Sternentor - Matthias Falke - ebook

Sternentor ebook

Matthias Falke

0,0

Opis

Frank und Jennifer sind mit der brandneuen MARQUIS DE LAPLACE zu einer bereits früher entdeckten Ringgalaxis unterwegs. Sie sind die einzigen Menschen an Bord des riesigen Schiffes, das von einer Tloxi-Crew gesteuert wird. Wozu manipuliert jemand eine ganze Galaxis - und wer ist dazu überhaupt in der Lage? Nur mühsam entreißen sie dem Rätsel seine Geheimnisse und am Ende stehen sie vor einer radikalen Entscheidung.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 389

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Matthias Falke

Sternentor

© 2016 Begedia Verlag

© 2014 Matthias Falke

Umschlagbild – Alexander Preuss

Lektorat, Satz und ebook-Bearbeitung – Harald Giersche

ISBN-13 – 978-3-95777-087-5 (epub)

Besuchen Sie uns im Web:

http://verlag.begedia.de

Das ENTHYMESIS-Universum

Eine Science-Fiction-Saga in sieben Trilogien

1. Laertes

2. Exploration

3. Gaugamela

4. Zthronmic

5. Tloxi

     - Kampf mit den Tloxi

     - Phalansterium

 - Sternentor

6. Jin-Xing

7. Rongphu

Kapitel 1: Die fremde Galaxie

Das Schiff verließ den Warp und glitt in den Normalraum. Blaue Energie troff von seinen Flanken und verrieselte, als es sich neu ausrichtete. Bei konventionellem Antrieb nahm es die letzte, kurze Etappe seiner Reise in Angriff. Sein Ziel lag sichtbar vor ihm.

Es war das sechste Schiff dieses Namens, deutlich größer als der Prototyp, dessen Jungfernflug einige Jahrhunderte zurücklag, aber dennoch kleiner als das letzte Modell. War jener Kreuzer noch zwölf Kilometer lang gewesen, wovon ein nicht unbeträchtlicher Anteil auf den gewaltigen Reaktorblock und die mächtigen Triebwerke entfiel – die aktuell nicht mehr nach dem Rückstoßprinzip funktionierten, sondern nach dem der Raumzeitkrümmung mithilfe induzierter Gravitationswellen –, hatte das jüngste Schiff der Klasse schlanker und leichter konzipiert werden können. Neuartige Sprungmodule aus hochreinem Zthrontat und weiterentwickelte Aggregate zur Energieumsetzung hatten es möglich gemacht, auf ein Viertel der Abmessung und auf die Hälfte der Ruhemasse zu verzichten.

Das Schiff lag sicher auf seinem Kurs. Es steuerte sich selbst mit Hilfe einer holistischen KI, die über seinen ganzen, immer noch eindrucksvollen Rumpf verteilt war. Seine Besatzung bestand aus zwanzig Androiden. Tloxi. Außerdem aus zwei Humanoiden. Auch das war eine wesentliche Errungenschaft, gemessen an den Schiffen des Prä-Warp-Zeitalters, die mit einer Mannschaft von bis zu zehntausend Mitgliedern beider Stäbe unterwegs gewesen waren.

Die Destination des Schiffes war eine Ringgalaxie, der es sich jetzt langsam mit Unterlichtantrieb näherte, um sie ausführlich zu beobachten und mit seinen Sensoren zu bestreichen. Es war eine kleine Galaxie. Ihr lichter Durchmesser betrug nur einige zehntausend Lichtjahre. Die toroide Struktur, aus der das System bestand, enthielt ersten Schätzungen zufolge rund eine Milliarde Sterne. Diese beschränkten sich ausschließlich auf das reifenförmige, in körnigem Silber schimmernde Äußere der Galaxie. Ein Außen, dem kein Innen zu korrespondieren schien. Denn die Struktur wies weder Scheibe oder Spiralarme noch Halo auf, und ihr Zentrum war eine wüste Unwahrscheinlichkeit, an der sämtliche Versuche der Fernerkundung abgeglitten waren wie Pfeile an einer konvexen Keramik. Dort war buchstäblich nichts.

Das Schiff befand sich oberhalb der Ekliptik des riesigen Reifens, in einer Entfernung von einigen tausend Lichtjahren, so dass die Ringstruktur als ganze einzusehen war. Obwohl seine Geschwindigkeit beträchtlich war – sie lag im ganzzahligen Prozentbereich von c –, war sie nicht annähernd ausreichend, um die Galaxis in Rahmen menschlicher Lebensspannen zu erreichen. Die Position war als Beobachtungsposten gewählt, die Geschwindigkeit im Wesentlichen dem Faktor Zeit geschuldet, einem Medium, dem die nicht-biologischen Mitglieder der Crew gleichgültig gegenüber standen, das an den beiden Angehörigen einer aus Evolutionsprozessen hervorgegangenen Spezies aber nicht in gleicher Weise spurlos vorüberging.

Der künstliche Zeitraffer, der durch den Anflug bei oszillierendem Warp entstanden war, hatte dokumentiert, dass die Galaxis höchstwahrscheinlich nicht aus natürlichen Prozessen hervorgegangen war. Aus einer Entfernung von einigen Millionen Lichtjahren betrachtet – also vor einigen Millionen Jahren –, hatte sie sich noch als konventionelle Scheibengalaxie gemäß des Hubbleschen Kataloges präsentiert, der auch mehrere Jahrhunderte nach seiner Formulierung nichts an Treffsicherheit eingebüßt hatte. Doch dann, gespenstisch anzuschauen, wenn auch aufgrund der Entfernung leider nicht in der gebotenen Weise aufzulösen, hatte die Galaxis ihr Erscheinungsbild in stupender Form verändert. Die Sterne des mittleren Bereichs waren nach außen gewandert und hatten sich zu einem dichten, toroiden Strang geordnet. Das Zentrum, wo bis dato ein gewöhnlicher Wulst von einigen hundert Lichtjahren Mächtigkeit gelegen hatte, war urplötzlich – wenn man kosmische Zeitmaße anlegen wollte – im Rahmen weniger Jahrtausende  erloschen.

Wir staunten nicht schlecht: Wie hatte sich die Welt während unseres Winters auf Musan verändert! Sin Pur verfügte über eine Orbitalstation! Wir mussten nicht landen, um auf eine interstellare Fähre umzusteigen. Das Shuttle, das uns in Loma Ntang abgeholt hatte, dockte einfach an dem Port an, den man in der Zwischenzeit auf einer hohen stationären Umlaufbahn errichtet hatte, und Augenblicke später saßen wir in einer Tloxi-Fähre, die uns aus dem ungleichen Doppelsystem in den Raum jenseits der Sterne katapultierte.

Auch den Torus erkannten wir kaum wieder. Die reifenförmige Raumstation, die ein Rohbau gewesen war, als wir sie verließen – und die eine Bauruine zu werden drohte, als die Ausläufer des Zthronmischen Krieges sie erreichten –, prangte als voll ausgebauter Stützpunkt im schillernden Licht der beiden Sonnen alpha- und beta-Horus, die es in stark exzentrischer Ellipse umkreiste. Das Innenleben glitzerte nur so vor brodelndem Leben und brandneuer Tloxi-Technologie.

Und so überall. Raumhäfen, Orbitalstationen, Tiefraumbasen, Minenkolonien, Großraumschiffe und vollautonome Abbauflotten – die Union barst aus allen Nähten. Moderne Anlagen wuchsen überall aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Regen. Die Tloxi ließen ihre geballte Expertise, die sie während der ersten Phase unserer Zusammenarbeit zurückgehalten hatten, auf uns überfließen. Die Menschheit und die anderen assoziierten Völker antworteten mit Kapital, Rohstoffen, Arbeitskraft und expandierenden Märkten. Jeden Tag wurden neue Schiffe vom Stapel gelassen, neue Stationen eingeweiht, neue Erzgruben eröffnet, neue Asteroiden für die vollautomatische Ausbeutung freigegeben. Alle paar Wochen wurden der verblüfften Öffentlichkeit neue Schiffstypen vorgestellt, neue Kommunikationsmittel und Zahlungsmethoden, neue technische Gimmicks und Featurettes. Neue Routen wurden eröffnet, neue Welten erschlossen, neue Völker entdeckt und eingegliedert, neue Galaxien exploriert.

Die Union prosperierte. Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt drohte sich selbst zu überholen. Die Bevölkerungen ganzer Planeten wurden in die interstellaren Kreisläufe an Personal und Konsumenten eingeschleust. Es kam uns vor, als wären wir Jahrzehnte fort gewesen. Dabei waren es nur ein paar Monate.

Es gab auch weniger Schönes zu erfahren, als wir aus unserer Isolation in die zivilisierte Gemeinschaft zurückkehrten. Rogers war tot. Reynolds war nach menschlichen Begriffen ebenfalls gestorben, hatte sich jedoch ins telepathische Kontinuum der Tloxi hochgeladen. Wir konnten mit ihm sprechen, wo immer wir auf einen Konsolenarbeitsplatz oder eine Bord-KI stießen, die auf dem Prinzip der Qbox basierte – das er entwickelt hatte. Und solche Stellen wurden buchstäblich von Minute zu Minute mehr.

Jill und Lucio hatten sich auf jene geheimnisvolle Tiefraumstation namens PHALANSTERIUM begeben, um an dem kaum weniger geheimnisvollen Programm teilzunehmen. Jill war schwanger.

Laertes hauste noch immer auf dem Torus. Wir trafen ihn, einige Tage nachdem wir unsere ehemalige Kabine dort wieder bezogen hatten. Er wanderte in dem hunderte von Kilometer langen, reifenförmig in sich selbst zurücklaufenden Korridor dahin. In jedem der zwanzig Module, die als knospenartige Verdickungen in regelmäßigen Abständen an den Außenseiten dieses Torus hingen, hatte er eine kleine Unterkunft. Dazwischen verkehrte das Beförderungssystem. Hin und wieder sprach er über eine der holographischen Konsolen, die es überall gab, mit Reynolds oder Jill. Oder er traf sich mit Vertretern anderer Spezies zu einem philosophischen Plausch in einem Bistro. Meist schien er jedoch allein zu sein, in seine Gedanken und Erinnerungen eingesponnen, ein ewiger Wanderer, dem es nichts ausmachte, dass er alle paar Wochen an denselben Läden und Lokalen vorüberkam. Auch der Torus veränderte sich rapide. Es war keine Schande, wenn man ihn nach einem Monat nicht mehr wiedererkannte. Uns gegenüber war Laertes wortkarg. Wir ließen ihn bald wieder ziehen.

Nachdem wir uns häuslich eingerichtet hatten, begaben wir uns zum Büro der fliegenden Crew. Wir regelten unsere Demission, nachdem wir uns wegen Jennifers Zusammenbruch auf unbestimmte Zeit hatten suspendieren lassen. Die Stelle wurde zu einem umgekehrten Rekrutierungsbüro für uns. Wir betraten sie als Offiziere der Union und verließen sie als freie Menschen. Bei Gelegenheit würde man einen offiziellen Akt abhalten und unseren Abschied öffentlich machen. Damit hatten wir es nicht eilig. Wir überließen das dem bürokratischen Mahlwerk offizieller Stellen, wo es schon irgendwie verloren gehen würde.

Wir bekamen ein Ruhegehalt, das der Pension verdienter Offiziere und Kriegsveteranen entsprach. Es war mehr, als wir erwartet hatten. Immerhin fehlten uns noch ein paar Jährchen bis zum entsprechenden Alter. Andererseits waren wir in materieller Hinsicht weniger anspruchslos als ahnungslos. Wir hatten nie für uns selbst aufkommen müssen. Das hatte stets die Union getan. Auf Schiffen, wo es alles umsonst gab, und auf Basen, wo die einschlägige Auswahl an der Kompaniebar die einzige Gelegenheit war, das Geld, das wir verdienten, auch wieder auszugeben, hatten wir unsere Kontostände studiert, die gleichgültiger und abstrakter für uns waren als die Spektren irgendwelcher Sterne oder die atmosphärische Zusammensetzung der von uns entdeckten Welten. Wir hatten nie ein Leben außerhalb der Einsätze geführt, nie eine Familie gegründet oder einen Wohnsitz gehabt. Wir hatten nie etwas besessen. Dementsprechend ließen uns auch die Beträge, die uns nun Monat für Monat angewiesen werden würden, einigermaßen kalt.

Wir behielten unsere Ränge und die damit verbundenen Privilegien, abzüglich der damit einhergehenden Befehlsgewalt. Unsere letzte Maßnahme bestand darin, unseren Bericht ins Stabslog zu stellen, den wir auf Loma Ntang verfasst hatten und der die Geschichte der Union von den Jahrzehnten der Interstellaren Exploration bis zum Kampf um GROM enthielt. Dann waren wir sämtlicher Rechte und Pflichten ledig.

Einige Tage blieben wir noch auf dem Torus. Es war so viel geschehen! Viel mehr, als sich mit unserer Vorstellung von einem Winter in Einklang bringen ließ, zumal der abgeschiedene Aufenthalt in den Bergen von Musan uns im Nachhinein viel kürzer vorkam. War es nicht ein einziger, strahlend heller, arbeitsreicher und verschwiegener Tag gewesen, den wir in den heiligen Mauern Loma Ntangs geweilt hatten? Aber wie bei einer Zeitdilatation kehrten wir ahnungslos zurück und hatten Jahrzehnte nachzuholen. Gefühlte Jahrzehnte der politischen, militärischen und technologischen Entwicklung.

Rogers’ Expedition nach Hyperborea war erfolgreich. Irgendwie. Am Ende war es dem alten Haudegen gelungen, den verbissenen Widerstand der termitenartigen indigenen Spezies dort zu brechen. Der Preis war gewaltig. In materieller Hinsicht, an Menschenleben und an Ansehen hatte die Union dort sehr viel mehr investiert, als selbst der reichste Rohstoffplanet wert sein konnte. Zur Kolonisierung war er übrigens immer noch nicht freigegeben. Die Dekontaminierung der völlig verwüsteten Welt würde noch geraume Zeit beanspruchen.

Rogers selbst war einem Bombenattentat in Pura City zum Opfer gefallen, das er in The City umbenennen und zum strategischen Hauptquartier der Unionstruppen in diesem Sektor der Galaxis hatte machen wollen. Das Schicksal war ihm in Gestalt der puranischen Verbitterung dazwischen gekommen. Im Stab kochten für ein paar Tage Überlegungen hoch, die Stadt in Rogers City umzutaufen. Doch nahm man davon wieder Abstand, da es unweigerlich als Provokation aufgefasst werden und Anlass zu neuen Übergriffen bieten würde.

Nicht ohne eine gewisse Ratlosigkeit saßen wir auf unserer kleinen, spartanischen Suite, rekapitulierten die Nachrichten der letzten Zeit – die öffentlichen und die nicht ganz so öffentlichen im geschützten Teil des Stabslogs – und fühlten uns allmählich wie jene Sagengestalt, die ganze Jahrhunderte verschlafen hatte und in einer Welt erwachte, in der sie sich nicht mehr zurecht fand und die sie nichts mehr anging. Da erreichte uns die Anfrage des Kontinuums, die aus wenigen Wörtern bestand und im sattsam bekannten, unprätentiösen Stil dieser Wesen abgefasst war.

Jennifer wand sich aus dem Scyther-Futteral. Ihr Körper glänzte von dem rosafarbenen Schleim, der langsam an ihr herabtropfte und dem sie keine Beachtung schenkte.

»»Protokoll«, sagte sie im Ton einer direkten Ansprache an die KI. »Flow und Koordination deutlich verbessert. Immer noch Probleme bei Trägheit und Dämpfung. Die emotionale Komponente gut und stabil. Sehr schön!«

Sie stand triefend da und dachte eine Weile nach.

»Ach so, und der Gestank!« Sie lachte hell, dass es in der weiten Vorhalle echoartig widerklang. »Es wird langsam besser. Aber ich bin überzeugt, da geht noch was!«

Sie ging ein paar Schritte auf und ab. Ihre Füße hinterließen glitschige Spuren, die vom Bodenmaterial absorbiert wurden.

»Ich kann das später noch präziser formulieren. Aber ich denke, das war’s für’s Erste. Danke.«

Ein hoher Ton verkündete das Ende der Protokollfunktion.

»Dusche!«

Ein warmer Regen bildete sich über ihr, in dem sie sich wohlig dehnte. Dann begann sie, leise vor sich hinsummend, sich den Schleim des Scythers abzuwaschen, der für den interaktiven psychosensorischen Kontakt des Futterals notwendig war.

»Seife! Bergamotte!«

Das Wasser wurde seidig. Sein PH-Wert stieg leicht ins Alkalische. Gleichzeitig begann ein süßer, zitrusartiger Duft den Vorraum des Testmoduls zu durchfluten.

»Ah, ist das herrlich. Das Beste an den Experimenten ist das Duschen hinterher!«

Der Schaum verschwand zu ihren Füßen im porösen Boden, wie das Wasser sich wenige Dezimeter über ihrem Kopf aus dem Nichts zu materialisieren schien. Das Schiff verfügte über eine hyperdimensionale Rohrpost der neuesten Generation, die es möglich machte, Personen, Gegenstände und Materie beliebig durch den Raum zu transportieren, genauer gesagt: über ihn hinweg.

»Danke!«

Jennifer drückte das Wasser aus den Haaren und wischte es sich mit der flachen Hand aus dem Gesicht. Ein warmer Luftstrom trocknete sie in wenigen Augenblicken. Sie langte an ihren rechten Oberarm und aktivierte das dünne, daumennagelbreite Band aus sensoriellem Gewebe, das sie dort trug. Der mattgraue Stoff floss über ihre Schulter und ihre Hüfte und bildete einen weichen, straff sitzenden Sport-Bikini.

Sie durchquerte den elegant geschwungenen Raum, dessen sensenförmiger Grundriss eine Hommage an die kosmischen Flugwesen war, deren semiorganisches Innenleben hier mit kybernetischen Mitteln nachempfunden wurde, und fiel dabei in eine leichte Laufbewegung. Jenseits der großen, weit offen stehenden Schleuse kam sie auf den zentralen Korridor des Schiffes, den sie der Länge nach hinunter joggte. Fast acht Kilometer. Das System stellte sich auf die Werte ein, die sie programmiert und in zahllosen Durchgängen immer weiter perfektioniert hatte. Die Luft roch nach Wald und frischen Tannennadeln. Der Boden war elastisch, als sei er von Moos bewachsen.

Am Umkehrpunkt hielt Jennifer an und verschnaufte eine Minute.

»Ergometer«, sagte sie.

Aber das war nicht nötig. Das Schiff kannte ihr Ritual und hatte bereits einen auf Agrav-Elementen basierenden Fahrradtrainer aus dem Boden wachsen lassen.

Jennifer nahm Platz, wobei sie zum Heck des Schiffes blickte. Die Rückwand der Halle, die das achtere Ende des begehbaren Bereichs bildete, wurde transparent. Von ihrem Sitz aus, zwanzig Stockwerke über der Kupplung zum hinteren Segment, blickte sie über die Reaktorkammer und die gewaltigen Dimensionskrümmer des Haupttriebwerks hinweg.

»Ich habe Durst. Safran-Granatapfel!«

Wenige Augenblicke später hielt sie ein Getränk in Händen, das krokusgelb und karminrot marmoriert war. Sie radelte bei geringem Widerstand einige Kilometer und schlürfte dabei langsam an dem Fruchtsaft.

»Musik.«

Aus den Lautsprechern ertönte leise das Adagio aus Aram Chatschaturians »Gayaneh« – das Programm wusste auch hier über ihre Vorlieben bescheid.  

Ihre Miene war ruhig und konzentriert. Ihr Blick aufmerksam, obwohl sie zum Heck des Schiffes hinausschaute und die vor diesem liegende Ringgalaxie nicht sehen konnte. Andere Systeme lagen in der gelassenen Leere, größere, komplexere, farbigere, prachtvollere. Jennifer blickte über ein Archipel von Galaxien hinweg, das Millionen Einheiten zählte und sich in allen Richtungen ins Unermessliche dehnte. Es war die Superstruktur, die sie selbst vor einigen Jahren entdeckt und auf den Namen »Das Große Manifest« getauft hatte, ein Galaxiencluster, der um ein Vielfaches gewaltiger als die Große Mauer war, die wiederum die Lokale Gruppe um viele Größenordnungen übertraf. Das Manifest war mehrere Milliarden Lichtjahre von Milchstraße und Andromeda entfernt. Eine Entfernung, die selbst einem Schiff wie der neuen MARQUIS DE LAPLACE  bei oszillierendem Warp mehrere Tage abverlangte.

»Danke.«

Jennifer war abgestiegen und hatte den geleerten Becher im Nichts abgestellt.

»Ich glaube, zurück würde ich gerne schwimmen.«

Sie nahm ein paar Schritte Anlauf und katapultierte sich mit einem Hechtsprung in den Korridor hinein. Die Feldgeneratoren manipulierten Gravitation und Atmosphäre, sodass sie der Schwere und dem Strömungswiderstand von Wasser entsprachen. Jennifer kraulte durch Luft, die imaginären Wellen mit straffem Beinschlag verdrängend. Die Trägheit des nur vorgestellten Elements wurde von der Bord-KI – auch darin ausgetüftelten Vorgaben folgend – so eingestellt, dass die Distanz einer Schwimmstrecke von einem Kilometer entsprach. Jennifer überwand sie mit gleichmäßigen, geschmeidigen Bewegungen.

Am Bug des Schiffes angelangt, setzte sie die Füße wieder auf den Boden. Das Rauschen und Glucksen, das zur Erzeugung höherer Authentizität eingespielt worden war, erlosch.

»Liege!«

Ein gravimetrischer Stuhl erschien. Jennifer ließ sich hineinfallen. Das Beinteil fuhr nach oben, die Kopfstütze glitt behutsam zurück. Jennifer kam in einer ergonomisch angepassten, beinahe waagerechten Position zu liegen, die Knie etwas höher als der Kopf. Sie ließ sich von der Wärme durchströmen, die das Training in ihr freigesetzt hatte, und genoss die Schwere nach dem kleinen privaten Schiffstriathlon.

»Magst du dir nie wieder etwas anziehen?«, fragte Frank.

Er saß an einer holographischen Konsole auf der Backbordseite, den Scyther-Modulen in respektvollem Abstand gegenüber, und studierte die einkommenden Berichte des Drohnengeschwaders.

»Gefalle ich dir nicht mehr?«

Jennifer hatte einen weiteren Drink angefordert, an dem sie gierig trank.

»Du gefällst mir viel zu gut!«

Jennifer ließ das spöttische Grinsen einige Sekunden lang auf ihren Zügen und knipste es dann aus, als sie zur Kenntnis nehmen musste, dass niemand da war, der sich darin sonnte.

Norton widmete sich wieder seinen Daten.

Sie lag da, schlürfte an ihrem Getränk, verfolgte mit einem Teil ihres durchlässigen Bewusstseins, wie ihre Puls- und Atmungswerte sich normalisierten und ihr Körper damit anfing, Milchsäure abzubauen und den Trainingsimpuls zu verarbeiten, während sie mit einem anderen Norton zusah, der ernst die Anzeigen der kleinen virtuellen Konsole studierte, die er auf einem Tischchen vor sich hatte erscheinen lassen.

Sie fand, dass er alt geworden war. Das Haar begann von den Schläfen her grau zu werden. Auf der Stirn und um die Augen gruben sich Falten ein. Die Mundwinkel wurden hart. Seine Hände zitterten jedesmal ein wenig, wenn er die immateriellen Seiten weiterwischte.

»Schon was Neues?«, fragte sie nach einer Weile.

»Nichts.« Er wurde immer noch lakonischer. Oft schwieg er den halben Tag, und wenn sie etwas fragte, antwortete er einsilbig.

»Wir werden etwas finden«, sagte sie.

»Kann sein, dass wir tausend Jahre suchen!«

»Tausend Jahre!« Sie klang beinahe fröhlich. Wie gut das Workout jeden Morgen tat! »Vielleicht aber auch  nur hundert!«

»Na dann.« Er schaltete den Bildschirm aus. Die Konsole verschwand. Für einen Augenblick wirkte er müde und leer. Dann straffte er sich und stand auf. »Wie war das Training?«

»Gut«, sagte sie, während er langsam zu ihr herüber schlenderte. »Allmählich komme ich wieder in Form. Und ich merke auch, dass es mir hier gut tut!« Sie tippte sich gegen die Schläfe.

»Freut mich.«

»Ja, ich denke, ich bin über den Berg.«

»Träume?«

»Ab und zu, aber nicht mehr schlimm.« Jennifer lächelte. Ihr Blick wurde abwartend, dann lauernd, als Norton sich ihrer Liege näherte. Sie folgte mit den Augen seiner Hand, die wie absichtslos über ihre Knie streifte, ihre Hüfte antippte und auf ihrem Oberarm verweilte.

»Und was möchtest du jetzt machen?«, fragte er.

»Was du willst.«

»Ich denke, heute tut sich nichts mehr.« Er nickte über die Schulter hinweg zu seinem Arbeitsplatz, auch wenn der inzwischen von der Grundsubstanz des Schiffes eingezogen worden war. »Was hältst du davon, wenn wir uns den Rest des Tages frei nehmen?«

»Du bist der Kommandant!«

»Nur, weil du nicht wolltest!« Sein Lächeln brauchte eine Weile, als wäre es zu lang gesessen und müsste erst wieder in Schwung kommen.

»Hier oder auf der Kabine?«

»Hier nicht.« Er zog seine Hand zurück, was mit seinen Blicken nicht gelang, die immer wieder zu den Scyther-Futteralen abirrten.

»Eines Tages wirst du es auch ausprobieren.« Jennifer sprang von der Liege. »Du wirst sehen. Am Ende kannst du gar nicht mehr genug davon kriegen.«

»Ich weiß, wovon ich nicht genug kriege!«

Er zog sie an sich und berührte beiläufig den Button an ihrem Oberarm, der ihren Bikini zum Verschwinden brachte.

Ich setzte mich auf und zog die Beine an. Über das Fußende des Bettes hinweg sah ich ins Leere.

»Entspann dich.« Jennifer räkelte sich an meiner Seite.

»Ich bin entspannt.«

»Den Eindruck habe ich nicht.« Sie ließ sich rücklings in die Kissen sinken. Wenig später verkündete ein schlürfendes Geräusch, dass sie ihren Drink vom Nachttisch geangelt hatte.

Ich folgte ihrem Beispiel und wies die Automatik an, mir ein Glas Wasser zu erzeugen. Das System war in der Lage, hunderte Arten von Wasser zu erzeugen. Frisches Quellwasser und perlenden Sprudel, stilles Heilwasser und heiliges Wasser, das der mineralischen Zusammensetzung irgendwelcher magischer Vorkommen auf einem Dutzend verschiedener Welten nachempfunden war. Das Wasser gab es so wenig wie Das Brot, Das Obst oder Den Wein. Man konnte all das aus den unterschiedlichsten Menüs auswählen. Persönliche Vorlieben wurden Gott sei Dank gespeichert, so dass man nicht jedes Mal aufs Neue mit der Qual der Auswahl konfrontiert wurde. Sonst wäre man verrückt geworden, vom schieren Reichtum an Möglichkeiten weniger erstickt als in den Wahnsinn getrieben.

»Sollen wir es noch einmal versuchen?« Jennifer rieb das Bein an meiner Hüfte.

Ich sah an mir hinunter. »Heute wird das glaube ich nichts mehr.«

»Wir haben alle Zeit der Welt.« Sie kicherte. Die Tatsache, dass ich versagt hatte, schien sie ungeheuer zu amüsieren. »Wir können auch das Licht ausmachen, wenn du magst.«

»Es geht schon!« Wider Willen hatte ich schroffer gesprochen, als in meiner Absicht lag. Ich lauschte den eigenen Worten nach, die unduldsam und herrisch klangen.

Es tat mir leid. Ich drehte mich nach hinten, um ihr über die Schulter hinweg zuzuzwinkern. Gleichzeitig legte ich die Hand auf ihr Knie und streichelte es versöhnlich.

Jennifer wäre nicht Jennifer gewesen, wenn sie durch meine Launen aus dem Konzept zu bringen wäre. Je mürrischer ich wurde, umso mehr Spaß schien ihr das zu machen.

»Alle Zeit der Welt ...« Sie streckte sich und dehnte genüsslich ihre Muskeln wie eine verspielte Katze.

Ich beschloss, mich von ihr anstecken zu lassen. Weich in den Kissen aus Tloxi-Seide liegend, sahen wir über unsere Körper und das Fußende unseres Bettes hinweg, das einem flachen Futon nachempfunden war. Vor uns dehnte sich eine Wiese. Die Halme und die einzelnen Blümchen, die darauf wuchsen, nickten leise in einem unsichtbaren Wind. Gänseblümchen, Seidelbast und andere Gewächse, die auf verschiedenen Welten endemisch waren und in der Realität nie so nebeneinander stehen würden. Jenny hatte das Environment gestaltet. Es wurde durch zwei bewachsene Moränenhände begrenzt, die es rechts und links einfassten und die ihm zu einer Richtung verhalfen. Diese optischen Geländer auf den Seiten verliehen auch unserem Blick einen Vektor. Wir hatten einen lichten Hain aus Birken und Pappeln im Rücken und sahen hinaus. Der Raum war einem konkreten Ort nachempfunden. Der Wiese Dal auf der Welt Musan. Es war ein Sanktuarium, das als tabu galt und das zum Schauplatz blutiger Kämpfe geworden war. Letzteres war hier zumindest auszuschließen. Wir waren allein. So allein, wie Menschen noch nie gewesen waren.

Was auf Musan die ansteigenden Eiswände des Ilaya-Gebirges, war hier der Blick durch die Front der MARQUIS DE LAPLACE. Bei einem Schiff klassischer Bauart wäre es die Brücke gewesen, in der wir uns befanden. Die neue MARQUIS DE LAPLACE hatte weder Brücke noch Unterkünfte, weder Messe noch Zentrale, weder Labor noch Kombüse. Jeder Quadratzentimeter der intelligenten, amorphen und polyvalenten Materie, aus der sie bestand, konnte jede beliebige Funktion erfüllen. Jeder Raum konnte jeder Raum sein. Wir hatten daher die Brücke zu unserem Schlafzimmer erklärt und unseren Schlafplatz auf der Brücke aufgeschlagen.

Die Stirnseite war vollständig entpolarisiert. Von unseren bequemen Ruheplätzen in den Kissen und Decken aus selbsttemperierendem, sensoriellem und biosensiblem Gewebe schauten wir auf die riesenhafte reifenförmige Struktur der Ringgalaxis.

Alle Zeit der Welt – Jennifers Satz hing mir noch im Ohr, wie einem ein besonders intensiver Geruch noch in der Nase hängt, auch wenn die Quelle, die ihn ausdünstet, schon längst wieder verschwunden ist – und eine ganze Galaxie, um sie zu erkunden. Eine Galaxie nur für uns zwei.

Seit unserer Ankunft hier waren einige Tage vergangen. Es war der entfernteste Außenposten, den Menschen je bezogen hatten – unseren eigenen kleinen Rundflug in dem gekaperten Sinesershuttle einmal ausgenommen. Mehrere Geschwader von KI-gestützten Lambda-Ionensonden hatten sich auf die Struktur gestürzt, während die MARQUIS DE LAPLACE weiterhin mit einem Zehntel Lichtgeschwindigkeit auf sie zuhielt. Gemessen an den Räumen, die sich vor uns auftaten und die uns ringsum im großen Manifest umklafften, bewegten wir uns nicht. Das Mutterschiff war auf seiner Position festgepinnt wie ein Insekt auf einem Karton. Wir befanden uns im Zentrum eines dreidimensionalen Archipels, bei dem jedes Eiland aus Milliarden Welten bestand.

Die Ringgalaxis war eines der kleineren Systeme dieses Superclusters. Dennoch übertrafen auch ihre Abmessungen alle Möglichkeiten menschlichen Begreifens. Auch wenn wir die zwanzig mal fünfzig Meter messende Frontseite transparent werden und unsere eigenen sterblichen Augen auf dem einschüchternden Phänomen ruhen ließen.

Der Torus der namengebenden Ringstruktur bestand aus einer Milliarde Sternen. Die Katalogisierung war nicht abgeschlossen. Eine Toleranz von hundert Millionen Sonnen mehr oder weniger war noch zu berücksichtigen. Aber was waren hundert Millionen Sterne in einem Massefeld, das wenigstens eine Milliarde Galaxien bereithielt. Wenn unsere Berechnungen stimmten, reichte das Große Manifest einmal quer durch das bekannte Universum. Seine Materiezusammenballung und die damit einhergehende Gravitationsanhäufung war nicht unwesentlich dafür verantwortlich, dass unser Kosmos sich entlang seines Gürtels, seiner Taille, seines raumzeit-inversen Äquators in sich selbst zurückkrümmte. Die Ringgalaxie war nur ein Atom in diesem Gürtel, der das Paradox hervorbrachte, dass es im Universum oben und unten, aber weder Anfang noch Ende gab.

Die Ringgalaxie bestand weitgehend aus Sternen der Hauptklasse. Weiße Zwerge, Rote Riesen, Pulsare und andere Anomalien kamen vor, waren aber von signifikanter Seltenheit. Die Struktur, der wir uns gegenüber sahen, war auffallend ordentlich. Sie wirkte aufgeräumt. Dem ersten optischen Eindruck teilte sich das als körniges Schimmern mit, als sei der Reifen nicht aus Sonnen, sondern aus Silber und Kristall gewirkt. Die roten wasserstoffreichen Nebelschwaden aktiver Sternentstehungsregionen fehlten ebenso wie die blauen und nachtschwarzen Partien sterbender und erloschener Sterne. Auch Dunkle Materie, deren Filamente gerne in die Leerräume zwischen den Armen von Spiralgalaxien einsickerten, war kaum anzutreffen. Das Phänomen hatte etwas von einem Schaustück, einem Exponat. Es schien mit vollem Bedacht in den Raum gehängt. Aber wer war dazu in der Lage?

Tausend Menschenleben würden nicht ausreichen, dem Rätsel auf empirische Weise näherzukommen. Selbst die Flotte von einigen hundert Drohnen, deren autonome Steuereinheiten über bewusstseinsförmige Entscheidungsarchitekturen geboten, würden nur durch Zufall den entscheidenden Hinweis aufstöbern, der Licht in das Dunkel brachte. Immerhin operierten sie bei oszillierendem Warp. Ihre KIs verarbeiteten Informationen einige Millionen Mal schneller als biologische Gehirne und überspielten sie verzögerungsfrei per Qbox auf die Rechner des Mutterschiffs. Und sie gingen bei ihrer Erkundung nach ausgeklügelten Taktiken und Algorithmen vor, die von der Erfahrung der interstellaren Exploration vorgegeben, aber von ihnen selbst weiterentwickelt und verfeinert worden waren.

Einer militärisch anmutenden Hierarchie folgend, unterteilten die Automaten sich in mehrere Geschwader, die sich wiederum in Staffeln von jeweils einer Handvoll Einheiten aufgliederten. Jede Teilflotte und jede einzelne Sonde hatte ihre eigene Aufgabe, der sie sich selbsttätig, wenn auch in hyperkausalistischer Abstimmung mit allen ihren Partnern, unterzog. Manche stürzten sich in den eigentlichen Ring hinab und begannen damit, ihn hochauflösend zu kartieren. System für System, Sonne für Sonne, Planet für Planet. Das würde bei den zur Verfügung stehenden Kapazitäten viele Jahre dauern. Aber es kam, wie immer, nur darauf an, mit der Arbeit zu beginnen.

Andere umschwärmten und umkreisten die Struktur auf ausgefeilten Bahnen und Vektoren. Für eine Drohne, die tausend Lichtjahre in der Sekunde zurücklegen konnte, war ein Torus von einigen zehntausend Lichtjahren Durchmesser kein übermäßig weit gestecktes Betätigungsfeld. Sie konnte ihn helixförmig umfliegen oder seine Ekliptik durchstoßen und ihn von der Rückseite her ins Visier nehmen. Sie konnte sich von ihm entfernen und ihn so in der Zeit beobachten. Sie konnte ihn aus astronomischer Entfernung und aus jedem denkbaren Winkel anfliegen und so reale Zeitrafferaufnahmen seiner jüngeren Genese gewinnen.

Alle diese Bilder und Informationen liefen im supermassiven Hauptrechner der MARQUIS DE LAPLACE zusammen. Diese Künstliche Hyperintelligenz war nur zu einem kleinen Teil im physischen Universum repräsentiert, eben auf den ganglienartig organisierten, holistischen Computern des intergalaktischen Großraumkreuzers. Der größere und wesentliche Teil spielte sich im telepathischen Kontinuum der Tloxi ab, dessen Funktionsprinzip John Reynolds während seines Aufenthaltes auf dem PHALANSTERIUM den schwarzen Nebeln des Unerklärlichen entrissen hatte. Das Milliardenvolk der Tloxi bildete ein dezentrales, aber über Quantenschwingungen in Echtzeit koordiniertes Substrat, über dem sich die superindividuelle Intelligenz des Kollektivs manifestierte. In diesem gewaltigen geistigen Raum, der alle Hirne und Computer um ein Unendliches an Fähigkeiten übertraf, spielte sich alles ab, was die Aktivitäten des Androidenvolks ausmachte. Da die Kapazitäten hauptsächlich darauf beruhten, dass die einzelnen Tloxi sich abschalteten und »schliefen«, hatte Reynolds auch von den Träumen der Tloxi gesprochen. Er selbst war inzwischen ein Teil davon. Aber diese Träume synchronisierten nicht nur zahllose Schiffsbewegungen ohne jegliche Rücksicht auf Raum und Zeit. Sie enthielten auch die gesammelten Erfahrungen von abertausend noch lebenden oder schon untergegangenen Zivilisationen. Schließlich boten sie die Nährlösung, die schwer zu begreifende Grundlage für das, was Reynolds als virtuelle Bibliothek bezeichnet hatte, was uns aber eher eine Gottmaschine zu sein schien. Eine über-reale Einrichtung, die alles wusste, alles sein konnte und in gewisser Weise alles war.

»Simulation«, sagte ich.

Die riesige Frontscheibe, durch die wir nach draußen sahen, wurde zu einem interaktiven holografischen Screen. Im ersten Moment war nichts zu bemerken. Wir schauten nach wie vor auf die Ringgalaxis. Nur dass es jetzt nicht mehr der reale Anblick war, sondern eine Projektion. Erst allmählich, indem wir Auflösung und Perspektive veränderten, löste sich das Bild von seinem Hintergrund ab, der solange, um die menschlichen Betrachter nicht zu verwirren, durch die Polarisierung der Elastalglasscheibe ausgeblendet wurde.

Die Galaxie kippte, bis wir auf die Schmalseite sahen. Sie rotierte wie eine Münze, die man auf der Tischplatte kreiseln lässt. In einem virtuellen Flug konnten wir durch sie hindurchtauchen wie ein Tiger im Zirkus durch einen brennenden Reifen. Wir konnten wieder auf Distanz gehen und das Ganze in der hochauflösenden Totale auf uns wirken lassen. Aber weder hatten unsere Netzhäute genügend Rezeptoren noch unsere Sehnerven genügend Stränge, um der Schärfe und dem Detailreichtum der Darstellung gewachsen zu sein.

»Ausschnittvergrößerung«, sagte ich. »Oben rechts. Faktor vier.«

Die Galaxie kam herangezoomt, bis ein Viertel ihres zeigerlosen Ziffernblattes den gesamten Projektionsraum einnahm. Die Auflösung ging entsprechend mit. Neue Sterne wurden zu Tausenden geboren, zu Millionen, als wir künstlich um einige tausend Lichtjahre näher herangebracht wurden. Eine wesentliche Änderung ergab das nicht.

»Nochmal«, sagte ich. »Gleicher Faktor.«

Wieder machten wir einen Satz auf die Struktur zu. Der bogenförmige Grundriss des Kreisausschnitts war kaum noch zu erkennen. Sterne, Sterne, Sterne. Noch immer waren die einzelnen Sonnen nur Punkte, keine Körper. Wir konnten weiter und immer weiter in die Aufbereitung hineinfliegen, die in manchen Bereichen bis auf das Raster einzelner Planetensysteme reichte, in anderen noch deutlich gröber war. Aber was würde das bringen?

»Zurücksetzen«, sagte ich. »Ausgangslage.«

Während der Betrachtung hatte ich mich unwillkürlich aufgesetzt. Jetzt ließ ich mich in die Kissen zurückfallen. Resigniert plumpsten meine Hände auf meine Oberschenkel. Dabei wurde mir bewusst, wo ich war. Jennifer hockte neben mir, die Beine zum Lotossitz untergeschlagen. Es war absurd. Nackt und noch immer ein wenig verschwitzt von dem missglückten Liebesakt, hockten wir in unserem zerwühlten Bett und zählten Sterne. Obwohl wir auf jeden einzelnen von ihnen mit dem Finger deuten konnten, uns meinetwegen Namen ausdenken konnten, die wir an die Koordinaten hefteten, würde unsere verbliebene Lebensspanne nicht ausreichen, das Werk zu vollbringen.

Ich kniff den Mundwinkel zu einer Grimasse der Ratlosigkeit ein und sah sie feixend an.

»Uns fällt etwas ein.« Sie strich mir begütigend über den Arm. Wo nahm sie nur diese Gelassenheit her?

»Darf ich?« Sie stützte sich auf ihre angewinkelten Knie und schaute konzentriert in die Projektion, als nehme sie auf der Brücke der ENTHYMESIS einen Landeanflug auf ein heikles kosmografisches Objekt in Angriff.

Ich zuckte die Achseln.

»Zurücksetzen«, sagte sie. »In der Zeit. Eine Million Jahre.«

Das Bild veränderte sich. Wir sahen eine hundsgewöhnliche Scheibengalaxie. Ein flacher Diskus. Die äußeren Abmessungen waren exakt dieselben. Die Spektren noch ein bisschen anders, die Sterne waren jünger. Und statt der saugenden Schwärze in der Mitte ein durchgehendes loderndes Feld.

»Vorwärts«, sagte Jennifer. »Langsam.«

Die Galaxie lag unschuldig da, eine Scheibe schimmernden Lichts. Dann ging etwas vor.

»Zoom«, rief Jennifer aufgeregt. Wir hatten dieses Spiel schon hundertmal getrieben, ohne schlauer daraus hervorgegangen zu sein. Aber es war jedes Mal wieder erschütternd. Um nicht zu sagen: bestürzend.

Wie auf ein geheimes Kommando hin begannen die Sterne des mittleren Bereichs nach außen zu wandern.

Jennifer ließ die Darstellung gleichzeitig vergrößern, so dass wir nur die Hälfte des sich rapide leerenden Diskus sahen, dieses aber in entsprechend höherer Auflösung. Die Sterne strebten in die Randzone, die dabei zu jenem toroiden Ring wurde, als den wir sie kannten.

»Zoom«, rief Jenny. »Näher.«

Wieder geriet der Horizont der Projektion außerhalb des Blickfeldes. Dafür starrten wir in ein Sternenfeld, in dem alles in Bewegung war. Es war eine Herde, die einem unbegreiflichen Instinkt folgte. Ein zierlicher und gigantischer Schwarm, dem atavistische Angewohnheiten ein rätselhaftes Verhalten aufzwangen. Die Sterne waren wie Tiere auf einer ihrer Wanderungen, wie Zugvögel auf ihrer saisonalen Reise. Wie Pollen, die ein unfühlbarer Wind über eine Wiese aus Raumzeit trieb.

»Wie Spermien«, sagte Jennifer leise.

Unwillkürlich stieß ich die Luft durch die Nase. »Nur dass sie nicht zu etwas hinstreben, sondern von etwas weg.«

Die Analogie, wenn man das Bild erst einmal im Kopf hatte, war allerdings bestechend. Zumal wir, als Jennifer die Auflösung abermals erhöhte, feststellen konnten, dass die einzelnen Sterne sich nicht linear oder radial bewegten, sondern in leichten Schlingerbewegungen. Man suchte unwillkürlich nach den Geißeln, mit denen sie sich durch das Ursubstrat auf ihr geheimes und geheimnisvolles Ziel zuarbeiteten.

»Sie suchen nicht die Eizelle«, stimmte Jennifer mir zu. »Sondern sie werden von ihr abgestoßen.«

Und das Zentrum? Das Ovarium, um im Bild zu bleiben, konnte nur das energiegeladene Herz der Galaxie sein, die Singularität, die dort saß und die ungeheuren Massen auf sich gravitieren ließ. Aber indem wir den Maßstab wieder zurücknahmen, so dass das Ganze in den Blick kam, sahen wir nur, wie das Zentrum plötzlich und unspektakulär erlosch. Es sah aus wie ein Lagerfeuer, das in sich zusammensackte. Ein Vulkan, der einfach ausbrannte. Hier und da flackerten noch einzelne Brände auf. Etwas wie kollektive Protuberanzen. Die Messungen im nichtoptischen Bereich ergaben, dass für einen kurzen Zeitraum – einige tausend Jahre – enorme Strahlungsausbrüche getobt hatten. Heiße Jets, wie sie beim Kollaps großer Sterne auftraten und auch die aus ihnen hervorgehenden Schwarzen Löcher begleiteten. In der Totalen, die Raum und Zeit um unbegreifliche Faktoren stauchte, sah auch das nur wie ein Herd ersterbender Glut aus, in dem hier und da noch ein paar Funken aus der Asche sprangen. Dann wurde es schwarz. Weniger finster als opak. Der jetzige Zustand des galaktischen Zentrums entzog sich jedem Versuch, ihn zu beschreiben oder zu erkunden. Dort war nichts, was den Methoden der Physik oder der Mathematik einen Anhaltspunkt geboten hätte. Alle unsere Bemühungen, durch Fernerkundung oder durch Sonden, das Zentrum begreiflich oder darstellbar zu machen, waren bis jetzt gescheitert.

»Was hältst du davon«, fragte Jennifer, nachdem wir unbestimmte Zeit in diese feindselige Nacht gestarrt hatten, auch das übrigens nicht zum ersten Mal.

»Das heben wir uns für später auf«, erklärte ich. »Wo nichts ist, können wir nichts herausfinden.«

»Etwas muss da sein«, sagte sie. »Anders ist die Reifenform nicht zu erklären.«

»Das ist richtig«, sagte ich. »Aber ich würde mit dem äußeren Bereich anfangen. Vielleicht finden wir ja etwas. Irgendetwas, wo wir den Hebel ansetzen können.«

»Du bist der Kommandant!« Sie ließ sich wieder in die Kissen sinken und hob mir ihren Drink entgegen. Wir stießen mit den Bechern an. »Wie willst du vorgehen?«

»Egal.« Ich trank einen Schluck und sah sie an. »Irgendwie. Wenn die Drohnen nicht auf irgendetwas stoßen, fliegen wir einfach in den Ring ein. In einen der Bereiche, die am besten katalogisiert sind. Wir messen die Gravitationstrichter der Sterne und die Bahnen ihrer Planeten. Wenn sie – von was auch immer – bewegt wurden, muss das Spuren in ihren Parametern hinterlassen haben. Ihren Umlaufdaten, ihrem Rotationsverhalten, ihren Zyklen.«

»Irgendwas.« Sie sah mich an und lächelte.

»Wir ziehen einfach den ersten, besten Faden aus dem Knäuel und schauen, wie weit wir ihn abwickeln können. Und wohin er uns führt.«

Sie nickte. Ihr Lächeln hörte nicht auf.

»Hältst du das für möglich?«, fragte sie.

»Was?«

»Das.« Sie senkte den Blick und betrachtete den Elastalbecher, den sie in ihren Händen drehte. »Dass man Sonnen bewegt. Und nicht nur eine oder zwei oder ein paar hundert. Dass man eine ganze Galaxie umbaut.«

Was sollte ich dazu sagen?

»Unsere Erfahrungen bei GROM«, sagte ich langsam, »haben uns gelehrt, dass es nicht unmöglich ist, Planeten zu bewegen.«

»Glaubst du«, sagte sie erschrocken und senkte dann die Stimme. »Glaubst du, dass die Tloxi hinter dem hier stecken?«

»Das wäre vollkommen absurd«, erklärte ich. »Es geht nur ums Prinzip. Wenn man Planeten dislozieren kann, warum nicht Sterne. Und wenn die Tloxi es vermögen, warum nicht andere Zivilisationen.«

»Eine solche Zivilisation müsste den Tloxi in mindestens demselben Maße überlegen sein, wie sie uns noch bis vor Kurzem überlegen waren.« In Jennifers Miene schlich sich ein mulmiger Ausdruck.

»Es müssten Götter sein.«

Ich schob die Unterlippe vor. Angesichts der unbegreiflichen Phänomene, mit denen wir konfrontiert waren, wusste ich selbst nicht, ob ich ratlos war oder einfach nur müde.

»Glaubst du, sie sind noch dort draußen?«

»Nein.« Ausnahmsweise hatte ich eine rasche und unkomplizierte Antwort parat. »Wenn da noch etwas wäre, irgendetwas, das technisch auch nur so komplex wie ein einfaches Com-Gerät wäre, hätten wir es längst auf dem Schirm.«

Jennifers nachdenklicher Blick drückte aus, dass sie da nicht so sicher war. Aber sie sagte nichts.

»Ohnehin«, fuhr ich fort, »ist es seltsam, dass wir noch nicht auf Spuren gestoßen sind, die irgendeinen künstlichen Hintergrund haben. Funkwellen, Radarechos, Sprungsignaturen ...«

»Irgendwas.« Mechanisch ließ sie unser Lieblingswort erklingen.

»Irgendwas.«

»Das würde heißen«, dachte sie laut nach: »Also wenn das alles gemacht und technisch arrangiert wurde, dass man nicht nur in der Lage war, Millionen Sterne zu verschieben, sondern dass man auch alle Emissionen dieser Anstrengung eliminiert hat.«

»Das können wir erst sagen, wenn wir wissen, ob man etwas gemacht hat, was man gemacht hat und wie man es gemacht hat.« Ich überlegte einen Moment. »Aber ja, im Augenblick sieht es ganz danach aus, als ob die Spuren dieser Unternehmung im Nachhinein beseitigt wurden.«

Der Mittelgang der MARQUIS DE LAPLACE lag in blauem Schweigen. Acht Kilometer, ausgelegt mit den modernsten Gravitationserzeugern, die die Tloxi herstellen konnten, durchzogen von einem hyperdimensionalen Beförderungssystem, das es ermöglichte, die Strecke in extenso oder mit einem einzigen Schritt zu überwinden.

Das Besatzungsmitglied, das den fünf Meter breiten Tunnel dahintrabte, hatte sich dafür entschieden, seine physische Länge ohne künstliche Hilfsmittel zu bewältigen. Der wippende Pferdeschwanz und der schwarze Sport-Bikini verrieten, dass es der einzige weibliche Angehörige der menschlichen Crew war, der sich hier zu früher Stunde seiner Leibesertüchtigung hingab.

Jennifer lief in ruhigem, gleichmäßigem Rhythmus den Gang hinunter. Sie hatte für diesmal darauf verzichtet, ihn beschallen oder beduften zu lassen. Auch die holografischen Tapeten, die für gewöhnlich eine sommerliche Waldlandschaft simulierten, blieben deaktiviert. In stupider Folge reihten sich die Türen und Schotts aneinander, die zu den verschiedenen Stationen des riesigen Schiffes führten, und wie die Kilometermarken einer Marathonstrecke verkündeten die übermannshohen lateinischen Ziffern in regelmäßigen Abständen, wenn sie ein neues Segment des interstellaren Kreuzers erreicht hatte. Die Schleusen und Verbindungstunnel standen offen. Das Schiff befand sich im Routineflug, im tiefen, materielosen intergalaktischen Raum. Die Triebwerke waren abgeschaltet, die Reaktoren heruntergefahren. Selbst die Beleuchtung war auf ein Minimum herabgedimmt. In bläulichem Dämmer, wie an einem klaren Abend eine Stunde nach Sonnenuntergang, und in tiefem Schweigen dehnte sich der zentrale Korridor, dessen Anfang und Ende für unbewehrte menschliche Augen nicht auszumachen waren.

Jennifer hing ihren Gedanken nach. Ihr Geist war eins mit ihrem Körper, der wiederum ganz im Rhythmus ihrer Schritte, ihrer Atemzüge, ihrer Pulsschläge aufging. Die Bewegung war seit jeher eine der möglichen Formen der Meditation gewesen, die ihr mehr lag als die äußerliche Ruhe des Lotossitzes. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich nach Musan zurücksehnte. Dort waren sie wochenlang nur gegangen, das endlose Tal hinaufgewandert, auf das Ziel zugegangen, das zu erreichen sie es überhaupt nicht eilig hatten. Das fehlte ihr. Die Landschaft, die Luft, die Wechsel des Wetters und der Tageszeiten. Obwohl die MARQUIS DE LAPLACE über die avanciertesten Synthetisatoren verfügte, die auch ein Monsungewitter oder einen Blizzard Gestalt annehmen lassen konnten, war es nicht dasselbe. Zu wissen, dass die idyllischen Haine oder die weiten Steppen, die sie auf die Seitenwände des Mittelgangs projizieren lassen konnte, nicht real waren, beraubte sie aller emotionalen Verbindlichkeit.

Sie schüttelte die trübsinnige Mischung aus Nostalgie und Fernweh ab und widmete sich wieder ihren Überlegungen, die um den Gegenstand der Exkursion kreisten. In Gedanken nahm sie die Unterhaltung von gestern Mittag wieder auf und setzte sie im inneren Monolog fort. Das machte für sie keinen Unterschied. Nortons Stichworte oder Entgegnungen kamen ganz von selbst. Nach den gemeinsamen Jahrzehnten wusste sie, was er sagen würde, er brauchte gar nicht da zu sein. Nur manchmal wünschte sie sich noch, sie könnte den geistigen Austausch so unmittelbar vollziehen, die Ideen von einem auf den anderen überfließen lassen, wie das mit ranghohen Mitgliedern des Prana-Bindu-Ordens möglich war und wie sie es auch bei der telepathischen Steuerung der Scyther erlebt hatte. Vielleicht konnte sie die semiorganischen Module, deren Weiterentwicklung ein zweites Anliegen ihrer Mission war, einmal in dieser Weise einsetzen.

Dann zwang sie sich, an den letzten Punkt der Diskussion zurückzukehren und dort neu anzusetzen. Wenn die Galaxis auf artifizielle Weise modifiziert worden war, mussten sich Spuren davon in den ungeheuren Räumen wiederfinden. Radarechos, Treibstoffrückstände, Warpsignaturen. Andererseits, überlegte sie nun, lagen die Arbeiten lange zurück. Sie waren, wenn sie die vierdimensionalen Rekonstruktionen richtig interpretierten, vor mehreren Jahrtausenden abgeschlossen gewesen. in dieser Zeit war jedes Plasma verdampft und im Vakuum zur Unkenntlichkeit vaporisiert, jedes elektromagnetische Signal war zur Unlesbarkeit geschwächt, jede Wellenfront von Sternen, Kometengürteln oder Gaswolken absorbiert. Selbst massive Hinterlassenschaften wie Aggregate, Schiffe oder Basen überdauerten im stellaren Raum nicht ewig. Sie wurden von Meteoriten durchlöchert, von Gravitationstrichtern verschlungen, von harter Strahlung erodiert. Man würde schon sehr genau wissen müssen, wo und was man suchte, um noch das eine oder andere materielle oder energetische Relikt zu finden. Doch hier biss sich die Katze in den Schwanz. Denn eben das wussten sie ja nicht. Sie brauchten Hinweise. Mysterien hatten sie genug.

Jennifer bog in den breiten Raum ein, der das hintere Ende des zentralen Korridors darstellte. Sie lief langsam aus, behielt aber einen auf der Stelle tretenden lockeren Rhythmus bei und schlenkerte die Arme.

An einer Konsole saß Frank und studierte die einkommenden Daten des Drohnengeschwaders. Als wäre es ihm unangenehm, den Gegenstand ihrer Mission ständig vor Augen zu haben, hatte er seinen bescheidenen Arbeitsplatz heute am Heck, oberhalb der riesigen Antriebsdorne, aufgeschlagen, statt am Bug. Er hockte auf einem der kleinen Stühle, die das Schiff an jedem beliebigen Ort aus seiner Grundsubstanz erzeugen konnte, und starrte auf den holografischen Monitor, der in regelmäßigen Abständen auf neue Darstellungsweisen umschaltete. Im Minutentakt wurden neue Sonnensysteme katalogisiert. Dort draußen arbeiteten die Lambda-Sonden ihre eintönigen Routinen ab. Sie flogen Sterne an, kartierten ihre Spektren, ihre Planeten, ihre Bahndaten, und katapultierten sich mit oszillierendem Antrieb zum nächsten. Hunderte Systeme am Tag, ein paar tausend in der Woche. Dennoch würde es Jahre dauern, bis der ganze Torus, der die äußere Struktur der Ringgalaxis bildete, erfasst sein würde, viele Jahre. Und auch dann war nicht gesagt, dass sich in dem unermesslichen Wust empirischer Daten ein Hinweis finden ließ, wie das Phänomen entstanden war und was das zu bedeuten hatte.

Jennifer hatte an Ort und Stelle geduscht und ihren Sportanzug in eine straff sitzende Uniform verwandelt.

»Und?«, fragte sie, als sie an Nortons Arbeitsplatz herantrat.

Er hob kaum die Schultern. Das Wörtlein Nichts zu formen, schien ihm zu viel Aufwand angesichts der Leere, in die ihre Bemühungen verliefen.

Jennifer blieb neben ihm stehen, die Hand auf seiner Schulter, und sah zu, wie der Bildschirm sich mit Sonnen füllte und wieder gelöscht wurde, sich wieder füllte, wieder gelöscht wurde. Es hatte etwas Magisches. Man konnte sich darin verlieren.

Auch Norton brauchte eine Weile, ehe er sich von dem tranceartigen Starren losgerissen hatte. Dann sah er schmunzelnd zu ihr auf.

»Kein Bikini, heute?«

Jennifer lachte. Sie sog an ihrem Drink, den sie sich vom System hatte mixen lassen.

»Wir müssen aufpassen«, erklärte sie, »dass wir hier nicht vergammeln.« Und nach einem weiteren Schluck setzte sie hinzu: »Gestern den halben Tag im Bett gelegen. Wir sind doch keine Teenager mehr.«

»Wir sind Rentner«, sagte Norton schlicht. »Pensionäre.«

»Sag wenigstens Dissidenten«, meinte sie. »Das klingt vornehmer.«

»Soll ich mir auch was anderes anziehen?«, fragte er. »Immerhin bin ich der Kommandant.«

Sie musterte seinen legeren Freizeitdress. Ein indigoblaues Hemd und eine bequeme Hose.

»Ist schon in Ordnung.«

Er quittierte es mit einem fahlen Lächeln.

»Es geht nur darum«, fuhr sie fort, »dass wir uns nicht gehen lassen.«

»Siehst du da eine Gefahr?«

»Wir brauchen mehr Routinen. Eine Tagesordnung. Straffe Ablaufpläne.«

Norton legte den Kopf schief. »Eigentlich bin ich ja hier, um mich zu entspannen.«

»Ist das deine Einstellung zu diesem – Problem?«

»Nein, natürlich nicht.« Er wischte durch den Holoschirm, der daraufhin verschwand, und stand auf. »Besprechung um zwölfhundert auf der Brücke!«

»So gefällst du mir schon besser.«

»Und ich will dann keine ungemachten Betten vorfinden, sondern einen ordentlichen Arbeitsplatz mit Holodesk und allen Schikanen!«

»Aye!«

»Kaffee wäre auch nicht schlecht.«

»Selbstverständlich, Sir!« Sie kicherte. »Von mir aus darfst du sogar rauchen.«

»Nicht, dass das Ganze wieder ins Lotterleben abgleitet.«

»Wie du meinst.«

»Wie kommen wir hin?«

»Was hält der Kommandant von einem kleinen Spaziergang?«

Eigentlich war Unternehmen Ringgalaxis, wie wir es im Stillen nannten, eine Expedition der Tloxi. Sie hatten uns eingeladen, daran teilzunehmen. Die Aufforderung erreichte uns auf dem Torus, und zwar just in dem Moment, da wir uns zu fragen begonnen hatten, was wir denn mit unserer neuen Freiheit anfangen sollten. Damit meinten wir übrigens weniger unseren Abschied aus den Diensten der Union, als die Überwindung der Traumata, die vor allem Jennifer sich in eben diesen Diensten zugezogen hatte. Wir waren frei! Was sollen wir jetzt tun?

In dieser Situation manifestierte sich der in unendlich nüchternen Worten formulierte Vorschlag des Androidenvolkes auf unseren Konsolen, die schon länger entdeckte rätselhafte Galaxie gemeinsam zu erkunden. Der Zeitpunkt war allzu gut ausgewählt. Das ließ aufhorchen. Die Tloxi schienen nur darauf gewartet zu haben, uns ansprechen zu können. Obwohl es schwer fiel, einem seelenlosen Kollektiv von Robotern so etwas zuzutrauen, hatten sie mit großem psychologischen Einfühlungsvermögen exakt den richtigen Moment abgepasst, um uns zu rekrutieren. Sie wussten, dass wir nicht nein sagen würden. Während wir noch überlegten, ließen sie schon die Antriebsaggregate warmlaufen. Sie kannten uns besser als wir uns selbst.

Als wir an Bord gingen und bemüht waren, uns von der kühlen Modernität der neuen MARQUIS DE LAPLACE nicht einschüchtern zu lassen, begegneten sie uns mit jener wohlwollenden Gleichgültigkeit, die wir von ihnen gewohnt waren. Eine asiatische Höflichkeit, gepaart mit maschinellem Desinteresse. Ich beobachtete Jennifer in jenen ersten Stunden ganz genau. Auch sie ließ sich nichts anmerken. Bei ihr war das allerdings weniger selbstverständlich als bei den Tloxi. Immerhin war sie auf GROM ihre Geisel gewesen, und sie hatten sie mitsamt dem ganzen Planeten disloziert.

(Wohin wussten wir übrigens ebenso wenig, wie wir schon dahinter gekommen waren, ob diese Frage einen Sinn ergab.)