Stadtgespräche aus München - Miriam Antretter - ebook

Stadtgespräche aus München ebook

Miriam Antretter

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Opis

Möchten Sie wissen, wie viel Hochspannung Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl bei einer Sonderermittlung im Deutschen Museum verkraftet? Interessiert Sie, warum der Journalist Michael Ruhland auf der Flaucher-Kiesbank Schokolade ins Feuer wirft? Sind Sie neugierig, was Uschi Obermaier dem Friedensengel über den Busen der Revolution verrät? Dieses Buch begleitet Münchner zu ihren persönlichen Orten und erzählt ihre Geschichten. Ein außergewöhnliches Stadtporträt, das einlädt, München neu zu entdecken!

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Stadtgespräche aus

München

Miriam Antretter

Fotos: Uta Künkler

Impressum

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© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon075 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat / Redaktion:Ricarda Dück

Satz / Umschlaggestaltung:Alexander Somogyi

Kartendesign: Kim-Anna Bucher

E-Book: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-4410-4

Inhaltsverzeichnis

Impressum

»Wer ko, der ko«

1  Rundherum in seiner Stadt

Ali Mitgutsch stöbert auf den Schwabinger Hofflohmärkten

2  Alle Tassen im Schrank

König Ludwig II. hält Audienz im ›servus.heimat‹-Laden

3  Der Zeitgeistliche

Pfarrer Rainer Maria Schießler motiviert in St. Maximilian

4  Ein Löwe mit Mähnenrobben

Helmut Kern umsorgt sein Rudel im Tierpark Hellabrunn

5  Der Wiesn-Wirt und die ›Liberalitas Bavariae‹

Georg Heide prostet seinen Gästen im ›Bräurosl‹-Festzelt zu

6  Das Kreuz mit des Kindls Kutte

Ina Bergmann macht am Unteren Anger Stadthistorie lebendig

7  Heimspiel

Philipp Lahm kickt in der Allianz Arena

8  ›Biss‹ dass der Tod Euch scheidet

Dirk Schuchardt verkauft Zeitungen in den ›Stachus Passagen‹

9  Heimatsuche in Prosa

Lena Christ schenkt einer Straße ihren Namen

10  Den Nunner kennst du nicht

Udo Wachtveitl ermittelt verdeckt im Deutschen Museum

11  Wo der Winterzahnstocher wohnt

Karl Valentin begleitet Sabine Rinberger durchs Isartor

12  Die fesche Lola

Lola Montez tanzt in der Menterschwaige

13  Wildlife

Uschi Obermaier ratscht mit dem Friedensengel

14  Was Männern Spaß macht

›Playboy‹-Chef Florian Boitin sinniert im Café Münchner Freiheit

15  Die 23-Stunden-Tante-Emma

Harald Guzahn steht im Kiosk an der Reichenbachbrücke

16  Gestatten: Kabarettist, verbeamtet

Hans Klaffl unterrichtet auf der Bühne im Schlachthof

17  Miss Schneizlreuth

Bally Prell verschönert die Leopoldstraße

18  Der Eisenmann

Faris Al-Sultan stählt sich in der Olympia-Schwimmhalle

19  Allein unter Männern

Anne Eichberg bleibt der Technischen Universität München treu

20  Der Drei-Millionen-Deal

Alexander Heim-Kiechle vom St.-Anna-Platz findet Nischen

21  Eulenspiegeleien

Till Hofmann vom ›Münchner Lustspielhaus‹ setzt auf Humor

22  Topfgeschichten aus der Kalbstadt

Alfons Schuhbeck würzt mit Fingerspitzengefühl am Platzl

23  Des roten Hundes bunte Wirtin

Kathi Kobus duzt die Schwabinger Bohème in der Türkenstraße

24  Feuer und Flamme für die Isar

Buchautor Michael Ruhland trifft Indianer am Flaucher

25  Hereinspaziert

Christel Sembach-Krone lebt ihren Traum in der Marsstraße

26  Der andere Franz Beckenbauer

Wolfgang Winklmayr hat Fans im ›Biergarten Viktualienmarkt‹

27  Fuck the Backmischung

Armin Stegbauer vom Café ›Das neue Kubitscheck‹ mag es süß

28  Der Sexappeal des Schäbigen

Christian Schnurer formt die Ateliergemeinschaft ›Halle6‹

29  Schabernack

Pumuckl reimt in der Wirtschaft ›Königlichen Hirschgarten‹

30  Der Weltenbauer

Helmut Glassmann durchschaut Kulissen am Bavariafilmplatz

31  Der Plural vom Knödel

Bei Florian Oberndorfer im ›Wirtshaus in der Au‹ läuft’s rund

32  Ich geb sehr acht auf mich

Franz Marc schmückt die ›Städtische Galerie im Lenbachhaus‹

33  Kinder halten jung

Schwester Monika vom Klinikum Dritter Orden hat viele Babys

34  Bühne, Beichte, Boandlkramer

Christian Stückl sieht am ›Münchner Volkstheater‹ gen Himmel

35  Der Dult-Schandi

Kurt Obermeier macht den Mariahilfplatz sicher

36  Das afrikanische Dirndl

Rahmée Wetterich vom Modelabel ›Noh Nee‹ mischt Traditionen

37  Kloakenweißheit

Jäger Wolfgang Schreyer lässt Federn am Klärwerk München I

38  Die Sportfreunde beim Thekendienst

Rüdiger Linhof spült und spielt im ›Atomic Café‹

39  Die Nacht ist wieder zum Schlafen da

Gerti Guhl schließt die ›Fraunhofer Schoppenstube‹

Karte

Bildverzeichnis

Quellenverzeichnis

»Wer ko, der ko«

1  Rundherum in seiner Stadt

Ali Mitgutsch stöbert auf den Schwabinger Hof flohmärkten

1  Rundherum in seiner Stadt

Ali Mitgutsch stöbert auf den Schwabinger Hofflohmärkten

Ich sehe etwas, was du nicht siehst, und das ist ein Mann mit schlohweißem Bart, blauen Augen, einer afrikanischen Kappe und einem Lausbubenlächeln im Gesicht. Das Gewusel hat ihn verschluckt: Auf den Schwabinger Hofflohmärkten herrscht geschäftiges Treiben, fast wie auf den bunten Seiten eines Wimmelbuchs. Tisch an Tisch bieten die Anwohner Dachbodenramsch neben Antiquitäten an. Man feilscht um einarmige Schaufensterpuppen, alte Silberlöffel und so gut wie neue Eishockeyschläger. Ein Bub mit roten Wangen sucht etwas ganz Spezielles: Bis zu den Ellenbogen steckt er in einer Altpapiertonne. Eine Skizze auf Butterbrotpapier hofft er zu finden. Eine mit vielen kleinen Gestalten darauf, die er später zu Hause ausmalen kann. Die Chancen stehen nicht schlecht: In der Nachbarschaft wohnt Ali Mitgutsch, der mit den Wimmelbüchern.

Vier Stockwerke über dem Flohmarkttreiben hat sich der Schwabinger Künstler gerade in seine Küche zurückgezogen und gießt kochendes Wasser in eine Teekanne. Auf seiner Tasse tummeln sich pausbäckige Kinder, wie er sie in den 60er-Jahren erstmals auf große Kinderbuchseiten gemalt hat. Bunt, quirlig und humorvoll erzählen seine Bilder Alltagsszenen aus der Stadt, vom Land oder dem Leben auf einer Pirateninsel. »Es ist ein Mordsarbeit, die ganzen Details zusammenzutragen«, versichert Ali Mitgutsch, der eigentlich Alfons heißt. »Aber ich finde, jedes Mal, wenn man in ein Buch hineinschaut, soll man etwas Neues entdecken können.« Der Schwabinger, der seine Eltern so sehr an den Räuberhauptmann von Ali Baba aus ›Tausendundeiner Nacht‹ erinnerte, dass er bisheuteeinen morgenländischen Spitznamen trägt, lächelt vergnügt. »So sind meine Wimmelbücher entstanden.«

Pädagogen hielten nichts von Mitgutschs Illustrationen. Sie seien verwirrend, könnten maximal als Beispiel dafür gelten, wie Kinder­bilderbücher eben nicht auszusehen hätten. Dem Künstler war es einerlei. Sein Antrieb: die Anerkennung der Zielgruppe. Die strafte mit ihrer Begeisterung alle Experten Lügen. Der Erfolg regte die Konkurrenz an und löste eine regelrechte Wimmelwelle aus. »Es gibt jetzt sogar einen eigenen Wimmelbuch-Verlag.« Der Endsiebziger nimmt einen Schluck aus der Tasse und begutachtet schmunzelnd die Figuren darauf. »Solange sich meine Sachen noch besser verkaufen als die der Nachahmer, muss ich mir keine Sorgen machen.« Über 100 Bücher hat er gemalt, mehr als vier Millionen davon verkauft. Schon sein erstes Wimmelbuch wurde 1969 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Bis heute steht ›Rundherum in meiner Stadt‹ in fast jeder Kinderbibliothek.

Ali Mitgutschs Stadt ist München. Hier lebt und arbeitet er. Der Englische Garten diente ihm 2010 als Vorlage für den Park in seinem Jahreszeitenbuch, doch Inspiration holt er sich überall. »Ich bin gern an belebten Orten. Ich liebe Menschen. Eben war ich auf dem Markt«, sagt er und schaut aus dem Fenster hinunter auf das Flohmarkt­treiben. Wenn es vor seiner Tür mal nichts zu sehen gibt, steigt er in dieU-Bahn, fährt rundherum in seiner Stadt von Endstation zu Endstation und beobachtet, wer zusteigt. Auch weite Strecken liegen ihm: Seine Altbauwohnung ist voll von afrikanischer Kunst und anderen Reiseandenken. »Ich habe über die Jahre einiges zusammengetragen«, sagt er und meint auch die Dinge in seinem Kopf. »In meinen Büchern steckt viel von mir.«

Die Welt mit Kinderaugen zu sehen, ist für den Vater von drei Kindern und mehrfachen Opa kein Problem. »Noch heute, als alter Mann, habe ich eine genaue Erinnerung an meine Vorstellungen, Träume und Wünsche aus der Jugend. Vielleicht, weil viele davon nicht in Erfüllung gingen.« Wenn er von früher erzählt, werden die blauen Augen melancholisch und das Lächeln unter dem Bart schrumpft. »Ich hatte eine beschissene Kindheit«, sagt der berühmte Kinderbuchillustrator und spricht vom Krieg, der Evakuierung seiner Familie ins Allgäu, dem Dorfschullehrer, der ihn, das Stadtkind, schikanierte. »Das war ein richtiger Sadist. Damals wurde in den Pausen viel Brot gegessen, das gab Blähungen. Sobald in der Klasse ein Wind wehte, sprang einer auf und beschuldigte mich. Daraus entstand ein Spiel. Jedes Mal, wenn es streng roch, meldete sich der Übelriecher und sagte: ›Herr Lehrer, der Mitgutsch stinkt schon wieder.‹ Der hat mich dann gemeinsam mit meinen Mitschülern ausgelacht. Ich erinnere mich genau an ihn, das war so ein dünner Kasperl.« Stumm nippt der Künstler an seinem Tee. Als er aufschaut, hat er sein Lausbubengrinsen wiedergefunden. »In meinen Büchern gibt es solche Typen. Meist passiert ihnen grad was Blödes.«

Geschichten ohne Happy End konnte Mitgutsch noch nie leiden. Die Heiligenlegenden, die seine Mutter erzählte, gingen immer schlecht aus. »Das hat uns Kindern gar nicht gefallen.« Genauso wenig wie die Wallfahrten, zu denen sie ihn und die Geschwister gerne mitnahm. »Es war entweder saukalt oder heiß und staubig, Limo gab es nicht, nur Wasser vom Brunnen. Aber wenn wir sie begleiteten, bekamen wir 20 Pfennig zum sinnlosen Verprassen.« Während der langen Wanderungen auf staubigen Pilgerpfaden gelang es ihm, die Qualen der Märtyrer in den Erzählungen seiner Mutter zu mildern: »Irgendwann fanden wir heraus, dass sie den Tod in einen Scheintod abschwächte, wenn wir sie nur lange genug bedrängten«, erzählt er und lacht dabei spitzbübisch. Bis heute bemüht er sich um kindgerechte Lösungen. In seinen Büchern wird niemandem übel mitgespielt, humorvoll werden Bösewichte durch Missgeschicke abgestraft. Außenseiter gibt es nicht. Mit heiler Welt habe das nichts zu tun, sondern mit heilbarer, meint der Künstler.

Über 100 Bücher hat Ali Mutgutsch illustriert. Seine Spezialität: Wimmelbilder.

Seine eigenen Probleme hat er mit Fantasie bewältigt. »Nachdem ich in der Dorfschule keine Freunde fand, hab ich mir welche ausgedacht. Einen kleinen Schlauen mit spitzer Nase, der nie um eine Ausrede verlegen war, und einen richtig starken Brummer, der mir beistand. Mit ihnen baute ich Baumlager und erlebte Abenteuer.« Nach Kriegsende wieder zurück in München, verabschiedete er die imaginären Spezl, nicht aber den Einfallsreichtum, der sie hervorgebracht hatte. Was sich bereits auf den Pilgerfahrten mit der Mutter abzeichnete, sollte sich in seinem künstlerischen Werk fortsetzen: sein glückliches Händchen für fröhliche Geschichten und seine Liebe zum Detail, die vielleicht mit Dioramen vor den Wallfahrtskirchen begann, in die er als Bub sein ganzes Taschengeld investierte. Noch heute bekommt er leuchtende Augen, wenn er davon erzählt: »Das waren kleine Schaukästen. Man warf eine Münze in den Schlitz und – klick, ging das Licht an. Oben im Turm läutete ein Engel die Glocken, aus dem Altar rutschte wie auf Schienen das Christkind heraus und segnete den Betrachter. Dann läuteten die Glocken wieder, ratsch, ratsch, rutschte das Jesulein in den Tabernakel zurück. Es gab auch Dioramen mit weltlichen Motiven: Berglandschaften mit weidenden Kühen und Bergsteigern, die erst an einem Seil auf den Gipfel kletterten um dann wieder herunterzufallen. Das hätte ich mir stundenlang anschauen können!«

Jenseits bunter Wimmelbilder: Surreale Kompositionen aus Flohmarktschnäppchen zeigt Mitgutsch in seinen Ausstellungen für Erwachsene

Guckkästen, in die man lange hineinsehen kann, zeigt Mitgutsch heute in seinen Ausstellungen für Erwachsene. Einige der kleinen, schubladenartigen Objekte mit bunt gestrichenen Rahmen säumen den Gang seiner Wohnung. Darin zu sehen: surreale Arrangements aus Flohmarktutensilien: geklöppelte Spitzendeckchen, kaputte Puppen, Knöpfe. »Alles Dinge, die schon ein Leben hinter sich haben«, erklärt der Künstler. Seine ›Hineingucker‹ begleiten ihn auf dem Weg in sein Atelier. Das ist sehr aufgeräumt, nur ein paar Stifte liegen lose herum. Auch das Gewimmel in seinen Büchern habe eine Ordnung, verrät Mitgutsch, während er eine Mappe mit Skizzen hervorholt. »Bei allem Detailreichtum muss es übersichtlich bleiben. Ich sammle meine Eindrücke, dann male ich einzelne Szenen mit Bleistift auf Transparentpapier. Die schiebe ich in der Landschaft herum, bis sie so sitzen, wie ich sie haben will.« Technik dampft er optisch ein, Autos werden pummeliger, Handys oder andere digitale Medien gibt es gar nicht. Man muss nicht in allem up to date sein, findet der Endsiebziger. Seine Bilder funktionieren über Humor. Der hat sich in seinen Augen nicht verändert. »Situationskomik ist die Gleiche geblieben. Es ist und bleibt lustig, wenn ein Fiesling auf einer Bananenschale ausrutscht.« Wie die Figuren in seinen Büchern ist auch Mitgutsch selbst schlecht darin, die Füße still zu halten. »Meine Gedanken sind fast immer unterwegs«, sagt er. Dann stellt er die Teetasse beiseite, holt seine Jacke und bricht auf zu einer weiteren Runde über die Schwabinger Hofflohmärkte rundherum in seinem Viertel.

Schwabinger Hofflohmärkte

Seidlvillavereine.V.

Nikolaiplatz1b

80802 München

www.hofflohmarkt-schwabing.de

2  Alle Tassen im Schrank

König Ludwig II. hält Audienz im ›servus.heimat‹-Laden

2  Alle Tassen im Schrank

König Ludwig II. hält Audienz im ›servus.heimat‹-Laden

Der König ist tot, es lebe der Kini? Seit bald 130 Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler, Künstler und Heimatpfleger intensiv mit den Mythen, die sich um Bayerns Bilderbuchkönig ranken. Allein, was bleibt? Gibt es für den Märchenmonarch ein Leben nach dem Tod? Zeit für eine Bestandsaufnahme, heute wird Inventur gemacht. Mit entrücktem Blick unter der dandyhaften schwarzen Locke blickt der Kini hinab auf das, was den Münchnern des 21. Jahrhunderts von ihm geblieben ist. Offenbar gefällt ihm, was er sieht, denn die Falten um seinen Mund kräuseln sich und lassen ein verträumtes Lächeln erahnen …

An Hommagen mangelt es Ludwig II. von Bayern jedenfalls nicht: Interpretationen seiner Biografie flimmern regelmäßig über die Kinoleinwände, ›Ludwig‹ in all seinen Varianten steht weit oben auf der Liste der beliebtesten bayerischen Vornamen, sogar ein dunkles Bier heißt wie er. Denkmäler von Weltruf hat sich der Wittelsbacher selbst gesetzt. Millionen Touristen genauso wie Einheimische wandeln jährlich durch seine Gemächer in Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof auf den Spuren von Kultur und Kitsch. Über fehlende Anhänger kann er sich auch nicht beklagen: 65 aktive König-Ludwig-Vereine sind dem Landesverband der ›Königstreuen‹ in Bayern angeschlossen. Sogar einen Geheimbund gibt’s: Was der MI6 für die Queen in England ist, sind die ›Guglmänner‹ für den Kini. »Es war Mord«, beteuern die schwarz verhüllten Kapuzengestalten beharrlich und verweisen bei jeder Gelegenheit mit spektakulären Aktionen auf das mysteriöse Ableben des Märchenkönigs. Am 13. Juni 1886 kam Ludwig II. zusammen mit seinem Arzt Dr. Bernhard von Gudden im Starnberger See um. Wie, weiß keiner genau. Als gesichert kann dagegen gelten: Jedes Mal, wenn sich das tragische Ereignis jährt, versammeln sich die Nachfahren seiner Untertanen an der Unglücksstelle, um feierlich ihres ewigen Kini zu gedenken. Dass der kurz vor seinem Tod für geisteskrank erklärt worden war, tut der Verehrung keinen Abbruch. Möglich, dass man unter dem weiß-blauen Himmel besonders diejenigen Staatsmänner schätzt, die nichts mehr sagen können. Die Basis dafür: ein gewisser Grundanarchismus sowie ein gesundes Leck-mich-am-Arsch-Gefühl. Beides ist historisch gewachsen, von Politikverdrossenheit hätte Ludwig II. vermutlich ein Lied singen können. Lieber als in der Münchner Residenz die Geschicke der Bayern zu lenken, soll er sich – verlässlichen Quellen wie den Regisseuren und Künstlern Helmut Käutner, Hans-Jürgen Syberberg, Luchino Visconti und Georg Ringsgwandl zufolge – in seine Fantasie oder auf seine Schlösser außerhalb der Stadt zurückgezogen haben. Dass er dort gern die Nacht zum Tag machte, sein Frühstück am liebsten spätabends genoss, ist in den Memoiren seines Leibkochs Theodor Hierneis dokumentiert. Sein unangepasster Lebensstil findet bis heute viele Bewunderer.

Krönung für den Christbaum bei ›servus.heimat‹: so schillernd wie das Original

Obwohl der Kini der Stadt gern den Rücken kehrte, verdankt ihm München viel: Der Wissenschaft ebenso wie den schönen Künsten zugetan, gründete er die Vorgängerinstitution der TU, rettete das Gärtnerplatztheater vor dem Bankrott und hätte es fast geschafft, dass die Semper Oper an der Isar und nicht bei den Preußen gebaut worden wäre. In städtebaulicher Hinsicht hatte sein Großvater die Messlatte allerdings bereits hoch gelegt. Den klassizistischen Prunk der Ludwigstraße konnte der Enkel Downtown schwer überbieten, so setzte er stattdessen bei seinen Schlössern im Umland auf Rokoko und Mittelalter-Chic. Über Ästhetik lässt sich streiten, darüber dass der Kini einen Hang zu Pomp hatte, sind sich die Quellen aber einig. Um alle anderen Bereiche seines 41-jährigen Lebens ranken sich ebenso viele Mythen wie um seinen Tod. Ein Verhältnis mit seiner Cousine Elisabeth in Bayern, der Sisi, soll er gehabt haben. Alternativ ist eine homoerotische Liaison mit Richard Wagner im Angebot. Menschenscheu, schwul, größenwahnsinnig, am Ende gar schizoid? Dem Münchner des 21. Jahrhunderts stellt sich eine andere Frage: Wo ist der Bus? Der, mit den Leuten drin, die das interessiert? Vermutlich auf dem Parkplatz unterhalb von Schloss Neuschwanstein, voll mit Touristen aus aller Welt. Dem Einheimischen ist jedenfalls sonnenklar: Nachtlicht oder Tagträumer, verrückt oder verliebt, ermordet oder ersoffen – Kini ist Kult …

Die Bestandsaufnahme neigt sich dem Ende. 30 verschiedene Ludwig-II.-Artikel hat die Verkäuferin des ›servus.heimat‹-Ladens im Stadtmuseum in der Zwischenzeit gezählt. Eben sortiert sie die Kini-Kaffeebecher ins oberste Regalfach des ›Münchner Fachgeschäfts für Heimatliebe und Herzlichkeiten‹, gleich neben die Königsbüsten-Christbaumkugeln. ›Alle Tassen im Schrank‹, vermerkt sie auf der Liste. Dann rückt sie die Plätzchenausstecher in der Form von Schloss Neuschwanstein zurecht und steigt von der Leiter. Zurück hinter der Kasse streicht sie ihr T-Shirt glatt und die Sorgenfalten, die sich während der Inventur kurzzeitig auf der Stirn Ludwigs II. gekräuselt hatten, verschwinden aus seinem Gesicht: Über jeden Zweifel erhaben lächelt sein Konterfei auf dem kultigen Textil.

servus.heimat

im Münchner Stadtmuseum

St.-Jakobs-Platz 1

80331 München

www.servusheimat.com

3  Der Zeitgeistliche

Pfarrer Rainer Maria Schießler motiviert in St. Maximilian

3  Der Zeitgeistliche

Pfarrer Rainer Maria Schießler motiviert in St. Maximilian

»Damals im Grünwalder Sechz’gerstadion, 1991, als mit der Mannschaft von Karsten Wettberg der Aufstieg in die Bundesliga klar war, das war für mich der Himmel auf Erden«, schwärmt Rainer Maria Schießler. Der katholische Geistliche sitzt in seinem Büro vis à vis seiner Kirche St. Maximilian in der Deutingerstraße und tackert Pfarrbriefe zusammen. An der Wand hinter ihm hängt ein Trikot vom TSV 1860 München mit Unterschriften von den Spielern. Daneben ein hölzernes Kruzifix, von Christus’ Füßen baumeln Medaillen der Münchner Faschingsgesellschaft ›Narrhalla‹. Auf die Schnelle hatte sich kein anderer Platz im Büro gefunden. Vor einem deckenhohen Bücherregal lehnt ein Klingelbeutel, in der Ecke ruht eine Marienstatue, davor steht ein leerer Trekkingrucksack. Den Raum zieren Fotos und Erinnerungen, auf einer Ablage reihen sich Einladungskarten und Todesanzeigen aneinander, irgendwo liegen Hammer und Gartenschere, weitere Kruzifixe, Teetassen, Teddybären, Wiesn-Herzen. An der Lampe schaukelt ein vertrocknetes Lavendelsträußchen. Ordnung jedenfalls scheint für Pfarrer Schießler nicht wesentlich zu sein.

Von seinem Stuhl aus blickt der Priester in Hemd und Trachtenjopperl auf die Rückseite seiner Kirche, dahinter auf die Auen seiner innig geliebten Isar. »Normalerweise müssten wir Bayern unseren Himmel ja im ›Hacker‹-Zelt auf der Wiesn finden«, sinniert er. »Die restlichen 50 Wochen im Jahr vielleicht in einem gemütlichen Biergarten.« Der Geistliche, der über sich selbst von »90 Kilo geballter Männlichkeit« spricht, schmunzelt verschmitzt aus seinem runden Gesicht. Dann unterbricht er das Zusammenheften der Pfarrbriefe. Er wird ernst. »Im Grunde genommen ist es doch so: Dort, wo der eine für den anderen da ist, da ist der Himmel auf Erden.«

Sein Handy klingelt: ›Sweet Home Alabama‹. »Ich muss mir mal den Klingelton herunterladen, wo Gerhard Polt drauflosschimpft«, sagt Schießler, bevor er sich meldet: »Hallo, hier ist der Pfarrer.« Kurz müsse er mal raus, fünf Minuten höchstens. ›München TV‹ will ein Interview mit ihm auf der Straße. Nach 20 Minuten ist er wieder da, schon wieder das Telefon am Ohr. Auf seinen drei Schreibtischen häufen sich Zeitungsartikel über Münchens ungewöhnlichsten Stadtpfarrer, einen der bekanntesten Kirchenmänner des Landes, die schillernde Figur der bayerischen Geistlichkeit.

Wenn man etwas zu sagen hat, muss man es auch tun, lautet Schießlers Devise, die längst nicht allen Kirchenoberen gefällt. Er polarisiert. Für viele ist er einer der besten und charismatischsten Gottesmänner der Republik, einer, der sich keinen Konventionen unterwirft. Er begeistert die Leute, ist so nah bei seinen Schäfchen, dass er der katholischen Kirche selbst in Zeiten von Skandalen und Krisen stabilen Zulauf beschert. Der Priester mit den dunklen Locken ist ein Medienstar, für seine Predigten erntet er Applaus, kein Gotteshaus in der Stadt ist sonntags voller als St. Maximilian. Schießler ist ein unentwegter, erfolgreicher Menschenfischer. Doch einigen anderen ist seine Auffassung von Kirche zu lebendig, zu bunt, zu wenig konservativ. Das Ordinariat hat den unbequemen Gratwanderer bereits ins Visier genommen. Kritiker des Mittfünfzigers wollen die Katholiken bewahren vor Faschingsfeiern vor dem Altar, Seelsorge für Schwule oder Atheisten, Viecherl-Messen und der Sprache des gebürtigen Münchners.

Schießler nimmt öffentlich Ausdrücke in den Mund, für die kleine Kinder strafende Blicke und erhobene Zeigefinger ernten. ›Brunzkachel‹ ist sein Lieblingsschimpfwort. »Seit ich Gerhard Polt gesehen habe, muss ich am Klo immer daran denken«, erzählt der Pfarrer und liefert zugleich die »Übersetzung für Nicht-Bayern«, wie er sagt, nämlich ›Bieslfliese‹. Überhaupt liebt er das Bairische. »Das ist das Großartige an unserem Dialekt: Ohne groß beleidigend zu sein, ist in einem Wort alles gesagt«, erklärt er in sanftem Münchnerisch.

Auf einem schmalen Grat zwischen Ordinariatstradition und lebendiger Kirche balanciert Pfarrer Schießler

Eben erst hat ein Verlag angefragt, er möchte Schießlers Biografie veröffentlichen. »Ein Buch über mich und das alles hier soll ich schreiben. Ich weiß ja ned, wen interessiert denn das?«, fragt er. »Obwohl, jetzt hab ich ja mehr Zeit, wo ich nicht mehr auf der Wiesn bin.« Sieben Jahre lang hat der Priester die Hälfte seines Urlaubs als Bedienung im ›Schottenhamel‹-Festzelt geackert und seinen Verdienst in ein Heim für Aidswaisen in Afrika gesteckt. Eine Scheibe mit der Aufschrift: ›von deinen Schottenhamel-Ministranten‹ prangt als Erinnerung von der Bürowand. Das Gebäude ist mittlerweile fertig, Schießler hat im Herbst 2012 mit der Oktoberfest-Kellnerei aufgehört, »obwohl es wehtat, weil schee war’s scho.« Aber er habe erreicht, was er wollte, seine Mission sei beendet, und irgendwann müsse man halt gehen. Was er mit der hinzugewonnenen Freizeit in den nächsten Jahren anstellen wird, weiß er noch nicht. »Vielleicht arbeite ich wieder irgendetwas. Aber auf jeden Fall bleib ich im Land.«

So richtig Urlaub macht er nicht, höchstens mal für ein paar Tage. »Ich bin ein echter Münchner, hinter der Allianz Arena geht’s bei mir los mit Schweißausbrüchen vor Heimweh«, erzählt der gebürtige Pasinger. »Das ist das Schönste für mich, dass ich nicht in der Fremde bleiben muss.« Ein wenig Sorgen bereite ihm der vom Aussterben bedrohte Urmünchner. »Alte gibt’s immer weniger in dieser Stadt und mit ihnen stirbt ein Lebensgefühl aus«, klagt der Geistliche. »Die junge Generation spricht ja ned amoi Bairisch.« Der »Stoderer« seiner Jugendzeit, das sei ein weltoffener und trotzdem nostalgischer Bürger mit Talent zur Gemütlichkeit gewesen, der das Bayerische großstädtisch gelebt habe.BlackyFuchsberger verkörpere diesen Typ und freilich die Vorabendserie ›Münchner Geschichten‹. »Mei, war des schee.« In der Ecke gegenüber der Marienstatue steht ein Fernseher mit Videorekorder samt stattlicher Kassettensammlung von ›Der Schuh des Manitu‹ bis ›Anschi und Karl-Heinz, ein himmlisches Team‹.