The Age of Less - David Bosshart - ebook

The Age of Less ebook

David Bosshart

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Opis

Das Zeitalter des Zahlenwachstums geht zu Ende. Die Logik des Immer-Mehr hat abgewirtschaftet. Uns allen ist klar: Wir müssen die wirtschaftlichen Verhältnisse substanziell verändern, wenn wir morgen unseren Wohlstand halten wollen. Noch suchen wir einen Ausweg aus der selbst verschuldeten Unvernunft, die eine Krise nach der anderen auslost. David Bosshart fordert: umsteigen statt aussteigen. In das "Age of Less", ein Zeitalter des Immer-Weniger, das uns aber gleichzeitig Aktionsraume für ein neues, robusteres Wachstum bietet. Der Leiter des weltweit renommierten Gottlieb-Duttweiler-Instituts bringt die dafür notwendigen Rahmenbedingungen messerscharf auf den Punkt: die entscheidenden Zukunftstrends aus Wirtschaft , Gesellschaft , Konsum und Arbeit, die neuen Lebensstile, die uns prägen werden, und die Revolution von Social Media und Internet, die unsere Welt radikal verändern wird.

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David Bosshart

The Age of Less

Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt

Inhalt

Einleitung: Vor uns die guten Jahre

Zehn Thesen für das Age of Less

1. WAS UNS BEVORSTEHT

Das Ende des Zahlenwachstums

Xiaokang oder Vom exponentiellen zum asymptotischen Denken

Der Weg zur Extremophilie

Die Freuden der Ebene

Zehn unangenehme Wahrheiten des Age of Less

2. WIE WIR DAMIT UMGEHEN

Das Mehr im Weniger

The Wealth of Networks

»Slow is beautiful«

Eine neue Shoppingkultur

Zehn To-dos für das Age of Less

3. WIE UNTERNEHMEN SICH POSITIONIEREN KÖNNEN

Nachhaltiges Vertrauen

»Small is beautiful«

Sozialkapitalismus

Sieben Typen, die das Age of Less prägen

Nachwort: Das Tempo des Wandels

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Impressum

Einleitung: Vor uns die guten Jahre

Wir haben in der westlichen Welt keine sieben fetten Jahre hinter uns wie jener Pharao, von dem die Bibel erzählt, sondern sechs fette Jahrzehnte. Mit supererfolgreichen Staaten: Sie garantierten Sicherheit und Stabilität für die Bürger. Mit supererfolgreicher Wirtschaft: Sie garantierte Produktivität und Wachstum. Mit supererfolgreichen Sozialsystemen: Sie haben auch den unteren und vor allem den mittleren Schichten eine schnelle Integration erlaubt. Wir sind alle Hedonisten verschiedenster Schattierungen geworden, der Konsum hat uns viele Glücksmomente beschert, auf die niemand mehr ernsthaft verzichten will. Wir haben uns die Erde untertan gemacht und uns in unserem Erfolg gesonnt.

Und genau dieser Erfolg der letzten 60 Jahre ist derzeit unsere größte Herausforderung. Erfolg macht blind – »nothing fails like success«. Wir haben uns in der falschen Sicherheit gewiegt, dass alles immer so weitergeht. Mit ein paar konjunkturellen Einbrüchen dazwischen, aber das gehört dazu; danach geht es wieder im alten Stil aufwärts. Wir können uns, vom jahrzehntelangen Erfolg verwöhnt, eine Zukunft gar nicht mehr wirklich anders vorstellen als eine Fortführung der jetzigen Welt.

Die Fortführung seiner bisherigen Welt, das war es, was dem Pharao gelang. Er hatte von seinem Traumdeuter Joseph rechtzeitig erfahren, dass auf die sieben fetten Jahre sieben magere folgen würden, und konnte Vorsorge treffen, um sein Ägypten über die harten Zeiten hinüberzuretten. Für eine Gesellschaft, die ihr Bestehen in Jahrtausenden misst, war das zweifelsohne eine kluge Strategie.

Für uns wäre sie unklug. Mit dem Bunkern von Konservendosen oder Goldbarren lässt sich eine Konjunkturkrise oder ein Bürgerkrieg überstehen, aber keine Zeitenwende gestalten. Und genau das ist unsere große Herausforderung. Unser Erfolg wurde mit »alt, weiß, männlich, satt« erarbeitet: ein einfaches, klares Weltbild, klare Feindbilder, klare politische Trennlinien – »wir da oben, ihr da unten«. Doch heute bekommen wir es mit »jung, asiatisch, weiblich, hungrig« zu tun, und das in einer hypervernetzten globalen Welt. Es wird für uns kein »Weiterso« geben, sondern nur ein »Andersweiter«. Dafür werden wir lernen müssen, zu verstehen, zu teilen, zu umsorgen.

Die Zukunft ist offen und in unserer Hand. Es gibt genügend Möglichkeiten, sie zu meistern und lebbar zu machen. Kraft, Wissen und Instrumente sind vorhanden. Der Wille und die Moral werden wohl entscheidend dafür sein, ob wir eine »Lose-lose«-Welt erleben oder ob wir es schaffen, eine global tragfähige »Win-win«-Situation zu entwickeln. Auf fette Jahre würden wir auch dann vergeblich warten – aber gute Jahre können wir erreichen. Dieses Buch soll einen Beitrag dazu leisten.

Zehn Thesen für das Age of Less

1. »Deleveraged Lifestyles« – Auf dem Weg zu einer vernünftigen Erwartungshaltung

Wir haben eine Welt der illusionären Erwartungen an unser Leben, an die Wirtschaft, an die Menschen geschaffen, die nur in immer größere Enttäuschungen münden können. Politiker, die gewählt werden wollen, müssen Versprechungen abgeben, die sie niemals erfüllen können. Manager, die einen hoch dotierten Job annehmen, müssen Versprechungen abgeben, die sie niemals erfüllen können. Marken geben Versprechungen ab, die sie niemals erfüllen können. Paare, die heiraten, versprechen sich ewige Liebe, die niemals realistisch ist und schon die baldige Scheidung erahnen lässt. Wir haben im Sog der Industrie- und Dienstleistungswelt der letzten 60 Jahre hochgezüchtete Superstrukturen aufgebaut, die wir nicht mehr unterhalten können. Sie sind morbid geworden. Unbezahlbar. Ein häufig, allerdings polemisch gebrauchtes Wort dafür ist »Anspruchsmentalität« oder auch »Anspruchsinflation«. Andere sprechen von der »Vollkaskomentalität«.

Die Wirtschaft ist heute ausgesprochen oder unausgesprochen weitgehend angstgetrieben: Angst vor Versagen, Angst vor Jobverlust, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Überschuldung, Angst vor Image- oder Reputationsverlust, Angst, vom Bildschirm der Kunden zu verschwinden. Angst vor dem Abstieg. Und wir begegnen dieser Entwicklung mit forciertem »Mehr vom selben«, rennen also immer schneller vor der Realität davon und verschieben alles in die Zukunft.

Jedoch: Lohnt es sich, in einer Wirtschaft zu leben, in der immer weniger Menschen realistische Erwartungen haben? Der große Vorteil in der vormodernen Wirtschaft war, dass die Erwartungen erfüllt werden konnten. Die Bedürfnisse – Haus und Herd, genügend zu essen, etwas zu tun, gewisse Sicherheiten – ließen sich mit menschlichen Anstrengungen auch weitgehend befriedigen (David Blaney und Naeem Inayatullah führen das in Wilde Wirtschaft beziehungsweise Savage Economics aus). Wir hingegen haben die persönlichen Erwartungen genauso exponentiell nach oben geschoben wie die Erwartung an das Wirtschaftswachstum oder an die Politik.

Das mag für eine Welt noch durchgehen, in der es klare (Befehls-)Hierarchien und einige happy few – die wenigen Glücklichen – gibt. Aber nicht für eine Welt des (demokratischen oder autoritär herbeibefohlenen) Massenwohlstandes, in der die Erwartungen der großen Masse nach immer mehr Premiumisierung geweckt werden. »Even if you’re not rich, you can fake it« war vielleicht das wichtigste Motto der letzten Jahrzehnte, wunderbar und repräsentativ dargestellt in den Untersuchungen von Michael Silverstein und Neil Fiske: Trading up: The New American Luxury (2003). Denn das »Trading up« war auch – in der zeitgeistgemäßen Sprache der Finanzmärkte ein – sogenanntes »Leveraging« (wörtlich »aushebeln«) von Erwartungen, und wer nun endlich einen BMW fuhr, Starbucks-Kaffee trank oder ein Boss-T-Shirt trug, war fake rich – gefälscht reich. Vielleicht kein Zufall: Das kann man nur englisch beziehungsweise amerikanisch ausdrücken. Das Motto erinnert sehr stark an die Finanzmärkte: If you don’t make it, just fake it. Doch damit ist heute Schluss. Wir leben nur noch mit fake nostalgia – und den Schuldenbergen. Es gibt kein Zurück. Die schlechten alten Zeiten sehen wir nicht wieder. Und das ist gut so.

Ob diesen inszenierten Welten ging das Gefühl für die Realitäten und der Sinn für das Machbare verloren. Das Argument der Wachstumstechnokraten »Aber wir haben es doch noch nie so gut gehabt wie heute!« zeugt von wenig historischem Verständnis. Nur eine Wirtschaft, nur eine Politik, in der die Menschen realistische Hoffnungen haben, die auch erfüllt werden können, kann nachhaltig funktionieren. Heute lügen sich Führungspersonen in die eigenen Taschen und produzieren Massenenttäuschungen und -wut. Oder Gleichgültigkeit. Und der Graben wird größer.

Analog zu den papierenen Illusionen und Blasenbildungen der Finanzmärkte müssen wir heute – dürfen wir heute – festhalten: Wir brauchen eine »Deleveraging« der Erwartungen – die Hebelwirkung funktioniert nicht mehr. Die Erwartungen müssen auf ein menschengerechtes Maß gebracht werden, denn nur so können permanente Enttäuschung, eine höhere Dosis an Disstress und Katastrophenstimmung in der westlichen Welt vermieden werden. Nur so kann die gesellschaftliche Realität davor bewahrt werden, ins Gegenteil zu kippen. Und das beginnt bei den Beziehungen und den Social Networks. Der Beziehungsaufbau ist ein Schlüssel. Selbst das Marketing hat heute gelernt, dass die bloße Technisierung und der eigene Vorteil keine Strategie sein können (siehe etwa Gary Vaynerchuk, The Thank You Economy).Wir sind, so die halbernste Feststellung von Pamela Haag, schon fast im »postromantischen Zeitalter« angelangt, in dem die »workhorse wives, royal children and undersexed spouses« zu dominieren drohen. Es ist eine »Get Out of My Life But First Can You Drive Me and Cheryl to the Mall«-Mentalität. Etwas weniger »semi-happy« oder lauwarm glücklich, etwas weniger »low-conflict« oder konfliktscheu, und dafür die Glückspotenziale heben. Was wäre eine Welt ohne Romantik und ohne menschliche Sehnsüchte?

2. Vom Ich zum Wir – Die Transformation von der Ich-AG zu gegenseitigen Support-Systemen

Wir lernen langsam, was es heißt, in einer immer vernetzteren Welt zu leben, in der die gegenseitigen Abhängigkeiten kontinuierlich zunehmen. Wir können uns nicht mehr entziehen. Wir sind alle Teil der gleichen Welt. Abhauen auf eine einsame Insel ist keine Option mehr, und sei es nur eine Steuerinsel. Wir müssen das Verhältnis zu uns selbst neu definieren. Das Ich existiert in der vernetzten Welt nur noch in Bezug auf ein Wir, und das Wir ist vorgelagert. Anders gesagt: In einer vernetzten Welt schlägt die Tat sozusagen unmittelbar auf den Täter zurück, wie es sinngemäß Peter Sloterdijk formulierte. Das gilt für den Egoismus von Nationen genauso wie für den Egoismus von Individuen oder Organisationen, die vergessen wollen, dass sie immer in einen Kontext eingebettet sind, von und mit dem sie zu leben haben – nicht gegen ihn. Caring and sharing (Wir und ich) gewinnt die Oberhand gegen drilling and killing (ich gegen die anderen). Im Mai 2000 prägte Peter Wippermann auf dem Deutschen Trendtag den Begriff »Ich-AG«; er passte in die narzisstische Zeit der New Economy hervorragend und beeinflusste in den folgenden Jahren auch die deutsche Politik. Im Age of Less ergibt er keinen Sinn mehr.

Doch die Verwirklichung setzt auch eine Perspektive voraus, in der alle Teilnehmer zu Gewinnern werden können. Während wir in der Vergangenheit steigende soziale Ungleichheiten zwischen den Nationen in Kauf nehmen mussten (oder auch wollten), so nehmen diese heute mit der Globalisierung tendenziell ab. Das wäre keine schlechte Nachricht. Jedoch steigen gleichzeitig die Ungleichheiten innerhalb der Nationen (siehe Glenn Firebaugh, The New Geography of Global Income Inequality). Eine forcierte Migration schafft hier kaum Linderung, sie verschiebt nur die Probleme. Wo wir früher eine schön geografisch sortierte und hierarchische Erste, Zweite und Dritte Welt hatten, entwickelte sich mit der Globalisierung eine entsprechende soziale Sortierung innerhalb der Nationen. Sobald die alte Erste Welt nicht mehr die Führung innehat und die Spielregeln bestimmen kann (wie seit 1975 im Herrenclub G6 beziehungsweise G7 beziehungsweise G8), die »Emerging Nations« dazukommen und langsam aufholen (vor allem die BRIC-Staaten) und schon die nächste Aufholrunde sich bemerkbar macht (die sogenannten »next 11«, zu denen Länder wie Mexiko, Vietnam oder Ägypten gehören), ergibt sich eine gänzlich neue Machtallokation. Gemäß den Daten des Internationalen Währungsfonds entfielen auf die entwickelten Nationen im Jahr 2000 rund 63 Prozent der globalen Produktion (BIP), 2010 ist dieser Anteil schon auf 53 Prozent abgesackt – also praktisch im freien Fall. Das zeigt schon, welche Revolution im Gange ist. Indexiert man die Entwicklung und setzt das jeweilige BIP des Jahres 2000 auf 100, so steht im Jahr 2010 die Euro-Zone bei 104, die USA bei 105, Brasilien bei 125, Indien bei 147 und China bei 169. Der reale Abstand mag noch hoch sein, doch wer aufholt, ist immer motivierter und macht damit Energien frei, die zu einer höheren Durchsetzungskraft führen.

Die immer noch vorhandenen alten Nationalstaaten des Westens wie Deutschland, Frankreich oder Japan sehen sich einer sich globalisierenden Wirtschaft gegenüber, die sie nicht mehr in alter Manier mitsteuern können. Neue Akteure treten auf und nehmen an Bedeutung zu, neben den Emerging Nations auch supranationale und parastaatliche Organisationen, Online-Aktivisten und Communitys, NGOs. Diese werden zwar niemals die gleiche Bedeutung wie die Nationalstaaten erlangen, aber sie bringen neue Themen und Konflikte ins Spiel. Befehlen kann man da gar nicht mehr, es geht primär darum, Konfliktpotenziale zu entschärfen und neue Gleichgewichte zu finden. Mehr Gleichgewicht, weniger Gefälle, sowohl zwischen als auch innerhalb der Nationen: Eine moderate Konvergenz scheint unvermeidlich. Und dazu können ergänzende, vermittelnde Netzwerkakteure wie die erwähnten einen wichtigen Beitrag leisten.

Innerhalb heißt dabei, dass es keine Abschottungen und Verfestigung von Verhältnissen und damit Ausgeschlossene geben sollte. Wenn in Deutschland gemäß Renate Köcher vom Institut für Demoskopie in Allensbach rund 20 Prozent der Bevölkerung Gefahr laufen, zu einer sich »verfestigenden Unterschicht« zu gehören und da stecken zu bleiben, ist das keine Perspektive. Durchlässigkeit zu schaffen ist unerlässlich. Wie öde und langweilig sich zum Beispiel Städte und Agglomerationen entwickeln, in denen strikt nach Einkommens- oder Vermögensklassen segmentierte und überwachte Wohnghettos (gated communities) entstehen, haben wir in den letzten Jahren erlebt. In den 1990er Jahren sprach man bei solchen Projekten noch von »Brazilification« oder »Südafrikanisierung«, doch diese Welle hat längst die reichen westlichen Nationen erreicht und ist dabei, sich hier zu etablieren.

Zwischen den Nationen sehen wir zurzeit das Schicksal Griechenlands innerhalb der Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Währungsunion als Testfall für die kommenden Jahre. Griechenland mag als klein und unbedeutend abgetan werden, wie das viele Politiker und Ökonomen gerne tun. Aber auch Lehman Brothers war im Verhältnis eine kleine Investmentbank und hat trotzdem die Weltwirtschaft an den Rand des Kollapses geführt. Wie wir mit dem kleinen Staat umgehen, zeigt auf, ob wir in der Lage sind, überhaupt noch Handlungsfähigkeit zu generieren. Es geht also nicht in erster Linie darum, einen Kahlschlag zu realisieren oder radikale Abbauprogramme zu initiieren (das haben wir im sogenannten Neoliberalismus zur Genüge und mit großem Misserfolg getan), sondern um eine neue Sichtweise, wie die Dinge in der vernetzten Welt funktionieren. Denn wir müssen gemeinsam lernen, Verantwortung zu tragen – wenn wir den Willen haben zu überleben. Abhauen können wir nicht mehr. Die Welt ist durchmessen und durchforstet. Sogar die Maps von Google sind zwar flexibel und rearrangierbar, aber nicht neu erfindbar. Der Erfolg des Ichs definiert sich über die erfolgreiche Beziehung zum Wir. Und das geht nur über Support-Systeme, die sich gegenseitig stützen und nicht den Kollaps des einen zum Gewinn des anderen machen.

3. Redesign als Reevaluation der Größe

»Mehr vom selben«, Extrapolation und Linearität weichen der asymptotischen Entwicklung. Das heißt: Wir können nicht mehr undifferenziert alles der Größe, dem Abstrakten und der Komplexitätssteigerung aussetzen. Die unkontrollierbaren Risiken sind viel zu groß. Niemand wird dafür die Verantwortung übernehmen können. Die vielen Studien zum Thema Größe zeigen nur eines auf: Es ist ein Mythos zu glauben, dass wir in der Lage sind, immer größere, abstraktere und komplexere Systeme zu führen, die zudem mit den neuen Technologien immer mehr voneinander abhängig werden.

Das sind die drei Faktoren: Größe, Abstraktheit und Komplexität. Schöne praktische Beispiele finden wir bei Michael H. Shuman, der die »Small-Mart«-Revolution ausgerufen hat. Das ist natürlich eine Anlehnung an Wal-Mart, den Übergiganten des Einzelhandels – ein Unternehmen mit bald 500 Milliarden Dollar Umsatz und gegen 2,5 Millionen Beschäftigten und damit eine beliebte Fallstudie. In solchen Superstrukturen nehmen automatisch Konflikte zu, und der Handlungsspielraum wird enger. Das Thema Risikovermeidung wird omnipräsent, und die Papierbürokratie nimmt ihren Lauf. Und da kommen wir nicht mehr raus. Wenn wir ein Interesse daran haben, dass Menschen in Zukunft einen gewissen Entscheidungsspielraum haben und über gewisse Freiheiten verfügen, müssen wir vor allem eines: die Dimensionalität so reduzieren, dass wir überhaupt noch Gestaltungsräume behalten. Denn nur in kleineren Dimensionen sind wir noch in der Lage, Risiken einzugehen und damit auch Marktwirtschaft spielen zu lassen. Das Thema Redesign der Größe umfasst natürlich auch damit zusammenhängende Themen wie

Rezyklieren (etwa von Unternehmensgewinnen: Wohin geht der Profit? Was verbleibt als Reinvestition in der Region?), Regenerieren (etwa von Energie), Restaurieren oder Reanimieren (etwa von Gemeinden, die sich entvölkert haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten, aber noch über funktionierende Infrastrukturen verfügen und damit für viele Menschen mit bescheideneren Einkommensverhältnissen attraktive Wohnorte sind und so dem Sog der Urbanisierung und der Megacitys entgegenwirken können),Reformieren (etwa von politischen Parteien), Reformulieren (etwa die Zusammensetzung von Materialien bei Gebäuden oder Ingredienzen bei der Ernährung).

Statt also alles nur der scheinbar unvermeidlichen Größe, dem Preis, dem kurzfristigen Vorteil für wenige zu opfern, wird eine nachhaltigere Welt »von unten her« entstehen und getragen sein. Es gibt keine klugen Masterpläne top-down, und eine noch so brillante Megastrategie, die mit dem großen Pinsel (und viel Kapital) die Welt arrangieren will, wird scheitern. Nichts gegen Großorganisationen und Masterpläne per se, aber viel entscheidender für das Überleben ist der Aufbau von tragfähigen kommunalen Strukturen und die Mischung von unterschiedlichsten Organisationsformen. Tragfähige Support-Systeme entstehen durch die richtige Mischung, nicht durch exzessive Spezialisierung und Abhängigkeiten. Wir wissen, dass in den entwickelten Ländern 60 bis 80 Prozent der Jobs von den kleinen und mittleren Unternehmen geschaffen werden. Das ist der Humus. Dazu muss die Bereitschaft zu Freiwilligenarbeit, die Selbstverständlichkeit von Hausarbeit und Heimarbeit kommen. Ohne das wird es keine hohe Lebensqualität geben.

Gemäß Shuman hat der Fokus auf kleinere, überschaubare und führbare Strukturen die besten Überlebenschancen: sowohl als langfristiger Reichtumsgenerator, mit weniger destruktiven Abgängen und zu einseitigen Veränderungen in den Organisationen, als auch für höhere Arbeits- und Umweltstandards, weil die soziale Kontrolle höher ist als in anonymen, bürokratisierten Strukturen. Ebenso entstehen höhere ökonomische Multiplikatoren, denn ein lokal verantwortliches Management benützt lokale Lieferanten, wirbt lokal und reinvestiert die Profite zu einem hohen Grad wieder lokal, ohne sich globale Chancen in vernünftigem Maß entgehen zu lassen. Auch hier liegt wiederum der entscheidende Punkt darin, dass Macht, Geld und Überlebenschancen immer örtlich rückgebunden sind. Auch in einer virtuellen, vernetzten Welt. Wer immer nur davon ausgeht, kurzfristig globale Zeitvorteile ausnützen zu können und im rechten Moment wieder abzuhauen (»Ich bin dann mal weg«), wird nur Destruktivität und Unzufriedenheit zurücklassen.

Richard Florida stellt in The Creative Class völlig richtig fest, dass Nachbarschaft in der globalen Welt von zentraler Bedeutung sein wird. Ein anonymes Aneinanderreihen von Systemen, Baukästen, segmentierten Stadtteilen verursacht viel zu hohe Opportunitätskosten. Eine vernetzte Welt, richtig verstanden, stärkt die lokalen Gegebenheiten und macht damit die Frage, wer mein Nachbar ist, zur zentralen Herausforderung. Interessanterweise stärken auch die erfolgreichsten Online-Anbieter im Bereich Social Media wie Facebook den lokalen Austausch und den lokalen Kontext. So wissen wir, dass der größte Teil der aktiv bewirtschafteten »Freunde« im Umkreis von wenigen Kilometern zu finden ist.

4. Überfluss und Mangel – Die Umkehr der bestehenden Verhältnisse

Mangel war immer eines der großen Themen in der Wirtschaft. Das wird so bleiben. Aber die Sichtweise ändert sich im Age of Less fundamental. Wir müssen vielmehr lernen, wie wir dank immer besserer Technologie zunächst einmal den Überfluss in den Griff bekommen. Denn eines haben wir in praktisch allen Bereichen nicht mehr: knappe Informationen. Zwar mag Transparenz nicht überall gleich schnell Einzug finden (siehe die GDI-Studie zu Beziehungen im Zeitalter der Transparenz). Aber die Grundvoraussetzung bleibt: Noch nie war der Zugang zu Informationen so einfach und so kostengünstig. Die Telekom-Branche ist ein schönes Beispiel. Wir haben heute überall günstige Informationen, können viel besser kommunizieren, und Wissen ist leichter zugänglich denn je. Mit viel weniger Aufwand kann heute eine erfolgreiche Dienstleistungsfirma aufgebaut werden.

Kapitalanforderungen sinken dramatisch, Infrastrukturen und Platzbedarf werden viel geringer, ja mobiler und flexibler im Umfeld von Cloud Computing.Produktionsmittel werden immer billiger. Es genügt, sich die Entwicklung der Leistungsstärke bei gleichzeitig sinkenden Preisen für Geräte aller Art anzuschauen. Zudem sind viele Backoffice-Funktionen, wie das Bestellen und Bearbeiten von mühsamen Formularen, häufig gratis als Dienstleistung im Download erhältlich.Informations- und Kommunikationskosten sind tendenziell »too cheap to meter«. Das Entscheidende sind auch hier wieder die Beziehungen und die Fähigkeit, die richtigen Menschen zu den richtigen Herausforderungen zusammenzuführen, also das soziale Kapital.»Peer Production« ohne Hierarchie und Markt ist leicht möglich, vielfach kann der Austausch sogar jenseits von Geldwährungen funktionieren. Ich kann Konten eröffnen, die mit virtuellen Währungen oder Zeitwährungen funktionieren. Babysitting kann lokal über Social Media organisiert werden mit gegenseitigen Zeitgutschriften, ohne dass Geld getauscht wird, ein privater Anbieter oder der Staat dazwischengeschaltet wird.Nähe wird neu definiert – wie Haushaltsmitglieder, Nachbarn, Freunde, Kollegen; neue Zugangsmuster entstehen (vielleicht eines der spannendsten Themen).Einstiegsbarrieren für Kooperationen sind so klein wie noch nie. Hier dürfte am meisten Widerstand von den etablierten Superstrukturen zu erwarten sein (Lobbyisten und Machtpolitik alter Schule).

Auch in der Hightech-Welt gibt es natürlich nicht nur, oder besser gesagt: nur wenige wirklich wertschöpfungsintensive Jobs. Aber da liegt auch gar nicht die Zukunft der Wertschöpfung – sie liegt in der mutigen und innovativen Nutzung von vielfach längst vorhandenen Online-Infrastrukturen, die auch die Offline-Infrastrukturen entlasten können. Menschen, die spannende und kreative Jobs ausführen, sind häufig gerade nicht extrinsisch motiviert und selbst in der Lage, ihr Leben zu bewältigen.

5. Von der Effizienz zur Resilienz – Robustheit als Basisstrategie in instabilen Zeiten

Wir sind im Zuge der Industrialisierung hervorragende Effizienzexperten geworden. Effiziente Produktion und Distribution ist ein Maßstab der Wirtschaftlichkeit. Vor allem kaufmännisch haben wir recht gut gelernt, mit Skaleneffekten professionell umzugehen: Das Verhältnis von Input und Output ist kontinuierlich verbessert worden. Das geht in den meisten Fällen auch gut und ist problemlos, meistens auch dann noch, wenn wir neben der Effizienz auch die Effektivität abwägen. Also wenn wir nicht nur fragen: »Tun wir die Dinge richtig?«, sondern zusätzlich »Tun wir die richtigen Dinge?«, um unsere Ziele zu erreichen. Aber es geht nur richtig gut, wenn man die Rechnung in einem Kontext mit einer oder maximal vielleicht zwei Milliarden Menschen aufmacht. Denn in einer großen weiten Welt mit viel Platz und Reserven ist Rücksichtnahme nicht nötig. Verschwendung, Übernutzung, Ausbeutung von Ressourcen können als normal abgehakt werden. So haben wir lange und mit hoher Selbstverständlichkeit gelebt. Was aber, wenn die Perspektive lautet: Aus einer Milliarde Herren werden bald einmal neun Milliarden Peers?

Eine sich langsam globalisierende Welt erfährt täglich: Was betriebswirtschaftlich richtig ist, ist volkswirtschaftlich nicht notwendigerweise auch richtig – und weltwirtschaftlich oder ökologisch auch nicht. Was effizient in einem System ist, trägt zur Instabilität und Ineffizienz in einem anderen System bei. Sobald wir die Verhältnisse vernetzt betrachten und genauer hinschauen, scheinen wir in Richtung eines Nullsummenspiels zu gehen. Wir hegen und pflegen unseren eigenen Garten und deponieren das Unkraut in Afrika. Wenn wir das so weitertrieben und in Richtung Extremophilie gingen (siehe dazu Kapitel 1), dann stünde uns als Steigerung eine smart for one, dumb for all-Welt bevor (so der Cornell-Ökonom Robert Frank). Wachstumstechnokraten werden solchen Einschätzungen vehement widersprechen, weil sie nur einige hochspezialisierte Ausschnitte der multiplen Realitäten wahrnehmen wollen. Diese Zeit ist aber abgelaufen.

Unbestreitbar ist, dass wir im Westen relativ unbedeutender werden. Das hat weitreichende Konsequenzen, vor denen wir uns heute noch gerne verschließen. Wo wird Handlungsbedarf bestehen? Wir sind im westlichen Wohlstand mit seinen linearen Entwicklungen massiv overspent (zu viel ausgegeben), overconsumed (zu viel Abfall, insbesondere aus Verpackungen), overstored (zu viel Ladenfläche), overweight (zu viele Übergewichtige und Fettleibige), und wenn wir die bescheidenen realen Produktivitätsfortschritte der letzten Jahrzehnte anschauen, sind wir im Verhältnis auch overworked (zu viel für die Katz) und overstressed (wozu die Aufregung?). Der tipping point ist überschritten. Wir haben die Entwicklungen nicht mehr im Griff – weder bei den Gesundheitskosten noch bei den Immigrationskosten, den Verschuldungen der Staaten, den Energiekosten (die Aufzählung ist nach Belieben fortzusetzen).

Was muss die westliche Welt tun, um im Age of Less bestehen zu können? Wird es genügen, wenn wir

Stufe 1, Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen von der Produktion bis zu den Privathaushalten umsetzen? Wir können mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Nachhaltigkeit – in welcher Form auch immer – ein Nadelöhr für die Zukunftsbewältigung bleiben wird. Nicht nur in der westlichen Welt. Oder müssen wir,

Stufe 2, einen Schritt tiefer gehen und Resilienz beziehungsweise Robustheit in Angriff nehmen? Das wäre das Eingeständnis, dass Nachhaltigkeit allein nicht genügt. Dass weitere Programme der Ressourcenschonung gebraucht werden. Nebst der Energie werden vor allem die Ernährungsthemen und die Landwirtschaft dabei immer vordringlicher. Oder ist schon

Stufe 3 erreicht, also die höchste Alarmstufe, wo nur noch radikale Orientierung an Subsistenz (weitgehend autonome Selbstversorgung) uns weiterhilft? Das wäre im Wesentlichen das Eingeständnis, dass die Globalisierung gescheitert ist.

Wären wir auf Stufe 3 angelangt, müssten wir unsere Lebensstile bis auf das Niveau der heutigen Entwicklungsländer absenken. Befänden wir uns auf Stufe 2, so müssten wir uns an unserem eigenen Lebensstil in der Zeit der ersten Ölkrise vor knapp 40 Jahren orientieren. Mit etwas Optimismus genügt aber die erste Stufe, also kontinuierliche, aber konsequente Weiterverfolgung der Nachhaltigkeitsstrategien von den Finanzmarkttiteln über die Automobilindustrie bis zur Solartechnologie.

Mit dem Gedanken an Resilienz sollten wir uns anfreunden – er stellt die strategische Herausforderung für die Zukunft dar. Im Moment sollte es allerdings ausreichen, wenn Nachhaltigkeit umfassend und in seinem Grundverständnis umgesetzt wird, also bei der Verantwortung für die kommenden Generationen beginnt: nur so viele Ressourcen zu verbrauchen, dass auch der nachfolgenden Generation ein gutes Leben aus eigener Kraft ermöglicht wird. Das schließt etwa die immer weitere Verschuldung aus. Oder die willkürliche Zerstörung der Umwelt.

Wer Kinder hat, hat auch rationale Gründe, eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Und wer keine hat, soll sich trotzdem anstrengen und seinen Egoismus überwinden. Die Herausforderung liegt darin, Nachhaltigkeit nicht zur Nice to have-Taktik für wohlmeinende Mittelschichtangehörige ver-kommen zu lassen und letztendlich im bloßen greenwashing zu enden.

6. If you can’t beat – join. Koevolution statt Selbstüberschätzung

Die Banker haben erfahren müssen, dass es unter ihnen keine Masters of the Universe gibt. Wer das versucht, wird rasch zum Monster of the Universe. Wir leben in der modernen Welt mit einem sogenannten anthropozentrischen Weltbild. Die Menschen sind das Zentrum der Welt, das höchste Wesen, und wir machen uns die Erde untertan. Wir haben aber immer nur gelernt, uns gegen etwas aufzurichten: gegen andere Menschen, indem wir sie ausbeuten oder ignorieren. Gegen die Natur, indem wir sie ausbeuten oder zerstören. Gegen den inneren Schweinehund, wenn wir uns selbst überwinden sollten. Doch wer den Kampf gegen die Natur sucht, wird mit hundertprozentiger Sicherheit verlieren. Die Natur ist immer stärker – ob wir nun die äußere Natur oder unsere innere Natur meinen –, auch Spitzentechnologie ändert daran gar nichts. Fukushima, Hurrikan Katharina, die Tsunamis sind Tatsachen.

Es ist eine fatale und naive Vorstellung zu glauben, die »arme Natur« leide. Wir sind unbedeutend. Die Natur braucht uns nicht. Und das ist für uns Menschen eine große Kränkung, die wir nur schwer ertragen. Ich rate jedem als kleine Übung, nur zwei oder drei Tage auf Grönland zu verbringen (das genügt als Lerninput vollauf) und zuzuschauen, wie die Eisberge schmelzen. Wir haben ein Interesse daran, mit der Natur zu leben. Denn wir brauchen eine intakte Natur als Rohstoff genauso wie als romantische Inspiration. Aber auch dazu braucht es einen vernünftigen und nicht einen rücksichtslosen Umgang. Wenn das nicht gelingt und wir weiter extrapolieren und linear fortfahren, verbleibt die Natur – die innere genauso wie die äußere – vor allem als eins: als Angstfaktor.

Um das zu verhindern, braucht es Koevolution. Wir haben so viele positive Möglichkeiten, die Evolution mitzusteuern. Auch mit Experimenten, bis hin zur Selbstverbesserung. Aber gleichzeitig steuert uns auch die Evolution. Wir sind Teil der Natur. Ein geozentrisches, holistisches Weltbild ist also eher angemessen als ein anthropozentrisches.

7. Dekonstruktion – Von den geschlossenen Kathedralen zum offenen Basar und den vernetzten Favelas

Von dem Science-Fiction-Schriftsteller Bruce Sterling stammt das schöne Bild, dass die Zeit der großen Kathedralen oder Schlösser noch in unseren Köpfen ist (als moderne Großorganisationen, die vor allem sich selbst feiern), diese aber verfallende Monumente geworden sind: Ruinen des Unhaltbaren, nicht Nachhaltigen. »Gotisches Hightech« nennt er das Aufeinanderprallen von Erhabenheit und Verfall (»Steve Jobs creates something brilliant, but you have to suffer from health problems« – schöner kann man es nicht sagen!). Kathedralen mögen ästhetisch verführerisch erscheinen, aber sie überzeugen immer weniger.

Die Architektur der neuen Systeme ist nicht mehr hoch und geschlossen, sondern weit und offen. Sie ähneln eher einem offenen Basar oder einer vernetzten Favela. Nicht schön, aber schnell und flexibel. Das Materielle wird bedeutungslos, dafür gibt es nur noch die unwiderstehliche Realität der Vernetzung in der virtuellen Welt: Etwas existiert, wenn es online erscheint und sich in seiner Unbestimmtheit und Offenheit weiterentwickeln kann. Wenn die Maschinen abgestellt sind, hört das Leben sozusagen auf.

Betroffen von dieser Dekonstruktion ist in erster Linie die Generation X, also die Geburtsjahrgänge von 1965 bis 1975. Sie stand bereit, um in den kommenden Jahren die Spitzenpositionen in den Kathedralen zu besetzen – und ist in keiner Weise darauf vorbereitet, sich im offenen Basar zu integrieren. Das ist dafür die Generation Y, auch Millennials oder Net Generation genannt (Jahrgänge von 1976 bis etwa 1995), die mit der Vernetzung groß geworden ist. Diese schwer fassbare Generation von screenagers (Douglas Rushkoff) weiß oder ahnt zumindest, dass sie nicht mehr kontrollieren kann wie früher, sie weiß aber sehr genau, dass sie nur noch über ein Tun, über Tätigkeit und Interaktivität, Feedback und Lust an der Kommunikation weiterexistieren wird. Das ist beziehungsweise wird die Ausgangslage für uns alle. Abwarten hilft nicht weiter.

Dass die alternden Babyboomer (Jahrgänge 1946 bis 1964), die über die nächsten 20 Jahre die politisch dominierende Kraft in den westlichen Nationen bleiben werden, langsam lernen, die neuen Tools anzuwenden, ist ein gutes Zeichen. Solange diese permanente »digitale Immigranten« sein wollen und sich auch sprachlich anpassen können, besteht Hoffnung, dass der radikale Wandel auch gelingen wird. Wohin wir gehen, ist (fast) völlig offen. Fortschritte im herkömmlichen Sinne gibt es nicht mehr, aber auch das Alte verliert seine Bedeutung sehr rasch, weil es nichts mehr im herkömmlichen Sinne zu bewahren gibt. Was bleibt, ist die Transition. Das Leben im Übergang, in der Schwebe. Ohne klar identifizierbare Richtung. Das gilt es auszuhalten.

8. Flexibler Ressourceneinsatz – Hybride Konzepte von den Autos bis zu den Computern

Es gibt keine großen Lösungen oder vorgefertigten Antworten mehr, nur noch ein flexibles und kreatives Handhaben von Herausforderungen. Ein wunderbares Beispiel bietet die Stadt Zürich. »Ich bin auch ein Tram«, so lautet der geniale Werbespruch auf der Bahn. Oder »Ich bin auch ein Schiff«, verkündet in großen Lettern der Linienbus. Was hier nach Kunst klingt, ist in der Tat Ausdruck einer benutzerfreundlichen Strategie der öffentlichen Zürcher Verkehrsmittel. Schon vor einigen Jahren hat der Zürcher Verkehrsverbund erkannt, dass es klug und effizient ist, wenn der Benutzer Bus, Straßenbahn, Eisenbahn und Schiff nahtlos – je nach seinen aktuellen individuellen Bedürfnissen – benutzen kann, ohne dabei ständig ein neues Ticket lösen zu müssen. Die verschiedenen Transportmittel sind also in einem überschaubaren Verbund zusammengefasst – nur Taxis, Mietwagen und Fahrräder fehlen noch.