The Virgin Way - Richard Branson - ebook + książka

The Virgin Way ebook

Richard Branson

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Opis

Ein Buch über Menschenführung von jemandem, der offen zugibt, dass er in seinem ganzen Leben noch nie ein Buch über Menschen­führung gelesen hat. In über 40 Jahren als Geschäftsmann hat sich Richard Branson vor keiner Herausforderung gedrückt und es zum Ritter und Milliardär gebracht. In seinem neuen Buch gewährt er dem Leser Einblicke in seinen Führungsstil. Der ist wie er selbst: hemdsärmelig und ganz anders als erwartet. Spaß, Familie, Begeisterung und die aussterbende Kunst des Zuhörens sind Schlüsselkomponenten dessen, was Bransons Mitarbeiter mit einem Lächeln immer als "The Virgin Way" beschreiben. Ein Führungsratgeber für die Herausforderungen unserer Zeit.

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RICHARD BRANSON

The Virgin Way

»Wie ich das Thema Führung sehe«

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

The Virgin Way: How to Listen, Learn, Laugh and Lead

ISBN 978-3-864702457

eISBN 978-3-864702662

© Copyright der Originalausgabe:

Copyright © Richard Branson 2014

First published in Great Britain in 2014 by Virgin Books Ltd.

Copyright der deutschen Ausgabe 2015:

© Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Christina Jacobs

Gestaltung Cover: Franziska Igler

Gestaltung, Satz und Herstellung: Martina Köhler

Lektorat: Karla Seedorf

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-86470-245-7

eISBN 978-3-86470-266-2

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach

Tel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444

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Sie sollten alles einmal ausprobieren.Mit Ausnahme von Inzest und Volkstänzen.

– SIR THOMAS BEECHAM

Inhalt

Vorwort

Teil 1 – Zuhören

1 Von Äpfeln und Stämmen

2 Die aussterbende Kunst des Zuhörens

3 Spieglein, Spieglein

4 KISS – einfach kommunizieren

5 Zum Teufel mit dem Leitbild!

Teil 2 – Lernen

6 Was führen eigentlich heißt

7 Glück ist (kein) Zufall

8 Typisch untypisch

9 Keine Angst vor großen Tieren!

10 Innovation ist ein alter Hut

11 Mitarbeiter einstellen und halten

Teil 3 – Lachen

12 Eine Kultur pflegen

13 Die Früchte der Leidenschaft

14 Es gibt immer einen Grund zum Feiern

Teil 4 – Führen

15 Die Führungskräfte der Zukunft

16 Mittendrin statt nur dabei

17 Zusammenarbeit ist das A und O

18 Immer diese Entscheidungen!

19 Gute Geschäfte

Epilog

Nachwort

Danksagung

Vorwort

DAS LEBEN IST ZU KURZ

Wenn es keinen Spaß macht,lassen Sie es bleiben!

Vom Magazin Student, meine allererste geschäftliche Unternehmung im Alter von 16 Jahren, bis hin zu weit hochfliegenderen Abenteuern mit solchen Sachen wie Virgin Galactic und dem Weltraumtourismus – über allem stand für mich immer eine vorrangige Philosophie: Wenn ein neues Projekt oder Geschäft mich nicht reizt und meinen Unternehmergeist und meine Innovationsfreude nicht anspornt, wenn es nichts ist, von dem ich denke, dass ich damit etwas bewirken und gleichzeitig jede Menge kreativen Spaß haben kann, dann lasse ich lieber die Finger davon und wende mich etwas anderem zu, das mich reizt.

Die gleiche Logik liegt meiner Einstellung gegenüber dem Schreiben von Büchern zugrunde: Wenn ich keinen Spaß beim Schreiben habe, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass auch keiner Spaß daran haben wird, sie zu lesen. Es ist eine einfache Tatsache: Wenn Sie auf das, was Sie tun, keine Lust haben, und auch nicht auf die Leute, mit denen Sie es tun, dann werden Sie es niemals so gut machen wie etwas, das Ihnen Spaß bringt. Wie ein weiser Mensch einmal sagte: „Das Leben ist keine Generalprobe.“ Und das stimmt! Wenn Sie also nicht vorhaben, es im nächsten Leben noch mal neu zu probieren – mal davon ausgehend, dass Sie das Glück haben, eine zweite Chance zu bekommen –, warum sollten Sie riskieren, Ihre begrenzte Zeit auf der Erde mit Dingen zu vergeuden, für die Sie nicht brennen?

Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Leute ihr Leben offenbar so leben, dass sie entweder „immer in den Rückspiegel schauen“ oder darüber reden, wie anders die Dinge in der Zukunft sein werden. Es ist nichts Falsches daran, Erinnerungen wertzuschätzen und sich an ihnen zu erfreuen, und wir lernen hoffentlich alle gleichermaßen aus den Erfahrungen der Vergangenheit, genauso wie wir für die Zukunft planen – aber was ist mit heute? Allzu häufig geht das „Jetzt“ verloren im hektischen Gedrängel, mit dem wir Richtung Morgen hetzen. Seien wir ehrlich: Das ist die „gute alte Zeit“, auf die Sie in 20 Jahren zurückblicken werden – warum also setzen Sie nicht Himmel und Hölle in Bewegung, um diese Zeit, solange sie noch in Reichweite ist, zu genießen?

Mahatma Gandhi ist einer meiner größten Helden, und ein Zitat von ihm, das ich, meine ich, zum ersten Mal in der Schule während des Geschichtsunterrichts las, hat mich seitdem begleitet: „Lebe so, als würdest du morgen sterben. Lerne so, als würdest du ewig leben.“ Dieser gute Rat wird gern abgekürzt zu: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“, was ein großartiger Gedanke ist, selbst wenn er häufig zu einem weltweit verwendeten Spruch von Krawallbrüdern geworden ist, die sich um Konsequenzen nicht scheren. Ich erinnere mich gut an das eine Mal, als ich (als angehender Krawallbruder) die Kurzversion des Ausspruchs meiner Mutter gegenüber als Entschuldigung für irgendeine Dummheit vorbrachte, die ich begangen hatte: „Aber Mum“, beschwor ich sie, „ich habe doch nur das getan, was Gandhi gesagt hat.“ Unbeeindruckt und ohne eine Miene zu verziehen antwortete sie: „Wenn du diese Masche noch einmal abziehst, Ricky, könnte es sehr wohl sein, dass heute dein letzter Tag ist!“

Das treffendste Zitat zu diesem Spruch stammt von Steve Jobs, der in einer 2005 an der Stanford University gehaltenen Abschlussrede sagte: „Wenn du jeden Tag so lebst, als wäre es dein letzter, dann wird das irgendwann mit großer Wahrscheinlichkeit zutreffen.“ Das wäre witzig, abgesehen von der Tatsache, dass er diese mutige Rede hielt, nachdem bei ihm nur ein Jahr zuvor die Krebserkrankung diagnostiziert worden war, an der er sechs Jahre später verstarb.

Als fehlbare menschliche Wesen machen wir alle mal was falsch und bringen uns in unangenehme Situationen, die daraus resultieren, dass wir die falschen Entscheidungen getroffen haben, doch in der überwiegenden Mehrzahl solcher Situationen besitzen wir alle die Fähigkeit innezuhalten, eine Bestandsaufnahme zu machen und zu sagen: „Tut mir leid, aber ich bin echt nicht glücklich damit, also bin ich raus.“ Ich gebe zu, dass dies in vielen Fällen – besonders dann, wenn Freunde und die Familie involviert sind – leichter gesagt sein mag als getan, und derart drastische Schritte zu unternehmen erfordert meist eine Menge Mut. Doch wie es in einem alten Sprichwort heißt: Wenn du schon Fehler machst, versuche wenigstens, sie schnell zu machen.

Es kam oft vor, dass Leute zu mir sagten: „Sie haben gut reden, Richard; Sie haben Ihr Geschäft aufgebaut und es im Leben ordentlich zu etwas gebracht.“ Meine Antwort darauf geht immer in Richtung: „Ja, das stimmt – bis zu einem gewissen Grad. Aber warum, denken Sie, habe ich wohl all diese Unternehmen? Es würde sie mit ziemlicher Sicherheit nicht geben, hätte ich nicht immer wieder auf meinem Standpunkt beharrt und mich geweigert, meine Zeit mit Dingen zu vergeuden, bei denen ich erkannte, dass sie einfach nichts für mich waren.“ Eines der ersten Beispiele für eine solche Situation, in der ich das Gefühl hatte, aus dem Gleichgewicht geraten zu sein, war meine Zeit in der Schule. Als ich meine Eltern und auch Freunde damit schockierte, dass ich mit 16 die angesehene Stowe School verließ, tat ich dies mit den offenen Augen eines Jugendlichen, um den Traum von der Gründung eines eigenen Zeitschriftenverlags zu verfolgen. Tief in meinem Herzen wusste ich, dass es für den Erfolg des Magazins Student einfach unnötig war, noch mehr wertvolle Zeit in miefigen Klassenzimmern abzusitzen. Die Vorstellung, ein paar weitere Jahre damit zuzubringen, todlangweiliges Schulbuchwissen auswendig zu lernen, mich mit den Rechenarten zu vergnügen und seltene lateinische Verben zu konjugieren, hatte absolut nichts mit meinem zukünftigen Leben zu tun, und so musste ich dem entfliehen, weil ich sonst Gefahr lief, meinen Verstand zu verlieren.

Bitte missverstehen Sie dies nicht als eine Art bildungsfeindliche „Verbrennt eure Bücher“-Tirade – ganz im Gegenteil. Die bestmögliche Ausbildung in Anspruch zu nehmen ist ein Muss, besonders heute, in der extrem wettbewerbsorientierten Geschäftswelt. Doch als ich zur Schule ging, war das Lernen viel mehr ein Prozess des Auswendiglernens und Wiederkäuens, als es heute zu sein scheint. Die alte Art des Lernens war für jemanden wie mich, Legastheniker und an der Grenze zur Aufmerksamkeitsstörung Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS/ADS, eine besondere Herausforderung. Es gab mehrere ausgezeichnete Lehrer, die ihren Unterricht lebendig gestalteten, doch da mein Unternehmergeist schon früh geweckt war, war ich im Geiste bereits weitergezogen. Paradoxerweise war seit Verlassen der Schule der Rest meines Lebens geprägt von einem Drang, neue Dinge, Geschäftsfelder, Menschen und Kulturen kennenzulernen. Der große Unterschied ist natürlich, dass der Lernprozess bei mir darauf beruhte, all diese Dinge aus erster Hand zu erleben und nicht nur in Büchern darüber zu lesen oder aus dritter Hand von jemandem davon zu erfahren, der häufig den Elfenbeinturm der Universität nie verlassen hat.

Obwohl ich ernsthafte Schwierigkeiten hatte, mich in der Schule auf die Lehrer einzustellen, musste ich, als ich mich allein ans Werk machte, schnell meine zweifelhaften Zuhörfähigkeiten verbessern. Eine der ersten von vielen Aufgaben, die ich beim Student hatte, war die des „Jungreporters“. Wenn ich also jemanden interviewte, blieb mir keine andere Wahl, als aufmerksam zuzuhören, während ich Notizen aufs Papier kritzelte, die manchmal so gut wie nicht zu entziffern waren. Ob bei John Lennon oder John le Carré, ich musste mir schnell die Kunst aneignen, gleichzeitig zuzuhören, zu schreiben und über meine nächste Frage nachzudenken. Das hatte etwas von einem „chinesischen Tellertrick“, da ich mit all diesen Komponenten jonglieren musste, um nicht völlig hilflos und ohne Faden dazustehen. Doch die Fähigkeit, mich einzuklinken und zuzuhören, ist eine, die mir im Leben gute Dienste geleistet hat. Obwohl sie eine ziemlich auszusterbende Kunst zu sein scheint, denke ich, dass das Zuhören eine der wichtigsten Fähigkeiten für Lehrer, Eltern, Führungskräfte, Unternehmer oder so gut wie jedes Wesen ist, das einen Puls hat.

Das, was in unseren vielen Firmen bekannt geworden ist als „The Virgin Way“, die Virgin-Art, ist etwas, das sich seit dem ersten Tag entwickelt hat. Ist jemand gerade erst von außerhalb zu uns gestoßen und kommt aus einem seiner ersten, meist sehr informellen Strategie- oder Produktmeetings mit dem Kommentar heraus: „Wow, bei euch laufen die Dinge echt anders, oder?“, dann lautet die Antwort oft: „Genau. Wir machen es auf die Virgin-Art“, meist begleitet von einem Lächeln und einem wissenden Augenzwinkern.

Sie werden (so hoffe ich) verstehen, dass einer der Schlüssel zu „der Art“, wie wir die Dinge tun, einfach nur das Zuhören ist – jedem aufmerksam zuzuhören, der etwas mitzuteilen hat, nicht nur selbst ernannten Experten. Es geht auch darum, voneinander zu lernen, vom Markt und von den Fehlern, die gemacht werden müssen, um etwas zu bewirken, das Originalität und Durchschlagskraft besitzt. Und was das vielleicht Wichtigste ist: Bei dem, was wir tun, muss der Spaß ganz oben stehen. Menschenführung auf die „Virgin-Art“ zieht oft ziemlich unvorhersehbare Folgen nach sich und lässt uns Wege beschreiten, auf denen andere „vernünftige“ Operationen vielleicht zu scheitern drohen. Und angesichts einer Marke mit dem heutigen Verbreitungsgrad bedeutet dies, an der vordersten Front zu führen und seinen Kopf auf eine Art herauszustrecken, die bei vielen Führungsstilen vielleicht nicht als „umsichtig“ gelten würde, ein Wort, das ich nicht häufig benutze.

Ich würde nicht eine Sekunde behaupten, irgendeine Geheimformel oder ein Patentrezept für geschäftliche Herausforderungen im Allgemeinen zu besitzen. Das, wovon ich auf den folgenden Seiten schreibe, ist nach meinen weitreichenden Erfahrungen einfach das, wovon ich, und damit auch Virgin, extrem profitiert habe – zumindest die meiste Zeit. Was wir gern als „ernsthaft Spaß haben“ bezeichnen, ist der Kern der „Virgin-Art“, und das ist etwas, wofür ich mich niemals entschuldigen werde. Sich mit Leidenschaft für etwas zu engagieren und das, was man tut, jede Minute zu genießen, ist eine Frage der Einstellung – ein Funke, der sich nicht erzwingen oder trainieren lässt und in keiner Stellenbeschreibung und keinem Mitarbeiterhandbuch vorkommt. Es ist etwas, das jemand entweder in seiner DNA hat oder nicht und das von innen kommen muss.

Wenn Sie jemand sind, der glaubt, dass er seinen eigenen Weg gehen muss, und viel Spaß dabei hat, dann sind Sie bereits auf dem richtigen Weg und es gibt wahrscheinlich sehr wenig, was andere Ihnen erzählen können, damit Sie Ihren Kurs um mehr als ein paar Grad ändern. Ich würde Ihnen nur nahelegen, viel mehr zuzuhören als zu reden, keine Angst davor zu haben, vor allen frei heraus über Ihre Leidenschaft zu sprechen und im Zweifel Ihren Instinkten zu trauen.

Ich erwähne all dies nur, um völlig offen zu erzählen, wie ich mein Leben lebe, und um meine, vielleicht etwas weniger traditionelle Einstellung zum Zuhören, Leben, Lachen und Führen in den richtigen Kontext zu setzen. Es gibt viele leicht verrückte Dinge, die ich mit Booten und Heißluftballons angestellt habe, und auch die Sprünge von hohen Gebäuden und andere Sachen hatten mit Sicherheit das Potenzial, meine Lebenserwartung zu verkürzen. Manche bezeichnen das vielleicht als Fahrlässigkeit, aber ich sage dazu lieber „kalkulierte Risiken eingehen“. So oder so würde ich aber sicherlich viele meiner früheren Abenteuer in die Rubrik „Machen Sie das zu Hause nicht nach!“ einordnen. Was ich jedoch für wesentlich halte, besonders für jemanden, der ein Dasein als Unternehmer anstrebt, ist die uneingeschränkte Bereitschaft, seinen Instinkten zu trauen und seinem eigenen Stern zu folgen, selbst in Zeiten, in denen es so scheint, als würde ihn das an den Rand des Abgrunds führen.

Mein Stern hat mich mit Sicherheit über etliche Klippen geführt und in einige ganz schön wilde und vage Richtungen, und daher sollte ich auch zugeben, dass meine Vorstellung von „Spaß haben“ vielleicht schon von früh an eine andere gewesen sein mag als die vieler anderer Leute. Ob körperliche oder finanzielle Herausforderungen – oder manchmal beides – Spaß, auch bekannt als Spannung, war für mich immer untrennbar verbunden mit dem Eingehen von Risiken, und manchmal vielleicht auch einigen ziemlich verrückten. Das Problem ist, wenn man zu mir sagt: „Du wärst verrückt, auch nur darüber nachzudenken“, dann hat das auf mich immer eine Wirkung wie das sprichwörtliche rote Tuch auf den Bullen. Ob es um die Eröffnung einer Baumschule für Weihnachtsbäume, ein kapitalintensives Unternehmen wie eine Airline, ums Kite-Surfen über den Ärmelkanal mit über 60 Jahren, um den Kampf für eine Verminderung der Treibhausgase, die unseren Planeten zu ersticken drohen, oder die Bestrebungen um den Weltraumtourismus geht – ich liebe nichts mehr als eine scheinbar ausgefallene Herausforderung. Wie jeder meiner Kollegen bei Virgin bestätigen wird, ist die Phrase „scheinbar unmöglich“ in meinem Vokabular definiert als „etwas, das zu widerlegen viel Spaß machen dürfte“.

Nachdem er einen Törn mit einer Laser-Jolle um Necker Island herum mit mir gemacht hatte, meinte ein häufiger Gast auf der Insel (der lieber anonym bleiben möchte) einmal lachend zu mir: „Wow, Richard! Nach dieser Erfahrung verstehe ich, was Virgin so besonders macht: Dass die ‚kürzeste Distanz zwischen zwei Punkten eine gerade Linie ist’, nehmt ihr ziemlich ernst, oder?“ Als ich fragte, was genau er damit meint, stellte sich heraus, dass der Kick, den ich bekomme, wenn ich mit hoher Geschwindigkeit zwischen den die Insel umgebenden zerklüfteten Felsen hindurch- und oftmals auch über sie drübersegle, definitiv nicht das war, woran er dachte, als ich einen Segeltörn vorschlug. So wie ich das sehe, kann doch so gut wie jeder einen sicheren Weg einschlagen und mühsam um ein Gebiet mit Hindernissen herumkurven – aber wo bleibt da der Spaß?

Was ich mir unter einem Segeltörn um Necker Island herum vorstelle, ist vielleicht eine ziemlich gute Analogie für meine Einstellung zum Thema Menschenführung. Wenn Ihre Vision darin besteht, an einen weit entfernten Strand zu gelangen, auf den wegen der ihn umgebenden Riffs noch nie ein Mensch einen Fuß gesetzt hat, dann steht zu vermuten, dass auch Sie nicht hinkommen, wenn Sie die gleichen alten Karten studieren, die alle anderen benutzt haben.

Und die im Überfluss vorhandenen, jederzeit verfügbaren Daten zu fast jedem Thema neigen eher dazu, den meisten Leuten noch mehr Gründe zu geben, warum man jedes, auch nur einen Tick abseits der Karte liegende Ziel nicht verfolgen sollte. Ich habe mein Leben lang versucht, Dinge auszuprobieren, die nicht auf der Karte eingezeichnet waren, und Orte zu besuchen, von denen mir Freunde und Kollegen abgeraten haben. Bin ich deswegen nichts als ein Nonkonformist? Vielleicht. Trotzdem scheint das Ausloten von Grenzen und B zu sagen, wenn alle anderen A sagen, einfach Teil meiner DNA zu sein, und bis heute bin ich damit ziemlich gut gefahren – zumindest die meiste Zeit über.

Ich habe keine Wirtschaftskurse besucht und auch keine Bücher über Menschenführung gelesen, um herauszufinden, wie ich es im Leben zu etwas bringen kann, ich möchte Sie daher warnen, dass einige der folgenden Seiten wahrscheinlich nicht für jeden gedacht sind. Zwar würde ich das vorliegende Buch nicht unbedingt in die Kategorie „Buch über Menschenführung“ stecken, aber aus einer Laune heraus beschloss ich dennoch, auf der englischen Amazon-Website nach „Leadership Book“ zu suchen, und war ziemlich beeindruckt von den Ergebnissen – am Tag meiner Suche erhielt ich schlappe 93.467 Treffer! Und nicht nur das, ich muss auch noch zugeben, dass ich vermutlich nicht ein einziges davon gelesen habe. Folglich habe ich keine Ahnung, was die anderen 93.467 Autoren zu sagen haben, aber ich bezweifle, dass einige von denen, wenn überhaupt einer, auch nur ansatzweise so viel Spaß hatten wie ich in den mehr als 40 Jahren, in denen ich an der Spitze der Virgin Group stand.

Dann kam mir der Gedanke, dass „Führen“ vielleicht einfach nicht das richtige Wort für das ist, was ich praktiziert habe. Also ging ich zurück auf Amazon und suchte nach „Mit großem Vergnügen einen extrem breit gefächerten Konzern aufbauen zusammen mit einer Großfamilie bestehend aus schlichtweg wunderbaren Menschen“, und wissen Sie was? Es gab keinen einzigen Treffer – zumindest nicht bis heute!

TEIL EINS

Kapitel 1

VON ÄPFELN UND STÄMMEN

Die ersten Lektionen über Menschenführunglernt man zu Hause

Manchmal können die großartigsten Lektionen über Menschenführung von den am wenigsten erwarteten Stellen kommen. Einige Komponenten des Führens sind mit ziemlicher Sicherheit genetisch bedingt, und wir können uns nicht der Tatsache entziehen, dass wir alle Produkte unserer Erziehung und unseres Umfelds sind. Ein Sprichwort besagt: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Wie jeder, der meine Mutter Eve und meinen verstorbenen Vater Ted kennt, bestätigen wird, bin ich da sicher keine Ausnahme. Ich erkenne an mir viele Charakterzüge, die ich definitiv von meinen Eltern geerbt habe – meistens gute – obwohl auch einige Dinge, die mich als Kind bei meinen Eltern auf die Palme gebracht hatten, sicher die gleiche Wirkung auf meine eigenen Kinder haben.

Seit ich mich erinnern kann, war meine Mutter ein umtriebiger Mensch und ständig in Aktion. Sie besaß eine scheinbar grenzenlose Fantasie und hatte immer wieder neue Geschäftsideen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie sich je selbst als Unternehmerin gesehen hätte – was wahrscheinlich nur daran lag, dass es den Begriff des „Unternehmers “, denke ich, damals noch nicht gab, und wenn doch, wusste niemand, was er bedeutet – meine Mutter war auf jeden Fall die „Unternehmungslust“ in Reinkultur. Eve ist ein Wirbelwind in Menschengestalt. Egal, was für ein großes Projekt sie wieder am Wickel hatte, sie kümmerte sich immer um alles selbst, von der Ideenentwicklung über das Fertigen der Produkte und Verhandeln mit den Distributoren bis hin zum Ausliefern und Verkaufen der Waren.

Sie ließ nicht zu, dass ihr irgendjemand in die Quere kam; das war allein ihre Show! Ich erinnere mich daran, wie sehr ich von einer ihrer erfolgreicheren Unternehmungen beeindruckt war, als sie Papierkörbe und Kästchen für Papiertücher aus Holz anfertigte und verkaufte. Diese schafften es in einige ziemlich schicke Läden, aber die meisten Unternehmungen fanden eher auf lokaler Ebene statt. Sie war absolut hartnäckig und brachte mir bei, über Vergangenes nicht zu lamentieren. Wenn eine Sache sich nicht verkaufte, schrieb sie sie einfach ab, lernte aus der Erfahrung und machte ohne große Emotionen weiter und probierte etwas anderes aus. Meine Schwestern und ich wurden immer einbezogen und verrichteten als Kinder unbezahlte Arbeit, „Liebesdienste“, wie sie es nannte, oder Mum übertrug uns Aufgaben im Haushalt, während sie mit der Herstellung von Dingen beschäftigt war. Natürlich war mir das damals nicht bewusst, aber in unserem Haus gab es ohne Frage eine Menge Inspirationen, die mir später im Leben zugutekamen.

Eve hat sich nicht sehr verändert, obwohl sie inzwischen … ups. Da sie es war, die mir beibrachte, niemals über das Alter einer Frau zu sprechen, belassen wir es dabei, dass sie „in den späten 80ern ist“. Als junges Mädchen war sie eine Weile Tänzerin am Londoner West End, und später wurde sie Stewardess bei British South American Airways – in den wahrhaft glorreichen Zeiten des Fliegens, als man beim Flug über die Anden noch Sauerstoffmasken tragen musste. Bis heute ist sie immer in Bewegung! Auch ich sitze nicht gerade viel herum, aber ich schwöre, dass ich manchmal Schwierigkeiten habe, mit ihr Schritt zu halten.

Zum Beispiel verkündete sie vor einiger Zeit völlig aus heiterem Himmel beiläufig, dass sie vorhatte, ein Benefiz-Polospiel zu organisieren – nicht gerade das, was man von einer Achtzigjährigen erwarten würde! Aber diese Veranstaltung sollte nicht daheim auf der Dorfwiese stattfinden – sondern sie plante sie für Marokko! Leicht überrascht, aber nicht völlig perplex, sagte ich ihr klar und deutlich, dass ich das für eine wirklich verrückte Idee hielt; es würde nicht nur eine riesige Menge Arbeit bedeuten, sondern würde sie wahrscheinlich am Ende mehr kosten als ihr einbringen. Sie hörte meinen Ausführungen aufmerksam zu und machte es dann trotzdem. Die Veranstaltung fand nicht nur statt, sie war auch ein voller Erfolg und brachte rund eine viertel Million Dollar ein. Nicht nur, dass mir die Chance genommen wurde zu sagen: „Siehst du, Mum, das habe ich dir doch gesagt“, ich musste ihre Hartnäckigkeit wirklich bewundern und sagte stattdessen einfach (sehr leise): „Gut gemacht, Mum.“

Noch ein für die Familie typischer Charakterzug, den ich angeblich geerbt haben soll, ist, bei jedem Thema immer das letzte Wort haben zu müssen. Nur um Ihnen zu zeigen, wie flexibel ich solche Dinge handhaben kann, lasse ich Eve gleich zu Anfang dieses Buchs zu Wort kommen. Ich lud sie (die selbst schon Bücher veröffentlicht hat) ein, ein paar Gedanken niederzuschreiben. Auf Basis dessen, was ich Ihnen gerade von ihr erzählt habe, schauen Sie mal, ob Ihnen irgendetwas von dem, was folgt, bekannt vorkommt. Ich sage nur: „Äpfel und Stämme!“

Lieber Ricky,

wenn du mich in deinem nächsten Buch wirklich etwas sagen lässt, dann sage ich Folgendes.

Wir konnten es praktisch schon in dem Moment bei dir erkennen, als du anfingst zu sprechen. Doch bereits davor, als du laufen lerntest, wurde uns bewusst, dass wir alle Hände voll zu tun haben würden; du warst noch ein Kleinkind, aber ziemlich offensichtlich jemand, der die Dinge gern auf seine Art und zu seinen Bedingungen machte.

Und damit es nicht langweilig wurde, hattest du als Heranwachsender ständig irgendeinen verrückten neuen Plan in petto, von dem du überzeugt warst, dass man damit entweder die Welt verändern oder reich werden konnte oder beides! Und dann sagten wir manchmal Dinge wie: „Mach dich nicht lächerlich, Ricky! Das wird niemals funktionieren.“

Doch in den meisten Fällen entschieden dein Vater und ich stattdessen, dir viel Freiraum zu geben, damit du aus deinen Fehlern lernen konntest, also ließen wir dich gewähren mit deiner Tannenbaumschule, deiner Vogelzucht und all den anderen seltsamen und wunderbaren Unternehmungen, die dir in den Sinn kamen. Sie erwiesen sich fast ausnahmslos alle als Flops, und wir mussten die Scherben aufsammeln – im buchstäblichen und metaphorischen Sinne – aber wir machten weiter und hofften weiter, dass du im Leben eines Tages von den gelernten Lektionen profitieren würdest.

Und es machte wirklich den Anschein, als wäre das eingetreten. Als du und Virgin nach einem holprigen Anfang erfolgreich etabliert waren, überlegten Ted und ich oft, wie anders du dich vielleicht entwickelt hättest, wenn wir dich stärker kontrolliert hätten oder, wie mancher möglicherweise sagen würde, „bessere“ Eltern gewesen wären. Was, wenn wir darauf bestanden hätten, dass du nicht so viele unsinnige Risiken eingehst und dich, anstatt dir zu erlauben, mit 16 die Schule hinzuschmeißen, gezwungen hätten, dich am Riemen zu reißen und deine Ausbildung zu beenden? Wie dein Schulleiter an der Stowe, (heute) berühmt für seine Prophezeiung, dass du mit 21 entweder im Gefängnis gelandet oder Millionär sein würdest, hatten auch wir einige ernsthafte Bedenken, was die Zukunft für dich bereithalten könnte.

Wie wir heute wissen, hätten wir uns natürlich keine Sorgen zu machen brauchen. Der eigensinnige kleine Junge, den wir da vor uns hatten und der fest entschlossen war, sein eigenes Ding durchzuziehen, entpuppte sich als nichts anderes als ein angehender Unternehmer mit Wachstumsschmerzen. Wenn wir das nur schon damals erkannt hätten, dann wären uns vielleicht viele schlaflose Nächte erspart geblieben!

In Liebe, Mum

Ich las, dass irgendein Spaßvogel mal über mich sagte: „Dieser Branson ist der größte Glückspilz, den ich kenne. Warten Sie mal ab – sollte der irgendwann von einem hohen Gebäude fallen, dann fällt er mit ziemlicher Sicherheit nach oben!“ Bitte halten Sie jetzt nicht den Atem an, da dies keine Theorie ist, die ich in nächster Zukunft in die Praxis umzusetzen gedenke! Andere behaupten, ich wäre einfach als „Glückskind“ geboren. Vielleicht!

Meiner Ansicht nach ist „Glück“ ein in hohem Maße missverstandenes Gut. Es ist sicherlich nichts, was einfach so vom Himmel fällt, man kann wirklich daran arbeiten, ihm auf die Sprünge zu helfen – aber dazu später. Für den Augenblick möge die Feststellung genügen, dass ich auf diese Welt kam und viel mehr Glück hatte als die meisten anderen. Ich hatte das große Glück, in eine wunderbare, liebevolle Familie hineingeboren zu werden, in der ich eine sichere und „bewusste“ Kindheit im England der Nachkriegszeit verbrachte. Ich wuchs auf in einem Zuhause, in dem selten, wenn überhaupt, Überfluss herrschte, aber gleichzeitig mangelte es meinen zwei Schwestern und mir eigentlich nie an irgendetwas, besonders nicht an elterlicher Liebe und Führung.

Wenn ich auf diese Periode meines Lebens zurückblicke, muss ich meine Mutter und meinen Vater für ihre unerschütterlichen Anstrengungen in den Himmel loben, da mich zu erziehen sicher nicht gerade einfach war. Abgesehen von einer Lese-Rechtschreib-Schwäche war ich gesegnet mit einem unbezähmbaren Geist, den ich, ob sie es nun zugeben will oder nicht, ohne Zweifel von der Familie meiner Mutter Eve hatte. Vielleicht erkannte sie diese Geistesverwandtschaft in mir, da sie es sich zur Aufgabe gemacht hatte zu versuchen, den jungen „Ricky“ (also mich) auf Linie zu halten. Gleichzeitig geschah dies zu einem großen Teil auch in Teamarbeit mit meinem Vater Ted, selbst wenn den beiden das damals nicht immer bewusst war.

Dafür gibt es viele Beispiele. Wie eines Sonntags in der Kirche, als ich mich strikt weigerte, neben dem Sohn einer Freundin meiner Mutter zu sitzen, einfach, weil ich das Kind nicht leiden konnte. Auch wenn meine Mutter laut flüsternd dagegen protestierte, ich setzte mich stattdessen neben einen Freund auf der anderen Seite des Kirchenschiffs. Ich dachte wirklich nicht, dass das eine so große Sache war, daher war ich absolut geschockt, als ich nach Hause kam und meine Mutter, zum vielleicht ersten Mal, darauf bestand, dass mein Vater mir den Hintern versohlte. Sie verkündete laut, dass „der Junge lernen muss, dass solch ein Verhalten in diesem Haus einfach nicht toleriert wird.“ Während ich noch dachte: „Aber ich habe es gar nicht in diesem Haus getan“, packte Dad mich am Genick, zog mich aus dem Raum und erklärte dann, gerade laut genug, um sicherzugehen, dass meine Mutter ihn hörte: „So, junger Mann. Es ist an der Zeit, dass ich dich eine Lektion lehre, die du nie vergessen wirst!“

Und das tat er. Seinen hastig geflüsterten Anweisungen folgend stieß ich passende Schmerzlaute aus, während mein Vater ein halbes Dutzend Mal laut in die Hände klatschte. In einem konspirativen Flüsterton sagte er zu mir, ich solle zu meiner Mutter gehen und mich entschuldigen und dabei einen „ordentlich geprügelten Eindruck“ machen. Es gelang mir gerade noch, keine Grimassen zu schneiden, als Dad mir mitten in meiner Entschuldigungsrede hinter dem Rücken meiner Mutter zuzwinkerte.

Dad war im Grunde bloß ein sehr weichherziger Mensch, aber ich bin überzeugt, dass ich durch die Art, wie er nach dem Kirchbesuch an jenem Tag mit der Situation umging, eine viel nachhaltigere Lektion lernte, als er mit einem ordentlich versohlten Hintern (und gestraftem Ego) jemals hätte bewirken können. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter jemals von dem Hinternversohlschwindel erfahren hat – falls nicht, wird sie es auf jeden Fall jetzt erfahren, wenn sie diese Zeilen liest – aber es gab eine noch ernsthaftere Situation, in der Teds Erziehungstalent sich mir für immer einprägte. Es kam früher vor, dass ich von dem Münzgeld, das mein Vater aus seinen Hosentaschen in die oberste Schublade seiner Schlafzimmerkommode leerte, ein paar Pennys stibitzte. Zu meinem kindlichen Vergnügen hatte ich zudem entdeckt, dass die Kommode auch das Geheimversteck war, wo Dad seine „Schmuddellektüre“ aufbewahrte, wie wir es nannten – aber ich schweife ab.

Dass ich mir sein Münzgeld nahm, betrachtete ich an sich nicht als Stehlen. Meinem unreifen Verständnis nach „borgte“ ich es mir nur, und wir hatten lediglich nie die Rückzahlungsmodalitäten vereinbart.

Doch wie sich herausstellte, bestand die Rückzahlung darin, dass ich mir eine Menge Ärger einhandelte. Da, wo wir lebten, gab es um die Ecke einen Süßwarenladen, und ich hatte mein unrechtmäßig erworbenes Geld dazu verwendet, mir Schokolade zu kaufen, die von Cadbury mit Früchten und Nüssen war meine Lieblingssorte. Doch eines Tages hatte ich mir aus Dads Kommoden-Bank einen viel größeren Betrag „geborgt“ als sonst und mich sogleich daran gemacht, Cadburys Shareholder-Value anzukurbeln. Die „ältere Dame“, der der Laden gehörte, die damals aber vermutlich höchstens 40 war, roch den Braten sofort. Sie sagte nichts zu mir, aber das nächste Mal, als ich ihren Laden in Begleitung meines Vaters aufsuchte, schockte sie mich, indem sie herausplatzte: „Ich will den kleinen Richard ja nicht in Schwierigkeiten bringen, Mr. Branson, aber ich weiß nicht, wo er all das Geld herhat. Er ist inzwischen so ziemlich mein bester Kunde – ich hoffe, er hat es nicht gestohlen.“

Ich erinnere mich an ihre Worte, als wäre es gestern gewesen, und daran, dass ich dachte: „Musste sie diese Bemerkung jetzt unbedingt noch loswerden?“

Doch dann, gerade als ich dachte: „Oh je, jetzt bin ich echt geliefert!“, überraschte mein Vater mich, indem er direkt auf Augenhöhe mit ihr ging, sie ansah und laut erklärte: „Madam, wie können Sie es wagen, meinen Sohn des Diebstahls zu bezichtigen?“ Noch überraschter war ich, dass er, nachdem wir den Laden verlassen hatten, nie wieder ein Wort über die Sache verlor. Doch manchmal kann die Kraft des ungesprochenen Wortes erschreckend wirksam sein, und das absichtliche Schweigen meines Vaters für den Rest des Tages sprach Bände. Außerdem hatte ich wegen der Tatsache, dass er sofort für mich in die Bresche gesprungen war und die Integrität seinen Langfinger-Sohnes vehement verteidigt hatte, viel stärkere Schuldgefühle und fühlte mich viel mieser, als wenn er mich vor der Frau heruntergeputzt hätte.

Dads Umgang mit der Situation lehrte mich eine auf jeden Fall immens wirkungsvolle Lektion. Nicht nur, dass ich nie wieder einen Penny von meinen Eltern klaute, es war auch eine Lektion fürs Leben über die Macht der Vergebung und darüber, dass man Menschen eine zweite Chance geben soll. Ich würde auch gern sagen, dass der Vorfall mich die Bedeutsamkeit der Unschuldsvermutung gelehrt hat, bloß, dass mein Vater in diesem speziellen Fall überhaupt keine Zweifel hatte, was genau da vor sich gegangen war.

So mancher Wirtschaftsboss hat sich sein persönliches Markenimage (und sein Geschäft) um seine Schrulligkeit und seine unverblümte Exzentrik herum aufgebaut, egal ob er hartgesotten, autoritär oder einfach nur launisch ist. Michael O’Leary, CEO der irischen Fluglinie Ryanair, beschrieb seinen idealen Kunden einmal als „jemand, der einen Puls und eine Kreditkarte hat“ und in demselben „Lunch with the Financial Times“-Interview bezeichnete er die British Airports Authority, Besitzer und Betreiber mehrerer britischer Flughäfen , als das „Evil Empire“ (Böses Imperium) und die Civil Aviation Authority (Behörde für zivile Luftfahrt) als einen Haufen „Kretins und Blödmänner“. Während niemand den unglaublichen finanziellen Erfolg von Ryanair infrage stellen kann (als ich das letzte Mal nachschaute, betrug die Marktkapitalisierung des Billigfliegers mehr als 13 Milliarden Dollar), würde es mir nicht gefallen, von den Mitgliedern von TripAdvisor zu Europas „unbeliebtester Airline“ gewählt zu werden, egal, wie gut die Gewinne sind. Der US-amerikanische Immobilienmogul Donald Trump ist ein weiterer kontroverser Charakter, den die Verbraucher scheinbar entweder lieben oder hassen, und er ist vielleicht am berühmtesten für seinen Spruch „You’re fired“ (Sie sind gefeuert), den er in seiner TV-Sendung The Apprentice den Leuten nur allzu gern zu sagen scheint. Im Gegensatz zu diesen beiden sehr erfolgreichen Herren habe ich immer daran geglaubt, dass eine versöhnlichere Herangehensweise an das Leben und ans Business immense Vorteile bietet – eine Haltung, die selbst Michael O’Leary inzwischen öffentlich bekundet und von seiner vielfach gescholtenen Airline fordert, wobei abzuwarten bleibt, ob es diesem keltischen Tiger gelingt, seine Streifen zu ändern oder nicht. Ich bin kein Wettmensch, aber wenn ich es wäre, bin ich mir nicht sicher, ob ich hierauf Geld setzen würde!

Während ich nicht so töricht sein würde, so zu tun, als hätte es bei den drei Airlines von Virgin niemals Passagiere mit berechtigten Beschwerden gegeben oder als hätte ich nie jemanden gefeuert, kann ich ehrlich sagen, dass Letzteres, im Gegensatz zu Mr. Trump, nichts ist, was mir auch nur das geringste Vergnügen bereitet hätte. Im Gegenteil, ich setze normalerweise Himmel und Hölle in Bewegung, um zu verhindern, dass jemand gehen muss, denn wenn dies der letzte Ausweg ist, habe ich das Gefühl, dass beide Seiten auf irgendeine Weise gescheitert sind. Es ist so viel besser, sofern möglich, wenn man versucht, den Delinquenten zu verzeihen und ihnen eine zweite Chance zu geben, so wie meine Mutter und mein Vater es so oft taten, als ich Kind war.

Es gab viel später in meinem Leben einen Vorfall, der ganz ähnlich war wie das, was ich im Süßwarenladen erlebt hatte, bloß dieses Mal durfte ich die Rolle meines Vaters spielen. Eines Tages erhielt ich bei Virgin Records einen Anruf vom Besitzer eines Plattenladens in der Nähe, der mich auf die Tatsache hinweisen wollte, dass einer unserer Mitarbeiter, dessen Namen er nannte, ihm zu verdächtig niedrigen Preisen und nur gegen Barzahlung massenhaft brandneue Virgin-Platten anbot. Als er den Anruf beendete mit den Worten: „Ich hoffe bloß, er hat sie nicht gestohlen“, hatte ich eindeutig einen Déjà-vu-Moment, und die Erinnerung an die gleiche Anschuldigung, die mir als Junge im Süßwarenladen vorgehalten worden war, kam blitzartig zurück.

Bedauerlicherweise war die Person, die der Mann im Plattenladen benannte, ausgerechnet jemand, den wir als einen unserer helleren jungen Leute im A-&-R-Bereich einschätzten, und ich hatte, so sehr ich diese Art Konfrontation verabscheue, in dieser Situation keine andere Möglichkeit, als ihn ins Büro zu zerren und zu wiederholen, was mir gerade erzählt worden war. Der arme Kerl lief puterrot an und es war ihm offensichtlich schrecklich peinlich, aber er machte keine Anstalten zu leugnen oder sein Handeln zu verteidigen; stattdessen entschied er sich einfach, sich in aller Form zu entschuldigen, aber auch zu sagen, dass es für sein Verhalten eigentlich keine Entschuldigung gebe. Anstatt ihn sofort zu feuern, was er mit Recht erwartet hatte, beschloss ich spontan, ihm vielmehr zu sagen, dass wir ihm, obwohl er sich selbst und das Unternehmen arg enttäuscht hatte, eine zweite Chance geben würden. Der fassungslose und erstaunte Gesichtsausdruck sagte alles, und von diesem Tag an rackerte er sich für uns ab und machte eine steile Karriere, in der er eigenhändig einige der erfolgreichsten Künstler von Virgin Records entdeckte – Boy George war nur einer von ihnen.

Doch was die zweite Chance betrifft, so braucht niemand sie mehr als Ex-Sträflinge, die in ihrem Leben einen Neuanfang anstreben, nachdem sie ihre Zeit abgesessen haben. Das Traurige daran ist, wenn sie ehrlich sind und auf dem Bewerbungsformular bei „Vorstrafen“ Ja ankreuzen, dann bekommen sie selten eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, ganz zu schweigen vom Job selbst. Ironischerweise ist die Folge davon oft eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn sie keine Arbeit finden, wählen 50 Prozent der Ex-Strafgefangenen oder mehr, wie die Statistik zeigt, den scheinbar einfachen Ausweg und begehen wieder Verbrechen als einzige Möglichkeit, um für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, und dann landen sie schnell wieder im Gefängnis.

Meine gute Freundin und Initiatorin der Wohltätigkeitsorganisation Comic Relief Jane Tewson war eine der Ersten, die meine Aufmerksamkeit auf die traurige Lage von Ex-Sträflingen lenkte. Im Verlauf gelang Jane sogar etwas, das zu verhindern ich mich lange und intensiv bemühte hatte – sie brachte mich hinter Gitter. Tatsächlich war es nicht das erste Mal, aber das brauchen wir jetzt nicht näher zu erläutern! Möge die Feststellung genügen, dass Jane mich dazu ermunterte, mit eigenen Augen zu sehen, mit welchen Herausforderungen Häftlinge beim Versuch, wieder ins Arbeitsleben hineinzukommen, konfrontiert sind, indem ich freiwillig mit ihnen einen Tag im Gefängnis verbrachte. Ende 2009 ging ich wie vereinbart für einen Tag in ein Hochsicherheitsgefängnis im australischen Melbourne, und das öffnete mir zweifellos die Augen dafür, welche Probleme Ex-Häftlinge haben, wieder in die Gesellschaft integriert zu werden, etwas, woran ich bisher keine Sekunde einen Gedanken verschwendet hatte.

Während ich Down Under war, traf ich mich auch mit einer Gruppe inspirierender Führungspersönlichkeiten aus der Toll Group, dem größten Transportunternehmen in Australien. Ich erfuhr, wie sie versucht hatten dazu beizutragen, das Schicksal kürzlich entlassener Häftlinge zu verbessern, indem sie im Verlauf von zehn Jahren beinahe 500 von ihnen eingestellt hatten – eine Anzahl, die rund zehn Prozent der Belegschaft des Unternehmens repräsentiert. Das wirklich Inspirierende an dem, was sie mir erzählten, war aber, dass ihres Wissens nach keiner der Ex-Häftlinge je wieder straffällig geworden war!

Ich habe seitdem alle Virgin-Firmen rund um die Welt stets dazu ermutigt, engagiert daran zu arbeiten, es Toll gleichzutun. Im Vereinigten Königreich arbeiten wir eng mit der karitativen Einrichtung Working Chance zusammen, die sich seit 2007 federführend darum verdient gemacht hat, ehemalige Gefängnisinsassinnen wieder in Lohn und Brot zu bringen und dadurch den Kreislauf zu durchbrechen, der aus einem kleinen Fehler oder einer schlechten Entscheidung eine lebenslange Strafe machen kann, egal ob innerhalb oder außerhalb der Gefängnismauern. Als ich mich das letzte Mal erkundigte, hatte Working Chance fast 200 ehemalige weibliche Häftlinge bei Pret a Manger, Sainsbury’s und verschiedenen Virgin-Firmen untergebracht, darunter Virgin Trains und Virgin Management.

Die vielleicht größte Ironie ist, dass ich 1971, hätte nicht die britische Gerichtsbarkeit Gnade gezeigt, sehr gut selbst eine kriminelle Laufbahn hätte einschlagen können. Ich wurde von der britischen Zollbehörde auf frischer Tat dabei erwischt, wie ich auf geniale Weise (so bildete ich mir in meinem naiven Teenagerdenken ein) die Umsatzsteuern „manipulierte“, die beim Import und Export von Schallplatten anfielen oder eben nicht. Nur dadurch, dass meine Eltern die Selbstlosigkeit besaßen, das Elternhaus als Sicherheit für meine Kaution einzusetzen, und ich anschließend meine fette Strafe in voller Höhe abbezahlte, konnte ich vermeiden, mit einer Vorstrafe belastet zu sein. Hätte ich tatsächlich Zeit im Gefängnis verbracht und wäre als Ex-Häftling gebrandmarkt gewesen, ist es sehr gut möglich, dass es Virgin nie gegeben hätte und Zehntausende von uns geschaffene Arbeitsstellen niemals existiert hätten. Wäre ich für meine Fehleinschätzung als törichter Teenager ins Gefängnis gegangen, wäre ich zwar derselbe Mensch geworden wie der, der (glücklicherweise) nicht hinter Gittern landete, aber ich wäre mit ziemlicher Sicherheit von der Gesellschaft verurteilt worden und hätte mit ziemlicher Sicherheit im Ergebnis ein ganz anderes Leben geführt.

NICHTS BÖSES SAGEN

Zu Hause in unserem Wohnzimmer hatten meine Eltern früher eine dieser drolligen kleinen Drei-Affen-Figuren – vielleicht haben Sie so eine schon mal gesehen –, die das sprichwörtliche Prinzip „Nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sagen“ verkörpern. Während sie auf den „Nichts Böses sehen“-Teil keinen großen Einfluss hatten, machten sie sich alle Mühe mir beizubringen, dass ich nie schlecht über andere denken oder sprechen sollte.

Sie ermunterten mich dazu, immer das Gute in den Menschen zu sehen, anstatt vom Schlimmsten auszugehen und nach Fehlern zu suchen. Wenn sie mitbekamen, wie ich Klatsch und schlechte Dinge über jemanden verbreitete, stellten sie mich fünf Minuten lang vor einen Spiegel, damit ich mir selbst ins Gesicht sah; die Idee dahinter war, dass ich sehen sollte, wie ein solches Verhalten der Spiegel meines eigenen Charakters war. Mir wurde auch beigebracht, dass eingeschnappt sein oder wütend und grob werden niemals einem sinnvollen Zweck dienen und sich nur zum eigenen Nachteil auswirken kann. Das war eine Lektion, die ich mir gemerkt habe, und bis zum heutigen Tag höre ich häufig solche Dinge wie „Ich verstehe wirklich nicht, wie du so freundlich zu diesen Leuten sein kannst“ oder „Wenn ich du wäre, wäre ich wirklich wütend über das gewesen, was die gerade getan haben“, wo ich in der Tat meine Emotionen zurückgehalten hatte. Meine Eltern machten sich aber nicht die Mühe mir beizubringen, meine offensichtliche Begeisterung für eine Sache zu verstecken, was den Nachteil hat, dass ich nicht sehr gut pokern kann.

Doch ob es uns gefällt oder nicht, wir sind alle zu einem großen Teil das Produkt unserer Erziehung und unseres Umfelds. Wenn mein Vater nach dem kleinen Vorfall in der Kirche anders mit der Situation umgegangen wäre und mich übers Knie gelegt hätte, würde ich mich wahrscheinlich immer noch an die Tracht Prügel erinnern, hätte aber längst vergessen, wofür sie war! Die Bedeutung der Lektionen über Menschenführung, die wir von unseren Eltern übernehmen und zu gegebener Zeit an unsere Kinder und diejenigen, mit denen wir zusammenarbeiten, weitergeben, kann gar nicht genug betont werden.

Ich habe es immer so gesehen, dass der Reifungsprozess bei Firmen sehr ähnlich ist wie der junger Leute. Als Neugeborene oder Kleinkinder kommen sie eher mit allen möglichen Dingen davon, auf der Grundlage, dass sie gerade erst laufen lernen und man daher generell gnädiger mit ihnen umgeht. Wenn Firmen dieses Stadium überleben (viele tun es nicht), bekommen sie wie Teenager Akne und andere typische Makel, während sie gleichzeitig leicht übermütig und naseweis werden. Darauf folgt ein reiferes Stadium: Sie haben hoffentlich aus ihren Fehlern gelernt und sich etabliert, doch diese Phase bringt ganz andere Risiken mit sich, wobei die Selbstgefälligkeit vielleicht das größte ist. Und wenn ein Unternehmen das Stadium der Midlife-Crisis erreicht hat, wird es schnell faul, übergewichtig, ist eingefahren und hat wie Erwachsene die Tendenz, mehr in den Rückspiegel zu schauen als Wege für die Zukunft zu ergründen und zu versuchen zu sehen, was um die Ecke wartet.

Aus der Perspektive der Menschenführung betrachtet, ist das Begleiten einer Firma durch jede dieser verschiedenen Wachstumsphasen hindurch nicht so viel anders als das Großziehen eines Kindes. Genauso wie das Erziehen eines Kleinkinds ganz anders ist als das Dafürsorgen, dass ein Teenager nicht vom Weg abkommt, wobei sich die entsprechenden Qualifikationen mit Älterwerden der Firma ein wenig ändern können, sind die Grundlagen der Kindererziehung und der Unternehmensführung sehr eng miteinander verbunden. An diese Tatsache wurde ich erinnert, als ich vor einiger Zeit zufällig mitbekam, wie ein Freund von mir mit drei unglaublich ungestümen jungen Söhnen dem jüngsten, dem elfjährigen Charlie, scherzhaft drohte, dass er, wenn es hart auf hart käme, nach dem Last-in-first-out-Prinzip der Erste wäre, der gehen müsse. Ich lachte laut auf, aber es war die spontane Reaktion des Jungen, die bei mir wirklich ins Schwarze traf. Mit einem breiten, schelmischen Grinsen sah er seinen Vater direkt an und erwiderte: „Aber Dad, warum solltest du das tun? Überleg doch mal, ich bin viel billiger im Unterhalt, weil ich nicht annähernd so viel esse wie meine älteren Brüder.“

Es ist eine unausweichliche Tatsache, dass Lernen und Menschenführung auf Wechselseitigkeit beruhen und selbst der älteste und weiseste Stamm noch viel vom jüngsten Apfel lernen kann. Leider starb mein Vater und bester Freund Ted Branson Anfang 2010 im hohen Alter von 93 Jahren und hinterließ eine große Lücke im Leben seiner Familie. Er hat mich auf jeden Fall stark geprägt, und hätte er nicht bei der einen oder anderen Gelegenheit beherrscht und nur mit klugen Kommentaren reagiert, hätte diese Prägung verdientermaßen das Hinsetzen sehr schmerzhaft für mich machen können!

Nachdem ich meiner Mutter an früherer Stelle die Gelegenheit gegeben habe sich zu äußern, werde ich sie auch das letzte Wort haben lassen – etwas, das ihr immer gefällt! Ich bezweifle sehr stark, dass sie sich an diese Äußerung erinnern wird, aber ich habe auf jeden Fall nie den weisen Rat vergessen, den meine Mutter mir nach einem Kricketspiel in der Schule gab. Ich liebte Kricket und war im Allgemeinen ziemlich gut darin, aber dies war ein Spiel gewesen, in dem mein Schlag untypisch zögerlich kam, und noch bevor ich einen einzelnen Run vollenden konnte, berührte der Ball die Wickets, ohne dass ich ihn mit meinem Schläger aus englischem Weidenholz auch nur berührt hätte! Auf der Fahrt nach Hause überraschte mich meine Mutter mit ihrer Kricket-Weisheit, als sie sagte: „Ricky, ich bin sicher, du wirst mir zustimmen, dass das da draußen heute Nachmittag nicht gerade eine deiner besten Leistungen war. Denke in Zukunft einfach immer an eine Sache: Es geht garantiert jeder Schlag in die Leere, den du nicht machst.“

Erst Jahre später wurde mir klar, dass sie damit wahrscheinlich viel mehr gemeint hatte als nur Kricket!

Kapitel 2

DIE AUSSTERBENDE KUNST DES ZUHÖRENS

Wer zuhört, klingt klüger

Als ich ein Kind war, ließen mich meine Eltern nie fernsehen. Ich erinnere mich gut daran, wie meine Mutter den Fernseher ausschaltete und behauptete, er wäre der „Tod der Unterhaltung“, wodurch sie sogleich eine 20-minütige Diskussion mit ihrem fernsehausgehungerten Sohn provozierte. Nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, dass wir hier keine Einigkeit erzielen konnten, konnte meine Mutter nicht widerstehen, das letzte Wort in der Sache zu haben: „Siehst du, wenn du ferngesehen hättest, hätten wir jetzt nicht diese interessante Diskussion geführt.“

Und auch wenn es mir damals nicht geschmeckt haben mag, so hatte meine Mutter, wie immer, absolut recht. Mir wurde zwar der Zugang zum kleinen Bildschirm verwehrt, aber dafür durfte ich ziemlich oft Filme auf der großen Kinoleinwand sehen; ich war (und bin immer noch) ein großer Fan von Western, besonders der späteren mit dem großartigen John Wayne. Abgesehen von all den erinnernswerten optischen Eindrücken, die ich aus den Wayne-Filmen mitnahm, ist mir ein Satz aus Big Jake besonders in Erinnerung geblieben: „You’re short on ears and long on mouth.“ (Du hast kleine Ohren, aber ein großes Mundwerk.) Selbst ohne John Waynes typischen breiten Akzent beschreibt dies eine der häufigsten Verfehlungen des Menschen – dass er zu wenig zuhört und zu viel redet – auf so großartige Weise, dass ich mich dieses Satzes immer wieder bedient habe.

L-I-S-T-E-N(ZUHÖREN AUF DIE ENGLISCHE ART)

Eine Sache, an die ich mich aus dem Englischunterricht in der Schule erinnern kann, ist, wie ein Lehrer darauf hinwies, dass sich aus den Buchstaben von LISTEN ein Anagramm bilden lässt, nämlich das Wort SILENT (still). Als begeisterter Scrabble-Fan und da ich mich an jenem Tag etwas mehr am Unterricht beteiligte als sonst, machte ich, meiner Erinnerung nach, die altkluge Bemerkung, dass sich mit den Buchstaben auch das Wort ENLIST (sich verpflichten) bilden lässt. Dies führte in der Klasse zu einer Diskussion, die ich mir offensichtlich gemerkt habe: Wenn mehr von uns sich der Kunst, „still“ zu sein, „verpflichten“ könnten, um „zuhören“ zu können, würden wir auf einen Schlag unsere Lernfähigkeit entscheidend verbessern und von der Zeit, die wir in der Schule verbringen, viel mehr profitieren.

Vielleicht kam die Diskussion in der Klasse für mich ein wenig zu spät, denn etwa ein Jahr nach dieser Englischstunde verließ ich Stowe, um den Student zu gründen, mein eigenes Magazin, und schon bald stellte ich fest, dass ich die Worte des Lehrers in die Praxis umgesetzt hatte. Ich erinnere mich noch daran, als wäre es erst gestern gewesen, wie ich ein Interview mit dem Romanautor John le Carré führte, dem 1963 mit dem sofort zum Bestseller gewordenen Roman Der Spion, der aus der Kälte kam der Durchbruch gelang. Ich war furchtbar nervös, während ich mir verzweifelt Notizen zu seinen Antworten auf meine sorgfältig vorbereitete Liste mit Fragen machte. Ich trug oft ein großes, altes Tonbandgerät von Grundig mit mir herum, obwohl es hauptsächlich dazu diente, mir den Anstrich eines Profis zu geben, denn die Hälfte der Zeit funktionierte es nicht. Zur damaligen Zeit fing ich mit dem an, was zu einer lebenslangen Gewohnheit werden sollte: Ich begann, meine Gedanken, Beobachtungen und so gut wie alles Interessante, was jemand sagte oder tat, in festeingebundenen, linierten Notizbüchern festzuhalten.

In den rund 40 Jahren, seit denen ich im Geschäft bin – wow, schon wenn ich das schreibe, fühle ich mich plötzlich uralt – haben mir die mittlerweile Hunderte von Notizbüchern unglaublich gute Dienste geleistet. Und ich spreche nicht nur davon, dass sie mir im Alltag als Gedächtnisstütze dienen, sondern sie taten das auch bei vier großen Gerichtsprozessen mit British Airways, G-Tech, T-Mobile und vor einiger Zeit bei unserer Auseinandersetzung mit dem britischen Verkehrsministerium über die Erneuerung der Lizenz für die West Coast Main Line. Zuhören zu können ist eine wunderbare Fähigkeit, doch in Anbetracht dessen, dass das durchschnittliche menschliche Gehirn eher eine sehr geringe Prozentzahl von dem speichert, was zum jeweiligen Zeitpunkt vielleicht als unbedeutende Aussagen und Ideen aufgenommen wird, schließen diese Bücher viele große Lücken, die mein Gedächtnisspeicher sonst hätte. Wenn man sich angewöhnt Notizen zu machen, ist dies daher eine Fähigkeit, die die des Zuhörens wunderbar ergänzt. Bitte schreiben Sie dies jetzt auf, damit Sie es nicht vergessen!

Leider ist das Zuhören unter den Führungsqualitäten zu Unrecht in Verruf geraten – dieser Satz hätte von John Wayne sein können. Es ist eine scheinbar derart passive Sache, dass viele Leute es irrigerweise fast als ein Zeichen von Schwäche sehen – wie in „Hast du bemerkt, dass Harry während des Meetings kaum etwas gesagt hat? Ich frage mich, was für ein Problem er hat.“ Ein solcher Standpunkt wird mit ziemlicher Sicherheit geschürt von der historischen Verknüpfung, dass große Führungspersönlichkeiten große Redner und damit mächtig sind. Fragen Sie einen Briten meiner Generation, wen er als die größte Führungsgestalt der Geschichte sieht, und wie ich wird er wahrscheinlich Sir Winston Churchill anführen, Premierminister während des Zweiten Weltkriegs. Fragen Sie nach seiner bedeutendsten Rede und es wird heißen: die im Radio gesendete Rede „This Was Their Finest Hour“ (Dies war ihre beste Stunde) von 1940. Wäre ich in den USA aufgewachsen, würde ich wahrscheinlich John F. Kennedy aufs Podest stellen und diese Wahl vielleicht mit dem Verweis auf seine berühmte Rede „Ask not what your country can do for you“ (Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann) rechtfertigen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, beide Männer haben als Führungspersönlichkeiten Kultstatus erlangt, und die Fähigkeit zu besitzen, seine Gedanken auf artikulierte und fesselnde Weise auszudrücken, ist ein enorm wichtiges Gut – und in unserer von Videoclips und O-Tönen geprägten Welt sicherlich von größerem Nachrichtenwert als nur ein sehr guter Zuhörer zu sein; mit Nachrichten wie „und hier sehen wir, wie der Präsident so aufmerksam zuhört, wie nur er das schafft“ wird man kaum eine Meinungsumfrage beeinflussen! Großes rednerisches Talent ist jedoch nur eine der im Leitfaden für Führungskräfte aufgeführten Fähigkeiten und nicht das A und O, wie manche meinen. Zunächst einmal schreiben die meisten Staatschefs und Wirtschaftsführer ihre Reden gar nicht selbst – Churchill ist eine rühmliche Ausnahme von dieser Regel – daher ist es gefährlich, sie nach Worten zu beurteilen, die gar nicht ihre eigenen sind, sondern eher das Werk hochbezahlter Redenschreiber. Winston Churchill war jedoch berühmt für seine Fähigkeit, dass er sich hinsetzen und absolut jedem zuhören konnte, und seine Einstellung hinsichtlich der Bedeutsamkeit des Zuhörens wird untermauert von einem weiteren Zitat, das ihm oft zugeschrieben wird: „Mut ist, was man braucht, um aufzustehen und zu reden; Mut ist auch, was man braucht, um sich hinzusetzen und zuzuhören.“

Könnte es sein, dass seine Fähigkeit, gut zuzuhören, vielleicht eines der Dinge war, die ihn zu einem so großartigen Autor und Redner machten? Ich würde wagen zu behaupten, dass es hier einen Zusammenhang gibt.

ZUHÖREN IST NICHT DAS GLEICHE WIE HÖREN

Wenn es irgendein untrügliches Zeichen dafür gibt, dass jemand nicht ein Wort von dem hört, was Sie sagen, dann ist dies, wenn er wiederholt die nervige Phrase „I hear you.“ („Ja, ich höre.“) benutzt. Nur leider heißt hören nicht zuhören. Vor einiger Zeit konnte ich auf einem Langstreckenflug selbstverständlich den Säugling einige Sitzreihen hinter mir hören, der die ganze Nacht ununterbrochen weinte, aber ich machte mir nicht die Mühe ihm zuzuhören. Ich kann den Wind in den Bäumen hören, aber ich nehme mir nicht so viel Zeit ihm zuzuhören, wie ich eigentlich sollte. Und ich glaube nicht, dass es hier nur um Semantik geht. Wenn jemand sagt: „Ich habe jedes Wort von dem, was er gesagt hat, gehört“, dann mag das im wortwörtlichen Sinn die Wahrheit sein, doch in der Hälfte der Fälle könnte er dem wahrscheinlich genauso wahrheitsgemäß hinzufügen, „aber ich habe nicht ein Jota davon behalten“. Paradoxerweise hatte ich, während ich immer stolz darauf war, ein guter Zuhörer zu sein, vielleicht einen unfairen Vorteil gegenüber den meisten Menschen. Da ich als Kind eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hatte, lernte ich sehr früh im Leben, dass ich mich zwingen musste, sehr aufmerksam zuzuhören, wenn ich etwas behalten wollte. Nicht nur das: Um überhaupt eine Chance zu haben, mich an das zu erinnern, was ich gehört hatte, musste ich mir auch jede Menge handschriftlicher Notizen machen: eine Angewohnheit, die ich bis heute eifrig praktiziere.

Für mich als geschäftstätigen Erwachsenen erweist sich diese Lektion als sehr nützlich. Ich habe auch entdeckt, dass mein inzwischen berüchtigtes, absolut technikfreies Notizbuch als Ergänzung zum Zuhören, was die Leute zu sagen haben, eines der effektivsten Tools ist, die ich in meiner Business-Trickkiste habe. Abgesehen davon, dass es mir hilft, mich an kleine Dinge zu erinnern, die ich während des Flugs bei einer unserer Airlines vorbringen will, wie „Statt heiße Tücher lieber kalte anbieten“, hat mir der Rückgriff auf meine Notizbücher, was noch entscheidender ist, bei viel gewichtigeren Fragen unzählige Male einen klaren, unerwarteten Vorteil verschafft. Eine typische Situation wäre, wenn jemand sagt: „Richard, wenn ich mich recht entsinne, hatten wir uns bei unserem letzten Gespräch Anfang März darauf geeinigt, dass wir Ihnen bis Ende April einen Vorschlagsentwurf zukommen lassen würden“, und dann total verwirrt ist, wenn ich darauf antworte: „Nein, zumindest nicht laut meinen Notizen nach unserem letzten Gespräch. Am 7. Februar um 15.15 Uhr versprachen Sie, dass Sie uns bis spätestens 31. März einen kompletten Businessplan vorlegen würden.“ Erwischt! Es kam sogar vor, dass jemand behauptete, ich hätte meine Telefonate mit ihm illegal aufgenommen – wie eine Art Nixon-White-House-Tonbandaffäre –, ich ihn aber damit zum Schweigen bringen konnte, dass ich sagte: „Ja, ich halte viele Gespräche fest, aber mit einem Stift und einem Notizbuch!“

Ich vermute, dass mit den Jahren „Richards Notizenspleen“ in der Virgin-Familie zu einer Legende geworden ist, da ich immer wieder feststelle, dass sich bei internen Meetings ein deutlich höherer Prozentsatz von Leuten Notizen macht, als das bei solchen mit externen Teilnehmern der Fall ist. Zum Beispiel hatte ich vor einiger Zeit eine Reihe von Ganztagesmeetings auf Necker Island mit einer Gruppe von rund 20 Personen der Leitungsebene, und ich konnte nicht umhin zu beobachten, dass unsere eigenen Leute die einzigen zu sein schienen, die sich ernsthaft Notizen machten. Ich weiß nicht, ob die anwesenden Führungskräfte es gewohnt waren, dass ein Assistent für sie mitschrieb oder ob sie das Gefühl hatten, sich Notizen zu machen wäre unter ihrer Würde – oder ob sie vielleicht alle der Ansicht waren, sie hätten ein fotografisches Gedächtnis –, aber ich war davon absolut unbeeindruckt. Eine der nicht zu uns gehörenden Führungskräfte tippte ständig auf ihrem iPad herum, aber da die Person versuchte, dabei möglichst unauffällig zu wirken, vermutete ich, dass sie sich keine Notizen machte, sondern E-Mails beantwortete oder das Online-Wortspiel Words With Friends spielte.

Nennen Sie mich altmodisch, wenn Sie wollen, aber die allzu verbreitete Praxis des Schreibens von E-Mails oder SMS mit den Händen unter dem Sitzungstisch mitten in einem Meeting ist etwas, das ich hochgradig irritierend finde und ausgesprochen respektlos gegenüber allen anderen im Raum. Ich bin normalerweise kein großer Fan von ausgedehnten Meetings, aber ist es wirklich zu viel verlangt, eine Stunde lang die ungeteilte Aufmerksamkeit von jemandem zu bekommen, ohne dass derjenige ständig seine subjektive Unentbehrlichkeit damit demonstrieren muss, dass er sich alle paar Minuten seinen elektronischen Geräten zuwendet? Ich denke nicht.

Seit der Zeit, als meine Kinder noch klein waren, habe ich mir Notizen über lustige Dinge gemacht, die sie über die Jahre von sich gegeben haben. Ich ahnte immer, dass sich dies eines Tages als nützlich erweisen würde, und da ich in den letzten Jahren zweimal eine Hochzeitsrede vorbereiten musste, erwies sich die Vermutung als richtig. Einer der besten Sprüche kam von Holly, als sie fünf oder sechs Jahre alt war und triumphierend erklärte: „Daddy, Daddy, ich weiß, was Sex ist! Und Mummy und du, ihr habt das zweimal gemacht.“ Ein anderes Mal ließ Holly hysterisch ihren Frust ab, indem sie lautstark verkündete: „Ich weiß nicht, was ich will, ich weiß nicht, was ich will, aber ich will es.“

Doch zurück zur Geschäftswelt und einer anderen Geschichte, die ich gern anführe als Beispiel für die Vorteile des Zuhörens in Kombination mit dem Sich-Notizen-Machen; sie geht zurück auf eine Rede, die ich vor rund 20 Jahren in Griechenland hielt – ich kann mich ehrlich nicht daran erinnern, was der Anlass war, abgesehen von der Tatsache, dass wir einige Flugaktivitäten in Griechenland unternahmen, die von kurzer Dauer waren. Auf jeden Fall fiel mir im Publikum ein sehr gescheiter junger Mann auf, der mir immer wieder ausgezeichnete, überwiegend luftfahrtspezifische Fragen stellte, die er offensichtlich gut vorbereitet hatte. Tatsächlich müssen über den Tag verteilt 50 Prozent aller Fragen von ihm gestammt haben, und 90 Prozent der wirklich guten Fragen waren seine! Er stellte nicht nur gute Fragen, sondern er hörte meinen Antworten auch aufmerksam zu und hatte keine Angst, pointiert nachzufassen, wenn ich mit meiner Antwort nicht vollständig auf seine Frage eingegangen war. Er war auf jeden Fall ein ausgezeichneter Zuhörer, und weil das mein „Ding“ ist, war ich genauso beeindruckt, dass er sich eifrig Notizen machte. Am Ende des Tages fragte ich einen der Organisatoren, ob sie zufällig den Namen des jungen Mannes wüssten, der die Frage-und-Antwort-Runde so dominiert hatte – ich hatte im Hinterkopf, dass dies vielleicht jemand wäre, der eines Tages für uns arbeiten könnte. Als Antwort kam: „Oh ja, natürlich kennen wir ihn!“, und dann erzählte die Person mir, dass Stelios Haji-Ioannou der Spross einer reichen zypriotischen Reederfamilie war und sicher niemand, der auf einen Job aus war. Und es dauerte nicht lange, da war sein Name im Vereinigten Königreich in allen Medien: als Gründer einer europäischen Billigfluglinie, die sich als enorm erfolgreich herausstellte. Ich glaube sogar, dass easyJet nach Passagierzahlen heute die größte im Vereinigten Königreich ansässige Airline ist.