Tantra für Genießerinnen - Christa Schulte - ebook

Tantra für Genießerinnen ebook

Christa Schulte

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Opis

Sex ist eine Kunst, die gelernt sein will … »Tantra für Genießerinnen« regt Frauen an, sich auf spielerisch-lustvolle Weise (wieder) mit ihrer Sexualität zu beschäftigen und ihre Sinnlichkeit zu kultivieren. Einem Einführungsteil folgt eine Vielzahl praktischer Übungen für Frauen allein oder zu zweit, die das Ziel haben: • die Sinne zu verfeinern • die Sensibilität zu steigern • Empfindungen zu intensivieren • mögliche Stolpersteine auszuräumen • das (sexuelle) Selbstbewusstsein zu stärken • Begegnungen mit anderen Frauen lustvoller zu gestalten • die Beziehungsfähigkeit zu fördern und • die spirituelle Dimension unserer Sexualität zu erkunden. Ein Buch mit vielfältigen Anregungen für die kleinen Ekstasen im Alltag wie auch für ganz besondere Gelegenheiten.

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FRAUEN IM SINN

Verlag Krug & Schadenberg

Literatur deutschsprachiger und internationaler

Autorinnen (zeitgenössische Romane, Kriminalromane,

historische Romane, Erzählungen)

Sachbücher und Ratgeber zu allen Themen

rund um das lesbische Leben

Christa Schulte

Tantra für Genießerinnen

Für Helga

Liebe in ihren vielfältigen Formen ist alles, was zählt.

Und Sex ist die intimste und kraftvollste Art, sie zu fühlen und auszudrücken.

Dank

Danken möchte ich so vielen, die direkt oder indirekt an diesem Buch beteiligt waren, dass ich nicht alle namentlich nennen kann.

Mein größter Dank geht natürlich an Helga, die mich über mehr als zwanzig Jahre mit all ihrer Liebe begleitet hat, immer wieder neue Lustvariationen mit mir erfunden hat und damit auch meine Lust am Schreiben dieses Buches hat fließen lassen.

Viele der Spiele und Übungen sind meine Versionen von Übungen und Ritualen aus dem SkyDancing von Margot Anand, Eva Szabo und Aman Schröter, aus dem Tao der Frau von Maitreyi Piontek und aus dem Quodoushka der Cheroquee-Frauen. Diese PionierInnen haben zudem meine eigene Entwicklung entscheidend beeinflusst.

Mein Dank geht an alle, von denen ich lernen konnte, meine Lust zu leben, besonders da, wo Lernen und Lehren miteinander verwoben waren. Das gilt nicht nur für meine LehrerInnen, sondern auch für all die SchülerInnen, KlientInnen, SupervisandInnen, KollegInnen, ZuhörerInnen und wohlwollend-kritischen Begleiterinnen. Dazu zählt insbesondere meine Assistentin und Organisatorin Maria Kennerknecht, deren Ideen und Kritiken mir wertvoll sind.

Konkret geholfen »dranzubleiben« haben mir Renate Kösling, Marianne Sörensen und einige andere Freundinnen, Claudia Kroll beim Schreiben, Ingelore Hagel mit Tipps und guten Ratschlägen und meine mir eigene, von meiner Oma aus dem Sauerland übernommene Kombination aus Lust und Disziplin.

Inhalt

Einleitung

Weibliches Wissen über weibliche Lust erwerben

Was verstehe ich unter weiblicher Sexualität, und was ist das Lesbische daran? • Wozu brauchen wir »Anleihen« bei anderen Kulturen? • Quodoushka • Tantra • Ursprünge des Tantra • Was hat das heutige Tantra uns Frauen an Wachstumsmöglichkeiten zu bieten? • Brauchen Frauen sexuelle Vorbilder?

Das eigene Erleben kennen und wichtig nehmen

Einige Thesen zur gelebten und phantasierten Sexpraxis • Prinzipien kultivierter, eigensinniger Sexualität

In Beziehung gehen heißt in Liebe sein

Sexuelle Selbstliebe • Lesbische Liebe als eine Form von Selbstliebe • Lesbische Beziehungsrealitäten • Asexualität • Sex-Normen • Zwischen Leidenschaft und Kuschelsex • Nähe und Distanz • Liebe, Macht und Anerkennung

Im eigenen Körper zu Hause ankommen

Schönheit und sexuelle Attraktivität • Körperlichkeit und Selbst-Bewusstsein • Was macht die Lust denn wo? • Orgasmus und Ekstase • Der Zustand der Ekstase • Kleine Chakrenkunde

Spielen und Üben

Einstimmungen

Das kluge Störungsmanagement

Die Würdigung der Unlust

Die sechs Schlüssel zu den Türen körperlicher Lust

Abschütteln des Alltags und Ankommen im eigenen Körper

Im Schoß von Mutter Erde

Das innere Lächeln

Der Kamelritt zu Bremen

Die Kraft der Tigerin

Meditation der wilden Feuerfrau

Die tanzende Drachenfrau

Zaubermittel der Lust: Aphrodisiaka

»Sex beginnt im Kopf« – und da liegen auch die ersten Stolpersteine ...

Abschied von der Selbstbegrenzung des jungen Mädchens

Fünf Fragen zur Übernahme sexueller Selbstverantwortung

Sexuelle Energie als Heilkraft

Phantastisches im weiblichen Hinterkopf

Kreative Trance-Reise zur idealen inneren Geliebten

Erotische Verabredung

Phantastische Selbsterregung

Mit der Delphinfrau durch die Tiefe des Meeres

Anregungen für die wild-zarte Spielerei mit sich selbst

Die Kunst des Schnaufens

Sexuelles Atmen

Die innere Flöte öffnen

Herzerfreuung

Spiele und Übungen für zwei

Stress aus ihr herausziehen

Sich wohlig plattmachen lassen

Gefühle loslassen

Löwin – Sau – Mücke

Tanz der Dämoninnen

Überfüllte Liebeslager leeren

Stöhnende Yoni und lachender Bauch

Der Mut, sich zu zeigen

Das Wesen im weiblichen Schoß sprechen lassen

Körperlandkarte der Liebe

Sexuelle Speisekarte

Körperbemalung von hinten durchs Herz nach vorn

Tanz der Hände

Die Chakrawelle

Einschwingen in den Zustand der Verschmelzung

Der Liebessitz des Yab-Yum

Hingabe ohne Wenn und Aber

Massagen, die es in sich haben

Drücken statt Reden

Brustmassage der genüsslich-selbstgenügsamen Frau

Brustmassage der wohlig-bequemen Frau

Herzerfreuung im Dreiklang

Kundalini-Massage

Rituale zur Transformation

Ritual zur Erweckung der Sinne

Rosenritual

Frauendemo zweier Yonis

Selbstlieberitual in Gegenwart einer anderen

Königinnenspiel

Lesben-Hoch-Zeit

Liebesspiele für die Expansion von Liebesenergie

Feueratemorgasmus

Rosetten-Rosen-Massage

MMM: Magische Muschelmassage

Ekstatische Gipfelerfahrungen

Wellen der Glückseligkeit

Sexmagische Kunstfertigkeiten

Lust als Weg der Meditation

Weibliche Visionen der Freude

Vollmondmeditation

Meditation der Liebe zu sich selbst

Anhang

Musikalische Klangteppiche und Energiespritzen

Anregende Literatur

Sinnliches und Praktisches

Die Autorin

Einleitung

Sex ist eine Möglichkeit, Liebe und Leidenschaft, Zärtlichkeit und Verbundenheit zu erfahren und auszudrücken. Sex ist auch eine Möglichkeit erwachsener Frauen, zu spielen, sich unmittelbar körperlich zu erleben und sich und anderen nah und lustvoll zu begegnen. Sex als eine Ausdrucksform von Frauenliebe lässt sich kultivieren, und zwar vor allem durch Spielen, Probieren und Üben.

Das Spielen und Probieren ist meist beliebter als der Aspekt der Übung. Er wird – ich finde, fälschlicherweise – mit Leistungsdruck, Schulgymnastik und langweiligen Wiederholungen assoziiert. Wenn wir eine Ballettänzerin feengleich über die Bühne schweben sehen, wissen wir – wie berührt wir auch sein mögen –, dass sie mindestens acht Stunden täglich hart trainiert, sprich: übt. Ihr Können bezeichnen wir dann als Kunst.

Liebevolle, lustvolle, kreative und möglicherweise sogar spirituelle Sexualität ist ebenfalls eine Kunst, und die kommt neben einem hier zu vernachlässigenden Talent von der Lust auf Liebe und Selbstausdruck, von Probieren, Üben und schließlich von Können. Und dies, obwohl nicht einmal »hartes« Training nötig ist! Doch wie soll ein Orgasmus seine Tiefe und Länge bekommen, wenn sich die Beckenbodenmuskulatur noch im »Dornröschenschlaf« befindet?

Dieser Aspekt wird von Frauen gern verleugnet, weil »es mit Liebe schon gutgehen wird«. Dahinter verbirgt sich oft ein entfremdetes Verhältnis zum eigenen Körper und der Glaube, dass die andere schon wortlos spüren werde, was frau braucht, und dass der Orgasmus von der Liebe und Fingerfertigkeit der anderen abhänge. Das kann rasch zu Enttäuschungen führen. Und überhaupt – was ist mit der sexuellen Selbstliebe? Mit neuen sexuellen Begegnungen, bei denen ihr einander noch nicht gut kennt? Liebeskunst ist erlernbar, und Übung kann Spaß machen!

Neben Übung erfordert die Weiterentwicklung lesbischer Sexualität gelegentlich auch bewusste Konzentration und manchmal sogar Disziplin. Was diese Begriffe aus dem Leistungsbereich hier zu suchen haben? In unserer lust- und ekstasefeindlichen Gesellschaft allgemein, in der Geschäftigkeit des Alltags, in der emotionalen Schwankungsbreite von Liebesbeziehungen, Affären und Flirts gibt es eine Fülle an äußeren Störfaktoren, die gerade in der Phase beginnender Erregung die schöne Stimmung im Nu zerstören können. Noch schwieriger im Umgang sind die inneren Störfaktoren in Form von Stressgedanken, Bewertungen, Beurteilungen, Plänen usw. Die Fähigkeit, die äußeren und inneren Störfaktoren in schlichte Begleiterscheinungen beim Liebesspiel umzuwandeln, ist durchaus erlernbar.

Viele Frauen warten jahrelang auf den Augenblick, da sie mit Hilfe von Psychotherapie, Meditation, Wohnraumgestaltung nach Feng Shui, perfekter Musikbegleitung und natürlich der sensiblen, vollkommenen Geliebten endlich in der Lage sind, heiter und gelassen auf Störungen jeglicher Art zu reagieren bzw. ihnen hundertprozentig vorzubeugen. Ich hingegen beschloss eines Tages, es mit Sex nicht erst auf dem Sterbebett zu probieren (wer weiß, ob die Störungen nicht gerade da überhand nehmen?), sondern schon vorher zu versuchen, meine Lust zu kultivieren – auch wenn es nicht immer vollkommen gelingen sollte. Das auf diesem Wege manchmal systematisch, manchmal »nebenbei« erworbene Wissen möchte ich hier weitergeben – gewürzt mit einem Schuss augenzwinkernder Spielfreude der unzähmbar wilden Frau.

Dieses Buch ist in erster Linie für frauenliebende Frauen geschrieben, doch ich bitte neugierige Frauen mit anderen Identitäten, sich eingeschlossen zu fühlen. Es ist weder ein Buch über sexuelle Störungen noch über Sexualtherapie, noch über die romantische Form der Liebe. Vielmehr möchte ich die Leserin zum spielerischen Experimentieren mit sich und anderen ermutigen. Außerdem möchte ich – gerade Frauen, die sich (noch) scheuen, an einem Tantrakurs teilzunehmen oder sowieso lieber exklusiv für sich probieren wollen – einen kleinen Einblick geben in die Vielfalt der Wege, die eigene Sexualität weiterzuentwickeln, zu kultivieren und durch sie zu meditativen Zuständen zu gelangen. Dazu nehme frau ein bisschen ungestörte Zeit für sich, eine bequeme Lage, vielleicht ein leckeres Getränk und vor allen Dingen: kindliche Neugier, pubertäre Experimentierlust und erwachsene Sehnsüchte.

Dies ist kein Buch, das von vorn bis hinten gelesen werden muss – es soll anregen, der inneren Chaotik, der Neugier, dem Fluss der eigenen Energie zu folgen. Dies gilt insbesondere für Teil 2, die Spiele und Übungen, die sowohl längere Rituale enthalten (z.B. um die lesbische Liebe zu feiern) als auch kürzere Anregungen für die kleinen Ekstasen im Alltag.

Viel Vergnügen beim Spielen und Üben!

Weibliches Wissen über weibliche Lust erwerben

Was verstehe ich unter weiblicher Sexualität und was ist das Lesbische daran?

Damit die Leserin sich meinem Denken zuneigt, möchte ich mein sexuelles Grundverständnis kurz umschreiben: Weibliche Sexualität ist die Gesamtheit dessen, was Frauen sich unter Sexualität vorstellen, auch wenn sie nur einen Bruchteil davon fühlen und (er-)leben. Diese bewusst allgemeine Definition lässt sich nur subjektiv »mit Fleisch füllen«. Hier ein Beispiel für meine derzeitige subjektive Definition in Form der Benennung von Polen, zwischen denen sich das Pendel sexueller Energie bewegen kann:

Weibliche Sexualität ist:

prickelnde Lust und schleichende Unlust

unbezähmbares Begehren und plötzliches Abgestoßensein

hemmungsloser Kontrollverlust und perfekt kontrolliertes Machtspiel

süße Erregung und hingebungsvoll milde Erschlaffung

liebende Begegnung und orgastische Selbstbezogenheit

vorsichtige Sanftheit und aggressive Bodenakrobatik

spielerische Erotik und herzhafter Zugriff

Hochspannung im selbst-bewussten Grenzerleben und kosmische Verschmelzung mit der Welt

glucksendes Glück und namenloser Schmerz

viele kleine Tode und neugeborenes Leben

Hiermit möchte ich jedoch nicht etwa Gegensätze postulieren, wo keine sind, sondern Spannbreiten möglicher Pendelbewegungen aufzeigen. Wenn wir bedenken, wie viele persönliche Lebensgeschichten, wie viele gewachsene Begegnungs- und Beziehungsstrukturen, wie viele unterschiedliche Situationen und Kontexte diesen Beschreibungen ihren unverwechselbaren Charakter geben können, wird einmal mehr deutlich, wie nötig subjektive Definitionen sind, um unsere Erfahrungen angemessen zu beschreiben und den sogenannten »objektiven« Definitionen, die vom männlichen Blick geprägt sind und immer Fremdzuschreibungen bleiben werden, das Wasser abzugraben.

Und das Spezielle an der lesbischen Sexualität? Lesbische Sexualität ist die Potenzierung weiblicher Sexualität im Spiegel der Ähnlichkeit – das Spiel mit den feinen Unterschieden auf der Grundlage einer ähnlichen Art zu denken und zu fühlen.

Wozu brauchen wir »Anleihen« bei anderen Kulturen?

Sexuelle Energie lässt sich konzentrieren und ausdehnen und so entweder als allgemeine Lebenskraft nutzen oder auf verschiedene geistige und spirituelle Ebenen übertragen. Sexuelle Energie ermöglicht die Überwindung der geistigen Dimension der Dualität. Das aber ist gerade für uns Frauen nötig, um das patriarchale polare Spaltungsdenken in uns in eine kreisförmige, eine spiralige Form des Denkens, Fühlens und Handelns zu verwandeln, so dass das alte patriarchale Prinzip »Teile und herrsche« in unserem Sein keine Grundlage mehr findet. Hierzu sind Frauen in unserer Gesellschaft meist eher in der Lage als Männer, weil sie – wenn ihre Schmerzblockaden nicht zu stark sind – oft die Verbindung von sexueller Energie mit anderen Energieformen (z.B. Liebesenergie auf der Herzebene oder Strömungsenergie aus dem Bereich tiefer Bauch-Gefühle) und dadurch nicht nur tiefere und ausgedehntere Orgasmen erleben können, sondern auch leichter Transformationen zuzulassen vermögen.

Diese Fähigkeit, sexuelle und andere Gefühle spielerisch wie schöpferisch zu gestalten und sie zu transformieren (z.B. in Zustände tiefer Verbundenheit mit allem Lebendigen) ist eine Grundlage weiblicher Identität, Schönheit und Macht. Diese Macht beginnt mit der Befreiung von allem, was Macht über eine Frau ausübt, selbst von der sexuellen Anziehung und der Blindheit der frühen Verliebtheit. Jenseits all dieser sich bewegenden Energien gibt es einen Punkt der Ruhe, einen Raum, der still und leer ist. In diesem Raum zu sein bedeutet, sich in einem Zustand stiller Ekstase zu befinden. Daraus entsteht klare, ruhige Selbst-Bewusstheit im All-ein-Sein wie auch im Kontakt mit anderen. Es bedeutet also nicht Rückzug aus der Welt, bedeutet nicht ein Zurückweisen politischer Verantwortung zugunsten privater Vergnügungen auf dem neu bezogenen Futon: Wenn wir die spirituelle Dimension, also den in alle Richtungen expansiven Charakter unserer Lust nicht nur im Stadium der frischen Verliebtheit, sondern ständig wichtig nehmen, können wir nicht umhin, uns täglich (gemeinsam) für Zeiten und Räume einzusetzen, in denen weibliche Lust als treibende Kraft unserer Lebendigkeit lebbar ist.

Da in unserer westlichen Welt weder herrschende Ideologien noch Religionen die transformatorische Kraft der Lust wirklich ernst nehmen, machen wir »Anleihen« bei anderen Zeiten und Kulturen, um unser vorhandenes, jedoch verschüttetes Wissen wieder hervorzuholen. Natürlich müssen wir diese Anleihen kritisch betrachten und gegebenenfalls auch umgestalten, d.h. von ihren kulturellen Festlegungen lösen, um nicht etwa neue Unterdrückungsmechanismen weiblicher Sexualität »miteinzukaufen«. Aber dafür haben wir schließlich unseren feministischen Hinterkopf ...

Quodoushka

Quodoushka als indianische Lehre von der sexuell-spirituellen Lebensenergie wurde von den Cheroquee-Frauen als Philosophie, als Aufklärungsunterricht und als eine Folge von Ritualen und Übungen entwickelt und erst in den letzten Jahren im Zuge des drohenden Aussterbens dieses Volkes und damit ihres uralten Wissens an Weiße weitergegeben. Der Begriff »Quodoushka« bezeichnet die spirituelle Energie, die entsteht, wenn zwei »Chuluaques«, zwei Lebenskraftenergien, zusammenkommen und gemeinsam eine neue Energiequalität bilden. Bezeichnend für die Offenheit dieser Lehre ist, dass diese beiden Lebenskraftenergien nicht »naturnotwendig« zu verschiedenen Geschlechtern gehören müssen. Vielmehr gehen die Cheroquee-Frauen davon aus, dass das Weibliche immer das Männliche einschließt und nicht umgekehrt. Diese Verbindung zur Macht weiblicher Existenz ist jedoch mit wachsender Männermacht im Patriarchat immer mehr gerissen, so dass sogar die Frauen selbst ihren eigenen sexuellen Magnetismus und den der »Großmutter Erde« nicht mehr erkennen und würdigen können. Um weiteren Schaden von sich und der Natur abzuwenden, lehren die Cheroquee-Frauen, wie wir aus der Opferrolle heraustreten, dem inneren Kind in uns heilsam begegnen, unsere sexuelle Kraft wieder aktivieren und den sexuellen Magnetismus für uns selbst und die Förderung alles Lebendigen wirken lassen können. Quodoushka ist neben Tantra eine wesentliche Grundlage für dieses Buch.

Tantra

Ein für mich selbst wunderbarer Weg, Liebe und Sexualität als verbunden zu erleben und der Sexualität als einer Ausdrucksform für Liebe einen Raum für Kultivierung und Verfeinerung zu geben, ist das Tantra, besonders das von Margot Anand für uns westliche Gemüter entwickelte SkyDancing. Tantra bedeutet übersetzt Gewebe, Verbindung, Gespinst und Ausdehnung. Es ist ein Wort aus der Sprache der WeberInnen und bezeichnet den Schussfaden, also den Faden, der durch alle Kettfäden zieht und sie verbindet.

Tantra bedeutet das vollständige Annehmen und miteinander Verweben all unserer Gefühle (auch der sogenannten »negativen«) und das Schaffen schöpferischer Verbindungen zu anderen Menschen. Das schließt eine Befreiung aus dem Gefängnis der Polaritäten und ein Transzendieren von sozialen und körperlichen Grenzen ein. Es bedeutet auch, mit dem zu beginnen, was da ist, und dieses dann in Richtung meiner Möglichkeiten zu erweitern. In tantrischen Ritualen aktivieren, verehren, feiern und kultivieren wir unsere sexuelle Kraft, leiten sie durch die innere Flöte der einzelnen Chakren bis hin zu unserer Krone und können dadurch einen Ausgleich von Geist und Materie, von Spiritualität und Emotionalität erreichen, d.h. also, Polaritäten auflösen. (Die Aufhebung von Polaritäten durch ihre bewusste Verbindung liegt mir besonders am Herzen, weil ich schon in meiner Mädchenzeit mit einer »Überdosis Katholizismus« große Sehnsucht hatte nach der Verbindung von Sexualität und Spiritualität, von unten und oben, von innen und außen, von mir und der Welt.)

Konkret bedeutet dies, dass wir in einem geschützten, respektvollen Rahmen und einer kreativen, liebevollen Atmosphäre beginnen, unsere Sexualkraft zu aktivieren und unser ekstatisches Energiepotential durch Körperübungen, Massagen, Atemströmungsprozesse, Begegnungsspiele und Berührungen unserer Lustzentren freizulegen. Durch spielerischen Umgang mit dieser Energie lernen wir, sie zu halten, sie in verschiedene Richtungen zu lenken und sie immer freier zu verströmen. Dabei ist unser Herz die wichtigste Stelle zur Transformation von körperlich-emotionaler in spirituelle Energie. Wenn wir unsere sexuelle Energie (im engeren Sinne des Wortes) mit der Liebe des Herzens verbinden, wird der Weg gebahnt für eine dritte Energieform: die geistige und spirituelle Energie. Das ist die Energieform, die uns und unser Lebensfeld am feinsten, durchlässigsten und schnellsten durchströmt, die uns subtil und intensiv mit anderen verbinden kann und die oft die Grundlage für das Gebären neuer Ideen oder Lebensziele bildet. Wenn so die sexuelle Kraft über den Weg des Herzens in unseren Geist gelangt, bedeutet dies etwa, dass wir unsere ekstatischen Fähigkeiten z.B. in Form von tiefen Glücksgefühlen, klaren Visionen, Gefühlen der Liebe zu uns und zu anderen und von Öffnungen und Verbindungen zu kosmischer Energie erleben können. Damit wiederum vermögen wir eine Spiritualität zu entwickeln, die lebensnah und direkt erfahrbar ist. Der Weg des Herzens bewirkt eine Zusammenführung von Sexualität und Spiritualität, die eigentlich immer schon vorhanden ist – das Glück ist also im Grunde längst da. Wir können uns entspannen und darauf vertrauen, es schon zu finden.

Tantra ist zum Beispiel

ein feines Gewebe aus zarter Verbundenheit

ein Tanz zwischen den Polaritäten

ekstatische Fülle im Alltag

ein Fest der Sinne

die Erfahrung von Sinn über Sinnlichkeit

ein Königinnen weg zur Macht der Liebe

ein Schlüssel zum Herzen

süße Verdichtung von Leidenschaft

der herausforderndste und schnellste Weg zur Erleuchtung

ein Medium der Verehrung von Frauen

lustvolle Bewegung und süße Stille

die Ausdehnung zwischen Himmel und Erde zu unserer wahren Größe

die Kultivierung unserer Liebesenergie jenseits von alten Beziehungsmustern

ein Weg der Heilung unserer Sexualität

die ständige Geburt neuer Lebenskraft

das Glück der Hingabe ans Leben

eine Vielfalt an Ekstaseformen

die Möglichkeit der Transformation existentieller Ängste

die Macht der leisen Begegnung

die Augenblickserfahrung von Ewigkeit

Selbstliebe in Verbindung mit anderen Selbstliebenden

eine sanfte oder stürmische Hilfe zur Erweiterung von Grenzen

verspieltes Schwimmen im Meer der Lust

eine Meditation der Liebe

Luxusnahrung für die Haut

die Erfahrung der Einheit von Uterus und Kosmos

Wiederherstellung weiblicher Würde

sich verzaubern lassen vom weiblichen Duft

Ursprünge des Tantra

Ein Beginn tantrischer Riten war der Zami-Kult, ein frauenzentrierter Sexualkult, der in Indien von den Frauen einer Geheimsekte als System der Yoni-Verehrung gegründet wurde. (Yoni ist der Name für das weibliche »Genital« mit all seinen Lustkörperteilchen wie Klitoris, Venuslippen, Venushügel, Lusttunnel, G-Punkt, Gebärmutter usw. Yoni ist aber weit mehr als ein Anatomiebegriff, und deshalb benutze ich diesen wohlklingenden Namen am liebsten: Es ist der heilige Ort der weiblichen Lust, der Schoß, der neues Leben gebiert, und der verehrungswürdige Ort der tiefsten Kraft der Frau.) In diesem Zami-Kult zur Erlangung von spirituellen, göttlichen Ebenen, der vermutlich weit über 3000 Jahre alt ist, wurden sexuelle Übungen für das Wachstum weiblicher Kraft von den älteren Frauen an die jüngeren weitergegeben. Dies lässt sich aus überlieferten Darstellungen von Frauen in sexuell eindeutigen Posen und Schriftstücken schließen, aus denen auch hervorgeht – wie die indische Archäologin Giti Thadani inzwischen nachgewiesen hat –, dass es sich um eine überaus lustvolle Art des Lernens gehandelt haben muss. Letztlich wurde der Zami-Kult vermutlich vom aufkommenden Patriarchat unterbunden, indem man den Frauen unter Androhung extremer Strafen (wie körperlicher Verstümmelung durch Abhacken der Füße) die Weitergabe ihres Wissens verbot. Später wiesen dann nur noch einige Geheimbegriffe auf diese kultischen Quellen hin: z.B. wurde das Herzzentrum »die Brüste der Schwester« genannt oder der meditierende Geist als »der Mutterschoß« übersetzt (und nicht wie heute oft üblich männlich assoziiert). Das heißt, auch in frühesten tantrischen Zeiten gehörte zu den weiblichen Kräften nicht nur die biologische Gebärfähigkeit, sondern auch die Fähigkeit, geistiges Leben hervorzubringen. Beide Fähigkeiten wurden nicht getrennt voneinander gesehen, sondern als das Mysterium der Frau angebetet und bildeten die Grundlage der Überzeugung, dass der Ursprung allen Lebens weiblich ist, und somit auch das erste Bild von Gottheit wie auch die ersten Paardarstellungen.

Mit weiteren Entwicklungen von Buddhismus, Hinduismus und anderen Grundlagen des Tantrismus entstanden neue Sichtweisen und Bewertungen von Frauen und Männern bis hin zu den auch in heutigen, westlich geprägten Tantrismusformen eindeutig patriarchalen Darstellungen z.B. des tantrischen Verschmelzungssitzens zwischen Shiva (bzw. Buddha), dem männlichen Gott, als große, in sich ruhende Figur, und Shakti (bzw. seiner Dakini), der Verkörperung weiblicher Gottheit, die als winziges Frauenfigürchen auf ihm sitzt. Es geht hier zwar auch immer wieder im Sinne des Yin-Yang-Prinzips darum, dass jede Frau die männlichen Seiten z.B. in Form des Bildes eines inneren Geliebten – verkörpert durch ihren realen Geliebten – durch energetische Verschmelzung in ihre innere Identität integriert (und für die Männer entsprechend umgekehrt), Ausgangspunkt aber ist zunächst die Polarität. Hier ist wieder das alte patriarchale Prinzip am Werke, demzufolge Gegensätze zunächst geschaffen werden, um sie anschließend zu integrieren. Es wird ein Konsens gebildet über eine angeblich archetypische Gegensätzlichkeit zwischen Frauen und Männern, und diese plakativ vereinfachten polaren Eigenschaften werden stets aufs Neue ideologisiert und spiritualisiert. So wird eine Eigenschaft wie Angriffslust eher männlich konnotiert als z.B. mit dem weiblichen Archetyp der Amazone in Verbindung gebracht. Dieses Polaritätsdenken reduziert uns also zunächst auf die gesellschaftlich üblichen Frauenrollen, um uns dann durch die Verschmelzung – entweder direkt mit Männern oder mit männlichen Energieformen – wieder daraus zu »erlösen«.

Viele Feministinnen, die durchaus offen für Impulse zu ihrer eigenen sexuellen Weiterentwicklung sind, finden den heutigen Trend zu tantrischen Workshops und Gruppen bedenklich, weil allein schon über die äußere Struktur von Ritualen heterosexistische Vorurteile und Einschränkungen weiblicher Rollen sichtbar sind. Wenn ich aber nicht an der Oberfläche bleibe, sondern mich einlasse auf tantrische Atmosphären, Übungen, Erfahrungswelten, die von weiblichem Wahrnehmen, Fühlen und Denken geprägt sind, kann ich als Frau eine derartige Stärkung, eine Verbindung mit anderen Frauen, eine Integration zu wenig gelebter Anteile und eine Transformation materieller in spirituelle Energie erleben, die klar frauenstärkend, frauenverbindend, frauenvernetzend wirkt und die anarchische Kraft unserer sexuellen Energie fördert. Das setzt selbstverständlich voraus, wirklich nur das zu akzeptieren, was das eigene Wachstum und die Entwicklung von Frauenkraft und Freiheit fördert – eine bewusste Gratwanderung zwischen Einlassen und Distanzieren, situativem Genießen und der Abgrenzung von vorschnellen Definitionen über die »weibliche Natur«, Geschlechterzuschreibungen usw. Doch auch eine zunächst sehr vorsichtige Gratwanderung kann sich in einen selbstbewusst erlebten Höhenweg verwandeln oder in eine wundersame Entdeckungsreise in ein weites Land, das den klassischen Vermessungen normativer Sexualität nicht entspricht ...

Was hat das heutige Tantra uns Frauen an Wachstumsmöglichkeiten zu bieten?

Tantra kann Frauen einen Weg bieten, die eigene Energetisierung und eine sich selbst bewusste Lebendigkeit nicht nur aus Aggression und Angstüberwindung zu beziehen, sondern aus miteinander erlebter Lust und Sinnlichkeit. Diese Art, miteinander zu sein, ist für meine Begriffe bei all den Kampfesnotwendigkeiten der neueren Frauenbewegungen viel zu sehr ins Hintertreffen geraten.

Es ist dringend an der Zeit, nicht mehr allein Solidarität im Kampf gegen oder im Leiden an etwas zu zeigen, sondern Solidarität im Erzeugen maximaler Lust und in der Expansion dieser Lust in alle Richtungen zu entwickeln! Dass dies nicht ohne Ängste, Misstrauen, Bearbeitung von Gewalterfahrungen und der Abwertung von Lust und Sinnlichkeit von statten geht, liegt auf der Hand.

Tantra bietet einen Weg darüber hinaus: Alle Schmerzen, alle Leiden, alle Gefühle von Ohnmacht und Schuld können erfahren und ausgedrückt werden. Das Ziel tantrischer Energieprozesse ist jedoch nicht, diesen Gefühlen allen Raum zu geben, sondern uns bewusst der anderen Seite, nämlich der Lust, der Sinnlichkeit, dem spirituellen Wachstum zu widmen. Es geht darum, unserer Sexualität wieder den heiligen Raum und die heilende Kraft zu verleihen, die sie eigentlich stets hatte. Dass dieser Weg nicht immer ohne Stolpersteine ist, sollte uns nicht daran hindern, ihn einzuschlagen.

Wenn ich mir alte tantrische Schriften aus Indien oder dem Tibet anschaue, geht es immer wieder darum, das Weibliche in den Mittelpunkt einer Kultur zu stellen, der Frau eine hohe Stellung einzuräumen, ja sie zur kosmischen Kraft, zur persönlichen Verkörperung der überpersönlichen Gottheit zu erheben. Dabei gibt es verschiedene Göttinnen (wie TARA, Kali, Baubo), die unterschiedliche Aspekte von Weiblichkeit verkörpern und durch deren Anrufung diese Aspekte bzw. Energieformen in Frauen aktiviert werden können.

Die uns überlieferte Grundidee besteht darin, dass Göttlichkeit nicht außerhalb, sondern in jedem Menschen, in jeder Frau vorhanden ist. Sie lässt sich erfahren in Momenten höchster Ekstase, die besonders über die sexuelle Vereinigung mit einer anderen Frau oder sogar vielen Frauen im Kreise gleichzeitiger Lust erreichbar ist und erlebbar macht, dass die Quelle des eigenen Vergnügens in uns selbst liegt, nicht in der Partnerin. So wird Sexualität zum irdisch-geheiligten Weg zum eigenen göttlichen Wesen, da sie als alles umfassende und begründende Lebenskraft die Ebenen der Körperlichkeit, der Emotionalität, der Kommunikation, der Geistigkeit und der Spiritualität miteinander verbinden kann.

Den Mut aufzubringen, das eigene Leben nach unserem Wissen und Wesen zu gestalten, ist für jede von uns ein Lebenswerk, da das psychische Wachstum sehr viel langsamer erfolgt als unsere geistigen Einsichten zum Thema Frauenkraft und Frauenautonomie. Also nehmen wir uns Zeit und nutzen wir diese! »Nutzen« heißt hier: den Zeitraum als Raum zum Leben sehen, als Raum, den ich mit Begegnungen, mit Gefühlen, mit meiner Lebendigkeit fülle, bis ich schließlich meine Lebenszeit in meiner mir eigenen Art verbringe und so meinen Lebenssinn finde. An diesem Punkt unterscheidet sich Tantra von Psychotherapie, indem z.B. bei tantrischer Phantasie- oder anderer Selbsterfahrungs»arbeit« alte Schwierigkeiten, Schmerzen, Störungen und Konflikte zwar »angespürt« und zum Teil auch ausgedrückt werden können, der Fokus aber auf der Suche nach der eigenen Lebenslust und ihren Grundlagen liegt. Die Widerstände, z.B. in Form von Abdriften in alte Schmerz- und Trauerreaktionen, werden entweder durch spielerischen Umgang oder durch strukturelle Grenzen reduziert. Der Lustaspekt wird im Wesentlichen durch die Förderung des Energieniveaus der Einzelnen betont, aber auch durch ein sinnlich-ästhetisches Ambiente und verlockende Experimente und Körperinterventionen in Richtung Dehnung, Entspannung und Erlaubnis zu mehr Durchlässigkeit. Wichtig ist dabei, zwar alle Zustände zu erlauben, die gerade spürbar sind, aber bestimmten Gefühlen nicht verhaftet zu bleiben, sondern sie zu beobachten und auch wieder loszulassen und einzelne Zustände durch hohe energetische Schwingungen auf das nächsthöhere Niveau zu transformieren. Auf der sozialen Ebene heißt das weder bindungslos-autonom herumzulaufen noch Eigenanteile auf andere (z.B. Männer) zu projizieren, sondern im Wissen um die Kraft der eigenen weiblichen Erotik einfach dasein zu können, sich selbst genügend, in sich ruhend und offen für Begegnungen, die dem eigenen Wachstum dienen.

Brauchen Frauen sexuelle Vorbilder?

Ja, weil die sexuelle Energie so stark sein kann, dass sie Angst macht. Vorbilder helfen, die Kombination aus Angst und Lust in Neugierde zu verwandeln, und das geschieht meistens durch bewusste oder halbbewusste innere Erlaubnis, so zu sein, wie ich wirklich bin. Diese Erlaubnis muss manchmal zunächst explizit von außen kommen (z.B. von einer Lehrerin), um ein Gegengewicht zu den vielen verinnerlichten Verboten und Verurteilungen zu bilden und eine Neuorientierung zu ermöglichen. Eine solche äußere Erlaubnis und entsprechende Positiv-Bewertungen sind natürlich nur dann wirksam, wenn sie zu inneren Werten werden, so dass vorübergehende Abhängigkeiten von »guten Autoritäten« auch wieder gelöst werden können.

Für viele von uns sind Bilder von sexuellen Frauen, wie wir sie z.B. aus unserer Mädchenzeit kennen, jedoch ambivalent oder negativ, weil in ihnen Sex mit Abwertung, Missachtung, Vereinnahmung oder Gewalt gekoppelt wurde. Vielleicht hatten wir aber auch Vorbilder – egal ob ältere Schwestern, die Jungfrau Maria oder Filmstars – die so entsexualisiert waren, dass das Bestreben, ihnen nachzueifern (= gut) und das Spiel mit sexuellen Gefühlen (= böse) grundsätzlich unvereinbar war.

Ich kenne diesen trotzigen Widerstand gegen alle und alles, was mir als Vorbild einer sexuellen Frau präsentiert wurde, weil ich mich darin gar nicht wiederfinden konnte und den heimlichen oder manchmal sogar offenen Anpassungsdruck abscheulich fand. Aber eine standfeste weibliche sexuelle Identität einzig aus den jeweiligen aktuellen (Liebes-)Beziehungen, den wenigen ehrlichen Rückmeldungen und dem eigenen Spiel aus Versuch und Irrtum zu beziehen, ist nicht einfach ... Da bietet es sich an, nach Bildern und Vorbildern zu suchen, die überpersönlich sind, die weder den kulturellen Anpassungsdruck verkörpern, noch so entfremdet sind wie die hiesigen Schönheitsikonen, die allgemein genug sind, um eine gute Projektionsfläche für eigene Wünsche und Sehnsüchte zu bieten, und die eine Frau in all ihren Dimensionen (körperlich – emotional – geistig – spirituell) verkörpern können. Zum Beispiel Göttinnen-Figuren. Doch Vorsicht: Viele Göttinnen sind patriarchalen Kontexten verhaftet und in ihrer weiblich-sexuellen Identität entsprechend verkürzt oder befinden sich in Abhängigkeit von männlichen Gottheiten. Und dennoch gilt für mich das für uns Frauen abgewandelte Zitat des Philosophen Erich Neumann: »Nehmt Ihr den Frauen die Göttin, so nehmt Ihr ihnen ihre Identität!«

Das leuchtet mir besonders deswegen ein, weil Frauenkraft schon zur Zeit der matristischen, also durch weibliche Genealogie und entsprechende Macht geprägten Gesellschaften u.a. dadurch geschwächt wurde, dass im beginnenden Patriarchat die ursprünglichen Göttinnenfiguren in ihrer Bedeutung herabgesetzt wurden bzw. negative Bedeutungen beigemessen bekamen oder aber verschwinden mussten und durch männliche Gottheiten »ersetzt« wurden.

Damit heute jedoch unsere Sexualität nicht weiterhin »verteufelt«, abgewertet, ignoriert, vereinnahmt oder im männlichen Blick verfremdet wird, brauchen wir Bilder, Vorbilder, Projektionsbilder, in denen sie sich deutlich zu erkennen gibt – und zwar auf eine Art, wie sie im weiblichen Blick erscheint. Mit meiner als Mädchen erlebten »Überdosis Katholizismus« kamen auch neuere Versionen von Marienbildern (die z.B. darauf hinauslaufen, ob Maria nicht doch als eigenmächtige Göttin anzuerkennen sei, statt nur als asexuelle Madonna und Mutter Gottes ihre Rolle zu spielen) nicht in Frage. Also suchte ich in vielen weiteren Religionen und Kulturen und fand schließlich TARA, die »Mutter Tibets«, die große Befreierin der Frauen, die freie Frau, die gelobt hatte, immer wieder als Frau zu inkarnieren, zum Wohle aller Frauen, zum Wohle aller Wesen. Der für mich wichtigste Aspekt ist jedoch, dass sie nicht als außerhalb von uns stehend angebetet wird, sondern als Verkörperung aller Frauen gilt, so dass ihre Anrufung in den jeweiligen Haupteigenschaften (z.B. Großzügigkeit, Mitgefühl, Geduld, Hingabe, schnelles Handeln, wo es nötig ist) bedeutet, diese Energien in mir selbst zu aktivieren, statt sie außerhalb von mir zu suchen. Weiterhin mag ich an dieser Figur – speziell der »Grünen TARA«, die als »Göttin des größeren Mitgefühls und des furchtlosen Handelns« gilt –, dass sie nur mit einem Fuß sinnlich-entspannt auf ihrer Lotosblume sitzend ruht, während der andere vorgestreckt ist, wie »auf dem Sprung in die Welt«, nämlich dahin, wo sie mit ihrem tiefen Mitgefühl für alle Wesen befreiend und stärkend eingreifen kann. Diese Bereitschaft, schnell die Zustände zu wechseln, ist für mich Vorbild einer sexuellen und politisch aktiven Frau.

Als Beispiel für ein Bild weiblicher Identität hier die sechs wunderbaren, von Unterdrückung befreienden Haupteigenschaften der TARA in uns (Näheres ist in den Büchern von Sylvia Wetzel und Pema-Dorje zu finden), wie ich sie für die Befreiung weiblicher Sexualität umformuliert habe:

1.

Großzügigkeit ist die Fähigkeit, nicht nur von sich selbst auszugehen, sondern über sich hinauszusehen. Großzügig zu sein bedeutet, ein großes Herz zu haben, das sehr viel erträgt, sich tief berühren lässt, allem Raum gewährt, sich selbst und anderen mit Wärme, Mitgefühl und Wohlwollen begegnet. Dadurch entsteht eine umfassende Bewusstheit, die gelassen und ruhig machen und helfen kann, in den Turbulenzen des Lebens den Überblick zu behalten. Großzügigkeit ist die Fähigkeit, sich selbst und anderen aus der Fülle des Herzens Liebe zu geben.

2.

Geduld heißt, gelassen zu sein, warten zu können, ruhig zu sein und sich den nötigen Spielraum für Entwicklungsschritte zu geben. Geduld schafft Raum – Lebensraum, Atemraum, Entfaltungsraum. Sie ist das Gegenteil von ängstlichen Abwehrhaltungen und dem rigiden »Nein!« allem Neuen und Fremden gegenüber. Geduld bedeutet, uns selbst und infolgedessen auch der so verflixt anders »gestrickten« Liebsten und allen übrigen Wesen gegenüber Langmut zu zeigen.

3.

Rechtschaffenheit bedeutet, niemandem zu schaden und niemanden zu verletzten; den Willen anderer zu respektieren; nichts zu nehmen, das nicht gegeben wird; nichts Unwahres zu tolerieren, sondern Illusionen zu überwinden und um Wahrheit zu ringen; mit anderen Worten: es geht um das Schaffen innerer Voraussetzungen für ein lebendiges, lustvolles, freies Frauenleben.

4.

Willensanstrengung und Fleiß – dies bedeutet, die eigene Energie zu wecken und schöpferisch einzusetzen, um sich so der kosmischen Energie zu öffnen. Dazu gehört auch die bewusste Entscheidung, zu üben (z.B. eine Meditation so oft zu praktizieren, bis sie zur Selbstverständlichkeit im Alltag wird) und innere Abwehrschwellen (z.B. die Angst vor allem Neuen) zu überwinden.

5.

Güte und Sanftmut – das heißt, selbst gütig zu werden und damit die TARA in uns zu erfahren. Das ist der große Wendepunkt im Leben. Damit sind nicht weibliche Selbstausbeutung, Aggressionshemmung und passive Opferbereitschaft gemeint. Es geht darum, (besonders sich selbst gegenüber) wieder weicher zu werden, den eigenen Hunger nach Licht, Wärme und Güte zu spüren und im Dunkel des eigenen Herzens die innere Sanftmut wiederzuentdecken und sich von ihr berühren zu lassen. Dadurch ergibt sich ein anderes, selbstverständliches Gewebe aus meinen unterschiedlichsten Gefühlszuständen und aus mir und den Menschen um mich herum. Mit Güte zu mir (und meinen sogenannten Schwächen) und zu anderen, mit Offenheit und Weichheit in meiner Ausstrahlung kann sich ein Netz aus Geben und Nehmen entwickeln, das von innerem Reichtum, Souveränität und Freiheit geprägt ist.

6.

Weisheit bedeutet, zu »erwachen« und auf diese Weise Sinn zu erfahren. Dies ist ein allmählicher, langwieriger Prozess des Werdens und Wachsens. Der bewusste Geist ist dabei das entscheidende Organ, und die Meditation oder auch die Sexualität in ihrer spirituellen Dimension sind Mittel und Weg. Die Weisheit überwindet alle »gegensätzlichen« Pole und erkennt die »Einheit der Vielheit«. Daraus ergibt sich auch eine Befreiung von Täuschung und Illusion, von Kämpfen und Krämpfen/Verkrampfungen. Weisheit durchleuchtet das Diesseits und hilft, das Vorhandene zu transzendieren. Der Weg der Weisheit geht durch die Stille.

Diese Eigenschaften, die ja längst in uns vorhanden sind, können am leichtesten hervorgerufen werden durch die Erinnerung an Situationen, in denen sie schon einmal erlebt wurden. Um sie zu verstärken und zum bewussteren Teil unserer Person werden zu lassen, singen wir das TARA-Mantra:

OM   TARE   TUTTARE   TURE   SOHA

Seine Bedeutung lässt sich etwa so übersetzen: Mit dem heiligen Laut, der als Klang der Meditierenden aller Sprachen stetig um die Erde erklingt, rufen wir dich, o TARA, deren wunderbare Eigenschaften in uns wach werden, Ängste vertreiben und Freude bewirken, zum Wohle aller Wesen, so sei es.

Die Stille als Ort, an dem sich die gütige Weisheit der TARA in mir entwickelt, ist aber nicht unbedingt einfach da, weil ich es so will. Manchmal brauchen wir zuerst die heftigen Bewegungen, das laute Getöse, das emotionale Aufbrausen oder viele Kontakte und Aktivitäten, bevor wir satt davon sind und probieren können, innere und äußere Räume der Stille zu betreten.

Das westlich orientierte Tantra fängt oft auch erst laut, bewegt, expansiv und kontaktfreudig an, bevor die bewusst wahrgenommene Energie in den Übungen und Ritualen immer feiner, stiller und inniger wird. Das Ziel des Tantra ist also eine Meditation der Liebe, die nicht an der sexuellen Lust vorbei, sondern mit ihr und durch sie hindurch geht. Dann können (fortschreitende) Tantrikas (also alle Frauen, die Tantra in irgendeiner Form praktizieren) auch z.B. orgastische Höhenwege ohne jegliche Berührung erleben oder aus wenigen Berührungen heraus in ekstatische Geisteszustände kommen, die ein enormes kreatives Potential freisetzen. Das ist die innere TARA, die Befreierin aus alten Hemmnissen und unnötig gewordenen Grenzen, die freie Frau, die ihre Weisheit aus ihrer Lust bezieht und damit in der Welt wirkt.

Das eigene Erleben kennen und wichtig nehmen

Einige Thesen zur gelebten und phantasierten Sexpraxis

Bevor ich mich den konkreten Anregungen für die Praxis zuwende, möchte ich einen Überblick über die Phänomene und Prozesse geben, welche die sexuelle Energie und ihre Verlaufsrichtungen charakterisieren.

Es gibt ein zeitübergreifendes und zugleich zeitabhängiges Grundbedürfnis unseres Körpers und unserer Seele nach Sexualität. Dieses Grundbedürfnis ist insofern zeitübergreifend, als es über das gesamte Leben, vom Beginn bis zum Tod, reicht, und es ist insofern zeitabhängig, als es sich in den jeweiligen Lebenszeiträumen unterschiedlich darstellt und dementsprechend empfunden und ausgedrückt wird. Es ist von einem (unbewussten) Trieb zu unterscheiden, da es sich nur zu einem geringen Teil um ein biologisch vorgeprägtes Muster handelt und im Wesentlichen um ein psychosoziales Bedürfnis.

Dieses Bedürfnis kann – ähnlich wie das Bedürfnis nach Liebe oder Aggression – nur mit einem hohen Energieaufwand unterdrückt, abgespalten oder »betäubt« werden, verschwindet jedoch nie ganz. Und dennoch verwende ich hier nicht den eben erwähnten Triebbegriff, weil es sich – anders als z.B. der Hunger nach Nahrung – zum einen um ein in besonderem Maße sozial und kulturell geprägtes Bedürfnis handelt, dessen Formen der Befriedigung sich an gesellschaftliche Rollen oder Anti-Rollen anlehnen, und zum zweiten um ein Bedürfnis, dessen Nicht-Befriedigung nicht lebensbedrohlich ist und das auch dauerhaft auf befriedigende Weise sublimiert und in andere Energieformen transformiert werden kann. Bekannte Formen der Sublimierung sind z.B. Herzensliebe zu einzelnen Menschen oder die lustvolle Suche nach geistigen Höhepunkten oder kreative Akte auf der Grundlage einer »zölibatären« Lebensweise. Häufig beobachten wir auch Kompensationen und Ersatzbefriedigungen wie alle Formen stoffgebundener (z.B. essen oder rauchen) und stoffungebundener Süchte (z.B. Spielsucht oder Arbeitssucht), besonders weil sie oft in direktem zeitlichen Zusammenhang mit nicht befriedigten sexuellen Bedürfnissen gesehen werden können. Dabei stehen besonders solche Ersatzbefriedigungen an erster Stelle, die auch Charakteristika von Sexualität lebbar machen, also etwas zu tun haben mit Regung, Erregung, Bewegung, Aufregung, mit Genuss, Kontrollaufgabe und Grenzauflösung.

Dem Grundbedürfnis nach Sexualität steht eine jahrhundertelange Frauengeschichte der Unterdrückung, Verleugnung und gewaltsamen Vereinnahmung, Entfremdung und Zerstörung weiblicher und insbesondere lesbischer Sexualität gegenüber. Hierzu gibt es eine Fülle exzellenter Literatur (ein Standardwerk ist und bleibt für mich Seelenmord von Ursula Wirtz), so dass ich darauf an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte. Es steht allerdings zu vermuten, dass viele Leserinnen die Auswirkungen sexueller Gewalt auf ihre Sexualität aus eigener Erfahrung kennen. Eine der vielen gelebten Möglichkeiten, weitere Schädigungen abzuwenden, ist das Prinzip »Identifikation mit dem Aggressor«, das in Selbstunterdrückung mündet, also in die Verleugnung sexueller Wünsche, den Einsatz der Sexualität für sexualitätsferne Zwecke (z.B. um eine eigentlich notwendige Auseinandersetzung um Interessensgegensätze zu vermeiden), das Verharren in der Opferrolle und die ambivalente Bewertung von Sexualität (von »dreckig« bis »heilig«).

Entsprechend der Stärke dieses Grundbedürfnisses und der Stärke seiner Unterdrückung entsteht häufig eine massive Angst vor Nähe und Kontrollverlust in der Sexualität, die sich wiederum in Form von verschiedenen anderen Ängsten auswirkt:

die Angst, sich so weit zu öffnen, dass die eigene Verletzlichkeit zutage tritt, weil damit die Möglichkeit neuer Verletzungen gegeben sein kann

die Angst, dass bei der Hingabe an mächtige und tiefe Gefühle und die damit verbundene Abgabe von Kontrolle ein (erneuter) Machtmissbrauch stattfinden könnte

die Angst vor Liebesverlust, Abwendung und Abwertung, wenn in großer Nähe auch die eigenen Schwächen groß erscheinen

die Angst vor den vielen kleinen unbeabsichtigten Verletzungen und »falschen Berührungen« und unbedachten Grenzüberschreitungen, die in der gemeinsamen, aber deswegen nicht stets harmonischen Bewegung und Reibung an den – nicht immer klar artikulierbaren – Grenzen entstehen können

die Angst, besonders im Orgasmus auch die Kontrolle über andere als »Liebes«-Gefühle zu verlieren, z.B. über die eigene Aggressivität, Wut, Rache, insbesondere wenn sich diese Gefühle gerade auf die Liebespartnerin richten oder sich aufgrund massiver vergangener Erfahrungen immer wieder in den Vordergrund drängen und die Betreffende zu überschwemmen drohen (z.B. die sog. flashbacks nach sexuellen Gewalterfahrungen)

die Angst vor der Größe der eigenen Lust – und damit auch der eigenen Mächtigkeit, denn Macht macht auch verantwortlich: für sich selbst, für die Gestaltung der Beziehung, für das Erleben oder das Vermeiden von Lust. Diese Freiheit der Wahl lässt die klassischen »Opfer-Argumente« (z.B. »Du bist schuld, dass ich wieder mal überhaupt kein Vergnügen hatte!«) nicht mehr gelten. Das kann ängstigen. Außerdem kann sich die eigene Macht am »eigenmächtigen« Handeln der anderen heftig reiben. Das kann ängstigen. Und große Gefühle lassen sich nur mit entschiedener Hingabe erleben – ansonsten machen sie Angst, in ihnen unterzugehen und jegliche Grenzen zu verlieren.

Zur Vermeidung all dieser Ängste (und damit letztlich zur Vermeidung von Sex) entwickeln Frauen wirksame Abwehrstrategien wie zum Beispiel:

Abwarten und Nichtstun, d.h. Rückzug in die Passivität oder die Opferrolle (z.B. die Verantwortung für das sexuelle Zusammensein der anderen überlassen)

Worte statt Taten (z.B. endlose nächtliche Beziehungsanalysen, statt den Mut zum ersten Schritt aufzubringen)

Notbremse ziehen: Unterbrechen der Kommunikation und des Erregungsflusses (z.B. Handeln nach dem Prinzip »erst locken, dann bocken«)

Sanft oder gar nicht: Reduzieren weiblicher Sexualität auf lieben »Kuschelsex« und gleichzeitiges Verlagern möglicher Spannungen und Konflikte nach außen bzw. in nicht-sexuelle Bereiche der Beziehung oder des Alltags

Flucht nach vorn: überzogenes sexuelles Handeln, der Situation oder Beziehung unangemessen; »cooler Auftritt« bei mangelhaftem Gespür und unter Vermeidung eines echten, lebendigen Dialoges miteinander

Ring frei: Umwandeln einer erotisch-sexuellen Atmosphäre zu einem Kampffeld für Machtausübung, Widerstand und Grenztests (z.B. einen Streit vom Zaun brechen, Diskussion um Regeln und Normen im sexuellen Zusammensein statt eines lebendigen Austauschs über Bedürfnisse und Grenzen in der gegebenen Situation)

Lies meine Gedanken: »Regelung« des sexuellen Zusammenseins durch unausgesprochene Erwartungshaltungen statt durch direkten und klaren Austausch über Wünsche und Grenzen

Never-ending Story: endlose Flirtspiele auf der erotischen Kontaktebene, ohne der Sehnsucht nach partieller Verschmelzung in der Sexualität nachzugeben

Hauptsache ganz anders: regelmäßiges Finden von Liebespartnerinnen, die als Persönlichkeiten derartig unterschiedlich/fremd sind, dass viele Gräben und Schwellen vor möglicher Nähe zu überwinden sind (und diese letztlich gar nicht oder nur langsam entstehen kann)

Verzweifelt gesucht: Traumprinzessin (oder auch stone butch), die dem eigenen Ideal entspricht oder so ist, wie eine sie braucht, um sich nicht ändern zu müssen. Wenn die gefundene reale Lady dann nicht so ganz passt, wird sie entweder durch selektive Wahrnehmung oder pädagogische Maßnahmen »zurechtgebogen«.

Karten neu mischen: häufiges Eingehen von leidvollen Drei- und Vielecks-Beziehungen zur Neu-Formierung von Nähe und Distanz, Geben und Nehmen, Angst und Sicherheit, Erregung und Ruhe

»Sex-Gymnastik« statt Ausbreitung der Sexualität auf allen Ebenen (z.B. Nachahmung genital fixierter Haltungen von Männern und Reduktion auf die Welt körperlicher Sensationen: der Körper oder die Aktivität der anderen ist nur noch reizauslösendes »Objekt« und ihre autonome Lust wirkt eher störend)

Statt mit diesen lebendigkeitsbehindernden Abwehrstrategien die Ängste vor Sexualität zu vermeiden, gibt es auch Möglichkeiten, sie zu durchleben und zu überwinden. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, sich selbst immer besser kennen, schätzen und lieben zu lernen und der eigenen (Geschlechts-)Identität so weit entgegenzuwachsen, dass auch die Unterschiedlichkeit der Geliebten nicht mehr als bedrohlich, sondern als spannend und bereichernd erlebt werden kann. Wie das gehen könnte? Hier sind einige Möglichkeiten, die genannten Abwehrstrategien sowie die dahinterstehenden Ängste aufzuweichen und zu verringern:

der Sexpartnerin gegenüber mögliche wunde Punkte deutlich machen und Vereinbarungen darüber treffen, wie damit umgegangen werden soll

sich selbst immer wieder die Unterschiede zwischen früheren Verletzungsbeziehungen (z.B. zu gewalttätigen Eltern oder grenzüberschreitenden ehemaligen Liebsten) und heutigen sexuellen Begegnungen oder Liebesbeziehungen klarmachen

Abschied von der Illusion, dass Nähe ohne jegliche neue Verletzungen, Grenzüberschreitungen und Übertragungen möglich wäre

Selbst-Konfrontation mit den eigenen »Dämonen«, z.B. mit der Angst vor Kontrollverlust oder der Angst vor der Maßlosigkeit der eigenen sexuellen Wünsche, ohne dabei die Sexpartnerin als Spielfigur in das eigene Drama hineinzuziehen. (Wenn z.B. die Sexpartnerin mir wie ein Monster an Maßlosigkeit vorkommt, liegt die Frage nach meiner eigenen Maßlosigkeit oder der Angst, die Kontrolle darüber zu verlieren, näher als ein Bekämpfen der Maßlosigkeit der anderen.)

Inszenierung von (Rollen-)Spielen oder Bewegungsfolgen, in denen statt des befürchteten Kontrollverlustes die aktive Kontrollaufgabe lustvoll erlebt werden kann

Auseinandersetzung mit den beim Sex möglicherweise hervorsprudelnden Gefühlen aus anderen als sexuellen Begegnungen (z.B. Ärger über ArbeitskollegInnen) in anderen als sexuellen Situationen – wenn schon nicht gleich in den Auslösesituationen

sich eventuell ein »Umschaltritual« zwischen Arbeitsstress und Freizeitaktivität gönnen, um sich dann aus einem Zustand von etwas größerer Entspannung innerlich auf ein etwas höheres Spannungsniveau, nämlich auf Wohlspannung für eine sexuelle Begegnung einzustimmen (siehe Kapitel »Einstimmungen«, Abschütteln des Alltags …)

Das dialogische Prinzip, kurzum: das Miteinander-Sprechen als Grundlage sexuellen Kontaktes ist in unserer Gesellschaft durch ein sehr reduziertes Sexvokabular massiv eingeschränkt: Sexvokabular klingt entweder technisch oder medizinisch oder wissenschaftlich-neutral und damit gefühlsarm, oder es stammt aus dem oft frauenverachtenden Rotlicht-Milieu, oder es romantisiert die Dinge und nennt sie eben nicht beim Namen, was eine Verständigung erschwert. Da die Gesten- und Gebärdensprache bei einem eher entfremdeten und z.T. abwertenden Verhältnis zum eigenen Körper ebenfalls nicht sehr klar und vielfältig sein kann, ist – bei aller Liebe – die Gefahr von Missverständnissen und versehentlichen Verletzungen nicht zu leugnen. Wir brauchen also neue sinnliche, abwertungsfreie und allgemein verständliche Sprachkreationen, damit eine offenere Kommunikation – gerade auch im Verbalbereich – möglich ist und eingeübt werden kann.

Sex braucht nicht nur Formen von Liebe, sondern auch Körperbewusstsein und körperliche Übung als Grundlage: Weibliche Sexualität wird nämlich in weitaus stärkerem Maße von Körperlichkeit, dem Selbst-Bewusstsein der eigenen Körperlichkeit (Körperliebe, Körperbewertung oder Körperentfremdung) und von körperlicher Übung (z.B. als Beweglichkeit und Muskeldurchblutung) mitbestimmt, als die meisten Frauen es wahrhaben wollen. Diese These soll nicht missverstanden werden als erneutes Plädoyer für akrobatische Sex-Gymnastik oder die neue »Körperkultur«, die sich mehr um das präzise Funktionieren und die äußeren Formen des Körpers dreht als um eine Weiterentwicklung und Kultivierung der eigenen Sinnlichkeit. Es geht darum, nicht der romantischen Illusion aufzusitzen, dass es mit dem Sex schon klappen wird, wenn die Gefühle nur stimmen, es also »wahre Liebe« ist, sondern die Wahrnehmung des eigenen Körpers, seine Beweglichkeit und Energiedurchlässigkeit so zu fördern, dass er wirklich zum Medium sexueller Liebe werden kann, statt durch seine diversen Blockaden auf sich aufmerksam zu machen.

Selbstliebe und Selbstbefriedigung haben sowohl einen identitätsstiftenden Eigenwert als auch einen hohen Beziehungswert