The Red 2: Prüfungen - Linda Nagata - ebook

The Red 2: Prüfungen ebook

Linda Nagata

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Opis

Lieutenant James Shelley und seine Einheit von Soldaten der US-Army befanden sich auf einem Kreuzzug für die Gerechtigkeit, als sie die unautorisierte Mission Erstes Licht ausführten. Sie kehrten nach Amerika zurück, um sich vor einem Kriegsgericht zu verantworten – entschlossen, die Korruption in der Befehlskette aufzudecken, die sie zu ihren Taten gezwungen hat. Aber in einem Land, das noch immer vom nuklearen Terrorismus des Koma-Tags gezeichnet ist, ist der Gerichtssaal nur eines von vielen Schlachtfeldern. Eine neue Welle der Gewalt wird ausgelöst, als die Öffentlichkeit Gerüchte über die unglaubliche, skrupellose KI "Red" hört – und Shelley steckt wieder einmal mittendrin. Von seinen Feinden herausgefordert und seinen Idealen getrieben, fühlt sich Shelley verpflichtet, etwas zu tun ...

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LINDA NAGATA

THE RED 2

PRÜFUNGEN

Ins Deutsche übertragen vonHelga Parmiter

Die deutsche Ausgabe von THE RED 2: PRÜFUNGENwird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Helga Parmiter; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Kerstin Feuersänger und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Larry Rostant; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

THE RED: THE TRIALSCopyright © 2014 by Linda NagataPublished in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A. through.

German translation copyright © 2017 by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN 978-3-95981-154-5 (März 2017) · E-Book ISBN 978-3-95981-267-2 (März 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE

Inhalt

GEGEN DIE BESTIE

FOLGE 1: DIE PROZESSE

ZWISCHENSPIEL

NACHWIRKUNGEN

GEGEN DIE BESTIE

FOLGE 2: SCHATTENSPIELE

ZWISCHENSPIEL

GÖTTLICHE GUNST

GEGEN DIE BESTIE

FOLGE 3: SCHWINDELERREGENDE PFORTE

ZUSÄTZLICHE SZENEN

ABSCHLUSS GESPRÄCH

DANKSAGUNGEN

GEGEN DIE BESTIE

FOLGE 1:DIE PROZESSE

»Man verlangt von uns, Colonel Kendrick ans Kreuz zu nageln.«

Meine Worte sind an meine Soldaten gerichtet – das Apokalypsenkommando. Den Namen haben die Medioten uns verpasst, und er gefällt mir. Wir, die Überlebenden der Mission »Erstes Licht«, sitzen zu siebt um einen billigen ovalen Tisch herum, der in der Mitte eines schmucklosen Konferenzraums mit weißen Wänden im Bundesgerichtshof in Washington, D. C. steht. Es ist das erste Mal in fünf Monaten, seit wir in Dulles aus dem Flugzeug gestiegen sind, dass man uns erlaubt, unseren Fall gemeinsam ohne die Anwesenheit von Anwälten zu besprechen.

Ich muss wissen, ob wir alle immer noch auf derselben Seite stehen.

Ich bin James Shelley. Im Augenblick bekleide ich den Rang eines Lieutenants der United States Army, aber das wird sich nach Abschluss unserer Militärgerichtsverhandlung ändern.

»Unsere Anwälte haben das so beschlossen, da Kendrick tot ist und nicht herumzetern oder diskutieren kann, wenn wir ihm die Nägel einschlagen. Also sollen wir aussagen, der Colonel hätte unzulässigen Einfluss auf uns ausgeübt, damit wir an dieser Verschwörung teilnehmen. Sie wollen, dass wir behaupten, wir seien zu dem Zeitpunkt geistig nicht zurechnungsfähig gewesen und es sei deshalb nicht unsere Schuld.«

Wir sind freiwillig in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt und weitestgehend betrachtet man uns als Helden. Diesen Status habe ich als Druckmittel eingesetzt, um das Privileg dieser zehnminütigen Zusammenkunft für uns herauszuschlagen, in der wir unsere Verteidigungsstrategie erörtern können. Es ist keine private Zusammenkunft – Knopfkameras beobachten uns aus allen Ecken des Raums und das okulare Overlay, das ich wie Kontaktlinsen trage, zeichnet ständig auf – aber daran sind wir ja gewöhnt. Wir sind VKG-Soldaten, und in einer vernetzten Kampfgruppe erwartet man, überwacht zu werden.

»In einigen Minuten wird jeder von Ihnen sich mit einem Anwalt treffen, und man wird Ihnen raten, eine bejahende Verteidigung zu verfolgen und auf einen Mangel an geistiger Zurechnungsfähigkeit zu plädieren.«

Reisen und Kommunikation sind seit dem Koma-Tag eine Herausforderung. Damals wurden sieben improvisierte Atombomben dazu benutzt, Datenwandler im ganzen Land zu zerstören, die Cloud zu zerschlagen und die Wirtschaft zum Zusammenbruch zu bringen. Also wurde eine Vereinbarung getroffen, unsere Militärverhandlung im zentral bequem erreichbaren Bundesgerichtshof in D. C. abzuhalten. Wir benutzen die Gebäude, aber nicht die Angestellten. Die Army führt unsere Militärverhandlung durch und das Gericht besteht aus Army-Personal, dem eine Militärrichterin vorsitzt.

Unsere Verhandlung hat noch nicht begonnen, und wir werden heute nicht im Gerichtssaal sein, also tragen wir alle die informelle braune Tarnuniformversion des Kampfanzugs. Alle außer mir tragen auch ihre VKG-Schädelkappe.

Die Kappen sehen aus wie diejenigen, die Athleten tragen, aber ein Netz aus feinsten Drähten wurde in sie eingearbeitet. Dieses interagiert mit neuromodulierenden Mikroperlen, die in das Gehirngewebe jedes VKG-Soldaten implantiert werden. Einige dieser Mikroperlen sind chemische Sensoren, die über den Zustand unseres Gehirns Auskunft geben; andere lösen neurochemische Produktionen aus. Die Schädelkappe ist in der Lage, die Perlen ein- und auszuschalten, um unsere Gefühlslage zu beeinflussen.

Ich trage meine Schädelkappe nicht mehr, weil ich schon etwas Dauerhafteres besitze. Ich benutze ein Schädelnetz: ein Geflecht aus Sensorfäden, das auf der Oberfläche meines Schädelknochens implantiert wurde. Wie bei der Kappe wohnt ihm eine einfache künstliche Intelligenz inne, deren Aufgabe es ist, meine Gehirntätigkeit zu überwachen und zu stabilisieren. Es könnte meine Freikarte sein, um nicht ins Gefängnis zu müssen, wenn ich versuchen möchte, es dazu zu verwenden.

Ich tippe gegen meinen Kopf, auf dem mein schwarzes Haar zu einem Bürstenschnitt gestutzt ist. »Die Anwälte wollen, dass ich behaupte, Kendrick habe meine Gedanken, meine Gefühle und meine Entscheidungsprozesse über mein Schädelnetz kontrolliert. Sie wollen, dass jeder Einzelne von Ihnen behauptet, er hätte sich mithilfe Ihrer Schädelkappen in Ihre Köpfe gehackt. Wir sollen behaupten, wir seien nicht bei Trost gewesen und dass wir nicht verstanden hätten, was wir taten.«

Specialist Vanessa Harvey meldet sich als Erste zu Wort: »Das ist doch scheiße, LT.«

Sie verschränkt ihre Arme und fixiert mich mit einem Blick, der Kugeln abfangen könnte … und das beinahe auch getan hat im Schwarzen Kreuz, wo man ihr ins Gesicht geschossen hat. Ihr Visier hat den Aufprall der Kugel abgefangen und sie kam mit einer gebrochenen Nase davon – aber von dieser Verletzung ist in ihrem bronzefarbenen Gesicht mit den scharfen Zügen keine Spur mehr zu sehen.

Specialist Samuel Tuttle erweitert diesen Grundgedanken noch etwas. »Die sind scheiße.« Der Rand seiner Schädelkappe verstärkt sein Stirnrunzeln, während sein nachdenklicher Blick von Harvey zu Sergeant Aaron Nolan wandert, der in einem anderen Leben sein großer Bruder gewesen sein muss.

Nolan ist einen Meter fünfundachtzig groß, breitschultrig und hat dunkelbraune Haut. Er hat mir einmal erzählt, er sei halb Navajo, halb Weißer. Prinzipiell ist er ein sympathischer Mann, aber jetzt fällt ihm die Kinnlade herab und er erklärt mir eiskalt: »Diese Scheißefresser können zur Hölle fahren.«

Die kleine Mandy Flynn mit ihren grünen Augen und der hellen Haut ist nur ein Private, aber sie ist wortgewandter als manch anderer. »Kommt gar nicht infrage, dass wir auf das Grab des Colonels pissen, Sir.«

»Verdammt richtig«, stimmt Specialist Jayden Moon zu. Moon ist groß, dünn und hat dunkle Augen. Er hat asiatische und europäische Wurzeln, die sich in einer komplizierten Formel vermischt haben. Er hatte früher gebräunte Haut, aber unser Gefängnisaufenthalt hat seinen Teint zu einer blassen Cremefarbe ausgebleicht. »LT, das ist einfach Bockmist.«

Ich werfe einen Blick hinüber zu Sergeant Jaynie Vasquez, die aus einer gewissen Loyalität heraus zu meiner Rechten sitzt. Jaynie ist der ranghöchste Unteroffizier unserer Truppe. Sie ist schlank und mittelgroß. Ihre Haut ist glatt und schwarz. Sie betrachtet die Welt normalerweise mit einem reservierten Gesichtsausdruck, der ihre Natur perfekt widerspiegelt: clever, kontrolliert, entschlossen – und nicht unbedingt auf mein Urteilsvermögen vertrauend. Sie beantwortet meinen fragenden Blick mit einem Nicken und lässt mich wissen, dass sie so lange hinter mir stehen wird, wie ich das Richtige sage.

Ich wende mich wieder an Moon. »Natürlich ist das Bockmist, Moon. Das ist derselbe Bockmist, mit dem wir VKG-Soldaten es ständig zu tun haben.«

Außerhalb der vernetzten Kampfgruppen ist man gemeinhin davon überzeugt, wir seien seelenlose Automaten, gefühllose Tötungsmaschinen, die von unseren Betreuern bei der Leitung kontrolliert werden. Dieses Vorurteil wollen sich unsere Anwälte zunutze machen.

»Aber es ist ein Bockmist, mit dem man sich ein ›Nicht schuldig‹-Urteil und eine Entlassung aus medizinischen Gründen erkaufen kann.«

Moon sieht verwirrt aus. Sein Blick wandert zu Jaynie. »Das kapiere ich nicht. Deshalb sind wir nicht zurückgekommen.«

Er sieht zwar Jaynie an, aber ich antworte darauf. »Nein, das ist nicht der Grund, weshalb wir zurückgekommen sind. Die Kreuzigung von Colonel Kendrick ist eine Option, die man uns anbietet, weil sowohl die Anklage als auch die Verteidigung unter großem Druck stehen, ein Ausufern unserer Verhandlung zu verhindern. Sie wollen sich nicht die Kette der Verantwortung …«

»Mangel an Verantwortung«, unterbricht Jaynie knurrend.

Ich räume ihr Argument mit einem Kopfnicken ein. »Sie wollen sich nicht mit den Schichten der Korruption befassen, die uns zu unseren Handlungen gezwungen haben. Wir sind hier, um diese Korruption aufzudecken und dagegen vorzugehen. Deshalb sind wir zurückgekommen. Aber das hier ist kein Spiel. Wir könnten lebenslang im Gefängnis landen oder sogar hingerichtet werden. Wenn Sie Ihre Gründe für Ihr Hiersein noch einmal überdenken wollen, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt. Sie sollten nur wissen, dass alle zustimmen müssen, wenn die bejahende Verteidigung greifen soll. Wenn nur einer von Ihnen anderer Meinung ist, wird das Zweifel auf alle anderen werfen.«

Harveys Arme sind immer noch verschränkt, ihre Stirn hat sie argwöhnisch in Falten gelegt. »Was meinen Sie damit, wir müssen dem zustimmen? Was ist mit Ihnen, LT? Ich dachte, wir seien alle in einem Boot?«

»Das liegt an Ihnen, Harvey. Es ist absolut undenkbar, dass ich diesen Scheiß mitmache. Aber der Rest von Ihnen kann behaupten, Ihre kommandierenden Offiziere hätten Ihren Loyalitätssinn ausgenutzt. Lassen Sie mich wissen, ob ich nach draußen gehen soll, während Sie das besprechen.«

Jaynie reagiert als Erste darauf, in der für sie üblichen, liebenswerten Art. »Lassen Sie mal das Drama beiseite, LT. Es gibt nichts zu besprechen, denn ich bin dagegen. Ich werde nicht bei so einer Scheißverteidigung mitspielen.«

»Ich auch nicht«, sagt Harvey.

Diese Meinung wird am ganzen Tisch durch Nicken und Gemurmel bestätigt. Ich benutze mein Overlay und starte ein Emotionsanalyseprogramm mit Namen FaceValue, damit es jedes Mitglied meiner Gruppe studiert. Die Anwendung entdeckt keine Falschheit in den Gesichtern meiner Soldaten, keine echten Zweifel. Jaynie runzelt die Stirn – FaceValue bestätigt die Vorsicht, die ich in ihren Augen erkenne –, aber ihre Vorsicht macht mir nichts aus. Sie war schon immer die Bedächtigste unter uns.

Gewöhnlich wären bei einer solchen Geschichte mindestens ein oder auch zwei Verräter unter meinen Soldaten, die heimlich eine Vereinbarung mit den Anwälten geschlossen hätten, um den Rest von uns zu hintergehen und den eigenen Hintern zu retten – aber Colonel Kendrick hat diesen Gefahren vorgebeugt, indem er jeden in der Truppe nach gewissen Charaktereigenschaften handverlesen hat – unter anderem einem zwingenden Gerechtigkeitssinn und Gruppenloyalität. Beides musste stark genug ausgeprägt sein, um uns während zwei grauenhafter Missionen zusammenzuhalten. Ich sehe mich am Tisch um und weiß, dass jeder hier unserer augenblicklichen Mission treu ergeben ist.

»Also was zur Hölle sollen wir tun?«, will Harvey wissen. Ihr scharfer Blick konzentriert sich auf Jaynie, weil sie diese Frage an meinen Sergeant richtet und nicht an mich.

Meine Faust landet mit lautem Knall auf dem Tisch und lenkt die Aufmerksamkeit aller im Raum wieder auf mich.

Wir haben nicht viele Möglichkeiten. Die Anklagen, die gegen uns erhoben wurden, lauten auf Verschwörung, diverse Fälle von Mord, schwere Körperverletzung, Raub von mehr als 500 $, Menschenraub und Verletzung einer allgemeinen Vorschrift über die gute Ordnung und Disziplin innerhalb der Streitkräfte. Gegen mich wurde noch zusätzlich Anklage wegen der Zerstörung militärischen Eigentums erhoben, da ich anwesend war, als Colonel Kendrick absichtlich einen Army-Helikopter zerstörte.

Schlimmer noch, wir haben all diese Verbrechen, derer man uns bezichtigt, verübt, während wir auf eigene Faust eine Mission mit Codenamen »Erstes Licht« ausgeführt haben. Dabei haben wir eine Staatsbürgerin der Vereinigten Staaten in ein anderes Land gebracht, damit ihr dort für Verbrechen der Prozess gemacht wird, die innerhalb der Vereinigten Staaten verübt wurden und auch gegen diese gerichtet waren. Jeder Moment dieser Mission, jede Unterhaltung ist von verschiedenen Geräten aufgezeichnet worden, einschließlich meines okularen Overlays. Es herrscht kein Mangel an Beweisen, die man gegen uns verwenden kann, um uns zu überführen. Es bleibt nur die Frage, ob die Umstände das, was wir getan haben, rechtfertigen.

Diese Frage versucht das Gericht verzweifelt zu vermeiden. Nur aus diesem Grund hat man uns diese »Ich-binnicht-dafür-verantwortlich«-Verteidigung angeboten … aber das hat sich erledigt.

»Da dies ein Fall für die Todesstrafe ist, lautet unsere Schuldeinlassung automatisch ›nicht schuldig‹. Das bedeutet, die Anklage muss den Fall gegen uns beweisen und zwar Schritt für Schritt für die öffentlichen Akten. Das wollen wir. Wir wollen, dass die Öffentlichkeit weiß, wer wir sind und was wir getan haben – aber mehr als alles andere wollen wir, dass jeder weiß, warum wir es getan haben.«

Ich weiß jetzt verdammt viel mehr über das Gesetz als zu dem Zeitpunkt, an dem wir das alles hier begonnen haben. Ich stelle meine Strategie vor – und jeder kompetente Anwalt würde diese Präsentation als amateurhaften Optimismus bezeichnen. »Die einzig wirksame Verteidigung, mit der wir aufwarten können, fußt auf unserem Diensteid, der da lautet, die Verfassung gegen alle Feinde, ausländische oder einheimische, zu unterstützen und zu verteidigen. Also müssen wir diese Feinde entlarven – unsere einheimischen Feinde –, sie ins Rampenlicht stellen und in der Kommandokette jede Verbindung untersuchen, die daran beteiligt war, Thelma Sheridan vor Strafverfolgung für ihre Beteiligung an dem Aufstand am Koma-Tag zu schützen. Wir müssen die Richterin bei jedem Schritt mit der Nase darauf stoßen. Wir erzwingen, dass der Umfang dieser Untersuchung erweitert wird. Und sollte irgendwann der Präsident darin verwickelt sein, ist mir das scheißegal. Dann ist das eben so. Wenn es eine Revolte gegen den verdorbenen Kern in unserem Land in Gang setzt, dann werden Sie mich bestimmt nicht weinen sehen.«

»Alles niederbrennen?«, fragt Jaynie leise.

Ich wende mich zu ihr um und wundere mich über das Misstrauen in ihrer Stimme. »Nein. Das ist es nicht, was ich will.«

Sie mustert mich, als versuche sie, unter die Oberfläche zu blicken. »Treiben Sie es nur nicht zu weit, Sir. Es könnte Ihnen vielleicht nicht gefallen, was auf der anderen Seite wartet.«

Man trennt uns wieder voneinander. Jeder hat jetzt einen Einzeltermin mit einem Anwalt. Man parkt mich in einem kleinen Beratungszimmer mit einem Tisch und vier unbequemen Stühlen, wo ich mich mit unserem Hauptverteidiger Major Kelso Ogawa und unserem Zivilanwalt Brandon Shelley beraten soll. Brandon ist mein Onkel, der unseren Fall pro bono übernommen hat, weil er zur Familie gehört und weil er genauso stinksauer über die Koma-Tag-Vertuschung ist wie alle anderen.

Das Zimmer ist schalldicht, also ist von draußen nichts zu hören und es gibt keine Vorwarnung, dass die Tür sich öffnen wird. Ich zucke gewaltig zusammen, als sie es tut, aber es ist nur mein Onkel Brandon. Er eilt herein und knallt die Tür laut hinter sich zu. Das sagt mir, dass er zutiefst unzufrieden ist. »Na, das war ja eine grandiose Vorstellung, die du da abgegeben hast.«

Er ist eine imposante Erscheinung: groß und kräftig gebaut, was durch seinen teuren Anzug etwas verschleiert wird, und mittleren Alters. Seine gemischte Herkunft hat ihm buschige Augenbrauen und eine Hakennase beschert. Diese markanten Gesichtszüge verleihen Zuversicht, wenn man ihn auf seiner Seite weiß, und wirken irgendwie bedrohlich, wenn das nicht der Fall ist. Silber beginnt, sich in seinem ordentlich gestutzten, schwarzen Haar auszubreiten.

»Die Staatsanwältin …« Er unterbricht sich, weil er merkt, dass er sich versprochen hat. »Verdammt. Ich meine die Anklägerin«, berichtigt er sich, »hat einen Tobsuchtsanfall bekommen und um ehrlich zu sein, hat sie allen Grund dazu. Jimmy, du hast zugestimmt, die Verteidigung auf Grundlage von Zurechnungsfähigkeit vorzustellen …«

»Was ich getan habe.«

»Aber begleitet von voreingenommener Beeinflussung. Die Kreuzigung von Colonel Kendrick? Ernsthaft?«

»Das ist eine Metapher.«

»Jesus, Jimmy! Ich weiß wirklich nicht mehr, wer du eigentlich bist. Hier.« Er gibt mir ein Tablet, das er bei sich hat. Ich nehme es und tippe auf den Bildschirm, damit er zum Leben erwacht. Dann beuge ich mich darüber wie ein Süchtiger, der auf seinen nächsten Schuss wartet. Mein Onkel sagt zu mir: »Da ist ein Ordner mit deinem Namen.«

»Ich sehe ihn.« Aber der Ordner ist mir scheißegal. Ich will hinaus in die Cloud … oder das, was davon noch übrig ist.

»Beschäftige dich damit«, regt mein Onkel an. »Ich werde im Richterzimmer erwartet, wo ich mir die Beschwerden der Anklägerin darüber anhören darf, wie du dafür gesorgt hast, dass deine Mitangeklagten voreingenommen sind, und sie davon überzeugt hast, gegen ihr eigenes Interesse zu handeln.« Er streckt die Hand nach dem Türknauf aus.

»Warte mal! Die Netzwerkverbindung auf diesem Ding ist abgeschaltet.«

»Natürlich ist sie abgeschaltet. Du weißt, dass du keine Verbindung nach draußen haben darfst.«

Ich sehe finster zu ihm auf. »Ich weiß, dass ich aus meiner Zelle heraus keine Verbindung öffnen darf, aber die Leitung hat immer noch Zugriff.« Ich tippe an meinen Kopf. »Sie kontrollieren mich jeden Tag.«

Er sieht besorgt aus, als er mich fragt: »Wie meinst du das?«

Mein Overlay ist immer eingeschaltet. Alles, was ich sehe, wird von den Linsen in meinen Augen aufgezeichnet, und was ich höre, wird von winzigen Audioknospen, die in meine Ohren eingepflanzt sind, mitgeschnitten. Eine goldene Linie, die an meinem Kieferbogen entlang eintätowiert wurde, dient als Antenne, die mich mit der Cloud verbindet, wenn ich nicht gesperrt bin – und die Army darf die Aufzeichnungen behalten.

Ich sage meinem Onkel die Wahrheit. »Mindestens einmal am Tag öffnet die Leitung eine Verbindung zu meinem Overlay, um die Aufzeichnungen hochzuladen.«

Diese Aufzeichnungen werden … irgendwohin geschickt. Ich weiß nicht, wohin. An einen Filmemacher, der meine Erfahrungen editiert und sie mit anderen Aufzeichnungen vermischt, um Episoden einer Reality-Show zu erschaffen, die Vernetzte Kampfgruppe heißt und irgendwie sehr beliebt geworden ist.

»Du solltest keinerlei Anbindung haben«, beharrt mein Onkel. »Überhaupt keine. So habe ich das verstanden. Das ist Teil der Sicherheitsvereinbarung, denn die Leitung ist besorgt wegen eines Hack… Oh, scheiße.«

Wir starren uns an und haben denselben Gedanken.

»Sag nichts, Onkel Brandon. Bitte.«

Draußen in der Cloud läuft auf einer Million Servern – aber überwiegend ungesehen und nicht wahrnehmbar – eine KI, die sich verselbstständigt hat und die ich »das Rote« getauft habe. Niemand weiß so genau, wo das Rote herkam. Spekulationen zufolge begann es als Marketing-KI, die möglicherweise über einen Schlüssel verfügt, der ihr durch die Hintertür Zugang zu einfach allem verschafft. Angeblich wurde sie unter der Hand von einem amerikanischen Sicherheitsunternehmen entwickelt. Gibt man dem Roten nur genug Zeit, kann es überall hin und auf alles zugreifen, was mit der Cloud verbunden ist. Es hat sich in meinen Kopf gehackt – und den Handlungsstrang meines Lebens neu geschrieben. Deshalb bin ich hier.

»Jimmy, wenn das Rote …«

»Nein. Es spielt keine Rolle. Es tut mir nichts. Es schadet nichts und niemandem.«

Ich hätte das Hochladen nicht erwähnen dürfen. Also warum habe ich es getan? Wieso habe ich überhaupt davon angefangen? Das ist einer der Nachteile, seit ich von dem Roten heimgesucht werde. Ich hinterfrage meine eigenen Motive, selbst wenn ich weiß, dass es seit Monaten nicht in meinem Kopf aktiv gewesen ist. Das Hochladen ist nur ein automatisierter Prozess.

Nach außen hin bin ich ruhig, aber Adrenalin pumpt durch meine Adern, während ich die Decke mit den Augen absuche. »Hier drin gibt es keine Überwachung, richtig?«

»Das wäre eine Verletzung des Anwaltsgeheimnisses.«

»Dann sag nichts. Wenn die Leitung nichts davon weiß, dann werden sie auch die Aufzeichnung nicht ansehen, jedenfalls vorläufig nicht.«

»Das muss gemeldet werden …«

»Nein. Wenn die Leitung glaubt, dass es eine Infiltration gibt, werden sie mein Schädelnetz abschalten und mein Overlay auch.«

»Vielleicht bist du besser dran …«

»Ich werde nicht besser dran sein.«

Sein Blick ist scharf. Er hasst die Optionen, die ich ihm aufzwinge. »Ich muss los. Ich bin schon spät dran. Sieh dir den Inhalt des Ordners an. Wir reden darüber, wenn ich zurückkomme.«

Wieder streckt er die Hand nach der Tür aus.

Ich sage zu ihm: »Die Anklägerin hat recht.«

Er dreht sich wütend um. »Wovon zum Teufel redest du?«

»Sie hat recht, wenn sie sagt, dass wir unseren Interessen zuwiderhandeln, weil es hier nicht um uns geht. Das tut es niemals. Es geht um größere Dinge.«

»Weißt du, Jimmy, ich mochte dich mehr, als du noch ein zynischer Bursche warst. Dieser Scheiß als wahrer Gläubiger wird allmählich öde.«

Wir starren uns wütend an. Dann reißt er die Tür auf, geht hinaus und schließt sie mit einem Knall, der den Türrahmen beben lässt. Ich hoffe, dass er nichts sagen wird.

Etwas anderes dämmert mir: Wenn die Anklägerin etwas von einer Infiltration läuten hört, könnte sie einen Antrag stellen, mich für geistig unzurechnungsfähig erklären zu lassen, weil mein Kopf gehackt wurde – eine Diagnose, die man auf meine Truppe ausweiten könnte und die eine ausgezeichnete Ausrede wäre, um den Prozess fallen zu lassen und uns alle für immer in einer anonymen geschlossenen Anstalt verschwinden zu lassen. Amerikanischer Gulag. Jesus.

Aber mein Onkel ist schon viel zu lange Strafrechtsanwalt, wenn auch hauptsächlich für Wirtschaftskriminalität. Er weiß, wie man den Mund hält, und obwohl ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, ihn auf die Palme zu bringen, vertraue ich darauf, dass er meine Geheimnisse wahren wird.

Erneut betrachte ich das Tablet.

Es ist blickgesteuert mit einem Zehn-Zoll-Bildschirm, in dessen Ecke Datum und Zeit neben einem roten X – dem Symbol für Netzwerkisolation, Sperrung, keine Verbindungen erlaubt – angezeigt werden und in dessen Mitte sich genau ein Ordner mit dem Namen »Jimmy« befindet. Hinter diesem beinahe leeren Bildschirm könnten sich ganze Bibliotheken von Daten verstecken, aber ich werde niemals einen Zugang zu ihnen finden. Das Tablet weiß, wer es in der Hand hält, und dieser einsame Ordner ist das Einzige, was ich mir ansehen darf.

Ich blinzle den Ordner an, der sich öffnet. Darin sind vier Videos. Ihre Namen weisen drei davon als Nachrichtenbeiträge von Propagandastationen aus. Der vierte heißt: »Vernetzte Kampfgruppe – Episode 3 – Erstes Licht.« Als ich das lese, setzt ein weiterer Adrenalinschub ein. Die gute alte »Kampf oder Flucht«-Reaktion.

Wenn ich könnte, würde ich mich für Flucht entscheiden, aber ich kann nicht vor mir selbst wegrennen.

PTSS überkommt mich und meine Hände zittern. Ich mache mir Sorgen, ich könnte das Tablet fallen lassen, also lege ich es vorsichtig auf den Tisch. Ein Symbol leuchtet in der Ecke meines Sichtfelds auf und zeigt Aktivität des Schädelnetzes an, während die eingearbeitete KI automatisch das neurochemische Gleichgewicht meines Gehirns anpasst, meine Stimmung vorsichtig in ruhigere Gewässer steuert und meinen Emotionen die Schärfe nimmt.

Ich will die dritte Episode von Vernetzte Kampfgruppe nicht ansehen. Ich weiß bereits, was passieren wird, denn ich habe es durchlebt – und ich will nicht noch einmal sehen, wie Specialist Matt Ransom das Gehirn weggeblasen wird oder ein zweites Mal Colonel Kendricks langsamen, qualvollen Tod miterleben, oder das Entsetzen in der Stimme meiner Lissa hören, kurz bevor sie über dem Atlantik vom Feuer vernichtet wird. Ich höre Lissa schon oft genug in meinen Träumen.

Die Mission Erstes Licht war niemals in unserem eigenen Interesse. Nicht einmal ansatzweise.

Ich stehe auf und laufe auf und ab. Das gibt dem Schädelnetz Zeit, zu arbeiten. Meine Schritte verursachen ein leises, klickendes Geräusch, wenn meine Roboterfüße auf dem Boden aufsetzen. Meine echten Beine wurden weggesprengt. Die Army hat sie durch hochmoderne Prothesen ersetzt, die mit meinem Nervensystem verkabelt sind. Ich brauche nur vier kurze Schritte, um den Raum einmal zu durchmessen. Umdrehen, von vorne. Nach ein paar Runden setze ich mich wieder hin und sehe mir die Nachrichtenbeiträge an.

Der erste zeigt eine große Protestdemonstration in der National Mall, nur einen Block von dort entfernt, wo ich gerade sitze. Zwischen den Baumreihen, die gerade ausschlagen, weil Frühling ist, befinden sich Zehntausende skandierende Demonstranten. Ich setze mich etwas gerader hin und erinnere mich daran, wie sich das anfühlte, Teil einer solchen Menge zu sein – stärkend, berauschend –, und wie sicher ich mir gewesen war, dass etwas passieren musste, wenn doch so viele Leute eine Veränderung verlangen.

Schade, dass die Welt wesentlich komplizierter ist.

Die Worte, die gerufen werden, sind schwer zu verstehen, weil eine Mediotin darüber hinweg spricht und den Zuschauern sagt, was sie denken sollen. Doch die leuchtenden Banner über den Köpfen der Menge machen den Zweck der Demonstration deutlich:

SETZT LT. SHELLEY AUF FREIEN FUSS –AMERIKANISCHER HELDSETZT DAS APOKALYPSENKOMMANDOAUF FREIEN FUSSDIE MENSCHEN STEHEN HINTERDEM LÖWEN VOM SCHWARZEN KREUZ

Der Löwe vom Schwarzen Kreuz – das bin ich.

In den Stunden nachdem die Bomben am Koma-Tag explodiert waren, wurden weitere improvisierte Nuklearsprengfallen im Umkreis von mehreren Großstädten gefunden. Sie waren so gebaut, dass sie in die Luft gegangen wären, wenn man sich an ihnen zu schaffen gemacht hätte. Die einzige Möglichkeit, sie zu entschärfen, waren Codes, die vom Feind in einer unterirdischen Anlage, die noch aus dem Kalten Krieg stammte und das »Schwarze Kreuz« hieß, versteckt gehalten wurden. Meine Gruppe wurde losgeschickt, um diese Codes zu bergen. Es war die beschissene Hölle in einem Keller, aber es funktionierte. Hinterher verpassten die Medioten mir den Namen »Löwe vom Schwarzen Kreuz«. Ansonsten wäre es König David gewesen, weil Gott angeblich auf meiner Seite steht.

Erstes Licht änderte das.

In den Monaten, die seitdem vergangen sind, haben die Medioten alles gegeben, um uns als Verräter dastehen zu lassen. Es hat nicht so richtig funktioniert. Eine Menge Leute unterstützen das, was wir getan haben, aber ich habe nicht gewusst, dass wir eine derartige Leidenschaft entfacht haben, wie sie bei dieser Demonstration zu sehen ist.

Die Mediotin, die aus dem Off spricht, versucht, daraus etwas Hässliches zu machen. Sie spricht mit kritischem, verächtlichem Ton und informiert ihre Zuschauer, dass verantwortungsbewusste Leute ihrem Land helfen, indem sie zu Hause bleiben, ihrer Arbeit nachgehen und ihr Leben wiederaufbauen, während diese Demonstranten in die Hauptstadt gezogen sind, um Ärger zu machen und Unterstützung von der Regierung zu verlangen.

Viele von ihnen versuchen, ihre Forderungen anonym durchzusetzen. Mindestens zwanzig Prozent der Gesichter sind hinter Masken verborgen – und zwar nicht den billigen Überbleibseln von Halloween. Ich sehe kunstvolle Masken wie europäische Festivalmasken – nur diese bedecken das ganze Gesicht und statt Augenlöchern gibt es eine Aussparung, die es möglich macht, die Masken mit Sichtgeräten zu tragen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Verkleidung die Identität ihrer Träger verbergen kann – nicht angesichts gezielter Überwachung. Ein guter Infrarotscanner sollte in der Lage sein, durch die Masken hindurchzusehen. Doch vielleicht spielt das keine Rolle. Selbst wenn eine Behörde der Regierung die Anwesenheit der Leute hier festhält, ist das nur ein Bruchteil der Billionen von Datenfragmenten, die heute gesammelt werden. Das wirkliche Risiko für die meisten Menschen in der Menge dort ist, dass ihr Arbeitgeber sie erkennt – und das dürften die Masken verhindern.

Die anderen beiden Beiträge sind verschiedene Versionen derselben Begebenheit. Nachdem ich sie mir angesehen habe, betrachte ich nachdenklich das Symbol für Episode drei. Vernetzte Kampfgruppe ist das Produkt eines fähigen Filmemachers; einer, der weiß, wie man eine fesselnde, emotionale Geschichte erzählt. Gibt es in Episode drei einen Aspekt, der Menschen inspiriert und sie davon überzeugt hat, ihre Heimat und ihr Alltagsleben zu verlassen, um sich zu unserer Unterstützung zusammenzufinden?

Mein Onkel hat die dritte Episode beigefügt, weil er glaubt, ich solle ihren Inhalt sehen.

Ich wappne mich und öffne mit dem Symbol das Video.

Später, viel später, wird die Tür geöffnet. Ich spanne mich an, aber dieses Mal zucke ich nicht zusammen oder sehe auf. Ich sitze gebeugt über dem Tablet und halte es mit beiden Händen. Episode drei läuft immer noch und geistig bin ich nicht ganz im Raum anwesend. Ich bin wieder in der C-17. Wir haben gerade in der Luft aufgetankt. Die Gruppe jubelt.

»Zerstörte Stadt«, sagt mein Onkel grimmig. »Ausschalten und sperren.«

Er redet mit dem gottverfluchten Tablet, das auch noch auf ihn hört. Der Bildschirm wird dunkel. Ich umklammere das Tablet so fest, dass es beinahe zerbricht. »Scheißdreck!«, flüstere ich und bemühe mich, mein Temperament im Zaum zu halten, als unser Hauptverteidiger, Major Kelso Ogawa, als Nächster den Raum betritt.

»Den Rest davon musst du nicht sehen, Jimmy«, stellt mein Onkel fest.

Er hat recht. Ich muss es nicht sehen, weil es sich in meinem Kopf abspielt. Ich höre wieder den Funkruf von einem Söldner, den Carl Vanda angeheuert hat. Der Söldner sagt mir, ich solle ein Telefon einschalten, und ich tue es. Meine Lissa ruft mich an und lässt mich wissen, dass der Söldner sie entführt hat, um ein Druckmittel gegen mich in der Hand zu haben – aber der Plan ging nicht auf. Lissa ist jetzt tot. Genau wie der Söldner. Ich bin immer noch hier.

Mein Onkel geht um den Tisch herum und zieht den Stuhl neben mir nach hinten. »Ich wollte nur, dass du den großen Kurswechsel siehst, der in dieser Episode stattfindet.« Er setzt sich.

Ich zwinge mich dazu, das Tablet möglichst sanft auf den Tisch zu legen. Ich schiebe es zu ihm hinüber, als sei es eine geladene Pistole. »Wann ist die dritte Episode herausgekommen?«

Major Ogawa antwortet und setzt sich dabei auf einen Stuhl mir gegenüber. »Vorgestern Abend.«

Der Major ist fast fünfzig, hat asiatische und europäische Wurzeln und ein schmales Gesicht, das in Würde gealtert ist. Sein lockiges, braunes Haar beginnt zu ergrauen. Er beobachtet mich durch den durchsichtigen Reif seines Sichtgeräts, das leicht grau gefärbt ist. Es ist so dünn und das Grau so schwach, dass es beinahe vor seinen Augen zu schweben scheint. »Sie sehen verstört aus, Lieutenant. Werden Sie in der Lage sein, mit uns zu sprechen?«

Ich atme tief ein, drücke meinen Rücken durch und straffe meine Schultern. Lissa ist tot und ich kann sie nicht zurückbringen, aber wenn dieser Prozess so verläuft, wie ich hoffe, dann werden eine Menge Leute endlich für ihren Beitrag zu dem, was geschehen ist, bezahlen. Ich hoffe, Carl Vanda wird einer von ihnen sein. »Was ist bei der Richterin passiert?«

Mein Onkel antwortet: »Colonel Monteiro hat ihr Verständnis für die Bedenken der Prozessanwälte geäußert, sich aber geweigert, Ihren Fall von dem der Mannschaftsgrade zu trennen. Sie hat den Befehl, dieses Verfahren schnellstmöglich zum Abschluss zu bringen, und getrennte Fälle zu verhandeln, wäre diesem Ziel nicht dienlich. Außerdem kosten Prozesse Geld – und angesichts des weiterhin bestehenden Notstands glaube ich nicht, dass es ein Budget für einen gesonderten Prozess gibt.«

»Also machen wir weiter?«

»Wir haben eine vorläufige Vereinbarung«, erklärt Ogawa. »Nach dem jetzigen Stand ist die Militärverhandlung für Montag angesetzt.«

Montag.

Das ist ein Schock. Ogawa hatte davor gewarnt, dass es Monate dauern könnte, aber heute ist Freitag. Nur noch zwei Tage. Für mich ist das in Ordnung.

»Eine vorläufige Vereinbarung?«, frage ich ihn. »Was muss denn noch erarbeitet werden?«

»Die Anklagevertreter haben Richterin Monteiro darum gebeten, Schädelkappen zu verbieten, während das Gericht tagt. Die Begründung lautet, dass diese die Selbstbestimmung des Einzelnen beeinträchtigen.«

Ich möchte gerne glauben, dass er Witze macht, aber meine App FaceValue kann weder Humor noch Täuschung entdecken.

»Das ist nicht die Funktionsweise der Schädelkappen.«

»Monteiro zieht diesen Antrag in Betracht. Sie wird bis zum Ende des Tages darüber entscheiden. Ihrer fachmännischen Meinung als erfahrener VKG-Offizier nach, welchen Einfluss wird es auf den Fall haben, wenn die Richterin die Schädelkappen ausschließt – und Ihr Schädelnetz?«

Ich tippe mir gegen die Stirn. »Es gibt keinen Ausschaltknopf für mein Schädelnetz. Sie muss mich schon unters Messer schicken, wenn sie es ausschließen will. Und wenn sie die Schädelkappen ausschließt? Das wäre ein vorsätzlicher Versuch, meine Truppe zu schwächen. Dieser Schritt würde die geistige Gesundheit meiner Leute gefährden. Fragen Sie die Leitung.«

»Das habe ich. Man bereitet eine offizielle Antwort vor.«

»Die Leitung hat früher dafür gesorgt, dass wir unsere Schädelkappen abgaben, bevor wir in den Urlaub gingen. Das tut sie heute nicht mehr.«

»Also wollen Sie damit sagen, dass es für unseren Fall nachteilig wäre, wenn die Richterin gegen die Verwendung von Schädelkappen entscheidet?«

»Nein. Den Fall würde es überhaupt nicht betreffen, denn die Verwendung von Schädelkappen hat mit dem Fall nichts zu tun.«

»Aber Sie glauben, dass das Risiko eines geistigen Zusammenbruchs besteht …«

»Nein.« Ich denke noch etwas darüber nach. »Nicht sofort. Meine Soldaten werden trotzdem aussagen, aber wenn man die Schädelkappen entfernt, besteht für jeden Einzelnen das Risiko schwerer klinischer Depression.«

»Alles klar. Das ist mehr oder weniger das, was die Leitung sagte.«

»Mehr oder weniger?«

»Es gab Vorfälle mit … gewalttätigem Jähzorn bei Soldaten, denen man die Schädelkappe entzogen hatte.«

»Was reden Sie da für einen Scheiß?« Ich beuge mich vor und mustere ihn. Ist das derselbe Mist, von dem die Medioten so gerne quatschen?

»Es ist eine Sucht, nicht wahr?«, fragt Ogawa. »Je mehr man eine Schädelkappe verwendet, desto mehr braucht man sie. Der Geist vergisst, wie er sich selbst reguliert.«

»Was für Vorfälle mit gewalttätigem Jähzorn?«

»Das Übliche. Ermordete Familien, terrorisierte Wohnviertel, Herumballern in Einkaufszentren. Die Verbindung zu VKG-Soldaten wurde heruntergespielt.«

Ich starre auf den Tisch und will bestreiten, was er mir erzählt, aber in Wahrheit finde ich das nur allzu glaubwürdig. »Mit uns ist alles in Ordnung, solange wir die Schädelkappen haben.«

»Ich werde es der Richterin mitteilen. Die Army hat Sie süchtig gemacht. Es wäre eine unfaire Belastung, wenn man von Ihnen verlangt, ohne Ihre emotionale Prothese in einer Situation von entscheidender Bedeutung wie einer Militärgerichtsverhandlung zu funktionieren.«

Eine emotionale Prothese? Den Begriff habe ich noch nie gehört, aber ich kann nichts dagegen vorbringen. Mein Schädelnetz ist eine intelligente Hilfe, die die schlimmsten Extreme meiner Stimmungen entschärft, das Trauma meiner Erinnerungen mildert und mich so für die nächste Runde in Hochform hält.

»Also Sie glauben, wir werden weitermachen?«

»Auf jeden Fall«, bestätigt Ogawa. »Die Regierung will ein Urteil, bevor die Nachwirkungen von Episode drei die Chance haben, auszuufern.«

Ich sehe meinen Onkel an und dann wieder Ogawa. »Wieso hat man sie nicht einfach zurückgehalten? Die Mission Erstes Licht ist fünf Monate her. Wieso wird die Episode jetzt veröffentlicht?«

»Wieso wird sie überhaupt veröffentlicht?«, fragt mein Onkel. »Du kannst verdammt sicher sein, dass die Army und der Präsident absolut dagegen waren, aber jemand da draußen ist an deiner Geschichte interessiert – jemand, der auf deiner Seite steht.«

Seine Stichelei spielt auf das Rote an, weil er es in Major Ogawas Anwesenheit nicht direkt ansprechen kann.

»Du solltest dich glücklich schätzen«, fährt er fort. »Du wolltest, dass das ganze Land auf dieses Verfahren blickt. Ich könnte mir keinen besseren Weg vorstellen, das zu erreichen, als diesen Propagandafilm am Vorabend des Prozesses zu veröffentlichen.«

»Was da draußen vor sich geht, ist erst der Anfang«, versichert Ogawa mir. »Sie haben auf jeden Fall eine Mediensensation angestoßen. Ich bin beeindruckt.«

»Ich habe das nicht arrangiert.«

Ogawa sieht skeptisch aus. »Das haben wir der Richterin auch gesagt. Sie sind hier drin isoliert. Es gibt keine Möglichkeit, wie Sie an der Veröffentlichung von Erstes Licht mitgewirkt haben könnten.«

»Natürlich.« Ich wende mich an meinen Onkel. »Der Kurswechsel, den ich deiner Meinung nach sehen sollte. Du meintest das Rote. Dieses Mal ist es ein Teil der Sendung.«

Er bestätigt das mit einem Nicken. »Es wurde in Episode zwei nicht erwähnt. Es wurde niemals in der Öffentlichkeit diskutiert – bis jetzt.«

Das stimmt. In Episode eins wussten wir nicht einmal, dass das Rote existierte. Während der Geschehnisse in Episode zwei wussten wir davon, gaben ihm einen Namen und es wurde mir gegenüber angedeutet, dass andere Soldaten ebenfalls gehackt worden waren – aber nichts davon wurde ausgestrahlt. Jetzt, in Episode drei, hat die Geheimniskrämerei ein Ende. Rückblenden beschreiben ausführlich die Entdeckung des Roten und die Spekulationen über seinen Zweck: dass es Gelegenheiten und Zufälle im Leben einzelner Personen erschafft, die entweder alles aus der Bahn geraten lassen oder inspirieren. Keiner von uns ist dagegen gefeit. Thelma Sheridan spricht davon, Jaynie und ich streiten darüber und man argumentiert, der Nuklearterrorismus am Koma-Tag sei mehr als nur ein Aufstand gewesen … er habe darauf abgezielt, das Umfeld des Roten zu zerstören.

Doch diese Informationen liegen dem Gericht bereits vor. »Das wird doch nichts ändern, oder?«, frage ich die beiden. »Es wird keinen Einfluss auf den Fortgang des Prozesses haben?«

Jetzt ist Ogawa an der Reihe, mir zu antworten. »Gibt es einen Grund, anzunehmen, dass Ihre Entscheidungen bezüglich Ihrer Verteidigung gegen Ihren Willen von dem Roten als außenstehende Kraft beeinflusst wurden?«

Ich wende mich an meinen Onkel und will eine Bestätigung, dass er unser Geheimnis gewahrt hat. Er macht eine leichte Seitwärtsbewegung mit seinem Kopf: Ich habe nichts gesagt. Ich sehe Ogawa an. Er beobachtet mich scharf. Ich bin sicher, dass er sein Sichtgerät für seine eigene Anwendung zur Emotionsanalyse benutzt, die den Wahrheitsgehalt von allem misst, was ich vorbringe. »Meine Entscheidungen wurden nicht von Außenstehenden beeinflusst.«

»Die in der Vergangenheit liegenden vorherigen Übergriffe wurden dem Ankläger in der Offenlegungsphase vorgelegt«, informiert Ogawa mich. »Also kann man den früheren Einfluss des Roten nicht gegen Sie verwenden. Außerdem wurde der Dokumentation vor der Hauptverhandlung eine eidesstattliche Erklärung der Leitung beigefügt, in der versichert wird, dass Ihr Schädelnetz gesperrt ist.«

Ich nicke. Ich sage nichts.

»Sollte das nicht der Fall sein«, fährt Ogawa fort und sein Blick ist unverwandt auf mich gerichtet, »gebe ich Ihnen als Ihr Anwalt den dringenden Rat, das zu sagen.«

»Ja, Sir.«

Er wartet darauf, dass ich noch mehr sage. Als das nicht geschieht, nickt er. »Montag dann.«

Wir stehen alle auf, schütteln uns die Hände und dann folge ich ihnen zur Tür.

Mit meiner persönlichen Sicherheit wurden keine Zivilisten betraut. Die Army hat einen Vertrag mit dem Büro der US-Marshals geschlossen, sodass ein Spezialkommando der Militärpolizei das Apokalypsenkommando bewacht. Also warten zwei meiner üblichen Bewacher – Sergeant Kerry Omer und Specialist Darren Vitali – auf mich draußen im Flur vor dem winzigen Besprechungszimmer.

Es wird angenommen, dass wir eine Menge Feinde haben, also wird unsere Bewachung als gefährlicher Dienst eingestuft. Omer und Vitali sind entsprechend aufgetakelt und tragen Körperrüstung und die Titanknochen eines beweglichen Exoskeletts. Es ist dasselbe Modell, das wir bei den vernetzten Kampfgruppen verwenden und dem wir den Spitznamen »tote Schwestern« verpasst haben. Die grauen Streben führen an der Außenseite ihrer Beine und Arme entlang und ein Rückengestell verbindet diese miteinander. Unsere Bewacher tragen außerdem dieselben Helme, die wir verwenden, obwohl ihre Visiere immer durchsichtig bleiben, damit man ihre Gesichter problemlos sehen kann. Das Büro der US-Marshals gestattet ihnen, Kleinwaffen zu führen, aber keine Sturmgewehre, Granaten oder andere Sprengstoffe.

Beide salutieren, als wir den Flur betreten. Major Ogawa und ich erwidern die höfliche Geste.

Ich nicke meinem Onkel zu, salutiere vor dem Major und wende mich an Omer.

»Bereit, Sir?«, fragt sie.

»Bereit, Sergeant.« Ich strecke meine Arme aus, damit sie mir die Handschellen anlegen kann, die ich auf dem Weg zwischen dem Zellenblock und den Gerichtsräumlichkeiten tragen muss. Omer tut das schnell und professionell. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken.

Wir gehen gemeinsam los; zu beiden Seiten von mir geht jeweils ein MP. Unsere Route führt durch einen Flur mit eingeschränktem Zugang. Auf der einen Seite befinden sich die Büros der Bundesrichter und auf der anderen liegen die Gerichtssäle – vier allein auf diesem Flur. Sekretärinnen und Assistenten gehen uns aus dem Weg. Eine Frau taucht in ein Richterbüro ab. Als ich an der teilweise offen stehenden Tür vorbeigehe, erhasche ich einen Blick auf ein hohes Fenster auf der anderen Seite des Zimmers mit Ausblick auf den Reflecting Pool. Auf der linken Seite des Beckens steht umgeben von Bäumen in frischem Frühlingsgrün und dem rosafarbenen Hauch von Kirschblüten das Kapitol. Niemand befindet sich auf seinen Marmorstufen oder auf dem Rasen davor. Um das Grand Memorial schlendern keine Touristen herum, denn aus Sicherheitsgründen ist es verboten, das Gelände zu betreten. Doch auf der anderen Seite des Reflecting Pool, wo der weitläufige Rasen der National Mall beginnt, sehe ich in Echtzeit die sich drängenden Menschenmassen der Demonstranten, die ich vor einigen Minuten erst auf dem Video gesehen habe.

Die Tür schwingt zu und schließt sich. Wir gehen weiter bis ans Ende des Flurs, wo ein Aufzug offen steht und auf uns wartet. Wir gehen hinein, drehen uns, wie wir es beim Militär gelernt haben, auf dem Absatz herum und stehen mit den Gesichtern zur Tür. Omer berührt mit der Oberseite ihres linken Handgelenks eine Sensorplatte, die einen eingebetteten Chip ausliest. Nachdem ihre Identität bestätigt wurde, schließt sich die Tür.

Die Bundesrichter und ihre Angestellten benutzen diesen Aufzug, um zur Tiefgarage zu gelangen. Wir benutzen ihn, um den unterirdischen Gang zum Zellenblock des Gerichtsgebäudes zu erreichen.

Während der Aufzug nach unten fährt, sagt Omer leise: »Wir haben letzte Nacht Episode drei gesehen, Sir. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass viele von uns der Meinung sind, dass Sie das Richtige getan haben.«

»Lassen Sie das nicht Ihren kommandierenden Offizier hören, Sergeant.«

»Ja, Sir.«

Und lasst uns alle inständig hoffen, dass diese Unterhaltung nicht in Episode vier erscheint.

Wir erreichen das Untergeschoss. Die Tür öffnet sich.

»Funkloch«, meldet Specialist Vitali. »Der Wandler muss mal wieder ausgefallen sein.«

Das ist ein fortdauerndes Problem. Überall im Gebäude sollten sich Netzwerkknoten befinden, aber auf diesem Flur funktionieren die Knoten mindestens die Hälfte der Zeit, wenn wir hier durchkommen, nicht – und nach dem Koma-Tag erwartet auch niemand ernsthaft, dass es bald Ersatzteile geben wird. Über ein funktionierendes Netzwerk könnten Omer und Vitali grünes Licht von ihren Betreuern bekommen. Stattdessen müssen sie die Sicherheit des Flurs selbst überprüfen und bestätigen.

Also bleibe ich im Aufzug, während Vitali aussteigt, um sich den Flur anzusehen. Dafür ist mehr als nur ein schneller Blick nötig. Für Sicherheitsansprüche ist dieser Bereich äußerst schlecht gebaut. Quadratische Stützpfeiler ragen in den Flur hinein und unterbrechen die Eintönigkeit der Wände. Gleichzeitig bieten sie möglichen Angreifern Deckung. Omer hält den Aufzug auf, während Vitali sich davon überzeugt, dass die Personaltür zur Tiefgarage abgeschlossen ist, bevor er den Flur entlanggeht. Wir lauschen seinen leiser werdenden Schritten. Nach einigen Sekunden ruft er zu uns nach hinten: »Kontakt hergestellt. Alles sauber.«

Ich sehe Omer an. Mit einem Nicken erlaubt sie mir, weiterzugehen, und wir folgen Vitali in den Flur hinaus, gehen an der Personaltür vorbei und weiter bis zur Empfangstür für Gefangene. Direkt dahinter befindet sich die erste der grauen Stahltüren, die das Gefängnis sichern. Bolzen drehen sich, als wir näher kommen. Ein Alarm ertönt summend, die Türen schwingen auf und wir gehen hinein in einen sicheren Vorraum und warten. Die Türen hinter uns schließen und verriegeln sich und dann öffnet sich eine zweite Doppeltür vor uns. Auf der anderen Seite befinden sich Büros, Besprechungszimmer und ein Kontrollraum. Man sagte mir, dass ein Nebenflur zu einem Schlafsaal und einer Küche für die Wachen führt. Wir gehen weiter bis zu einer Kreuzung am Ende des Flurs, wo sich drei weitere Türen befinden. Jede führt zu jeweils einem von parallel angeordneten Zellenblöcken.

Eigentlich werden Gefangene, denen der Prozess gemacht wird, nur für eine Nacht im Gerichtsgebäude behalten. Angesichts des ausgerufenen Notstands wurden die meisten Gerichtsverhandlungen verschoben. Also befinden sich nur wenige Gefangene hier, weshalb die Army Zellenblock B anmieten konnte, die derzeitige Heimat des Apokalypsenkommandos. Die mittlere Tür summt und öffnet sich. Wir gehen hindurch in einen Flur, in dem sich Zellen mit Glasfronten befinden; sechs auf der einen Seite, fünf auf der anderen. Meine Zelle ist die erste rechts. Wir bleiben davor stehen. Vitali öffnet die Tür.

Meiner Zelle gegenüber befindet sich der Duschraum und daneben ist eine leere Zelle. Sergeant Nolan bewohnt die Zelle neben meiner, aber die Seitenwände sind aus Beton, sodass ich ihn nicht sehen kann – nicht, wenn ich mich in meiner eigenen Zelle befinde, und nicht von dort, wo ich gerade stehe. Ich kann niemanden aus meiner Gruppe sehen. Tuttle und Moon sollten in der Mitte des Zellenblocks untergebracht sein. Die Frauen müssten sich am Ende des Flurs befinden, aber ich habe keine Möglichkeit, zu erkennen, ob sie wirklich dort sind oder nicht. Ich würde einen Anwesenheitsappell ausrufen, aber Schalldämpfung verhindert, dass wir miteinander reden. Wir können mit jemandem sprechen, der vor der Zelle steht, sofern derjenige sich direkt vor der Glaswand aufhält.

»Sir«, sagt Omer. »Bitte drehen Sie sich zur Zellentür.«

Ich bewege mich nicht. »Sind alle hier?«, frage ich sie.

»Alle sind anwesend, Sir.«

In der drückenden Stille, in der jedes leise Quietschen und Stöhnen der Exoskelette der MPs schon Aufmerksamkeit erregt, ist es leicht, das Gegenteil anzunehmen. Ich weiß, wenn ich mich nicht selbst von der Anwesenheit meiner Gruppe überzeuge, wird der Zweifel den ganzen Abend an mir nagen. »Darf ich den Zellenblock abschreiten, Sergeant?«

Omer berät sich mit ihrem Betreuer. Dann sagt sie zu mir: »Sie dürfen nicht mit den Gefangen sprechen oder anderweitig mit ihnen interagieren, Sir.«

»Verstanden.«

»Sie dürfen bis zum Ende Zellenblocks und zurück gehen.«

Meine Handgelenke stecken immer noch vor meinem Körper in den Handschellen. Ich gehe an meiner Zelle vorbei. Nolan ist dort, wo er sein sollte. Er ist auf dem Boden und macht Liegestütze. Als ich vorbeigehe, sieht er auf und beobachtet mich mit angespanntem Blick. Tuttle ist in der nächsten Zelle und schläft. Direkt auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs ist Moons Zelle. Er sitzt im Schneidersitz auf seinem Bett und liest ein gedrucktes Buch. Als er mich bemerkt, sieht er erschrocken auf. Die nächsten Zellen auf beiden Seiten sind leer. Dann erreiche ich Jaynie. Sie sieht mich, steht vom Bett auf, wo sie gesessen hat, und kommt zur Glastrennwand. Ich will ihr sagen, dass wir Montag anfangen, aber ich kann mein Versprechen an Omer nicht brechen. Flynn kommt auch zur Trennwand, genau wie Harvey. Harvey sagt zu mir: »Niemand hat seine Meinung geändert, Sir.«

Ich nicke, drehe mich um, kehre zu meinen Bewachern zurück und strecke meine Arme in Omers Richtung, damit sie die Handschellen abnehmen kann. »Sergeant, würden Sie alle Gefangenen wissen lassen, dass der Beginn der Militärgerichtsverhandlung für Montag anberaumt ist?«

»Das werde ich tun, Sir.«

Die Handschellen werden entfernt und ich betrete meine Zelle. Vitali schließt die Tür hinter mir. Ich drehe mich um und beobachte durch die Glastrennwand, wie Omer außer Sicht verschwindet und den Zellenblock hinuntergeht, um meine Nachricht weiterzuleiten. Als sie zurückkommt, bleibt sie vor meiner Zelle stehen, sieht mich an und salutiert. Ich erwidere die Höflichkeitsgeste, und dann gehen sie und Vitali. Die Stahltür schließt sich hinter den beiden und ich bin allein.

Ich kann niemanden sehen und niemanden hören.

Das wird ein verdammt langes Wochenende.

Die Zelle ist einen Meter achtzig mal zwei Meter vierzig groß. Drei Wände bestehen aus solidem Beton und eine aus Glas. Sie ist eingerichtet mit einem schmalen Bett und einer Toiletten-Waschbecken-Kombination aus Aluminium in der hinteren Ecke. Die Mahlzeiten werden uns gebracht und wir essen alleine. Es gibt keinen Hofgang und keine Bibliothek, denn dies ist das Gefängnis eines Gerichtshauses, das für Aufenthalte von mehreren Stunden oder höchstens ein paar Tagen gedacht ist. Die MPs tun, was sie können, und bringen uns Bücher, wenn wir darum bitten. Wir halten uns in unseren Zellen fit.

Ich habe meine eigene, einzigartige Routine.

Die Entlüftung der Klimaanlage befindet sich in der Mitte der Betondecke. Sie ist ungefähr fünfzig Zentimeter im Quadrat. Die Bienenwabe aus gehärtetem Stahl ist dort mit Bolzen befestigt. Ich stelle mir vor, wie die Gefangenen, die vor mir hier waren, auf dem Bett lagen, zu der Entlüftung hinaufstarrten und sich fragten, ob es eine Fluchtmöglichkeit durch die Luftschächte gibt. Zum Teufel, das habe ich mich selbst auch schon gefragt, aber wenn ich hochspringe und meine Finger in das Stahlnetz einhake, versuche ich nicht, zu entkommen.

Es schmerzt wie die Hölle, wenn ich mich nur mit meinen Fingerspitzen festhalte, also lasse ich meine Roboterfüße so schnell ich nur kann zu dem Gitter hochschwingen und sie dort einrasten. Die Prothesen schmerzen ebenfalls – daher weiß ich, dass sie an Ort und Stelle sind –, aber das Schädelnetz hilft mir, den Schmerzpegel zu regulieren und ihn auf ein Mindestmaß zu beschränken.

Meine Titanzehen biegen sich mit sicherem Griff um das Stahlgitter. Meine Finger lassen los und langsam strecke ich meinen Körper, bis ich kopfüber wie eine Fledermaus hänge und auf die Tür zu dem leeren Duschraum auf der anderen Seite des Flurs starre. Ich verschränke meine Finger hinter meinem Kopf und biege meinen Körper wieder, bis meine Nase beinahe mein Hosenbein auf Höhe meiner mechanischen Knie berührt. Auf und nieder, auf und nieder, mache ich hängend meine Sit-ups, gefolgt von einer Seitwärts- und einer Rückwärtsroutine.

Wie immer bekomme ich Kopfschmerzen, also stoße ich mich mit den Füßen ab, mache einen halben Salto und lande mit einem dumpfen Aufprall auf dem Betonboden. Aerobicübungen folgen als Nächstes: intensive Einheiten von Rennen auf der Stelle, Hampelmänner und Liegestütze, bis ich nicht mehr kann. Dann gehe ich zu Tai-Chi oder Yoga über … alles, was mir einfällt, um meinen Körper – oder das, was davon noch übrig ist – davon abzuhalten, noch weiter zu verkümmern. Ich habe Befehle ausgeben lassen, dass die Gruppe mindestens sechzig Minuten am Tag Fitnessübungen machen soll, also halte ich mich an die Zeitvorgabe.

Ich gehe mit gutem Beispiel voran, obwohl mich niemand sehen kann. Es ist totlangweilig, aber das Schädelnetz hilft mir, nicht die Konzentration zu verlieren.

Morgen darf ich duschen.

Um 1900 bringt Vitali Abendessen: ein Nudelgericht aus der Mikrowelle mit Gemüse als Beilage. Ehrlich, es ist gar nicht mal schlecht. Es ist eins von einer Reihe Fertiggerichte, die von Vertragsunternehmen geliefert werden. Dasselbe haben wir auch in Fort Dassari und in D-FHEIT zu uns genommen. Ein Hauch von Heimat.

Während meiner Leerlaufzeit im Gefängnis habe ich an meiner Cyber-Integration gearbeitet. FaceValue gehört zu einem Softwarepaket meines neuen Overlays, das mir kurz vor der Mission Erstes Licht eingepflanzt wurde. Seitdem ist es mir zur Gewohnheit geworden, die Anwendung zu verwenden, um ein neutrales Bild des Gefühlszustands der Leute um mich herum zu bekommen. Wenn ich nicht von Menschen umgeben und allein in meiner Zelle bin, arbeite ich mit meinem Schädelnetz und übe mit ihm, um es noch besser in mein Overlay zu integrieren.

Ich benutze jetzt eine antrainierte Reaktion und konzentriere mich auf das Wort Lexikon. Das Schädelnetz fängt den Befehl auf und signalisiert meinem Overlay, das Programm zu starten. Das alles geschieht schneller, als ich es mit meinem Blick ausführen könnte. Ich lese eine Weile, alles Sachtexte.

Vor einigen Monaten habe ich versucht, einen Roman zu lesen, aber ich bin bei der romantischen Beziehung eingeknickt – mit so etwas kann ich momentan nicht umgehen –, und in einem Anfall von Jähzorn habe ich alle meine gespeicherten Romane gelöscht.

Manchmal ist es schwer, nicht durchzudrehen. Aber mein Schädelnetz macht es meistens erträglich. Und wenn es wirklich zu schwer wird, lege ich mich einfach auf mein Bett und denke Schlaf – und mein Schädelnetz setzt es um.

Ich schlafe vielleicht zwölf Stunden am Tag – ein Artikel in meinem Lexikon behauptet, das sei schlecht für die Gesundheit –, aber was soll’s, es ist besser als mit dem Kopf gegen die Betonwand zu rennen, bis ich blute.

Es wird Sonntag. Besuchstag. Wir dürfen einen Besucher pro Kopf empfangen, aber ich bin normalerweise der Einzige, der in ein Besprechungszimmer geführt wird. Mein Dad lebt in Manhattan. Den Zugverkehr zwischen New York und Washington wieder ins Rollen zu bringen, hatte Priorität nach dem Koma-Tag, also kann er sonntags morgens herkommen und mit dem Taxi zum Gerichtshof fahren. Er ist gut betucht, also ist es keine Belastung für ihn, die seit dem Koma künstlich aufgeblasenen Beförderungskosten zu bezahlen.

Für den Rest der Gruppe sieht das anders aus. Sowohl Jaynie als auch Flynn haben mit ihren Familien gebrochen. Nolan, Tuttle und Moon kommen alle aus dem Westen und somit sind ihre Familien zu weit weg, um für einen Wochenendbesuch vorbeizuschauen. Harveys Mom ist zwei Mal von Pittsburgh hergekommen, aber heute bin ich der Einzige, der den Zellenblock verlässt.

Der dienstälteste MP der Schicht, Sergeant Colton Haffey, stellt sich vor die Glastür meiner Zelle, und ich habe sofort ein schlechtes Gefühl. Er trägt keine Waffe und er ist nicht in seine tote Schwester geschnallt. Er trägt nicht einmal einen Helm, nur eine Audioschleife. Hinter ihm steht Private Dominic Pasco, der genauso wenig ausgerüstet ist.

»Was zur Hölle ist los?«, frage ich Haffey.

»Besondere Umstände, Sir.« Mein Overlay bestätigt die angespannte Nervosität, die ich in seinem Gesicht sehe. Ihm gefällt nicht, was hier vor sich geht. Er macht sich Sorgen. »Bitte kommen Sie zur Vorderseite der Zelle, Sir.«

Ich leiste dem Folge. Haffey schließt die Tür auf. »Ihre Handgelenke, Sir.«

Er legt mir Handschellen an.

»Welche besonderen Umstände?«, frage ich und stelle mir ein Todeskommando außerhalb des Zellenblocks vor.

Wieso mich nicht einfach in der Zelle erschießen?

Vielleicht soll es so aussehen, als sei ich durchgedreht und hätte versucht, zu entkommen.

»Sie haben Besuch, Sir.«

»Nicht mein Vater?«

»Nein, Sir.«

Die Stahltür des Zellenblocks öffnet sich summend. Auf der anderen Seite stehen zwei Männer in dunklen Anzügen. Ebenso dunkle Sichtgeräte verbergen ihre Augen. Ein weiterer Mann und eine Frau in ähnlicher Kleidung stehen ein Stück den Flur hinunter vor dem ersten Besprechungszimmer.

»Gehen Sie weiter«, fordert Haffey mich auf.

Einer der Anzugträger mischt sich ein. »Erst durchsuchen wir ihn.«

Haffey sieht mich mit entschuldigendem Blick an, aber er tritt beiseite. Der kleinere Anzugträger sagt zu mir: »Drehen Sie sich um, Lieutenant. Hände gegen die Wand.«

Ich tue es und er tastet mich ab. Natürlich findet er nichts. Der andere sucht mich mit einem Scanner ab. Dieser findet mein Schädelnetz, meine tätowierte Antenne, meine eingepflanzten Audioknospen, den ID-Chip an meinem Handgelenk und meine Titanbeine.

»Warum trägt er keine Fußfesseln?«, fragt der Kleinere.

Haffey antwortet: »Das gehört nicht zum Standard und der Lieutenant ist jederzeit absolut kooperativ.«

»Inakzeptabel. Ich will Fesseln an diesen Cyborg-Beinen, oder die Beine müssen abgenommen werden.«

»Nein, Sir!«, versetzt Haffey. »Ich werde nicht zulassen, dass Sie die Würde eines Army-Offiziers verletzen.«

»Fesseln Sie mich an den Scheißstuhl«, schlage ich vor.

Der Anzugträger nickt, und ich werde in das Besprechungszimmer geführt. Der Tisch ist entfernt worden. Es gibt nur einen Stuhl, der in einer Ecke weit entfernt von der Tür steht.

»Hinsetzen«, befiehlt der Anzugträger.

Sie lassen Haffey meine Knöchel an den Stuhlbeinen festbinden. Wahrscheinlich haben sie Angst, dass ich ihnen, wenn sie es selbst tun, die Visagen eintrete. Haffey bringt seine Aufgabe zu Ende und steht dann mit dem Gesicht zur Tür neben mir. Einer der Anzugträger bezieht Stellung neben der Tür, der andere stellt sich mitten im Zimmer auf.

Wir warten schweigend beinahe drei Minuten. Währenddessen spiele ich alle Möglichkeiten im Kopf durch. Als die Tür sich öffnet und der Präsident hereinkommt, bin ich nicht einmal überrascht.

Die Tür schließt sich hinter ihm, nachdem er ein paar Schritte ins Zimmer gemacht hat.

Wie die meisten erfolgreichen Politiker ist er ein großer Mann – etwa eins zweiundneunzig. Er ist schlank und sieht in seinem dunklen Anzug gut aus, aber in seinem kräftigen, welligen Haar ist weit mehr Silber als an dem Tag vor zweieinhalb Jahren, als er gewählt wurde.

Ich habe ihn schon einmal zuvor getroffen – in der Nacht, nachdem man uns aus dem Schwarzen Kreuz evakuiert hatte.

Sein Ausdruck ist ernst, während er vor mir steht und mich mit seinen dunklen, lateinamerikanischen Augen mustert. Er spricht mit dem gleichmäßigen, beruhigenden Tonfall seiner markanten Stimme, die Komiker immer wieder versuchen zu imitieren, aber nie ganz hinbekommen: »Man sagte mir, dass alles, was Sie sehen oder hören, aufgezeichnet wird, Lieutenant Shelley.«

»Das ist korrekt, Sir.«

Seine Kinnlade fällt herunter und ein Hauch von Zorn mischt sich in seine Stimme. »Dann soll das hier für die Nachwelt aufgezeichnet werden. Wenn es nach mir ginge, Lieutenant Shelley, würden Sie erhängt werden. Heute Nacht noch. Ihre Heldentaten beim Schwarzen Kreuz können nicht entschuldigen, was Sie getan haben. Inmitten eines Notstands, wie ihn dieses Land noch nicht erlebt hat, kommt es Ihnen in den Sinn, einen Schlag mitten ins Herz unserer Bürger zu führen, der ihr Vertrauen in die Regierung und zahllose engagierte Personen, die jeden Tag danach streben, unsere Zukunft zurückzugewinnen, erschüttert und untergräbt. Ich würde Sie hängen lassen, Lieutenant. Aber ich habe einen Eid geschworen, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu bewahren, zu schützen und zu verteidigen. Ich respektiere unser amerikanisches Rechtssystem und ich vertraue darauf, dass dieses System Sie schuldig sprechen wird, denn das muss es. Und das wird es.«

Seine Empörung ist so kalt und echt, dass ich geschockt bin. In dem Moment weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass die Verschwörung zum Schutz von Thelma Sheridan bis nach ganz oben reicht. Ich will ihm sagen, dass ich weiß, er ist ein Teil davon, dass ich mich darauf freue, ihn zu Fall zu bringen, aber Colonel Kendricks Geist ist in meinem Kopf und warnt mich, ich solle mein Klugscheißermaul halten. Also sage ich nichts.

Es spielt ohnehin keine Rolle, denn die Show ist vorbei. Der Präsident macht eine Geste in Richtung des Anzugträgers, der mitten im Raum steht, und mein Overlay schaltet ab. Die Symbole, die durchsichtig am unteren Ende meines Sichtbereichs schweben, verschwinden und es bleibt nur ein stecknadelkopfgroßes rotes Licht unten links zurück, das die Existenz des Overlays anzeigt.

Von diesem Moment an wird niemand draußen jemals erfahren, was hier drin geschieht.

Mein Blick wandert von dem winzigen roten Licht zur Tür. Ich bin sicher, sie wird sich öffnen und die Elitesoldaten, aus denen die persönliche Armee des Präsidenten besteht, hereinlassen. Ich frage mich, ob sie Haffey auch töten werden, und gehe davon aus, dass das der Fall sein wird. Sie werden ihm wahrscheinlich die Schuld für den Mord an mir in die Schuhe schieben. Ich warte auf den Tod, eine Sekunde und noch eine, doch die Tür bleibt geschlossen.

Ich sehe wieder den Präsidenten an und beginne, zu begreifen, dass er ein wesentlich komplexeres Spiel spielt, als ich es gewohnt bin.

»Sergeant Haffey«, sagt er.

»Ja, Sir!«

»Würden Sie bitte den Raum verlassen?«

Ich kann beinahe hören, wie Haffey schwitzt. »Sir, meine Befehle lauten, jederzeit bei dem Gefangenen zu bleiben.«

»Ich setze diese Befehle außer Kraft, Sergeant. Raus.«

»Ja, Sir.«

Mein Blick ruht unverwandt auf dem Präsidenten, bis Haffey das Zimmer durchquert hat. Jemand im Flur öffnet ihm die Tür. Als sie sich wieder schließt, spricht der Präsident. »Man hat Sie getäuscht, Lieutenant Shelley. Man hat Ihnen falsche Informationen gegeben. Wie ich höre, glaubten Sie, Sie würden einer abstrakten Gerechtigkeit folgen, als Sie dabei halfen, eine amerikanische Staatsbürgerin zu entführen. Aber Sie kannten nicht alle Tatsachen und Sie verstehen die Auswirkungen nicht. Im Interesse des Landes bitte ich Sie, der Sache ein Ende zu bereiten.«

»Das ist nicht möglich, Sir. Es geht um ein Kapitalverbrechen. Auch wenn ich es wollte, darf ich mich nicht ›schuldig‹ bekennen.«

»Das ist mir klar«, knurrt er und lässt mich wissen, dass er kein Idiot ist. »Ich bitte Sie, sich zurückzuhalten und auf eine Einrede zu verzichten. Machen Sie Ihre Aussage, wenn es sein muss – das nehme ich Ihnen nicht übel –, sagen Sie uns, wie Sie sich genötigt sahen, zu tun, was Sie getan haben, und dann sagen Sie uns, dass es ein Fehler war! Stürzen Sie sich in Ihr Schwert. Akzeptieren Sie die Anklagen, die gegen Sie erhoben wurden, ohne den Umfang der Beweisführung zu erweitern, und wenn man Sie für schuldig befindet und verurteilt, werde ich eine Begnadigung aussprechen – und das Land kann anfangen, zu heilen.«

Colonel Kendrick hat ihn einmal einen Performancekünstler genannt. Das muss stimmen, denn ich glaube ihm. Ich glaube, dass er von Herzen spricht, dass er bei allem, was er getan hat, nur das Beste für das Land im Kopf hatte, und wenn ich das tue, worum er mich bittet, wird er Wort halten.

»Ich bin hier nicht der Einzige, der vor Gericht steht, Sir«, erinnere ich ihn.

Seine Augen ziehen sich zusammen. »Ihre Truppe wird das tun, was Sie ihnen sagen.«

Er ist davon mehr überzeugt als ich.

Es spielt keine Rolle.

»Ich kann Ihr Angebot nicht annehmen, Sir.«

Ich will nicht sterben. Jaynie glaubt tief in ihrem Inneren, dass ich mir eine Kugel in den Kopf jagen würde, wenn ich nur könnte. Das ist nicht das, was ich will, und ich will für niemanden ein Märtyrer sein – aber ich werde auch nicht klein beigeben. Matt Ransom ist für die Gerechtigkeit gestorben und dafür, dass Thelma Sheridan für ihre Beteiligung an dem Aufstand vom Koma-Tag zur Rechenschaft gezogen wird. Steven Kendrick ist aus demselben Grund gestorben. Und das hier ist noch nicht vorbei.

»Wir taten das, was wir getan haben, weil die Republik gekapert wurde, wegen des Ausverkaufs der Gerechtigkeit …«

»Kommen Sie mir nicht mit Ihren Patriotenspielchen, Shelley. Sie und ich wissen, dass die Welt kompliziert ist und die Philosophien des achtzehnten Jahrhunderts nicht länger funktionieren.«

»Wem dienen Sie noch gleich, Sir?«

»Vorsicht, Lieutenant. Ich bin Ihr oberster Kommandant. Ich halte Ihr Leben in meinen Händen. Ihr Leben und das Ihrer Gefährten. Wie Sie mich so voreilig erinnerten, geht es hier um Kapitalverbrechen. Sie müssen sehr vorsichtig abwägen, wofür Sie sterben wollen.«

Ich habe bereits eine Menge Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken. »Ich bin mit Haut und Haaren dabei, Sir. Es gibt keinen anderen Weg außer vorwärts. Wie steht es mit Ihnen?«

Er antwortet nicht. Er starrt mich einfach für ungefähr eine halbe Minute an. Dann dreht er sich um und geht zur Tür. Sie öffnet sich für ihn und er geht ohne ein weiteres Wort hinaus. Die beiden Anzugträger folgen ihm.