sie war schon lange nicht mehr so wütend gewesen.

Sie versuchte, ruhig zu bleiben, vernünftig. »Warum sollte er es ausgerechnet auf mich abgesehen haben? Woher kommt dieser ominöse Tipp überhaupt?«

Er schien zu bemerken, dass es in ihr brodelte, und zuckte die Schultern. Es war ihm anzusehen, wie unbehaglich er sich fühlte.

»Es war ein anonymer Anruf.«

Sie hatte Mühe, nicht allzu sarkastisch zu klingen. »Aha, ein anonymer Anruf. Und was sagte der offenbar gesprächige Anrufer, warum mich jemand umbringen wollen sollte? Und warum er dem LKA das überhaupt mitteilt?«

»Vielleicht war es ja auch ein Informant, und das LKA will die Quelle schützen. Wir wissen nicht, warum, wir wissen nur, dass. Wenn wir die Motive kennen würden, dann könnten wir etwas tun. Im Moment tappen wir noch völlig im Dunkeln, in welcher Richtung wir suchen müssen. Ich sage es noch einmal: Der Mann ist gefährlich. Das LKA hat recht, du musst aus der Schusslinie. Ich kann dir wirklich nicht sagen, warum er es auf dich abgesehen hat, es gibt nichts als vage Vermutungen. Wir haben einzig den Tipp aus der Schweiz, dass jemand mit Sprengstoff im Schutz des Fasnachtstrubels über die Grenze will, offenbar in Laufenburg, möglicherweise aber auch in Bad Säckingen oder in Waldshut, und zu dir unterwegs ist. Auf jeden Fall im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Waldshut-Tiengen. Allein der Gedanke erfüllt mich mit Grauen. Tausende von feiernden Menschen in jedem verdammten Kaff entlang der Grenze, drei große und noch unzählige kleine Übergänge. Ganz zu schweigen von der grünen Grenze entlang des Flusses. Sie ist in der Nacht mit einem Boot ganz einfach zu überqueren, das weißt du selbst. Die Chancen, diesen Mann oder die Männer zu finden, sind unter diesen Unständen gleich null. Und bei diesem Informationsstand bekommen wir auch keine Großfahndung durch. Außerdem können wir niemanden abstellen, der dich beschützt.« Er machte eine Pause. »Deine Versetzung nach Lörrach ist beschlossene Sache. Du warst aufgrund der Umstrukturierungen ohnehin dafür vorgesehen. Jetzt gehst du eben früher.«

Sie war so erbost, dass sie kaum noch sprechen konnte. »Und warum hast du mir das nicht früher gesagt? Ich bin vor vier Wochen erst wieder nach Laufenburg umgezogen. Die Kartons sind noch nicht einmal alle ausgepackt.«

Er versuchte es mit einem Scherz. »Das ist doch praktisch, dann brauchst du die Umzugskisten nicht erst wieder einzuräumen.«

Iris Terheyde fand das nicht komisch. Sie erinnerte sich genau, wie mulmig ihr bei diesem Umzug zumute gewesen war. Sie hatte keine guten Erinnerungen an ihre Kindheit in dieser Stadt, vielleicht waren die Kartons deshalb noch nicht ausgeräumt. Doch einen solch wunderbaren Blick auf den Rhein und auf die Schweiz wie in ihrer neuen Wohnung in einem der sanierten Altstadthäuser entlang der Hauptstraße gab es sonst nirgendwo. Sie hatte einfach nicht widerstehen können.

»Gib es doch einfach zu, nichts war vorgesehen. Du nutzt einfach die Gunst der Stunde, um mich loszuwerden. Jetzt hast du einen guten Grund.«

Er musterte sie hilflos. »Du weißt genau, dass wir aufgrund der Umstrukturierungsmaßnahmen zwei Männer abgeben müssen.«

Sie lachte bitter. »Und nun ist es eben eine Frau, nicht wahr? Diese ganze Mördertheorie ist nichts als ein Vorwand, die Geschichte mit dem anonymen Anruf ist einfach lächerlich.«

Hinter ihrem Zorn lauerte die Müdigkeit. Die Tote im Laufenburger Kraftwerksrechen hatte sie fast die ganze Nacht gekostet. Möglicherweise Selbstmord, doch dieser Anruf von vorhin sprach dagegen. Sie musste das klären. Iris spürte die Aggression in sich hochsteigen. Warum traf es immer sie? Als ob sie klebrig wäre. Sie hatte es so satt. Satt, Ja und Amen zu sagen, satt, zu funktionieren, während aufgeblasene Machos wie Bleich sich hinter ihrer Vorgesetztenrolle verschanzten und sich den im Bodybuilding-Studio gestählten Hintern auf ihrem Stuhl wieder platt saßen.

Mathias Bleich, fünfundvierzig, mit dem Ansatz grauer Schläfen und einer Stirnglatze, wand sich. Sie sah ihm an, was er dachte: Konnte sie nicht einmal tun, was man von ihr verlangte, ohne zu widersprechen?

»Ich sagte es schon, du warst ohnehin vorgesehen. Ich hätte es dir schon noch mitgeteilt. Du bist alleinstehend, hast keine Familie. Die anderen Kollegen…«

»Was ist mit den anderen Kollegen? Es gibt noch andere, die keine Familie haben.«

»Schluss jetzt. Du gehst. Das ist beschlossene Sache.«

Er mochte sie nicht sonderlich, das wusste sie. Das Ärgerliche für ihn war nur, dass sie zu seinen besten Leuten gehörte. Er hatte bisher also wenig tun können.

Verdammt, sie hatte sich so viel Mühe gegeben. Seit sie denken konnte, gab sie sich Mühe. Doch es schien nie auszureichen. »Was ist, wenn ich mich weigere? Ich habe hier schließlich einen Fall zu klären. Erinnerst du dich, du hast mir noch vor zwei Stunden die Leitung der Ermittlung übertragen. Was soll das alles?«

Bleich musterte sie verwirrt, für einen Moment aus dem Konzept gebracht. »Welchen Fall?«

»Die Tote im Pelzmantel am Kraftwerksrechen. Heute Nacht.« Er verstand noch immer nicht.

»Die Frau, die von der Laufenburger Brücke gesprungen ist.« Iris klammerte sich an diese letzte Hoffnung wie an einen Strohhalm.

Mathias Bleichs Miene erhellte sich. »Mach dich nicht lächerlich. Das war ganz offensichtlich ein Selbstmord. Den Rest kann auch jemand anders klären.«

Iris Terheyde schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht davon überzeugt, dass es Selbstmord war. Es spricht einiges dagegen. Auch die Gerichtsmediziner in Freiburg sind sich nicht hundertprozentig sicher.« Es schadete ja nichts, das zu behaupten. Gerichtsmediziner waren sich nur selten hundertprozentig sicher.

Sie spürte, dass Bleich langsam ungeduldig wurde. Er zog dann immer auf eine bestimmte Art die Augenbrauen zusammen. Jetzt befand er sich wieder auf sicherem Terrain.

»Es ist besser für uns alle, wenn du so schnell wie möglich von hier verschwindest«, erklärte er brutal. »Sonst bringst du noch Kollegen in Gefahr.«

Sie war fassungslos über diese Direktheit. »Und was ist mit den Kollegen der Polizeidirektion Lörrach? Bringe ich die nicht in Gefahr?«

»Dort muss er dich erst einmal finden«, erwiderte er trocken.

Sie kochte innerlich. Am meisten machte sie rasend, dass er sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er war ein Macho, ein verdammter Macho, einer jener Männer, die nichts von Frauen im Polizeidienst hielten. Er mochte sie nicht, hielt sie für renitent, für eine Ruhestörerin, für halsstarrig, er hatte es satt, ständig mit ihr zu diskutieren. Sie schoss besser als er, konnte schneller denken als er, hatte den besseren kriminalistischen Instinkt. All das wusste sie, und er wusste, dass sie es wusste. Doch er hätte es niemals zugegeben.

Sie zitterte jetzt vor Zorn, konnte in seinen Augen lesen, wie er sie sah. Zu dicke Hüften, zu dünne Haare, immer ungeschminkt. Und dann noch diese Schlabberpullis, die sie ständig trug. Er fand sie grauenvoll, das hatte er ihr oft genug gesagt. Es ging ihn nichts an, wie sie sich kleidete, zum Teufel. Sie waren hier schließlich nicht auf einer Modenschau.

Iris reckte das Kinn störrisch nach vorne. Was Bleich konnte, das konnte sie auch. Sie würde ihm die Suppe versalzen. Sie wusste auch schon, wie. Es stimmte sogar. »Es hat aber einen Anruf gegeben. Der Mann sagte, es sei Mord gewesen, kein Selbstmord.«

»Und wer war dieser Anrufer?«

»Er hat seinen Namen nicht genannt«, nuschelte sie.

»Wie bitte?«

»Er hat seinen Namen nicht genannt«. Sie schrie ihm die Worte fast ins Gesicht.

Er seufzte. »Ein anonymer Anrufer? Da haben wir also zwei von der Sorte. Hast du konkrete Hinweise für eine äußere Gewaltanwendung?«

Iris schüttelte den Kopf. »Nein. Es ist bisher auch nicht danach gesucht worden. Die Sache ist ja erst letzte Nacht passiert. Ich habe erst den vorläufigen Bericht des Pathologen. Wir brauchen eine Obduktion.«

»Weißt du wenigstens inzwischen, wer sie ist, woher sie kommt?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Die Kollegen bei der Kantonspolizei Aargau sowie im Elsass haben noch nicht auf unsere Vermisstenanfrage geantwortet. Das gilt auch für unsere Bitte, in Hotels nachzuforschen. Irgendwo muss sie ja gewohnt haben. Die Schweizer und die französischen Kollegen haben aber versprochen, die Bitte um Amtshilfe auch an die Nachbarkantone beziehungsweise Departements weiterzuleiten. Wir werden alle Züge und die Bahnhöfe der Umgebung abklappern. Die Befragung der Hotels auf der deutschen Seite bis hinauf nach Freiburg wird sich noch hinziehen. Es sind einfach zu viele.«

Er schaute sie kurz an. Nickte dann, scheinbar resigniert. »Also gut. Bleib dran.«

Sie konnte es kaum fassen. Sollte er tatsächlich einlenken?

Iris Terheyde wurde schnell eines Besseren belehrt. »Du hast noch heute. Morgen wirst du in Lörrach gebraucht. Die Polizei hat dir dort ein Hotelzimmer gebucht. Du wirst nach Dienstschluss kaum die Lust haben, noch heimzufahren.«

Sie starrte ihn fassungslos an. »Heute? Bist du wahnsinnig? Das ist niemals zu schaffen. Besonders im kommenden Fasnachtstrubel. Schon vergessen? Heute Nachmittag beginnt in Laufenburg die Städtlefasnacht. Du weißt selbst, dass Tausende in die Altstadt strömen, wenn die Pontoniere den Narronen den künstlichen Salm übergeben. Die meisten Altstadtbewohner schauen sich die Anlandung mit Sicherheit auch an, dürften also kaum erreichbar sein, um unsere Fragen zu beantworten. Ich muss auch noch den Bericht von heute Nacht schreiben. Außerdem, übermorgen ist Wochenende. Ich habe frei.«

»Dann solltest du dich an die Arbeit machen. Übrigens, du hattest frei. Der Kollege sagt, er braucht dich für seine Sonderkommission Oskar. Jugendliche haben in Lörrach einen Obdachlosen halb totgetreten, erinnerst du dich? Ganz egal, was du auch für Einwände hast, es ist beschlossen, dass du morgen den Dienst in Lörrach antrittst. Die offizielle Versetzungsurkunde wird dir noch ausgehändigt. Außerdem will das LKA dich sprechen. Du sollst dich sofort in Stuttgart melden. Hier, das ist die Telefonnummer.«

Iris hätte beinahe geschluchzt. Sie begriff, dass sie geschlagen war. Für den Moment. Vielleicht ließ sich aus dem Fall dieser Selbstmörderin ja doch noch etwas herausholen. Iris Terheyde, du benimmst dich kindisch, willst bloß wieder recht behalten, mahnte die so bekannte innere Stimme. Sie schob sie beiseite, war viel zu aufgewühlt für Selbstkritik. Das würde ein Nachspiel haben. Sie ließ sich nicht herumschieben wie eine Schachfigur.

»Ich werde mich bei der Polizeigewerkschaft beschweren«, drohte sie.

Auch das beeindruckte ihn offenbar nicht. »Tu das.«

»Du sagtest, es sind zwei Leute zu viel. Wer geht noch?«

Mathias Bleich machte ein betont freundliches Gesicht. »Oh, Kollege Felix. Er ist dir jetzt als Partner zugeteilt. Damit du dich im Landkreis Lörrach nicht ganz so einsam fühlst.«

Das war nichts als triefender Spott, seine Art der Rache. Er wusste genau, was er ihr damit antat. Iris hatte alle Mühe, ein Stöhnen zu unterdrücken. Wenn es einen Kollegen gab, den sie am liebsten nur von hinten sah, dann war es dieser glatte Schönling.

»Weiß er schon von seinem Glück?«

Mathias Bleich ignorierte ihren erneuten Sarkasmus und schüttelte den Kopf. »Nein, schick ihn doch gleich zu mir. Dann werde ich ihn davon in Kenntnis setzen. Ich denke, du solltest jetzt wieder an deine Arbeit gehen. Und anfangen zu packen. Übrigens, an deinen anonymen Anrufer glaube ich nicht eine Sekunde.«

»Er existiert aber.« Iris warf Mathias Bleich einen so verächtlichen Blick zu, dass er unwillkürlich zusammenzuckte. Sie war geübt in verächtlichen Blicken. Eine Mutter mit ständigen Männeraffären, der Vater ein Säufer, Nachbarn, die sich die Mäuler zerrissen– da lernte man es auf die harte Tour, die Häme und das gespielte Mitgefühl der Umwelt an sich abprallen zu lassen. Irgendwie war sie wohl auch deshalb zur Polizei gegangen, um allen zu beweisen, dass sie auf der richtigen Seite stand.

Sie drehte sich um, rauschte ohne ein weiteres Wort hinaus und knallte demonstrativ die Tür hinter sich zu. Es war albern, das wusste sie selbst. Aber sie fühlte sich etwas besser. Auf dem Gang kam ihr Martin Felix entgegen– in Richtung Toilette.

»Der Chef will Sie sprechen, sofort«, schmetterte sie.

Felix starrte sie erstaunt an. »Nanu, schlechte Laune? Was will er denn?«

»Fragen Sie ihn doch selbst«, fauchte sie zurück. »Am besten, bevor Sie aufs Klo gehen.« Damit drehte sie ihm den Rücken zu. Es war eine billige Rache. Aber besser als nichts.

Iris marschierte weiter in Richtung Lift. Es war kühl, und ihr Zorn verrauchte langsam. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann freute sie sich auf den großenM. Manfred Jäger, der Leiter der Mordkommission Lörrach, war so etwas wie ihr Mentor während der Ausbildung gewesen.

Sie ignorierte den Aufzug und nahm die Treppe. Ihr Büro lag ein Stockwerk tiefer. Im Vorbeigehen fiel ihr wieder eines der Bilder im Treppenhaus auf. Sie hatte keine Ahnung, was die abstrakte Malerei aussagen sollte. Vielleicht stellte das Bild das Innenleben des Künstlers dar. Es war jedenfalls grellbunt, kaum zu übersehen. Die Kunstwerke sollten vermutlich die Motivation der Ermittler steigern, sie wurden in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. Von oberster Stelle. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wer einen solchen Schrott eigentlich aussuchte. Dadurch wurde das Haus der Polizeidirektion Waldshut-Tiengen bestimmt nicht schöner.

Als sie die Aufzugtür einen Stock tiefer passierte, blieb ihr Blick an den schwimmbadblauen Kacheln hängen, die sich in einem wilden Muster an der Wand neben dem Lift entlanghangelten. Auch das galt als Kunst. Nun, sie hatte schon früh gelernt, sich an Kleinigkeiten zu freuen. Also würde sie sich daran freuen, dass sie all das bald nicht mehr sehen musste.

Die Niederlage nagte noch immer an ihr. Sie empfand diese Versetzung jedenfalls als Niederlage, eine ungerechtfertigte Zurücksetzung.

Gedankenverloren klaubte sie ihre Siebensachen zusammen, holte den Autoschlüssel aus der Tasche und betrachtete ihn versonnen. Dann ging sie zur Tür. Sie hatte nur wenige Stunden Zeit.

Der Fall dieser Selbstmörderin war aber wirklich seltsam. Sie hatten eine Klarsichtfolie bei ihr gefunden. Und darin, in einer zweiten Folie sorgsam eingewickelt, die Ultraschallaufnahme eines Fötus im dritten Monat. Auf der Rückseite stand in einer schwungvollen Frauenhandschrift nur ein einziges Wort: »Lara«.

Iris schüttelte entnervt den Kopf. Sie musste hier raus, andere Gesichter sehen, sich wieder fassen. Die Arbeit würde sie ablenken.

»Warten Sie! Ich komme mit!«

Auch das noch, der Glückliche! Er gab sich alle Mühe, sie einzuholen. Das konnte sie an seinen Schritten hören. Sie drehte sich nicht um. Sollte er doch rennen. Kriminalkommissar Martin Felix hatte im Normalfall trotz seiner Jugend eine aufreizende Ruhe an sich, eine bestimmte Art von Selbstsicherheit, die sie mit schöner Regelmäßigkeit fast in den Wahnsinn trieb. Sie konnte einfach nichts dagegen tun, schon seine Gegenwart machte sie gereizt. Sie hatte ihn im Verdacht, dass er das sehr wohl wusste– und ausnutzte, um sie zu provozieren.

Er atmete kaum schneller als sonst, als er zu ihr aufschloss.

»Was wollen Sie?«

Er gab sich harmlos. »Ich bin Ihnen zugeteilt. Als Partner. Hat Ihnen der Chef nicht gesagt, dass ich mit Ihnen nach Lörrach umziehe? Ich freue mich darauf, von einer so erfahrenen Kollegin zu lernen. Sie haben eine der höchsten Aufklärungsquoten der gesamten PD, soweit ich weiß.«

»Sparen Sie sich den Schmus. Sie wissen genau, dass ich nur zwangsweise nach Lörrach gehe.«

Es sah fast so aus, als hätte sie ihn verletzt. Nein, er wollte sie wohl wieder nur ärgern. Iris Terheyde hielt sich nicht für wichtig genug, um andere Menschen verletzen zu können. Sie wurde sich bewusst, dass sie sich benahm wie eine Mimose. Dumme Pute, beschimpfte sie sich innerlich. Felix konnte schließlich nichts dafür.

Er schien zu spüren, dass sie nicht auf Konfrontation aus war, und strahlte sie an. »Gut, das mag ja sein. Dann lassen Sie uns eben das Beste daraus machen. Wussten Sie schon, dass wir im Hotel in Lörrach zwei Zimmer nebeneinander haben?«

Er wirkte fast komisch in seinem plötzlichen Eifer, ihr zu gefallen. Der Knoten, in den sich ihr Solarplexus verwandelt hatte, löste sich etwas. Sofort tat ihr ihre Barschheit leid. »Also gut, kommen Sie schon. Versuchen wir es. Wir müssen uns wohl oder übel aneinander gewöhnen.«

Er wirkte plötzlich selbstzufrieden. Zu selbstzufrieden, fand sie. »Wohin fahren wir?«

»Sie fahren nach Laufenburg. Klappern die Gegend um die Brücke ab. Vielleicht hat irgendjemand doch etwas gesehen oder gehört, als die Frau in den Rhein gesprungen ist. Wenn es sein muss, dann klingeln Sie sich die ganze Hauptstraße rauf und runter. Am besten gehen Sie auch noch in die Andelsbachstraße. Dort ist eine Buchhandlung, in der sich halb Laufenburg trifft. Die Buchhändlerin ist jedenfalls immer gut informiert. Wir sehen uns dann abends beim Griechen am Laufenburger Zoll in der Altstadt. Aber beeilen Sie sich. Jetzt ist es elf. Um fünf Uhr beginnt in Laufenburg der Fasnachtstrubel. Ich fahre nach Freiburg ins Institut für Gerichtsmedizin.«

Es war ihm anzusehen, dass ihm das nicht gefiel. »Es ist besser, ich komme mit nach Freiburg. Wir sind jetzt Partner, also sollten wir im Team unterwegs sein. Außerdem soll ich auf Sie aufpassen. Ich habe gehört, ein Killer will Ihnen ans Leder.«

»Nein, Sie kommen ganz sicher nicht mit nach Freiburg. Das mit dem Killer ist nichts als eine vage Vermutung. Wir haben nur noch heute, um den Fall wenigstens einigermaßen zu klären. Danach sind wir nicht mehr zuständig. Ich mag keine halb erledigten Sachen.«

»Ich dachte, die Sache ist ein Selbstmord«, wandte er ein. »Warum also der ganze Aufwand?«

Sie hatte das Diskutieren satt. Und dieses Mal saß sie am längeren Hebel. »So, dachten Sie. Es gab einen Anruf. Der Anrufer hat behauptet, es sei Mord gewesen.« Dass er seinen Namen nicht genannt hatte, verschwieg sie. »Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe. Das ist eine Dienstanweisung.«

Ihre Miene machte ihm unmissverständlich klar, dass Widerspruch zwecklos war.

Der junge Pathologe wirkte mürrisch. Er musste neu sein, sie kannte ihn nicht. Iris fand, dass es mit missmutigen Gesichtern für diesen Tag reichte.

»Sie hätten sich anmelden sollen. Ich habe keine Zeit.«

Sie riss ihre grüngrauen Augen weit auf. Männer mochten diesen kindlichen Ausdruck, er nahm ihnen die Angst vor starken Frauen. Sie wandte diesen Trick allerdings selten an. Es war ihr peinlich, das hilfsbedürftige Weibchen zu mimen. »Oh, ich hatte gerade für einen anderen Fall in der Nähe zu tun. Außerdem habe ich gehört, dass es hier einen neuen, sehr tüchtigen Assistenten geben soll. Sind Sie das? Was war denn nun mit der Frau auf der Brücke?«

Das war ein Schuss ins Blaue. Schleimerin, titulierte sie sich innerlich. Die Tour wirkte allerdings. Sein Gesicht wurde etwas weniger miesepetrig.

»Also gut, kommen Sie. Ich hole die Akte. Es geht doch um diese Selbstmörderin?«

»Sind Sie denn völlig sicher, dass es Selbstmord war?«

Er zuckte die Schultern. »Soweit wir das feststellen konnten.«

»Was heißt das?«

»Nun, wir haben keine Anzeichen von äußerer Gewalteinwirkung gefunden– wenn man einmal davon absieht, dass der Fluss und der Rechen des Kraftwerks sie übel zugerichtet haben.«

»Und, war sie da schon tot? Von der Brücke in der Laufenburger Altstadt bis zum Kraftwerk ist es nicht weit. Der Fluss hatte in dieser Nacht eine heftige Strömung. Ist sie überhaupt von dieser Brücke gesprungen oder weiter flussaufwärts?«

»Zur letzten Frage zuerst: aller Wahrscheinlichkeit nach ja. Die Verletzungen sind relativ kurz nach Eintritt des Todes entstanden. Die Brücke bei Waldshut liegt dafür meiner Meinung nach zu weit weg. Sie wäre dann außerdem woanders angetrieben worden. Und ja, sie war wahrscheinlich schon tot, als sie in den Rechen geriet. Wir haben Rheinwasser in ihrer Lunge gefunden. Sie ist auf jeden Fall ertrunken.«

»Wasser in der Lunge– das heißt, sie lebte noch, als sie, wie auch immer, in den Rhein gefallen ist, nicht wahr?«

Er nickte. »Das sagte ich doch.«

»Kann es denn nicht sein, dass sie jemand gestoßen hat? Dass sie vielleicht ohnmächtig war oder irgendwie betäubt? Haben Sie nach Betäubungsmitteln gesucht?«

Erneut schüttelte er den Kopf. »Falls jemand sie gestoßen haben sollte, dann muss das sehr sanft geschehen sein. Es ist in diesem Fall schwierig zu sagen, ob sie vor dem Sturz schon Verletzungen hatte. Doch wir glauben nicht, dass bei ihrem Sturz von der Brücke Gewalteinwirkung durch eine andere Person im Spiel gewesen ist.«

»Und wann gedenken Sie nach Betäubungsmitteln zu suchen?« Iris wurde langsam ungeduldig.

Die Wortwahl gefiel ihm offensichtlich nicht. »Was soll das? Ihr Chef hat erklärt, der Selbstmord sei eindeutig, die Akte geschlossen. Deshalb haben wir nicht weitergesucht. Selbst Ihnen müsste klar sein, dass wir in der Pathologie unterbesetzt sind und dass solche Untersuchungen Geld kosten. Unser Etat ist knapp. Also hören Sie auf, sich zu benehmen wie die Axt im Walde.«

»Die Axt im Walde, so.« Sie beschloss, einen versöhnlicheren Tonfall anzuschlagen. »Ich glaube, mein Chef hat unrecht«, säuselte sie und versuchte es noch einmal mit dem Augenaufschlag. »Vielleicht irre ich mich ja, aber ich glaube eben nicht, dass bereits eindeutig geklärt ist, ob der Tod dieser Frau ein Selbstmord war oder nicht. Könnten Sie die beiden Untersuchungen bitte noch machen? Und mir das Ergebnis dann in die PDLörrach schicken?«

Er zögerte. »Wieso Lörrach? Der Fall gehört in das Zuständigkeitsgebiet der Polizeidirektion Waldshut-Tiengen.«

Sie strahlte ihn treuherzig an. »Bitte. Ich bin ganz plötzlich versetzt worden. Gegen meinen Willen übrigens. Ich möchte einfach so sicher wie möglich sein. Chefs sind manchmal so kompliziert. Außerdem haben sie nicht immer recht.«

Er hob die Hände. Wenn er lächelte, sah er richtig nett aus. »Man kann sich nie ganz sicher sein, nicht? Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass jemand bei diesem Tod die Hand im Spiel hatte.«

»Wie unwahrscheinlich?«

»Sie sind ziemlich stur, oder? Sagen wir, zu achtzig Prozent. Zumindest, was ihren körperlichen Zustand betrifft.«

Iris bemühte sich darum, einen zerknirschten Eindruck zu machen. »Ja, stimmt, ich gelte als ziemlich stur. Was meinen Sie mit ›körperlicher Zustand‹?«

»Sie war schwer krank. Darmkrebs im Endstadium, Metastasen im ganzen Körper. Sie muss große Schmerzen gehabt haben. Kein Wunder, dass sie sich von der Brücke gestürzt hat. Sie hatte ohnehin nicht mehr lange zu leben. Auch deshalb glauben wir nicht, dass sie umgebracht wurde.«

»Aber Sie sind sich nicht ganz sicher. Ich meine, zu hundert Prozent.«

»Nichts auf der Welt ist ganz sicher.«

Sie bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln. Das brachte ihre Grübchen zum Vorschein.

»Danke.« Und weg war sie.

Auf der Rückfahrt überlegte sie, wie schön es doch wäre, wenn sich herausstellte, dass die angebliche Selbstmörderin in den Fluss gestoßen worden war, wenigstens ein bisschen. Nur einmal noch hätte sie Mathias Bleich gern eines Besseren belehrt. Du bist ein Biest und rechthaberisch, Iris Terheyde, erklärte sie dem leeren Sitz neben sich laut. Wie erwartet kam kein Widerspruch.

Martin Felix taten die Füße weh. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Wie meistens.

Ein Mann und ein junges Mädchen drückten sich am großen Fenster des Lokals die Nasen platt. Er schüttelte den Kopf. Beim Griechen war kein Platz mehr frei. Die beiden zogen ab. Die Scheiben waren schon beschlagen vom Dunst der vielen Gäste, unter der Decke waberte der Rauch unzähliger Zigaretten. Die Luft war schwül wie in den Tropen, getränkt vom Schweiß der Menschen, die alle fest entschlossen zu sein schienen, sich zu amüsieren. Nur wenn die Tür aufgerissen wurde und die Abendbrise hereindrang, war es hier für wenige Sekunden etwas erträglicher. Er trank gerade einen Grog, als Iris Terheyde in das Restaurant kam.

Martin Felix beobachtete, wie sie sich umständlich hinsetzte. Sie hatten den einzigen Zweiertisch im Raum, direkt vor der Theke an einer Säule. Er zog die Schultern hoch, er spürte es genau, da war ein Schnupfen im Anzug. Seine Füße waren noch immer eiskalt. Nur langsam wurden sie wärmer. Er hatte die nassen Socken aus- und frische angezogen. Er trug bei einem solchen Wetter immer ein Paar Ersatzsocken bei sich.

Ihre Augen suchten seinen Blick. Er schüttelte den Kopf. Ihre Schultern sanken ein wenig herab. Sie schien auch kein Glück gehabt zu haben.

»Und, kennt sie jemand?«, fragte sie trotzdem der Ordnung halber. »Hat jemand etwas gesehen oder gehört?«

Er spürte, wie ein Niesen in seine Nase stieg, und kramte eilig nach dem Taschentuch in seiner Hose. Er fühlte Stoff und schaffte es gerade noch, ihn gegen die Nase zu drücken, bevor er losprustete. Wieder schüttelte er nur den Kopf. Zu seiner Überraschung bemerkte er, dass sie lächelte. Seine Augen folgten ihrem Blick. Statt eines Taschentuchs hielt er einen von den nassen Socken in der Hand. Er wurde rot und war ihr dankbar dafür, dass sie nicht weiter darauf einging. Sie war vielleicht doch nicht so übel wie ihr Ruf.

»Sie haben einen Verehrer«, stellte er nach einer Weile fest und deutete auf den Nebentisch. Durch einen Gang getrennt, unter einer griechischen Säulenhalle, wahrscheinlich aus Pappe oder Sperrholz, saßen zwei Männer, zusammen mit einer Gruppe heftig feiernder und lärmender Hästräger irgendeiner Fasnachtszunft, die er nicht kannte. Die beiden wirkten wie Fremdkörper. Sie waren nicht verkleidet. An der Wand hinter ihnen prunkte in strahlendem Weiß auf einem Wandbild die Akropolis– samt Sonne und blauem Meer.

Iris blickte hinüber. Der eine hatte sie offenbar angestarrt. Er hatte jedenfalls nicht mehr die Zeit, seine Augen abzuwenden, und lächelte etwas verlegen, als sich ihre Blicke begegneten. Musste sie ihn kennen? Sie durchforstete ihr Gedächtnis. Die beiden kamen ihr für einen Moment vage bekannt vor, besonders der, der sie nicht anstarrte. Ihre Erinnerung lieferte Bilder eines dicken Jugendlichen mit dicken Brillengläsern. Sie verdrängte sie und schaute weg. Die Kindheit war Vergangenheit. Glücklicherweise. Sie wollte nichts und niemanden davon in ihrer Gegenwart.

Iris betrachtete ihre Umgebung. Das Lokal war bis auf den letzten Platz besetzt, soweit sie sehen konnte. Überall im Raum standen der Antike nachempfundene Statuen und Amphoren. Auf der Theke neben ihnen thronte auf einem Drahtgestell ein Porzellanteller. »Rehakles« stand darauf.

Martin Felix war ihrem Blick gefolgt. »Otto Rehagel ist gemeint, Sie wissen schon, der deutsche Fußballtrainer, der die Griechen bei der Europameisterschaft 2004 aufs Siegertreppchen gebracht hat.«

Sie nickte. Obwohl sie es nicht wusste. Sie hatte sich nie gefragt, was dieser Name sollte. Sie war kein Fußballfan. »Wollen wir etwas essen?«, lenkte sie ab.

Das Essen war gut. Besonders der Vorspeisenteller. Sie sprachen nicht viel während der Mahlzeit, der Lärmpegel im Raum war für eine Unterhaltung ohnehin zu hoch. Sie aß das Übliche: Souflaki. Er aß auch das Übliche: Gyros.

Als die Teller leer waren, hoffte Iris, dass Martin Felix sich endlich verabschieden würde. Sie wollte allein sein, über all das nachdenken, was heute geschehen war. Doch Felix machte keine Anstalten zu gehen. Da trat ein Mann an ihren Tisch. Der, der sie vorher angestarrt hatte.

»Iris? Sind Sie nicht Iris Terheyde?«, erkundigte er sich unsicher, fast schüchtern.

»Wir kennen uns?«

»Dachte ich es mir doch, du erkennst mich nicht mehr.« Jetzt lächelte er. Selbstsicher. Sie schaute ihn fragend an.

Er verstand die Aufforderung. »Ich bin Bernhard. Bernhard Kern. Wir sind auf dieselbe Schule gegangen. Erinnerst du dich nicht mehr?«

Doch, jetzt erinnerte sie sich. Dunkel. Es wäre ihr lieber gewesen, es wäre dabei geblieben. Vor ihrem inneren Auge tauchte das Bild eines grobschlächtigen Halbstarken auf, der sie immer wieder an den Haaren gezogen und gehänselt hatte. Einer von denen, die sich im Recht fühlten, die sich stark und gut vorkamen, wenn sie die kleine Tochter des Säufers traktierten. Sie hatte keine Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Deshalb nickte sie flüchtig in der Hoffnung, er würde verschwinden.

Bernhard Kern ignorierte ihre offenkundige Ablehnung. »Ich hätte dich kaum wiedererkannt. Du bist ja richtig hübsch geworden.«

Iris hasste falsche Komplimente. Sie wusste sehr wohl, wie sie aussah. Sicher nicht hübsch. Sie schenkte sich die Antwort. Martin Felix wirkte angespannt, als wittere er Gefahr. Das verwunderte sie etwas. Sie konnte sich keinen Grund dafür vorstellen. An diese ominöse Bedrohung hatte sie für keine Sekunde geglaubt.

»Wie geht es dir?«, fragte Bernhard Kern in ihr Schweigen hinein. »Ich habe gehört, du hast Karriere bei der Polizei gemacht. Wie das Leben so spielt, nicht wahr?«

Sie blickte stumm zu ihm hoch. Wenn er doch endlich gehen würde!

Bernhard Kern ließ nicht locker. »Willst du dich mit deinem Bekannten nicht zu uns setzen? Mein Freund sitzt dahinten. Max. Max Trautmann.« Er winkte ihm zu. Der Mann mit dem Namen Max Trautmann, der dicke Junge von einst, sah nicht allzu begeistert aus.

»Merken Sie nicht, dass meine Kollegin ihre Ruhe haben will?«, mischte sich Martin Felix ein.

Iris schaute ihn erstaunt an. Es wunderte sie, dass er so grob reagierte.

»Ich denke, wir sollten gehen«, erklärte sie.

»Ja, dann«, meinte Bernhard Kern lahm.

»Ja, dann«, erwiderte Iris.

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Luft war kalt und klar. Iris genoss es, dieser dunstigen Atmosphäre entkommen zu sein.

»Fahren wir jetzt in unser Hotel?«

»Wie bitte?«

»Erinnern Sie sich nicht? Morgen beginnt unser Dienst in Lörrach.«

»Ich fahre in kein Hotel. Ich gehe heim. Wenn ich morgen nach Lörrach komme, ist das noch früh genug. Außerdem muss ich noch einen Bericht schreiben. Das kann ich zu Hause am Computer tun.«

»Aber der Chef hat gesagt, wir sollten ins Hotel gehen!« Der Glückliche wirkte völlig aufgelöst.

»Was soll das? Sind Sie betrunken? Niemand kann mich zwingen, in einem Hotel zu übernachten, wenn zu Hause ein schönes Bett auf mich wartet. So, wie es aussieht, muss ich mir ohnehin demnächst in Lörrach eine Wohnung suchen. Sie auch. So lange schlafe ich in Laufenburg. Und hören Sie auf, den Schutzengel zu spielen.«

»Also gut«, lenkte er ein. »Ich habe mir einfach nur Sorgen gemacht. Es ist Fasnacht. Und eine Frau so ganz alleine. Ich bringe Sie auf jeden Fall bis zu Ihrer Haustür. Sie sollten diese Morddrohung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Außerdem hat der Chef gesagt, ich soll auf Sie aufpassen.«

»Sind Sie jetzt völlig verrückt geworden? Das ist ja lächerlich. Der Chef! Das ist er nicht mehr, schon vergessen? Er hat uns nichts mehr zu sagen. Ich bin Polizistin. Bei der Mordkommission. Ich habe gelernt, mich zu schützen. Außerdem ist diese angebliche Drohung nichts als gequirlte Scheiße, warum glauben Sie mir das nicht endlich!« Sie sah mit einer gewissen Schadenfreude, dass er bei diesem Wort zusammenzuckte. »Entschuldigen Sie meine Wortwahl. Ganz schön etepetete, der Herr. Etwas Besseres, wie? Wussten Sie denn wirklich nicht, dass Bleich mich loswerden will und nur nach einem Vorwand gesucht hat?«

Er schaute sie fassungslos an. »Und ich habe mich gemeldet, als ein Freiwilliger gesucht wurde, der mit Ihnen nach Lörrach geht, um auf Sie aufzupassen.«

»Sie sind Bleich also tatsächlich auf den Leim gegangen? Schön blöd. Ich weiß ziemlich genau, dass er Sie auch nicht leiden kann. Er hat es mir gesagt. Ich kann das übrigens irgendwie verstehen.«

Mit diesen Worten ließ sie ihn einfach stehen und war im Handumdrehen in der Menge verschwunden.