Stadtgespräche aus Wien - Clara Hein - ebook

Stadtgespräche aus Wien ebook

Clara Hein

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Möchten Sie erfahren, wie der Schauspieler Josef Hader als junger Straßenkünstler Geld verdiente und es gleich darauf wieder verlor? Wollen Sie mit einem Wiener Müllfahrer in die städtischen Mistkübel blicken und dabei wertvolle Schätze entdecken? Sind Sie neugierig, wie Günter Hawelka seine Kindheit im berühmten Kaffeehaus seiner Familie verbrachte? Dieses Buch begleitet Wiener zu ihren persönlichen Orten und erzählt ihre Geschichten. Ein außergewöhnliches Stadtporträt, das einlädt, Wien neu zu entdecken!

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Stadtgespräche aus

Wien

Clara Hein

Impressum

Lieber Leser, wenn Sie ein Feedback zum Buch geben möchten, bitte schreiben Sie uns! Autor und Verlag freuen sich über Ihre Rü[email protected]

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www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat/Redaktion:Ricarda Dück

Satz / Umschlaggestaltung:Alexander Somogyi

Kartendesign:Kim-Anna Bucher

E-Book:Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-4414-2

Widmung

Gewidmet meinem Wien-Team:

meinem fabelhaften Sohn, meinen tollen Eltern, meinem besten Freund

sowie Elisabeth, Steffi und Claudia

Inhalt

Impressum

Widmung

»Jeder Wiener ist eine Sehenswürdigkeit«

1  Es gibt solche Momente …

Herrn Hermes’ Nachtschicht in der Girardigasse

2  Erinnerungen an viele Leben

Renate Halpers Zeitreise im Kaffeehaus ›Rüdigerhof‹

3  Wer ist eigentlich Ottmar?

Franz Blei trat am Zentralfriedhof in ein Fettnäpfchen

4  Flörzenbacher skorbut nihet

Georg Breinschmid ist im Josef-Kaderka-Park kreativ

5  Wie die Spinnerin am Kreuz

Hermes Phettberg wartet im Restaurant ›Chinatown‹

6  Das Haus der Laster

Alma Mahlers wilde Zeiten in der Steinfeldgasse

7  Das Eichhörnchen und der Nachtfalter

Eduard Winter rätselt im Narrenturm

8  Auf der ewigen Suche nach Ruhe

Hugo Wolf übernachtete am Opernring

9  Zwischen Kaffee, Kuchen und Kunst

Günter Hawelka verbrachte seine Jugend im ›Café Hawelka‹

10  Wien kopfüber

Nina Reinstadler und Lalith kuscheln im Tierpark Schönbrunn

11  Amerikanisch-österreichisches Wetttrinken

Oskar Kokoschka becherte in der ›American Bar‹

12  Nackte Tatsachen

Hubsi Kramar zieht blank im ›Max Reinhardt Seminar‹

13  Das verschmähte Fensterrecht

Friedensreich Hundertwasser prägt die Kegelgasse

14  Aus dem Leben einer Königin

Die Pummerin thront im Stephansdom

15  Der Weiße Hai und der Schuh

Dr. Ernst Mikschi forscht im Naturhistorischen Museum

16  Vienna is moving

Christine Reiler taucht im Westbahnhof unter

17  Darwin oder Gott?

Emil Zuckerkandl provozierte an der Wiener Universität

18  Wie gewonnen, so zerronnen

Josef Hader spielte als Straßenkünstler in der Kärntner Straße

19  Helden in Badelatschen

Die Männer vom MA 44 lösen Fälle im Strandbad ›Gänsehäufel‹

20  Die Sache mit dem Vokal ›u‹

Helmut Qualtinger trieb Schabernack im Unterrichtsministerium

21  Im Gänsemarsch

Christine Rothstein und Mimi schnattern vor dem Burgtheater

22  Ein Verfechter der österreichischen Sprache

Gerald Pichowetz kämpft im ›Gloria Theater‹ für den Dialekt

23  Resl und Mäusl auf ewig vereint

Maria Theresia blieb in der Kapuzinergruft stecken

24  Unter freiem Himmel

Otto Lechner horcht auf der Friedensbrücke

25  Essen – Trinken – Sparen

Andrea Schröfl hält im Lokal ›Schnitzelwirt‹ das Geld zusammen

26  Herzstich gegen Scheintod?

Erinnerungen an Johann Nestroy am Nestroyplatz

27  Manege frei für Magier, Clowns und Freaks

28  Der Zauber des Sommers

Emmy Schörg flieht von der ›Tschauner Bühne‹ in Ottakring

29  Der gehörnte Ehemann

Alexander Girardi grinst im Girardipark

30  Spinn i?

Roland Neuwirth entdeckt Exotisches in der Weißgerberlände

31  Zu hässlich für Wien?

Franz Schuberts Denkmal im Stadtpark

32  Ein ungewöhnlicher Heiratsantrag

Lina Loos versprach in der Teinfaltstraße die Ehe

33  Einmal ins Jenseits und zurück

Dr. Wittigo Keller schaut in der Goldeggasse dem Tod ins Auge

34  Aller guten Dinge sind drei

Mona Seefrieds spannende Zeit am ›Theater in der Josefstadt‹

35  Wien strahlt in Orange

Johannes Graf besucht seine Kollegen in der Zelinkagasse

36  Ein exquisites stilles Örtchen

Kaiserin Sisi gestaltete sich in der Hofburg ein Refugium

37  Was im Verborgenen schlummert

Herbert Fechters Erkenntnisse vor der Schottenkirche

38  Ein Traum in Gold

Marko Simsa tritt im Wiener Musikverein auf

39  Zeigt der Arsch nach Wien?

Martin Obermann schenkt seine Weine in der Cobenzlgasse aus

40  Der große Traum

Natalie Alison auf Autogrammjagd am ›Theater an der Wien‹

Karte

Bildverzeichnis

Quellenverzeichnis

Stadtgespräche im Gmeiner-Verlag

Lieblingsplätze im Gmeiner-Verlag

Belletristik im Gmeiner-Verlag

»Jeder Wiener ist eine Sehenswürdigkeit«

Karl Kraus, österreichischer Schriftsteller

1  Es gibt solche Momente …

Herrn Hermes’ Nachtschicht in der Girardigass

1  Es gibt solche Momente …

Herrn Hermes’ Nachtschicht in der Girardigasse

»Willst du wissen, wie mich eine Leuchtreklame in Erklärungsnöte bezüglich meiner sexuellen Orientierung gebracht hat?«, fragt HerrHermesund zündet sich dabei lässig einen Tschick an. Dann schmunzelt er, stößt ein raues Lachen aus und trinkt einen großen Schluck von seinem Bier. Dass dieser Mann Geschichten zu erzählen weiß, merkt man sofort. Ihn umgibt diese gewisse Aura – ganz klar: Herr Hermes ist eine coole Sau. Radiomoderator bei FM4, Stimme des berühmten Kommissars Brenner in den Wolf-Haas-Verfilmungen, ein bekanntes Gesicht im Fernsehen und, und, und. Die Liste seiner beruflichen Akti­vitäten ist lang. Der 1974 im Wiener Viertel Döbling geborene Entertainer hat seinen Lebensmittelpunkt seit jeher in der österreichischen Hauptstadt. »Wien ist schon sehr meins«, sagt er und berichtet von Orten, die ihn besonders mit der Stadt verbinden. Zum Beispiel von seiner Studentenbude in der Äußeren Mariahilfer Straße, unweit des Westbahnhofs. Die hat er in den ersten Jahren seines beruflichen Erfolges weiter gehalten. Dass er direkt beim Straßenstrich residierte, war ihm ziemlich egal. Bis der Mann von der Wäscherei, dem er seine weißen Showanzüge zum Reinigen brachte, ihn eines Tages schmunzelnd fragte: »Wo stenga denn deine Madln eigentlich?« Herrn Hermes’ Entgegnung, er sei kein Zuhälter, nein, er sei sogar vom ORF, wurde lediglich mit einem ungläubigen Grinsen quittiert: »Jo, jo, vom ORF! Eh klor!« Da begriff Herr Hermes, dass es im Leben einfach Momente gibt, in denen jede Erklärung überflüssig ist.

Schau ich aus wie ein Zuhälter?

Aber zurück zur Leuchtreklame. Wie jeder Student gingHerr Hermesfrüher gerne aus. Dabei passierte ihm einmal eine äußerst skurrile Geschichte. Um die zu erzählen, muss man allerdings etwas ausholen, sonst funktioniert die Pointe nicht. Also: Früher hatte er ein Stammcafé, in dem der Koch das fertige Essen durch ein Loch in der Wand den Kellnern zuschob. Irgendwie blieb dieser KochHerrn Hermesbesonders in Erinnerung. Doch genug der Vorgeschichte, wagen wir uns an den Hauptteil. Eines Abends kam derHerr Hermesin der Barnabitengasse vorbei, wo ein Leuchtreklamegeschäft aufgegeben hatte und die bunten Reste dessen einstigen Sortiments in einer kleinen Baugrube lagen. Nach einer feuchtfröhlichen Nacht führte Herrn Hermes’ Weg ihn dorthin zurück, und er holte eine kackbraune, etwa zwei Meter lange Optiker-Leuchtreklame aus der Versenkung. Vor seinem inneren Auge verwandelte sich diese augen­blicklich in ein schickes Möbelstück, mit dem er seine Freundin überraschen wollte. Kurzerhand schulterte er es, um es nach Hause zu bringen. Das Ding war extrem schwer und sein Kopf vom Alkohol vernebelt. Keine leichte Mission, aber Herr Hermes schaffte es, sein Fundstück zu einem Taxistand zu schleifen. Allerdings wollte kein Fahrer einen betrunkenen Mann mit XXL-Leuchtreklame mitnehmen. Unzählige Taxler tippten sich an die Stirn, als sie an dem winkenden jungen Studenten mit der Kunststoffkeule vorbeifuhren. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt kamen Herrn Hermes erste Zweifel an seiner Aktion. Aber aufgeben kam nicht infrage.

Da hielt neben ihm plötzlich ein kleiner Nissan, aus dem sich ein Bodybuilder und zwei weitere Typen schälten. IrgendwieerregteHerr Hermes mit seiner schweren Last deren Mitleid, denn der Muskel­protz bot sich kurzerhand an, das Schild samt Besitzer heimzufahren. Aus Dankbarkeit versprach Herr Hermes dem edlen Retter ein Bier. Hier nimmt die Geschichte ihre entscheidende Wendung: Nachdem sie das neue Mobiliar in Herrn Hermes’ Bude abgeliefert hatten, lotste der Herkules sie in einen Nachtclub in der Girardigasse, den er als super »Aufrisslokal« anpries. Das wird ein teures Bier, dachte sich Herr Hermes, als er vor der schwarzen Glastür des Etablissements stand, das von außen wie ein Exklusivclub wirkte. Doch enttäuschen wollte er seinen Begleiter nicht, also spazierte er entschlossen hinein – und wäre am liebsten gleich wieder rückwärts hinausgefallen. Denn dieswarein exklusiver Club – allerdings nur für Hardcorefreunde der homosexuellen Szene. Herr Hermes kam sich ausgesprochen fehl am Platz vor und begann seinem Chauffeur sogleich die Lage zu erörtern: Freundin zu Hause, kein Interesse an Männern, es täte ihm leid, falls er falsche Signale ausgesendet hätte …

Seine Erläuterungen wurden plötzlich von einer lautenStimmedurchschnitten, die den ganzen Raum zu erfüllen schien: »Servus Hermes!« Hinter der Bar stand der Koch aus seinem Stammcafé, den er immer nur durch das Loch in der Wand gesehen hatte, und winkte ihm erfreut zu. Wie man eben einen alten Stammgast begrüßt. Schlagartig bewegten sich viele männliche Mundwinkel nach oben, innerhalb von Minuten standen zehn verschiedene Drinks vor Herrn Hermes. Die angebliche Freundin kaufte ihm jetzt keiner mehr ab. Das war also wieder einer dieser Momente. Einer, in dem jeder Erklärungsversuch überflüssig ist.

Als er zur Toilette wollte, zwinkerte ihm sein Begleiter zu. »Wennst in aner Minutn net zruck bist, kimmi noch.« So schnell hat der Herr Hermes in seinem Leben noch nie gebiselt. Und dann hat er geschaut, dass er schnell das Weite sucht.

Girardigasse

1060 Wien

www.herrhermes.at

2  Erinnerungen an viele Leben

Renate Halpers Zeitreise im Kaffeehaus ›Rüdigerhof‹

2  Erinnerungen an viele Leben

Renate Halpers Zeitreise im Kaffeehaus ›Rüdigerhof‹

»Als junge Frau war ich schön«, murmelt Renate Halper,zündetsich eine Zigarette an und blickt auf das Bild eines Mädchens mit langen braunen Haaren und dunklen Augen. Sie sei ein Foto­modell gewesen, erzählt sie lächelnd. Die sympathische Wirtin strahlt. Auch jetzt, mit Ende 50, leuchten ihre Augen wie auf dem alten Foto.Heuteläuft sie über keinen Laufsteg mehr, und wenn Kameras blitzen, dann sind es die von Touristen, die ihr Kaffeehaus in der Hamburger­straße besuchen. Betritt man den ›Rüdigerhof‹, fühlt man sich wie in einer Zeitkapsel, in der man innerhalb von Sekunden durch verschiedene Epochen saust. Von außen ein typisches Jugendstilgebäude, 1902 von Oskar Marmorek erbaut, mit heller Fassade, die jüngst renoviert wurde, steht es seit 1990 unter Denkmalschutz. Innen jedoch prallen Welten aufeinander. Besticht im Eingangsbereich noch das Mobiliar aus den 50er-Jahren mit dunklen Tischen und Stoffsofas und -stühlen, findet sich im hinteren Teil eine moderne Lounge mit Ledercouch. Sie ersetzte eine abgeschabte Sitzecke aus dem Besitz des jordanischen Königs Hussein, der anno dazumal eine Villa auf der Hohen Warte, in Wiens Nobel­viertel, besaß. Irgendwann kaufte Halpers Mutter dieses royaleReliktteuervon einem seiner Butler und baute es in das Kaffeehaus ein. Tempi passati. Wem das Stilpotpourri zu viel ist, der kann sich in den großen Gastgarten setzen, eine Oase in der Großstadt an heißen Sommertagen.

Das Publikum des Cafés ist genauso bunt gemischt wie sein Interieur: Familien, Studenten, Künstler, Prominente und öfters auch Touristen. An der Wand hängen Bilder einiger berühmter Wiener, die den ›Rüdigerhof‹ ihr Stammcafé nennen. Renate Halper schwärmt von ihren Gästen, sagt, zu ihr kämen ausschließlich liebe Menschen, die allesamt kultiviert und geerdet seien. Trotzdem hält sie sich im Hintergrund, sucht nicht den ständigen Kontakt mit der Kundschaft. Das gehe auf ihre Kindheit zurück, berichtet sie. Ihre Mutter sei eine strenge Chefin gewesen. Die kleine Renate sei zwar bereits mit einem Jahr viel im Kaffeehaus gewesen, hätte aber niemals zu den Gästen gehen dürfen. Diese Scheu habe sich über die Jahre gehalten.

Sie deutet auf ein Bild an der tapezierten Wand, das eine Frau mittleren Alters zeigt. »Das war meine Mutter«, erklärt Halper. »Sie hatte das Café fest in der Hand.« Der Vater arbeitete damals in der Walfischgasse als Oberkellner im ›Moulin Rouge‹, einem Nachtlokal mit Kabarett und Artistik. Als kleines Mädchen habe sie ihn öfters zu den Proben begleiten dürfen. »Schleiertanz«, nennt sie die Stripteasetänze von damals lachend. Vielmehr als die nackten Tänzerinnen hätten sie ohnehin die wilden Tiere interessiert, die ebenfalls auftraten. Einmal wollte ihr Vater ihr einebesondereFreude machen und ließ zwei kleine Tigerbabys ins Kaffeehaus bringen. Doch diese Überraschung missglückte: Renate war über die tierischen Gäste, die frei im ›Rüdigerhof‹ herumsprangen, mehr erschrocken als erfreut.

Renate Halper als Fotomodell

Als Halper ein Teenager war, starb plötzlich ihr Vater. Das war der erste große Bruch in ihrem Leben. Sie deutet auf eine gerahmte Schwarz-Weiß-Aufnahme, die einen stattlichen, jungen Mann zeigt. »Mein Vater war eine Augenweide«, schwärmt sie und spricht von seinem abenteuerlichen Leben. Mit 16 Jahren verließ dieser sein Zuhause im Burgenland und hielt sich zwei Jahrzehnte lang in Südamerika auf. Sechs Sprachen soll er gesprochen haben. »Meine Reiselust habe ich wohl von ihm geerbt«, mutmaßtHalper. In ihrer Stimme schwingt Bewunderung mit, wenn sie über ihren Vater redet. Sie sei ihm sehr ähnlich, erzählt sie. Als sie die Voll­jährigkeit erreicht hatte, packte auch sie das Fernweh, und sie zog in die Welt hinaus. Mit einem Stapel Fotos, die ihr Vater hinterlassen hatte, folgte sie seinen Spuren quer über die Kontinente dieser Welt und suchte die Orte, die er auf seinen Bildern verewigt hatte. Mit diesen in der Hand stand sie am Tafelberg an genau der Stelle, die er in den 20er-Jahren abgelichtet hatte, und versuchte sich vorzustellen, wie ihr Vater sich wohl damals dort gefühlt hatte. Seine Fährte führte sie in viele Großstädte wie Rio de Janeiro. In Buenos Aires kramte sie die Speisekarte eines Restaurants heraus, datiert aus dem Jahre 1926, die sie in seinem Nachlass gefunden hatte. Als sie das Lokal aufsuchte, war dessen Chef so gerührt, dass er sie gleich einlud zu bleiben. An diesen Plätzen habe sie stets eine besondere Nähe zu ihrem verstorbenen Vater gespürt, erzählt Halper gedankenverloren. Die Abenteuerlust, die er an sie weiter­gegeben hatte, nutzte sie auch für soziale Projekte. Sie ging als Sozial­arbeiterin nach Russland, Rumänien und Albanien, arbeitete in indischen Slums und engagierte sich in Südamerika. Dabei reiste sie durchweg auf eigene Faust und half dort, wo es am Nötigsten zu sein schien. Angst kannte sie damals keine. Später besuchte sie als Reisebegleiterin ganz Europa. Sie war in Malta bei der öster­reichischen Botschaft tätig und lebte in Zürich.

Warum kehrte sie dann 1995 mit einem Mal der großen weiten Welt den Rücken und ging endgültig nach Wien zurück? »Plötzlich starb meine Mutter«, berichtet sie traurig. »Der ›Rüdigerhof‹ war trotz allem mein Kinderzimmer, mein Zuhause. Daher bin ich zurückgekommen.« Die ersten Jahre waren nicht leicht. In den folgenden beiden Dekaden nach ihrer Heimkehr musste sie viele Hürden nehmen und Probleme meistern, um das Café zu halten. Der dauernde Kampf ums finanzielle Überleben zehrte sie aus, aber aufgeben kam für sie nicht infrage. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Mann. Sie habe ihn im ›Rüdigerhof‹ kennengelernt, erinnert sie sich schmunzelnd und zündet sich eine weitere Zigarette an. Ihre große Liebe trat vor 30 Jahren durch die Tür des Kaffeehauses und blieb, 2012 haben sich die beiden nach vielen gemeinsamen Jahren endlich das Jawort gegeben. Halper wühlt ein Foto aus dem Bildermeer am Tisch, das sie als Braut zeigt, selig lächelnd im Standesamt.

Jugendstilfassade des ›Rüdigerhofs‹

Vieles hat sich in den Jahrzehnten, die Renate Halper bereits im ›Rüdigerhof‹ verbracht hat, gewandelt. Menschen kamen und gingen, hier und dort wurde ein bisschen renoviert und mit den neuen Gesetzen wurden die Raucher von den Nichtrauchern getrennt. Auch sie selbst habe sich verändert, sagtRenate Halper»Früher stand ich von morgens bis nachts um zwei im Café und habe gearbeitet. Das geht heute nicht mehr.« Den Überblick verliert sie dennoch nicht, und inzwischen hat ihr Team durchHalpersStiefsohn Verstärkung bekommen. So bleibt die Hoffnung, dass das Kaffeehaus als Familienbetrieb weiter besteht. »Wir hatten bislang wirklich tolle Zeiten hier«, erzählt Halper und zeigt auf eine große gerahmte Collage, die an der Wand hängt. 2003 gab es im ›Rüdigerhof‹ eine riesige Feier anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Hauses. Bei Spanferkel und Kuchen, zu dem die Gastgeberin einlud, gab es Lesungen mit einigen Wiener Kabarett­größen. Trotz der teilweise hochkarätigen prominenten Gäste, war das Fest einfach und ehrlich. Wie Renate Halper es eben mag. Was ihr die Zukunft bringt, weiß sie nicht. Sie will so lange im ›Rüdigerhof‹ weitermachen, wie es geht. Und reisen will sie. Diese Leidenschaft hat sie nie verloren. Sie seufzt und blickt sich im Gastraum ihres Lokals um. »Wenn ich einmal nicht mehr da bin, wird das alles hier vielleicht in eine Fast-Food-Kette oder so was umgebaut. Davor habe ich schon Angst.« Das ›Moulin Rouge‹ hat dieses Schicksal bereits ereilt.

Nachdenklich schaut sie aus dem Fenster. Draußen rasen die Autos die Straße entlang, leichter Regen fällt von einem grauen Himmel und rinnt an den Glasscheiben der Fenster hinab. »Ich mag mein Viertel«, erklärt Halper. Sie hat in Wien nie woanders gelebt, die Naschmarktgegend ist ihre Meile. Im 5. Bezirk fühlt sie sich wohl. Renate Halper zieht entspannt an ihrerdünnenZigarette. Ein letztes Mal an diesem Tag lässt sie ihren Blick über all die Fotos an der Wand streifen, die Erinnerungen an ein außergewöhnliches Leben konservieren. Dann ist die Reise vorbei. Plötzlich öffnet sich die Zeitkapsel und spuckt den Besucher hinaus auf die nassen Straßen Wiens. Doch eines ist sicher: Wer einmal den ›Rüdigerhof‹ betreten hat, wird immer wiederkommen. Denn dem Zauber, der dieses Kaffee­haus umhüllt, entkommt keiner.

Café Rüdigerhof

Hamburgerstraße 20

1050 Wien

3  Wer ist eigentlich Ottmar?

Franz Blei trat am Zentralfriedhof in ein Fettnäpfchen

3  Wer ist eigentlich Ottmar?

Franz Blei trat am Zentralfriedhof in ein Fettnäpfchen

Ein stiller Regen rieselt auf die kleine Gruppe von Menschen, die sich um eine frisch ausgehobene Grube versammelt hat. DieTropfenfallen von dunklen Hüten auf schwarze Mäntel und rinnen über glatte Lederschuhe, bevor sie in der Erde versickern. Der Tod bittet seine Gäste heute zu einer düsteren Matinee auf den Wiener Zentralfriedhof. Und fast alle sind sie gekommen, die Herren Dichter und Künstler der beiden Bohemien-Cafés ›Herrenhof‹ und ›Central‹. Sie tragen den Betteldichter Otfried Krzyzanowski zu Grabe. Es ist das Jahr 1918.

Ein Mann tritt hervor: Er ist Ende vierzig und trägt eine runde Brille. Bedrückt blickt er in die Runde. Es ist Franz Blei, bekannter Wiener Schriftsteller und Essayist. Er muss die Grabrede halten, obwohl er den Toten kaum kannte. Als er die Trauergemeinde betrachtet, weiß er nicht, ob er die richtigen Worte finden wird. Acht Gesichter sehen ihn erwartungsvoll an. Blei beginnt. Er erzählt. Er bedauert. Saugt sich die Sätze aus den schwachen Erinnerungen heraus, die er an den Verstorbenen hat. Plötzlich vernimmt er ein Zischen und Raunen aus den Reihen seiner Zuhörer. Verwirrt blickt er sich um. Die Mienen haben sich verändert, variieren von bestürzt bis zu belustigt. Flüsternde Münder skandieren: »Otfried! Otfried!« Da erkennt der Redner seinen Irrtum: Er hat den Namen verwechselt. Nicht Ottmar ist tot. Doch für Scham bleibt keine Zeit. Es gibt kein Zurück, der Schaden ist nicht mehr zu beheben. Und so zieht Blei konsequent seinen Fauxpas bis zum Ende der Trauerrede durch, in der er von ›Ottmar‹ Otfried Krzyzanowski Abschied nimmt.

Zentralfriedhof

Simmeringer Hauptstraße 234

1110 Wien

4  Flörzenbacher skorbut nihet

Georg Breinschmid ist im Josef-Kaderka-Park kreativ

4  Flörzenbacher skorbut nihet

Georg Breinschmid ist im Josef-Kaderka-Park kreativ

»Ich komme«, stöhnt die raue Frauenstimme in sein Ohr, steigert sich zu einem schrillen Lustschrei, überschlägt sich schließlich, und mit einem atemlosen »Ich – oh mein Gott – ich komme!«, erreicht sie schließlich ihren lustvollen Höhepunkt. Zufrieden nimmt Georg Breinschmid die Kopfhörer ab. »Super Aufnahme«, fasst er den akustischen Liebesakt der vergangenen fünf Minuten mit zwei nüchternen Worten zusammen und erinnert sich mit einem Schmunzeln an die Session, bei der dieses Tape entstand. Damals hatte er mit einer Duopartnerin Texte aus Groschenromanen spontan vertont – ein Beispiel seines ungewöhnlichen, kreativen Schaffens.

Es ist 17 Uhr. Breinschmid steht am Eingang des kleinen Josef-Kaderka-Parks am Ende der Alszeile im 17. Bezirk Hernals. Uhrzeit und Stadtteil für dieses Treffen hat er wohl überlegt gewählt: Die 17 ist seine magische Zahl. Warum, kann er nicht genau erklären. Vielleicht, weil es in seinem Elternhaus eine Stiege gab, die aus genau 17 Stufen bestand. Damals, als Kind, hat er es sich angewöhnt, in gewissen Situationen bis 17 zu zählen, und das ist ihm bis ins Erwachsenenalter geblieben. Daher war es für den Kontrabassist und Komponist logisch, dass er seine Geschichte im 17. Bezirk erzählen muss, in dem er, nach Stationen in Floridsdorf und Margareten, inzwischen lebt. Dass Hernals gleichzeitig das Viertel des Wienerliedes ist und besagter Josef Kaderka, nach dem der Park benannt ist, ein Vertreter dieser besonderen Liedgattung war, scheint für Breinschmid kein Zufall zu sein. Im Leben fügt sich eben alles auf geheimnisvolle Weise zusammen. Obwohl er eigentlich nicht abergläubisch ist. Trotzdem – seine Hand umfasst eine Tarotkarte, den Stern, dem die Zahl 17 zugeordnet ist. Die hat er am Morgen zufällig gezogen.

Die Sonne ergießt sich auf die Dächer von Hernals und taucht den Park in ein ruhiges Licht. Der nahende Abend kündigt sich an. Die Mütter mit ihren Kinderwägen und Bobbycars räumen das Feld und werden abgelöst von Nachtschwärmern mit Bierflaschen. Plötzlich zieht Breinschmid aufgeregt ein kleines, schwarzes Diktafon aus seiner Jacketttasche und flüstert die seltsame Formel hinein: »Flörzenbacher skorbut nihet.« Er lächelt, zufrieden, dass er die Worte, die ihm plötzlich durch den Kopf geflogen sind, einfangen konnte. Sein Diktiergerät hat er nebst einem kleinen Notizbuch immer griff­bereit in der Tasche, denn Breinschmid weiß nie, wann ihn seine außergewöhnlichen Einfälle heimsuchen. Niemals ist er sicher vor seiner schier grenzenlosen Fantasie, die ihm ununterbrochen Begriffe und Melodien zuflüstert. Breinschmid ist andauernd am Arbeiten, seine Kreativität kennt keinen Feierabend. Besondere Gabe oder Fluch? Er weiß es nicht. In seiner Musik hat ihn sein Einfallsreichtum jedenfalls weit gebracht.

Ruhepause

Seit seinem fünften Lebensjahr lebt der gebürtige Amstettener in Wien. Mit der Musik hat er erst recht spät angefangen – als Teenager