Stadtgespräche aus Neukölln - Michaela Behrens - ebook

Stadtgespräche aus Neukölln ebook

Michaela Behrens

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Opis

Wussten Sie, dass man in der Wipperstraße von den Brüdern Posin eine gefälschte Mona Lisa kaufen kann - ganz legal? Sind Sie neugierig, wie Frank Zander alljährlich in der Sonnenallee Weihnachten feiert? Interessiert es Sie, warum die Eltern des Zirkusdirektors Gerhard Richter darauf bestanden, dass er in einem Wohnwagen zur Welt kommt? Dieses Buch begleitet Neuköllner zu ihren persönlichen Orten und erzählt ihre Geschichten. Ein außergewöhnliches Porträt des Berliner Viertels, das einlädt, Neukölln neu zu entdecken!

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Stadtgespräche aus

Neukölln

Michaela Behrens

Impressum

Meiner Schwester

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© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat/Redaktion: Ricarda Dück

Satz: Julia Franze

Umschlaggestaltung/Bildbearbeitung: Alexander Somogyi

Kartendesign: Kim-Anna Bucher

E-Book: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-4412-8

Inhalt

Impressum

Alltagszene in einem Neuköllner Tabakladen

1  Wo der Schnappkaugummi lauert

Karen Goetzke und Kirsi Hinze leiten den Laden Zauberkönig

2  Neukölln ist für mich ein offener Raum

Jean-Claude Périsset begrüßte den Papst in der Lilienthalstraße

3  Kindern etwas fürs Leben mitgeben

Gerhard Richter hat den Erlebniscircus fest im Griff

4  Die Stadtteilmutti macht das schon!

Halla Osman besucht vom Bezirksamt aus Migrantenfamilien

5  Brot und Bomben

Gedenken an Nikolai Galushkov auf dem St.-Thomas-Friedhof

6  Sind Schlupfwespen moralisch vertretbar?

Niels Hartanto vom Veganladen-Kollektiv am Karl-Marx-Platz

7  Ein Stern, der einst in fahle Ewigkeiten fällt

Erinnerungen an Erich Mühsam in der Dörchläuchtingstraße

8  Ein recyceltes Universum

Muharrem Batman veredelt Elektroschrott in der Hermannstraße

9  He’s the one – einer unter 33 Millionen

Vilwanathan Krishnamurthy im Sri-Ganesha-Hindu-Tempel

10  Neuköllns berühmteste Ente

Arno Funke alias Dagobert wuchs in der Karl-Marx-Straße auf

11  Multikulti-Heimat für den Giant of Stuttgart

Christian Hoffmann züchtet Bohnen am Columbiadamm

12  Für die Romantik muss man kämpfen

Britt Sobotta umhüllt Körper in der Berliner Miedermanufaktur

13  Hier wohnen Drachen

Nikolaus Hein gründete das Puppentheater-Museum Berlin

14  Berlin sehen und sterben

Ali Aziz Efendi ruht vor der Şehitlik-Moschee

15  Die Spurensucherin

Monika Maron schrieb über ihre Zeit in der Schillerpromenade

16  Sie kann alles ändern

Selma Cakmak schneidert am Britzer Damm

17  Neuköllns größte Weihnachtsfeier

Frank Zander feiert mit Obdachlosen an der Sonnenallee

18  Mit Pauken und Trompeten

Ruth Weber von der Peter-Petersen-Grundschule macht Putz

19  Wer weiß, wo das Essen herkommt?

Bauer Mette ackert am Buckower Damm

20  Zwergenauflauf hoch acht

Roksana Temiz’ Rasselbande tobt auf dem Indianerspielplatz

21  Stadtführung auf Schwäbisch

Reinhold Steinle fühlt sich am Richardplatz zu Hause

22  Der Geburtshelfer

Sigfrid Hammerschlag füllte den Mariendorfer Weg mit Leben

23  Wie der Leuchtturm nach Neukölln kam

Familie Thieß geht in der Emser Straße stiften

24  Die Alten Meister des Bezirks

Die Brüder Posin fälschen Kunst in der Wipperstraße

25  Paradies des Herzens

Beate Motel hütet die böhmische Vergangenheit in der Kirchgasse

26  Music made in Neukölln

Stephan Talneau aus der Reuterstraße dokumentiert die Szene

27  Widerstand bis zum Schluss

Werner Seelenbinder wurde im Sportpark beigesetzt

28  Ich war immer ein Alphatier

Matthias Vernaldi wohnt barrierefrei in der Stuttgarter Straße

29  Nach Arbeit ich frug, nun hab ich genug

Müller Josef zeigt in der Britzer Mühle ein altes Handwerk

30  Der Vater des Kinderschutzgesetzes

Konrad Agahd liegt an der Buschkrugallee begraben

31  Hinter den Kulissen

Albert Pietrow hält das Stadtbad Neukölln in Schuss

32  Alles so schön grün hier

Katrin Maiworm betreibt den Kiosk Hasenschänke

33  Die Augen himmelwärts gerichtet

Engelbert Zaschka erfand in der Lichtenrader Straße allerhand

34  Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Viktor Sucksdorf keltert am Koppelweg Wein

35  Tralalka ist der neue Sound

Emma Greenfield liebt die Freiheit am Tempelhofer Feld

Karte

Bildverzeichnis

Quellenverzeichnis

Stadtgespräche im Gmeiner-Verlag

Lieblingsplätze im Gmeiner-Verlag

Belletristik im Gmeiner-Verlag

Alltagszene in einem Neuköllner Tabakladen

Junger Mann: »Ick bin ja hier in Neukölln jroß jeworden!«

Alte Dame (mustert ihn kritisch): »Kann schon sein, aber nicht sehr …«

1  Wo der Schnappkaugummi lauert

Karen Goetzke und Kirsi Hinze leiten den Laden Zauberkönig

1  Wo der Schnappkaugummi lauert

Karen Goetzke und Kirsi Hinze leiten den Laden Zauberkönig

Der Zauberkönig an der Hermannstraße ist vermutlich weltweit der einzige Laden für Magie und Scherzartikel, der auf einem Friedhof steht. Das Gebäude ist nicht viel größer als eine durchschnittliche Garage: Flachdach, kein Keller, ein anachronistisches Überbleibsel aus der Nachkriegszeit inmitten einer Reihe von ähnlichen Bauten. Das Innere war jahrelang hinter geheimnisvoll-dunklen Draperien verborgen. Inzwischen ist Schluss mit der Düsternis, im Mai 2012 ist mit den neuen Besitzerinnen Karen Goetzke und Kirsi Hinze frischer Wind in den Zauberkönig eingezogen.

Noch immer ist das Berliner Traditionsgeschäft altmodisch, jetzt allerdings auf eine helle und freundliche Weise, adrett wie eine unternehmungslustige alte Dame mit blitzblanken Brillengläsern. Die Türglocke schlägt wieder häufiger an. Wer eintritt, steht in einer Mischung aus Partyraum, Kinderparadies und Tante-Emma-Laden mit polierten Vitrinen. Ein beklemmend echt wirkender Pferdekopf aus Gummi weckt Erinnerungen an Grimm’sche Märchenstunden, »O du Falada, der du hangest …«. Bis unter die Decke stapeln sich Gegenstände, deren Zweck sich dem Betrachter nicht unbedingt unmittelbar erschließt, die aber trotzdem oder gerade deswegen einen starken Haben-will-Faktor besitzen. Just for fun. Was dieser Anblick bei Menschen unter zwölf Jahren bewirkt, kann man sich lebhaft vorstellen. Ein kleines Mädchen, das soeben ein paar Euro investieren wollte, geht wieder unverrichteter Dinge. Es konnte sich beim besten Willen nicht entscheiden. Verständlich. Eigentlich will man hier mindestens eine halbe Stunde stehen und in Ruhe staunen. Und dann alles ausprobieren.

Im winzigen Hinterzimmer wärmt sich Günter Klepke mit ein paar Kartentricks auf. Er ist nicht nur Goetzkes Großvater, sondern auch der ehemalige Eigentümer des Ladens. Jeden Samstag gibt er seiner Enkelin und ihrer Geschäftspartnerin Nachhilfeunterricht im Zaubern. Vor dem Fenster blüht ein Magnolienbaum, Spatzen tschilpen in dem Miniaturgarten, der von der Hermannstraße aus nicht einsehbar ist. Auch hier, im Lager des Zauberkönigs, herrscht ein gemütliches, wohlsortiertes Durcheinander: Regale, Schubladen und beschriftete Kartons, so weit das Auge reicht. »Eselsbrücken«, steht darauf, »Engelsflügel«, »Hui-Maschinen« – was man halt so braucht. Auf einem uralten Kanonenofen, der einzigen Heizmöglichkeit im Winter, liegt ein Stapel Brüste. Einzeln verpackt, in Schweinchenrosa. »Tischklingeln«, erklärt Goetzke. »Wenn man draufhaut, macht es ›Bing‹.« Daneben steht Klepke – mit dem Outfit und der Haltung eines Showmaster-Dinosauriers aus einer anderen Fernsehgeneration. Etwas gebeugt ist er von seinen über 80 Jahren, der Blick ist jedoch hellwach. Als waschechter Berliner, geboren in »Klamottenburg«, wie er sagt, verschwendet er keine Zeit mit müßigem Small Talk. »Wat woll’n Se wissen?« Dann wechselt er übergangslos in den Gentleman-Modus: »Wollen Sie bitte Platz nehmen, gnä’ Frau?« Nachdem er sich ebenfalls gesetzt hat, zückt er ein abgegriffenes, zerknittertes Foto, auf dem er, Jahrzehnte jünger, zwischen legobunten Dekoelementen auf einer Bühne steht. »So sah das aus, wenn ich in den alten Zeiten aufgetreten bin«, erzählt er. Klepke ist ohne Zweifel ein geborener Entertainer. Als »Rampensau« würden ihn manche bezeichnen. Ein Unterhaltungskünstler mit Leib und Seele.

Zum »Zauberkönig« wurde er durch Zufall. 1978 starb Regina Schmidt, die vorherige Eigentümerin des Ladens. Durch einen Freund erfuhr er davon und reagierte sofort: »Is jut, kauf ick.« Seitdem ist das Geschäft im Familienbesitz. 1995 übernahm seine Tochter Mona Schmidt das Ruder, die nur zufällig den gleichen Namen wie die Vorgängerin trägt. Und warum steht »Seit 1884« draußen auf dem Werbeschild? »Das ist als Gründungsjahr in einem Zauberartikelkatalog von Arthur Kroner angegeben«, erklärt Klepke. Doch das ist eine andere Geschichte, eine, über die er nicht so gern redet. »Die Vorbesitzer sind … Da gibt es Stolpersteine in der Friedrichstraße«, bemerkt er zögerlich. Diese »Stolpersteine« am alten Geschäftsstandort sind Mahnmale. Sie erinnern an die Gründer des Berliner Zauberkönigs, die jüdische Familie Kroner/Leichtmann. Die Eltern 1943 von den Nazis in den Selbstmord getrieben, die älteste Tochter in Auschwitz ermordet. Durch die Enteignung der Inhaber wurde Regina Schmidt, die als Angestellte bei den Kroners gearbeitet hatte, Eigentümerin des Ladens. Das sind Tatsachen, die sich schwer mit galanten Kunststücken und Scherzartikeln in Einklang bringen lassen, da hilft auch keine Berliner Flapsigkeit. 1952 wurde »die Schmidt’n«, wie Klepke sagt, schließlich selbst enteignet. »Weil Westberliner keine Geschäfte in der DDR besitzen durften.« Sie machte dennoch weiter, allerdings in der Hermannstraße. Mittlerweile ist ihre Zeit abgelaufen, Klepkes Ära im Zauberkönig ist vorbei und die seiner Tochter ebenfalls. Nun wird der Laden von zwei jungen Frauen geführt, die beide 1986 und damit gut 100 Jahre nach dessen Gründung geboren wurden. Hinze ist in Schöneberg groß geworden, war jedoch oft in Neukölln, um ihre Freundin Karen zu besuchen, die hier schon immer gelebt hatte. Heute wohnen beide im Bezirk, der Arbeitsplatz liegt ziemlich genau zwischen ihren Wohnungen. Hinze ist ausgebildete Grafikerin, Goetzke hat Polonistik und Kulturwissenschaften studiert, und beide jobben nebenbei in der Gastronomie und im Kino.

Seniorzauberkönig Günter Klepke kennt alle Tricks

Zwischen Klepkes Fingern taucht ein Dollarstück auf. Es wandert durch die Ärmel seines Jacketts und erscheint in seiner anderen Hand. Die Illusion ist perfekt. Diesen Trick beherrschen die Frauen noch nicht, doch sie arbeiten dran, genau wie an ihrem eigenen Stil, das Unternehmen zu leiten. »Bei uns war es eher so, dass wir den Laden erhalten wollten«, erklärt Hinze, »nicht die Tradition des Opas.« Klepkes Enkelin sieht das ebenso unsentimental. »Wir hätten es einfach schade gefunden, wenn ein Fachgeschäft weg gewesen wäre, wo man solch einen Blödsinn kriegt.« Dass sie tatsächlich die Nachfolge angetreten haben, scheint sie noch immer selbst ein wenig zu überraschen. »Das war eine spontane Schnapsidee, wir saßen in einer Kneipe und haben darüber rumgesponnen. Und dann war es auf einmal so weit, da musste die Entscheidung schnell fallen.« Im November 2011 erfuhren die Frauen von der bevorstehenden Schließung, im Dezember unterschrieben sie kurz entschlossen den Mietvertrag. Hätten sie mehr Zeit zum Überlegen gehabt, würde der Zauberkönig jetzt vielleicht nur noch in den Erinnerungen alteingesessener Neuköllner existieren. Stattdessen wurde er zu neuem Leben erweckt.

Auch im Zauberkönig macht sich der aktuelle Wandel in der Bevölkerungsstruktur bemerkbar. »Neuerdings kommen Spanier und Franzosen«, erzählt Goetzke, »außerdem viele Polen und Russen, eigentlich alle Nationen. Türkische Mitbürger sowieso, die kennen den Laden von klein auf und zeigen ihn jetzt ihren Kindern.« Gibt es Trends bei den Artikeln? Eindeutig, da sind sich alle drei »Zauberkönige« einig. Früher waren Wasserbomben und Murmeln bei den Kleinen der Renner, derzeit sind es Stinkbomben. »Also ich habe immer gesagt, Kinder wollen das haben, was die Eltern ihnen nicht kaufen«, erklärt Klepke. »Kacke, Spinnen und Kotze.« Ein Klassiker sei Schnappkaugummi. »Das ist ’ne Kaugummipackung«, erläutert Hinze, »und wenn man einen Streifen rauszieht, schnappt ’ne Mausefalle auf dem Finger zu. Zwickt ein bisschen, aber das ist halt der Witz daran. Manchmal finde ich es traurig, dass die Erwachsenen den Kindern nicht erlauben, sich zu kaufen, was sie sich wünschen.« Klepke kann diese neue Zimperlichkeit ebenso wenig nachvollziehen. »Früher gab es Zauberstäbe, da kam aus dem Mittelteil ’ne Nadel raus. Da hat man gedacht, man kriegt einen elektrischen Schlag. Das ist ja alles nicht mehr drin.«

Kleine und große Kinder werden imZauberkönigfündig

Von jemandem, der Scherzartikel verkauft, erwarten die Kunden sechs Tage die Woche von früh bis spät blendende Laune. Jederzeit lässt die sich nicht herbeizaubern, doch oft kommt sie von allein. »Ich finde es lustig, wenn so prollige Jungs reinkommen, noch mal zum Kind werden und sich amüsieren, auf eine ganz liebe Art«, sagt Goetzke. »Dass die plötzlich wie ausgewechselt sind, das ist irgendwie schön. Und letztens kam einer, komplett in Grün gekleidet. Wegen der Hoffnung! Der hat sich dann noch eine grüne Melone gekauft. Wirklich komplett in Grün: Schuhe, Schlips, alles. Weil er Hoffnung hat. Worauf, weiß ich nicht, da habe ich nicht nachgefragt.« In solchen Momenten habe sie richtig Freude am Zauberkönig. Und sie weiß: Es ist wirklich speziell hier.

Zauberkönig Berlin

Hermannstraße 84–90

12051 Berlin

www.zauberkoenig-berlin.de

2  Neukölln ist für mich ein offener Raum

Jean-Claude Périsset begrüßte den Papst in der Lilienthalstraße

2  Neukölln ist für mich ein offener Raum

Jean-Claude Périsset begrüßte den Papst in der Lilienthalstraße

Bei unserem Gespräch im Juni 2013 in der diplomatischen Vertretung des Vatikans in der Lilienthalstraße bekleidete Erzbischof Jean-Claude Périsset das Amt des Apostolischen Nuntius in Deutschland. Als päpstlicher Gesandter erfüllte er auch die Funktion des Doyens und damit des Ranghöchsten des diplomatischen Korps. Doch nachdem Périsset im Oktober 2007 von Benedikt XVI. ins Amt gehoben wurde, reichte er im September 2013 bei Papst Franziskus sein Rücktrittsgesuch ein. In den sechs Jahren als Nuntius hieß er unter anderem das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in der Lilienthalstraße willkommen. Denn hier in Neukölln, am Rande der Hasenheide, direkt neben der St.-Johannes-Basilika, übernachtet der Papst, wenn er nach Berlin kommt.

Ausblick von der Apostolischen Nuntiatur auf die benachbarte St.-Johannes-Basilika

Jean-Claude Périsset:Bitte, ich gebe Ihnen zwei Fotos. Eins vom jetzigen Papst und eins vom vorigen, der uns hier in Berlin besucht hat.

Michaela Behrens: Herzlichen Dank, das ist nett. Sie sind ein erfahrener Papstgastgeber, habe ich gelesen.

Zweimal, ja. In Rumänien Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt hier in Berlin.

Gibt es ein Oberhaupt, dem Sie persönlich besonders nahstanden oder ist das eher ein dienstliches Verhältnis?

Das ist zugleich dienstlich und persönlich, denn wir sind, wie Papst Franziskus sagt, alle Brüder. Wir waren mit ihm in der Audienz, er hat das streng betont, dass wir alle zusammen Bischöfe sind, Priester, Gläubige. Und wir müssen zusammenhalten in dieser Beziehung.

Stimmt es, dass Sie 1939 in der Schweiz geboren sind und Ihr Vater Konditor war?

Ja. Er hatte eine kleine Konditorei, mit einem Angestellten und einem Lehrling. Meine Mutter machte die Arbeit zusammen mit ihrer Schwester. Man kann sagen, ein kleines Geschäft mit ständigem Leben. Als Kinder mussten wir mithelfen. Am Donnerstag, wenn wir frei hatten von der Schule, war immer etwas zu tun. Die Kunden ließen sich zu dieser Zeit nichts im Laden servieren, sondern wir mussten ihnen zum Beispiel das Dessert nach Hause bringen.

Sie waren praktischBotenjunge?

Meine Brüder auch. Ich habe drei Brüder und eine Schwester.

Was machen Ihre Geschwister heute?

Meine Schwester ist Witwe. Mein älterer Bruder ist ebenfalls Priester. Ich bin ihm stets gefolgt – auf dem Weg zum Priestertum, in den Studien und im Priesterseminar.

Ihr Bruder ist folglich zuerst Priester geworden?

Ja. Ein Jahr vor mir. Und dann habe ich einen anderen Bruder, der ist Kinderarzt. Der letzte ist ein Techniker.

Wann haben Sie gewusst, was Sie später werden wollen?

Ich war etwas mehr als sieben Jahre alt. Es war im September, ein Fest der Mutter Gottes, und ich sah meinen Pfarrer am Altar. Wir gingen jeden Tag vor der Schule zur Messe. Ich hatte schon ministriert, und schließlich habe ich gedacht, ich könnte auch einmal am Altar stehen. Davor wollte ich Konditor werden, wie mein Vater.

Was planen Sie für Ihren Ruhestand?

Ich werde zu Hause bleiben, mit meinen Geschwistern, ich habe in Estavayer-le-Lac, wo ich geboren wurde, bereits eine Wohnung.

Wie würden Sie den Begriff »Heimat« für sich definieren?

Heimat, das ist ein Zusammensein von Werten, die einem für sein Leben wichtig sind. Wir sind geboren in einer Heimat, aufgewachsen. Es geht nicht allein um eine Sprache, es geht ebenso um die Kultur, um Werte, um die Weltanschauung und so weiter. Das ist für mich Heimat. Die Landschaft gehört ebenfalls dazu, aber das ist nicht die Hauptsache.

Kennen Sie Neukölln? Sind Sie hier in der Gegend unterwegs gewesen?

Ein bisschen. Doch ich habe zu Hause genug zu tun, wie jeder hier. Am Anfang lernt man seine Umgebung kennen, das schon, aber man geht nicht jeden Tag raus, nur um anzuschauen, wo wir sind. Sehr wenige Leute machen das, glaube ich. Oder wenn man pensioniert ist und mit einem Mal mehr Zeit hat.

An der Hermannstraße gab es in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ein Zwangsarbeiterlager, das von Kirchengemeinden betrieben wurde. Heute existiert in der Nähe eine Gedenkstätte. Kennen Sie den Ort?

Nein.

Kennen Sie das von einem Moldawier betriebene Britzer Weingut?

Nein, auch nicht. Allerdings kenne ich Moldawien, ich war Nuntius für Moldawien, nur ich suche solche Sachen nicht für mich. Das sind Dinge, die mich nicht besonders interessieren.

Kann man sagen, Sie haben zu dem Bezirk, in dem Sie leben, wenig Bezug?

Ich wohne hier, und ich freue mich, hier zu wohnen, doch ich bin kein Bewohner des Bezirks, der sich direkt einmischt ins gesellschaftliche Leben. Ich habe genug zu tun mit meiner Verantwortung.

Wie war Ihr erster Eindruck von dem Stadtteil?

Gut. Ganz Berlin ist für mich wie ein großes Dorf, weil man viele Bäume hat, und man hat Raum. Und deshalb finde ich die Lage ziemlich interessant. Bevor ich kam, hatte mir der Botschafter in Bukarest ein Bild von der Nuntiatur hier gegeben. Ich habe mir das Foto angeschaut, und er sagte mir, es gebe fünf Friedhöfe in der Nähe. Ich: »Oh, welche Freude, es wird sehr ruhig sein!« (lacht)

Von Ihren Fenstern aus können Sie praktisch den Drogenumschlagplatz in der Hasenheide sehen.

Ich habe die Fenster auf der anderen Seite.

Stört Sie dieses Umfeld?

Nein, nein. Seit der Flughafen Tempelhof geschlossen ist, ist viel weniger Verkehr auf der Lilienthalstraße.

Ist diese Adresse Ihr fester Wohnsitz?

Wir arbeiten und wohnen hier. Fünf Priester und vier Schwestern zum Dienst in der Nuntiatur. Die anderen Mitarbeiter wohnen in der Stadt.

Gibt es mehrere Dienstwohnungen?

Jeder hat sein Arbeitsbüro und jeder hat seine Wohnung mit Schlafzimmer, Nasszelle und Privatraum. Wir haben auch eine Kapelle im Haus.

Wer macht die Haustätigkeiten?

Das sind die Schwestern, grundsätzlich. Und eben Angestellte; Männer, die mitarbeiten als Fahrer, Kellner, Gärtner.

Nehmen Sie die Mahlzeiten zusammen ein?

Die Priester essen gemeinsam. Die Angestellten essen ebenfalls zusammen. Und die Schwestern in ihrer Gemeinschaft.

Wenn der Papst zu Besuch kommt, stehen dann spezielle Räume für ihn zur Verfügung?

Wenn man einen Gast zu Hause hat, gibt man ihm eine Wohnung, ein Bett … Was ist daran außerordentlich?

Ich meinte, ob ein Raum zur Verfügung steht, der allein für ihn da ist.

Das sind Fragen, die ich nicht verstehe. Wenn man einen Gast hat, muss man ihm einen Raum geben. Warum sollte für den Papst etwas anderes gemacht werden? Das ist in allen Nuntiaturen so, in allen Botschaften. Wenn ein Botschafter kommt, ein Präsident. Obama ging in ein Hotel, aber für den Papst ist das nicht so. Er kommt in eine Nuntiatur oder in ein Priesterseminar, wo man ihm ein gutes Zimmer zur Verfügung stellt.

Können Sie sagen, was Sie an Neukölln speziell mögen?

Das ist für mich ein ruhiges Viertel von Berlin. Wie eben die Hasenheide. Man hat viel Raum, dank des Tempelhofer Felds, wo man atmen kann, mit vielen Friedhöfen in der Nähe. Neukölln ist für mich ein offener Raum. Was mir gefällt, ist, dass die Häuser nicht derart hoch sind. Die meisten haben lediglich vier oder fünf Stockwerke.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde dieser aussehen?

Dass die Menschen sich gegenseitig mehr achten. In der U-Bahn, in den Zügen, auf den Straßen sind alle Leute mit ihren Handys beschäftigt. Jeder lebt für sich und stört mit dem dauernden Telefonieren die anderen, ohne es zu merken. Die Technik ist sehr gut. Doch man muss kein Sklave von ihr werden.

Kennen Sie den aktuellen Papst persönlich?

Ja, letzte Woche konnten ihn Nuntien aus der ganzen Welt begrüßen und ein paar Worte mit ihm wechseln. Er wohnt jetzt in Santa Marta, wo wir auch unsere Unterkunft hatten. Das ist ein Gästehaus im Vatikan. Wir konnten den Papst bei jeder Mahlzeit sehen und hie und da grüßen.

Kostbarer Raumschmuck der Apostolischen Nuntiatur in Deutschland

Am 21. September 2013 teilte die Deutsche Bischofskonferenz in einer Pressemeldung mit: »Papst Franziskus hat nach sechsjähriger Tätigkeit in Deutschland den Apostolischen Nuntius in Berlin, Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset, entpflichtet. Gleichzeitig ernannte Papst Franziskus den bisherigen Generalsekretär der Bischofssynode in Rom, Erzbischof Dr. Nikola Eterović, zum neuen Apostolischen Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland.«

Apostolische Nuntiatur

Lilienthalstraße 3 A

10965 Berlin

www.nuntiatur.de

3  Kindern etwas fürs Leben mitgeben

Gerhard Richter hat den Erlebniscircus fest im Griff

3  Kindern etwas fürs Leben mitgeben

Gerhard Richter hat den Erlebniscircus fest im Griff

Das Gelände liegt etwas abseits der Gutschmidtstraße, doch vom Gehweg aus kann man das Zelt bereits rot und gelb leuchten sehen. Am Eingang des Areals steht ein Mann in Jeans und gestreiftem Hemd, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Willem-Alexander hat, dem König der Niederlande. Ein robuster Typ, blond, kräftig. Gerhard Richter ist Zirkusdirektor. Bereits als kleiner Junge hegte er diesen Berufswunsch, doch sein Alltag sieht heute anders aus, als er ihn sich damals vorgestellt hat. Der Mittfünfziger, der aus einer Familie stammt, die immer unterwegs war, ist mittlerweile sesshaft geworden. Beinahe jedenfalls. Und die Hauptakteure in seiner Manege sind nicht mehr Profiakrobaten und wilde Tiere, sondern Kinder.

Begonnen hat alles 2006, als der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky eine Attraktion suchte, um das Schloss Britz anlässlich seines 300-jährigen Bestehens bei Schülern aus dem Viertel bekannter zu machen. Ein Zirkus zum Mitmachen sollte sie anlocken, erzählt Richter, erst Training, dann Schlossbesichtigung. Der Direktor ließ sich mit seinem Circus Mondeo auf das Experiment ein. Und die Resonanz war derart groß, dass gemeinsam mit dem Bezirk der Plan eines festen Standortes entwickelt wurde. Heute ist Mondeo lediglich in den Ferien ein paar Wochen auf Tour. »Um den Akku ein bisschen aufzuladen«, sagt Richter. Den Rest des Jahres betreibt das Team in derselben Besetzung, allerdings unter anderer Flagge, den Erlebniscircus in Britz. In dessen Manege lernen Kinder verschiedener Herkunft und Altersstufen nicht nur, wie man Zirkus macht, sondern vor allem eines: dass der andere gar nicht so anders ist als man selbst. »Respekt ist bei uns die oberste Regel«, erklärt der Direktor. »Anfangs gab es Lehrer, die wegen des Aufeinandertreffens von Christen, Moslems und Juden Bedenken hatten. Aber wir unterscheiden hier nicht nach Glaubensrichtungen, für uns sind es in erster Linie Kinder. Und die sind für uns alle gleich.«

In Gruppen proben die Kleinen fünf Tage lang ihre Kunststücke, die gemeinsame Vorführung am Ende der Woche als großes Ziel vor Augen. Wenn sie Glück haben, sitzen dann ihre stolzen Eltern im Publikum. Doch vorher muss manche Hürde genommen werden. Viele Schüler haben motorische Schwierigkeiten. Der Klassiker: Sie können nicht auf einem Bein stehen. Im Alltag kommt man gewöhnlich ohne diese Fähigkeit zurecht, wer allerdings bei der Fakirnummer mit nackten Sohlen über Scherben laufen will, muss auf einem Fuß balancieren und mit dem anderen das Glas abstreifen können. Da heißt es üben. Immerhin sind die Scherben echt und bei der Trapezdarbietung gibt es kein Fangseil. Das gehört zum Programm, selbst wenn es Eltern und Erziehern zuweilen den Atem stocken lässt. Doch Unfälle musste der Erlebniscircus nie beklagen. Das mag auch daran liegen, dass die Möglichkeiten jedes Einzelnen im Vorfeld sorgfältig geprüft werden. Denn neben dem Miteinander soll das Selbstbewusstsein gestärkt werden, sind doch für zahlreiche Schüler Erfolgserlebnisse im Alltag rar. Die Grundregel für die Betreuer in der Manege lautet daher: »Ich muss das Kind dahin bringen, etwas zu tun, wofür ich es loben kann.« Dafür muss sich das Team in die Jungartisten hineinfühlen.

Voll konzentriert üben die Kinder imErlebniscircusihre Kunststücke